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Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit, Transparenz und Offenheit in *moderner Lyrik*

Wissenschaftlicher Aufsatz 1989 11 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit,

Transparenz und Offenheit

in „moderner Lyrik“*

Wolfgang RUTTKOWSKI

Summary

The aim of this essay is to establish a demarcation between so-called "conventional" and "modern" poetry. For this purpose, pairs of terms that indicate alternatives (multi-layered and ambiguous, transparent and open, guided and optional association) will be discussed and utilized for a comparison of traditional and experimental poems.

Keywords: Poetics, Literary Theories, Lyrical Poetry, Modern - Conventional Poems, Ambiguity

An diesem Titel wird zuerst einmal die Platzierung der Anführungsstriche überraschen. Nicht die beiden ersten, jeweils ähnlich klingenden, Begriffspaare sind problematisch. Wir werden sie anschließend erläutern. Welche Art von Lyrik aber ist als „modern“[i] zu bezeichnen? - Zweifellos nicht alle „zeitgenössische“. Es werden auch jetzt noch durchaus „konventionelle“ Gedichte geschrieben. Manches, was bereits am Anfang unseres Jahrhunderts entstand[ii], mutet moderner an.- Oder müssen wir von der „Welterfahrung“ ausgehen, die im Gedicht gestaltet wird? - Nicht alle Gedichte sprechen von der Atombombe und Auschwitz. Die meisten kreisen auch weiterhin um das Private, „Ewig Menschliche“. - Inhalt und Gehalt können nicht als Hauptkriterien für die Periodisierung[iii] einer so stark im Sprachlich-Formalen verhafteten Kunst wie der Lyrik[iv] dienen. –

Es lohnt sich, einmal die Eignung der beiden zuerst im Titel genannten Begriffspaare[v] für die Festlegung der Grenzscheide zwischen “konventioneller” und “moderner” Lyrik zu überprüfen. Diese zielen nämlich ausdrücklich darauf, wie in Lyrik gesprochen wird, und nicht darauf, worüber.

„Viel schichtigkeit“ zeichnet alle bedeutende Lyrik seit Goethe aus, zumindest „Erlebnislyrik“ (im Gegensatz zur „philosophischen„ oder „Gedankenlyrik“. Der Begriff “Schicht” zeigt nur an, dass es in derartiger Lyrik immer neue Dimensionen (Schichten) zu entdecken gibt, dass neue Interpreten neue Sinngebungen „finden“ (nicht „erfinden“), die den früher gefundenen nicht widersprechen, sondern diese vielmehr unterstützen, unterbauen, tiefer begründen (deshalb die Schichtenmetapher. So ist es etwa, wenn in der Wahl eines Weltausschnitts oder im Metapherngebrauch eines Dichters über den vordergründigen Sinn hinaus (besser: „hinter“ diesem) eine weltanschauliche oder gar “tiefenpsychologische“ Dimension (wieder eine räumliche Metapher) entdeckt wird. „Ein schichtige“ Lyrik (etwa sogen. „Gelegenheitsdichtung“ im einfachen, nicht im goetheschen, Sinne) würden wir wohl zumeist als „banal“ einstufen.— Die Sprache selbst in ihrer Durchsetztheit mit konventionalisierten Metaphern verleitet uns fortwährend zum Sprechen auf mehreren Ebenen {„Schichten“), wie ja der Schichtenbegriff selbst auf einer solchen Metapher „fußt“ (schon wieder eine konventionalisierte Metapher. - Wir können vermuten, dass man umso mehr Schichten in einem Gedicht entdecken wird, je komplexer es ist, dass jedoch ein vielschichtiges Gedicht im Prinzip einmal „ausinterpretiert“ werden könnte, wie Wolfgang Kayser[vi] sich einmal ausdrückte.

„Viel deutigkeit“ dagegen kennzeichnet ein Gedicht, dessen Sinn sich selbst nach sorgfältigster Interpretation nicht eindeutig festlegen lässt, dessen „Deutungen“ bzw. „Sinngebungen“ durch verschiedene Interpreten sich deshalb – je nach deren Voraussetzungen- widersprechen können. Der Begriff “Sinngebung“ passt deshalb gut, weil ein solches Gedicht selbst keinen verbindlichen Sinn besitzt bzw. mitteilt und dieser vom Interpreten nicht im Gedicht „gefunden“ werden kann sondern diesem erst „gegeben“ werden muss. - Daraus ergibt sich, dass über die Zugehörigkeit eines Gedichtes zu einer dieser beiden Gruppen nicht die Intention des Autors[vii] entscheidet sondern die Rezeption der Leser. Denn der Autor könnte sich ja einbilden, sich ausreichend klar mitgeteilt zu haben, in seinem Bemühen um eine möglichst originelle (oder verkürzte) Sprachgestaltung dieses Ziel jedoch verfehlt haben.

Was tut der Interpret eines solchen „dunklen“ Gedichtes? - Wo er die inhaltlichen Ambiguitäten[viii] nicht aufhellen kann, stellt er dies selten ehrlich fest. Normalerweise wird er solche Lyrik gar nicht erst zur Interpretation auswählen. Häufig aber projiziert er seine eigenen, oftmals spekulativen Deutungen in den Text, schreibt also praktisch sein eigenes Gedicht. Die Rezeptionsgeschichte[ix] „moderner“ Literatur ist voll von widersprüchlichen Deutungen, in denen die Interpreten hauptsächlich ihr jeweils eigenes weltanschauliches Anliegen verfolgt und angeblich „gefunden“ haben. - Natürlich gibt es zwischen den abstrakten Positionen, „viel schichtig“ und „viel deutig“, Zwischenstufen, wenn etwa ein Gedicht nur teilweise „dunkel“ ist.[x]

Man könnte jedoch gegen diese Unterscheidung grundsätzlich einwenden, dass unsere Sprache uns ja nicht nur zur „Viel schichtigkeit“ zwingt (wie gesagt, hauptsächlich durch ihren metaphorischen Charakter[xi]), sondern auch -in ihren Homonymen- zur „Viel deutigkeit“. Max Bense[xii] beutete dies in seinen vom Computer zusammengestellten Gedichten aus, die er „Wortfelder“ nannte. In diesen wird jegliche syntaktisch-semantische Verknüpfung vermieden. Zusätzlich schreibt er grundsätzlich alle Wörter klein, sodass wir die Orientierung verlieren und nicht mehr wissen, ob wir es mit Substantiven, Verben oder anderen Wortarten zu tun haben (sog, wand, sein, strich, schritt etc.).- Hier aber kommt, anders als bei der Metaphernhaftigkeit der Sprache, das Moment des Kontextes[xiii] ins Spiel. Wenn der Dichter überhaupt verstanden werden will, kann er mehrdeutige Worte in einen Kontext setzen, der ihre Bedeutung klar macht. Ihr „Doppelsinn“ wirkt dann allenfalls wie die oben beschriebene „Vielschichtigkeit“. Denn natürlich sind in Dichtung Worte nicht ohne ihr semantisches Feld[xiv] an Assoziationen (Heißenbüttel nennt es „Bedeutungshof“[xv]) einsetzbar.

[...]


* Dieser Artikel ist eine Anwendung der Grundeinsichten meiner Aufsätze „Grenzen der Aussparung in der Literatur„Acta Humanistica Univ. Sangio Kyotiensis XVIII/3(1989) S.145—186, und „Das Problem der Konkreten Poesie“ in: Protokoll 14 (Goethe Institut Osaka/Japan März 1989) 44-62..

[i] Die weitläufige Literatur zum Thema „Moderne, Modernismus“ (und im Folgenden für weitere Stichworte) im Metzler Lexikon: Literatur- und Kulturtheorie. Hg. Ansgar Nünning. Stuttgart-Weimar: Metzler 1998 (von nun an als Metzler zitiert) Sn. 378-383.

[ii] Z.B. Gedichte der anschliessend besprochenen Autoren.

[iii] Metzler, 419-420.

[iv] „Lyriktheorien“, Metzler 3350336.

[v]Vergl. Meinen Diskussionsbeitrag in Psychologie der Literaturwissenschaft; Ein Kolloquium (Hg. Wolfgang Paulsen, Stiehm 1971) S.227—230.

[vi] Vergl. Die Wahrheit der Dichter. 1959 (bes. S.7 ff., 49 ff.)

[vii] Vergl. Anm.5.

[viii] Metzler, S.12.

[ix] Metzler, S. 462-463.

[x] Vergl. meinen Aufsatz „Grenzen der Aussparung in der Literatur„Acta Humanistica Univ. Sangio Kyotiensis XVIII/3(1989) S.145—186.

[xi]„Metapherntheorien“, Metzler, S.364-366.

[xii]„Über natürliche und künstliche Poesie“ In: Theorie der Texte (I962) S.143ff.; Aesthetica (1965) S.319; Metzler, S. 45-46.

[xiii] Metzler, S.282-283.

[xiv] „Semantik, strukturale und historische“, Metzler, S. 483-484.

[xv] Helmut Heißenbüttel: Über Literatur. 1966.

Details

Seiten
11
Jahr
1989
ISBN (eBook)
9783638153973
ISBN (Buch)
9783638799065
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8422
Institution / Hochschule
Kyoto Sangyo University – German Department
Schlagworte
Poetik Literaturtheorie Lyriktheorie moderne Gedichte Ambiguitaet Vieldeutigkeit Vielschichtigkeit in Lyrik

Autor

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Titel: Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit, Transparenz und Offenheit in *moderner Lyrik*