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Phraseologie: Einführung und Grundbegriffe

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Phraseologie und Phraseologisierung

3. Phraseologismus
3.1 Bezeichnungen
3.2 Definitionen
3.3 Wörtliche, übertragene und freie Bedeutung
3.2 Phraseologismen im weiteren und engeren Sinn

4. Die phraseologischen Merkmale
4.1 Polylexikalität
4.2 Festigkeit und Variabilität
4.2.1 Gebräuchlichkeit
4.2.2 Psycholinguistische Festigkeit
4.2.3 Strukturelle Festigkeit
4.2.3.1 Irregularitäten
4.2.3.2 Restriktionen
4.2.4 Relativierungen der strukturellen Festigkeit
4.2.4.1 Variationen
4.2.4.2 Modifikationen
4.2.4.3 Fehler
4.2.5 Pragmatische Festigkeit
4.3 Idiomatizität und Motiviertheit

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Sibylle verwendet Ausdrücke, die in keinem Wörterbuch stehen. Man versteht die Redewendung zwar, aber man wird das Gefühl nicht los, dass irgendetwas mit ihr nicht ganz richtig ist. Mit der Redewendung, meine ich, nicht mit Sibylle. Sibylle hat ein großes Herz, und sie mag Tiere. ‚Auch eine blinde Kuh findet die Spreu im Weizen’, sagt sie zum Beispiel. Und sie würde auch niemals ‚mit Spatzen auf Kanonen schießen’. Dafür schwimmt bei ihr ab und zu mal ein ‚Hecht im Ententeich’. Sibylle weiß, ‚wo der Hase im Pfeffer begraben ist’. [...] Da Sibylle sich nicht besonders gut in Geografie auskennt, weiß sie nicht, wo die berühmten böhmischen Dörfer liegen. Weil ihr aber oft etwas spanisch vorkommt, sagt sie stattdessen: ‚Für mich ist das ein spanisches Dorf’. Derlei Verdrehungen ziehen sich durch Sibylles Wortschatz ‚wie ein rotes Tuch’.“ (Sick 2005, 189, 190)

Ein Kapitel seines Bestsellers Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod widmet Bastian Sick den Sprichwörtern und Redewendungen des Deutschen, deren korrekte Verwendung nicht länger als selbstverständlich angesehen werden kann. Nicht nur Sibylle von nebenan, sondern auch Medien und Werbung schießen beim Spiel mit der Sprache des Öfteren am Tor vorbei.

Ausgehend von Harald Burgers Phraseologie – Eine Einführung am Beispiel des Deutschen (2003) wird die vorliegende Arbeit wichtige Grundbegriffe der Phraseologie erläutern und gängige Aspekte näher beleuchten. Zunächst soll die Begriffsklärung der wissenschaftlichen Termini Phraseologie, Phraseologisierung und Phraseologismus in die Materie einführen und das Verständnis der weiteren Ausführungen erleichtern. Die phraseologischen Hauptmerkmale Polylexikalität, Festigkeit, Idiomatizität und Motiviertheit werden definiert und ausgeführt, wobei neben Burger weitere wissenschaftliche Ansätze als Bezugspunkte dienen. Die Schlussbemerkung geht auf die Bedeutung der Phraseologie im täglichen Sprachgebrauch ein.

2. Phraseologie und Phraseologisierung

Der Begriff der Phraseologie (griech.: phrasis: ‚rednerischer Ausdruck’) kann auf zwei Arten ausgelegt werden: Die Phraseologie als Teilgebiet der Linguistik befasst sich mit der Erforschung von Phraseologismen. Sie ist die „Lehre von den festen Wortverbindungen einer Sprache, die in System und Satz Funktion und Bedeutung einzelner Wörter (Lexeme[1] ) übernehmen können“ (Palm 1997, 1). Daneben meint Phraseologie auch den „Bestand (Inventar) von Phraseologismen in einer bestimmten Einzelsprache“ (Häusermann 1977, 3). Zur besseren Unterscheidung verwendet Pilz für die erste Bedeutung den Ausdruck Phraseologie(forschung), für die zweite Bedeutung den Ausdruck Phraseolexikon (vgl. Pilz 1978, 784).

Als Teildisziplin der Lexikologie nahm die Phraseologie in der Sowjetunion der 1930-er Jahre ihren Anfang. Inzwischen hat sie international einen autonomen Forschungsstatus erreicht, und neben der Sprach- und Literaturwissenschaft beschäftigen sich weitere Wissenschaftszweige mit ihr: Die Volkskunde untersucht im Bereich der ‚Parömiologie’ hauptsächlich Redewendungen und Sprichwörter. Soziologie und Soziolinguistik befassen sich vorrangig mit den schichten- und gruppenspezifischen Aspekten von Phraseologis-men. Seit den 1970-er Jahren ist die Phraseologie außerdem zunehmend ins Interesse der Psycholinguistik und Pädagogik gerückt (vgl. Burger/ Buhofer/Sialm 1982, 6-10).

Als Phraseologisierung bezeichnet man die historische Entwicklung einer freien zu einer phraseologischen Wortverbindung (vgl. Burger 2003, 15). In gleicher Bedeutung spricht Häusermann von Phraseologisation und unterscheidet zwischen eigentlich linguistischer, logisch-syntaktischer und extralinguistischer Phraseologisation (vgl. Häusermann 1977, 49-51).

3. Phraseologismus

3.1 Bezeichnungen

Forschungsgegenstand der Phraseologie sind die Phraseologismen, die in Abgrenzung zu den freien Wortverbindungen auch feste bzw. phraseologische Wortverbindungen genannt werden (vgl. Burger 2003, 12). Häusermann verwendet synonym die Bezeichnung Frasmus, bei Pilz findet sich der Ausdruck des Wortgruppenlexems. Des Weiteren tauchen in der wissenschaftlichen Literatur – jedoch nicht immer in der gleichen Verwendung! – die Begriffe phraseologische Einheit, Phraseolexem, Phrasem, Idiom, festes Syntagma oder fester Wortkomplex auf (vgl. Häusermann 1977, 2; Burger/Buhofer/Sialm 1982, 2; Palm 1997, 105; Pilz 1978, 31).

3.2 Definitionen

Ebenso individuell wie die Namensgebung scheint auch die Festlegung des Phraseologis-musbegriffs. Je nach Forschungsstand und -schwerpunkt sind die verschiedenen Definitionen enger oder weiter gefasst und führen unterschiedliche Bestimmungskriterien an. Fleischer vertritt die Ansicht, dass ein „Phraseologismus eine Wortverbindung ist, die mindestens ein autosemantisches Wort enthält, also nicht nur aus Dienst- und Hilfswörtern besteht“ (Fleischer 1997, 29). Pilz grenzt den Begriff des ‚Wortgruppenlexems’ folgendermaßen ein:

„Eine phraseologische Einheit ist demnach ein Wortgruppenlexem, also zugleich Wortgruppe, d.h. (morpho) syntaktische Einheit. Da hier keine außergewöhnlichen Fälle sinnloser, aber grammatisch richtiger Syntagmen konstruiert werden, bedeutet dies zugleich, daß es sich auch um eine semantische Einheit handelt, was sowohl für lexikalische als auch syntaktische Einheiten gilt.“ (Pilz 1978, 31)

Die bislang genaueste und zugleich umfassendste Definition liefert Harald Burger im Handbuch der Phraseologie. Seine Begriffsbestimmung soll als Grundlage für die vorliegende Arbeit dienen.

„Phraseologisch ist eine Verbindung von zwei oder mehr Wörtern dann, wenn (1) die Wörter ein durch die syntaktischen und semantischen Regularitäten der Verknüpfung nicht voll erklärbare Einheit bilden, und wenn (2) die Wortverbindung in der Sprachgemeinschaft, ähnlich wie ein Lexem, gebräuchlich ist. Die beiden Kriterien stehen in einem einseitigen Bedingungsverhältnis: wenn (1) zutrifft, dann auch (2), aber nicht umgekehrt.“ (Burger/Buhofer/Sialm 1982, 1)

3.3 Wörtliche, übertragene und freie Bedeutung

Die Bedeutung mancher dieser ganzheitlichen phraseologischen Wortverbindungen lässt sich unschwer aus der Bedeutung der Einzelkomponenten erschließen (sich die Zähne putzen). Viele feste Wortverbindungen können aber auf zwei Arten gelesen werden, sie besitzen ein wörtliche und eine übertragene bzw. phraseologische Bedeutung, die in den meisten Fällen nicht aus der Summe der Bedeutungen der Einzelkomponenten erschlossen werden kann. In der wörtlichen Bedeutung meint die Redewendung ins Gras beißen, dass eine Person buchstäblich mit den Zähnen ins Gras beißt. Im übertragenen Sinn kommt dem Ausspruch – mit pejorativer Konnotation – die Bedeutung sterben zu. Anders verhält es sich beim blinden Passagier: Passagier bedeutet im phraseologischen dasselbe wie im wörtlichen Sinn. Die Diskrepanz entsteht erst durch das Adjektiv blind, das bei der phraseologischen Leseart die Bedeutung ‚ohne Fahrkarte’ trägt.

Zusätzlich unterscheidet Burger noch eine freie Bedeutung, welche die Wortverbindung oder eine ihrer Komponenten außerhalb des Phraseologismus einnehmen kann. (vgl. Burger 2003, 12-14)

3.2 Phraseologismen im weiteren und engeren Sinn

Ist nur die zweite Bedingung von Burgers Definition erfüllt, so spricht man von einem Phraseologismus im weiteren Sinne, treffen beide Kriterien zu, spricht man von einem Phraseologismus im engeren Sinne (vgl. Burger/Buhofer/Sialm 1982, 2). Phraseologismen im weiteren Sinne weisen die Merkmale Polylexikalität und Festigkeit auf, Phraseologismen im engeren Sinne erfüllen zusätzlich das Kriterium der Idiomatizität; sie werden auch Idiome genannt. Zur Phraseologie im weiteren Sinne zählt Palm Sprichwörter bzw. Antisprichwörter, Lehnsprichwörter, Sagwörter (Wellerismen[2] ) und ‚geflügelte Worte’ (vgl. Palm 1997, 3-6). Zur Phraseologie im engeren Sinne zählt sie ausschließlich „die Phraseme (auch Phraseolexeme, Wortgruppenlexeme, Idiome, feste Wendungen, Redensarten genannt)“ (Palm 1997, 2). Burger macht jedoch darauf aufmerksam, dass die beiden Arten von Phraseologismen oft nicht klar voneinander abgegrenzt werden können (vgl. Burger 2003, 14, 15). Auch Fleischer, der eine ähnliche Unterscheidung vornimmt, weist darauf hin:

„Das Zentrum wird gebildet von Wortverbindungen mit wenigstens einem Autosemantikon, die alle drei Hauptmerkmale aufweisen:

Idiomatizität [...];

Stabilität [...];

Lexikalisierung.

Dazu tritt als syntaktisches Strukturmerkmal:

nicht festgeprägte Sätze. [...]

Fehlt eines der obengenannten Hauptmerkmale oder fehlen zwei, so rückt die betreffende Wortver-bindung aus dem Zentrum in Richtung zur Peripherie hin.“ (Fleischer 1997, 68, 69)

4. Die phraseologischen Merkmale

Fleischer zufolge weisen Phraseologismen die Hauptmerkmale Idiomatizität, Stabilität und Lexikalisierung auf, mit denen sie sich von den freien Wortverbindungen abgrenzen. Im Hinblick auf die terminologische Vielfalt sollen, um Verwirrung zu vermeiden, weniger gebräuchliche Synonyme kurz genannt werden:

a) Idiomatizität, auch Figuriertheit, Bedeutungsübertragung oder Metaphorizität;
b) Stabilität, auch Festgeprägtheit, Fixiertheit, Konstanz oder zumeist Festigkeit;
c) Lexikalisierung, und damit einhergehend das Merkmal der Reproduzierbarkeit.

Gréciano fügt die Mehrgliedrigkeit hinzu, meist als Polylexikalität bezeichnet. Weiterhin charakteristisch, aber weniger entscheidend, sind Unübersetzbarkeit, Bildhaftigkeit, Expressivität, semantische Transformiertheit, Nicht-Modellierbarkeit, Besonderheit der inneren Form und Konnotation (vgl. Burger/Buhofer/Sialm 1982, 62, 63; Palm 1997, 111). Die vorliegende Arbeit richtet sich bei der Erklärung der phraseologischen Merkmale in Reihenfolge und Terminologie nach Burgers Phraseologie – Eine Einführung am Beispiel des Deutschen (2003).

4.1 Polylexikalität

Alle Definitionen sind sich darin einig, dass eine phraseologische Wortverbindung sich aus mindestens zwei lexikalischen Komponenten zusammensetzen, also polylexikal sein muss. Der kürzeste Phraseologismus besteht wirklich nur aus zwei Wörtern (guten Appetit), der längste aus zehn Wörtern (Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen). Burger weist jedoch darauf hin, dass meist die Syntax und nicht die Lexik die Obergrenze an Wörtern bestimmt, dass so genannte Sagwörter oder sprichwortartige Aussprüche also durchaus mehr als zehn Wörter enthalten können.

Einige Phraseologismen beinhalten unikale Komponenten, d.h. Komponenten, die im normalen Sprachgebrauch oder Wortschatz so nicht vorkommen. Die unikale Komponente gäbe wird z.B. niemals außerhalb der festen Wortverbindung gang und gäbe verwendet. Unikale Komponenten können

a) Substantive (auf Nimmerwiedersehen, ohne Umschweife, im Handumdrehen),
b) Adjektive/ Adverbien (jmd. dingfest machen, klipp und klar, am hellichten Tage),
c) Verben (sich nicht lumpen lassen, die Stirn runzeln, wie er leibt und lebt),
d) Fremdwörter (jdm. die Leviten lesen, out sein, eine Sache ad acta legen),
e) Eigennamen (wie bei Hempels unterm Sofa, Hinz und Kunz) oder auch
f) geographische Bezeichnungen (böhmische Dörfer, schwedische Gardinen, über den Jordan gehen) sein (vgl.Fleischer 1997, 37-40).

Fleischer fordert in seiner Definition „mindestens ein autosemantisches Wort“ (Fleischer 1997, 29) in der phraseologischen Wortverbindung. Grundsätzlich ist aber nicht festgelegt, inwieweit Phraseologismen aus Autosemantika[3] oder Synsemantika[4] bestehen müssen. Nach Burger zählen auch reine Synsemantika-Kombinationen wie an sich, wenn auch oder so dass zu den festen Wortverbindungen. Häufig verschmelzen sie durch den Prozess der Univerbierung lautlich und graphisch zu einem einzigen Wort (inwiefern, sowieso). (vgl. Burger 2003, 12, 15, 16)

[...]


[1] Def.: Lexem: Wortstamm; ungebeugte Grundform eines Wortes (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Lexem)

[2] Def.: Wellerismus: nach Samuel Weller in Charles Dickens’ Pickwick Papers. in direkter Rede, meist ironisch bzw. antithetisch gebrauchtes Sprichwort. (vgl. Palm 1997, 4)

[3] Def.: Autosemantikon: inhaltstragendes Basiselement (Substantiv, Verb, Adjektiv, Adverb, Numeral)

(vgl. Palm 1997, 42)

[4] Def.: Synsemantikon: grammatisches Funktionswort ohne eigenen Inhalt (Präposition, Konjunktion, Artikel etc.) (vgl. Palm 1997, 42)

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638004169
ISBN (Buch)
9783638911658
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84236
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Allgemeine Sprach- und Kulturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Phraseologie Einführung Grundbegriffe

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Titel: Phraseologie: Einführung und Grundbegriffe