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Die tiergestützte Therapie bei Menschen mit Demenz

Bachelorarbeit 2007 60 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Demenz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen zu Demenz
2.1 Definition
2.2 Demenzformen und Schweregrade
2.3 Klinisches Bild und Krankheitsverlauf der Demenzen
2.4 Ressourcen der Erkrankten
2.5 Bedürfnisse der Erkrankten

3. Die Behandlung der Demenz
3.1 Nicht medikamentöse Therapieansätze
3.1.1 Realitäts- Orientierungs- Training (ROT)
3.1.2 Remniszenztherapie / Biografiearbeit (REM)
3.1.3 Validation (VAL) und integrative Validation (IVA)
3.1.4 Selbsterhaltungstherapie (SET)
3.1.5 Milieutherapie
3.2 Kritische Betrachtung der nicht-medikamentöse Therapien

4. Die tiergestützte Therapie
4.1 Die Entwicklung der tiergestützen Therapie
4.2 Definitionen
4.2.1 Animal Assisted Activity (AAA)
4.2.2 Animal Assisted Therapie (AAT)

5. Die Mensch-Tier-Beziehung
5.1 Kulturgeschichtliche Entwicklung der Mensch- Tier Beziehung
5.2. Erklärungsmodelle
5.2.1 Die Biophilie-Hypothese
5.2.2 Antromorphismus und Animismus
5.2.3 Du - Evidenz
5.3 Tiefenpsychologische Erklärungsansätze
5.3.1 Die Schichtenlehre nach Rothacker
5.3.2 Implizit–erfahrungsgeleiteter und explizit-kognitiver Funktionsmodus
5.4 Die Mensch-Tier-Kommunikation
5.4.1 Die digitale Kommunikation
5.4.2 Die analoge Kommunikation
5.5 Schlussfolgerungen zur Mensch-Tier-Beziehung

6. Die gesundheitsfördernde Wirkung der Tiere auf den Menschen
6.1 Tiere als Ressource
6.2 Physische Auswirkungen
6.3 Psychisch-mentale Auswirkungen
6.4 Soziale Wirkung

7. Die Bedeutung der Tiere für Menschen mit Demenz
7.1 Stand der Forschung und Studienlage zur tiergestützten Therapie bei Demenz
7.1.1 Studien über die Bedeutung von Tieren für Menschen mit Demenz
7.1.2 Zusammenfassende Beurteilung der bisherigen Studienlage
7.1.3 Vergleichende Gegenüberstellung der beschriebenen nicht medikamentösen Therapieformen und der tiergestützten Therapie bei Demenz

8.Tiere in Altenpflegeeinrichtungen
8.1 Eingesetzte Tiere
8.2 Mögliche Formen der Tiereinsätze
8.3 Gesetzliche Grundlagen
8.4 Finanzierung

9. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In Deutschland leben derzeit mehr als eine Million Demenzkranke, etwa zwei Drittel entfallen auf die Alzheimer Krankheit. Die Zahl der Neuerkrankungen liegt jährlich bei mehr als 250.000. In Folge der Bevölkerungsalterung nimmt die Anzahl der Demenzkranken kontinuierlich zu. Laut Prognosen zur demografischen Entwicklung wird sich die Zahl, sollte kein bahnbrechender Durchbruch in Prävention und Therapie erfolgen, bis zum Jahr 2050 auf etwa 2,3 Millionen erhöhen[1].

Demenz beginnt mit kognitiven Störungen und mündet innerhalb weniger Jahre in einen vollständigen Verlust alltäglicher Fähigkeiten, sowie den Zerfall der Urteilsfähigkeit und Persönlichkeit. Dies ist mit großem Leid für die Betroffenen und deren Vertrauenspersonen verbunden.

Etwa 60 Prozent der Demenzkranken leben in privaten Haushalten und werden dort betreut. Dies führt zu starken Belastungen für die betreuenden Angehörigen, der nicht alle über einen längeren Zeitraum gewachsen sind. Demenz ist daher der häufigste Grund für eine Aufnahme in ein Heim. Der Anteil demenzkranker Heimbewohner hat in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. In Deutschland leben etwa 400 000 demenziell erkrankte Menschen in Alten- und Pflegeheimen[2].

Nach der Krankheitskostenrechnung des Statistischen Bundesamtes entfielen für das Jahr 2002 zehn Prozent aller Krankheitskosten auf psychische Verhaltensstörungen, was einem Betrag von 22,4 Mrd. € entspricht. Bezogen auf einzelne Diagnosen zeigt sich dabei, dass die Kosten für Demenz mit 5,6 Mrd. € einen erheblichen Teil ausmachen und Kosten für stationäre und teilstationäre Pflege hier die größte Rolle spielen. Demenz gehört zu den teuersten Krankheitsgruppen im höheren Alter. Mit zunehmenden Schweregrad ist außerdem ein steiler Kostenanstieg festzustellen[3].

Das macht die Demenz gesundheitsökonomisch gesehen zu einer der wichtigsten Krankheitsgruppen, denn sie zählt zu den „gesamtwirtschaftlich teuersten“ Erkrankungen“[4].

Der Großteil der Demenzerkrankungen kann nicht medikamentös geheilt werden. Daher sind vor allem adäquate Betreuungsformen und nicht medikamentöse Therapieangebote von Bedeutung. Der Bedarf an Therapie- und Betreuungskonzepten, die den spezifischen Anforderungen und Bedingungen dieser Krankheit sowie den speziellen Bedürfnissen der Erkrankten gerecht werden ist hoch.

Das übergeordnete Ziel solcher Konzepte ist, einen Beitrag zur Verbesserung des Gesundheitszustandes, der Gesundheitsförderung und der Verbesserung der Lebensqualität der Demenzkranken zu leisten. Bestehende Fähigkeiten der Erkrankten sollen erhalten und wenn möglich ausgebaut und gefördert werden[5].

Demenziell Erkrankte leben in ihrer eigenen Welt versunken. Pflegende und Angehörige finden kaum Zugang zu dieser Welt. Der Beziehungsaufbau ist, bedingt durch den zunehmenden Verlust der kognitiven Fähigkeiten und den damit verbundenen Einschränkungen in der verbalen Kommunikation, sehr schwierig.

Insbesondere diese Einschränkungen in der Kommunikation und die Schwierigkeiten beim Zugang zu den Patienten sind für die Betreuenden und Angehörigen belastend und häufig von Frustration begleitet. Wenn die Persönlichkeit „versinkt“ und ein erhöhter Abbau der für die Informationsweiterleitung wichtigen Nervenzellen im Gehirn vorliegt, sind besondere Wege zur Kontaktaufnahme notwendig.

Aufgrund der Tatsache, dass Tiere als Partner im Leben oder auch als sogenannte therapeutische Begleiter eine wichtige Rolle, insbesondere auch im Bereich Kommunikation mit schwerkranken Menschen übernehmen können, werden sie mehr und mehr für therapeutische Zwecke bei unterschiedlichen Erkrankungen eingesetzt.

In den angelsächsischen Ländern gibt es seit den 80er Jahren positive Erfahrungen mit Tieren als therapeutische Begleiter, die seit den 90er Jahren auch in Deutschland bestätigt werden konnten. Zunächst vorwiegend in Form von Besuchsdiensten in Altenheimen, Schulen und Kliniken. Mittlerweile erfolgt der Einsatz der Tiere auch im Rahmen der physio- ergo- und psychotherapeutischen Begleitung professionell sowie konzept- und zielorientiert[6].

Literatur und Forschung zur tiergestützten Therapie konzentrieren sich zur Zeit hauptsächlich auf die positiven Auswirkungen bei Kindern und Jugendlichen.

Durch die Erkenntnis, dass Tiere wichtige Bedürfnisse alter Menschen, wie beispielsweise nach Nähe, Zuneigung, Liebe, positiver Zuwendung, sinnvoller Aufgaben und Tagesstrukturierung erfüllen können, rückt zunehmend auch die positive Wirkung der Tiere bei alten Menschen und Demenzkranken ins Blickfeld.

Zahlreiche Studien belegen mittlerweile die gesundheitsförderliche Wirkung von Tieren auf den Menschen und auch in Deutschland öffnen Einrichtungen der Alten- und Dementenbetreuung ihre Türen allmählich für Katzen, Hunde und andere Tiere. Vor wenigen Jahren war dies aufgrund von Befürchtungen vor hygienischen Risiken, Mehrarbeit und anfallender Kosten noch undenkbar.

Die beschriebene demografische Entwicklung und die damit verbundene Zunahme von Demenzerkrankungen verlangt nach neuen Betreuungs- und Kommunikationsformen, die in der Lage sind, die Demenzkranken trotz der bestehenden Einschränkungen zu erreichen und somit eine Beziehungsentstehung, die Grundlage für Wohlbefinden und Lebensqualität der Betroffenen ist, zu ermöglichen.

Im Rahmen der vorliegenden Literaturarbeit wird untersucht, ob tiergestützte Interventionen bei Menschen mit Demenz die Möglichkeit einer besseren Beziehungs- und Begegnungsentstehung bieten, und damit zu Wohlbefinden, Lebensqualität und Gesundheitsförderung der Betroffenen beitragen.

Können Tiere „Brücken“ bauen, wo menschliche Kommunikation und Kontaktaufnahme mit Demenzkranken an ihre Grenze stößt?

Ist die tiergestützte Therapie in der Lage die betroffenen Menschen besser zu erreichen, als bisher angewandte Konzepte?

Dies soll im Rahmen dieser Literaturarbeit unter anderem auf Grundlage von Studien- und Forschungsergebnisse recherchiert werden.

Zu Beginn der Arbeit werden die theoretischen Grundlagen zu Demenz im Überblick dargestellt. Neben dem Krankheitsbild- und Verlauf werden die Ressourcen und Bedürfnisse der Erkrankten aufgezeigt.

Wie den Ressourcen und Bedürfnissen der Demenzkranken in der aktuellen Versorgungssituation begegnet wird, zeigt die Darstellung der aktuell angewandten nicht medikamentösen Therapieansätze bei Demenz. Die beschriebenen Therapiekonzepte werden zum Abschluss des ersten Teils der Arbeit kritisch beleuchtet.

Im zweiten Teil der Arbeit wird die tiergestützte Therapie, die Mensch- Tier Beziehung und die Mensch- Tier Kommunikation erörtert.

Neben der kulturgeschichtlichen Entwicklung werden an dieser Stelle Erklärungsmodelle für die Mensch-Tier-Beziehung sowie die Grundlagen der Mensch- Tier -Kommunikation erläutert.

Danach wird die gesundheitsfördernde Wirkung von Tieren auf den Menschen dargestellt.

Der dritte Teil der Arbeit beschäftigt sich, basierend auf den zuvor aufgezeigten theoretischen Grundlagen, mit der Bedeutung der Tiere für Menschen mit Demenz.

In diesen Abschnitt der Arbeit ist der aktuelle Stand der Studienergebnisse zur tiergestützten Therapie bei Demenz integriert.

Zu beachtende Richtlinien und gesetzliche Vorgaben für den Einsatz der Tiere in Altenpflegeeinrichtungen werden im letzten Teil der Arbeit aufgezeigt.

Abschließend erfolgt die Diskussion der Ergebnisse und das Fazit in Bezug auf die Fragestellung der Arbeit.

2. Theoretische Grundlagen zu Demenz

2.1 Definition

Demenz kommt von dem Lateinischen „mens“ für Verstand und „de“ für abnehmend. Demenz ist also gleichbedeutend mit abnehmendem Verstand oder chronisch fortschreitender Hirnabbau und Verlust früherer Denkfähigkeiten[7].

Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Demenz „eine erworbene globale Beeinträchtigung der höheren Hirnfunktionen einschließlich des Gedächtnisses, der Fähigkeit Alltagsprobleme zu lösen, der Ausführung sensomotorischer und sozialer Fertigkeiten, der Sprache und Kommunikation sowie der Kontrolle emotionaler Reaktionen ohne ausgeprägte Bewusstseinstrübung“[8].

2.2 Demenzformen und Schweregrade

Die drei anerkannten Hauptkategorien der Demenz sind die Alzheimer Demenz, die vaskuläre Demenz (Multiinfarktdemenz) und der gemischte Typus, bei dem beide zuerst genannten Formen zusammenkommen[9].

Diese Kategorien zählen zu den primären Demenzen, deren Ursachen im Gehirn liegen. Sie machen rund 90% der Erkrankungen aus. Davon entfallen ca. 60 % auf die Demenz vom Alzheimer-Typ, ca. 15% auf die Multiinfarkt-Demenz oder vaskuläre Demenz und ca. 15% auf Mischformen von Alzheimer Krankheit und Multiinfarkt-Demenz bzw. vaskulärer Demenz. Die primären Demenzen sind durch einen unaufhaltsamen Zerfall der Nervenzellen charakterisiert und sind somit irreversibel[10].

Bei den sekundären Demenzen, die ca. 10 % aller Demenzerkrankungen ausmachen, liegt die Krankheitsursache nicht im Gehirn. Dazu gehören z.B. Stoffwechselstörungen, Infektionen und Vergiftungen[11].

Im klinischen Alltag hat sich die Einteilung der Demenz in die Schweregrade leicht, mittel und schwer als sinnvoll erwiesen. Bei leichter Demenz können komplizierte tägliche Aufgaben oder Freizeitbeschäftigungen nicht mehr ausgeführt werden. Die selbstständige Lebensführung ist eingeschränkt. Bei mittelschwerer Demenz können nur noch einfache Tätigkeiten beibehalten werden, andere werden nicht mehr vollständig oder angemessen ausgeführt. Die Betroffenen sind auf fremde Hilfe angewiesen. Bei

schwerer Demenz können Gedankengänge nicht mehr nachvollziehbar kommuniziert werden und die Betroffenen sind auf umfassende Betreuung und Pflege angewiesen[12].

2.3 Klinisches Bild und Krankheitsverlauf der Demenzen

Die Alzheimer-Demenz ist durch ein komplexes Syndrom gekennzeichnet, das neben den kognitiven Kernsymptomen auch psychopathologische und in späteren Stadien somatische Begleiterscheinungen umfasst.

Die Krankheit beginnt schleichend und typischerweise mit Gedächtnisstörungen und anderen kognitiven Defiziten, die zu zunehmenden Einschränkungen der Alltags-kompetenz und Selbstständigkeit führen. Kognitive Einschränkungen entstehen in den Bereichen Denkvermögen, Sprache, Orientierungsfähigkeit und Aufmerksamkeit. Kognitive Symptome sind nach Grond folgende sechs Denkausfälle:

- Gedächtnisstörungen (Amnesie),
- Handlungsunfähigkeit (Apraxie),
- Wortfindungsstörungen (Aphasie),
- Störung des Erkennens (Agnosie)
- Rechen- und Urteilsstörungen (Abstraktions- und Assessmentstörungen)

Diese Symptome schwanken im Krankheitsverlauf.

Zu Beginn der Krankheit stehen Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und Merkstörungen im Vordergrund. Im Krankheitsverlauf kommt es dann zu einer zunehmenden Regression in die Kindheit. Zeitgefühl und Realitätsbezug gehen fortschreitend verloren.

Im Spätstadium geht die Biografie bis auf einzelne, emotional bedeutsame Erlebnisse verloren. Der Kranke kann sich aber noch deutlich an die Kindheit erinnern und sich wie ein Kind verhalten. Er erlebt Gegenwart und Vergangenheit gleichzeitig, was als „Zeitverschränkung“ bezeichnet wird[13].

Mögliche psychopathologische Begleiterscheinungen sind Wahn, Halluzinationen, affektive Störungen, wie z.B. depressive Verstimmung, Antriebsstörungen und Persönlichkeitsveränderungen[14].

Zu den somatischen Begleiterscheinungen zählen die Beeinträchtigungen von motorischen Funktionen, in fortgeschrittenen Stadien auch Harn- und Stuhlinkontinenz.

Dies führt zu Pflegebedürftigkeit und Bettlägerigkeit der Betroffenen bis hin zum körperlichen Zerfall[15].

Die Beeinträchtigung der kognitiven Leistungen, wie Sprache und Gedächtnis, stellt für die Erkrankten eine existentielle Bedrohung dar. Der fortlaufende Kompetenzverlust erschüttert das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl und bringt eine Abnahme an Selbstbestimmung und Selbstständigkeit im Alltag mit sich. Die Alzheimer-Betroffenen reagieren darauf häufig mit depressiven Verstimmungen, Vermeidungsverhalten, Passivität und sozialem Rückzug. Dies wiederum führt zu einer Verstärkung des Kompetenzverlustes, weil noch vorhandene Fähigkeiten nicht mehr genutzt werden. Dadurch wiederum schreitet der kognitive Abbau schneller voran[16].

Im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz ist der Krankheitseintritt der vaskulären Demenz häufig sehr abrupt. Im Anschluss daran ist ihre Ausprägung im weiteren Verlauf sehr schwankend. Phasen der Krankheitsverschlechterung können sich mit Phasen der Stagnation oder auch Verbesserung abwechseln. Zudem steht zu Beginn der Krankheit der Gedächtnisverlust nicht im Vordergrund. Das Krankheitsbild ist eher von neurologischen Symptomen geprägt. Aufgrund des damit verbundenen länger andauernden bewussten Erlebens des Krankheitsfortschrittes kommt es bei dieser Form der Demenz oft zu reaktiven Depressionen. Typische Symptome sind außerdem nächtliche Verwirrtheitszustände oder paranoid-halluzinatorische Episoden. Der Krankheitsverlauf zeigt eine eher stufenförmige Verschlechterung der kognitiven Leistungen bei einer im Vergleich zur Alzheimer-Demenz kürzeren Lebensdauer[17].

Lernpsychologisch gesehen kommt es zu einer Verstärkung der Demenz, wenn Gedächtnis, Wahrnehmung und Orientierung nicht trainiert werden. Verstärkend wirkt auch, wenn der Demenzkranke Zurückweisung durch Pflegende und Angehörige erfährt oder vermehrte Zuwendung wegen eigener Passivität erhält[18].

2.4 Ressourcen der Erkrankten

Trotz aller beschriebenen Einschränkungen und Defizite, die die Krankheit mit sich bringt, gibt es Aspekte, die bei den Erkrankten erhalten bleiben und als Ressourcen genutzt werden können.

So bleibt der Persönlichkeitskern, d.h. die Fähigkeit sich zu erleben, erhalten.

Der demenzkranke Mensch spürt Gefühle und drückt diese, bei bestehenden sprachlichen Defiziten, mit Mimik, Gestik und Körperhaltung aus. Die Erkrankten erfreuen sich an Begegnung mit Vertrauenspersonen und Kindern, an Körperkontakt, an Düften, an Kuscheltieren, der Natur, Kunst oder Musik. Sie hoffen geachtet, verstanden getröstet und besucht zu werden[19].

2.5 Bedürfnisse der Erkrankten

Nach Kitwood haben demenzkranke Menschen vor allem Bedürfnisse nach Liebe, primärer Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung, Idendität und Trost[20].

Aufgrund der begrenzten Interaktionsmöglichkeiten zwischen Pflegenden, Angehörigen und den Erkrankten bestehen in jedem Bereich Schwierigkeiten diese zu erfüllen. Auch entsprechen die Angebote der pflegerischen Einrichtungen häufig nicht den Bedürfnissen der Erkrankten[21].

Aufgrund der totalen Fremdversorgung durch das Pflegepersonal und die damit verbundene Unterordnung unter bestimmte Regeln einer Einrichtung ist der Verlust eigenständiger Aktivitäten und Funktionen aus dem einst gewohnten Tages- und Freizeitablauf erkennbar.

Soziale Beziehungen, wie zu Familienangehörigen, Freunden, Nachbarn oder der Gemeinde, verändern sich oder gehen ganz verloren. Dadurch entsteht ein Gefühl der Entwurzelung und des Fremdseins, was zur Verstärkung der demenziellen Symptome führen kann[22].

Das Erkennen und die Erfüllung von individuellen Bedürfnissen spielt in der Versorgung der Betroffenen eine wesentliche Rolle.

In einer Studie der Alzheimer Gesellschaft Bochum e.V. konnte festgestellt werden, dass, laut Angaben der Betroffenen, die wichtigsten Bedürfnisse, die nach sozialer Bindung und Kommunikation sind. Weiter bestehen Bedürfnisse nach Selbstständigkeit Mobilität, Freiheit in den eigenen Entscheidungen, Anerkennung, Lob und Bestätigung durch die Umwelt.

Gerade bei Demenz im fortgeschrittenen Stadium besteht ein ausgeprägtes Interesse in den Bereichen Fein- und Grobmotorik sowie der Wunsch nach körperlicher Nähe und taktilen Reizen. Auch das Genießen von Lieblingsspeisen, Süßigkeiten oder Tabak wurde von den Betroffenen als maßgebliches Kriterium für Lebensqualität benannt[23].

Was im Kontext von Demenz unter Lebensqualität zu verstehen ist, zeigt sich in unterschiedlichen theoretischen Ansätzen. Einigkeit herrscht darüber, dass es sich um ein multidimensionales Konzept handelt, welches psychisches, physisches und soziales Wohlbefinden umfasst[24]. Whitehouse et. al. definieren Lebensqualität von Demenzbetroffenen als Zusammenspiel von kognitiven Fähigkeiten, Aktivitäten des täglichen Lebens, sozialer Interaktion und psychischem Wohlbefinden[25].

3. Die Behandlung der Demenz

Die Behandlung der Demenz besteht aus zwei Komponenten: der medikamentösen und der nicht medikamentösen Interventionen.

Da es bis heute nicht möglich ist, die Demenz zu heilen, liegen die Ziele aller therapeutischen Maßnahmen darin, die Symptomatik zu lindern und den Fortschritt des degenerativen Prozesses hinauszuzögern. Lebensqualität und Wohlbefinden sollen so lange wie möglich erhalten bleiben[26].

Für die medikamentöse Behandlung der Demenz steht ein breites Spektrum an Präparaten zu Verfügung, die Verbesserungen im Bereich der Lebensqualität und der kognitiven Leistungen nachweisen können[27]. Bei einer guten Ansprache auf das jeweilige Medikament kann eine Symptomverlangsamung von einem Jahr erreicht werden[28].

Für diese Arbeit ist die medikamentöse Therapie der Demenz von untergeordneter Relevanz. Daher wird in diesem Rahmen nicht weiter auf sie eingegangen.

3.1 Nicht medikamentöse Therapieansätze

Im Folgenden werden ausgewählte nicht medikamentöse Therapiekonzepte skizziert und im Anschluss kritisch auf ihre Wirksamkeit beleuchtet.

3.1.1 Realitäts- Orientierungs- Training (ROT)

Das ROT beinhaltet einen verhaltenstherapeutischen Ansatz und wurde in den 60er Jahren von dem amerikanischen Psychiater Folsom entwickelt. Zunächst war dieses Konzept für die Rehabilitation von Kriegsopfern gedacht, wurde dann aber auch in die Arbeit mit verwirrten Menschen in Pflegeheimen eingeführt[29]. Es wurde seitdem ständig weiterentwickelt und ist das am häufigsten angewandte Verfahren bei Demenz[30].

Das Ziel des ROT ist, die verlorengegangenen Bezüge zur Realität wieder herzustellen und Informationen zur Realität zu vermitteln[31].

Methodisch erfolgt das ROT nach folgenden Komponenten:

- tägliche Gruppensitzungen zur Wiederholung und Training grundlegender (basaler) Orientierungsformen.
- ein klar strukturierter Tagesablauf, dessen Vorgabe durch qualifiziertes Personal erfolgt.
- permanente Vermittlung von optischen, akustischen und olfaktorischen Realitätsreizen.

Dieses sogenannte 24-Stunden ROT erfolgt vor allem in stationären Einrichtungen. Mittels Kommunikation sollen soziale Bindungen verstärkt werden[32]. Dabei werden die Erkrankten zu Antworten und Wiederholungen ermutigt, aufgefordert Erinnerungen zu nutzen und Ereignisse zu kommentieren.

ROT nutzt demzufolge erhaltene Leistungsressourcen und gibt eine Unterstützung bei der Orientierung[33].

3.1.2 Remniszenztherapie / Biografiearbeit (REM)

Remniszenz, die Rückerinnerung an wichtige Lebensereignisse, dient dem strukturierten Lebensrückblick. Das Wissen um die Biografie eines demenziell Erkrankten ist die Basis für eine individuelle Betreuung und Pflege.

Biografiearbeit bedeutet, die Vergangenheit im Rückblick zu akzeptieren, die Gegenwart realistisch zu sehen und im Ausblick, die verbleibende Zukunft sinnvoll zu gestalten.

Bezogen auf die Demenzkranken bedeutet dies, das Verhalten der betroffenen Person durch Kenntnis ihrer Lebensgeschichte besser verstehbar zu machen[34].

Eine wesentliche Ressource sind die Erinnerungen des Langzeitgedächtnisses, die bei den Erkrankten relativ lange intakt bleiben.

Ziele der Biografiearbeit sind, die Erhaltung des Identitätsgefühls und der Ich-Integrität des Erkrankten. Auch soll durch dieses Konzept das Vertrauen aufgebaut und ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt werden[35].

3.1.3 Validation (VAL) und integrative Validation (IVA)

Die Validation nach Feil (Konzeptentwicklung zwischen 1963 und 1980) begründet sich aus der humanistischen, analytischen und behavioristischen Psychologie[36].

Feil geht davon aus, dass desorientierte alte Menschen in ihre Vergangenheit zurückkehren, um belastende Lebenskonflikte zu lösen.

Das Konzept besteht aus besonderen Kommunikationstechniken, die in der Betreuung von dementen Menschen angewendet werden sollen. Der Schlüssel zu einer adäquaten Kommunikation ist dabei die Validation (von lat. validus: kräftig; engl.:gültig), also das „Für gültig erklären“ der Erfahrung und der subjektiven Wirklichkeit eines anderen Menschen. Die Kommunikation bezieht sich durch das aktive Anerkennen der Emotionen des dementen Menschen stark auf die Gefühlsebene. Voraussetzung für den damit verbundenen Versuch, den gesamten Bezugsrahmen einer Person zu verstehen, ist ein hohes Maß an Empathie[37].

In den Mittelpunkt rückt bei der Validation die Binnenperspektive des Betroffenen. Dabei wird diese Perspektive nicht in Bezug auf die Realität überprüft oder korrigiert.

Die Grundregeln der Gesprächstherapie nach Rogers sind Voraussetzungen für die Grundhaltung der Validation. Gemeint sind hiermit die unbedingte Wertschätzung und ein vorbehaltloses Akzeptieren des Erkrankten sowie das Verbalisieren seiner emotionalen Erlebnisinhalte und die Authentizität der betreuenden Person in den Gesprächen.

In der Validation werden die Gefühle der demenzkranken Person verbal und nonverbal aufgegriffen und die Grundbedürfnisse nach Zuwendung und Nützlichkeit erfüllt.

Nicole Richards entwickelte 1994, basierend auf Feils Validationskonzept ihre Integrative Validation (IVA).

Bei diesem Konzept liegt der Fokus auf den noch vorhandenen Fähigkeiten und Kompetenzen des Betroffenen. Diese sollen aktiviert und nutzbar gemacht werden.

Der Antrieb (z.B. Ordnungssinn, Humor, Pflichtbewusstsein) als Triebfeder des Handelns und Gefühl (z.B. Trauer, Misstrauen, Ärger) als Ausdruck für die gegenwärtige Befindlichkeit und als Reaktion auf die Umwelt nimmt hierbei eine Schlüsselposition ein.

Bei der IVA wird auf die ständige Interpretation des Verhaltens vor dem Hintergrund der Biografie des Betroffenen verzichtet.

Ziel der IVA ist mit kongruenter Kommunikation auf allen Ebenen, d.h. verbal, nonverbal und paraverbal den Betroffenen Sicherheit und Zugehörigkeit zu vermitteln und somit Stress und Ängste zu reduzieren, um dann letztendlich das Wohlbefinden zu steigern.[38]

3.1.4 Selbsterhaltungstherapie (SET)

Die Selbsterhaltungstherapie wurde 1997 von Romero entwickelt.

Diese Therapie verbindet die Erinnerungstherapie mit der Validation. Selbstwertgefühl und Identität soll erhalten werden, um dem zu erwartenden Verlust an Kontinuität, Erlebnissen und Selbstwissen entgegenzusteuern und somit Verhaltensstörungen zu reduzieren. Praktisch bedeutet dies, dass die konstante Bezugsperson auf alte, biografisch bedingte Vorlieben des Erkrankten zurückgreift, äußere Veränderungen vermeidet und die subjektive Realität des Demenzkranken erhält[39].

[...]


[1] Vgl. Deutsche Alzheimer Gesellschaft (2006)

[2] Vgl. Weyerer, S. (2005) S.7

[3] Vgl. Weyerer, S. (2005) S.22

[4] Vgl. Kötter, H.U.; Hampel, H. (2003), S.33

[5] Vgl. Universität Witten-Herdecke (2005)

[6] Vgl. Otterstedt, C. (2005), S.128

[7] Vgl. Grond, E. (2005), S.16

[8] Vgl. Gerber, W. D.; Basler, H. D.; Tewes, U. (1994), S.367

[9] Vgl. Kitwood, T. (2005), S.43-44

[10] Vgl. Grond, E. (2005), S. 18

[11] Vgl. Lind, S. (2000)

[12] Vgl. Universität Witten - Herdecke (2005)

[13] Vgl. Grond, E. (2005), S. 23-24

[14] Vgl. Grond, E. (2005), S. 22-24

[15] Vgl. Boetsch, T.; Stübner, S.; Auer, S. (2003), S. 73-90

[16] Vgl. Ehrhardt, T.; Plattner, A. (1999), S. 68-75

[17] Vgl. Möller, H-J.; Laux, G.; Deister A (1996), S. 193-195

[18] Vgl. Grond, E. (2005), S.35

[19] Vgl. Grond, E. (2005), S. 26-27

[20] Vgl. Kitwood, T. (2005), S. 121

[21] Vgl. Hegedusch, E.; Hegedusch, L. (2007), S.62

[22] Vgl. Hegedusch, E.; Hegedusch, L. (2007), S.62

[23] Vgl. Hegedusch, E.; Hegedusch, L. (2007), S. 59-61

[24] Vgl. Bartholomeyczik, S.; Halek, M. (2004)

[25] Vgl. Whitehouse et. al. (1997), S.56-60

[26] Vgl. Hegedusch, E.; Hegedusch, L. (2007), S.21

[27] Vgl. Hegedusch, E.; Hegedusch, L. (2007), S.22 zit. n. Universität Witten-Herdecke (2005)

[28] Vgl. Weyerer, S. (2005)

[29] Vgl. Kitwood, T. (2005), S.87

[30] Vgl. Hegedusch, E.; Hegedusch, L. (2007), S.25 zit. n. Förstl, H. (2003), u. Stuhlmann, W. (2004)

[31] Vgl. Hegedusch E.; Hegedusch, L. (2007), S.25, zit. n. Fischer, J. D.; Schwartz, G. (1999)

[32] Vgl. Hegedusch, E.; Hegedusch, L. (2007), S.26

[33] Vgl. Grond, E. (2005), S.69

[34] Vgl. Grond, E. (2005), S.70

[35] Vgl. Hegedusch, E.; Hegedusch, L. (2007), S.26

[36] Vgl. ebd.

[37] Vgl. Kitwood, T. (2005), S.88; Baier, B. (2001), S.393

[38] Vgl. Hegedusch, E.; Hegedusch, L. (2007), S.26-27

[39] Vgl. Grond, E. (2005), S.70

Details

Seiten
60
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638891196
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84448
Institution / Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg
Note
1,7
Schlagworte
Therapie Menschen Demenz Thema Demenz

Autor

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