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Die "Leerstellentheorie"

Zur Möglichkeit und Problematik ihrer didaktischen Implementierung

Seminararbeit 2007 23 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Die Relevanz offener Stellen für die Intention literarischer Texte - am Beispiel der Kurzgeschichte „Nacht schlafen die Ratten doch“ von Wolfgang Borchert
1.1. Zum Inhalt
1.2. Zur literarischen Gestaltung
1.2.1. Der Aufbau
1.2.2. Die Erzähltechnik
1.2.3. Sprachliche Stilmittel
1.3. Die Intention des Textes und ihre Abhängigkeit vom Ausfüllen offener Stellen

2. Theoretische Grundlage: Die von Wolfgang Iser begründete „Leerstellen“ -Theorie
2.1. Die „Leerstelle“ auf syntagmatischer Ebene
2.2. Die „Leerstelle“ auf der paradigmatischen Ebene
2.3. Notwendige Ergänzungen für eine didaktische Anwendung der Theorie

3. Analyse der Leerstellen und Unbestimmtheiten in Borcherts
„Nachts schlafen die Ratten doch“

4. Schlussfolgerungen

5. Zur Möglichkeit und Problematik einer didaktischen Implementierung -
am Beispiel einer Übung zur Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“
für eine 7. und 8. Gymnasial- Klasse

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Durch die rezeptionsästhetische Schule ist der Lesevorgang als bedeutungs-konstruierender Prozess in der didaktischen Literaturforschung allgemein anerkannt. Als ebenso selbstverständlich gilt es heutzutage, dass der Leser bei der Lektüre auf sein Vorwissen zurückgreift. Während die zentrale Aussage eines Sachtextes noch weitgehend durch die Dekodierung der einzelnen Bedeutungselemente und -ketten, also der Wörter und Sätze, verstanden werden kann, lässt sich die Intention eines literarischen Textes nur durch das Hinzuziehen von bestimmtem Weltwissen, literarischem Vorwissen und persönlichen Erfahrungen erfassen. Lesen ist somit ein aktiver Vorgang, bei dem der Leser Schlussfolgerungen ziehen, geschilderte Situationen miteinander in Bezug setzen und sie an sein Vorwissen anknüpfen muss. Wolfgang Iser bezeichnet diese offenen Bezüge in seinem Aufsatz „Die Appellstruktur von Texten“ von 1970 als „Leerstellen“[1]. In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie weit der Begriff „Leerstelle“ bei Iser und in nachfolgenden Theorien gefasst ist – und inwiefern das Wissen um den Umgang des Lesers mit Leerstellen zur Förderung des Textverstehens im Unterricht beitragen kann.

1. Die Relevanz offener Stellen für die Intention literarischer Texte -
am Beispiel der Kurzgeschichte „Nacht schlafen die Ratten doch“
von Wolfgang Borchert

Am Beispiel der Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“ von Wolfgang Borchert aus dem Jahr 1947 soll die Relevanz offener Textstellen herausgestellt werden[2]. Zunächst wird jedoch der Inhalt vorgestellt und die Gestaltung erläutert.

1.1. Zum Inhalt

„Nachts schlafen die Ratten doch“ spielt in der Trümmerlandschaft einer von Bomben zerstörten deutschen Stadt gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein neunjähriger Junge namens Jürgen sitzt seit mehreren Tagen und Nächten vor einer Ruine und bewacht seinen verschütteten toten jüngeren Bruder, damit die Ratten nicht an seiner Leiche nagen. Ein älterer Mann, der zufällig vorbeikommt, wird auf Jürgen aufmerksam und spricht ihn auf seine Situation an. Durch geschickte Fragen gelingt es dem Fremden, Jürgen in ein Gespräch zu verwickeln und dessen Misstrauen abzubauen. Um den übermüdeten Jungen von seiner Wache abzubringen, erzählt der Mann von seinen kleinen Kaninchen und lädt Jürgen zu sich nach Hause ein, wo er sich ein Kaninchen aussuchen könne. Jürgen wehrt zunächst ab, doch als der Mann sich zum Gehen wendet, vertraut er ihm den Grund für seine Wache an. Mit Hilfe der Notlüge, dass Ratten in der Nacht schlafen würden, gelingt es dem Mann, Jürgen zu einem Besuch nach Sonnenuntergang zu überreden.

1.2. Zur literarischen Gestaltung

1.2.1. Der Aufbau

„Nachts schlafen die Ratten doch“ ist wie die meisten Kurzgeschichten klar strukturiert:

Es gibt eine erzählende Einleitung, einen szenisch-dialogischen Hauptteil, der aus dem Gespräch zwischen Jürgen und dem alten Mann besteht, und einen erzählenden Schluss.

Wie für Kurzgeschichten üblich, beginnt „Nachts schlafen die Ratten doch“in medieas res, d.h. der Leser wird mit der Situation – dem Handlungsort, der Handlungszeit (hier nur andeutungsweise) und den Personen beziehungsweise der Person – unvermittelt konfrontiert.

Der unmittelbare Beginn lässt beim Leser Fragen aufkommen und weckt Erwartungen. Der offene Schluss fordert ihn auf, sich über den möglichen Ausgang Gedanken zu machen.

1.2.2. Die Erzähltechnik

Das Geschehen wird von einem auktorialen Erzähler geschildert, der sich im Dialog auf Inquit-Formeln, Gedankenwiedergabe und die Beschreibungen der Figuren-Gesten beschränkt. An einigen Stellen gehen die scheinbar objektiven Beschreibungen in erlebte Rede über: „ Jürgen machte kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine Kaninchen. Weiße, graue, weißgraue“. Oder am Schluss: „ Und der Korb schwenkte aufgeregt hin und her. Kaninchenfutter war da drin. Grünes Kaninchenfutter, das war etwas grau vom Schutt“.

1.2.3. Sprachliche Stilmittel

In Borcherts Trümmergeschichte findet sich, wie für Kurzgeschichten typisch, eine Fülle sprachlicher Stilmittel. Zu Beginn wird die die Trostlosigkeit der Trümmerlandschaft durch Personifikationen veranschaulich: „Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne.“ und „Die Schuttwüste döste.“ Die Wahl bestimmter Adjektive, wie „hohl[ ]“ und „vereinsamt“, unterstützt den Aufbau der düsteren Stimmung. Durch das Farbadjektiv „blaurot“, welches an „blutrot“ erinnert, erhält die Atmosphäre etwas Angst einflößendes. Die „frühe Abendsonne“ kann als verfrühtes Weltende gedeutet werden. Entsprechend rufen die Verben „gähnte“ und „döste“ die Assoziation der so genannten Totenstille hervor. Der Satz „Mit einmal wurde es noch dunkler“ vervollständigt die Endzeit-Stimmung der Eingangsszene.

Die Atmosphäre im Schlussteil wirkt dagegen optimistisch. Die Tätigkeits-Verben „laufen“ und „hin und her schwenken“ lassen darauf schließen, dass allmählich wieder Lebendigkeit in die trostlose Trümmerlandschaft einkehrt. Die Abendsonne wirkt nicht mehr bedrohlich: Sie ist „rot“, nicht „blaurot“ und der Mann läuft unbesorgt direkt sie zu. Das rote Licht der Abendsonne wirkt nun beruhigend und verheißt als sprichwörtliches „Abendrot“ einen schönen nächsten Tag. Das Motiv Hoffnung wird durch das „grüne[ ] Kaninchenfutter“ bestätigt.

1.3. Die Intention des Textes und ihre Abhängigkeit vom Ausfüllen offener Stellen

In der Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“ wird gezeigt, wie ein älterer Mann in der Trümmerlandschaft des Zweiten Weltkrieges Vertrauen zu einem verlassenen Jungen aufbaut, um ihn von seiner Trauer über den Verlust des Bruders hinwegzuhelfen. Der Schluss der Geschichte bleibt offen. Der Leser wird im Unklaren darüber gelassen, ob der Mann tatsächlich bei Sonnenuntergang zurückkehrt, Jürgen dort antrifft und ihn zu sich nimmt – und wenn ja, ob Jürgen seine traumatischen Erfahrungen Trauma dadurch verarbeiten kann. Zwar lässt der Schluss Hoffnung aufkommen, dass der Mann zurückkommt und Jürgen mit zu sich nimmt. Doch ist das symbolische „grüne[ ] Kaninchenfutter“ auch „etwas grau vom Schutt“. Dem Leser bleiben verschiedene Interpretationen offen: Das „grau“ – als Metapher für Jürgens Trauer – könnte, bildhaft gesprochen, durch den Mann „abgeschüttelt“ werden, oder es bleibt trotz dessen Bemühungen an dem Jungen heften und verhindert den Schritt aus der Isolation. Der Ausgang der Geschichte bleibt zwar offen, doch geht die Wendung von einer düsteren zu einer hoffnungsvollen Situation aus dem Text klar hervor. Um diese Wendung und die Bedingungen, welche dazu führen, zu erkennen, muss der Leser eine Vielzahl „offener Stellen“ adäquat ausfüllen. Dazu gehört, dass als Hintergrund der Geschichte trotz fehlenden Informationen zu Handlungsort und – zeit auf den Krieg erkannt wird. Andernfalls ist Jürgens Totenwache und sein verstörtes, misstrauisches Verhalten nicht erklärbar.

„Offene Stellen“ betreffen jedoch nicht nur die inhaltliche Ebene. Auch die Erzähltechnik birgt einige Unklarheiten, da das Geschehen weitgehend unkommentiert bleibt. Die Motive der Figuren sind hauptsächlich aus ihren Äußerungen und Gesten abzuleiten, sie werden nicht direkt thematisiert. Die Gedanken des Fremden bleiben dem Leser unzugänglich. Jürgens Gedanken werden spärlich eingestreut, sind aber nicht leicht zu erkennen. Bildhafte Beschreibungen veranschaulichen Jürgens Innenwelt, geben jedoch keine eindeutige Auslegung vor. Da Jürgen dem alten Mann zunächst misstrauisch gegenüber steht, muss dessen gute Absicht über seine Art der Gesprächsführung, spätestens durch die optimistischere Stimmung am Schluss erschlossen werden. Der Leser wird vor die Aufgabe gestellt, Situationsbeschreibungen, direkte Äußerungen der Figuren sowie Jürgens eingestreute Gedanken zueinander in Beziehung zu setzen. Ob ihm dies gelingt, hängt von seinem Umgang mit Unklarheiten beziehungsweise der Ausfüllung erwähnter „offenen Stellen“ ab.

Aus diesem Grund muss sich die Literaturdidaktik, deren Ziel schließlich das Verständnis der Intention eines Textes seitens der Schüler ist, mit dem Vorgang des Auffüllens der „offenen Stellen“ auseinander zu setzen. Um erfüllbare konkrete Unterrichtsziele zu formulieren, muss der Lehrer je nach Klassenstufe und Unterrichtszusammenhang für sich im Voraus bestimmen, welche Text-Zusammenhänge von den Schülern hergestellt werden sollen und welche „offenen Stellen“ im Auslegungsspielraum gelassen werden sollen. Bezogen auf die Borchert-Geschichte könnte beispielsweise offen gelassen werden, ob die Schüler die Kaninchen als Symbol für sich ständig reproduzierendes Leben verstehen oder das von Jürgen gewünschte „weiße“ Kaninchen als Wunsch nach einer „unschuldigen“, heilen Welt ohne Angst. Wichtiger als diese konkreten Ausdeutungen ist die für ein zusammenhängendes Textverständnis wichtige Erkenntnis, dass die Einladung des Mannes, die Kaninchen anzusehen, als Aufmunterungs-Versuch verstanden und Jürgens Interesse an den kleinen Lebewesen erkannt wird. Um die Aussagen und Gesten der Figuren dahingegen zu deuten, müssen die Schüler auch auf ihre persönlichen Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen zurückgreifen und diese in die „offenen Stellen“ einbringen.

Mit Hilfe von Wolfgang Isers „Leerstellen-Theorie“ sollen zunächst das Zustandekommen der „offenen Stellen“ erläutert, ihre Merkmale herausgestellt und ihre Wirkung auf den Leser verdeutlicht werden.

[...]


[1] Iser, Wolfgang: Die Appellstruktur der Texte. In: Warning, Rainer (Hrsg.): Rezeptionsästhetik: Theorie und Praxis. 4. unveränderte Aufl. München: Fink 1994, S.235

[2] Anmerkung: Inwieweit diese offenen Stellen mit Isers Begriff von „Leerstelle“ übereinstimmen, wird in Kapitel 2. und 3. dieser Arbeit erörtert.

Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638008594
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84518
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Fachbereich Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Leerstellentheorie Literarische Sozialisation Sekundarbereich Schwerpunkt Textverstehen

Autor

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Titel: Die "Leerstellentheorie"