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Kommunikationsnetzwerke und Unternehmenskultur: Positionen, Diskussionen und Ergebnisse der französischen Kommunikationswissenschaft zur internen Unternehmenskommunikation

Magisterarbeit 2007 114 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Sozialgestalt der französischen kommunikationswissenschaftlichen Forschung
1. Les sciences de l’information et de la communication
1.1. Die Vorreiter
1.2. Die Institutionalisierung
1.3. Die Informations- und Kommunikationswissenschaften heute
2. Die Entstehung des Forschungsfelds „Unternehmenskommunikation“
2.1. Entstehung eines neuen Berufsfelds und Einrichtung von neuen Studiengängen
2.2. Von der „Unternehmenskommunikation“ zur „Organisationskommunikation“
2.3. Das Forschungsfeld „Organisationskommunikation“ heute
3. Grundsätzliche Anmerkungen über die untersuchte Fachliteratur
3.1. Charakterisierung der untersuchten Fachliteratur
3.2. Grundsätzliche Diskussionen in der untersuchten Fachliteratur
4. Zusammenfassung

II. Theoriengestalt der Forschung zur internen Unternehmenskommunikation
1. Grundsätzliche Anmerkungen
2. Das positivistische Paradigma
2.1. Funktionalistische Forschungsperspektive
2.2. Humanistische Forschungsperspektive
3. Das interpretative Paradigma
3.1. Semiotische Forschungsperspektive
3.2. Systemische Forschungsperspektive
4. Paradigmenwechsel?

III. Thematische Fokussierung auf Kommunikationsnetze und Unternehmenskultur
1. Kommunikationsnetzwerke
2. Die Unternehmenskultur
3. Fazit

Zusammenfassung

Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

In den letzten Jahren haben sich die Bemühungen intensiviert, die Internationalisierung der kommunikationswissenschaftlichen Forschung auf europäischer Ebene voranzutreiben. Doch obwohl Frankreich und Deutschland seit vielen Jahren eine privilegierte Partnerschaft verbindet, ist die Wahrnehmung von französischen Wissenschaftlern in Deutschland - wie umgekehrt, von deutschen Wissenschaftlern in Frankreich - bis dato „eher marginal“ (vgl. Averbeck 2000; Averbeck 2006). Grund hierfür ist zunächst die Sprachbarriere: Wichtige deutsche und französische Arbeiten finden - wenn überhaupt - oft erst Jahre später in der Übersetzung den Weg in das Nachbarland. Die wenigen Werke, die in Übersetzung vorliegen, stammen jedoch meist von Soziologen oder Philosophen, wie zum Beispiel Jürgen Habermas oder Pierre Bourdieu, die sich mit kommunikationswissenschaftlichen Fragen befasst haben. Dies führt dazu, dass nur selten führende Kommunikationswissen-schaftler eines Landes im anderen bekannt sind (vgl. Averbeck 2000). Daher wird, laut Philippe Viallon vieles noch einmal „entdeckt“, was jenseits des Rheins längst bekannt ist (vgl. Viallon 2000).

Neben der Sprachbarriere verhindern auch kulturelle Unterschiede die Rezeption von Veröffentlichungen aus dem Ausland. Zwar sind Naturwissenschaften seit Jahren inter-national ausgerichtet und durch eine homogenisierende Tendenz nach amerikanischem Vorbild geprägt. Bei Geistes- und Sozialwissenschaften bleibt jedoch der Gedanken-austausch über Ländergrenzen hinweg bisher eher begrenzt und unausgewogen: Bildung und Forschung verlaufen noch hauptsächlich innerhalb nationaler Grenzen. Philippe Viallon führt u. a. als Grund dafür an, dass bei Geistwissenschaften der kulturelle Einfluss eine größere Rolle als bei den Naturwissenschaften spielt, da diese „gerade aus dieser Kultur entstehen, sich mit ihr beschäftigen und ihre Forschungsergebnisse wieder in die Kultur einbringen“. Daher können selbst übersetzte Werke international auf geringere Resonanz als in ihrem Heimatland stoßen, wenn sie im Ausland nicht mehr „zeitgemäß“ sind und nicht zur aktuellen kulturellen Entwicklung passen. So blieben beispielsweise Roland Barthes in Deutschland oder Niklas Luhmann in Frankreich lange unbeachtet (vgl. Viallon 2000). Hierdurch wird deutlich, dass Wissenschaft nicht nur sozial-, sondern auch kulturbedingt ist: Kulturen bringen verschieden geartete Wissenschaften hervor. So stellt Stephanie Averbeck fest, dass „es keine nationale Wissenschaft, wohl aber Wissenschaftskulturen, die national spezifisch sind“, gibt (vgl. Averbeck 2006, S. 7).

Aufgrund unterschiedlicher Wissenschaftskulturen wird internationale Forschung erschwert, da sich - wie in jeder interkulturellen Situation - dabei Verständigungsprobleme ergeben. Zum einen erschweren unterschiedliche Sprachen die Kommunikation, wobei Über-setzungen sich häufig als problematisch erweisen, da dadurch nicht nur eine Botschaft in einer anderen Sprache formuliert, sondern auch der Kontext eben jener Botschaft verändert wird: Fachbegriffe erhalten unter Umständen in unterschiedlichen Wissenschaftskulturen eine unterschiedliche Bedeutung (vgl. Burkart 2002, S. 87). Daher muss eine Botschaft nicht übersetzt, sondern vielmehr in einen anderen kulturellen Kontext „übertragen“ werden, was nur erfolgreich gewährleistet werden kann, wenn beide Wissenschaftskulturen ausreichend bekannt sind. Zum anderen können unreflektierte Unterschiede über grundlegende und in der jeweiligen kulturellen Gemeinschaft als selbstverständlich geltende, meist implizite Annahmen zu Missverständnissen führen.

Unterschiedliche Wissenschaftskulturen können aber auch andere Erkenntnisse produzieren, weshalb neben dem internationalen Dialog auch eine vergleichende Forschung wichtig ist: Während die internationale Forschung nach Gemeinsamkeiten sucht oder diese erarbeitet, legt die vergleichende Forschung den Schwerpunkt verstärkt auf Unterschiede und kann so dabei helfen, sich der eigenen Identität - durch Abgrenzung zu Anderen - bewusst zu werden. Zudem können sich Ergebnisse aus anderen wissenschaftlichen Kulturen für die eigene Forschung als produktiv erweisen, wodurch „Doppelarbeit“ vermieden wird und neue Forschungsimpulse entstehen können. Da jedoch die französische, kommunikationswissen-schaftliche Forschung in Deutschland weitgehend unbekannt ist, können kaum internationale oder vergleichende Untersuchungen durchgeführt werden. Dies ist bedauerlich, vor allem da sich aus den ersten internationalen und vergleichenden Ansätzen erhebliche Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland abzeichnen (vgl. u. a. Viallon 2000; Averbeck 2005).

Diese Unterschiede ergeben sich laut Stephanie Averbeck hauptsächlich aus den verschie-denen Bedingungen in der Fachentwicklung (vgl. Averbeck 2006). Mit dem Aufkommen großer Tageszeitungen entwickelte sich in Deutschland bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts die Zeitungskunde. Ihren eigentlichen Aufschwung erlebte die sich nun „Kommunikationswissenschaft“ nennende Disziplin jedoch erst nach dem II. Weltkrieg mit der Verbreitung des Radios und etwas später des Fernsehens. Mit der Rezeption amerikanischer Arbeiten entwickelte sich die Kommunikationswissenschaft in Deutschland zu einer stark empirisch geprägten Wissenschaft. Ende der siebziger Jahre entwickelte sich dann aus der Differenzierung der Germanistik durch Erweiterung des Literaturbegriffs auf Massenmedien die eher sprach- und literaturwissenschaftlich orientierte Medienwissenschaft (vgl. Viehoff 2002). Beide Wissenschaften gehen in Deutschland, trotz einiger Integrationsversuche, weitgehend getrennte Wege. Ihnen ist jedoch gemeinsam, dass der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Untersuchungen auf den Massenmedien liegt, während die interpersonelle Kommunikation hingegen von beiden Wissenschaften lange Zeit eher vernachlässigt wurde (vgl. Theis-Berglmair 2003, S. 21). In Frankreich entwickelte sich die Kommunikationswissenschaft in einem anderen wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kontext, woraus sich andere Forschungsschwerpunkte sowie theoretische und methodologische Unterschiede ergeben (vgl. Averbeck 2006).

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, Positionen, Diskussionen und Ergebnisse zur internen Unternehmenskommunikation in der französischen Kommunikationswissenschaft zu identifizieren und zusammenfassend darzustellen. Die Darstellung wird auf die Themen „Kommunikationsnetzwerke“ und „Unternehmenskultur“ fokussiert, da hier besonders interessante Ergebnisse vermutet werden. Diese Arbeit nimmt die Form eines Forschungs-berichtes ein, wobei in diesem Rahmen nur eine erste explorative Untersuchung geleistet werden kann. Der gewählte Ansatz geht von einer hermeneutischen Analyse aus: Texte werden von einem Vorverständnis ausgehend immer wieder neu interpretiert und das dazu gewonnene Wissen wieder an Texten erprobt. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind daher von der Subjektivität der Autorin geprägt. Weiterhin erhebt die Autorin kein Anspruch auf eine vollständige Darstellung der französischen Forschung: Da bereits unzählige Beiträge veröffentlicht wurden, war es notwendig, aus der Fülle der Fachliteratur eine Auswahl zu treffen. Ein Hauptaugenmerk bei der Literaturauswahl lag darauf, besonders repräsentative oder relevante Veröffentlichungen in diesem Forschungsfeld auszuwählen. Einbezogen in die vorliegende Untersuchung wurden die Rubriken „Dossier“ und „Analyse“ der Fachzeitschrift Communication & Organisation sowie Beiträge der Tagungen der Fachgruppe Org&Co der französischen Fachgesellschaft für Kommunikationswissenschaft. Die Analyse beschränkt sich dabei auf Veröffentlichungen im Zeitraum zwischen 1992 und 2002. Dieser Zeitraum umfasst die Periode, die maßgeblich vom Einfluss Hugues Hotiers geprägt war, der im Jahre 1992 die erste Ausgabe der Fachzeitschrift Communication et Organisation herausgab und dies bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2003 tat. Durch diese Literaturauswahl ist nach Erachten der Autorin ein guter Überblick über die französische Forschung zur internen Unternehmenskommunikation gewährleistet. Da mit der vorliegenden Arbeit ein Beitrag zur Übertragung der französischen Fachliteratur in den deutschen Sprachraum geleistet werden soll, wird zum besseren Verständnis die untersuchte Literatur in einer freien Übersetzung der Autorin zitiert.

Die Wissenschaftssoziologie hat gezeigt, dass die Entwicklung von Wissenschaften nicht nur durch neue Erkenntnisse, sondern auch von der „sozialen Konstruktion wissenschaftlichen Wissens“ bestimmt wird (vgl. Weingart 2003, S. 66). Wer sich mit der Entstehung und Entwicklung einer Wissenschaft beschäftigt, muss daher zwei Dimensionen einer Wissenschaft betrachten: die Ideen- und die Sozialgestalt (vgl. Averbeck/Kutsch 2002, S. 59; Meyen/Löblich 2006, S. 31f). Die Ideengestalt einer Wissenschaft wird in der Wissen-schaftstheorie untersucht und bezieht sich auf den herrschenden Konsens über das implizite Welt- und Menschenbild und über die verwendeten Fragestellungen, Theorien, Begriffe und Methoden sowie die Abgrenzung zu anderen Fachgemeinschaften. Die Wissenschafts-soziologie hingegen beschäftigt sich mit der Sozialgestalt einer Wissenschaft, d. h. mit Faktoren wie Publikationsaktivität, Reputation, Kollegenkritik, Weiterverbreitung durch Zitate sowie mit der sozialen Strukturen einer Forschergemeinschaft, welche Wissen-schaftlern Legitimität, Identität und Ressourcen verleiht, den Austausch strukturiert, sowie den Integrationsgrad der Forschergemeinschaft in eben diesen sozialen Strukturen (vgl. Palermiti/Polity 2002, S 95). Gerade für eine junge Disziplin wie der französischen Kommunikationswissenschaft kann erwartet werden, dass den Sozialstrukturen des Faches ein relativ großer Einfluss auf die Etablierung theoretischer Ansätze und Methoden zugeschrieben werden kann.

Im ersten Teil dieser Arbeit soll daher - anhand der bereits vorliegenden Sekundärliteratur - einige Aspekte der Sozialgestalt dargestellt werden. Diese Darstellung soll ermöglichen, die darauf folgende Diskussion in größerem Rahmen einzuordnen und die getroffene Literaturauswahl zu begründen. Es wird dabei zunächst auf die Institutionalisierung der französischen Kommunikationswissenschaft und dann auf den Aufschwung der Forschung zum Thema „interne Unternehmenskommunikation“ in Frankreich eingegangen. Es wird zwar nicht möglich sein, ex post bestimmte Ursachen und Gründe anzugeben, die diese Entwicklung gerade so beeinflusst haben, dass sie nicht auch anders hätte stattfinden können. Zudem kann eine gewisse Linearität der Darstellung nur erreicht werden, indem viele Akteure und Entwicklungsstränge vernachlässigt werden. Dennoch soll der Versuch unter-nommen werden, Zusammenhänge so darzustellen, dass sich daraus eine Entwicklung sinnvoll herauslesen lässt und prägnante Unterschiede zur Entwicklung in Deutschland deutlich werden. Schließlich sollen die wichtigsten Akteure bzw. Institutionen auf diesem Forschungsfeld vorgestellt und die untersuchte Literatur näher charakterisiert werden.

Der zweite Teil der Arbeit ist der Theoriegestalt der französischen Forschung zur internen Unternehmenskommunikation gewidmet. Dieses Forschungsfeld ist noch sehr jung und bisher nur unzureichend strukturiert. Da sich noch keine eindeutigen thematischen Schwer-punkte herausgebildet haben, wird in der vorliegenden Arbeit der Versuch unternommen, das Forschungsfeld anhand der verwendeten „Forschungsperspektive“ zu kategorisieren.[1] Dabei wird vorwiegend auf die in der französischen Literatur verwendeten Begriffe zurückgegriffen. Diese unterschiedlichen Forschungsperspektive werden nacheinander vorgestellt, wobei grundsätzlich zwischen einem positivistischen und einem interpretativen Paradigma unterschieden wird. Durch diese Herangehensweise sollen zeitliche Ent-wicklungen in der französischen Forschung möglichst aufgedeckt werden.

Schließlich soll im dritten Teil der vorliegenden Arbeit die Darstellung auf die Diskussion in der untersuchten Literatur bezüglich der zwei Themen „Kommunikationsnetzwerke“ und „Unternehmenskultur“ fokussiert werden, da an dieser Stelle besonders interessante Ergebnisse für die deutsche Forschung vermutet werden.

I. Sozialgestalt der französischen kommunikationswissenschaftlichen Forschung

1. Les sciences de l’information et de la communication

1.1. Die Vorreiter

Im Vergleich zu Deutschland ist die Kommunikationswissenschaft in Frankreich erst relativ spät institutionalisiert worden.[2] Anfang der sechziger Jahre befassten sich zwar bereits einige französische Wissenschaftler mit kommunikationswissenschaftlichen Fragestellungen. Doch diese Wissenschaftler kamen aus unterschiedlichen Fachrichtungen, waren an verschiedenen Hochschulen beschäftigt, verfolgten unterschiedliche Fragestellungen und nahmen sich daher kaum gegenseitig wahr (vgl. u. a. Palermiti/Polity 2002, S. 111).

Wichtige Vorreiter in den sechziger Jahren waren u. a. Fernand Terrou, Edgar Morin und Roland Barthes. Fernand Terrou war Jurist und beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Informationsrecht und der Pressefreiheit. Zwischen 1951 und 1976 war er Leiter des Institut Français de Presse (IFP, französischer Zeitungsinstitut).[3] Roland Barthes befasste sich mit diversen Theorien und gilt als einer der Mitbegründer der französischen Semiotik. Edgar Morin seinerseits war Soziologe und übte großen Einfluss auf die Systemtheorie und die Kybernetik aus. Beide waren neben Georges Friedmann im Centre d’Etudes des Communications de Masse (CECMAS, Forschungszentrum Massenkommunikation) tätig (vgl. Morin 2004, S. 78).[4] Erklärtes Ziel dieses Zentrums, das 1962 auf Anregung von Paul F. Lazarsfeld gegründet wurde, war die Erforschung der Populärkultur. Durch die Heraus-gabe der Zeitschrift Communications spielte dieses Forschungszentrum eine wichtige, wenn auch widersprüchliche Rolle bei der Verbreitung der nordamerikanischen Kommunikations-theorien, die bis Ende der sechziger Jahre in Frankreich noch eher unbekannt waren (vgl. Averbeck 2000, S. 3).

Diese Vorreiter interessierten sich zwar für den Einfluss von Kommunikation und Massenmedien, allerdings hatten weder Fernand Terrou noch Edgar Morin oder Roland Barthes vor, eine neue akademische Disziplin zu gründen (vgl. Averbeck 2006, S. 6).

Der französische Literaturwissenschaftler Robert Escarpit (1918-2000) fasste anscheinend als erster den Entschluss, eine neue Disziplin an den französischen Hochschulen zu etablieren. Escarpit war militanter Kommunist und hatte sich im II. Weltkrieg der Wider-standsbewegung angeschlossen. Nach dem Krieg wurde er zum Leiter des latein-amerikanischen Institut Français in Mexiko ernannt, bevor er im Jahr 1951 den ersten französischen Lehrstuhl für „Vergleichende Literatur“ an der Université Bordeaux 3 erhielt, den er bis 1970 innehatte. Nach eigenen Aussagen belastete ihn jedoch dieser Beruf zunehmend, „der darin besteht, Diskurs über den Diskurs anderer zu produzieren“ (vgl. Devèze/Laulan 1992, S. 1). Zu dieser Zeit befand sich die französische Literaturwissenschaft in einer tiefen Krise: Die Ansicht, dass Texte keine Bedeutung „haben“, sondern dass sie ihre Bedeutung erst durch den konstruktiven Akt des Lesens erhalten, erschütterte sie bis in ihre Grundfesten. 1968 veröffentlichte sogar Roland Barthes einen Artikel mit dem provokativen Titel Der Tod des Autors. Mit der Kritik am traditionellen Literaturbegriff rückten das Handeln des Lesers und sein Umgang mit Texten immer stärker in den Vordergrund.

Robert Escarpit hatte sich bereits 1948 in einer Abhandlung zur französischen Literatur mit einer von der Literaturwissenschaft bis dahin vernachlässigten Dimension der Literatur befasst: der Leser als Empfänger einer Botschaft, dem Text. Diesen Gedanken griff er in seinem Buch Sociologie de la littérature (1958) wieder auf. Durch den Erfolg dieser Veröffentlichung, die in 23 Sprachen übersetzt wurde, steigerte er maßgeblich sein wissen-schaftliches Ansehen und erhielt im Jahr 1960 die Erlaubnis, ein eigenes Forschungszentrum zu gründen. Dieses Forschungszentrum, das Centre de sociologie des faits littéraires, wurde im Jahr 1965 zum Institut de littérature et de techniques artistiques de masse (ILTAM, Institut für Literatur und Massenkunsttechniken) und öffnete die Literaturwissenschaft in Bordeaux für die Analyse von Populärkultur (vgl. Averbeck 2005, S. 4). Zu diesem Zeitpunkt befasste sich Robert Escarpit bereits zunehmend mit dem Phänomen „Kommunikation“ und studierte die Ergebnisse der amerikanischen und deutschen kommunikationswissenschaftlichen Forschung. In seinem Buch La révolution du livre (1965), das er im Auftrag der UNESCO geschrieben hat, warf er zum ersten Mal die Frage auf, ob das literarische Handeln des Lesers nicht einer Kommunikationshandlung gleich-zusetzen sei. Die klassischen Literatur- und Sprachwissenschaften sowie eine Mehrzahl der Soziologen lehnten jedoch offenbar diese neue Forschungsrichtung ab. Dies war mit erheblichen Folgen für die Karriere der (Nachwuchs-)Wissenschaftler, die sich mit solchen Fragestellungen beschäftigten, verbunden (vgl. u. a. Averbeck 2006, S. 8).

Der Grund dafür liegt im französischen Wissenschaftssystem. In Frankreich sind Bildung und Forschung stark von Zentralismus und dem Einfluss des Staates geprägt, was u. a. daran deutlich wird, dass 2/3 aller Wissenschaftler und 40% aller Studenten im Großraum Paris leben. Das Ministerium für Bildung und Forschung übernimmt sowohl die Festlegung der Bildungspolitik und -inhalte als auch die Ausbildung, Prüfung, Einstellung und Bezahlung des Lehrpersonals. Es ist daher die - zumindest zahlenmäßig - wichtigste Behörde in Frankreich (vgl. französisches Außenministerium, online). Alle Wissenschaftler, die an französischen Hochschulen tätig sind, werden in sog. „Sektionen“ eingeteilt, die einen Fachbereich bilden. Die zu besetzenden Stellen pro Sektion werden jährlich, auf Grundlage der Haushaltsentscheidungen des Parlaments und der Bedarfsmeldungen der einzelnen Universitäten, vom Ministerium für Bildung und Forschung festgelegt und ausgeschrieben. Als Dozenten können sich nur Personen bewerben, die die sog. Agrégation in einem Wettbewerb erlangt haben und deren Doktorarbeit von der jeweiligen Sektion des Conseil National des Universités (CNU, nationaler Hochschulrat) für die Hochschullaufbahn als qualifizierend anerkannt wurde.[5]

Der CNU ist eine Legitimierungsinstanz des Bildungs- und Forschungsministeriums, die sich aus gewählten Universitätsvertretern und bestellten Sachverständigen zusammensetzt. Diese definieren und grenzen das Forschungsfeld jeder Sektion ab, entwickeln spezifische Curricula, evaluieren Leistungen, erteilen Beförderungen und genehmigen Forschungs-semester. Zudem stellt jede Sektion im CNU eine für vier Jahre gewählte nationale Berufungskommission auf, die Unterlagen sichtet, Bewerber anhört und schließlich eine Berufungsliste verabschiedet. Hochschulen können nur Personen, die auf die Liste der CNU gesetzt wurden, berufen (vgl. Musselin 2002, S. 114f).[6] Dieses zentralistische System sorgt dafür, dass Wissenschaftler nach einer gemeinsamen Norm beurteilt werden. Problematisch ist dieses System jedoch für Wissenschaftler, die sich mit ihren Forschungsarbeiten eher am Rand von Fachbereichen bewegen, denn diese werden bei der Leistungseinschätzung durch ihre Kollegen häufig schlechter bewertet. Zudem gehen Nachwuchswissenschaftler, die sich in ihrer Doktorarbeit oder Habilitationsschrift mit solchen Fragestellungen beschäftigten, die Gefahr ein, sich in eine „Sackgasse“ zu begeben: Wird ihre Arbeit von keiner Sektion anerkannt, bleibt ihnen die Hochschullaufbahn versperrt.

1.2. Die Institutionalisierung

Neben der wissenschaftsinternen Krise der Literaturwissenschaft spielten auch gesell-schaftliche Veränderungen eine wichtige Rolle bei der Institutionalisierung der französischen Kommunikationswissenschaft (vgl. u. a. Meyriat/Miège 2002, S. 45). Nach dem II. Weltkrieg wurde Bildung demokratisiert und viele junge Menschen erhofften sich durch ein Studium bessere Berufschancen. Aufgrund des Ansturms von Studenten an den französischen Universitäten wurde es unerlässlich, Absolventen andere Perspektiven als Lehre und Forschung zu eröffnen.[7] Mit der Einrichtung der Instituts Universitaires de Technologie (IUT, Hochschulinstitute für Technologie) leitete der damalige Minister für Bildung und Forschung, Christian Fouchet, eine grundlegende Reform des Hoch-schulsystems ein. Die IUT stellen seitdem eine staatlich anerkannte und praxisnahe Alternative zu den Universitäten dar. Diese bieten zweijährige, mit Praktika verbundene Studiengänge an, deren Inhalte in Zusammenarbeit mit Fachleuten aus der Praxis erstellt werden.

Robert Escarpit richtete bereits im Jahr 1963 einen Studiengang für Journalismus an der IUT von Bordeaux ein.[8] Nach einem Treffen mit Christian Fouchet erhielt er im Jahr 1967 weitere finanzielle Mittel, um einen Studiengang Carrières de l’information, der auf die neuen Berufe in der sog. „Informationsgesellschaft“ vorbereiten sollte, ins Leben zu rufen. Dieser Studiengang, der als Pilotprojekt gedacht war, stieß auf starkes studentisches Interesse. Daraufhin erhielten bald weitere IUT die Erlaubnis, ähnliche Studiengänge anzubieten, die zu unterschiedlichen Branchen und Berufsausrichtungen wie Journalismus, Werbung, Unternehmenskommunikation, Verlags- oder Buchwesen, Dokumentation sowie Sprecherziehung führen sollten (vgl. Meyriat/Miège 2002, S.46). Im Rahmen dieser Studien-gänge wurden die ersten Lehrveranstaltungen zur „Kommunikation“ und „Information“ an französischen Hochschulen abgehalten. Zudem entstand durch die Einrichtung dieser Studiengänge ein Bedarf an ausgebildeten Lehrkräften auf diesen Fachgebieten. Der Einfluss dieser praxisnahen Studiengänge bei der Institutionalisierung der französischen Kommunikationswissenschaft sollte daher nicht unterschätzt werden, obwohl er bis dahin kaum Gegenstand von Untersuchungen war (vgl. Bernard 2004, S. 28).

Ermuntert durch diese Entwicklung beschloss Robert Escarpit, erste Schritte zur Schaffung einer unabhängigen Lehrer- und Forschergemeinschaft einzuleiten. In seiner Funktion als Vorsitzender der nationalen pädagogischen Kommission der Fachhochschulen für die Studiengänge zu den „Informationsberufen“ stellte er 1971 einen ersten Antrag zur Schaffung einer neuen Sektion innerhalb des CNU. Ein solcher Antrag muss jedoch von einer gewissen Anzahl von Hochschulangestellten unterstützt werden. Robert Escarpit versuchte daher, Kollegen für seine Vorhaben zu interessieren und zu mobilisieren. Unterstützung erhielt er zunächst von Jean Meyriat und Roland Barthes. Jean Meyriat war, wie Robert Escarpit, Absolvent der Ecole Normale Supérieure und hatte sich im Laufe seiner Karriere zum Experten auf dem Gebiet der Bibliotheks- und Informations-wissenschaften entwickelt (vgl. Devèze 1992, S. 2). Roland Barthes seinerseits war mit Jean Meyriat an der Ecole des Hautes Études en Sciences Sociales (EHEES) tätig.[9] Zwar war Roland Barthes institutionell nicht sehr aktiv, doch sein wissenschaftliches Ansehen war nicht ohne Einfluss bei der Anerkennung der neuen Disziplin (vgl. Tétu 2002, S. 76).

Auf Initiative dieser drei Wissenschaftler fand am 25. Februar 1972 im Maison des Sciences Humaines (MSH, Haus der Humanwissenschaften) in Paris eine Veranstaltung statt, an der 44 Personen teilnahmen, die aus ihren ursprünglichen Disziplinen heraus ein wissen-schaftliches Interesse an der „Kommunikation“ und „Information“ entwickelt hatten. Während dieser Veranstaltung wurde die Gründung eines französischen Komitees für Informations- und Kommunikationswissenschaften beschlossen. Neben Robert Escarpit , Jean Meyriat und Roland Barthes traten u. a. auch Charles-Pierre Guillebeau, Abraham Moles, Jean Devèze, Fernand Terrou, Edgar Morin, André Jean Tudesq und Elie Roubine diesem Komitee bei. Vorrangiges Ziel des Komitees war, eine neue Sektion innerhalb des CNU einzurichten und somit eine neue Disziplin an den französischen Hochschulen zu gründen. Zudem sollten die Informations- und Kommunikationswissenschaften als eine Disziplin anerkannt werden, in die Doktorarbeiten eingereicht und Forschungsarbeiten geleistet werden können. Darüber hinaus sollte das Komitee den Kontakt zwischen seinen Mitgliedern fördern, Möglichkeiten zur Zusammenarbeit anbieten und Maßnahmen zur Förderung des Faches ergreifen (vgl. Meyriat/Miège 2002, S. 57).

Die zahlreichen Bemühungen des Komitees trugen bald Früchte: Am 20. Januar 1975 wurde per Anordnung die Zusammensetzung des Conseil National des Universités (CNU) geändert und eine neue Sektion unter der Bezeichnung Sciences de l’information et de la communication eingerichtet.[10] Dieser Tag gilt seither in Frankreich als offizielle Geburt-stunde der Informations- und Kommunikationswissenschaften, die dementsprechend im Jahr 2005 ihr 30jähriges Jubiläum feierte. Die neue Sektion erarbeitete und verabschiedete noch im Jahr 1975, unter Leitung von Robert Escarpit und Charles-Pierre Guillebeau, einen nationalen Text zur Definition und Abgrenzung des Forschungsfeldes, welcher in den Jahren 1985 und 1992 überarbeitet wurde (vgl. Comité National d’Evalution 1993, S. 16f). Durch die Einrichtung einer eigenständigen Sektion eröffnete sich für Wissenschaftler die Möglichkeit, die Sektion zu wechseln und somit die vielleicht nicht mehr ganz angemessene „Etikette“ ihres ursprünglichen Fachbereiches abzulegen.[11] Dies tat u. a. Robert Escarpit, der 1975 an der Universität Bordeaux 3 den ersten Lehrstuhl für Informations- und Kommunikationswissenschaften und somit die Berechtigung, Doktorentitel in dieser Studienrichtung zu verleihen, erhielt. Im selben Jahr folgte die Einrichtung von Lehrstühlen an vier weiteren Hochschuleinrichtungen: Grenoble 3, Nizza, Paris 4 (EHHSS und CELSA) (vgl. Meyriat/ Miège 2002, S. 58).

Im Jahr 1978 wurde das Komitee in eine wissenschaftliche Fachgesellschaft umgewandelt und änderte seinen Namen in Société francaise des sciences de l’information et de la communication (SFSIC, französische Fachgesellschaft für die Informations- und Kommunikationswissenschaften). Die erste Fachtagung der SFSIC fand im April 1978 in Compiègne statt und versammelte bereits mehr als 120 Wissenschaftler (Meyriat/Miège 2002, S. 55). Die SFSIC, die heute über 450 Wissenschaftler zählt, zeichnet sich durch eine rege Forschungsaktivität aus: Sie veröffentlicht jedes Quartal einen Informationsbrief, organisiert regelmäßig Workshops, Symposien und Fachtagungen. Die SFSIC pflegt zudem Kontakte zu anderen wissenschaftlichen Fachgesellschaften (vgl. SFSIC, online). Durch den regelmäßigen Austausch unter Wissenschaftlern sorgt die SFSIC für eine gewisse Anpassung der Forschungsaktivitäten (vgl. Viallon 2003, S. 11f). Die Vielfalt der Forschungsthemen führte jedoch zu einer internen Differenzierung und zur Bildung mehrerer Forschungsfachgruppen, die unterschiedliche thematische Bereiche bearbeiten.

1.3. Die Informations- und Kommunikationswissenschaften heute

Seit ihrer Institutionalisierung erlebten die Informations- und Kommunikationswissen-schaften eine beachtliche Expansion. Derzeit bieten 39 der 85 französischen Universitäten eine Licence, die dem Bachelor entspricht, mit unterschiedlichen Schwerpunkten an. Die Anzahl der in diesem Fach eingeschriebenen Studenten ist von etwa 1.000 im Jahr 1976 auf etwa 5.000 im Jahr 1983 und auf mehr als 12.000 im Jahr 1990 gestiegen (vgl. Comité National d’Evaluation 1993, S. 39).

Auch gemessen an der Zahl der angestellten Lehrkräften profitierte das Fach von einem außerordentlichen Wachstum: Waren im Jahr 1977 nur 43 Professoren und Dozenten in der Sektion eingetragen, stieg diese Zahl 1996 auf 257 und erreichte eine Zahl von 663 im Jahr 2005. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Zahl der angestellten Lehrkräfte im Bereich Informations- und Kommunikationswissenschaft versechsfacht, während die Gesamtanzahl der Lehrkräfte an französischen Hochschulen nur verdoppelt wurde (vgl. Cardy/Froissart 2005, S. 3). Um diesem Bedarf zu begegnen, wurden anfangs Wissenschaftler aus anderen Disziplinen, wie der Linguistik, Fremdsprachen, Soziologie, Wirtschaft, Philosophie etc., berufen. Diese frühe Phase der französischen Informations- und Kommunikationswissen-schaften ist heute jedoch abgeschlossen. Zwischen 1975 und 2004 wurden bereits 862 Doktorarbeiten im Bereich Informations- und Kommunikationswissenschaften angenommen (vgl. Dumas et al. 2006). Durch die Ausbildung von Doktoranten und Habilitanden innerhalb des eigenen Wissenschaftsfeldes werden mittlerweile Professoren nominiert, die dieses Fach auch studiert haben. Nun können die französischen Informations- und Kommunikations-wissenschaften mit einem eher endogenen und regelmäßigen Wachstum ihrer Gemeinschaft rechnen (vgl. Cardy/Froissart 2002, S. 259f).

Die Forschergemeinschaft ist durch französische Fachgesellschaft für die Informations- und

Kommunikationswissenschaften (SFSIC) gut organisiert und die Grenzen der Wissenschaft eindeutig durch den Text der 71. Sektion des Conseil National des Universités (CNU), definiert. Neben der allgemeinen Erforschung der Natur von „Information“ und „Kommunikation“ beinhaltet diese Wissenschaft u. a. die Erforschung des Kommunikations-prozesses; der Konzeption, Produktion, Nutzung und Rezeption von Information- bzw. Medienangeboten; der verschiedenen Akteure im Kommunikations- und Informationssystem und ihren beruflichen Praktiken; der Inhalte, Eigenschaften und Darstellungen von Informationen; der Massenmedien und der Kulturindustrie (vgl. CNU71, online).

Trotz dieser positiven Bilanz auf institutioneller Ebene kann der Prozess der Identitäts-bildung nicht als abgeschlossen betrachtet werden. Aufgrund des Zusammenschlusses von Wissenschaftlern aus sehr unterschiedlichen Fachgebieten und mit unterschiedlichen Fragestellungen hat sich ein sehr breites und disparates Forschungsfeld ergeben.[12] Dies findet bereits in der Bezeichnung des Faches als „Informations- und Kommunikations-wissenschaft en “ seinen Ausdruck. Ursprünglich scheint die Verbindung zwischen Informations- und Kommunikationswissenschaft eher pragmatische als wissenschaftliche Gründe gehabt zu haben (vgl. Tétu 2002, S. 81).[13] Bis heute wird die Frage nach der Beziehung zwischen beiden Wissenschaften gestellt. Diese scheint widersprüchlicher Natur zu sein: Zwar können Forschungsarbeiten auf ein Kontinuum zwischen „Information“ und „Kommunikation“ eingeordnet werden, wobei nur wenige Arbeiten eine extreme Position einnehmen und die Schnittmenge somit sehr groß ist (vgl. Dumas 2006 et al.). Wissenschaftler identifizieren sich jedoch meist eindeutig mit der einen oder der anderen Disziplin, nehmen die Ergebnisse der anderen wenig zur Kenntnis und die kleinere Gemeinschaft der Informationswissenschaftler fühlt sich wenig integriert (vgl. Polity 2002, S. 3). Es stellt sich die Frage, ob das Interesse zu dieser Problematik nicht auch zumindest teilweise dadurch hervorgerufen wird, dass diese Kombination eine „französische Besonderheit“ darstellt, wie gern betont wird.

Interessanter ist meines Erachtens, dass die französischen Informations- und Kommunikationswissenschaften die in Deutschland eher sozialwissenschaftlich orientierte Kommunikationswissenschaft und die eher sprach- und literaturwissenschaftlich orientierte Medienwissenschaft unter einem Dach integrieren. So meint Stephanie Averbeck:

„In my opinion the fact that there are no “media studies” in France is due to the reason that SIC in itself is rooted in Literal Sciences/Linguistics.” (Averbeck 2005, S. 2).

Dafür spricht u. a., dass Institute für Informations- und Kommunikationswissenschaften meist an den Fakultäten für Sprach- und Literaturwissenschaften angesiedelt sind. Zudem wäre es eine Erklärung dafür, dass der Versuch des französischen Schriftstellers und Journalisten Régis Debray, eine neue Wissenschaft unter der Bezeichnung „Médiologie“ einzuführen, in Frankreich auf Skepsis und Widerstand stößt (vgl. Linde 2005, S.86).[14]

Unter der Bezeichnung „Informations- und Kommunikationswissenschaften“ wurden darüber hinaus die bereits existierenden, praxisorientierten Studiengänge zu den Carrières de l’information und somit Journalismus, Unternehmenskommunikation, aber auch Bibliotheks-, Buch-, Verlags- sowie Sprechwissenschaft, einbezogen. Die französischen Informations- und Kommunikationswissenschaften verstehen sich dementsprechend als eine inter- bzw. transdisziplinäre Wissenschaft und definieren sich über ihre Forschungsobjekte (vgl. Averbeck 2006, S. 5). Es herrscht Konsens darüber, dass die Komplexität der behandelten Fragestellungen die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen und die damit einhergehende methodische Vielfalt unumgänglich machen (vgl. u. a. Carpentier 1998, S. 38).

Während der Schwerpunkt der Forschung in Deutschland auf der öffentlichen, meist massenmedialen Kommunikation liegt, wird in Frankreich Kommunikation in einem umfassenderen Sinn untersucht:

“French scholars have an extensive concept of social or human communication. This concept is fundamentally based on the philosophy of language, as well on semiological and anthropological premises promoting the fusion of semiotics and pragmatics differentiation of the formal objects” (Averbeck 2005, S. 16)

Dies kann auf die Entstehungsgeschichte zurückgeführt werden und spiegelt den Einfluss der „Gründungsväter“Robert Escarpit, Roland Barthes, Georg Friedmann und Edgar Morin wider. Vor allem der Einfluss des semiotischen Ansatzes auf Lehre und Forschung stellt aus deutscher Sicht eine französische Besonderheit dar.[15] Ohne diesen Einfluss nachzu-vollziehen, kann man laut Stephanie Averbeck kaum das Wissenschaftsfeld in Frankreich verstehen (vgl. Averbeck 2000, S. 397). Untersucht wird neben die Wirkung und Nutzung von Massenmedien auch der grundsätzliche Prozess der Bedeutungsvermittlung in der zwischenmenschlichen, interpersonellen Kommunikation (vgl. u. a. Averbeck 2005, S. 7). Auf diesem, in Deutschland noch eher vernachlässigten Forschungsgebiet, sind demnach besonders interessante Ergebnisse zu erwarten. Außerdem kann vermutet werden, dass die französische Forschung sich mehr als deutsche auf die interne, eher durch interpersonelle Kommunikation geprägte, als auf die externe, eher massenmediale Unternehmens-kommunikation konzentriert. Schließlich kann erwartet werden, dass dabei umfassendere Vorstellungen der internen Unternehmenskommunikation zugrunde gelegt werden.

2. Die Entstehung des Forschungsfelds „Unternehmenskommunikation“

2.1. Entstehung eines neuen Berufsfelds und Einrichtung von neuen Studiengängen

In der Nachkriegszeit reisten viele französische Führungskräfte im Rahmen des Marshalls-planes in die USA, um sich mit modernen Managementmethoden vertraut zu machen. Diese Studienreisen trugen zur Verbreitung der Ergebnisse der sog. Human-Relations-Schule in den französischen Unternehmen bei: Arbeitsklima und Unternehmensimage wurden zunehmend als wichtige Erfolgsfaktoren erkannt, die Beziehungen zwischen Führungs-kräften und Mitarbeitern, aber auch zwischen den Unternehmen und ihren Teil-öffentlichkeiten wurden überdacht. Dies führte zur Entstehung von neuen Aktivitäten in Unternehmen. Eine Vorreiterrolle spielten dabei die Ölkonzerne: 1947 wurden bei Shell und Esso die ersten Public Relations Abteilungen gegründet, 1960 führte Shell als erstes französisches Unternehmen eine interne Unternehmenszeitung ein (vgl. Viale 1997, S. 60f). So entstand nach und nach ein neues Berufsfeld im Bereich der internen und externen Unternehmenskommunikation.

Obwohl dieses neue Berufsfeld schnell Aufschwung bekam, waren seine ersten Vertreter mit einem Problem konfrontiert: Sie waren meist ehemalige Journalisten oder hatten ein juristisches bzw. betriebswirtschaftliches Studium abgeschlossen und ihre Position durch interne Beförderung oder Beziehungen erreicht.[16] Sie verfügten zwar über gewisse berufliche Erfahrungen, besaßen jedoch nur geringe spezifische Kenntnisse bezüglich der Unternehmenskommunikation (vgl. Viale 1997, S. 76f). Es fehlte ihnen somit an Glaubwürdigkeit, was ihre Position im Unternehmen und in der Gesellschaft erheblich schwächte (vgl. Devèze 1998, S. 40). Sie erkannten daher schnell die Notwendigkeit, eine Reflexion über ihre Berufspraktiken und einen Professionalisierungsprozess einzuleiten, um die Legitimierung ihres Berufes voranzutreiben. Die Professionalisierung ist eine stufenweise Entwicklung, die im Allgemeinen „eine Erhöhung des Anspruchs- und Leistungsniveaus des Berufsbildes, eine Einschränkung des Zugangs durch besondere Qualifikationsnachweise und die Ausrichtung der Berufsausübung an den Erkenntnis-fortschritten wissenschaftlicher Disziplinen“ bedeutet (Szyszka/Bentele 1995, S. 320). Dieser Prozess, der einer Aufwertung des Berufes gleichzusetzen ist, führt zu höherem gesellschaftlichen Ansehen und zu einer besseren Bezahlung.

Um die Existenz des neuen Berufsfeldes „Unternehmenskommunikation“ zu sichern, waren ihre Vertreter bemüht, sich zu organisieren und gründeten ab Mitte der fünfziger Jahre mehrere Interessensverbände. Diese Verbände trugen u. a. durch die Formulierung von Berufsstandards und -ethiken einen wesentlichen Beitrag zur Anerkennung der neuen beruflichen Praktiken bei (vgl. Viale 1997, S. 66f). Bald wurden zudem erste Ratgeber, die das gesammelte Erfahrungswissen reflektierten, veröffentlicht. Des Weiteren entstanden erste Aus- und Weiterbildungsangebote: 1959 eröffnete die private, staatlich anerkannte Lehranstalt Collège des Sciences Sociales et Economiques einen Studiengang für Public Relations, zwei Jahre später wurde die Ecole Française des Attachés de Presse (EFAP, französische Schule für Pressereferenten) gegründet. Es folgte die Gründung von weiteren privaten Schulen, so dass das Angebot bald unübersichtlich wurde (vgl. Viale 1997, S. 116f). Aufgrund der geringen Regulierung der Lehrinhalte in privaten Bildungseinrichtungen war die Qualität dieser Studiengänge allerdings sehr unterschiedlich und teilweise sogar zweifelhaft (vgl. Devèze 1998, S. 42).

Der Literaturwissenschafter Charles-Pierre Guillebeau (1922–2004) erkannte in dieser Entwicklung eine Chance: Das neue Berufsfeld eröffnete Absolventen der Geistes- und Humanwissenschaften neben der traditionellen Forscher- bzw. Lehrerlaufbahn weitere berufliche Aussichten.[17] Durch eine verstärkte Orientierung der Ausbildung an der Praxis konnte zudem die gesellschaftliche Relevanz von geistes- und humanwissenschaftlicher Forschung und Lehre aufgezeigt werden: Die Integration von geistes- bzw. human-wissenschaftlich ausgebildeten Mitarbeitern würde die im Unternehmen vorhandenen Kompetenzen erweitern, was für Unternehmen eine Bereicherung wäre. Zudem würde dadurch ein humanistisches Menschenbild in Unternehmen verbreitet werden, das zur Erneuerung der herrschenden Unternehmenskultur und zur Verbesserung der Beziehung zwischen dem Menschen und seiner sozialen und wirtschaftlichen Umwelt beitragen würde (vgl. Bernard 2002, S. 166). Charles-Pierre Guillebeau, der damals Leiter des Vereins ehemaliger Studenten der geistes- und humanwissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten von Paris war, berief 1957 eine Pressekonferenz ein. Gegenstand dieser Konferenz war die Forderung nach einer Annäherung der universitären Lehre an die Unternehmenspraxis. Es wurde eine Initiative zur Förderung der Kooperation zwischen Universitäten und Unternehmen ins Leben gerufen, an der sich von Beginn an verschiedene Unternehmensvertreter in Leitungspositionen beteiligten (vgl. Bernard 2002, S. 160).

Diese Initiative leitete eine grundsätzliche und dauerhafte Umorientierung der Aktivitäten des Vereins ein, der zu einer Art „Innovationslabor“ wurde. Zunächst wurden im Rahmen der Initiative zur Förderung der Kooperation zwischen Universitäten und Unternehmen Weiterbildungsangebote, Workshops, Foren und Konferenzen organisiert. Im Jahr 1958 richtete Charles-Pierre Guillebeau ein Zentrum zur Erforschung der Unternehmens-kommunikation innerhalb des Vereins ein, welches ab 1959 die eigene Fachzeitschrift Humanisme et Entreprise herausgab. Im Jahr 1965 wurde dieses Zentrum in ein Hoch-schulzentrum umgewandelt, das Centre d’Etudes Littéraires Supérieures Appliquées (CELSA, Hochschulzentrum für angewandte literarische Studien), das fast dreißig Jahre von Charles Pierre Guillebeau geleitet wurde.[18] In Zusammenarbeit mit Unternehmens-vertretern wurden spezielle Studiengänge konzipiert - Human Relations, Public Relations, Marketing und Werbung sowie Journalismus - die den Studenten ein breit angelegtes Wissen und erste Berufserfahrungen vermitteln sollten. Im Jahr 1985 wurde das CELSA in die Universität Sorbonne (Paris 4) eingegliedert, behielt jedoch den Status einer autonom verwalteten grande école[19] (vgl. CELSA, online).

Rund zehn Jahre vor der Institutionalisierung der Informations- und Kommunikations-wissenschaften an den französischen Universitäten wurden hiermit erste Studiengänge zur Unternehmenskommunikation angeboten. Diese Studiengänge sind demnach nicht nach-träglich, sondern parallel zu den Informations- und Kommunikationswissenschaften als „angewandte Literaturwissenschaft“ entstanden, da ein Bedarf dafür in der Wirtschaft erkannt wurde. Der Begriff „Kommunikation“ tauchte zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf, erst im Nachhinein beriefen sich Charles-Pierre Guillebeau und das CELSA auf die neu gegründete Disziplin (vgl. Bernard 2002, S. 166). Die Rolle von Charles-Pierre Guillebeau bei der Institutionalisierung des Faches ist jedoch bis jetzt relativ wenig untersucht worden, obwohl er zu den Gründungsmitgliedern des Komitees für Informations- und Kommunikationswissenschaften gehörte, später in Zusammenarbeit mit Robert Escarpit das Forschungsfeld der neuen Sektion definierte und somit aktiv an der Institutionalisierung der neuen akademischen Disziplin beteiligt war. Sicher ist, dass durch sein persönliches Engagement die Unternehmenskommunikation von Beginn an in die Informations- und Kommunikationswissenschaften einbezogen wurde.

2.2. Von der „Unternehmenskommunikation“ zur „Organisationskommunikation“

Die Anerkennung neuer Studiengänge an Hochschulen setzt meist voraus, dass ein Zusammenhang zwischen Forschung und Lehre besteht. Doch obwohl bereits in den sechziger Jahren Studiengänge zur Unternehmenskommunikation an französischen Hoch-schulen eingerichtet wurden, blieb die Forschung auf diesem Feld lange Zeit schwach ausgeprägt. Françoise Bernard, die im Rahmen ihrer Habilitation die Entstehungs-geschichte dieses Forschungsfeldes untersucht hat (vgl. Bernard 1998b), stellt fest, dass die Forschung zur Unternehmenskommunikation sich erst ab Ende der achtziger Jahre spürbar entwickelte (vgl. Bernard 2002, S. 156). Dies verdeutlicht ihre Analyse der Fachzeitschrift Humanisme et Entreprise, die bis 1992 die einzige französische Fachzeitschrift war, die sich mit Unternehmenskommunikation beschäftigte.[20] Ein im Jahr 1989 herausgegebenes Register listet alle zwischen 1959 und 1988 veröffentlichten Artikel auf und beinhaltet ein Autoren- und Themenverzeichnis. Die Analyse dieses Registers zeigt, dass die Veröffent-lichungen der Fachzeitschrift im betrachteten Zeitraum vorwiegend von Autoren aus der Praxis stammen. Wissenschaftler hingegen sind in dem untersuchten Zeitraum deutlich unterrepräsentiert. So finden sich in der Rubrik „Unternehmen: interne und externe Kommunikation“, die mit insgesamt 547 Artikeln fast die Hälfte aller veröffentlichten Artikel umfasst, nur 46 Artikel von Wissenschaftlern (vgl. Bernard 2002, S.168f).

Anfang der neunziger Jahre wurde dementsprechend mehrfach auf einen gewissen Rückstand der Forschung zur Unternehmenskommunikation hingewiesen (vgl. Le Moënne 1998, S. 7). Françoise Bernard führt verschiedene Gründe an, um den verspäteten Aufschwung der Forschung zu erklären. Zunächst stellt sie fest, dass eine Diversifikation der informations- und kommunikationswissenschaftlichen Forschung erst ab einer gewissen Anzahl an eingerichteten Lehrstühlen und Dozentenstellen überhaupt möglich wurde. Darüber hinaus waren Unternehmen für Geistes- und Humanwissenschaftler ein zunächst eher ungewohntes Forschungsobjekt, das sie anfangs mit einer gewissen Skepsis betrachteten und an das sie sich nur langsam herantasteten. (vgl. Bernard 2002, S. 174). Das größte Hindernis für die Forschung bestand jedoch darin, dass sie mit Praktiken und Kategorisierungen aus der Praxis konfrontiert waren, die einen festgelegten Interpretations-rahmen anboten und kaum Raum für eine wissenschaftlich fundierte Reflexion über die Unternehmenskommunikation ließen (vgl. Bernard 2002, S. 157).

Diese Praktiken und Kategorien spiegeln sich in dem bereits genannten Register der Fachzeitschrift Humanisme et Entreprise wider: Die vorgenommenen Einteilungen und Zuordnungen im Themenverzeichnis sind stark von der in der Praxis entstandenen Strukturierung nach funktionellen Unternehmensbereichen geprägt. So beinhaltet die Rubrik „Unternehmen: interne und externe Kommunikation“ die Themen „Human Relations“, „Public Relations“, „Werbung“, „Vertrieb“ und „Marketing“ (vgl. Bernard 2002, S. 169). Diese starke Orientierung an der Praxis ist nicht erstaunlich, da die meisten Autoren aus der Unternehmenspraxis stammen. Die unreflektierte Übernahme dieser Kategorien durch die Redaktion von Humanisme et Entreprise zeugt jedoch von einem geringen Abstand zwischen Wirtschaft und Wissenschaft.

Die inhaltliche Analyse der veröffentlichten Artikel ergibt, dass diese von „Legitimations-diskursen“ aus der Praxis geprägt sind. Die Fachzeitschrift Humanisme et Entreprise fügt sich somit in ein komplexes System der gegenseitigen Legitimierung von Praxis und Lehre ein (vgl. Bernard 2002, S. 176). Aus der Initiative zur Förderung der Kooperation zwischen Universitäten und Unternehmen ist im Laufe der Jahre ein eng geknüpftes Netzwerk von Partnern mit unterschiedlichen, sich jedoch ergänzenden Interessen entstanden: Wissen-schaftler richteten spezialisierte Studiengänge ein, deren Ausbildungsinhalte sich stark an der beruflichen Praxis orientierten, während Unternehmensvertreter sich bereit erklärten, Absolventen dieser Studiengänge einzustellen und zu fördern. Die noch bruchstückhaften, meist aus den USA importierten Unternehmenspraktiken wurden implizit durch ihre Verbreitung in der zwar nicht wissenschaftlichen, doch den Hochschulen nahen Fach-zeitschrift Humanisme et Entreprise und ihrer Vermittlung in der Lehre legitimiert. Die Lehre wiederum legitimierte sich durch ihre Praxisnähe und durch den Zugang von Absolventen zu Unternehmen (vgl. Bernard 2002, S. 174f).[21] Dieser sich selbst verstärkende, gegenseitige Legitimierungsprozess ließ kaum Raum für eine kritische Reflexion der Praktiken und Kategorien aus der Praxis. Durch die ständige Wiederholung der Legitimationsdiskurse entstand ein „diffuses Hintergrundgeräusch“, das „leise die Tugenden der Unternehmenskommunikation preist“ (vgl. Devèze 1998, S. 46f). Erst später wurden die Unternehmenspraktiken von Akteuren, die in anderen Institutionen tätig waren, d. h. außerhalb dieses Systems standen und somit das Ganze mit einem gewissen Abstand betrachten konnten, hinterfragt.

Im Jahr 1985 übernahm der Sprachwissenschaftler Hugues Hotier den Lehrstuhl von Robert Escarpit an der Universität Bordeaux 3. Hugues Hotier brachte Kenntnisse im Bereich Unternehmenskommunikation mit und gründete 1986 die Groupe de Recherche en Communication des Organisations (GREC/O), der sich auch Forscher aus anderen Universitäten anschlossen. Da es damals noch keine wissenschaftliche Fachzeitschrift zur Unternehmenskommunikation gab, in der ihre Forschungsergebnisse veröffentlicht werden konnten, beschloss Hugues Hotier im Jahr 1991 die Gründung der Fachzeitschrift Communication et Organisation (vgl. Communication et Organisation 2001, S. 262). Die wissenschaftliche Fachzeitschrift Communication et Organisation wird seit 1992 halb-jährlich herausgegeben und hält sich, im Gegensatz zu Humanisme et Entrepris e, an die international üblichen Standards: Ein internationales Lektorenkomitee, das sich aus anerkannten Wissenschaftlern zusammensetzt, beurteilt die Qualität der anonym einge-sandten Beiträge. Die interdisziplinär ausgerichtete Fachzeitschrift bietet somit auch jungen, noch unbekannten Forschern eine Gelegenheit zur Veröffentlichung ihrer Arbeiten an. Jede Ausgabe umfasst etwa 270 Seiten und widmet sich in einem ca. 150 Seiten langen Dossier einem bestimmten Thema. Hinzu kommen immer die Rubriken „Analyse“, „Forschungs-stand“, „Erfahrung“, „Interview“, „Rezensionen“ (vgl. GREC/O, online).

Der Titel dieser Fachzeitschrift deutet bereits auf eine wichtige Wende in diesem Forschungsfeld hin: Schon 1988 hatte Hugues Hotier im Rahmen eines Kongresses des SFISIC zum Thema „Unternehmen und Kommunikation“ dafür plädiert, den bis dahin in Frankreich üblichen Begriff „Unternehmenskommunikation“ durch den Begriff „Organisationskommunikation“ zu ersetzen (vgl. Devèze 1998, S. 38).[22] Heute wird der Begriff „Organisationskommunikation“ in der französischen Forschung fast einheitlich verwendet. Die Hinwendung der Forschung zur Organisation bedeutete zunächst eine Erweiterung des Untersuchungsobjektes: Ursprünglich auf die Unternehmen begrenzt, d. h. auf Organisationen mit Gewinnerzielungsabsichten, hat sich die Forschung auf Organisationen im weiteren Sinne ausgedehnt, d. h. auf alle sozialen Einheiten, deren Aktivitäten auf ein Ziel hingerichtet sind. Nach einer Einschätzung von Françoise Bernard gewann die Forschung dadurch einen gewissen Abstand gegenüber der Praxis und befreite sich von den Kategorisierungen nach funktionellen Unternehmensbereichen. Somit eröffneten sich neue Wege für die kommunikationswissenschaftliche Forschung (vgl. Bernard 2002, S. 175f).

Die Zeitschrift Communication et Organisation hat durch die Qualität ihrer Artikel einen wichtigen Beitrag zur Legitimierung und zur Entwicklung des Forschungsfeldes geleistet. Dies wird u. a. daran deutlich, dass einige Artikel häufig zitiert werden. In den ersten Ausgaben wurden im Dossier noch sehr allgemeine Themen behandelt und dazu Beiträge von anerkannten Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland veröffentlicht. Dabei spielten Forscher aus Quebec, u. a. André A. Lafrance, Nicole Giroux, James R. Taylor, Alain Laramé und Paul Stryckman, eine wichtige Rolle und trugen sicherlich zur Verbreitung von Ergebnissen aus der US-amerikanischen Forschung in Frankreich bei. In den darauf folgenden Jahren wurden immer speziellere Themen behandelt, nach und nach konnten sich auch französische Nachwuchswissenschaftler einen Namen auf diesem Forschungsfeld machen.[23] Nach der Emeritierung von Hugues Hotier im Jahr 2003 übernahm zunächst Gino Gramaccia, dann Valérie Carayol die redaktionelle Leitung der Zeitschrift.

2.3. Das Forschungsfeld „Organisationskommunikation“ heute

Heute ist die „Organisationskommunikation“ ein sehr dynamisches Forschungsfeld, das einen wichtigen Platz innerhalb der französischen Informations- und Kommunikations-wissenschaften einnimmt. Im Jahr 1994 wurde die Fachgruppe Org&Co innerhalb der französischen Fachgesellschaft für Informations- und Kommunikationswissenschaften (SFSIC) eingerichtet. Diese Fachgruppe, die sich der Forschung zur „Organisations-kommunikation“ widmet, wurde zunächst von Christian Le Moënne, dann von Françoise Bernard geleitet und ist gegenwärtig unter dem Vorsitz von Arlette Bouzon. Sie ist eine der aktivsten Fachgruppen der SFSIC und zählt derzeit über 200 Mitglieder (vgl. Dussausaye 2006, S. 243). Die Bedeutung der Fachgruppe wird zudem dadurch unterstrichen, dass die Mitglieder von Org&Co wichtige Funktionen innerhalb der SFSIC übernehmen. So wurde Françoise Bernard im März 2003 zur Vorsitzenden der SFSIC gewählt, ihr Nachfolger ist Gino Gramaccia. Die Fachgruppe Org&Co verfügt seit April 2004 über eine eigene Webseite mit einem Diskussionsforum und veröffentlicht alle zwei Monate den Bulletin d’Org&Co, einen Informationsbrief für seine Mitglieder, der Beiträge zur Diskussion stellt, auf aktuelle „call for papers“ hinweist und an geplante Treffen erinnert (vgl. Org&Co, online).

Neben regelmäßigen Arbeitstreffen organisiert Org&Co zwei- bis dreitägige Tagungen. Die erste Tagung fand 1996 in Rennes statt; ihr folgten Tagungen in Lille (1997), Aix en Provence (1999), Castres (2001), Avignon (2004), Lyon (2004) und Paris (2005). Dabei stiegt die Anzahl der Beiträge stetig.[24] Die Beiträge der beiden ersten Tagungen wurden in Sammelbänden veröffentlicht (Le Moënne 1998; Delcambre 2000). Die Beiträge der übrigen Tagungen stehen im Internet zur Verfügung (vgl. Org&Co, online). Org&Co trägt somit zur Verbreitung der erzielten Ergebnisse und zur Weiterentwicklung des Forschungsfeldes bei. Das Forschungsnetzwerk ermöglicht zudem die Bündelung von Ressourcen und trägt zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Forschern bei. Ein aktuelles Ziel von Org&Co ist die Intensivierung des internationalen Dialogs. Es sind zwar bereits acht Nationalitäten innerhalb der Forschungsgruppe vertreten und es bestehen regelmäßige Kontakte mit Universitäten aus Belgien, Kanada und Rumänien. Dennoch bleibt der Austausch eher unausgewogen und auf französischsprachige Länder beschränkt; nur wenige französische Wissenschaftler nehmen an internationalen Tagungen teil oder veröffentlichen in international angesehenen Fachzeitschriften (vgl. Org&Co, online).

[...]


[1] In der untersuchten Literatur werden verschiedene Begriffe, wie u. a. Modelle, theoretische Ansätze, Theorie, Perspektive oder Paradigma, verwendet, wobei diese nicht eindeutig voneinander abgegrenzt werden. In dieser Arbeit wird in Anlehnung an Valérie Carayol (vgl. Carayol 1998) von unterschiedlichen Forschungs-perspektiven gesprochen, weil dies der aktuellen Betrachtung in der untersuchten Literatur entspricht

[2] In Deutschland etablierte sich in der Weimarer Republik die Zeitungskunde, aus der nach dem zweiten Weltkrieg die Publizistik- bzw. und Kommunikationswissenschaft entstanden ist.

[3] Das bereits 1937 gegründete und 1951 umbenannte Forschungs- und Dokumentationszentrum wurde 1969 an der Universität Paris 2 eingegliedert. Heute beherbergt das Institut mit über 8000 Werken die wohl umfassendste französische Sammlung zur Kommunikationswissenschaft.

[4] Dieses Zentrum wurde an der heutigen Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS, Schule der hohen Forschung in Sozialwissenschaften) an der Universität Sorbonne, Paris 4, gegründet.

[5] Die Bewerbungsvoraussetzung ist bei der Besetzung von Lehrstühlen die habilitation à diriger des recherches. Die Bewerber müssen zudem mindestens fünf Jahre Forschungs- und Lehrtätigkeit in den vorangegangen acht Berufsjahren nachweisen.

[6] Mit der Rufannahme erfolgt die Ernennung zum Beamten auf Lebenszeit. Die Aufnahme in die Berufungsliste endet nach vier Jahren: Wer bis dahin nicht berufen wurde, muss sich erneut dem Auswahlverfahren stellen.

[7] Bis dahin wurden die praxisnahen Ausbildungen, zum Beispiel für Ingenieure, Handelfachleute oder Journalisten, von privaten Schulen und Elitenhochschulen abseits der Universitäten übernommen.

[8] Daraus entstand 1980 durch den Zusammenschluss mit dem bereits erwähnten Institut de littérature et de techniques artistiques de masse (ILTAM) das Institut des Sciences de l’Information et de la Communication (ISIC, Institut für Informations- und Kommunikationswissenschaften), das erste Institut für Kommunikations-wissenschaft in Frankreich.

[9] Napoleon Bonaparte, der das Bildungswesen neu strukturierte, machte die teilweise aus den 16. Jahrhundert stammenden Grandes Ecoles endgültig zu den Elitebildungsstätten Frankreichs. Die Grandes Ecoles haben einen weit besseren Ruf als die französischen Universitäten und dürfen ihre Studenten anhand eines Concours auswählen. Die renommiertesten unter ihnen sind die Ecole Nationale d’Administration (ENA), aus welcher mehrere französische Staatspräsidenten hervorgegangen sind, und die Ecole Normale Supérieure (ENS), die die meisten Hochschullehrer ausbildet. Die Professoren und ehemaligen Studenten dieser Elitenhochschulen pflegen den Kontakt untereinander, was zur Bildung von einflussreichen Netzwerken unter der Elite des Landes führt.

[10] Die 52. Sektion, die später die 71. Sektion wurde.

[11] 1975 wechselten nur 27 Wissenschaftler in die neu gegründete Sektion. Viele Förderer sind lieber in ihrer ursprünglichen Fachgemeinschaft geblieben. Abgesehen von eher „strategischen“ Überlegungen begründeten sie ihre Entscheidung mit dem Argument, dass Information und Kommunikation kein eigenständiges Forschungsansatz bedürften, und somit von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fachrichtungen mit den eigenen methodologischen Ansätzen untersucht werden könnten (vgl. Tétu 2002, S. 82).

[12] So waren Robert Escapit und Charles-Pierre Guillebeau Literaturwissenschaftler, Roland Barthes Semiotiker , Abraham Moles Philosoph , Fernand Terrou und Jean Devèze Juristen , Edgar Morin und André Jean Tudesq Soziologen , Jean Meyriat Informationswissenschaftler und Elie Roubine Mathematiker.

[13] Diese Bezeichnung sei gewählt worden, weil das Gefühl überwog, dass der Begriff „Information“ den etwas unscharfen Begriff „Kommunikation“ konkretisierte, und weil diese Bezeichnung erlaubte, die Interesse von zwei noch eher kleinen Wissenschaftlergruppen zu vertreten (vgl. Devèze 1992, S. 5).

[14] Nach Ingo Linde kann die „Médiologie“ nicht als Medientheorie aufgefasst werden (vgl Linde 200, S. 85).

[15] Aufgrund der Zentralisierung von Bildung ist die Hochschulausbildung in Frankreich relativ einheitlich. Die dreijährige „ Licence“, die dem Bachelor entspricht, beinhaltete meist neben Vorlesungen zu Medien und Kultur, Information und Kommunikation auch Vorlesungen zu Semiotik (vgl. Dussausaye 2006, S. 83). In der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft wird die Semiotik hingegen laut Stephanie Averbeck kaum betrachtet. Ausnahme dabei sind die älteren Arbeiten von Günther Bentele und die einführenden Werke von Roland Burkart (vgl. Averbeck 2000).

[16] Damals war Zugang und Übergang von einer Aktivität zu einer anderen waren relativ einfach, da noch keine staatlich anerkannte Ausbildung, ebenso auch keine spezifische Methode oder theoretisches Wissen für ihre Ausübung existierten. (vgl. Dussausaye 2006, S. 91).

[17] Charles-Pierre Guillebeau verfasste eine Doktorarbeit zum Thema „Literaturwissenschaftliche Ausbildung und berufliche Zukunft“ (1960).

[18] Dem CELSA angeschlossen ist weiterhin das Forschungslabor GRIPIC.

[19] Die Schule verfügt heute über einen ausgezeichneten Ruf bei Unternehmen und Studenten. Neben den bereits erwähnten Studiengängen wird heute auch ein Studiengang im Bereich Medien und Multimedia angeboten. Im Master können sich die Studenten in verschiedenen Richtungen, wie zum Beispiel institutionelle Kommunikation, internationale Kommunikation oder interkulturelles Management, spezialisieren (vgl. CELSA online).

[20] Humanisme et Entreprise ging im Jahr 1963 aus der ab 1959 herausgegebenen Fachzeitschrift des Vereins der ehemaligen Studenten der Universitäten von Paris hervor.

[21] Die berufliche Zukunft von literatur- bzw. später kommunikationswissenschaftlichen Absolventen blieb ein wichtiges Forschungsthema für Charles-Pierre Guillebeau, der dazu regelmäßig Artikel in Humanisme et Entreprise verfasste und mehrere Studenten mit dieser Fragestellung bis zu seiner Emeritierung promovierte (vgl. SUDOC, online).

[22] Der französische Begriff „ communication organisationelle“ existierte bereits in Kanada, wo er Mitte der achtziger Jahre in Anlehnung an die US-amerikanische Forschung vom Wissenschaftler James R. Taylor eingeführt wurde (vgl. Communication et Organisation 2001, S. 263).

[23] Es können u. a. Gino Gramaccia, Valérie Carayol, Françoise Bernard, Dominique Blin, Arlette Bouzon, Nicole d’Almeida und Catherine Loneux erwähnt werden.

[24] Die Anzahl der Beiträge stieg von 14 in Rennes auf 19 in Lilles, 29 in Aix-en-Provence und 34 in Castres.

Details

Seiten
114
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638882422
ISBN (Buch)
9783638888738
Dateigröße
885 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84283
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Medien- und Kommunikationswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Kommunikationsnetzwerke Unternehmenskultur Positionen Diskussionen Ergebnisse Kommunikationswissenschaft Unternehmenskommunikation

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Titel: Kommunikationsnetzwerke und Unternehmenskultur: Positionen, Diskussionen und Ergebnisse der französischen Kommunikationswissenschaft zur internen Unternehmenskommunikation