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Erinnerungs - und Gegenwartshandlung in Heinrich Bölls Billard um halb zehn anhand der Protagonistin Johanna Fähmel

Seminararbeit 2001 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

1.1. Das Schicksal der Protagonistin Johanna Fähmel
1.2. Johannas „Wahnsinn“
1.3. Johannas Gesellschaftskritik
1.4. Johanna – Bildnis einer Heiligen?

2.1. Erinnerungs- vs. Gegenwartshandlung am Beispiel von Johanna Fähmel
2.2. Der Zeitbegriff als Abgrenzungskriterium von Erinnerungs- und Gegenwartshandlung
2.3. Der „Ausbruch“ aus der Erinnerungshandlung

3.1. Die Erinnerungshandlung – eine wichtige literarische Komponente in „Billard um halb zehn“
3.2 Merkmale der Gegenwartshandlung
3.3. Das Zusammentreffen von Erinnerungs – und Gegenwartshandlung

4.1. Ergebnisse

Literaturliste

Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit habe ich mich mit dem Verhältnis von Gegenwarts - und Erinnerungshandlung in Heinrich Bölls Roman „Billard um halb zehn“ beschäftigt.

Um das Verhältnis von Erinnerungs – und Gegenwartshandlung zu illuminieren, werde ich zunächst Schicksal und Charakter der Romanfigur Johanna Fähmel betrachten, da sie eine tragende Schlüsselposition innerhalb der Romanhandlung einnimmt. Nach dieser charakterlichen Analyse werde ich erstmals auf Erinnerungs – und Gegenwartshandlung am konkreten Beispiel von Johanna Fähmel eingehen.

Im dritten Teil der Arbeit werde ich dann versuchen, die aus der Betrachtung gewonnenen Erkenntnisse auf den Roman als Ganzes zu beziehen und die daraus resultierenden Ergebnisse im vierten Teil der Arbeit zusammenzufassen.

Die vorliegende Analyse stützt sich auf zwei grundlegende Quellen:: auf die Sekundärliteratur, die mir wichtige Aufschlüsse und Anregungen gegeben hat, und auf subjektive Beobachtungen, die aus der individuellen Rezeption des Werkes entstanden sind..

„Billard um halb zehn“ fordert vom Rezipienten ein sehr aufmerksames und analytisches Lesen. Schon aufgrund der schwer durchdringbaren Chronologie, auf die ich in meiner Arbeit noch zu sprechen kommen werde, kann der Roman nicht mit belletristischer Leichtfertigkeit abgehandelt werden, sondern sollte ganz gewiss ( mindestens ) ein zweites Mal rezipiert werden. Denn erst nach intensiver Beschäftigung können die subtileren Verknüpfungen zwischen den Protagonisten nachvollzogen werden, die für ein grundlegendes Verständnis des Werkes unabdingbar sind.

Zur Beschäftigung mit „Billard um halb zehn“ gehört meiner Ansicht nach auch, dass man sich im vorab ein genaues Bild über die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts macht, insbesondere über die Zeit zwischen beiden Weltkriegen.

1.1. Das Schicksal der Protagonistin Johanna Fähmel

Wie bereits erwähnt, ist Johanna Fähmel eine Schlüsselfigur des Romans. Sie ist die einzige Protagonistin, die vom Schicksal in die völlige Isolation gedrängt wurde. Im ersten Weltkrieg nannte sie den Kaiser öffentlich einen Narren und ebenso ungehemmt wollte sie sich gegen die Untaten des Faschismus auflehnen ( vgl. Bernard, S. 233 ). 1941 / 42 entpuppt sie sich als Märtyrerin und will sich aus Protest gegen die Untaten der deutschen Diktatur mit den jüdischen Menschen „deportieren“ lassen. Leere Worte reichen Johanna Fähmel nicht. Sie will einen effektiven Kampf gegen den Faschismus zu führen, den Leidensweg der jüdischen Menschen mitgehen. Nach diesem Versuch wird sie für verrückt erklärt und in die Heilanstalt „Denklingen“ verwiesen. Hier lebt sie, wie sie selbst sagt, in einer „inneren Emigration“ ( Bernard, S. 267 ).

Die Geburtstagsfeier Heinrich Fähmels bringt die Familie nach langer Zeit wieder zusammen. Auch Johanna erscheint, die zu diesem Anlass das erste Mal seit sechzehn Jahren die Heilanstalt verlässt. Johanna will ihre Enkelkinder vor der Gefahr der neuen „Büffel“ schützen und schießt auf den Bonner Minister M., den sie, gemessen an Nettlinger, als die größere Gefahr der Gegenwart ansieht.

Im Vergleich zu Robert oder Heinrich Fähmel ist Johanna sicherlich die isolierteste Figur der Familie. Analog zu ihrer psychischen Isoliertheit lebt sie physisch abgeschieden von ihren Familienmitgliedern in der Heilanstalt „Denklingen“. Aufgrund dieser lokalen Abgeschiedenheit wird ihre monologisierende Erzählweise für den Rezipienten am intensivsten spürbar. Im Gegensatz zu Robert oder Heinrich Fähmel, die ihre Erinnerungen einem Gesprächspartner mitteilen ( Hugo bzw. Leonore ), ist Johanna mit ihren Gedanken allein.

1.2. Johannas „Wahnsinn“

Johannas Wahnsinn ist neben ihrer idealistischen Moralvorstellung der bemerkenswerteste Zug ihres Charakters. Doch wo liegen die Gründe ihres Wahnsinns, und befindet sich Johanna Fähmel „rechtmäßig“ in der Nervenheilanstalt „Denklingen“? Oder ist ihre angebliche Verrücktheit ausschließlich auf die Influenz ihrer Umwelt zurückzuführen? Ist sie vielleicht gar nicht verrückt, sondern nur konsequent mitfühlend und gerecht?

Böll gibt keine klaren Antworten auf diese Fragen, die sich dem Rezipienten notgedrungen stellen. Es scheint Bölls Absicht zu sein, dass die Protagonistin Johanna Fähmel nicht so leicht zu „klären“ ist wie beispielsweise Nettlinger, den Böll klar als Opportunisten zeichnet. Zwar wird Johannas moralischer Idealismus deutlich hervorgehoben, ihr geistiger Zustand bleibt für den Leser aber ein Mysterium über das sich keine voreiligen Schlüsse ziehen lassen. Denn Johannas Gedanken wirken im Grunde nicht verrückt, sondern eher „entrückt“. Böll könnte die Erinnerungsmonologe dazu benutzt haben, um eben dieses „Entrücktsein“ zu verschärfen und Johanna Fähmel deutlicher von den übrigen Romanprotagonisten abzuheben.

Durch die Inneren Monologe entwickelt der Rezipient in gesteigertem Maße Mitleid und Verständnis für eine gescheiterte Frau, die einen Sohn im Krieg verloren hat und ihren Lebensabend in einer Nerverheilanstalt fristen muss.

Obwohl Johanna schon viele Jahre in der Heilanstalt verbracht hat, ist sie nach eigenem Ermessen nicht wahnsinnig. Sie fällt selbst folgendes Urteil über sich:

„Glaub nicht, daß ich verrückt bin.“ ( Böll, S. 164 )

Sicherlich ist eine Ursache für Johannas Wahnsinn in ihrer Abneigung gegen den sinnlosen Militarismus zu suchen. Die Romanfigur Johanna Fähmel scheint den Krieg nicht vergessen zu können; in ihrer Erinnerungswelt hat sie ihn als traumatisches Erlebnis gespeichert. Im fünften Kapitel sagt sie:

„Der Tod ist aus Metall; eine Kupferkartusche, Blei, Gußeisen, Metallsplitter bringen den Tod, sie sausen und surren, regnen nachts aufs Dach, prasseln gegen die Pergola; flattern wie wilde Vögel: Wildgänse rauschen durch die Nacht, stürzen sich auf die Lämmer;...“

( Böll, S. 145 )

Die Ängste der Protagonistin machen deutlich, dass die Ursache ihres Wahnsinns nicht in ihr selbst zu suchen ist - es ist der Wahnsinn des Militarismus, dem sie im Leben nicht ausweichen konnte. Der Wahnsinn, der zwei Weltkriege veranstaltet hat und von den „Büffeln“ initiiert wurde. Johanna Fähmels Militarismuskritik beruht deshalb im Grunde auf Selbstschutz. An ihrem verstorbenen Kind Otto musste sie erleben, wie geschickt es der deutsche Militarismus versteht seinen Ungeist wirken zu lassen. Böll spitzt diesen Ungeist in den letzten Worten Ottos zu: vorwärts mit Hurra und Hindenburg.

Jochen Kuhlgamme weiß, dass Johanna nicht verrückt ist. Für ihn verkörpert sie den Typ Mensch, der sich nicht an unmoralische Gegebenheiten anpassen kann. Das Handeln der Protagonistin beruht also im Grunde auf in die Tat umgesetzte Moral und Mitmenschlichkeit. „Pseudo – Gefühle“ und Opportunismus sind ihrem Wesen völlig fremd.

Aber genau die in die Wirklichkeit umgesetzte „moralische Konsequenz“ ist es, die von der Gesellschaft als Wahnsinn begriffen wird. Aufopferung und Selbstlosigkeit in einem zu hohen Maße ist nicht erwünscht, wird vom gesellschaftlichen System als störend empfunden und deshalb an seinen Rand gedrängt. Eine „funktionierende Gesellschaft“ möchte durchsetzungsfähige Menschen sehen, die sich mit dem System arrangieren und ein Leben führen, welches extreme Handlungsweisen kategorisch ausklammert, besäßen diese auch mehr Gerechtigkeit.

In „Billard um halb zehn“ verkörpert Heinrich Fähmel den Prototyp des „angepassten“ Menschen. Als seine Frau kann sich Johanna ihm nicht entziehen. Die Protagonistin erkennt seinen schleichenden Übertritt zu den „Büffeln“ je weiter sich ihr Mann mit den gesellschaftlichen Umständen arrangiert. Aber auch Heinrich Fähmel ist hinsichtlich seines Lebens verunsichert. Im vierten Kapitel gesteht er:

„Ich sah alles voraus, wußte genau, was ich wollte, und wußte, daß ich´s erreichen würde; nur eins wußte ich nie, weiß ich bis heute nicht: warum tat ich es? Des Geldes wegen, des Ruhmes wegen, oder nur, weil es mir Spaß machte?“ ( Böll, S. 81; vgl. auch Martini, S. 51 )

Selbst die gescheiterten Pläne der Nazis sind in Johannas Denken noch als traumatische Erinnerung vorhanden und können deshalb als Ursache für ihrer Krankheit geltend gemacht werden. Am Ende des fünften Kapitels erinnert sie sich an ein düsteres Zukunftsbild, das die größenwahnsinnigen Pläne des nationalsozialistischen Regimes in drastischer Weise aufdeckt. In ihr steigt das Bild eines deutschen Soldaten auf, der einen Hof an der Wolga besitzt und seine „wohlverdiente Pfeife“ raucht ( Böll, S. 179 ). Er blickt versonnen zu seiner Frau hinüber, die gerade die letzte Kuh melkt und „deutsche Milch“ am „deutschen Wolgaufer“ produziert ( Böll, S. 179 ).

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Details

Seiten
23
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638153898
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8412
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Germanistik
Note
2,0 ( gut )
Schlagworte
Erinnerungs Gegenwartshandlung Heinrich Bölls Billard Protagonistin Johanna Fähmel Seminar Böll

Autor

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Titel: Erinnerungs - und Gegenwartshandlung in Heinrich Bölls  Billard um halb zehn  anhand der Protagonistin Johanna Fähmel