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Herodot von Halikarnassos - Der 'Vater der Geschichtsschreibung'

Hausarbeit (Hauptseminar) 1998 32 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 HERODOTS LEBEN UND SEIN WERK
2.1 SEIN LEBEN: VOR 480 BIS VOR 425
2.1.1 Jugend und Herkunft
2.1.2 Samos und Athen
2.1.3 Die Reisen
2.1.4 Herodots Tod
2.2 SEIN WERK: DIE HISTORIEN
2.2.1 Aufbau und Inhalt
2.2.2 Konstituierende Teile der Historien

3 HERODOTS VORLÄUFER UND SEINE QUELLEN
3.1 DIE FRÜHEN HISTORIKER
3.2 HOMER
3.3 HEKATAIOS VON MILET
3.4 DIE QUELLEN

4 BEURTEILUNGEN DES WERKS

5 VERGLEICH ZWISCHEN HERODOTS GESCHICHTSSCHREIBUNG UND DER DES 20. JHDS..
5.1 HISTORISMUS ./. HERODOT
5.2 MENTALITÄTSGESCHICHTE ./. HERODOT
5.3 ORAL HISTORY ./. HERODOT

6 FAZIT

7 LITERATURVERZEICHNIS
7.1 QUELLEN
7.2 SEKUNDÄRLITERATUR

1 Einleitung

Die folgende Arbeit wird sich mit dem Leben und dem Werk Herodots auseinandersetzen.

Dabei ist das Ziel der Abhandlung die Erörterung der Frage, inwiefern der Geschichtsschreiber Herodot als ‘Vorläufer’ modernerer Geschichtsauffassungen zu sehen ist. Anders formuliert: Was findet sich in den unterschiedlichen Richtungen der Geschichtsschreibung des 20 Jhds. wieder, das auch bereits im 5. Jhd. vor Chr. berücksichtigt und benutzt wurde? Sind erkennbare Parallelen im Zeitraum von über 2300 Jahren vorhanden oder lassen sich nur Differenzen finden?

Es sei von vornherein festgehalten, daß es selbstverständlich Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen gibt. Denn auch wenn ein großer Zeitraum zwischen den zu untersuchenden Philosophien liegt, so darf es nicht verwundern, daß Herodot, der im allgemeinen als „pater historiae“1 gesehen wird, Gedanken in seine Geschichtsschreibung hat einfließen lassen, die dieser Tage als neue (wieder-) entdeckt werden.

Man sollte im Auge behalten, daß alle Theorien und widerstreitenden Ansichten im Grunde nur eines wollen: Geschichte schreiben, Geschichtsschreiber sein. Eine Entscheidung, ob die eine Auffassung besser sei als eine andere, nur weil sie dem antiken Geschichtsschreiber näher kommt, oder weil sie ihm gegenübersteht, wird in der Arbeit nicht fallen. Es soll lediglich abgeglichen werden, wobei sich nicht die Frage nach der Wertung stellt.

Die Auseinandersetzung mit Herodot selbst ist bereits ein schwieriges Unterfangen, da es nicht nur unterschiedliche Meinungen und Forschungsansätze zu ihm gibt, sondern die Geschichtstheorie ihn lange Jahre quasi mißachtet hat, und die Wiederentdeckung erst am Ende des 19. Jhd. beginnt. Aus dieser Zeit findet sich demgemäß eine Fülle von Forschungsliteratur, die bis in die dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jhds. geht, dann jedoch stark abfällt. Somit sei angemerkt, daß der sog. ‘neueste Forschungsstand’, neben einigen neueren Arbeiten der letzten Jahre, sich hauptsächlich auf (neuaufgelegte) Werke der o.g. Zeit beschränkt.

In diesem Zusammenhang muß ebenfalls berücksichtigt werden, daß die Quellenlage zu Herodots Vorläufern, die auch betrachtet werden müssen, um zuverstehen, wie sich sein Geschichtsbild und seine Geschichtsauffassung gebildet haben, nicht weniger schwierig ist.

Vielleicht kann diese Abhandlung einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Geschichtsschreibung Herodots in unserer Zeit ein wenig bekannter zu machen, und sie kann vielleicht zeigen, daß die vermeintlich so obsoleten Gedanken noch immer aktuell sind.

Zu Beginn steht einleitend ein Kapitel über Herodots Leben und sein Werk, um den Einstieg in die Materie leichter zu gestalten.2

2 Herodots Leben und sein Werk

2.1 Sein Leben: Vor 480 bis vor 425

Die biographischen Daten zu Herodot sind spärlich und umstritten. Zwar gibt es einzelne Anhaltspunkte und Überlieferungen, doch diese lassen mehrere Interpretationen zu, so daß klare oder auch nur annähernd verbindliche Aussagen nicht möglich sind.

Hinzu kommen Streitigkeiten der Autoren zu diesem Thema, die die Arbeit oftmals erschweren. Hier wird, auf Grund des schlechten Materials, ebenfalls nur fragmentarisch Herodots Leben dargestellt werden, wobei die differenten Ansichten mit zu Wort kommen sollen.

2.1.1 Jugend und Herkunft

Herodots Geburtsjahr ist unbekannt3, wird im allgemeinen jedoch auf vor 480 festgelegt, z. T. auf die Mitte der achtziger Jahre4. Sein Vater war Lyxes, seine Mutter Dryo oder Rheio, sein Onkel der Epiker Panyassis5 ; Regenbogen weist zu recht darauf, daß dies keine hellenischen, sondern karische, und damit kleinasiatische Namen sind.6 Relevant wird dies, wenn man berücksichtigt, daß Karien kleinasiatisch war, und somit unter persischem Einfluß stand. Herodot kannte also persische Sitten und Gebräuche ebenso wie griechische. Seine Geburtsstadt war Halikarnassos, wie er selbst im Proimion, dem ersten Satz der Historien, sagt: „Herodotos von Halikarnassos gibt hier eine Darlegung seiner Forschungen,…“7.

Zwar stellen andere Historiker darauf ab, Herodot bezeichne sich als Thurier8 - nach Thurioi, einer unteritalischen Stadt, an deren Besiedlung er beteiligt war -, hier soll jedoch für verbürgt angenommen werden, daß Halikarnassos seine Heimatstadt war. Abgesehen vom persischem Einfluß war diese Stadt dorisch, aber nicht ohne ionischen Einschlag, der sich gerade in der Oberschicht, zu der Herodots Familie gehörte, manifestierte. Mithin sah er sich als Ionier und schrieb in ionischem Dialekt.9

2.1.2 Samos und Athen

Da seine Familie, bedingt durch ihr national-hellenisches - oder besser: ionisches - Denken in starken Gegensatz zu den Persern und dem Tyrannen Lygdamis geriet, was u.a. Panyassis mit dem Leben bezahlte, mußte Herodot fliehen. Er fand auf Samos eine neue Heimat. Nach der Vertreibung des Tyrannen, an der er vermutlich aktiv beteiligt war, kehrte er in seine Heimatstadt zurück, verließ sie allerdings erneut - vielleicht nach Differenzen mit der Bürgerschaft -, man weiß aber nicht, wohin.10

Irgendwann - genauer läßt es sich leider nicht bestimmen - tauchte er in Athen auf11 und nahm 444 an der Besiedlung der athenischen Kolonie Thurioi teil, wo er längere Zeit lebte und das Bürgerrecht bekam.

Fest steht zumindest, daß er in Athen mit Sophokles bekannt oder vielleicht sogar befreundet war. Aus dem Jahre 442 ist ein Gedicht Herodots zu Ehren Sophokles’ überliefert, so daß geschlossen werden kann, daß er sich in den vierziger Jahren länger dort aufhielt und mit den Herrschenden - Sophokles war zu dieser Zeit in Amt und Würden - in Kontakt stand. Die Reformen des Perikles (Archontat und anschließend Strategie 450/49 bis 429)12 hat Herodot erlebt, und er teilte einige der perikleischen Ideen13, wie die Vormachtstellung zur See und, damit verbunden, eine Aussöhnung mit Sparta.14 Dies scheint seinen Aufenthalt in den vierziger Jahren zu bestätigen.

In seinen Historien sind folgerichtig Athen - ebenso wie Samos - einige Kapitel gewidmet: V, 55 - 77, VII, 138 - 147 sowie weitere.15

2.1.3 Die Reisen

Bei der Betrachtung von Herodots Historien fällt auf, daß er mehrere Länder, deren Einwohner und Sitten beschreibt. Zum größten Teil hat er diese Länder während seines Lebens bereist und berichtet aus eigener Anschauung.

Sicher ist, daß er - kurzzeitig - in Ägypten war (II. Buch) und auf dem Weg dorthin auch Syrien und Phoinikien kennengelernt hat. Gleiches gilt für Kleinasien und Babylon (I. Buch), die persischen Sitten waren ihm, wie oben erläutert, bekannt. In Griechenland selbst waren ihm alle Hauptorte bekannt (Argos, Delphi, Olympia, Sparta,…) und natürlich Athen. Durch die Besiedlung Thuriois kam er nach Unteritalien, Sizilien und Kyrene; vermutlich kannte er auch die Schwarzmeerregion und ihre griechischen Kolonien.16 Was er gesehen und festgehalten hat, findet sich zum größten Teil in seinem Werk wieder, das später betrachtet werden soll.

2.1.4 Herodots Tod

Zum Tode von Herodot, seinem Zeitpunkt und Ort, gibt es verschiedene Interpretationen.

Pohlenz geht davon aus, er sei kurz nach 430 im Osten gestorben, und begründet dies mit der „innere[n] Wahrscheinlichkeit“.17

Regenbogen meint, er sei von Thurioi nach Athen zurückgekehrt und dort in den ersten Jahren nach Ausbruch des Peloponnesischen Krieges (431 - 404), also vermutlich zwischen 428 und 430, gestorben.18

Schadewaldt hingegen sieht ihn sein Lebensende in Thurioi verbringen und dort sterben, kurz vor der sizilianischen Flottenexpedition der Athener, also vor 425.19 Sontheimer legt seinen Tod auf „um 420“ fest, da durch das Werk nachweisbar sei, daß er die ersten Jahre des Peloponesischen Krieges miterlebt habe.20

Der Ort des Todes scheint umstrittener als der Zeitpunkt, den man, nach den oben aufgeführten, zwischen 426 und 429 legen kann, womit Herodot zwischen Mitte 50 und 60 Jahren im Moment seines Todes war.

Worin sich allerdings die sehr divergierenden Orte begründen, sei dahingestellt und nur als Kuriosum an Rande erwähnt, denn zwischen Thurioi und dem Osten gibt es schon eine gewisse Entfernung, sowohl räumlich als auch sachlich. Zwischen Athen und der Kolonie besteht zwar auch, gerade räumlich, ein Unterschied, doch hier wäre wenigstens der sachliche Kontext gewahrt. Wie auch immer, diese Arbeit möchte keine Entscheidung provozieren, sondern im folgenden Herodots Werk näher betrachten.

2.2 Sein Werk: Die Historien

2.2.1 Aufbau und Inhalt

Es trifft die Tatsache sehr genau, von seinem Werk, nicht seinen Werken zu reden. Denn, außer einigen Gedichten in den Syllogen, gibt es nur die Historien, umfangreicher als die Iliade, und trotzdem unbekannter.

Es gibt fünf „Geschehenskreise“21, die sich nach den fünf dargestellten Herrschern richten: Kroisos, der Lyderkönig, beerbt von Kyros, dem persischen König. In diesen Kreisen spielen die Griechen eine untergeordnete Rolle. Kambyses, der Frevler, unterwirft Ägypten, in Griechenland kämpfen Sparta und Samos. Dareios greift das erste Mal handelnd in Griechenland ein und versucht sich an Thrakien. Mit Xerxes schließlich beginnt der finale Kampf zwischen Barbaren und Hellenen; die Schilderung läuft darauf hinaus.22

Grundsätzlich lassen sich die Historien wie folgt wiedergeben: Die Barbaren (als Bezeichnung für die Perser) und Hellenen (als Gesamtgriechen) und ihre alte Feindschaft werden einleitend beschrieben. Im Laufe der Abhandlung entwickelt sich die Geschichte - im Sinne des Wortes, und nicht als Erzählung: Die Feldzüge der Perser im Osten gegen Lydien, Babylonien und Ägypten, der Kampf der Hellenen gegen die Perser während des ionischen Aufstandes, die griechische Niederlage bei den Thermopylen, der Sieg bei Salamis, Plataiai und Mykale, und schließlich der persische Rückzug aus Hellas.

Dabei werden die betroffenen Völker und deren Länder z.T. ausführlich, z.T. am Rande beschrieben. Diese logoi - d.h. ‘Wörter’ über bestimmte Dinge, oder besser: sinnbildende Einschübe in den eigentlich Gang der Geschichte23 -, ob geographischer oder ethnographischer Gestalt, bilden einen wichtigen Teil der Historien, der weiter unten betrachtet werden soll.

Die neun Bücher der Historien, unterteilt in Kapitel schildern grob 100 Jahre persisch- griechischer Geschichte, oder, mit Herodot: persisch-hellenischer Feindschaft. In den ersten vier Büchern kommt die griechische Geschichte nur marginal vor: Kroisos’ Erkundigungen in Griechenland, der Kampf zwischen Samos und Sparta, die Geschichte Kyrenes. Erst im fünften Buch laufen langsam persische und griechische Geschichte zusammen: hier der ionische Aufstand, dort die Spartanische und Athenische Geschichte. Das sechste Buch schildert den Zug des persischen Heeres gegen das griechische Mutterland und dessen Folgen. Ab dem siebten Buch werden die o.g. großen Schlachten beschrieben.

Zur besseren und Übersicht und Einsicht, ein kurzer, systematischer Einblick in die Historien.24

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 vgl. dazu unten

2 die Jahresangaben dieses Teils sind v. Chr., soweit nicht anders angeführt

3 vgl. Regenbogen, Otto, Herodot und sein Werk. Ein Versuch, in: Marg, Herodot, S. 103 f. und Pohlenz, Herodot, S.182 f.

4 Schadewaldt, Anfänge der Geschichtsschreibung, S. 143

5 ebd.

6 Regenbogen, Otto, Herodot und sein Werk. Ein Versuch, in: Marg, Herodot, S. 104

7 Hdt.1, I, prooim.; hier, wie im folgenden, nur die dt. Übersetzung nach Horneffer

8 so Drexler, Herodot-Studien, S. 4, nach der Übersetzung von Aristoteles; vgl. auch Schadewaldt, Anfänge der Geschichtsschreibung, S. 144 f.

9 zur athenischen Zeit und Herodots Ansichten: Strasburger, Hermann, Herodot und das perikleische Athen, in: Marg, Herodot, S. 574 - 608

10 Schadewaldt, Anfänge der Geschichtsschreibung, S. 144 und Pohlenz, Herodot, S. 183

11 Pohlenz, Herodot, S. 183, vermutet vor 454

12 Bleicken, Athenische Demokratie, S. 731; vgl. dazu Arist., AP, 27f.

13 Pohlenz, Herodot, S. 185; relativierend dazu: Strasburger, Hermann, Herodot und das perikleische Athen, in: Marg, Herodot, S. 574 - 581

14 Pohlenz, Herodot, S. 186 f.

15 s. dazu: Kleinknecht, Hermann, Herodot und Athen. 7,139/ 8, 140 - 144, in: Marg, Herodot, S. 541 - 573

16 Schadewaldt, Anfänge der Geschichtsschreibung, S. 145

17 Pohlenz, Herodot, S. 187

18 Regenbogen, Otto, Herodot und sein Werk. Ein Versuch, in: Marg, Herodot, S. 104

19 Schadewaldt, Anfänge der Geschichtsschreibung, S. 143 und 144

20 Hdt.2, editorischer Teil, S. 3

21 so Cobet, Herodots Exkurse, S. 158

22 vgl. ebd., S. 158ff.

23 vgl. Cobet, Herodots Exkurse, S. 4ff.; damit verbunden die Frage der „Exkurse“ als andere Definition der logoi; zu dieser Problematik s. auch Lateiner, Historical Method, S. 4ff.: „…separate narratives or logoi …“

24 nach Schadewaldt, Anfänge der Geschichtsschreibung, S. 132ff. und Hdt.1, editorischer Teil, S. V - VIII

Details

Seiten
32
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638008464
ISBN (Buch)
9783638914307
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84549
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Historisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Herodot Halikarnassos Vater Geschichtsschreibung Geschichte Geschichtsschreibung

Autor

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Titel: Herodot von Halikarnassos - Der 'Vater der Geschichtsschreibung'