Lade Inhalt...

Die PISA-Studie und das Bildungskonzept der OECD im Kontext neoliberaler Gouvernementalität

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 20 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretischer Bezugsrahmen: Michel Foucaults Theorie der Gouvernementalität
II.1. Neoliberale Gouvernementalität: Der Staat als Unternehmer

III. Die OECD als pädagogischer Global Player
III.1. Bildung – Ein zunehmend wichtiges Thema in der OECD
III.2. Das Indikatorenprojekt INES als PISA-Vorläufer
III.2.1. Exkurs: New Public Management – Eine Ökonomisierung des
Öffentlichen
III.2.1.1. Ökonomisierung der Bildung
III.2.2. Das Bildungsideal der OECD am Beispiel der PISA-Studie
III.2.2.1. Schule als Kompetenzvermittlerin
III.2.2.2. Life-long learning

IV. Schlussbetrachtung

Literaturliste

I. Einleitung

Mit der Veröffentlichung der von der OECD initiierten PISA-Studie wurde in Deutschland eine Lawine von Diskussionen losgetreten – das Selbstbild der deutschen „Kulturnation“ wurde durch das mediokre Abschneiden ihrer Zöglinge in der internationalen Schülerleistungsvergleichsstudie empfindlich getroffen. Während sozialwissenschaftliche Forschung normalerweise über mangelnde Aufmerksamkeit klagt, findet PISA inzwischen sogar Nachahmung im Fernsehen: zur besten Sendezeit läuft das PISA-Quiz, bei dem die Länder der Bundesrepublik, vertreten durch Prominenz sowohl als „die Frau und den Mann von der Strasse“ gegeneinander zum Leistungsvergleich antreten. Dass inzwischen kaum eine Diskussion zur Bildungspolitik ohne Bezug auf die Studie auskommt, muss nicht extra erwähnt werden.

Angesichts dieser fragwürdigen Entwicklung scheint es angebracht, sich mit den Hintergründen von PISA bzw. derartigen Leistungsvergleichen im weiteren Sinne zu beschäftigen. Die Autorin der PISA-Studie, die OECD, ist eigentlich in erster Linie eine wirtschaftspolitische Organisation mit überwiegend wissenschaftlich-beratendem Charakter. Gleichzeitig ist sie zweifellos eine politische Akteurin, die Einfluss ausübt und bestimmte Forderungen durchsetzt. Dieser Doppelcharakter lässt sich jedoch nur mit einem erweiterten Politikbegriff verstehen, der den Zusammenhang von Wissenschaft als Wahrheitsproduktion und Regierungstechnik ins Blickfeld rückt. Dazu bietet sich das Konzept der Gouvernementalität von Michel Foucault an, auf das im Anschluss eingegangen werden soll (II.). Mit diesem theoretischen Instrumentarium sollen dann die Forschungsaktivitäten der OECD und ihre bildungspolitische Ausrichtung analysiert werden (III.); dabei steht die Fragen im Vordergrund, warum das Thema Bildung plötzlich zu einem der wichtigsten Forschungsbereiche der OECD wurde (III.1.). Das wichtigste Beispiel dafür, wie diese Forschung stattfindet, ist sicherlich das Indikatorenprojekt INES, in dessen Rahmen die PISA-Studie entstand (III.2.). Außerdem soll die Frage behandelt werden, welche politischen Forderungen durch diese wissenschaftliche Arbeit vermittelt werden, und zwar sowohl hinsichtlich der von der OECD propagierten allgemeinen Verwaltungsreformen (III.2.1.) und der darin enthaltenen Forderungen einer Ökonomisierung des Bildungswesens (III.2.1.1.), als auch in Bezug auf das durch das Indikatorenprojekt vermittelte Bildungsideal (III.2.2.), das sich durch das Konzept einer Grundbildung als Kompetenzerwerb (III.2.2.1.) und des darauf aufbauenden life-long learning (III.2.2.2..) auszeichnet.

II. Theoretischer Bezugsrahmen:
Michel Foucaults Theorie der Gouvernementalität

„Die der Macht eigene Verhältnisweise wäre somit weder auf Seiten der Gewalt und des Kampfes, noch auf Seiten des Vertrages und der Willensbande (die allenfalls ihre Instrumente sein können) zu suchen, vielmehr auf Seiten dieser einzigartigen, weder kriegerischen noch juridischen Weise des Handelns: des lenkend einwirkenden Regierens.“ (Foucault 1996, S.37)

Mit diesem Zitat wendet sich Foucault gegen eine Vorstellung von Macht, wie sie z.B. im Humanismus charakteristisch ist: dort wird Macht lediglich als repressive Gewalt gefasst, als etwas, das eine originäre Subjektivität unterdrückt und nicht zur Entfaltung kommen lässt, das hemmt und vernichtet. Der Begriff des „lenkend einwirkenden Regierens“ – den Lemke in einem ähnlichen Zusammenhang wörtlicher mit „Gouvernement“ übersetzt (vgl. Lemke, S.145) – verweist schon auf den produktiven Charakter, den Foucault mit seinem Begriff der „Bio-Macht“ hervorheben will: es handelt sich um eine Macht, die sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelt hat und sich die Verwaltung des Lebens durch die Hervorbringung bestimmter Verhaltensweisen zur Aufgabe gemacht hat ( vgl. ebd., S.135).[1]

Verbunden mit dieser Macht ist eine bestimmte Regierungstechnik, deren Entwicklung Foucault in seiner 1978 gehaltenen Vorlesungsreihe zur „Geschichte der Gouvernementalität“ beschrieb. Die in „Gouvernementalität“ (frz. gouvernementalité) enthaltene semantische Verknüpfung von Regieren (gouverner) und Denkweise (mentalité) verweist schon auf ein Programm, in dem diese beiden Aspekte nicht getrennt voneinander betrachtet werden können: die Rationalität, nach der regiert wird und in deren Namen die Macht von der Regierung ausgeübt wird, wird quasi von der Regierung selbst produziert; die Aufgaben, welche sie zu erfüllen hat, werden durch die Definition der Probleme und die Bereitstellung von Lösungen selbst hervorgebracht:

„ ‚Regierung’ bezeichnet ein diskursives Feld, innerhalb dessen die Ausübung der Macht ‚rationalisiert’ wird. Dies geschieht durch die Erarbeitung von Begriffen und Konzepten, der Spezifizierung von Gegenständen und Grenzen, durch die Bereitstellung von Argumenten und Begründungen etc. Eine politische Rationalität erlaubt also, ein Problem zu stellen und bietet bestimmte Lösungs- und Bearbeitungsstrategien für dieses Problem an. (...) Ein Programm ist also kein reines Wissen, das schließlich eingesetzt und instrumentalisiert wird, sondern stellt immer schon eine intellektuelle Bearbeitung der Realität dar, an der politische Technologien ansetzen können.“ (ebd., S.147)

Die Rationalität der Regierungsweise besteht darin, dass sie immer stärker auf direkte Gewalt verzichten will, und dazu dementsprechende Verhaltens- und Denkweisen produziert oder in anderen Worten: Subjektivitäten hervorbringt, die sich selbst in ihrem Sinne kontrollieren.[2] Diese Formung von Subjektivitäten geschieht v.a. durch Erziehung ; mit der zunehmenden Rationalisierung der Macht spielt daher die Pädagogik eine immer zentralere Rolle.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die von Foucault kritisierte Dichotomie „Macht gegen Freiheit“ selbst Teil des Gouvernementalität ist; die Vorstellung einer Subjektivität, die vor jeglicher Machteinwirkung bestünde und durch Macht lediglich deformiert und reprimiert würde, bewirkt, dass sich die Individuen, solange keine direkte Repression ausgeübt wird, in den erlernten Verhaltens- und Denkweisen als freie Subjekte erleben und dabei doch im Sinne der Regierungstechnik handeln.

II.1. Neoliberale Gouvernementalität: Der Staat als Unternehmer

Allgemein kann also gesagt werden, dass in der neuen Regierungstechnik der Staat als Garant der Freiheit der Subjekte auftritt. Von einer Gouvernementalität im modernen Sinne kann laut Foucault erst mit dem klassischen Liberalismus gesprochen werden, da erst mit ihm die „Freiheit der Individuen als kritische[r] Maßstab und Grenze des Regierungshandelns“ (ebd., S.253) etabliert wird. Abgelöst wird diese Form der Gouvernementalität durch sozialstaatliche Regierungstechniken. Die klassisch liberale Regulationsform

„erwies sich angesichts der Realitäten kapitalistischer Vergesellschaftung als nicht mehr praktikabel, und das Prinzip einer individuellen Verantwortung wurde durch eine Sozialisierung des Risikos ersetzt. Die Versicherungstechnik verteilte auf alle Gesellschaftsmitglieder die Kosten, die aus den Fehlern und Problemen des gesellschaftlichen Funktionierens entstanden und denen insbesondere bestimmte Individuen und Gruppen litten.“ (ebd., S.239)

Mit einer Krise der Akkumulation und der fordistischen Regulationsweise in den 70er Jahren muss das sozialstaatliche Gouvernement zunehmend dem Neoliberalismus weichen. Dieser unterscheidet sich in einem zentralen Punkt von der klassisch-liberalen Ideologie:

„Die Krise des Keynesianismus und der Abbau des ‚Wohlfahrtsstaates’ bedeuten nicht die Rückkehr zu frühliberalen Politikmodi, sondern ein Umcodieren der Sicherheitspolitik, das die Entwicklung von interventionistischen Technologien ermöglicht, die Individuen führen und anleiten, ohne für sie verantwortlich zu sein. Der Neoliberalismus ermutigt die Individuen, ihrer Existenz eine bestimmte unternehmerische Form zu geben. (...) Man kann über alles reden – unter der entscheidenden Voraussetzung, dass sich diese Verhandlungen allein auf dem Boden von Kosten-Nutzen-Kalkülen bewegen.“ (ebd., S.253/254)

Während für die klassisch liberale Ideologie die Freiheit der Individuen jenseits staatlicher Machteinwirkung lag[3], verbinden sich hier das interventionistisch-regulatorische Erbe des Wohlfahrtstaates mit einem neuformulierten liberalen Freiheitsbegriff – die produktive Dimension staatlicher Macht wird dergestalt weiterentwickelt, dass der Staat quasi selbst zum Unternehmer wird und die Bevölkerung bewirtschaftet. Die neoliberalen Technologien versuchen,

„auf die Selbstregulierungskapazitäten von Individuen und sozialen Gruppen einzuwirken, um sie mit ökonomischen Profitmaximierungen und gesellschaftspolitischen Zielen zu verbinden“ (ebd., S.255).

Die Selbstbestimmung der Individuen ist damit selbst Produktionsfaktor:

„Die ‚persönliche Dimension’ ist nicht mehr ein Hemmschuh für die Erhöhung der Produktivität, sondern ihr Vehikel. Die ‚autonome’ Subjektivität der produzierenden Individuen bildet kein Hindernis mehr für den ökonomischen Erfolg, sondern ist dessen Grundlage. ‚Selbstbestimmung’ ist eine zentrale ökonomische Ressource und eine Produktionsfaktor.“ (ebd., S.255)

Damit wäre schon angedeutet, welche Rolle die Bildung im Konzept der OECD spielt, worauf im Folgenden eingegangen werden soll.

[...]


[1] Während Strafe früher öffentlich als abschreckendes Beispiel zelebriert wurde und sich als Rache des Souveräns an dem Verbrecher verstand, vollzieht sich die Strafe mit der „Geburt des Gefängnisses“ hinter verborgenen Mauern; als Leitbild dient die Anpassung der Verhaltensweisen des Straftäters an eine Norm. (vgl. etwa Foucault, 1998, S. 16ff., S.229ff.)

[2] „Die Disziplin setzt eine Machtmechanismus ins Werk, der weder direkt auf den Körper noch indirekt über das Bewusstsein wirkt, sondern über die ‚Seele’ operiert: als Einübung von Gesten, Erlernen von Verhaltensweisen, Ausbildung von Gewohnheiten etc.“ (Lemke, S.114) Hierzu Henry et al.: “Governmentality (…) seeks to to produce self-governing individuals and subjectivities“ (Henry et al., S.36).

[3] „Das ökonomisch-rational kalkulierende Individuum der neoliberalen Theorie ist (...) ein anderes als der homo oeconomicus in den Konzeptionen des 18. Jahrhunderts. Bildete dieser in der klassischen liberalen Konzeption eine äußere Grenze und den unantastbaren Kern des Regierungshandelns, so wird er im neoliberalen Denken der Chicagoer Schule zu einem behavioristisch-manipulierbaren Wesen und Korrelativ einer Gouvernementalität, die systematisch die Variablen des ‚Milieus’ verändern und mit der ‚rationalen Wahl’ der Individuen rechnen darf.“ (Lemke, S.251)

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638002776
ISBN (Buch)
9783638912778
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84487
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
PISA-Studie Bildungskonzept OECD Kontext Gouvernementalität Kompetenz Bildungspolitik Bildung Schule Erziehung Paradigmenwechsel Foucault Radtke PISA Deutschland

Autor

Zurück

Titel: Die PISA-Studie und das Bildungskonzept der OECD im Kontext neoliberaler Gouvernementalität