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Die Palästinensische Generation von 1967/1968

Generationsspezifische Geschichtsphänomene in palästinensischen Selbstzeugnissen

Bachelorarbeit 2006 50 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Generationsforschung
2.1.1 Definition des Begriffs ’Generation’ und Kritikpunkte
2.1.2 Revolutionäre Generationen
2.1.3 Minderheitenprägung
2.1.4 Fremdwahrnehmung und Selbstreferentialität
2.1.5 Die Generation der 68er in Deutschland
2.1.6 Zusammenfassung
2.2 Autobiographische Texte in der Geschichtswissenschaft
2.2.1 Autobiographie oder Selbstzeugnis?
2.2.2 Persönlichkeitskonzepte im arabischen Kulturraum
2.2.3 Palästinensische Selbstzeugnisse nach 1948
2.2.4 ‚Weibliche’ Selbstzeugnisse
2.3 Palästinensische Selbstzeugnisse am Beispiel von Leila Khaleds Mein Volk soll leben ; Hanan Ashrawis Ich bin in Palästina geboren und Fawaz Turkis The Disinherited
2.3.1 Textauswahl
2.3.2 Begründung der Textauswahl

3. Die ausgewählten Selbstzeugnisse im Kontext der historischen Entwicklung von 1948 bis 1970
3.1 Die Vertreibung 1948 und der Beginn der palästinensischen Freiheitsbewegung
3.1.1 „Palästinensisches Bewusstsein“ für Geschichte und Politik
3.1.2 Gründung von al-Fatah und PLO
3.2 Der Juni-Krieg 1967 und die Folgen
3.2.1 Niederlage und Demütigung
3.2.2 Die PFLP und der Guerilla-Kampf
3.3 Der Zerfall der palästinensischen Revolution
3.3.1 „Der schwarze September“ in Jordanien
3.3.2 Marxistische Ideologie und das Scheitern von Bewusstseinsgenerierung

4. Identität und Generation der Palästinensischen 67er
4.1 ‚Generation’ als Konstruktion des kollektiven Gedächtnisses
4.2 Palästinensische Identität – Palästinenser-Sein
4.3 Die Palästinensische 67er Generation
4.4 Moderne und Feminismus
4.5 Die deutschen 68er und die palästinensischen 67er im Vergleich

5. Resümee

1.Einleitung

Ich möchte mich in der folgenden Arbeit der Frage zuwenden, ob es ein historisches Konstrukt gibt, das als palästinensische 67/68er Generation bezeichnet werden kann. Dabei ist für mich, neben die geschichtliche Definition aus der Retrospektive, vor allem die Selbstdefinition verschiedener Zeitzeugen von Interesse. Aus diesem Grund liegen dieser Arbeit drei autobiografische Texte zugrunde, die in Bezug auf die Fragestellung untersucht werden.

Es wird zunächst eine theoretische Basis geschaffen, indem wichtige Aspekte aber auch methodische Probleme der Generations- und autobiografischen Forschung dargelegt werden. Ziel der Betrachtung ist es eine Definition für ‚Generation’ festzulegen, anhand welcher die untersuchten palästinensische Autobiografien eingeordnet und analysiert werden.

Die theoretische Basis beruht dabei vor allem auf Überlegungen von Karl Mannheim in seinem Essay Das Problem der Generationen, wird aber noch um einige Aspekte erweitert.

Zur Einordnung der autobiografischen Texte beziehe ich mich auf Überlegungen aus dem Feld der Selbstzeugnisforschung, um den Rahmen für die Untersuchung möglichst offen zu halten und nicht aufgrund von zu strengen Genredefinitionen, wie sie in der Autobiografieforschung existieren, auf wichtige Elemente verzichten zu müssen.

Nach der theoretischen Verortung folgt ein historischer Überblick über die palästinensische Geschichte von 1948 bis 1970 um Ereignisse herauszuarbeiten, die für eine mögliche 67er Generation von entscheidender Bedeutung gewesen sein könnten. Dabei werden geschichtliche Daten bereits mit persönlicher Wahrnehmung und Deutung aus den Selbstzeugnissen in Verbindung gebracht.

Im Anschluss daran wird aus den Texten zunächst eine Identitätsdefinition als Palästinenser und im Anschluss daran eine Generationsdefinition der einzelnen Autoren abgeleitet, um schließlich zu einer allgemeinen Beschreibung der palästinensischen 67/68er Generation zu kommen.

Zum Abschluss soll diese noch in einem Vergleich der deutschen 68er Generation gegenüber gestellt werden, um sie letztendlich in einen internationalen Kontext einzuordnen.

2. Theoretischer Hintergrund

2.1 Generationsforschung

Im Folgenden soll zunächst eine Definition für den Begriff ‚Generation’ festgelegt werden, der als Basis für die weiteren Überlegungen dieser Arbeit fungiert.

Neben einer möglichen Definition werden aber auch Probleme und Kritikpunkte angesprochen; zum Beispiel der spezifische Fall revolutionärer Generationen, Selbstreferentialität und historische Fremdwahrnehmung, sowie die Frage nach Minderheitenprägung und gesamtgesellschaftlicher Relevanz.

Des Weiteren wird ein kurzer Einblick in wissenschaftliche Überlegungen zur deutschen 68er-Generation gegeben, der an einer späteren Stelle in dieser Arbeit noch einmal aufgegriffen wird, um einen Vergleich mit einem möglichen palästinensischen Pendant anzustrengen.

Abschließend werden bereits Überlegungen zur Bedeutung von Autobiografien für die Generationsforschung angesprochen, die dann in Punkt 3 eingehender erörtert werden.

2.1.1 Definition des Begriffs ’Generation’ und Kritikpunkte

Da in dieser Arbeit die Frage geklärt werden soll, ob man von einer palästinensischen 67/68er Generation sprechen kann und wie diese zu beschreiben wäre, muss zunächst einmal eine allgemeine Definition für den Begriff der Generation bestimmt werden, der als Fundament aller weiteren Überlegungen dienen kann.

Definitionen für ‚Generation’ sind derer in der Geschichtswissenschaft nicht wenige zu finden. Sie reichen von einer eher inflationär gebrauchten Bezeichnung altersmäßig und/oder erfahrungsmäßig homogener Gruppen[1], bis hin zu diversen anderen klassisch-wissenschaftlichen Erläuterungen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht alle möglichen Definitionen aufführen, sondern mich auf die Aspekte beziehen, die immer wieder verwendet werden, wenn es darum geht eine Generation zu charakterisieren.

Wenn man verschiedene Definitionen zusammenfasst, handelt es sich bei einer Generation um Individuen einer Altersgruppe, die aufgrund des kollektiven Erlebens von besonders einflussreichen sozialen, kulturellen oder politischen Ereignissen eine gemeinsame Prägung erfahren, welche zu einer spezifischen Bewusstseinsschichtung führt.[2]

Alle Faktoren, die eine solche homogenisierende Wirkung auf eine Gruppe von Individuen haben, werden von Mannheim unter dem Begriff „Entelechie“ zusammengefasst, den man in etwa mit ‚Zeitgeist’ übersetzen könnte.[3]

Bei der Betrachtung dieser Definition stellen sich mehrere Fragen, unter anderem wie wichtig das gemeinsame Alter der Individuen tatsächlich für den kollektiven Erfahrungszusammenhang ist. Mannheim legt den zeitlichen Rahmen für eine Generation auf 30 Jahre fest. Das bedeutet, der chronologische Zeitpunkt der Geburt ist von Bedeutung, weil er einen gemeinsamen zeitlichen Ausgangspunkt für das Erleben bestimmter Ereignisse schafft, die sich letztlich als konstituierende Faktoren für das generationale Bewusstsein herausstellen werden. Gleichzeitig räumt Mannheim aber ein, dass ein Individuum zwar in eine Generationslage hineingeboren wird, dies aber nicht zwangsläufig auch bedeutet, dass sich eine bewusste oder unbewusste Generationszugehörigkeit entwickeln muss.[4]

Als weiterer Kritikpunkt kann angeführt werden, dass es im historischen Prozess immer wieder geschichtliche Ereignisse gibt, die eine prägende Wirkung auf alle Mitglieder einer Gesellschaft, unabhängig von deren Alter, haben und die nicht einen generationsspezifischen sondern einen allgemeinen gesellschaftlichen Wandel hervorrufen.[5] Es stellt sich also die Frage in wie weit man solche Ereignisse in die Konstruktion einer Generation als historisches Gebilde mit einbeziehen kann und muss.

Auch wenn man nicht bei allen historischen Ereignissen mit Massenwirkung zwangsläufig von generationsbildenden Faktoren ausgehen kann, widerspricht ihre Einbeziehung in die Generationsforschung auch nicht dem Differenzbegriff der Generation als historischem Konstrukt. Die altersbedingt unterschiedliche Bewusstseinsschichtung, welche jede einzelne Generation auszeichnet, führt zwangsläufig auch zu einer differenzierten Wahrnehmung, Bewertung und Reaktion von und auf Ereignisse, die in ihrer Form von historischer Relevanz sind und die generationsspezifische Deutung legitimieren.[6]

2.1.2 Revolutionäre Generationen

Durch solche Überlegungen wird deutlich, dass sich aufgrund vom Generationspluralismus vor allem durch parallel existierende, sich durch die Altersgruppen ihrer Mitglieder unterscheidende Generationen, nebeneinander ablaufende „Geschichten“ vollziehen, die in Wechselbeziehungen zueinander stehen.

Die Generation der Kinder wird immer auch durch die Elterngeneration geprägt und hat ihrerseits Einfluss auf die ihr folgende Generation. Dieser Einfluss kann sogar einer der entscheidenden Faktoren zur Generationsbildung sein, wenn er sich zum Beispiel als ein radikaler Bruch mit der vorangegangenen Generation vollzieht.

Aus diesem Grund wird die Erlebnisfigur Jugend häufig mit dem Begriff der Generation in Verbindung gesetzt. Diese Betrachtungsweise ist spezifisch mit der geistigen Strömung der Moderne verbunden und schreibt der jugendlichen Generation die entscheidenden Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Erneuerung zu. Das Bedürfnis der Abgrenzung vom Vergangenen und der Schaffung einer eigenen, neuen Gegenwart, die nicht an Historie und Tradition gebunden ist, charakterisiert die Moderne und hat ihren historischen Ursprung in der französischen Revolution, als eine gewaltsame Erneuerung in Form der Geburt der bürgerlichen Nation.[7]

Nicht alle Generationen sind letztlich revolutionäre Generationen, die durch einen Bruch mit dem Alten einen gesellschaftlichen Wandel anstreben genauso wenig, wie alle Mitglieder einer Altersgruppe zwangsläufig ein und der selben Generation zu zurechen sind.

In der Retrospektive spielt diese Unterscheidung aber nur bedingt eine Rolle, da politische oder auch revolutionäre Generationen im Unterschied zu passiveren, ‚stillen’ Generationen ein besonders stark ausgeprägtes Sendebewusstsein haben und ihren politischen Selbstauftrag aktiv verbreiten. Dieser hegemoniale Deutungsanspruch über die Realität kann zu Gesellschaftskonflikten mit anderen parallel oder zeitlich verschoben existierenden Generationen führen. Letztlich setzen sich aber die dominierenden Generationen mit ihren kollektiven Merkmalen gegen konkurrierende Deutungsmuster durch und erhalten damit verstärkt historische Relevanz.[8]

2.1.3 Minderheitenprägung

Eine solche Pluralität von Generationen bedeutet auch, dass nicht alle Mitglieder einer Gesellschaft, die sich vor allem durch sozialkulturelle Differenzierung auszeichnet, nur weil sie der selben Altersgruppe angehören, auch Mitglied einer bestimmten Generation sein müssen.[9]

Grundsätzlich macht ein hohes Maß an gesellschaftlicher Differenzierung die Bildung einer gesamt-gesellschaftlich relevanten Generation eigentlich sogar unmöglich. Das bedeutet, dass Generationen vielmehr auf einer Minderheitenprägung basieren, die aber vor allem wenn sie einen revolutionären Gesellschaftsentwurf basieren, leichter wahrgenommen werden und historisch relevanter sind.

Die Streuung, beziehungsweise Bekanntmachung eines solchen politischen Entwurfs in der Gesellschaft und seine Akzeptanz machen ihn auch auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene repräsentativ. Man kann also sagen, nicht die Anzahl der Akteure ist von Bedeutung, sondern die Anzahl derer, die vom Gesellschaftsentwurf der Minderheit überzeugt werden können.[10]

2.1.4 Fremdwahrnehmung und Selbstreferentialität

Geht man von einem solchen Prozess aus, wird noch eine andere Überlegung deutlich, die bei der Betrachtung von Generationen von großer Bedeutung ist: Die Definition einer Generation erfolgt nicht nur über eine retrospektive Fremdbetrachtung, sondern auch durch die unmittelbare Selbstwahrnehmung ihrer Mitglieder.

Generationelle Selbstreferentialität erfolgt dabei auf mehreren Ebenen.

Zum einen nutzen Menschen das Ensemble alterspezifischer inhaltlicher Zuschreibungen, die eine Generation definieren, um sich in ihrer jeweiligen Epoche selbst zu verorten.[11]

Zum anderen formulieren vor allem politische Generation ihr eigenes Selbstverständnis auf Grundlage alterspezifischen Erlebens, welches geprägt ist durch einschneidende gesellschaftliche und politische Ereignisse und bedienen sich dem zeitlichen Ordnungsbegriff ‚Generation’ vor allem als Abgrenzung von älteren Generationen und deren spezifischer Wahrnehmung derselben Ereignisse.[12]

Damit kann man Generation auch als eine interessengeleitete Konstruktion verstehen, die immer dann eingesetzt wird, wenn eine Gruppe den Anspruch hat politische und kulturelle Führung zu übernehmen und sich als Generation beschreibt um die ‚Alten’ mit gesellschaftlicher Legitimation abzulösen.[13]

Der Begriff der Generation kann hierbei aber auch über eine flüchtige Gruppenzugehörigkeit hinwegtäuschen. Er soll ein Zusammengehörigkeitsgefühl etablieren und ein gesellschaftliches und zeitliches Territorium abstecken, auf das sich der hegemoniale Deutungsanspruch bezieht. Häufig meint der Begriff ‚Generation’ hier allerdings nur spezielle, aber keinesfalls allgemeingültige Lebensentwürfe.[14]

Eine entscheidende gesellschaftliche Auswirkungen politisch dominanter Generationen mit entsprechenden Selbstverständnis ist die Etablierung eines kollektiven, kulturellen Gedächtnisses, welches durch Selektionsprozesse und Instrumentalisierung der Vergangenheit aus dem Bestreben heraus entsteht, sich an die Spitze der kulturellen Tradition zu setzen.[15]

2.1.5 Die Generation der 68er in Deutschland

An der ‚Generation der 68er’ wie sie in Deutschland aufgetreten ist, lassen sich die Elemente dieser theoretischen Überlegungen sehr gut belegen und dies ist in verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten auch schon geschehen. Aufgrund dessen, möchte ich an dieser Stelle nur einige Fakten zusammenfassen.

Es handelt sich bei den deutschen 68ern um eine politische beziehungsweise revolutionäre Generation, die eine gesellschaftliche Erneuerung anstrebte und sich damit im Konflikt mit ihrer Elterngeneration um die kulturelle Deutungsmacht der deutschen Nachkriegsgeschichte befand.[16] Dieser Konflikt war gleichzeitig ein generationsbildender Faktor, der sich durch das Gefühl des Schuldig-Geborensein und dem daraus resultierenden Misstrauen und der Ablehnung gegenüber der Eltern-(Täter)-Generation konstituierte.[17]

Ein weiterer Einflussfaktor war der Aufbruch einer internationalen anti-autoritären politischen Bewegung, der man sich zugehörig fühlte und die historisch als Reaktion auf den Kalten Krieg und global auftretenden Bürger- und Unabhängigkeitskriege gesehen werden kann.[18]

Im Rückblick ist die 68er-Generation ebenfalls aufgrund einer Minderheitenprägung entstanden, die aber die nötige gesamtgesellschaftliche Relevanz erlangt hat. Dies geschah zum einen durch ihren radikalen Gesellschaftsentwurf und ihrer starken Identitätsstiftung, die auch über die Phase aktiver Identitätskonstruktion hinaus nachwirkte und sie auch für Menschen zum individuellen Bezugspunkt ihrer Biografie machte, die nicht an „revolutionären Aktivitäten“ beteiligt waren.

Stellt man also die Frage, ob es ein palästinensisches Pendant zur deutschen 68er-Generation gibt, so scheint interessant, ob dieselben internationalen Einflüsse auf beide Gesellschaften gewirkt haben, ob es eine regionale palästinensische Prägung gibt und in wie weit man diese mit der deutschen vergleichen kann. (Siehe Punkt)

2.1.6 Zusammenfassung

Zusammenfassend sind die einzelnen Ebenen, die bei der weiteren Betrachtung von ‚Generation’ in dieser Arbeit von Bedeutung sind, wie folgt zu beschreiben:

Generationen sind soziale Akteure mit einem natürlichen Anspruch auf die Leitungsposition in der Gesellschaft.

Sie sind gleichzeitig ein Identitätsbezug für die Mitglieder dieser Gesellschaft, der auf einer spezifischen Ausprägung des Denkens, Fühlens, Handelns und der kollektiven Erfahrung basiert. Die so entstandene Erfahrungsgemeinschaft nimmt damit Ereignisse und Lebensinhalte auf einer geteilten Bewusstseinsschicht wahr und deutet sie nach den gleichen Bewertungsmaßstäben. Kollektive Wahrnehmung und Deutung wiederum wird übersetzt in gesellschaftlich relevantes Handeln.[19]

Generationen haben somit immer eine individuelle und eine kollektive, identitätsstiftende Funktion.

Für die Geschichtswissenschaft bedeutet dies, dass besonders in der Generationsforschung das Sammeln von individuellen Erfahrungen, ihre Deutung und eine mögliche Anwendung auf größere gesellschaftliche Zusammenhänge wesentliche Bedingungen sind. Dies kann anhand von Autobiografien geschehen, da die Deutung eines Protagonisten als Vertreter einer Generation mit dem klassischen biografischen Selbstauftrag korrespondiert, die eigene Lebensgeschichte in einem politisch relevanten Bezugsrahmen darzustellen.

Dieser Bezugsrahmen entspricht dabei häufig einer Generationszugehörigkeit, in der sich der Akteur historisch, politisch und gesellschaftlich verortet. (siehe Punkt 2.1.4)

Dennoch muss beachtet werden, dass man bei einer Generation zwar von einer Erlebnis- und Erfahrungsgemeinschaft sprechen kann, dies aber nicht zwingend auch einen Schluss auf historischen Ursachen oder Folgen dieser Erlebnisse und Erfahrungen möglich macht.[20] Daher bleiben Zweifel an der historischen Verortung einer Autobiografie im Blick auf kollektive gesellschaftliche Erfahrungen und der vom Autor vorgenommenen ,Selbstreferentialität’.[21]

In der Analyse von Autobiografien geht es dabei nicht nur um einen objektiven Blick auf die jeweilige Generation, sondern auch darum, welche Faktoren sich für diese Generation als überindividuell identitätsstiftend herausgestellt haben und in welchem Maß diese eine gesamtgesellschaftlichen Reaktion auslöst.[22]

Auf diese und weitere Fragen bezüglich der Bedeutung von Autobiografien für die Geschichtswissenschaft und die damit verbundenen methodischen Probleme soll im nächsten Teil dieser Arbeit näher eingegangen werden.

2.2 Autobiografische Texte in der Geschichtswissenschaft

Bevor ich im Detail auf die von mir verwendeten Texte eingehen werde, möchte ich zunächst einige allgemeine theoretische Überlegungen zur literarischen Gattung der Autobiografie in der Geschichtswissenschaft darlegen. Des Weiteren werden spezifische Merkmale der palästinensischen Autobiografie dargestellt und kurz auf mögliche Besonderheiten bei weiblichen Autobiografien eingegangen, da zwei der von mir verwendeten Texte von Frauen verfasst worden.

Zum Abschluss werden alle drei Werke, die im weiteren Verlauf der Arbeit analysiert werden sollen, kurz vorgestellt und die Auswahl begründet.

2.2.1 Autobiografie oder Selbstzeugnis?

Wie bereits das Konzept der jugendlichen, revolutionären Generation ist auch das autobiografische Schreiben als Ausdruck der Individualität ein Konzept der westlichen Moderne.

Laut dieser Überlegung existiert das Individuum in seiner vollen Entfaltung nur als Staatsbürger, verankert in modernen nationalstaatlichen Strukturen und Vorstellungen. Das autobiografische Schreiben stellt dabei die literarische Gattung dar, in der die individuelle Verwirklichung auf reflektierte Weise zum Ausdruck kommt.[23]

Laut der klassischen Definition von autobiografischen Texten erfolgt die Beschreibung der Entwicklung des eigenen Lebens in einem Rückblick. Diese Retrospektive bringt häufig eine Mythologisierung der Erfahrungen und Erlebnisse des Individuums mit sich. Daher muss bei der Analyse von autobiografischen Texten besonders darauf geachtet werden, bewusste Selbstdarstellung nicht mit unmittelbarem Ausdruck des Selbst zu verwechseln.

Dies ist aber nur eins der methodischen Probleme, mit denen man sich bei der wissenschaftlichen Betrachtung von Autobiografien in der Geschichtswissenschaft auseinandersetzen muss.[24]

Besonders bei den Werken, die für diese Arbeit verwendet werden, wird deutlich wie schnell man mit den klassischen Definitionen über Autobiografien und Individualität an die Grenzen stößt, sobald man sich Texten aus einem anderen Kulturkreis zuwendet, auf den nachhaltige Faktoren der europäischen Moderne nicht anwendbar sind.

Individualität ist nur ein mögliches Persönlichkeitskonzept, für das nicht immer entsprechende Begrifflichkeiten und Definitionen in anderen Kulturen zu finden sind. Damit müssen natürlich auch die mit dem Begriff verbundenen Vorstellungen über das autobiografische Schreiben hinterfragt werden.

Um diesem Dilemma entgegen zuwirken, ging man in der Wissenschaft weg vom Begriff der Autobiografie und hin zu der weniger einschränkenden Bezeichnung ‚Selbstzeugnis’, die auch in dieser Arbeit verwendet werden soll.[25]

Selbstzeugnisforschung ermöglicht neben einem größeren räumlichen und zeitlichen (nicht auf die westliche Moderne beschränkten) Rahmen auch ein offeneres Quellenverständnis. Unter das Genre Selbstzeugnis fallen auch Texte, die bisher der strengen Definition von Autobiografie nicht entsprochen haben. Dies gilt auch für die in dieser Arbeit verwendeten Texte. Bei der folgenden Betrachtung wird offensichtlich, dass sie nicht dem klassischen Genre der Autobiografie entsprechen, es sich aber deshalb trotzdem um autobiografische Texte handelt.

Eine flexiblere Begrifflichkeit bewahrt die Selbstzeugnisforschung aber nicht vor Problemen, die schon bei der wissenschaftlichen Analyse von Autobiografien aufgetreten sind. Ihre wissenschaftliche Nützlichkeit wird kritisiert, da es sich nicht um theoretische Texte handelt, sondern um die subjektive Wiedergabe ein konkreten, individuellen Lebenserfahrungen, die nicht zwangsläufig zur Verallgemeinerung taugt.

Aber genau das verdeutlicht die Bedeutung autobiographischer Texte. An ihnen lässt sich untersuchen, in wie weit die individuelle Lebenswirklichkeit einer Person in eine theoretischen und soziale Wirklichkeit integriert war und in welchen Kontext von gesellschaftlicher Umgebung, historischer Situation und Beziehungsnetzwerken sie eingebunden war.[26] Aus der Analyse verschiedener, möglichst perspektivisch unterschiedlicher Selbstzeugnisse lässt sich daher durchaus ein empirisch-heuristisches Bild von geschichtlicher Realität darstellen, dass mehr verrät als pure historische Eckdaten und individuelle Gefühle und Ansichten.

2.2.2 Persönlichkeitskonzepte im arabischen Kulturraum

Wie bereits angedeutet, ist mit dem Schreiben von autobiografischen Texten immer die Bestätigung des eigenen Ichs, der eigenen Individualität verbunden. Dies wirft im Zusammenhang dieser Arbeit die Frage auf, in wie weit die Araber im Allgemeinen und die Palästinenser im Besonderen eine Vorstellung vom Individuum haben, die mit der westlichen Vorstellung zu vergleichen ist.[27]

Während die Beziehung zum eigenen Ich in westlichen Selbstzeugnissen durch häufige Introspektive gekennzeichnet ist, um die Frage zu beantworten: ‚Wer bin Ich?’, so scheint es in arabischen Selbstzeugnissen nicht vorrangig um die Entfaltung der Individualität, sondern um die soziale Rolle einer Person gehen. Bei diesem Konzept steht die Beziehung des Selbst zu seiner Gemeinschaft im Vordergrund.

Dies ist durch Einflussfaktoren bedingt, die für den Kulturkreis von entscheidender Bedeutung sind, wie zum Beispiel der Islam. Unabhängig von der Religiosität der Einzelperson hat er den arabischen Raum kulturell geprägt und damit eine Gesellschaft bedingt, in der Individualität und öffentliche Selbstdarstellung sich nicht in dem Maße entwickelt haben oder erwünscht sind, wie dies in anderen Gesellschaften der Fall ist.

Darüber hinaus spielt die Gruppenidentität, bedingt durch die Bindung an die Familie, den Clan und auch die Gemeinschaft der Gläubigen, eine entscheidende Rolle und führt dazu, dass die Übereinstimmung des Individuums mit der Gesellschaft von größerer Bedeutung ist als die Ausprägung der Persönlichkeit.

[...]


[1] Vgl. Kilian/Komfort-Hein, 1999: 10.

[2] Vgl. Weisbrod, 2005: 1.

[3] Vgl. Mannheim, 1970: 518f.

[4] Vgl. Ebd.: 536f.

[5] Vgl. Lepsius, 2005: 49.

[6] Vgl. Wildt, 2005: 11f.

[7] Vgl. Weisbrod, 2005: 3.

[8] Vgl. Weisbrod, 2005: 7f.

[9] Vgl. Mannheim, 1970: 536f und Lepsius, 2005: 51.

[10] Vgl. Lepsius, 2005: 51 und Wildt, 2005: 22.

[11] Vgl. Weisbrod, 2005: 6.

[12] Vgl. Wildt, 2005: 10f.

[13] Vgl. Wildt, 2005: 17.

[14] Vgl. Kilian/Komfort-Hein, 1999: 10.

[15] Vgl. Ebd.: 15.

[16] Vgl.: Komfort-Hein (2), 1999: 191f.

[17] Vgl. Ebd.: 208.

[18] Vgl. Ebd.: 192.

[19] Vgl. Wildt, 2005: 7f.

[20] Vgl. Weisbrod, 2005: 8f.

[21] Vgl. Kilian/Komfort-Hein, 1999: 13.

[22] Vgl. Ebd.: 14.

[23] Vgl. Jancke/Ulbrich, 2005: 8.

[24] Vgl. Ebd.

[25] Vgl. Ebd.: 10.

[26] Vgl. Ebd.

[27] Vgl. Enderwitz, 2002: 1.

Details

Seiten
50
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638886086
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84443
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Schlagworte
Palästinensische Generation

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Titel: Die Palästinensische Generation von 1967/1968