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Das Sündenbock-Phänomen

Seminararbeit 2000 24 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. DIE BEDEUTUNG DER SÜNDENBOCKJAGD
2.1 EXKURS: VORURTEILE

3. GRÜNDE FÜR DIE SÜNDENBOCKJAGD

4. DIE SÜNDENBOCKPRAKTIKER

5. DIE OPFER DER SÜNDENBOCKJAGD
5.1 WAHL DES SÜNDENBOCKES
5.2 REAKTIONEN DES OPFERS

6. ARTEN DER SÜNDENBOCKPRAKTIKEN

7. PRÄVENTIVE METHODEN

8. LITERATURVERZEICHNIS

"Sündenbockpraktiken sind der Krebs im sozialen Organismus.

Radikalkuren zu seiner Ausrottung sind äußerst notwendig,

aber genauso wichtig ist eine gesunde geistige Atmosphäre,

damit sich das Geschwür gar nicht erst festsetzen kann

(ALLPORT 1951, S.77) ."

1. EINLEITUNG

Der Ursprung des Ausdrucks "Sündenbock" liegt in einem alten Hebräischen Ritual. Einmal im Jahr wurde ein Ziegenbock ausgewählt, auf dessen Haupt symbolisch die Sünden und die Sorgen der Menschen abgeladen wurden. Anschließend wurde der Bock in die Wüste gejagt. Dadurch wurden die Menschen, zumindest eine Zeitlang, von ihren aufgestauten Versagens- und Schuldgefühlen erlöst.

Im Laufe der Geschichte und auch heute noch, ist eine menschliche Tendenz zu erkennen, anderen Personen oder Objekten, die Schuld für eigene Mißgeschicke oder Vergehen "aufzuladen". Besonders bei wirtschaftlichen Mißständen, "in schlechten Zeiten" o.ä., werden die Beweggründe einen Sündenbock zu suchen verstärkt und die Jagt auf Sündenböcke nimmt zu. Als geschichtliche Beispiele seien hier die Judenverfolgung in Deutschland, die Hexenjagd im Mittelalter oder die Verfolgung der "Neger" durch den Ku Klux Klan in Amerika genannt. Aktuelle Beispiele sind die Überfälle und Ermordungen von Obdachlosen und Asylanten durch Skinheads in den neuen Bundesländern.

Gewöhnlich sind die Opfer Angehörige einer Minderheitengruppe, die unterschiedliche ethnische, religiöse, kulturelle o.a. Merkmale gegenüber der Mehrheitengruppe aufweisen.

Im folgenden möchte ich das Phänomen der Sündenbockjagd näher erläutern. Dabei beziehe ich mich in erster Linie auf das 1951 erschienene Werk "Treibjagd auf Sündenböcke" von GORDON W. ALLPORT.

Einführend werde ich erläutern, welche Bedeutung die Jagt auf Sündenböcke hat. Im gleichen Abschnitt mache einen Exkurs über Vorurteile, da diesen im Zusammenhang mit der Sündenbockjagd eine wichtige Rolle zukommt. Anschließend werde ich mich mit den Ursachen für Sündenbockpraktiken befassen. Es folgt eine Beschreibung verschiedenen Typen von Sündenbockpraktikern und ihrer Opfer, den Sündenböcken. Danach stelle ich unterschiedliche Formen der Sündenbockpraktiken vor. Abschließend befasse ich mich mit Möglichkeiten zur Bekämpfung dieser Praktiken.

2. DIE BEDEUTUNG DER SÜNDENBOCKJAGT

Wann und wo auch immer Sündenböcke gesucht werden verdient die betroffene Person diese Strafe oder Maßregelung, zumindest in so schwerer Form, nicht. ALLPORT definiert das Suchen nach einem Sündenbock folgendermaßen: "Eine Erscheinung, bei der einige der angriffslustigen Energien einer Person oder einer Gruppe sich auf ein anderes Einzelwesen, eine andere Gruppe oder ein anderes Objekt konzentrieren, wobei die Stärke des Angriffs und des Vorwurfes entweder teilweise oder gänzlich ungerechtfertigt ist (ALLPORT 1951, S.13) ."

Auf einer Skala sozialer Beziehungen würde die Form der Sündenbockpraktik auf der entgegengesetzten Seite zu der einer Zusammenarbeit zwischen Gruppen / Personen liegen (vgl. Abb.1). Damit befindet sie sich am ungünstigsten Ende der Skala, in bezug auf freundschaftliches Verhalten.

Abb.1: Skala der sozialen Beziehungen zwischen menschlichen Gruppen (nach: ALLPORT 1951, S.6)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Angefangen bei der Parteilichkeit, werde ich die Stufen unfreundlichen oder feindlichen Verhaltens in sozialen Beziehungen näher erläutern.

Nach ALLPORT ist die Parteilichkeit "die simple Bevorzugung, die ein Mensch einer Kultur, einer Hautfarbe, einer Sprache angedeihen läßt, die gegensätzlich zu einer anderen ist (ebd., S.14) ." Dabei handelt es sich um die gängigste und schonendste Form eine Gruppe auszuschließen. Das jeder Mensch einmal parteiisch sein kann, ist unausbleiblich und natürlich, weil jeder das Recht auf eine eigene Meinung hat.

Wenn die Parteilichkeit allerdings in vorschnelle Urteile ausartet oder übertrieben wird, kommt es schnell zu Vorurteilen, dem nächsten Schritt auf der Skala. Vorurteile sind sozusagen eine Verurteilung im Voraus. Ein Mensch mit Vorurteilen gibt sich Gegenargumenten oder auch Tatsachen gegenüber völlig verschlossen. Solange die Person das Vorurteil für sich behält, wird kein sozialer Schaden angerichtet. "Es verdummt lediglich das Gehirn desjenigen Menschen, der davon befallen ist (ebd., S.15) ."

Der folgende Schritt auf der Skala ist die Diskriminierung. Er ist dann erreicht, wenn ein Vorurteil irgendwie zum Ausdruck gebracht wird. Dies geschieht in der Regel nicht aufgrund von Merkmalen einzelner Personen, sondern aufgrund eines Merkmals, welches diese Person als Mitglied einer schlechtgemachten Gruppe kennzeichnet. Diskriminierung ist, wenn Personen aufgrund eines Vorurteils oder weil sie das Merkmal einer bestimmten Gruppe tragen, gewaltsam und ungleich behandelt oder ausgeschlossen werden.

Mit der Jagt auf Sündenböcke ist die letzte Stufe der Skala erreicht. Hierbei finden Angriffshandlungen mit Worten oder rein physische Mißhandlungen der Person statt. Da vorwiegend Minderheitengruppen angegriffen werden, kann das Opfer meistens nicht zurückschlagen (vgl. ebd.).

2.1 EXKURS: VORURTEILE

Vorurteile können eine positive und eine negative Bewertungsdimension beinhalten. Dabei handelt es sich um unlogische, durch Erfahrungen nicht ausreichend abgesicherte Verallgemeinerungen von großer zeitlicher Stabilität gegenüber Personen, Gruppen oder Objekten. ALLPORT (1971) führte zusätzlich eine Unterscheidung zwischen "Voraus-Urteilen", als ein vorläufiges Urteilen, und den eigentlichen Vorurteilen ein. Wenn sich die "Voraus-Urteile", trotz neuer Informationen und Erfahrungen, nicht mehr korrigieren lassen, wird von Vorurteilen gesprochen. "Vorurteile sind ihren Namen nach Beurteilungen oder Situationen die getroffen werden, bevor eine hinreichende Auseinander-setzung mit dem Objekt stattfand (KANNING 1999, S.216) ." Sie bestimmen unser alltägliches Verhalten, ohne daß wir uns dessen bewußt sind und erfüllen eine nützliche Aufgabe, wenn wir erwartungsgesteuert eine Handlung vollziehen, ohne zuvor alle Informationen über die aktuelle Sachlage zu haben. Wenn wir z.B. in einer fremden Stadt sind und Hunger haben, suchen wir einen Supermarkt auf, weil wir aufgrund von Erfahrungen das Vorurteil treffen können, daß es dort etwas Eßbares gibt. Vorurteile dieser Art helfen uns unser Leben zu strukturieren und in einer komplexen Welt zurechtzukommen.

Diese Vorgänge werden allgemein nicht als Vorurteile bezeichnet, sondern als Erwartungen. Der Begriff des Vorurteils ist eher für die abwertende Darstellung von Menschen und ganzen Gruppen von Personen vergeben. Konsequenzen die aus solchen negativen Vorurteilen resultieren, weil Personen aufgrund eines Vorurteils andere Menschen für minderwertig halten, sind Konflikte, Gewalt gegen Minderheiten, Fremdenfeindlichkeit usw.. (vgl. ebd.).

KANNING (1999) geht davon aus, daß Stereotype die kognitive Basis für soziale Vorurteile bilden. "Ein Stereotyp liegt vor, wenn man eine Reihe von Elementen zu einer Gruppe zusammenfaßt und jedem Element aus dieser Gruppe aufgrund der Gruppenzugehörigkeit gleiche Eigenschaften zuschreibt (BROWN, zitiert in: KANNING 1999, S.218) ." Der Begriff selber sagt noch nichts darüber aus, ob die Elemente positiv oder negativ bewertet werden. Von Bedeutung ist nur, daß alle zusammengehörigen Elemente in wichtigen Bereichen einheitlich erscheinen. Aufgrund der Mitgliedschaft zu einer Gruppe und deren Merkmale, lassen sich dann Aussagen über ein spezifisches Element treffen, ohne nähere Informationen über dieses eine Element erhalten zu haben. "...Die Stereotypisierung von Menschen (ist) nichts weiter, als der Spezialfall eines allgemeinen und überaus nützlichen, kognitiven Prozesses der Informationsverarbeitung (KANNING 1999, S.219) ."

Die Voraussetzung für eine Stereotypisierung von Menschen liegt in der Unterstreichung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener Personen (soziale Kategorisierung). Ausgangspunkt sind viele Menschen mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Merkmalen (vgl. Abb.2). Während der Kategorisierung rückt ein Merkmal in den Vordergrund (Bsp.: weiblich). Dieses Merkmal verfügt über die Eigenschaft, die Vielfältigkeit der sozialen Wirklichkeit zu reduzieren und zu ordnen. Aus einer Gruppe von zehn Individuen werden z.B. zwei Gruppen von Menschen, von der eine über ein bestimmtes Merkmal verfügt und die andere nicht (Bsp.: Frauen / Männer). Aber es werden nicht nur die Unterschiede der Gruppen hervorgehoben, sondern zugleich die Ähnlichkeiten der Menschen innerhalb einer Gruppe betont. Dies kann eine Überschätzung der Gemeinsamkeiten zur Folge haben (Bsp.: alle Männer mögen Fußball).

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Details

Seiten
24
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638154383
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8481
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Pädagogik
Note
keine Benotung (Scheinerwerb)
Schlagworte
Vorurteil Gordon Allport soziale Interaktion Stereotype Sündenbock

Autor

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