Lade Inhalt...

Der Trainer im Bambini-Fußball

Zwischen Geschichtenerzähler und Mitspieler

Examensarbeit 2006 113 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theoretische Grundlagen
1.1 Definition und Abgrenzung der Kernbegriffe
1.1.1 Training
1.1.2 Trainer
1.1.3 Übungsleiter
1.1.4 Bambini
1.2 Richtlinien für Fußballspiele im Bambini-Bereich

2. Trainingsgruppe
2.1 Entwicklung im Kindesalter
2.2 Zur Bedeutung der Bewegungserziehung

3. Kinderfußball im Wandel
3.1 Die Bewegungswelt von damals
3.2 Die heutige Bewegungs- und Lebensumwelt von Kindern
3.2.1 Zur Veränderten Kindheit
3.2.2 Freizeitaktivitäten von Kindern
3.2.3 Wandel des Sportzuganges
3.3 Historischer Vergleich methodischer Zugänge im Kinderfußball

4. Trainer
4.1 Soziale Rolle des Trainers
4.2 Ehrenamtliche Mitarbeit und Freiwilligenarbeit
4.3 Bambini-Trainer
4.3.1 Wie wird man Bambini-Trainer?
4.3.2 Anforderungen an Bambini-Trainer
4.3.2.1 Fähigkeiten
4.3.2.2 Verhalten
4.3.2.3 Aufgaben
4.3.2.3.1 Zusätzliche sportliche Vereinsangebote
4.3.2.3.2 Zusätzliche außersportliche Vereinsangebote
4.3.2.3.3 Zusammenarbeit mit Eltern
4.3.2.3.4 Kooperation mit Kindergärten
4.3.2.3.5 Kooperation mit Schulen
4.3.2.3.6 Bewegungsangebote für Klein- und Vorschulkinder
4.3.2.3.7 Aufbau einer Bambini-Mannschaft
4.3.2.3.8 Zusammenarbeit mit dem eigenem Verein
4.3.2.4 Konsequenzen für die Betreuung
4.3.3 Aus-, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten

5. Von der Theorie zur Praxis: Überprüfung der Anwendbarkeit
5.1 Empirische Untersuchung
5.1.1 Untersuchungsverfahren
5.1.2 Untersuchungsdurchführung
5.1.3 Untersuchungsauswertung
5.1.4 Versuch der Beantwortung von Forschungsfragen
5.1.4.1 Chancen und Perspektiven
5.1.4.2 Kritische Betrachtung: Probleme und Defizite
5.1.5 Erhaltenes Feedback

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

Einleitung

Im Jahr der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Lande herrscht ähnlich wie nach den Titelgewinnen der deutschen Nationalmannschaft in den Jahren 1974 und 1990 (vgl. Wagner, 1991, S. 5) eine Begeisterungswelle für den Fußball, die zu neuen Anmeldeschüben in den Jugendabteilungen der Fußballvereine führt. 2005 waren im Deutschen Fußball-Bund (DFB) mehr als zwei Millionen Jungen und Mädchen in über 25.000 Vereinen mit ca. 100.000 Mannschaften gemeldet (vgl. DFB)[1]. Demnach bleibt Fußball die Sportart Nummer eins in Deutschland und der DFB der größte Fachverband im Deutschen Sportbund (DSB).

Insbesondere in den jüngsten Altersklassen der Vereine spielen so viele Kinder wie nie zuvor Fußball. Dieser erfreulichen Entwicklung tragen die Vereine Rechnung: Zahllose Trainer[2] und Übungsleiter arbeiten mit viel Herz und Engagement „ mit den kleinen Stars von morgen “ (Bischops & Gerards, 1995, S. 9).

Kinder kommen mittlerweile bereits im Alter von vier bis sechs Jahren in Fußballvereine, um in Bambini-Mannschaften zu spielen. „ Den Eintritt in den Verein vollziehen sie mit einer ‚vorsichtigen’ Freude. Freude wegen der Hoffnung auf Spiel und Bewegung sowie auf das Gewinnen neuer Freunde; Vorsicht wegen der neuen Situation, die dem Kind unbekannt ist “ (Bischops & Gerards, 1995, S. 11). Überdies handelt es sich bei Bambini um Vorschulkinder, die zuvor in der Regel keinerlei Kontakt mit angeleitetem Sport hatten. Folglich ist der Trainer meist die erste Kontaktperson in Sachen Sport. Klaus Bischops und Heinz-Willi Gerards stellen heraus, dass es daher sehr entscheidend sei, wie ein neues Kind vom Trainer an das Spiel Fußball herangeführt wird: „ Wenn es unser Ziel sein soll, dass Sechsjährige auch noch mit 40 Jahren Freude am aktiven Fußball haben sollen, müssen wir alles tun, was Kinder an die Sache ‚Fußball’ fesselt, ihnen Freude und Erlebnis vermittelt und ihnen einen kräftigen Motivationsschub verleiht “ (Bischops & Gerards, 1995, S. 11).

Du bist Trainer der Bambini? Das kann doch jeder “; „ Ein Kindertrainer muss doch nicht viel von Fußball verstehen “; „ Für die Kleinen brauchst du doch noch keine Planung für das Training zu machen “. Mit solchen oder ähnlichen Aussagen werden Bambini-Trainer häufig aus ihrem Umfeld konfrontiert. Sie verdeutlichen, dass Anforderungen an die Betreuung der Vier- bis Sechsjährigen meist unterschätzt werden.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die spezifischen Anforderungen, die an Bambini-Trainer gestellt werden, zu analysieren, die Notwendigkeit für eine pädagogische und fachliche Ausbildung zu verdeutlichen, Probleme und Defizite zu benennen, mit denen ein Bambini-Trainer konfrontiert wird und mögliche Lösungswege hierfür aufzuzeigen.

Als ausübender Bambini-Trainer und angehender Sportlehrer veranlasste mich einerseits die Beobachtung mit welcher Freude und Spaß die Kinder dem Fußball begegnen und andererseits die vorab beschriebenen Aussagen des Umfelds zur Auseinandersetzung mit dieser Thematik.

Der Aufbau der Arbeit zielt darauf ab, zunächst wissenschaftliche Erkenntnisse zur Entwicklung im Kindesalter zu schildern, um darauf aufbauend die Thematik des Bambini-Trainers zu behandeln. Denn auch in der Praxis sollte ein Kindertrainer erst einige Grundzüge kindlicher Entwicklung kennen, bevor er pädagogisch erfolgsversprechende Wege beschreiten kann (vgl. Bischops & Gerards, 1995, S. 8).

Eingangs erfolgt eine Darstellung theoretischer Grundlagen (Kap. 1), in der zunächst eine Definition und Abgrenzung der im Text verwendeten Kernbegriffe vorgenommen wird. Des Weiteren werden vom DFB und dessen Landesverbänden herausgegebene Richtlinien für Fußballspiele im Bereich der Bambini betrachtet.

Anschließend werden die Besonderheiten der Lerngruppe der vier- bis sechsjährigen Bambini detailliert untersucht (Kap. 2). Dabei bilden die Entwicklung im Kindesalter und die Bedeutung der Bewegungserziehung den Schwerpunkt der Ausführungen.

Gegenstand des dritten Kapitels ist die Entwicklung des Kinderfußballs von den 1950er Jahren bis heute. Dazu wird ein Vergleich der damaligen und heutigen Bewegungs- und Lebensumwelt der Kinder durchgeführt.

Im Anschluss daran, wird im vierten Teil zum einen die spezifische Rollenproblematik des Trainers gekennzeichnet und die Thematik der ehrenamtlichen Mitarbeit aufgegriffen. Zum anderen werden aktuelle Anforderungsmerkmale und das Aufgaben- bzw. Tätigkeitsgebiet des Bambini-Trainers beschrieben sowie Konsequenzen für die Betreuung der vier- bis sechsjährigen Kinder benannt.

Darüber hinaus wird ein Überblick über bestehende Aus-, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen des Deutschen Fußball-Bundes gegeben.

Im Rahmen der Ausführungen in Kapitel fünf soll überprüft werden, inwieweit pädagogische Erwartungen Anwendung im praktischen Alltag der Bambini-Trainer finden können. Zu diesem Zweck wurde eine empirische Untersuchung bei Bambini-Trainern durchgeführt. In der abschließenden Betrachtung der Ergebnisse werden Chancen und Perspektiven, aber auch Defizite und Versäumnisse im Bereich der Arbeit des Bambini-Trainers erörtert.

1. Theoretische Grundlagen

1.1 Definition und Abgrenzung der Kernbegriffe

Vor der Auseinandersetzung mit den Themengebieten Kinder, Kindheit, Entwicklung und Trainer erfolgt zunächst im folgenden Kapitel eine Definition und Abgrenzung der im Text verwendeten Kernbegriffe.

1.1.1 Training

„Der Begriff ‚Training’ lässt sich im allgemeinen Sprachgebrauch für die verschiedensten Bereiche verwenden und beinhaltet dabei zumeist einen Übungsprozeß, der ein mehr oder weniger ausgeprägtes Maß an Verbesserung im jeweiligen Zielbereich anstrebt“ (Martin, 1977, S. 14).

Demnach wird Training ganz allgemein als ein Prozess verstanden, der eine Zustandsänderung (physisch, motorisch, kognitiv, affektiv) bewirkt (vgl. Weineck, 1997, S. 18). Auch Übungsprozesse im außersportlichen Bereich, wie bspw. Kommunikationstraining für Mitarbeiter eines Unternehmens oder mentales Training im Vorfeld einer Prüfung sind darin eingeschlossen.

Sportliches Training

Das für die Thematik der vorliegenden Arbeit relevante sportliche Training wird nach Martin, Carl und Lehnertz wie folgt definiert:

„Sportliches Training ist ein komplexer Handlungsprozess, der auf die planmäßige Entwicklung bestimmter sportlicher Leistungszustände und deren Präsentation in sportlichen Bewährungssituationen, speziell im sportlichen Wettkampf, ausgerichtet ist.“ (1991, S. 16).

Ein komplexer Handlungsprozess ist darauf ausgerichtet, angemessene Wirkungen auf alle leistungsrelevanten Merkmale eines Sportlers zu erzielen. Da langfristige Vorüberlegungen, die für eine zielgerichtete Weiterentwicklung notwendig sind, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und Trainingstheorien basieren, ist die Rede von einer planmäßigen Entwicklung (vgl. Weineck, 1997, S. 18).

Kindertraining

Im Kindertraining sollen Bedingungen der Entwicklungsprozesse berücksichtigt und unterstützt werden. Es wird längerfristig, abschnittsweise und systematisch aufgebaut und ist damit perspektivisch ausgerichtet. Kindertraining richtet sich ebenfalls an die Anforderungen der betreffenden Sportart. Eine spätere sportliche Höchstleistung kann nur dann erzielt werden, wenn erforderliche physische und motorische Leistungsfaktoren bereits im Kindes- und Jugendalter entwickelt und geschult wurden. Ein gutes Kindertraining soll demnach vor allem kindgerecht, vielseitig und Spaß bringend sein (vgl. WLSB[3], 2001, S. 14).

Weineck weist darauf hin, dass es im Kindesalter „ zu strukturellen und funktionellen Anpassungserscheinungen jener Organe und Organsysteme “ kommt, „ die an der Aufrechterhaltung der Leistung maßgeblich beteiligt sind oder diese Leistungen begrenzen “ (1997, S. 213).

Zum Verständnis des Begriffs Training

Auch im Bereich des Bambini-Fußballs werden regelmäßige Spiel- und Übungsstunden im Verein üblicherweise als Training bezeichnet. Jedoch ist dieser Begriff in Bezug auf die Arbeit mit vier- bis sechsjährigen Kindern grundsätzlich anders zu verstehen als bspw. im Zusammenhang mit dem Training von Junioren- oder Seniorenfußballern. Dies gilt insbesondere hinsichtlich der Inhalte sowie bezüglich des Trainerverhaltens (vgl. WFLV, 2005, S. 28).

Der DFB bevorzugt den Begriff Spielstunden, da dieser den Aufbau einer Übungsstunde passender charakterisiere. Schließlich handele es sich dabei um eine Aneinanderreihung von kleinen Spielen und motivierenden spielerischen Bewegungsaufgaben (vgl. DFB, 2005, S. 104).

Der Westdeutsche Fußball- und Leichtathletikverband (WFLV) verwendet den Begriff Training in seiner Arbeitshilfe „Bambini/Minikicker“ darüber hinaus, weil der Trainer seinen Alltag darin besser wieder findet. Letztlich werden darunter jedoch vielfältige sportartenübergreifende Spiel- und Erfahrungserlebnisse verstanden, die Vier- bis Sechsjährige machen können (vgl. 2005, S. 28).

In dieser Arbeit wird der Begriff Training synonym für alle Spiel- und Übungsstunden für Bambini verwendet. Diese Bezeichnung ist in Fußballvereinen und auch bei den Kindern der hier angesprochenen Altersgruppe üblich. Allerdings ist damit nicht die Durchführung eines fachspezifischen Fußballtrainings gemeint.

1.1.2 Trainer

Trainer ist ein überwiegend im Sport verwendeter Ausdruck. Allerdings wird der Trainerbegriff in verschiedenen anderen Gebieten ebenfalls gebraucht.

Im Bereich Weiterbildung kann man den Leiter eines Seminars auch als Trainer bezeichnen und ein Buch zur Verbesserung des Erinnerungsvermögens nennt man häufig Gedächtnistrainer.

Im Sport ist ein Trainer ein fachkundiger, qualifizierter pädagogischer und technologischer Leiter des sportlichen Trainings, der Sportler und Trainingsgemeinschaften im Prozess der sportlichen Trainings- und Wettkampftätigkeit vorbereitet und betreut. Über die für einen Sportlehrer erforderlichen Voraussetzungen hinaus muss ein Trainer spezifisches Wissen und Können in der Sportart sowie in der allgemeinen und speziellen Trainingslehre aufweisen und besitzt in der Regel einen je nach Leistungsklasse geforderten Qualifikationsnachweis (vgl. Schnabel & Thiess, 1993b, S. 857).

Mit der Bezeichnung Trainer kann sowohl der Beruf als auch die Funktion (bei nebenberuflicher Tätigkeit) gemeint sein. Trainer im Sportbereich werden ferner als Coach oder Teamleader bezeichnet. Ihrem Aufgabenbereich und ihrer Qualifikation entsprechend, werden sie z.B. mit Nationalmannschafts-, Chef- oder Oberliga-Trainer benannt (vgl. Rohr & Simon, 1987, S. 394). Voraussetzung für die meist haupt- oder nebenamtliche Tätigkeit in Vereinen oder Verbänden des DSB ist die Absolvierung spezifischer und gestaffelter Ausbildungsgänge und Abschlussprüfungen, die zum Erwerb entsprechender Trainerlizenzen führen (vgl. Schnabel & Thiess, 1993b, S. 858).

1.1.3 Übungsleiter

Im Vergleich zum Trainer ist ein Übungsleiter ein ehren- bzw. nebenamtlicher Leiter des Übungs- und Trainerbetriebs von Einzelsportlern, Sportgruppen und –mannschaften im Breiten- und Freizeitsport sowie im Leistungssport auf unterer Ebene und in der Nachwuchsentwicklung (vgl. Schnabel & Thiess, 1993b, S. 907). In Ausbildungsgängen, die durch die Landessportbünde bzw . Landessportverbände organisiert und gestaltet werden, erwerben Übungsleiter die Befähigung, den Übungs- und Trainingsbetrieb durchzuführen. Dies erfolgt auf Grundlage trainingsmethodischer und didaktischer, sportmedizinischer und sportpädagogischer sowie sportpsychologischer Erkenntnisse und entspricht den vielfältigen und differenzierten Bedürfnissen der Praxis des Breiten- und Freizeitsports sowie unter Berücksichtigung besonderer Zielgruppen (Senioren, Behinderte, Rehabilitanden u.a.). Gestufte Lizenzen der Landessportbünde bzw. der jeweiligen Fachverbände ermöglichen den Erwerb dieser Befähigung (vgl. Schnabel & Thiess, 1993b, S. 907).

Im Verlauf der Arbeit wird der Begriff Trainer für alle Personen verwendet, die Training im Bereich des Kinderfußballs durchführen. Demnach ist auch die Tätigkeit des Übungsleiters mit eingeschlossen.

Die Entscheidung für diese Festlegung wurde getroffen, weil es zum einen für fußballspielende Vier- bis Sechsjährige und für deren Umfeld üblich ist, den Verantwortlichen während Training und Spiel als Trainer zu bezeichnen und zum anderen dieser Begriff vom DFB ebenfalls in seinem Lehrbuch „Fußball von morgen“ verwendet wird (vgl. DFB, 2005, S. 14 ff).

1.1.4 Bambini

Anders als in den höheren Altersklassen existiert in den Fußballverbänden Deutschlands keine einheitliche Bezeichnung für die Gruppe der vier- bis sechsjährigen Fußballer.

Der Deutsche Fußball-Bund bezeichnet die Altersklasse entweder als Bambini (vgl. DFB,[4] 2006) bzw. Bambinis (vgl. DFB, 2005, S. 18) oder – analog zum Hessischen Fußballverband (HFV) – als G-Junioren (vgl. HFV, 2004, S. 3; DFB, 2005, S. 18). Der Berliner Fußball-Verband wählt den Begriff Minis (vgl. BFV,[5] 2004) und in Nordrhein-Westfalen werden sie als Minikicker (vgl. WFLV, 2005, S. 3) betitelt. Darüber hinaus sind die Bezeichnungen U7 und G-Jugend verbreitet.

Inmitten dieser Vielfalt an Synonymen für die vier- bis sechsjährigen Vereinsfußballer hat sich die Bezeichnung Bambini wohl als die Geläufigste etabliert. Dementsprechend wird der Begriff im Verlauf dieser Arbeit für alle Jungen und Mädchen verwendet, die dieser Altersklasse angehören.

1.2 Richtlinien für Fußballspiele im Bambini-Bereich

Um zu gewährleisten, dass Fußballspiele der Bambini nach kindgerechten und möglichst einheitlichen Regeln und Bestimmungen durchgeführt werden, haben der DFB und seine Landesverbände folgende Richtlinien erlassen (vgl. WFLV, 2005, S. 80 ff):

Alter der Spieler

Bambini einer Spielzeit sind Jungen und Mädchen, die im Kalenderjahr, in dem das Spieljahr beginnt, das sechste Lebensjahr vollenden oder vollendet haben, sowie jüngere Spieler und Spielerinnen. Zudem müssen die Kinder Vereinsmitglied sein.

Altersklasse

Die Altersklasse ist eine Einteilungsstufe der Sportler und Sportlerinnen nach ihrem kalendarischen Alter zur vergleichbaren Abwicklung von Wettkämpfen in den einzelnen Sportarten. Ihre Bezeichnung ist jeweils nach Sportart unterschiedlich. Aktive nehmen das ganze Wettkampfjahr an sportlichen Vergleichen in ihrer Altersklasse teil. Die Altersklasse ist jedoch keine Leistungsklasse (vgl. Schnabel & Thiess, 1993a, S. 44)

Einteilung der Altersklassen

Am Beispiel des Hessischen Fußball-Verbands wird nachstehend die Einteilung der Altersklassen für das aktuelle Spieljahr 2005/2006 dargestellt.

Tab. 1. Altersklasseneinteilung für das Spieljahr 2005/2006 (vgl. HFV, S. 3)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Stichtag ist der 1. Januar jeden Jahres. In jedem neuen Spieljahr liegt der dann zutreffende Stichtag um ein Jahr später. Im Spieljahr 2006/2007 dürften Kinder folglich nicht vor dem 1. Januar 2000 geboren worden sein, um in der Altersklasse der Bambini mitspielen zu können.

Der Einsatz von Spielern einer jüngeren Altersklasse in der nächsthöheren Altersklasse ist möglich.

Spielbetrieb

In der Vergangenheit gab es unterschiedliche Regelungen für Spiele im Bambini-Bereich. Die folgenden Empfehlungen des WFLV sollen zu einer Vereinheitlichung führen (vgl. 2005, S. 78 ff).

Meisterschaftsspiele, d.h. Spiele, die mit Punktwertung und Tabellen verbunden sind, sollen im Altersbereich der Bambini nicht ausgetragen werden. Eine Tabelle können Vier- bis Sechsjährige noch gar nicht nachvollziehen. „ Sie spielen immer eines einzigen Spiels wegen und nicht wegen eines Tabellenplatzes am Ende einer Spielrunde “ (WFLV, 2005 S. 78). Ferner erzeugt das Führen von Tabellen unbewusst einen Druck auf den Trainer, dem er sich nicht immer entziehen kann. Die Konsequenzen daraus können im ungünstigsten Fall eine Umgestaltung des Trainings auf Kosten des spielerischen Schwerpunktes oder gar eine Vernachlässigung leistungsschwächerer Kinder bei der Aufstellung sein.

Als sinnvolle Organisationsformen für einen Spielbetrieb der Vier- bis Sechsjährigen werden Freundschaftsspiele und Spielrunden ohne Punktwertung erachtet.

Dazu kann ein Verein seine Bambini-Mannschaft zu einer Spielrunde anmelden, die vom Fußballkreisverband organisiert wird und meist aus einer Hin- und Rückrunde besteht. Die Spielrunden sollen gewährleisten, dass die gemeldeten Vereine eine bestimmte Anzahl von Spielen absolvieren. Überdies sollen Bambini-Trainer oder Jugendleiter zweier Vereine Termine für Freundschaftsspiele verabreden, um ihren Mannschaften eine weitere Möglichkeit zur Teilnahme an Spielen zu bieten.

Im Fußballkreis Waldeck-Frankenberg etwa findet zweimal im Spieljahr ein Treffen aller Bambini-Trainer statt. Der anwesende Kreisjugendobmann teilt die Bambini-Mannschaften des Kreises in 4er- oder 5er-Gruppen ein. Durch die Vereinbarung, dass jeder Verein ein Turnier für die Mannschaften seiner Gruppe ausrichtet, kommt eine organisierte Turnierserie zustande. Anschließend treffen die Trainer jeder Gruppe Terminabsprachen für die Austragung der jeweiligen Turniere.

In seinem 2005 veröffentlichten Band 1 „Fußball von morgen – Kinderfußball“ der Lehrbuchreihe „Qualifizierungsoffensive“ weist der DFB darüber hinaus den so genannten Bambini-Treffs eine immer bedeutender werdende Funktion zu (vgl. S. 118). Im Verlauf der Arbeit folgt dazu eine detaillierte Erläuterung.[6]

Anzahl der Spieler

Die Autoren der Arbeitshilfe „Bambini/Minikicker“ empfehlen, dass eine Mannschaft idealerweise aus sieben Spielern bestehen sollte. Falls von den beteiligten Mannschaften jeweils mehr als zehn Kinder anwesend sind, können im Interesse der Kinder nach Möglichkeit zwei kleine Spielfelder angelegt und zwei Spiele parallel mit geringerer Spieleranzahl ausgetragen werden, um allen Kindern die Möglichkeit zum Spielen zu bieten. Zudem sei eine Verringerung der Spielerzahl in Ausnahmefällen möglich (vgl. WFLV, 2005, S. 80).

Spielfeld

Die Nutzung der gesamten Größe des Fußballplatzes oder auch nur einer Spielfeldhälfte wird für dieses Alter als nicht sinnvoll erachtet. Für das Spiel „7-gegen-7“ wird eine Spielfeldgröße von maximal 35 x 25 Metern vorgesehen. Dabei bleibt die Anordnung der Kleinspielfelder auf dem Normalfeld dem gastgebenden Verein überlassen.

Vom HFV werden ergänzend weitere Richtlinien für die Austragung von Fußballspielen im Altersbereich der Bambini festgelegt. Diese können der nachstehenden Tabelle entnommen werden.

Tab. 2. Richtlinien für Bambini im Spieljahr 2005/2006 (vgl. HFV, 2004, S. 81)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Trainingsgruppe

Mit den folgenden Fragestellungen leitet der Deutsche Fußball-Bund sein Lehrbuch zur Reihe „Qualifizierungsoffensive“ ein:

Kinderfußball ist ganz anders, als viele Erwachsene meinen! Jede Sekunde in Training und Spiel sollte sich ausschließlich an den Interessen und dem Können der Kinder ausrichten: Wie sind Kinder? Was wollen sie, woran haben sie Spaß? Und was können sie momentan überhaupt leisten? “ (DFB, 2005, S. 7).

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Entwicklung im Kindesalter sowie der Bedeutung der Bewegung und soll zur Beantwortung der oben angeführten Fragen beitragen. Dabei wird sich vornehmlich auf die Altersgruppe der Vier- bis Sechsjährigen beschränkt, da diese die fußballspielende Gruppe der Bambini ist.

2.1 Entwicklung im Kindesalter

Bis heute gibt es in der Forschung um Kinder, Kindheit und Entwicklung keine allgemein akzeptierte Verständigung über die alleinige Gültigkeit einer bestimmten Theorie (vgl. Baacke, 1999, S. 60). Es existiert eine Vielfalt an Modellen über die Zugehörigkeit von Kindern zu einer bestimmten Gruppe bestimmten Alters bei denen diverse Einteilungen in Altersgruppen und Entwicklungsphasen vorgenommen wurden (vgl. Baacke, 1999, S. 56; Brüggemann, 1999, S. 12 ff; Müller-Wiedemann, 1973, S. 15; Stone & Church 1978, S. 126).

Ich habe mich entschieden, meine Erläuterungen zur Entwicklung im Kindesalter am Modell nach Detlev Brüggemann (1999) zu orientieren, da dieses deckungsgleich zum Altersbereich der Bambini ist.

In seinem Buch „Kinder- und Jugendtraining“ unterteilt Brüggemann die Phasen der natürlichen Reifung in die Zeit des Vorschul- und Schulkindalters vom etwa 4. bis etwa 12. Lebensjahr – wobei ferner eine Einteilung in Vorschulalter (4.-6. Lebensjahr) und Schulkindalter (7.-12. Lebensjahr) gemacht wird. Weiter differenziert er zwischen der Pubertät mit der als Längenwachstumszeit bekannten ersten puberalen Phase (ca. 12.-14. Lebensjahr) und der als Breitenwachstumszeit bezeichneten zweiten puberalen Phase (14.-16. Lebensjahr) sowie den Übergang in das Erwachsenenalter, der so genannten Adoleszens (etwa 17.-19. Lebensjahr) (vgl. 1999, S. 12).

Da es sich bei den Bambini vornehmlich um vier- bis sechsjährige Jungen und Mädchen handelt – in Ausnahmefällen fangen Kinder bereits im Alter von drei Jahren mit dem Fußballspielen an – entspricht dies der Phase des Vorschulalters.

Vorschulalter

In den ersten drei Lebensjahren erwerben Kinder motorische Grundbewegungen, wie Laufen, Werfen, Greifen und erfahren deren Wirkung auf ihre Umwelt. Zudem werden erste sensomotorische Fähigkeiten, wie Orientierung, Raum- und Zeitwahrnehmung sowie Muskelkontrolle angeeignet.

Etwa vom vierten Lebensjahr an werden neben den für das individuelle technische Können und das allgemeine Bewegungsgeschick verantwortlichen koordinativen auch jene geistigen und psychischen Fähigkeiten angelegt, ausgeformt und ausgeprägt, die über Kreativität und Phantasie die so genannte Spielfähigkeit eines Kindes entwickeln (vgl. Brüggemann, 1999, S. 11).

Kinder lernen durch Spielen

Vornehmlich in der Zeit zwischen dem vierten und achten Lebensjahr bewältigen Kinder ihre Umwelt, deren Bedingungen und die Eindrücke aus dieser, ohne dass ihre Handlungen und deren Erfolg oder Misserfolg Konsequenzen seitens der Erwachsenen hervorrufen würden. Brüggemann bezeichnet dies als „ folgenloses Spielen“ (1999, S. 11).

Diese für die Persönlichkeitsentwicklung und damit auch für kreative sportliche Leistungen bedeutende Bewältigung der Umwelt erfolgt etwa bis zum achten Lebensjahr in eigenen, aus der Vorstellungswelt des Kindes geborenen Spielen. In der Phantasie ihrer Spiele und deren Regeln erleben Kinder ihren Lebensraum so, wie sie diesen sehen und empfinden. Kreativität und Phantasie erhalten in der Zeit durch die eigenbestimmten Spiele hervorragende Lern- und Entwicklungsbedingungen.

Unerbetene Fremdeinwirkung durch den Erwachsenen würde in dieser Zeit die natürliche kindgemäße Persönlichkeitsentwicklung stören, letztlich sogar auch dauerhafte Mängel und Defizite im kognitiven, psychischen und sozialen Persönlichkeitsbereich zementieren.

Erst etwa vom achten Lebensjahr an beginnen Kinder auch Spiele mit Regeln, die von Erwachsenen vorgegeben wurden, als Spiel zu übernehmen und in ihnen aus eigenem Antrieb heraus zu spielen und eigene sportliche und soziale Handlungsmuster zu entwickeln.

Es ist festzuhalten, dass vielfältige und ausreichende Bewegungserfahrungen durch Spiele mit abwechslungsreichen Bewegungsformen und eigendefinierten Spielzielen für den ganzheitlichen Entwicklungsprozess des Kindes, für seine individuelle, harmonische Persönlichkeitsentwicklung, eine fundamentale Bedeutung besitzen (vgl. Brüggemann, S. 11 ff).

Orientierung an Vorbildern

Insbesondere im Vorschul- und frühen Schulkindalter stehen die Eltern, die Erzieher, der Lehrer und der Trainer im Mittelpunkt der kindlichen Vorstellungswelt. Ein Kind orientiert sich in dieser Phase weitgehend an deren Verhalten, indem es nachmacht, was der Erwachsene tut und so in die Rolle seines Vorbildes schlüpft. „Sportliche Idole werden auserkoren und ihnen nachgeeifert. Einmal Franz Beckenbauer spielen, einmal sich als Torjäger der Nation feiern lassen, darin erfüllen sich kindliche Wünsche und Spiele “ (Brüggemann, 1999, S. 13).

Beginnend mit dem Eintritt in das zehnte Lebensjahr wendet sich das Kind immer stärker von seinen erwachsenen Bezugspersonen hin zu seinen Alterskameraden.

War es noch im F- und E-Juniorenalter der Trainer, dessen Lob und Anerkennung die Erfüllung kindlichen Eifers bedeutete, so versucht das Kind im D-Juniorenalter nun verstärkt sich im Kreise seiner Spielkameraden zu beweisen und auf sich aufmerksam zu machen “ (Brüggemann, 1999, S. 13).

Das vordringliche Streben in seinen Aktivitäten ist ab diesem Zeitpunkt durch die Anerkennung und Beachtung der Kameraden bestimmt, die folglich Rang und Rolle des Kindes innerhalb seiner Altersgruppe beeinflussen können.

Zur Grundlage des natürlichen altersbedingten Reifungsprozesses

Entgegen der oben genannten Uneinigkeit über die Einteilung der Kindheitsphasen besteht in der Forschung Konsens darüber, dass sich die verschiedenen Entwicklungsphasen zeitlich nicht scharf voneinander trennen lassen. Der Übergang von einer zur anderen Entwicklungsstufe und damit das Einsetzen der jeweils typischen Veränderungen vollziehen sich eher fließend und individuell in unterschiedlichem Alter. Baacke führt aus: „ (…) es gibt 6jährige, die körperlich wie geistig eher 3jährigen gleichen, umgekehrt können 8jährige in bestimmten Fällen mit 12jährigen verwechselt werden“ (Baacke, 1999, S. 56) . Demnach kann jedes Kind den ihm gestellten Entwicklungsaufgaben und -möglichkeiten vorauseilen oder nachhinken und dies wiederum in bestimmter Hinsicht (Motorik, Intelligenz, Sprachvermögen, Emotionalität usf.) oder auch insgesamt (vgl. Baacke, 1999, S. 56) .

Bestimmte Eigenschaften und Merkmale lassen sich demnach nicht einzelnen Altersgruppen zuordnen. Vielmehr spricht Brüggemann (1999) von „ vielfältigen geistigen, psychischen und motorischen Fähigkeiten auf der Grundlage eines natürlichen altersbedingten Reifungsprozesses “ (S. 11). Fähigkeiten bedeutet, das Kind macht etwas schneller besser bzw. zu einem altersgemäß früheren Zeitpunkt. Auf den Fußballsport bezogen wäre als talentiert zu bezeichnen, wer z.B. den Ball schneller unter Kontrolle bringt als seine Alterskameraden oder wer einen größeren Handlungsraum erfassen und nicht nur einen Pass sondern zwei oder gar drei Pässe voraussehen und in sein Spielverhalten mit einzubeziehen imstande ist. Fähigkeiten werden erworben. Verantwortlich dafür ist in erster Linie das unmittelbare soziale Umfeld mit seinen unterschiedlichen Lebensbedingen und Lerngelegenheiten (vgl. Brüggemann, 1999, S. 11).

Demzufolge bleibt festzuhalten, dass die Altersangaben in diesem Kapitel nur ungefähre Markierungen für den derzeitigen Standpunkt eines Kindes in seinem eigenen Reifungsprozess darstellen.

Die Zeit sportlicher Entwicklung und Reifung

Mit der ‚Eroberung’ des Fußballspiels durch die Minis/Bambinis haben die Kinder schon im Vorschulalter von 4 - 6 Jahren neben dem traditionellen Kindergarten für ihre Entwicklung sowohl chancenreiche wie auch gefahrvolle Lernbedingungen gewonnen “ (Brüggemann, 1999, S. 14). Mit dieser Äußerung verweist der Autor auf die elementare Bedeutung der vorschulkindlichen Entwicklungsphase für die gesamte Entwicklung eines Kindes. Zur Verstärkung seiner Argumentation stellt Brüggemann fest, dass Versäumnisse und Mängel aus dieser Zeit sportlicher Entwicklung und Reifung sich im Erwachsenenalter gar nicht oder nur sehr begrenzt nachholen lassen (vgl. 1999, S. 10).

Individuelle Lernbedingungen und Lernmöglichkeiten

Die koordinativen, geistigen und psychischen Fähigkeiten sind dem Menschen nicht von Geburt an als unveränderbar mitgegeben “ (Brüggemann, 1999, S. 12). Vielmehr werden sie nach der Geburt aufgrund der vielfältigen Lebensbedingungen und Einflüsse der Umwelt überwiegend erworben und erlernt. Diese Gegebenheit bezeichnet Brüggemann als individuelle Lernbedingungen und Lernmöglichkeiten. Er betont:

Je vielfältiger und umfangreicher diese Lernbedingungen den natürlichen Bedürfnissen und Handlungswünschen der Kinder freien Entwicklungsraum bieten, desto umfassender stabilisiert sich das Fundament für eine später starke und auch sportlich erfolgreiche Persönlichkeit “ (Brüggemann, 1999, S. 12).

Dies zeigt, welche hohe Bedeutung die Trainertätigkeit im Kinderbereich hat und hebt hervor, dass sowohl hohe fachliche als auch pädagogische Anforderungen an den Bambini-Trainer gestellt werden.

2.2 Zur Bedeutung der Bewegungserziehung

Bewegung – Grundlage der Persönlichkeitsentwicklung

"Sieben oder acht Jahre des Sichbewegens und Spielens sind notwendig, um einem Kind die sensomotorische Fähigkeit zu vermitteln, die als Grundlage für seine intellektuelle, soziale und persönliche Entwicklung dienen kann" (Ayres, 1992, S. 35). Damit wird deutlich, welche herausragende Wichtigkeit der Bewegung für die Persönlichkeitsentfaltung eines Kindes zuzuweisen ist.

Der WFLV definiert Bewegung als einen elementaren, ganzheitlichen, auf alle Sinne bezogenen Bestandteil der Entwicklung des Kindes (vgl. WFLV, 2005, S. 4).

Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang: Sie toben, springen, klettern, laufen und schießen Bälle. Durch die aktive, bewegungsorientierte Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem Körper, mit seiner räumlichen, materialen und personalen Mit- und Umwelt sammelt das Kind Erfahrungen und gewinnt neue Eindrücke, Erlebnisse und Erkenntnisse. Diese werden mit bereits vorhandenen Erfahrungen und Erlebnissen verbunden, so dass sich der Erfahrungs- und Erlebnisschatz zunehmend vergrößert. Dadurch erhält das Kind eine Bestätigung seiner eigenen Handlungen und wird motiviert, weitere Aktivitäten auszuführen. Darüber hinaus stellt Bewegung für Kinder ein grundlegendes Mittel zum gefühlsmäßigen Erleben dar (vgl. WFLV, 2005, S. 4).

In der Bewegung setzen sich Kinder mit sich selbst, aber auch mit den Personen und Dingen ihrer Umgebung auseinander. In diesem Prozess werden ihre sozialen Kompetenzen ständig erweitert und verbessert. Die Bewegung hilft ihnen, ihre eigene Welt aufzubauen, sich in ihr zu orientieren und sich situationsgerecht zu verhalten. Im Vertrauen zu sich selbst und zu seiner Umwelt gewinnt das Kind zunehmend an Selbständigkeit. Seine Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Körper nimmt zu.

Der Westdeutsche Fußball- und Leichtathletikverband betont in seiner Arbeitshilfe „Bambini/Minikicker“ die Wichtigkeit eines aktiven, ganzheitlich orientierten Bewegungsangebots für Kinder, denn daraus resultiere, dass neben körperlichen immer auch kognitive, emotionale und soziale Entwicklungsprozesse gefördert und die Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit ermöglicht werden (vgl. 2005, S. 4).

Die Autoren des DFB-Lehrbuchs Gerd Bode und Ralf Peter fordern zudem, dass im Training mit Kindern vielfältige, also über reine Fußballinhalte weit hinausgehende Bewegungsaufgaben gestellt werden. Ihr vorgestelltes Trainingskonzept für Bambini ist mit „ Fußball spielen – nur ein Schwerpunkt von vielen “ (DFB, 2005, S. 76) überschrieben.

Folglich würden Stärken der Kinder wie Neugier, Bewegungsfreude und -drang, Spieltrieb, Spontanität und Risikobereitschaft gestärkt, Anstrengungs- und Lernbereitschaft zur Bewältigung auch schwieriger Bewegungsaufgaben geweckt und ein Ausgleich zur bewegungsarmen Umwelt und intensiven Reizüberflutung im heutigen Alltag geschaffen werden (vgl. DFB, 2005, S. 76).

Förderung der Wahrnehmung

"Unter Wahrnehmung versteht man den Prozess der Informationsaufnahme aus Umwelt- und Körperreizen (äußere und innere Wahrnehmung) und der Weiterleitung, Koordination und Verarbeitung dieser Reize im Gehirn.“ (Zimmer, 1995, S. 31). Demnach entsteht durch die Wahrnehmung eine subjektive Vorstellung von der Umwelt, die abhängig ist von den eigenen Vorerfahrungen, Eindrücken und Erlebnissen. Renate Zimmer nimmt eine Unterteilung der Wahrnehmung in einen „ objektiven Teildie Aufnahme und Verarbeitung eines Reizes über die Sinnesorgane und die Rezeptoren bis zur Weiterleitung ans Gehirn - und einen subjektiven Teildie Verarbeitung der Sinneseindrücke zu Empfindungen und individuell verschieden bewerteten Wahrnehmungen.“ (Zimmer, 1995, S. 31) vor.

Regel (1988) fügt hinzu, dass unsere Sinne das Tor zu Welt sind. Nur durch sie kann man wahrnehmen, was außen ist. Die Wahrnehmung als sensorischer Reiz ist mit der motorischen Handlung (Bewegung) und den Denkvorgängen unmittelbar verknüpft. Durch die Wahrnehmung wird eine Handlung ausgelöst durch die wiederum Denkvorgänge eingesetzt werden. Wahrnehmung ist ohne Bewegung nicht möglich (vgl. S. 240). Diese Ausführungen verdeutlichen, welchen hohen Stellwert Bewegung für die Entwicklung der Wahrnehmung eines Kindes hat. Je vielfältiger und umfangreicher Bewegungsangebote für Kinder sind, desto besser sind auch die Möglichkeiten für eine umfassende Schulung der Wahrnehmung. Eine differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit wiederum ist die Voraussetzung für gut koordiniertes und damit sicheres Bewegungshandeln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 . Schema zur Bedeutung der Bewegungserziehung im Klein- und Vorschulalter (vgl. WFLV, 2005, S. 5)

In der Abbildung wird die Förderung der Handlungsfähigkeit dargestellt. Handlungsfähigkeit wird zum einen als „ potentielle Beherrschung der eigenen Lebensbedingungen “ und zum anderen als „ Möglichkeiten eines Menschen (…) durch eigene Aktivität den Handlungsspielraum in Anforderungssituationen voll auszuschöpfen und zu erweitern “ definiert (Schnabel & Thiess, 1993a, S. 373). Durch diese Darstellung wird die Bedeutung für das Zusammenspiel von Bewegung und Wahrnehmung für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes verständlich.

Merkmale der Bambini

Der DFB bestimmt in seinem Lehrbuch wesentliche Merkmale für die Gruppe der fußballspielenden Vier- bis Sechsjährigen.

Einerseits verfügen sie über ein hohes Bewegungspotential und eine hohe Beweglichkeit. Sie haben demnach einen großen Bewegungs- und Spieldrang. Demgegenüber werden sie jedoch schnell müde, haben eine schwach ausgebildete Muskulatur und lediglich geringe koordinative Fähigkeiten (vgl. DFB, 2005, S. 77).

Ihre Verhaltensweisen werden durch Neugier, eine starke Ich-Bezogenheit und Orientierung am Trainer gekennzeichnet. Darüber hinaus verfügen Bambini über eine ausgeprägte Phantasie und ein noch geringes Konzentrationsvermögen (vgl. DFB, 2005, S. 10).

In der Arbeitshilfe „Bambini/Minikicker“ wird ergänzt, dass Verhaltensweisen zu beobachten sind, die sich auf den Verlauf eines Trainings erschwerend auswirken können. Demnach haben Bambini entwicklungsbedingt ein hohes Mitteilungsbedürfnis, verfügen über wenig Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen, zeigen geringe Toleranz, üben Machtkämpfe aus und fallen durch ausgeprägten Besitzanspruch oder genaues Auswählen des Mitspielers auf (vgl. WFLV, S. 30 ff).

Nach den Ausführungen zur Entwicklung und der Bedeutung der Bewegung im Kindesalter stellt sich die Frage, welche Konsequenzen der zu betreuende Trainer nun daraus abzuleiten hat. Dieses wird innerhalb der umfassenden Beschreibung der Trainertätigkeit thematisiert.[7]

3. Kinderfußball im Wandel

In der einschlägigen Fachliteratur (Brüggemann, 1999; Bischops & Gerards, 1995, DFB, 2005 u.a.) wird gefordert, den „Straßenfußball von gestern“ (Brüggemann, S. 293) zurück in das Leben und Training der Kinder zu holen.

Nachfolgend wird die Entwicklung des Kinderfußballs von den 50er Jahren bis heute beschrieben und aufgezeigt, welche Erkenntnisse die Autoren zu dieser Forderung veranlasst haben könnten.

3.1 Die Bewegungswelt von damals

In den 50er und 60er Jahren war „ gemeinsames Straßenspiel“ unter Nachbarskindern die wohl wichtigste Form „ außerfamiliärer Freizeit“ (Schmidt/Süßenbach, 2003, S. 17). Kindheit war damals durch eine intakte Bewegungswelt geprägt. Zahlreiche Wälder und Flussauen, Wiesen, Sandgruben und Bolzplätze boten Raum für eine hohe Abwechslung an Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten in denen Bewegungsvielfalt und Kondition wie von selbst gefördert wurden. Weder der Terminkalender noch die Einflüsse der Medienwelt minderten die Aktivitäten der Kinder und Jugendlichen (vgl. DFB, 2005, S. 10).

Der Straßenfußball früherer Tage

Der Begriff Straßenfußball ist mittlerweile zum Synonym für eine „ freie Spielwelt“ geworden (DFB, 2005, S. 10). Vor diesem Hintergrund erscheint die Forderung konsequent, den Straßenfußball wieder in das heutige Leben und Training der Kinder zu integrieren.

Damit ist jedoch nicht gemeint, dass die Gesamtheit aller Elemente des früheren Straßenfußballs in das heutige Fußballvereinstraining übernommen werden, sondern vielmehr, dass sich an dem wichtigsten Merkmalen des früheren Straßenfußballs orientiert werden soll: Selbst organisiertes Fußballspielen in kleinen Gruppen, nach eigenen Regeln, Alt und Jung gemischt, auf verschiedene Tore und im Wettbewerb (vgl. DFB, 2005, S. 11).

Mädchen und Jungen eigneten sich in vielen kleinen, selbst organisierten Fußballspielen im Hinterhof, auf der Wiese oder auf der noch gering befahrenen Straße früh motorische Fertigkeiten an. In vielfältigen Ballspielen und durch intensives Bewegen in immer neuen Räumen entwickelten Kinder eine gute Ball- und Bewegungsgeschicklichkeit (vgl. DFB, 2005, S. 11).

Dabei schauten sie sich viel von älteren Mitspielern ab, lernten sich gegen körperlich Stärkere durchzusetzen und organisierten und gestalteten ohne den reglementierten Einfluss von Erwachsenen ihre Fußballspiele selbständig. Diese Gegebenheiten trugen entscheidend zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung bei.

Ein Verständnis für selbst aufgestellte Regeln, Strategien des Handels und Streitens, Kommunikationsfähigkeit sowie Selbstorganisation wurden durch das Erfahrungsfeld Straße gefördert. Die Straßenspielordnung beinhaltete die Bereitschaft, sich freiwillig einen breiten Schatz an Fähigkeiten und Fertigkeiten in Spiel- und Übungsprozessen zu erwerben. Anstrengung und Leistungsbereitschaft waren dabei akzeptierte Werte. Zinnecker (1979) bezeichnet diesen Prozess als „ Straßensozialisation“ (S. 727).

Hinsichtlich der Förderung der motorischen, der kognitiven sowie der sozialen Fähigkeiten und Fertigkeiten durch eigenständige Spiel- und Umgangsformen war der Straßenfußball früherer Tage nach heutigem Wissen das beste und intensivste Training für junge Fußballer (vgl. DFB, 2005, S. 11).

Mit den gegenüber der Blütezeit des Straßenfußballs deutlich veränderten Lebens- und Spielbedingungen heutiger Kindheit setzen sich die Ausführungen im folgenden Kapitel auseinander.

3.2 Die heutige Bewegungs- und Lebensumwelt von Kindern

Einleitend ist zu erwähnen, dass der folgende Abschnitt nicht den Anspruch erfüllen soll, die Thematik der Veränderten Kindheit in seiner ganzen Komplexität zu behandeln. Vielmehr soll ein Überblick zur aktuellen Diskussion gegeben werden.

3.2.1 Zur Veränderten Kindheit

Gekennzeichnet durch Begriffe wie Verinselung, Verhäuslichung und Medienkindheit (Zimmer, 2004, 1997, 1995; Zeiher 1989, 1983) wird der Thematik der Veränderten Kindheit von verschiedenen Seiten Aufmerksamkeit geschenkt.

Veränderte räumliche, zeitliche und familiäre Bedingungen der Lebensumwelt der Kinder haben zur Folge, dass diese immer seltener die Möglichkeit haben, selbst Erfahrungen zu sammeln. An die Stelle ganzheitlicher, aktiver Primärerfahrungen tritt zunehmend eine passive, komsumorientierte Aneignung der Dinge und der Welt. Kinder erfahren die Welt immer weniger durch das Be-Greifen der Dinge, sondern vielmehr sekundär durch bereits vermittelte Erfahrung durch Fernsehen oder Computer spielen. Zimmer führt an, dass der wesentliche Wandel der Kindheitsbedingungen im Verlust der Eigentätigkeit und in den einseitigen Sinneserfahrungen liegt. Für die Entwicklung des Kindes ist es dagegen wichtig, dass sie sich als Reaktion auf das Wahrgenommene ausdrücken können. Das Kind braucht eine reale Umwelt, damit es durch aktives Probieren das Leben begreifen kann. Die Welt des Kindes muss eine Welt des Spielens und der Bewegung sein, denn es erfährt seine Umwelt damit auf unmittelbar körperlich-sinnliche Weise, dies sind Erfahrungen aus erster Hand: „ Die Erfahrung des ‚Selber-wirksam-seins’ stellt die Basis für die Entwicklung eines gesunden Selbstvertrauens dar “ (Zimmer, 1997, S. 21).

Darüber hinaus hat die Vielfalt der wahrgenommenen Freizeitaktivitäten einerseits zur Folge, dass ein Kind zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein muss. Die Zeit der Kinder wird immer mehr von Erwachsenen verplant. Dadurch fehlt es ihnen an Zeit zum eigenen kreativen Spielen. Andererseits wird das Kind selbst bei kurzen Entfernungen zu Sportverein oder Musikschule gefahren, damit es schneller und bequemer geht. Daraus resultiert eine Verinselung, das bedeutet, für das Kind besteht kein Zusammenhang mehr zwischen den verschiedenen Inseln wie bspw. Sportverein und Musikschule. Der Raum zwischen den einzelnen Inseln kann nicht mehr aktiv erfahren werden. Straßenkinder früherer Tage haben hingegen Erfahrungen beim Durchstreifen ihrer Reviere machen können (vgl. 1983, Zeiher, S. 176 ff).

Bedingt durch steigende Bebauung und Verstädterung sind ferner die Bewegungsräume für Kinder verstärkt in den letzen fünfzig Jahren zunehmend eingeengt und auf oft dürftig ausgestattete Spielplätze reduziert worden. Dadurch bleibt Kindern immer weniger Raum, um ihrem natürlichen Bewegungsdrang gerecht zu werden und Bewegungserfahrungen zu sammeln. Einstige Tummelplätzen in Höfen und Wohnanlagen werden von Verbotsschilder geziert und abgezäunte Sportanlagen dürfen häufig nur nach vorgegeben Plan benutzt werden. Ebenfalls hat die Zunahme des Straßenverkehrs in Wohngebieten bewirkt, dass Kinder heutzutage eine anregungsarme Wohnumgebung vorfinden (vgl. DFB, 2005, S. 12). „ Verkehrserziehung wird für Kinder (über)lebenswichtiger als Bewegungserziehung “ (Zimmer, 1997, S. 21).

[...]


[1] Deutscher Fußball-Bund (2005, 2. September). DFB-Mitglieder-Statistik 2005. Zugriff am 10. Februar 2006 unter http://www.dfb.de/dfb- info/eigenprofil/ mitglieder/mitgliederstatistik_2005.pdf.

[2] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden in dieser Arbeit Personenbezeichnungen in der männlichen Form verwendet, was die weibliche Form der Begriffe jedoch einschließt. Ist z.B. von Trainern die Rede, so sind stets Trainerinnen und Trainer gemeint, es sei denn das Geschlecht wird explizit genannt.

[3] Württembergischer Landessportbund (Hrsg.). (2001). Der Sport (Ausg. 3/12, 2001). Stuttgart: Württembergischer Landessportbund e.V..

[4] Deutscher Fußball-Bund (2006, 11. April). DFB-Training online. Bambini. Zugriff am 18. April 2006 unter http://www.dfb.de/dfb-info/training/online_training/zentral/bam_ei1_1.htm

[5] Berliner Fußballverband (2004, 20. Januar). Informationen des Trainer-Lehrstabes. Zugriff am 5. März 2006 unter http://www.berliner- fussball.de/ wdeutsch/themen/lehrstab/ trainer_lehrplan/lp5_9_1.shtml

[6] vgl. Kapitel 4.3.2.3.1.

[7] Vgl. Kapitel 4.3.2.4.

Details

Seiten
113
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640098422
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84432
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2,0
Schlagworte
Trainer Bambini-Fußball

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Trainer im Bambini-Fußball