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Die diagnostische Vorgehensweise bei verhaltensauffälligen Kindern

Eine theoretische Einführung

Studienarbeit 2005 20 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anamnese
2.1. Eigen- und Fremdanamnese

3. Anwendungsfelder der Anamnese
3.1. Die Anamnese und ihre Bedeutung in der Erziehungsberatung

4. Die Erfassung der biographischen Daten
4.1. Anamneseschemata

5. Ergänzende Verfahren zur Anamnese
5.1. Verhaltensbeobachtungen
5.1.1 Das szenische Verstehen
5.2. Psychologisch-diagnostische Testverfahren
5.2.1 Entwicklungs-, Intelligenz- und Persönlichkeitstests
5.2.2 Projektive Verfahren
5.3. Zusätzliche Methoden zur Strukturierung von Informationen
5.3.1 Das Genogramm
5.3.2 Die Zeittafel

6. Das Verfassen eines Anamneseberichtes

7. Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang

Nr. 1 Zeichen zur Genogrammerstellung

1. Einleitung

Immer wieder begegnen uns Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten. Sie fallen beispielsweise in Schulen und Kindertagesstätten durch Ängstlichkeit, Aggressionen, starke motorische Unruhe, Kontaktscheue, depressive Verstimmungen oder Sprachschwierigkeiten auf. Dies wirft die Fragestellung nach der Diagnose von Verhaltensauffälligkeiten auf. Die Frage nach der diagnostischen Vorgehensweise begegnete mir auch im Rahmen eines universitären Projektes durch die einjährige Betreuung eines Kindes, welches mir durch die Pädagogische Frühförderstelle vorgestellt wurde.

Begründet mein Interesse an einer späteren Tätigkeit im Bereich der Erziehungsberatung möchte ich mich mit „der diagnostische Vorgehensweise bei verhaltensauffälligen Kindern“ auseinander setzen. Somit formuliere ich das Thema dieser Arbeit „Die diagnostische Vorgehensweise bei verhaltensauffälligen Kindern - eine theoretische Einführung“.

Den Schwerpunkt der Studienarbeit lege ich auf den „ersten Schritt“ in dem diagnostischen Prozess, die Anamnese.

Den Einstieg in das Thema bietet die Begriffsdefinition „Anamnese“.

Auf die Frage, wo die Anamnese Anwendung findet, gibt eine Auflistung der zentralen Anwendungsfelder Antwort. Hier gehe ich insbesondere auf die Bedeutung der Anamnese in der Erziehungsberatung, als ein klassisches Anwendungsfeld, ein. Anschließend werden Anamneseschemata erläutert, die helfen die zu erhebenden biographischer Daten zu erfassen.

Zu den weiteren Verfahren, die den diagnostischen Prozess begleiten, gehören u.a. die Verhaltensbeobachtung, das „szenische Verstehen“ und Testverfahren, welche in ihren Ansätzen vorgestellt werden. Das Kapitel „Ergänzende Verfahren zur Anamnese“ endet mit der Vorstellung der Strukturierungshilfen „Genogramm“ und „Zeittafel“. Nachdem der theoretische Teil meiner Ausarbeitung schließt mit Hinweisen zum Verfassen eines schriftlichen Anamneseberichtes Die Arbeit schließt mit einer Schlussbetrachtung.

Um den Lesefluss nicht unnötig zu stören, wählte ich in der vorliegenden Arbeit die männliche Ausdrucksform. So wird in der Regel von Klienten, Sozialarbeitern und Ärzten gesprochen. Gemeint sind dabei immer beide Geschlechter gleichermaßen.

2. Anamnese

Der Begriff Anamnese wird aus dem Griechischen „Anamnesis“ abgeleitet und bedeutet Erinnerung. Allgemeiner wird die Anamnese als die Vorgeschichte eines Tatbestandes, insbesondere einer Erkrankung oder einer Störung bezeichnet. Die Psychologie übernahm den Begriff der Anamnese aus der Medizin und erweiterte seine Bedeutung. In der psychologischen Diagnostik wird die Anamnese als Darstellung der Vorgeschichte einschließlich der Beschreibung der aktuellen Situation und das Sammeln, Systematisieren sowie diagnostische Verarbeiten der Informationen definiert. Kemmler (1980, S. 9 f.) betont, dass es sich hierbei nicht ausschließlich um die Ermittlung der Störung des Verhaltens, wie in einer Krankheitsgeschichte, sondern um die Beschreibung des gesamten Entwicklungsverlaufes handelt. Kubinger und Deegener (2001) präzisieren den diagnostischen Prozess der Anamnese als eine „Sammlung der typischerweise mit dem gegebenen Sachverhalt in Verbindung stehenden Informationen“.

Im Ergebnis soll die Anamnese einen Einblick in die Persönlichkeit des Kindes geben. Es gilt den inneren Zusammenhang zwischen den aktuellen Problemen des Kindes und seinen früheren Erfahrungen herstellen zu können. Mit dem Hinweis, dass sich das Problem des Kindes immer zu einem Familienproblem wandelt, sollte die Anamnese parallel eine Art von Familiendiagnose vermitteln (vgl. Dührssen 1971, S. 134, 136). Auf der Grundlage der Eingangsinformationen in der Anamnese ist zu entscheiden, welche Hyphothesen im Verlauf des diagnostisches Prozesses zu prüfen sind. Es ist weiter zu bestimmen, welche diagnostischen Verfahren zur Überprüfung der Hypothesen herangezogen werden könnten(vgl. Kubinger/Jäger 2003, S. 111). Neben der hypothesenschaffenden Funktion kann die Anamnese bereits Hinweise liefern, unter welchen Bedingungen später vorzuschlagende pädagogische und therapeutische Maßnahmen realisierbar sind und somit in prognostische Überlegungen einfließen. (vgl. Moog 1984, S.26, 32)

In der Literatur werden Begriffe wie „Anamneseerhebung“, „Befragung“, „Exploration“, „Biographie“ und „Interview“ überwiegend der Anamnese untergeordnet bzw. gleichgesetzt. Es hat sich keine einheitliche Terminologie entwickelt. Als gemeinsames Charakteristika arbeitete Fisseni (2004, S. 142) den Prozess der Informationssuche heraus.

Es wird, wie nachfolgend dargestellt, in Eigen- und Fremdanamnese unterschieden.

2.1. Eigen- und Fremdanamnese

Die Informationen, die mittels der Anamnese gewonnen werden, können von dem Klienten selbst (Eigenanamnese) oder von einer dritten Person, wie Eltern, Angehörigen oder sonstigen Bezugspersonen (Fremdanamnese) erhoben werden.

Bei Kindern ist altersbedingt eine Fremdanamnese unumgänglich. In den meisten Fällen wird von der Mutter als Person, die bis zum gegenwärtigen Augenblick mit dem Kind am engsten zusammenlebte und somit die innigsten Kenntnisse über sein Leben, seine Entwicklung und seine Schwierigkeiten hat, fremdanamnestische Daten erhoben. Anstelle der Mutter kann auch die Adoptiv-, Pflege- oder Großmutter stehen (vgl. Kemmler 1980, S. 14; Moog 1984, S. 26). Zusätzlich können Auskünfte von Erziehern, Lehrern, Therapeuten und Ärzten eingeholt werden. Es ist zu entscheiden, ob neben einer Fremdanamnese eine Eigenanamnese erfolgen soll. Übereinstimmend fanden Kubinger/Deegener (2001) in der Literatur die Meinung, dass Kleinkinder im gegebenen Zusammenhang nicht interviewbar, sondern ausschließlich beobachtbar sind. Vorschulkinder sind in der Lage über sich selber zu reden, neigen jedoch zum Vertauschen von Ereignissen in ihrer zeitlichen und logischen Abfolge und Verwechslung von Fakten mit Gedanken. Bei Kindern in der mittleren Kindheit (6- bis 11-Jährige) besteht die Befürchtung, dass sie eine Anamneseerhebung als ein Verhör empfinden und sich

dementsprechend als „nicht informativ“ erweisen. (vgl. Kubinger/Deegener 2001, S. 39 f.; Kubinger/Jäger 2003, S. 16 f.)

Speziell im Zusammenhang mit der Fremdanamnese ist das Problem der Gefahr einer subjektiven Verzerrung gegeben, d.h. die anamnestischen Auskünfte können durch die persönliche Sichtweise des Befragten verfälscht sein und bedürfen der Überprüfung (vgl. Moog 1984, S. 27). Überprüfbar sind jedoch nur objektive Informationen, wie zum Beispiel persönliche Angaben, biographische Fakten und bestimmte Verhaltensweisen. Subjektive Informationen können dagegen mehr oder weniger verlässlich sein (vgl. Argelander 1992, S. 12 f.).

3. Anwendungsfelder der Anamnese

Zentrale Anwendungsfelder der Anamnese sind allgemein medizinische, psychiatrische, psychologische wie psychoanalytische, gesprächspsychotherapeutische, verhaltenstherapeutische, pädagogische, wie allgemein erziehungsberaterische, sozialpädagogische sowie sozialarbeiterische Gebiete (vgl. Lexikon des Sozial- und Gesundheitswesens 1996, S. 83).

Im folgenden Abschnitt lege ich den Fokus auf die Anamnese in der Erziehungsberatung, da hier ein mögliches Tätigkeitsfeld für Sozialarbeiter/Sozialpädagogen gegeben ist.

3.1. Die Anamnese und ihre Bedeutung in der Erziehungsberatung

Erziehungs- und Familienberatungen sind Einrichtungen gemäß § 28 Kinder und Jugendhilfegesetz (KJHG), an die sich Kinder, Jugendliche, Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei Erziehungsfragen und bei persönlichen oder familienbezogenen Problemen wenden können. Somit sind sie u.a. eine der ersten Anlaufstellen für Eltern, bei deren Kindern Verhaltensauffälligkeiten beobachtet werden.

In vielen Erziehungsberatungen ist die Anamnese ein fester Bestandteil der Arbeit. Sie wird der Gesamtuntersuchung, die aus Anmeldung, Anamnese, Psychodiagnostik mit abschließender Befundzusammenfassung, medizinischer Diagnostik, Teambesprechung, Beratung, Behandlung und gegebenenfalls weiteren Maßnahmen, wie Heimeinweisung besteht, zugeordnet (vgl. Kemmler 1980, S. 9).

Die Anamnese hat eine mehrfache Bedeutung in der Erziehungsberatung:

-Begegnung und Kontakt mit den ratsuchenden Eltern zur Förderung einer Vertrauensbasis zwischen Eltern und Berater
-Kennenlernen der Schwierigkeiten und Symptome des Kindes
-Verursachung eines detaillierten Bildes von Entwicklung und Persönlichkeitsstruktur des Kindes
-Gewinnung eines Einblicks in die aktuelle Lebensumwelt des Kindes
-Bildung von Hypothesen und möglicher Problemdefinition
-Möglichkeit der Erstellung einer genetischen Diagnose (vgl. Kemmler 1980, S. 9 f.; Hundsalz 1995, S. 207).

Durch das multiprofessionelle Team einer Erziehungsberatung mit den Berufsvertretern Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten, Sozialarbeitern und Pädagogen wird deutlich, dass die Durchführung der Anamnese nicht an eine Berufsgruppe gebunden ist, sondern berufsübergreifend stattfindet.

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Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638005036
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84268
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Schlagworte
Vorgehensweise Kindern Ringveranstaltung Soziale Therapie Subjektives Leiden Widersprüchen Kultur

Autor

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