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Amerikanität in Volkswagen Blues von Jacques Poulin

Bachelorarbeit 2007 54 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Begriffes „Amerikanität“

3. Analyse
3.1. Amerikanität der Hauptfiguren
3.1.1. Jack Waterman
3.1.2. Pitsémine
3.1.3. Théo
3.1.4. Der Volkswagen
3.2. Orte der Amerikanität
3.2.1. Etappen der Suche nach Théo
3.2.2. Orte der Erinnerung an die indianische Geschichte
3.2.3. POULINs Orte der Amerikanität
3.3. Amerikanität in der Literatur des Romans
3.4. Beitrag weiterer Personen zur Amerikanität des Romans

4. Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

„Quand je pense Amérique, je pense d’abord États-Unis d’Amérique“[1]. Dieser Satz drückt aus, was ein jeder denkt, wenn er das Wort Amerika hört. Amerika gilt gemeinhin als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Traum vom leicht zu verwirklichenden Erfolg und vom Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit sind zentrale Aspekte der amerikanischen Geschichte. Gilt dies jedoch auch für den Rest Nordamerikas?

In seinem Roman Le Nez qui voque behauptet Réjean DUCHARME: „ Au Canada, même les Esquimaux vivent en américain […] Il n'y a pas un seul Canadien au Canada. [...] Qui, au Canada, n'est pas de la race des hot-dogs, des hamburgers, du bar-b-q, [...] des buildings, des stops, du Reader's Digest, de Life, de la Metro-Goldwyn-Mayer [...] de Popeye, de Woody the Woodpecker [...]“[2]. Gilt dies jedoch auch für Québec?

THÉRIAULT ist der Ansicht, „que l’américanité n’est pas qu’une dimension parmi d’autres de l’identité québécoise, mais son caractère le plus déterminant, le plus fondamental“[3]. Sabine Alice GRONZKA sieht dies ähnlich, denn sie stellt fest, dass „[d]ie Hinwendung zur „américanité“ [ ] für viele das zentrale Charakteristikum der modernen quebecer Identität [bleibt] und [ ] im Mittelpunkt der Betrachtungen [steht]“[4]. In seinem Diskurs über Quebec und die Amerikanität behauptet Joseph Yvan THÉRIAULT, dass „aujourd’hui, l’américanité passe de devenir un lieu commun de milieu politique et intellectuel du Québec français. L’affirmation de l’américanité québécoise est partout“[5]. Hätte er damit recht, würde das bedeuten, dass Guy ROCHER schon 1973 mit seinen Behauptungen, dass Quebec „un Etat des Etats-Unis, une Louisiane du Nord, une étoile francophone attachée au drapeau américain“[6] sei und dass die Frankokanadier bereits Amerikaner seien: „Son rythme de vie, sa nourriture, son vêtement, sa manière d’aborder les problèmes, son mode de relations humaines sont ceux d’un Nord-Américain“[7]. Es stellt sich nun die Frage, ob die US-amerikanischen Werte und Vorstellungen in der frankokanadischen Kultur und der Identität tatsächlich so stark verbreitet sind.

Jacques POULIN, der selbst einmal von sich sagte: „Je suis un écrivain de l’Amérique“[8], gilt als der „amerikanischste“ Autor unter den Autoren Quebecs. Er wurde am 23. September 1937 in Saint-Gédéon-de-Beauce in Quebec geboren[9]. Nach eigener Aussage begann er erst im Alter von 27 Jahren mit dem Schreiben, obwohl er schon als Kind den Wunsch hatte, Schriftsteller zu werden[10]. Zuvor studierte er Psychologie an der Universität Laval, besuchte zusätzlich Veranstaltungen in der Literaturwissenschaft und arbeitete als Übersetzer und Berater am Collège Bellevue de Québec. Sein Werk umfasst mittlerweile die elf Romane Mon cheval pour un royaume (Éditions du Jour, 1969), Jimmy (Éditions du Jour, 1969), Le coeur de la baleine bleue (Éditions du Jour, 1970), Faites de beaux rêves (L'Actuelle, 1974), Les grandes marées (Leméac Editeur Inc., 1978), Volkswagen Blues (Québec/Amérique, 1984), Le vieux chagrin (Leméac Editeur Inc., 1989), La tournée d'automne (Leméac Editeur Inc., 1993), Chat sauvage (Leméac Editeur Inc., 1998), Les yeux bleus de Mistassini (Leméac Editeur Inc., 2002) und La traduction est une histoire d'amour (Leméac Editeur Inc. 2006).

Im Jahre 1986 zog es Jacques POULIN nach Europa und er lebt seitdem in Paris. Sein Schaffen wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter der Prix de la Presse 1974, der Prix du Gouverneur général 1978, der Prix Québec-Belgique 1984, der Prix Québec-Paris 1990, der Prix France-Québec 1991 und der Prix Athanase-David 1995. 1990 und 2000 erhielt Jacques POULIN den Prix Molson de l’Académie des Lettres du Québec.

In seiner Biographie ist zunächst nichts Amerikanisches zu entdecken bis auf die Tatsache, dass er auf dem nordamerikanischen Subkontinent geboren wurde und dort lange gelebt hat. Es müssen also seine Art zu schreiben oder die Themen in seinen Romanen sein, die Jacques POULIN zu einem amerikanischen Autor machen.

Vielen seiner Romane ist gemein, dass sie hauptsächlich an Orten spielen, die Jacques POULIN selbst bekannt sind, und dass die Hauptfiguren sich in mehreren Romanen wiederfinden. Sie brechen zumeist auf, um sich auf die Suche nach ihrem persönlichen Glück zu begeben und verlieren sich auf der Suche in ihren Vorstellungen[11]. „Je crois qu’ils cherchent, sans trop s’en rendre compte, quelle est la place que la conscience française occupe en Amérique, ou peut-être quelle est la part de l’âme québécoise qui est américaine“[12], sagte POULIN in Bezug auf die Hauptfiguren des Roman Volkswagen Blues, der von einigen Kritikern als einer der großen amerikanischen Romane bezeichnet wird.

POULIN beschreibt in Volkswagen Blues die Odyssee des Schriftstellers Jack Waterman in Begleitung der Mestizin Pitsémine alias La Grande Sauterelle quer durch den nordamerikanischen Subkontinent auf der Suche nach Jacks verschwundenem Bruder Théo. Ihre Reise beginnt in Gaspé und endet in San Francisco, wo sich ihre Wege wieder trennen. Auf ihrer Reise, Jack und Pitsémine „[font la] découverte de la société étatsunienne, dont les paradoxes sont mis en évidence tout au long du roman”[13] und lernen auf der Reise nicht nur einander besser kennen, sondern erleben Nordamerika ein jeder auf seine Weise. Neben den Figuren sind es aber auch Orte der Erinnerung in Jacques POULINs Roman, die das amerikanische Gedächtnis nähren. Sowohl Jack Waterman als auch Pitsémine entdecken Orte, mit denen sie sich identifizieren, da sie sich diesen Orten, ihren Menschen und dem, was ihnen geschehen ist, verbunden fühlen. Sie besuchen viele Erinnerungsorte und Museen. Insbesondere bei Jack erfolgt so eine Wandlung seines Bewusstseins und er ist am Ende voll von neuen Werten.

Die Amerikanität von Volkswagen Blues wird in erster Linie auf die unübersehbare Ähnlichkeit zu Jack KEROUACs „Road Novel“On the road[14] zurückgeführt, in der ebensfalls ein junger Schriftsteller quer durch Nordamerika reist, um am Ende zu sich selbst zu finden. Doch Volkswagen Blues enthält augenscheinlich weitere Elemente, die auf eine ausgeprägte Amerikanität der dargestellten Welt in diesem Roman hinweisen. Es sind zunächst die Hauptfiguren Jack Waterman und Pitsémine alias La Grande Sauterelle aber auch die Figuren Théo und der Volkswagen als auch die Randfiguren wie der Hemingway-Wanderer, die durch ihre persönliche Amerikanität geprägt sind.

Obwohl es nach wie vor schwer, beinahe unmöglich ist, den Begriff der Amerikanität vollständig zu erfassen, muss es eine plausible Erklärung dafür geben, Jacques POULIN und seinen Roman Volkswagen Blues in die Reihe der größten amerikanischen Werke zu stellen. Es bedarf also zunächst einer Festlegung der Breite des Begriffs „Amerikanität“, auf dessen Grundlage Aussagen zur Amerikanität von Jacques POULINs’ Roman Volkswagen Blues getroffen werden können.

2. Definition des Begriffes „Amerikanität“

In der Literaturwissenschaft und –kritik existieren unzählige Auffassung von „Amerikanität“, „amerikanischer Identität“ und „Amerika“ überhaupt. Auf Fragen wie „Was ist amerikanisch?“; „Welche Charakteristika machen einen Amerikaner bzw. das Amerikanische aus?“ gibt es bereits zahlreiche Antworten verschiedenster Art. Derzeit beinhaltet der Begriff Amerikanität so viele Komponenten, dass er nicht mehr eindeutig zu bestimmen ist.

Es besteht ein besonderes Interesse für die Amerikanität der Frankokanadier, da die im Bereich des heutigen Quebec lebenden Menschen nicht schon von Beginn an Frankokanadier waren, sondern zunächst Indianer und Inuit und anschließend französische Entdecker und Siedler, dann britisch Eroberer, von denen jeder seine eigene Amerikanität anders zu definieren mochte. Heute ist Québec eine Enklave von einer Minderheit von etwa 6,8 Millionen frankophonen Sprechern[15], die sich gegen etwa 280 Millionen US-Amerikaner[16] behaupten müssen.

Das Verhältnis der Frankokanadier zu den US-Amerikanern ist seit Beginn der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika zu vielen Gelegenheiten beschrieben. Dies verwundert auf Grund der territorialen Nähe kaum. Die Sicht der Frankokanadier auf die US-Amerikaner wandelte sich jedoch mit der Zeit. Jacques COTNAM beschreibt in seinem Artikel „Americans viewed through the eyes of French-Canadians“[17] wie sich das Verhältnis verändert hat. Zunächst steht die Bewunderung der Frankokanadier für die USA und ihren gewonnenen Unabhängigkeitskampf[18] im Vordergrund. Der Frankokanadier selbst wollte sich auch von den Briten lösen[19] und so war der Begriff des US-Amerikaners beinahe gleichbedeutend mit der persönlichen Freiheit. Doch schon um die Jahrhundertwende erkannten einige Frankokanadier eine von der US-amerikanischen Gesellschaft ausgehenden Bedrohung. Geistige Führer warnten die Frankokanadier vor den Amerikanern. Sie seien unmoralisch, geldgierig, ständig dem großen Reichtum hinterher und hätten somit ihren Glauben verloren[20]. Die Amerikaner lebten nur für das Jetzt, die Frankokanadier aber sollten ihre Zukunft gestalten[21]. Erstere hätten keine Manieren und keinen Geschmack, sie zu imitieren ist dem Untergang der frankokanadischen Kultur gleichzusetzen[22]. Dennoch zog es schon Ende des 19. Jahrhunderts viele Frankokanadier, immer dem Traum nach schnellem Reichtum und dem vermeintlichen Glück auf Erden hinterher, in die USA. Im Jahre 1889 sollen es zwischen 60.000 und 125.000 gewesen sein[23]. Doch DE NEVERS sah dies nicht als Flucht vor der eigenen Identität. Für ihn war klar: „the emigrants have not left their native land, they have expanded it“[24]. Später lobte er sogar die amerikanischen Ideen von Freiheit, Demokratie und den Schutz vieler Minderheiten unter dem Mantel einer Nation[25].

Auch wenn es hier nicht um die Sprache gehen soll und auch weniger um die politische und ökonomische Verbundenheit Quebecs mit den USA, so ist es doch interessant zu sehen, welchen Einfluss diese Tatsache wohl auf das Gefühl der Verbundenheit mit Amerika und den Amerikanern, das die Amerikanität eines Kollektivs ausmacht, hat. Dieses Zugehörigkeitsgefühl definiert sich über das so genannte kollektive Gedächtnis, das im Groben alle identitätsstiftenden Elemente enthält. Dazu gehören vor allem eine gemeinsame Vergangenheit und die sich daraus ergebenden Einstellungen und Vorstellungen in der Gegenwart.

Wie oben beschrieben, definierte man Amerikanität lange Zeit über die Ähnlichkeit zu den US-Amerikanern und deren Lebensweise. Mit der Zeit vollzog sich jedoch ein Wandel in der Auffassung des Begriffs der Amerikanität. Verstand man darunter lange Zeit die Zugehörigkeit zum amerikanischen Kontinent so steht Amerikanität heute vielmehr für eine Lebenseinstellung: „D’une définition territoriale, le mot „Amérique» est passé au symbolique: mythe de la nouveauté et de la découverte“[26]. Es ist natürlich nicht ausreichend Amerikanität mit Neuheit und Entdeckung gleichzusetzen. TURNER nennt die Hauptmerkmale der US-amerikanischen Kultur: die Freiheitsliebe, das Streben nach persönlicher Unabhängigkeit, eine schwache Bindung an die eigene Heimat, ethnische und religiöse Vielfalt, Unternehmergeist, die Erfahrung der Multikulturalität, die sich über die Identifikation mit einer Gruppe statt über die Abstammung definieren[27].

Der Begriff Amerikanität füllt heute jenen Raum aus, der den American Dream beschreibt. Nach Peter Freese definiert sich der American Dream durch sechs zentrale Elemente, die sich mit TURNERs Elementen der US-amerikanischen Kultur decken :

„The twin promises of social progress and individual success, the inspiring challenge of ever new frontiers to man’s power and ingenuity, the belief in America’s manifest destiny derived from her role in civilization’s westward movement, her function as the home of God’s chosen people and her unrivalled form of democratic government granting liberty and equality to all her citizens, and the myth of the melting pot with its fascinating promise of a new beginning.“[28]

Wie auch der Begriff der Amerikanität zumeist als die Lebensweise der US-Amerikaner verstanden wird, so wurde der Begriff des American Dream in der Vergangenheit zumeist in Zusammenhang mit den USA gebraucht, ist aber heute nicht mehr exklusiv für die USA zu verwenden. Es existieren ebenso Beispiele in anderen Staaten des amerikanischen Kontinents.

So auch in der frankokanadischen Geschichte und Mentalität: Die Frankokanadier strebten nach der kollektiven Unabhängigkeit vom übrigen anglophonen Kanada, um ihre persönlichen Freiheiten, darunter die Verwendung der französischen Sprache in allen Lebensbereichen und das öffentliche Bekennen zu den französischen Wurzeln, zu erhalten. Doch trotz der Rückbesinnung der Frankokanadier auf ihren europäischen Ursprung verstehen sie sich eher als Amerikaner denn als Europäer.

Weitere Beispiele finden sich in der karibischen Literatur. In seinem Roman El reino del este mundo beschreibt der kubanische Schriftsteller Alejo CARPENTIER den wundersamen Aufstieg Haïtis von der französischen Kolonie zu einem unabhängigen Staat, wobei ebenso die Geschichte des Sklaven Ti Noël erzählt wird, der am Ende in Freiheit leben kann. Weiterhin ist der Aufstieg des Sklaven Christoph zum König des Königreiches Haïti 1806, der unter anderem in Aimé CÉSAIREes Drama La tragédie du roi Christophe verarbeitet wird, ein Beispiel für das Wahrwerden des American Dream.

Ein noch stärkeres Beispiel ist die Geschichte der Suche nach dem Eldorado, wie sie auch von Jack Waterman in Volkswagen Blues erzählt wird: In der Region Cundinamarca in Südamerika findet jedes Jahr eine Zeremonie zur Ehrung der Sonne statt. Dazu wurde der Führer eines Indianerstammes mit Gold verziert und tauchte dann in den See Guatiavita ein, sodass das Gold sich an der Oberfläche ausbreitete[29]. Das Wort Eldorado sei vom Spanischen El hombre dorado abgeleitet und wurde von den spanischen Entdecker für das neu entdeckte Land verwendet, woraus sich der Traum vom Land des Goldes entwickelte[30].

Auf Grund der Beispiele, von denen es noch weitaus mehr aufzuzählen gäbe, kann wohl nicht mehr in Frage gestellt werden, dass „[c]e rêve américain nous fait comprendre aussi en quoi le rêve québécois, à sa manière, est aussi partie intégrante de rêve américain“[31] und dass die USA auch nur ein Beispiel für den viel weiteren Begriff des American Dream sind, auch wenn „[l]es Etats-Unis d’Amérique du Nord sont sans doute l’exemple le plus accompli d’un rêve américain et c’est à ce titre peut-être qu’il prétendent être l’Amérique ou du moins la seule Amérique viable et valable“[32].

Wenn sich also nun Amerikanität über den American Dream, über die Suche nach einem Leben in Wohlstand, Freiheit und Zufriedenheit definiert, so stellt sich die Frage wie dies nun in dem Roman von Jacques POULIN umgesetzt wird. Es ist nicht schwer dies ganz oberflächlich zu beantworten, denn jede der Hauptfiguren verfolgt einen Traum. Doch die Träume der Personen entwickeln sich weiter, sodass ein jeder ein anderes Ziel verfolgt. Jack träumt davon, seinen Bruder wieder zu finden, denn für ihn ist Théo ein Held der amerikanischen Geschichte wie Étienne Brulé oder Buffalo Bill. Er hofft so, diesen Helden aus seiner Kindheit näher zu kommen, sich gar in einem von ihnen wieder zu erkennen. Pitsémine sucht zunächst die Zugehörigkeit zu dem indianischen Volk, indem sie sooft sie kann deren Geschichte und vor allem deren Leiden zur Sprache bringt. Théo verfolgte das Ziel, ein Held der amerikanischen Geschichte zu werden. Er suchte das Abenteuer und wollte genau wie seine Vorbilder durch Mut und Unerschrockenheit zu Ruhm gelangen.

3. Analyse

Wie in Teil 2 festgestellt, definiert sich Amerikanität über die Träume, die ein jeder von der idealen Welt hat. In diesem Teil 3 soll nun gezeigt werden, dass auch POULIN Amerikanität als Suche nach Freiheit und Unabhängigkeit, als Streben nach Glück und Reichtum sieht und es entsprechend darstellt. Sowohl in der Entwicklung der Figuren als auch in der Auswahl der Orte, die sie besuchen und durchqueren, werden sich Hinweise auf die Amerikanität von Volkswagen Blues finden lassen.

3.1. Amerikanität der Hauptfiguren

Die Hauptfiguren, der Schriftsteller Jack Waterman, die Mestizin Pitsémine, der veschwundene Bruder Jacks Théo und auch der Volkswagen selbst, sollen Aufschluss darüber geben, wie sich Figuren, die von einem frankokanadischen Autor gezeichnet wurden, in ihrer Amerikanität darstellen. Ihr Erschaffer Jacques POULIN ist als frankokanadischer Autor Amerikaner im weiteren Sinn und verleiht seinen Figuren eine ganz eigene Amerikanität. Im Folgenden wir zu zeigen sein, dass in allen Figuren die Elemente der Amerikanität zu finden sind.

3.1.1. Jack Waterman

Verallgemeinernd formuliert LAPOINTE, dass „le personnage principal chez POULIN n'est pas un homme heureux. Sa quiétude, son apparente disponibilité ne doivent pas nous tromper. Sa passivité, son manque d'agressivité, sa douceur (fausse) sont le signe, nous prévient-il, qu'il a du mal à vivre (VB, p. 211)“[33]. Jack Waterman, Hauptfigur des Romans Volkswagen Blues, passt bis ins Detail in diese Reihe. „Jack Waterman n’était pas très content de lui même et tant qu’écrivain. D’une manière générale il ne s’aimait pas beaucoup (il se trouvait trop maigre et trop vieux et trop renfermé)“[34]. Zudem sieht er sich selbst weit entfernt von dem Ideal eines Schriftstellers. Dieser sei in der Lage auch nach einer langen Schaffenspause, einen Roman in einem Zug zu schreiben, wobei er nichts um sich herum mehr wahrnimmt:

„Les idées se bousculent dans sa tête, elles arrivent de plus en plus vite et il se demande s’il sera capable de suivre le rythme […] Les mots et les phrases arrivent facilement et la source paraît inépuisable […] il écrit comme un fou, comme un maniaque“[35].

Jack selbst ist jedoch nicht in der Lage, dieses Ideal zu erfüllen: „Il se rangeait parmi ceux qu’il appelait „l’espèce laborieuse“: patient et obstiné mais dépourvu d’inspiration ou même d’impulsion, il se mettatit à l’œuvre tous les jours à la même heure et […] il arrivait à écrire „sa“ page quotidienne“[36]. Er lebt ein unzufriedenes, unerfülltes Leben, dem er einen neuen Sinn geben muss.

Durch das Wiederfinden einer Postkarte seines Bruders entscheidet er sich dafür „[de] sortir de sa léthargie par l’intermédiaire d’un voyage fondamentalement géographique et historique à travers le continent nord-américain.“[37], um seinen Bruder wiederzufinden, denn „Waterman espère pouvoir trouver son salut chez son frère.“[38] Er hatte seinen Bruder 15 Jahre zuvor das letzte Mal gesehen und fühlt sich schuldig, die Karte damals ignoriert zu haben. Er glaubt, die Postkarte seines Bruder sei als Hilferuf zu interpretieren, den er nicht zur Kenntnis genommen hatte, da er zu dem Zeitpunkt an einem Roman schrieb[39].

Die Schwere der Schuld wird für Jack umso intensiver, da er seinen Bruder stets bewunderte und immer wieder in Erinnerungen an ihn und an die gemeinsame Kindheit schwelgt. In Kapitel 6 wird deutlich wie sehr Jack an diesen Erinnerungen haftet: Parallel zur aktuellen Handlung Jacks und Pitsémines wird eine Geschichte aus Jacks Kindheit erzählt. Damals hatte Théo, „[qui] était le plus vieux et le plus grand et aussi le plus savage parce qu’il lisait toutes sortes de livres“[40], ihm die Geschichte von Étienne Brulé, dem Coureur de bois, der bei den Indianern lebte, erzählt. Fortan zählte Étienne Brulé zu Jacks größten Helden. Man erkennt an dieser Stelle sehr deutlich, wie sehr Théo das Leben Jacks steuert. Alle Vorstellungen von Theó beschränken sich auf die gemeinsame Kindheit. Sogar Jacks Name geht auf seine Kindheit mit dem Bruder zurück[41]: „Quand on était petits, on se donnait des noms anglais et on trouvait que ça faisait beaucoup mieux!“[42].

Jack identifiziert sich mit seinem Bruder. Obwohl er nicht anwesend ist, so ist es Théos Esprit von Abenteuer und Entdeckung, der Jack auf seiner Reise begleitet. „La quête du frère est également la quête de soi car c’est par rapport à Théo que s’identifie Jack Waterman.“[43]. So sind Jacks Helden jene, die auch Théo bewunderte: Champlain, Étienne Brulé, Jean Nicolet, Radisso, Louis Jolliet et le père Marquette, Cavelier de la Salle, d’Iberville et La Vérendry[44]. Weiterhin gehören zu seinen Vorbildern „Daniel Boone, Davy Crocket, Wild Bill Hickock und Buffalo Bill“[45]. Jack hat Théo so lange nicht gesehen, dass sein Bild von ihm nur noch auf Erinnerungen und Wunschvorstellungen basiert: „Mon frère Théo […] est à moitié vrai et à moitié inventé. Et s’il y avait une autre moitié […] La troisième moitié serait moi-même […] la partie de moi-même qui a oublié de vivre“[46]. Der Teil in Jack, der nicht mehr lebensfähig ist, sind seine Wunschvorstellungen. Für Jack ist die Suche nach seinem Bruder ganz eng mit der Suche nach seinen Helden verbunden und somit wird die Suche nach dem Bruder in ihrem Verlauf zu einer Suche nach einem bestimmten Typ Mensch und endet in der Suche nach einem Lebensgefühl, nach einer Identität, nach der amerikanischen Identität[47]. Um zu seiner Amerikanität zurückfinden zu können, gibt es für Jack nur die Möglichkeit auf den Spuren seines Bruders, und damit auch auf den Spuren der alten Entdecker und Siedler, zu wandeln. Die Suche beginnt in Gaspé. Wie die alten Entdecker setzt Jack nun seine Reise auf demselben Weg fort. Er reist an den großen Seen vorbei, erreicht die Grenze der USA und gelangt an den Mississippi. „Ici l’allusion est directe, c’est la vieille route de l’Amérique française qui guide le parcours initiatique d’accès à l’américanité”[48]. Von dort an verfolgen Jack und Pitsémine den Weg der amerikanischen Siedler des 18. und 19. Jahrhunderts, die im Westen Nordamerikas ihr Glück zu finden hofften. Am Ende erreichen sie San Franciso und finden Théo dort wieder.

Auf dem Weg von Gaspé nach San Francisco verschwindet Stück für Stück Jacks Idealvorstellung von seinem Bruders, indem er nach und nach feststellt, dass auch seine Kindheitshelden nicht ohne Makel und Vergehen waren. Pitsémine agiert in Volkswagen Blues als moralische Führerin und hilft Jack bei der Suche nach Théo, wobei sie ihm nebenbei das Paradoxe der amerikanischen Geschichte aufzeigt: Die Helden waren oftmals brutale Schlächter der Indianer oder liefen Träumen nach, die nicht real werden konnten.

[...]


[1] MARCOTTE, Gilles: Littérature et circonstances (coll. « Essais littéraires »). Montréal: L’Hexagone, 1989, S. 91

[2] DUCHARME, Réjean: le Nez qui voque. Paris: Gallimard, 1967, S. 122.

[3] Thériault, Joseph Yvon: Critique de l'américanité:mémoire et démocratie au Québec. Montréal:Éditions Québec Amérique,2002, S. 13.

[4] GRZONKA, Sabine Alice: Die Erfindung der Moderne: Das Manifest Refus global und die identitätsstiftende Rezeption von Surrealismus und Automatismus in Québec. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften der Technischen Universität Dresden, 2002, S. 232.

[5] Thériault, Joseph Yvon: Critique de l'américanité:mémoire et démocratie au Québec. Montréal:Éditions Québec Amérique,2002, S. 12.

[6] ROCHER, Guy: Le Québec en mutation. Montréal: Hurtubise HMH, 1973, S. 94-95.

[7] ROCHER, Guy: „Le Québec: résistance et continuité“. In SARRAZIN, Jean et al. (1977): Dossier-Québec. Montréal: Les Éditions Stock. Zitiert von JONES, Richard A.: „Le spectre de l’américanisation“. In: SAVARY, Claude (Hrsg.) (1984): Les rapports culturels entre le Québec et les États-Unis. Québec: Institut Québécois de Recherche sur la Culture, S. 37.

[8] MICHAUD, Ginette: „Jacques POULIN: petite éloge de la lecture ralentie“. In: GALLAYS, Fraçois: Le roman contemporain au Quebec (1960-1985). Montréal: Fides, 1992, S. 373.

[9] YOVOTA, Rennie: „Jacques POULIN, Volkswagen Blues (1984)“ In: MOREL, Pierre (Hrsg.): Parcours Québécois – Introduction à la littérature du Québec. Bukarest: Cartier, 2007, S. 144.

[10] vgl. LAPOINTE, Jean-Pierre & THOAMS, Yves: „Entretien avec Jacques POULIN” . In: Voix et images, XV, Nr. 43 (Herbst 1989), S. 9.

[11] vgl. COTÉ, Jean-Denis: “Un entretien avec Jacques POULIN”. In: Études candiennes/Canadian Studies. Bordeaux-Pessac, Nr. 46, 1999, S. 12.

[12] VASSEUR, François & ROY, Michelle: „Voyage à travers l’Amérique. Entrevue avec Jacques POULIN”. Nuit blanche, Nr. 14, Juni 1984, S. 50.

[13] BOIVIN, Aurélien: Dictionnaire des œuvres littéraires du Québec, Band 7, 1981-1985, Montréal Fides, 2003, S. 1027-1028.

[14] KEROUAC, Jack: On the road. New York: The Viking Press, 1957.

[15] Minister responsible for Statistics Canada (Hrsg.): 2001 Census: analysis series. Profile of languages in Canada: English, French and many others. Ottawa: Minister of Industry, 2002, S. 5.

[16] U.S. Census Bureau: The Population Profile of the United States: 2000, Kapitel 2, Tabelle 2.1., im Internet veröffentlichte Version auf [http://www.census.gov/population/www/pop-profile/profile2000.html#cont] gesehen am 01.Mai 2007.

[17] COTNAM, Jacques : « Americans viewed through the eyes of French-Canadians. In: Journal of popular culture, 10:4 (Frühjahr 1977), S. 784-796.

[18] COTNAM, Jacques: «Americans viewed through the eyes of French-Canadians. In: Journal of popular culture, 10:4 (Frühjahr 1977), S. 785-786.

[19] COTNAM, Jacques : « Americans viewed through the eyes of French-Canadians. In: Journal of popular culture, 10:4 (Frühjahr 1977), S. 784.

[20] COTNAM, Jacques : « Americans viewed through the eyes of French-Canadians. In: Journal of popular culture, 10:4 (Frühjahr 1977), S. 785.

[21] CASGRAIN, H.R.: „Notre passé littéraire“. In: CASGRAIN, H.R. (1986): Œuvres completes de l’abbé H.-R.

Casgrain. Montréal: Beauchemin Fils, S. 406.

[22] CASGRAIN, H.R.: „Lettres américains“. In: CASGRAIN, H.R. (1986): Œuvres completes de l’abbé H.-R. Casgrain. Montréal: Beauchemin Fils, S. 349-359.

[23] COTNAM, Jacques : « Americans viewed through the eyes of French-Canadians. In: Journal of popular culture, 10:4 (Frühjahr 1977), S. 787.

[24] DE NEVERS, Edmond (1964): L’avenir du people canadien-français. Montréal: Fides, S. 326.

[25] DE NEVERS, Edmond (1900): L’âme américaine. Paris: Jouve & Boyes, S. 376.

[26] CHASSAY, Jean-François:“ Reflet des États-Unis dans le roman québécois : une version de l'Amérique. In: Urgences, n° 34, Dezember 1991, S. 10.

[27] vgl. TURNER, Frederik Jackson: The Significance of the Frontier in American history. Auf: [http://xroads.virginia.edu/~Hyper/TURNER/] am 04. Mai 2007.

[28] FREESE, Peter: „America“: dream or nightmare?: Reflexions on a composite image. Essen: Die Blaue Eule, 1994, S. 162.

[29] vgl. POULIN, Jacques: Volkswagen Blues. Montréal: Leméac Editeur Inc., 1988, S. 29-30.

[30] vgl. POULIN, Jacques: Volkswagen Blues. Montréal: Leméac Editeur Inc., 1988, S. 30.

[31] LAROCHE, Maximilian: „Américanité et Amérique“. In: Urgences, n° 34, Dezember 1991, S. 97.

[32] LAROCHE, Maximilian: „Américanité et Amérique“. In: Urgences, n° 34, Dezember 1991, S. 88.

[33] LAPOINTE, Jean-Pierre, « Sur la piste américaine : le statut des références littéraires dans l'œuvre de Jacques POULIN ». In: Voix et images, XV, Nr. 43 (Herbst 1989), S. 17.

[34] POULIN, Jacques: Volkswagen Blues. Montréal: Leméac Editeur Inc., 1988, S. 48.

[35] POULIN, Jacques: Volkswagen Blues. Montréal: Leméac Editeur Inc., 1988, S. 50-51.

[36] POULIN, Jacques: Volkswagen Blues. Montréal: Leméac Editeur Inc., 1988, S. 48.

[37] MIRAGLIA, Anne Maria: „L’Amérique et l’américanité chez Jacques POULIN”. In: Urgences, Nr. 34 (Dezember 1991), S. 37.

[38] MIRAGLIA, Anne Maria: „L’Amérique et l’américanité chez Jacques POULIN”. In: Urgences, Nr. 34 (Dezember 1991), S. 39.

[39] vgl. POULIN, Jacques: Volkswagen Blues. Montréal: Leméac Editeur Inc., 1988, S. 83.

[40] POULIN, Jacques: Volkswagen Blues. Montréal: Leméac Editeur Inc., 1988, S. 70.

[41] vgl. LAPOINTE, Jean-Pierre, « Sur la piste américaine : le statut des références littéraires dans l'œuvre de Jacques POULIN ». In: Voix et images, XV, Nr. 43 (Herbst 1989), S. 19.

[42] POULIN, Jacques: Volkswagen Blues. Montréal: Leméac Editeur Inc., 1988, S. 13.

[43] MIRAGLIA, Anne Maria: „L’Amérique et l’américanité chez Jacques POULIN”. In: Urgences, Nr. 34 (Dezember 1991), S. 39.

[44] vgl. POULIN, Jacques: Volkswagen Blues. Montréal: Leméac Editeur Inc., 1988, S. 27. Die aufgezählten Persönlichkeiten sind allesamt französische Entdecker und Eroberer, die im 17. Jahrhundert nach Nordamerika kamen und dort zum Teil unter den Indianern lebten und ihre Sprache(n) lernten.

[45] MORENCY, Jean: Le mythe américain dans les fictions d'Amérique : de Washington Irving à Jacques POULIN, Québec: Nuit blanche (Terre Américaine), 1994, S. 221.

[46] POULIN, Jacques: Volkswagen Blues. Montréal: Leméac Editeur Inc., 1988, S. 149.

[47] vgl. MIRAGLIA, Anne Maria: „L’Amérique et l’américanité chez Jacques POULIN”. In: Urgences, Nr. 34 (Dezember 1991), S. 40

[48] THÉRIAULT, Joseph Yvon: Critique de l'américanité:mémoire et démocratie au Québec,Montréal:Éditions Québec Amérique,2002, S. 70.

Details

Seiten
54
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638878708
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v84213
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Amerikanität Volkswagen Blues Jacques Poulin

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