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Kooperation und Kampf - Zwei Rezeptionen Darwins im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 22 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kropotkins „Gegenseitige Hilfe“

4. Vergleich der Theorien

5. Literatur

1. Einleitung

Es gibt wohl nur wenige Theorien, die so nachhaltig unser Bild der Natur und des Menschen beeinflußt haben wie Charles Darwins Ideen. Seine zwei Grundthesen, daß die Natur ebenso wie der Mensch nicht statisch sei, sondern eine geschichtliche Entwicklung durchlaufe, und daß eben diese Entwicklung bestimmt sei durch einen selektiven Kampf ums Dasein, stand in krassem Gegensatz zu den Lehren der Kirche, die zu seiner Zeit noch wesentlichen Einfluß auf die Weltanschauung der meisten Menschen ausübte. Und doch haben sich seine Gedanken gegen vielfache Widerstände weitgehend durchgesetzt.

Aber dieser Schein der Einmütigkeit trügt. Denn wenn sich auch zahlreiche Autoren auf Darwin berufen, so erstaunt doch, wie unterschiedlich die Schlüsse sind, die sie aus seinem Werk gezogen haben. Beispielhaft für diese Vielfalt werden in der vorliegenden Arbeit zwei Theorien vorgestellt und miteinander verglichen. Zunächst soll das Konzept der „Gegenseitigen Hilfe“ des Begründers des wissenschaftlichen Anarchismus, Peter Kropotkin, behandelt werden. Anschließend folgt eine Darstellung des Sozialdarwinismus. Dieser läßt sich aber nicht so ohne weiteres auf einen einzelnen Autor zurückführen, daher wird es unumgänglich sein, verschiedene Strömungen zu berücksichtigen. Da sich Kropotkins Konzept jedoch ausdrücklich auf die Ansichten des Darwinschülers Thomas Huxley bezieht bzw. sich von diesem abgrenzt, werde ich insbesondere dessen Standpunkt erläutern. Im Anschluß an die Darstellung werden jeweils einige kritische Punkte des entsprechenden Ansatzes erläutert. Neben aktuellen Forschungsdebatten werde ich gelegentlich auch auf die Kritik von Engels als einem Zeitgenossen Kropotkins und Huxleys hinweisen. Den Abschluß bildet dann ein Vergleich, der Gemeinsamkeiten und Differenzen noch einmal herausarbeitet.

Im Anhang findet sich ein alphabetisch geordnetes Literaturverzeichnis.

2. Kropotkins „Gegenseitige Hilfe“

Kropotkin geht davon aus, im Prinzip der gegenseitigen Hilfe den entscheidenden Schlüssel zum Verständnis der gesamten Evolution in der Tier- und Menschenwelt gefunden zu haben: „Die gegenseitige Hilfe ist in der Tat nicht nur die wirkungsvollste Waffe jeder tierischen Art im Kampf ums Dasein gegen die feindlichen Kräfte der Natur und andere Arten; sie ist auch das wichtigste Mittel einer fortschreitenden Entwicklung.“[1] Tatsächlich weist Kropotkin darauf hin, daß nicht er der erste war, der die Bedeutung der gegenseitigen Hilfe erkannt habe. Vielmehr hätten vor ihm schon der russische Zoologe Keßler und auch Goethe darauf hingewiesen. Allerdings hat er ihre bloßen Hypothesen systematisiert, mit umfangreichem empirischem Material belegt und vor allem deren Gültigkeit auf den Menschen ausgedehnt, denn auch in der menschlichen Geschichte zeigen sich in immer wieder neuen Formen eben dieses Prinzip.[2] Seine so umfassende Präsenz gründet sich auf seine Wirksamkeit: Im Verlauf vieler Generationen hat es sich als erfolgreich erwiesen, und so haben sich entsprechende Verhaltensweisen verfestigt. Kropotkin spricht in diesem Zusammenhang von einem „Instinkt“ oder dem „Solidaritäts- und Sozialtrieb“[3], der erblich sei.[4] Dieser Instinkt ist nicht mit Liebe oder Sympathie zu verwechseln, denn er trete auch zwischen Artgenossen auf, die sich gar nicht kennen; ebenso setzt er nicht notwendig voraus, daß die Tiere oder Menschen bewußt handeln.[5] In gewisser Weise vertritt er damit ähnliche Thesen wie Lamarck, indem er nämlich davon ausgeht, daß auch erlerntes Verhalten erblich sei.

Welche Vorteile ergeben sich aus diesem Verhaltensmuster konkret? Anhand zahlreicher Beispiele erläutert Kropotkin, daß Kooperation zu einem längeren Leben, mehr Nahrung und einer effizienteren Nutzung der Ressourcen führt. Insbesondere aber werden dadurch mehr Nachkommen erzeugt und die Entwicklung der Intelligenz gefördert.[6] Darüber hinaus hat die Geselligkeit – auch bei den Tieren – einen Selbstzweck im Sinne einer gesteigerten Lebensfreude.[7]

Aus der beeindruckenden Fülle an Beispielen, die Kropotkin zur Stützung seiner These anführt, seien nur einige wenige genannt. In insgesamt acht Kapiteln kommt dabei soziales Verhalten bei niederen und höheren Tieren sowie aus allen Stadien der menschlichen Geschichte bis heute (das heißt bis etwa 1890[8] ) zur Sprache. So schildert er die komplexe Kooperation und Arbeitsteilung in einem Ameisenstaat; insbesondere verweist er auf die Tatsache, daß Ameisen selbstverständlich ihre Nahrung gütlich teilen. Darüber hinaus ergebe sich ihre auch im Vergleich zu größeren Tieren erstaunliche Durchsetzungsfähigkeit aus der gut organisierten und umfassenden Zusammenarbeit.[9] An anderer Stelle kommen die großen Züge von Herden zur Sprache, etwa der Hirsche Sibiriens, die er selbst auf seinen Reisen beobachtet hatte. Ohne zentrale „Organisation“ gelingt es diesen, in Zeiten knapper Nahrung aus einem riesigen Gebiet zusammenzukommen, um gemeinsam Flüsse zu überqueren und in fruchtbarere Gegenden zu ziehen; ähnliches gilt auch für die saisonalen Vogelzüge.[10] In Bezug auf den Menschen widerspricht Kropotkin der Annahme, der Mensch habe in der Steinzeit in kleinen Familienverbünden gelebt, und alle, die dieser Gemeinschaft nicht angehörten, praktisch permanent bekriegt. Dabei verweist er ausdrücklich auf den „bellum omnium contra omnes“ des englischen Philosophen Thomas Hobbes, von dem er sich entschieden distanziert. Dessen These und denen, die ihr auch zu seiner eigenen Zeit noch zustimmten (also in erster Linie den Sozialdarwinisten) wirft er vor, einem wissenschaftlich unhaltbaren Vorurteil anzuhängen. So schreibt er: „Hobbes treu bleibend betrachtete die ganze Philosophie des 19. Jahrhunderts die Primitiven als eine Herde wilder Tiere, welche in kleinen, isolierten Familien lebten und sich gegenseitig um Nahrung und Weibchen bekämpften, bis eine wohlwollende Autorität sich etablierte, um ihnen den Frieden aufzuzwingen.“[11] Statt dessen sei die Familie historisch erst viel später entstanden und aus dem Clan oder Stamm hervorgegangen, der in einer Art urkommunistischer Gütergemeinschaft lebte und alles andere als kriegerisch gewesen sei.[12] Später dann habe sich bei den Germanen die Dorfmark entwickelt, die ebenfalls, angepaßt an die neue Stufe der Zivilisation, starke solidarische und demokratische Züge aufwies und dadurch den weiteren Fortschritt ermöglicht habe.[13] Erst als sich das Privateigentum an Produktionsmitteln etablierte, war es möglich, daß sich einzelne über das Kollektiv stellten und es ausbeuten und beherrschen konnten, denn „[...] die Macht folgte immer dem Reichtum.“[14] Das römische Recht und die Herausbildung einer spezialisierten Kriegerkaste trugen dazu bei, die neue Ungleichheit zu verfestigen.[15]

[...]


[1] Kropotkin, Peter: Der Anarchismus. Ursprung, Ideal und Philosophie. Wien, Grafenau 1993, S. 53.

[2] Kropotkin, Peter: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Frankfurt 2005, S. 266f.

[3] Kropotkin 2005, S. 17 bzw. 16.

[4] Kropotkin 2005, S. 19.

[5] Kropotkin 2005, S. 16f.

[6] Kropotkin 1993, S. 53.

[7] Korpotkin 2005, S. 51 und 66.

[8] Zunächst erschien seine Studie als Artikelfolge in der Zeitschrift „Nineteenth Century“ zwischen 1890 und 1896; als Buch erschien die Gegenseitige Hilfe erstmals 1902 auf Englisch unter dem Titel „Mutual Aid. A Factor of Evolution“.

[9] Kropotkin 2005, S. 32-35.

[10] Kropotkin 2005, S. 61 und 52.

[11] Kropotkin 1993, S. 54.

[12] Kropotkin 2005, S, 86-91.

[13] Kropotkin 2005, S. 120-141.

[14] Kropotkin 2005, S. 152.

[15] Kropotkin 2005, S. 156.

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638011150
ISBN (Buch)
9783638915755
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84674
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Kooperation Kampf Zwei Rezeptionen Vergleich Darwin Folgen Selbstverständnis Menschen Wissenschaft Philosophie Menschenbild Anarchismus Sozialdarwinismus Kropotkin Huxley wissenschaftlicher Anarchismus

Autor

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