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Absturz der Mitte - Reale Bedrohung oder panisches Horrorszenario?

Hausarbeit 2007 26 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Ein Problem rückt in den Fokus

2. Was ist eigentlich «die Mitte»?

3. Empirische Basis: Größere Unsicherheit? Studien pro und contra

4. Wachsende Bedrohung und realer Abstieg? Empirische Evidenzen
4.1 Größe der Mittelschicht
4.2 Einkommen
4.3 Vermögen
4.4 Arbeitslosigkeit
4.5 Armutsrisiko
4.6 Zusammenfassung

5. Warum fühlt sich die Mitte bedroht? Erklärungsansätze

6. Fazit: Absturz – Panisches Horrorszenario oder reale Bedrohung?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Ein Problem rückt in den Fokus

Als der SPD-Vorsitzende Kurt Beck im vergangenen Oktober fast beiläufig in einem Interview mit der FAZ von einer «neuen Unterschicht» sprach, verhalf er damit der deutschen Ungleichheitsforschung mit einem Mal vom Gelehrtenzimmer ins Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Dabei brachte das mediale Dauerfeuer nicht nur dem Thema Unterschicht neue Popularität. Während die Debatte um die Unterschicht nach einiger Zeit abflachte, scheinen andere Themen weiter zu schwelen. Besonders die Mittelschicht rückt immer wieder in den Fokus der Medien, wie diese Liste von Veröffentlichungen in ausgewählten deutschen Medien ohne Anspruch auf Vollständigkeit zeigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auslöser der Aufregung sind verschiedene Studien, nach denen sich eine zunehmende Unsicherheit in der Mitte der Gesellschaft breit macht: In dem durch Beck berühmt gewordenen Foliensatz zur Studie «Gesellschaft im Reformprozess» der Friedrich-Ebert-Stiftung gaben 61 Prozent der Befragten an, für sie gäbe es keine gesellschaftliche Mitte mehr, sondern nur noch oben und unten.[2] In anderen Umfragen zeichneten sich Trends ab, wonach immer mehr Mittelschichtler Angst vor dem sozialen Abstieg äußerten.[3] Auf der anderen Seite argumentieren Kritiker, dass sich diese Absturzängste nicht anhand von sozioökonomischen Indikatoren plausibilisieren lassen.[4]

Doch so neu wie die plötzlich erhöhte mediale Aufmerksamkeit einem Glauben machen will, ist die Debatte nicht: Der Historiker Paul Nolte führt in einer im Frühjahr von der Herbert-Quandt-Stiftung herausgegebenen Studie zur Situation der Mittelschicht auf, dass sich das Problem «mit beeindruckender Konstanz durch die Geschichte der Selbstverständigung von Gesellschaften des westlichen Kulturkreises zieht.»[5] Denn die Frage nach der Situation der Mitte sei auch immer eine Debatte über die Deutungsmacht in der Gesellschaft.[6]

Das Anliegen dieser Arbeit ist es, der Frage nach dem Absturz der Mittelschicht anhand der aktuellen Debatte nachzugehen. Ist der Abstieg panisches Horrorszenario oder reale Bedrohung?

Dabei möchte ich problemorientiert vorgehen: Nach einer Definition des Untersuchungsgegenstandes (Was ist eigentlich die «Mitte»?) werde ich kurz auf die empirischen Grundlagen der Debatte eingehen (pro und contra einer neuen Unsicherheit). Danach möchte ich anhand sozioökonomischer Daten (Größe der Mittelschicht, Einkommen, Vermögen, Arbeitslosigkeit und Armutsrisiko) versuchen zu klären, in wie weit die Mittelschicht in den vergangenen zehn Jahren wirklich einer größeren «Bedrohung» ausgesetzt ist. Im Anschluss daran werde ich die im wissenschaftlichen Diskurs vorgestellten Erklärungsmodelle für das zunehmende Unsicherheitsgefühl vorstellen, bevor im Fazit die Ausgangsfrage wieder aufgegriffen werden soll.

2. Was ist eigentlich «die Mitte»?

Bevor wir näher auf die Ausgangsfrage nach einem möglichen Absturz der Mitte eingehen, muss zuvor ein anderes Problem geklärt werden: Gesellschaftliche Mitte, Mittelschicht – was ist das überhaupt?

In der wissenschaftlichen und publizistischen Debatte kann man oft den Eindruck gewinnen, der Begriff «Mittelschicht» bezeichne einen klar definierten Gegenstand mit eindeutigen Grenzen. In vielen Texten wird der Begriff verwendet, ohne expliziert definiert zu werden.[7]

Was also ist die Mittelschicht? Der Blick in verschiedene Soziologie-Lexika bringt keine Klarheit: Das Lexikon von Reinhold definiert die Mittelschicht als «Gruppe von Personen, die in der vertikalen Struktur oder Schichtung einer Gesellschaft sowohl bei Selbst- wie Fremdeinschätzung der Mitte zuzurechnen sind»[8], das Wörterbuch von Hillmann als «Teil einer Bevölkerung, dem nach seinem soz[ialen] Status, d.h. nach soz[ial]-stat[istischen] Daten, nach Selbst- und Fremdeinschätzung ein mittlerer Bereich in der vertikalen Struktur einer Ges[ellschaft] zuerkannt wird.»[9] An diesen Definitionen lässt sich erkennen, dass eine fundierte Debatte auf Basis eines solch schwammigen Gebildes schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist.

Angesichts der hier diskutierten Absturzthese sollten wir uns außerdem vor Augen halten, dass eine Wechselwirkung zwischen Klassifikation und Klassifizierten besteht. Eine gesellschaftliche Schichtung ist immer eine wissenschaftliche Konstruktion und als solche stets nur eine Annäherung, die versucht, mutmaßlich reale Unterschiede durch verschiedene Operationalisierungen[10] zu abstrahieren. Die Konstruktionen der Wissenschaft wirken allerdings auf die so Klassifizierten zurück und schaffen damit ein Klassenbewusstsein. In einer Definition einer gesellschaftlichen Schicht steckt demzufolge immer ein großer Anteil politischer und ideologischer Implikationen, die nicht unterschätzt werden sollten.

Als Definition für diese Arbeit werde ich weitestgehend dem Vorschlag von Nolte[11] folgen. Nolte definiert die Mittelschicht anhand eines Idealtypus, der sechs Merkmale aufweist, von denen ich fünf für die Definition dieser Arbeit verwenden möchte:

1) Mittleres bis gehobenes Einkommen

Darunter versteht Nolte Personen, die zwischen 100 und 200 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen. Nach Daten des sozioökonomischen Panels (SOEP) sind dies 2005 Haushalte mit einem Netto-Nominal-Einkommen zwischen 1416 und 2832 Euro im Monat.[12]

2) Höhere Bildungsqualifikation

Als höhere Bildungsqualifikation soll Abitur oder eine andere Form der Hochschulzugangsberechtigung gelten. Nicht zwingend ist heute ein Hochschulabschluss, auch wenn sich die Definition nach Noltes Ansicht zukünftig dorthin bewegen wird.

3) Hohes Sozialkapital und Fähigkeit dieses zu sammeln und zu managen

Darunter versteht Nolte ein stabiles und auch in Konfliktsituationen belastbares Netzwerk aus sozialen Beziehungen.

4) Selbstständige Lebensführung

Haushalte der Mittelschicht sollen in der Lage sein, langfristig ihr Leben ohne Unterstützung Dritter (besonders des Staates) führen zu können.

5) Explizite oder implizite Ausrichtung an bestimmtem Wertehorizont

Darunter versteht Nolte die Ausrichtung am Wertekanon, der im weitesten Sinne auf das Erbe der Bürgerlichkeit zurückzuführen ist. Dazu zählen u.a. Werte wie Disziplin und Arbeitsethik oder Respekt und Toleranz.

Als sechstes Merkmal definiert Nolte den Dienstleistungsberuf, um der zunehmenden Tertiarisierung der Wirtschaftsstruktur Rechnung zu tragen. Dieses Merkmal übernehme ich nicht, weil ich es für eine Engführung des Begriffes halte. Die so definierte Gruppe würde ich vielmehr als Untergruppe der Dienstleistungsmittelschicht bezeichnen.

Im Rahmen dieser Arbeit werde ich verschiedentlich auf Grenzen stoßen, an denen aufgrund unterschiedlicher Basisdaten diese Arbeitsdefinition modifiziert werden muss.

3. Empirische Basis: Größere Unsicherheit? Studien pro und contra

Im Mittelpunkt dieses Kapitels soll die empirische Grundlage der Diskussion stehen. Macht sich in der Mittelschicht eine größere Unsicherheit breit?

In der Studie «Gesellschaft im Reformprozess» der Friedrich-Ebert-Stiftung 2006 gaben 63 Prozent der Befragten an, ihnen machten die gesellschaftlichen Veränderungen Angst. 61 Prozent meinten, es gäbe keine gesellschaftliche Mitte mehr, sondern nur noch oben und unten, 59 Prozent äußerten, sie müssten sich finanziell einschränken und 49 Prozent fürchteten, ihren Lebensstandard nicht halten zu können.[13]

In der Langzeitstudie «Deutsche Zustände» des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer bestätigten 2005 rund 66 Prozent der Befragten aus der Mittelschicht ein «Gefühl der Ohnmacht», fast 10 Prozent mehr als drei Jahre zuvor. 50 Prozent äußerten eine «erhöhte Angst vor dem sozialen Abstieg», 43 Prozent negative Erwartungen der Zukunft und 40 Prozent große oder sehr große Angst vor Arbeitslosigkeit. Unter allen Befragten stimmten 77 Prozent der Aussage zu, dass «immer mehr Menschen an den Rand gedrängt» würden.[14]

Neben diesen Studien gibt es noch weitere mehr oder weniger wissenschaftlich fundierte Befragungen, die von großen Konzernen finanziert wurden: In der Zukunftsumfrage der Rechtsschutz-Versicherung ARAG wurden 2006 leitende Beamte und Angestellte als «bürgerliche Mitte» (Definition der Studie) befragt: Hier äußerten 77,9 Prozent der Befragten, sie machten sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder, 70,5 Prozent fürchteten sich vor Langzeitarbeitslosigkeit und 66,1 Prozent hatten Angst, dass das Einkommen zukünftig nicht mehr ausreicht.[15]

Nach einer Zukunftsumfrage der Stiftung für Zukunftsfragen der British-American-Tobacco Company Deutschland unter der Leitung von Horst Opaschowski ist der größte Zukunftswunsch der Deutschen, der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit. Das gaben 75 Prozent im Westen und 74 Prozent im Osten an.[16]

Gegen eine eklatante Ausbreitung der Angst in der Mittelschicht sprechen hingegen Daten des sozioökonomischen Panels (SOEP). Wie Wagner/Schupp/Groh-Samberg darlegen, ist die «aktuelle Lebenszufriedenheit» in der Mittelschicht zwischen 2000 und 2006 nur leicht gesunken. Der Mittelwert der Skala von 0 bis 10 ist im Osten von 6,6 auf 6,2 und im Westen von 7 auf 6,8 gesunken. Seit der Einführung dieses Index im Jahr 1984 seien insgesamt nur geringe Schwankungen der Lebenszufriedenheit aufgetreten. Insgesamt liege die Mittelschicht auch in der Lebenszufriedenheit in der Mitte zwischen einer zufriedeneren Oberschicht und einer unzufriedeneren Unterschicht.[17]

[...]


[1] nach dem Titel eines neu erschienen Buches der Journalisten Marcel Feige und Britta Stobbe, Verlag Schwarzkopf und Schwarzkopf, 2007

[2] vgl. Müller-Hilmer 2006

[3] vgl. Heitmeyer 2006

[4] vgl. Wagner/Schupp/Groh-Samberg 2007; Hanke 2007 u.a.

[5] Nolte/Hilpert 2007, S. 30

[6] vgl. ebd. S. 18f

[7] u.a. in Kadritzke 2007; Hank 2007; Flecker/Krenn 2004; Hanke 2006

[8] Reinhold 2000, S. 440f

[9] Hillmann 2000, S. 561f

[10] zu verschiedenen Operationalisierungen vgl. Peuckert in Schäfers 2003, S. 297

[11] Nolte 2007, S. 31f

[12] berechnet nach Datenreport 2006, S. 608

[13] Müller-Hilmer 2006

[14] vgl. Heitmeyer/Hüpping 2006

[15] vgl. ARAG AG 2007

[16] vgl. Opaschowski 2007

[17] Wagner/Schupp/Groh-Samberg 2007

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638011259
ISBN (Buch)
9783638915892
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84789
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Schlagworte
Absturz Mitte Reale Bedrohung Horrorszenario

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