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Differenzierte Sinneserfahrungen und erweiterte Integrationsmöglichkeiten für geistig Behinderte. Ein neues sozialpädagogisches Konzept?

Das Erfahrungsfeld der Sinne EINS + ALLES des Christopherus-Heims e.V.

Diplomarbeit 2007 103 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Themenstellung und Einführung

2. Sinneserfahrungsfelder und die Bedeutung der menschlichen Sinne
2.1 Hugo Kükelhaus und Sinneserfahrungsfelder
2.1.1 Grundlagen
2.1.2 Entwicklungspsychologische Aspekte
2.1.3 Bedeutung von Sinneserfahrungen für den Mensch
2.1.4 Ziele der Erfahrungsfelder
2.2 Die menschlichen Sinnesorgane und ihre Bedeutung in der Anthroposophie
2.3 Zusammenfassung und kritische Stellungnahme

3. Menschen mit einer Behinderung: Von der Deinstitutionalisierung zur Inklusion
3.1 Das Normalisierungsprinzip
3.2 Selbstbestimmung, Autonomie und Empowerment
3.3 Integration und Inklusion
3.4 Schlussfolgerungen

4. Das Erfahrungsfeld der Sinne EINS + ALLES des Christopherus-Heims e.V
4.1 Ausgangslage und Idee
4.2 Einzelne Stationen des Erfahrungsfelds EINS + ALLES
4.3 Das Erfahrungsfeld der Sinne als therapeutische Chance
4.4 Das Erfahrungsfeld der Sinne als Integrationsprojekt

5. Empirische Untersuchung zur Integration und Sinneswahrnehmung von Menschen mit einer Behinderung
5.1 Empirische Methodik und Durchführung
5.2 Ergebnisse der Experteninterviews

6. Empirische Untersuchung zur Sinneserfahrung von Menschen mit einer
Behinderung
6.1 Empirische Methodik und Durchführung
6.2 Ergebnisse der teilnehmenden Beobachtung

7. Auswertung und Interpretation der empirischen Studien
7.1 Differenzierte Sinneserfahrungen für die Bewohner des Christopherus-Heims
7.2 Erweiterte Integrationsmöglichkeiten für die Bewohner des Christopherus-Heims
7.3 EINS + ALLES als neues sozialpädagogisches Konzept für die Behindertenhilfe

8. Zusammenfassung und Ausblick

9. Literaturverzeichnis

Anhang I: Interview Dieter Einhäuser

Anhang II: Interview Theodorus Maas

Anhang III: Interview Ulrich Niehoff-Dittmann

Anhang IV: Matrix zur Auswertung der Experteninterviews

Anhang V: Beobachtungsbogen

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Themenstellung und Einführung

In meinem Studium der Sozialpädagogik machte ich im Rahmen der praktischen Ausbil­dung vielfältige Erfahrungen in der Sozialen Arbeit mit behinderten Menschen. Meine Praxisstelle, das Christopherus-Heim e.V., ist ein Heim für geistig und mehrfach behin­derte Erwachsene, welches sich in seiner Arbeit an der Anthroposophie Rudolf Steiners orientiert. Nach anthroposophischer Tradition liegt das Heim weitgehend isoliert von der restlichen Welt im Welzheimer Wald, einem Naherholungsgebiet der Stadt Stuttgart und bildet eine in sich abgeschlossene Gemeinschaft aus Menschen mit und ohne Behinderung. Mit diesem Konzept der ‚heilen Dorfgemeinschaft’ entspricht die Einrichtung nicht mehr den aktuellen Forderungen der Sozialpolitik und ihres über­örtlichen Trägers, dem Kom­munalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), nach Ambulanti­sierung und Deinstitutionalisierung zur verbesserten Integration und Normalisierung der Lebenssituation von behinderten Menschen.[1] Da die Einrichtung aber gerne an ihren Räumlichkeiten und auch an ihrer Gemeinschaft festhalten möchte, entwickelte sich die Idee einer ‚inversen Integration’, was wortwörtlich eine umgekehrte Eingliederung bedeutet und somit eine Integration der Gesellschaft in die Heim­gemein­schaft meint. Praktisch soll diese Idee durch das Erfahrungsfeld der Sinne EINS + ALLES, eine Art öffentlicher Erfahrungspark mit diversen Stationen zur Sinneserfahrung, realisiert werden. Behinderten Menschen dient dieses Projekt zum einen als Arbeitsplatz, indem sie Dienst­leistungsaufgaben etwa im Besuchercafé oder der Besucherbetreuung übernehmen, zum anderen auch als erweitertes Therapieangebot zur Förderung von Sinneserfahrungen. Auf diese Weise erhofft sich die Einrichtung Integration von behinderten und nichtbehin­derten Menschen durch das gemeinsame Tun und Erleben im Erfahrungsfeld zu ermög­lichen. Bedingt ist in dieser Konstellation sogar der nicht­behinderte Mensch vom Wissen und Können des behinderten Menschen abhängig, da dieser Experte für die einzelnen Stationen sein wird und dem Besucher als Führer durch den Park dient.

Doch das Erfahrungsfeld der Sinne hat nicht nur eine integrative Wirkebene auf den Menschen, sondern bietet auch die Chance gezielt und verstärkt Sinneserfahrungen zu machen. Besonders behinderte Menschen sind häufig von einer Art ‚Sinnesarmut’ bedroht, da viele von ihnen durch mangelnde Beweglichkeit, etwa durch das Sitzen im Rollstuhl, nicht die Freiheit haben ihre Sinnesorgane zu nutzen oder aber die Sinnesorgane selbst von der Behinderung betroffen sind. Aber die Gefahr der ‚Sinnesverarmung’ existiert nicht nur für behinderte Menschen, sondern auch der sogenannte gesunde und normale Mensch vernachlässigt seine Sinne in der modernen Welt zunehmend. So nimmt der Mensch rund 80 Prozent aller Sinneseindrücke über seine Augen wahr,[2] so dass es für das Sinnesorgan Auge häufig zu einer regelrechten Reizüberflutung kommt. Doch was ist mit unseren restlichen Sinnesorganen? Nur in Einzelfällen wissen wir, wie unsere Umgebung riecht oder schmeckt, und es häufen sich Nachrichten von Kindern, die motorisch unterentwickelt sind.[3] Dabei haben doch verschiedene Entwicklungspsychologen, wie Jean Piaget[4] und auch der Begründer von Sinneserfahrungsfeldern Hugo Kükelhaus und Rudolf Steiner in seiner anthroposophischen Lehre, die Bedeutung von Sinneserfahrungen für die kognitive Entwicklung eines Menschen festgestellt. Versteht man unter Sinnen nicht nur die klassischen fünf Sinne Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen und Hören, sondern erweitert den Begriff der Sinne um sogenannte ‚soziale Sinne’, wie die Eigenwahrnehmung im Bezug zur Wahrnehmung seines sozialen Umfelds, so schult ein Erfahrungsfeld der Sinne nicht nur die sensorischen Sinne, sondern auch die sozialen Fähigkeiten eines Menschen.

Das breite Spektrum an integrativen und sinnlichen Möglichkeiten des Erfahrungsfeldes EINS + ALLES für die Bewohner des Christopherus-Heims soll im Rahmen dieser Arbeit untersucht und die Frage geklärt werden, ob das Projekt ein neues sozialpädagogisches Konzept für die Behindertenhilfe darstellen könnte.

Hierzu soll zunächst auf die Idee der Sinneserfahrungsfelder eingegangen und die Bedeu­tung der Sinne und sinnlicher Erfahrungen für die menschliche Entwicklung nach Kükel­haus und Steiner geklärt werden. Das folgende Kapitel gibt einen Einblick in die Entwick­lung der Behindertenhilfe von der Exklusion hin zur Inklusion von Menschen mit einer Behinderung in die Gesellschaft. Hierauf folgt eine Beschreibung der Umsetzung des Erfahrungsfeldes der Sinne EINS + ALLES im Christopherus-Heim und der Idee der ‚inversen Integration’, welche durch das Projekt verwirklicht werden soll. Anhand von Interviews mit Fachleuten der Behindertenhilfe und teilnehmender Beobachtung zum Thema Sinneswahrnehmung behinderter Menschen sollen zuletzt die Möglichkeiten des Erfahrungsfelds in Bezug auf soziale Integration und Sinnesförderung dargestellt werden.

2. Sinneserfahrungsfelder und die Bedeutung der menschlichen Sinne

Hugo Kükelhaus und Rudolf Steiner betonten beide die Bedeutung der Sinnestätigkeiten für die Entwicklung des Menschen. Im Folgenden soll die Idee der Sinneserfahrungsfelder im Sinne des Begründers Kükelhaus erläutert und die anthroposophische Sinneslehre erklärt werden.

2.1 Hugo Kükelhaus und Sinneserfahrungsfelder

Als Begründer von Erfahrungsfeldern der Sinne gilt Kükelhaus (1900 - 1984), welcher zunächst eine Lehre als Tischler und Zimmermann machte und nach seiner Meisterprüfung Soziologie, Philosophie, Logik, Medizin und Mathematik studierte. Er arbeitete später freiberuflich als bildender Künstler (Bildhauer, Grafiker, Maler und Autor) und Wissen­schaftler (Pädagoge, Architekt und Philosoph) und publizierte eine große Anzahl von wissenschaftlichen Werken. 1967 installierte er erstmals naturkundliche Erfahrungs­stationen zur Weltausstellung in Montreal und schaffte seitdem verschiedene Versuchs­stationen zum Thema Sinneserfahrungen.[5] Heute gibt es einige erfolgreiche Erfahrungs­felder der Sinne, wie etwa in Wiesbaden oder Nürnberg,[6] welche Kükelhaus’ Konzept zur Sinnesschulung verwirklichen.

2.1.1 Grundlagen

Der Titel von Kükelhaus’ wichtigstem Werk zum Thema der Sinne „Entfaltung der Sinne – Ein ‚Erfahrungsfeld’ zur Bewegung und Besinnung“ beschreibt sehr deutlich die zwei Ebenen, die durch ein Sinneserfahrungsfeld angesprochen werden sollen: Zum einen soll Bewegung erfahren werden und zum anderen eine Besinnung, ein kognitives Erleben stattfinden.

Bewegung setzt die Tätigkeit der menschlichen Sinnesorgane voraus um die eigene Umwelt durch Fühlen, Riechen, Schmecken, Hören und Sehen wahrzunehmen und den eigenen Körper in dieser mit Hilfe des Gleichgewichtsinns zu positionieren. Doch in der hoch industrialisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts werden viele Sinne immer weniger gefordert, immer mehr vom menschlichen Körper erbrachte Leistungen werden durch Maschinen ersetzt. Diese Technisierung der Welt bewirkt zunehmend, dass das Auge nur noch als visuelles Steuerungs- und Kontrollorgan fungiert ohne die anderen menschlichen Sinne einzusetzen. Die Außenwahrnehmung des Menschen wird auf diese Weise durch die rein visuelle Aufnahme stark begrenzt, denn Geruch, Geschmack, Temperatur oder Oberflächenstruktur lassen sich mit dem Auge nicht oder nur unzu­reichend wahrnehmen.

Diese industrielle Entwicklung geschieht einerseits natürlich aufgrund ökonomischer Aspekte, aber auch aus dem gesellschaftspolitischen Ziel heraus, dem Menschen das Leben zu erleichtern.[7] So prägt der Sozialanthropologe Arnold Gehlen das Prinzip von „Fort­schritt gleich Entlastung“[8], also der fortwährenden Arbeitsentlastung des modernen Menschen durch Maschinen. Diese Sichtweise verkennt jedoch vollkommen die Bedeu­tung, welche ganzheitliche Tätigkeiten für den menschlichen Organismus haben. Denn gerade die Nicht-Inanspruchnahme von Sinnesorganen führt zu Erschöpfung. Deren Inanspruchnahme hingegen erfrischt den Organismus und fördert diesen. So ist beispiels­weise das Laufen auf einer geraden, geteerten Straße ermüdender, als ein Spaziergang auf einem unebenen Waldweg, der alle Sinne, Muskeln und Gelenke anspricht.[9] Goethe betonte die Bedeutung dieses ganzheitlichen Ansatzes in seinem Ausspruch, „mit den Händen sehen, mit den Augen fühlen“[10], denn Sinnesverarmung, welche Hugo Kükelhaus auch als „negativen Stress“[11] bezeichnete, bedeutet für den Menschen eine Art ‚Lebens­entzug’ durch mangelhafte Forderung und Förderung des menschlichen Sinnesvermö­gens.[12]

Die fatalen Folgen, die daraus resultieren, wenn menschliche Sinnesorgane nicht ausrei­chend genutzt werden und der Mensch zu wenige Reize empfängt, er sozusagen mit keinerlei lebenserregenden und lebenserhaltenden Herausforderungen konfrontiert ist, werden durch verschiedene Experimente belegt. So ließ der Staufenkaiser Friedrich II. im zwölften Jahrhundert Waisenkinder in völliger Isolation aufwachsen um festzustellen, ob Kinder ohne jegliche Ansprache und Zuneigung Sprache erwerben können. Das Experi­ment endete dramatisch mit dem Tod aller Kinder aufgrund der fehlenden sensorischen Stimulation. „Sie vermochten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen...“[13], so der Staufenkaiser.[14]

Auch zu Beginn der Raumfahrt Mitte des 20. Jahrhunderts wurden in den USA Experi­mente durchgeführt um die Reaktion von Organen auf ihre Nichtinanspruchnahme zu erforschen: Probanden hielten sich in Isolierkammern auf, in denen Schwerelosigkeit herrschte, die Luft auf Körpertemperatur erwärmt war und es keinerlei akustische oder optische Reize gab. Die Überwachung der Körperfunktionen ergab, dass beim Probanden schon nach kurzer Zeit Halluzinationen eintraten und jegliche räumliche und zeitliche Orientierung verloren ging. Spätestens nach einer viertel Stunde musste das Experiment abgebrochen werden, da es zu lebensgefährlichen Störungen durch Überproduktion von weißen Blutkörperchen kam.[15]

Weitere Beispiele, wie die Folgen von Isolationshaft auf den Menschen oder Hospitalismus durch Heimunterbringung, zeigen, dass die Auseinandersetzung des Menschen mit einer herausfordernden Außenwelt und qualitätsvollen Sinnesreizen lebensnotwendig ist.

Neben diesem Bewegungsaspekt der ‚Erfahrungsfelder zur Sinnesentfaltung’ betont Kükelhaus als zweite Wirkebene, die Besinnung, das kognitive Erleben von Natur­phänomenen und gleichzeitig auch immer das Erfahren von menschlicher Individualität und sozialen Bezügen, in denen der Mensch steht. Seine Grundfrage nach dem „Wie lebt das Leben?“[16] beantwortete er folgendermaßen: „Das Leben lebt vom Reiz. Der Reiz seinerseits ist wiederum etwas sehr verletzliches – das heißt, er darf weder zu stark noch zu schwach sein. Schwache Reize führen zur Entstehung von Organen, mittelstarke Reize kräftigen sie, starke Reize hemmen und überstarke zerstören“[17]. So schult beispielsweise Musik das Gehör, sie kann aber auch zu einem vorübergehenden Gehörsturz führen und das Trommelfell dauerhaft schädigen, wenn sie nicht in angemessener Lautstärke gehört wird.

2.1.2 Entwicklungspsychologische Aspekte

Die menschlichen Sinnestätigkeiten sind entscheidend für Handeln und Denken, denn der Mensch ‚be-greift’ erst durchs Greifen, selber Tun und Erfahren. Diese Auffassung Kükelhaus’ vom Lernen erinnert an die Naturwissenschaft im Goetheschen Sinne: Selbsterfahrung, Naturerkenntnis, und soziale Haltung sollen gemeinsam angeregt, gefordert, gefördert und entwickelt werden.[18] Kükelhaus formulierte diesen Aspekt folgendermaßen: „Die Entwicklung des Menschen wird von derjenigen Umwelt optimal gefördert, die eine Mannigfaltigkeit wohldosierter Reize gewährleistet. Ungeachtet der Frage, ob diese Reizwelt von physischen oder sozialen Verhältnissen und Faktoren aufgebaut ist – die Vielgestaltigkeit der Umwelt ist Lebensbedingung.“[19] Hier wird deutlich, dass menschliche Organe nicht entstehen um später eine Aufgabe, einen Zweck, eine Funktion zu erfüllen, wie es bei Maschinen der Fall ist, sondern durch und als Funktionen, sie entwickeln sich durchs Handeln.[20] Die Entwicklung von (Sinnes-)Organen geschieht durch deren Anwendung.

Die Bedeutung von Sinneserfahrungen für die kognitive Entwicklung des Menschen wurde nicht nur von Hugo Kükelhaus und Rudolf Steiner erkannt, sondern wird auch von allgemein anerkannten Entwicklungspsychologen vertreten. So prägte der Klassiker der Entwicklungspsychologie Jean Piaget (1896 – 1980) den Begriff der Äquilibration, welcher eine Kraft zur Gleichgewichtsherstellung zwischen Individuum und dinglicher und sozialer Umwelt bezeichnet. Kognitive Entwicklung beruht somit auf der ständigen Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt, welche durch die menschlichen Sinnesorgane geschieht.[21]

Piaget unterscheidet fünf Stufen der kognitiven Entwicklung: Die sensumotorische Intelligenz, das symbolische und vorbegriffliche Denken, das anschauliche Denken, die konkrete Denkoperation und die formale Denkoperation. Insbesondere die erste Stufe der sensumotorischen Intelligenz beruht auf der Ausbildung von Sinnesorganen aufgrund von Umweltreizen. Säuglinge und Kleinkinder lernen ihre Sinneswahrnehmungen mit körper­lichen (motorischen) Aktivitäten zu koordinieren. Der Mensch entwickelt exploratorische Fähigkeiten, erforscht die Welt und kann so durch seine Äquilibrations­kräfte seinen Organismus mit seiner Umwelt in Einklang bringen.[22]

Die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen hängen somit stark von den Anregungen, der Unterstützung und der Anleitung ab, die er erhält um Erfahrungen zu machen und so das Denken entwickeln kann.

2.1.3 Bedeutung von Sinneserfahrungen für den Mensch

Der menschliche Körper findet allgemein meist nur dann Beachtung, wenn er, etwa wegen Krankheit oder Behinderung, seine Funktion nicht erfüllen kann. So entsteht ein allgemein negatives Bewusstsein über den eigenen Körper. Schon 1958 definierte die World Health Organization (WHO) Gesundheit als „Zustand vollkommen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein [als] das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“[23]. Doch auch in der heutigen modernen Medizin geht es weitgehend um die bloße Behand­lung von Krankheiten, so dass die Förderung von ‚Lebenskräften’, die Ganzheit­lichkeit des menschlichen Organismus außer Acht gelassen wird. „Gesundheit lässt sich nicht durch quantitativ kalkulierte Dosen von jeweiligen Gegengiften wiederherstellen“[24]. Um ein positives Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln, die (Selbst-)Wahrnehmung durch die eigenen Sinne zu schulen und ein andauerndes Wohlbefinden herzustellen ist ein ganzheitliches Bewusstsein für den eigenen Körper notwendig. Nicht grundlos trägt der Begriff der ‚Wahrnehmung’ die doppelte Bedeutung von ‚erkennen’ und ‚wahren’ in sich.

Durch die Fixierung auf einen funktionstüchtigen Körper kommt es zu der in unserer Leistungsgesellschaft ausgeprägten Trennung (Segregation) zwischen nützlichen und unnützen Menschen ohne dabei andere Qualitäten eines Menschen, wie dessen seelisch-sozialen Fähigkeiten, zu beachten.[25]

2.1.4 Ziele der Erfahrungsfelder

Um einer möglichen Sinnesverarmung in der modernen Gesellschaft entgegenzutreten kam Kükelhaus auf die Idee „Anstalten des Gegenwärtigmachens der Gegenwart“[26] zu entwi­ckeln, also Institutionen zur gezielten Sinnesschulung zu schaffen um unterforderte Sinnes­organe ihrer natürlichen Bestimmung nach wieder zur „Inanspruchnahme zu verhelfen“[27]. Ein Erfahrungsfeld bietet Stationen zum Umgang und zum Sammeln von Erfahrungen mit Naturgesetzlichkeiten, lässt den Menschen diese erfahren und erweitert sein kognitives, aber auch sein sensorisches Wissen. Dieses Phänomenerleben bleibt jedoch nicht auf die naturwissenschaftliche Ebene begrenzt, sondern lässt sich auf eine zwischenmenschliche Ebene, auf Verständigung und Soziales übertragen. Hierbei sind alle Erfahrungen total unideologisch, da sie nicht abstrakt vermittelt und erklärt werden, sondern eigenständig erfahren und wahrgenommen werden können und dann aufs Allge­meine, auf einzelne Naturgesetzte übertragen werden. So bieten die Stationen einen erfahrbaren Zugang zu einem weiten Horizont wissenschaftlichen und praktischen Wissens, und dienen gleich­zeitig zum Training von unterforderten und ermüdeten Funk­tionen. Diese physiologischen Übungen bewirken auch immer zugleich eine psychische Belebung.[28]

Moderne hochindustrialisierte Gesellschaften sind in ihrer praktischen Auswirkung in fast allen Lebensbereichen von Arbeiten über Wohnen bis hin zur Freizeit immer weniger mit der Natur in Verbindung, was nach Kükelhaus zu wesentlichen Problemen in unserer Gesellschaft führt, wie etwa vegetative Störungen, Isolation oder Stress. Sinneserfahrungs­felder sollen diese Defizite der modernen Gesellschaft kompensieren, indem der Mensch Möglichkeiten erhält, die Natur kennen zulernen und somit zugleich auch seine eigene Natur zu erleben. Erfahrungsfelder dienen in diesem Sinn auch zur allgemeinen Verbes­serung der Gesellschaft, zur Schaffung von mehr Lebensqualität für den Menschen.[29]

Die Erfahrungsstationen haben auch einen stark erlebnispädagogischen Aspekt. Durch Entwicklung von Körperbeherrschung und Leistungsfähigkeit, erfährt der Mensch, dass er lernen, mit dem Gelernten Leistung erbringen und auch weiterhin Neues erlernen kann. Erfahrungsstationen vermitteln das angenehme Gefühl sich durch Bewegung oder Haltung auszudrücken, wie es normalerweise durch Emotionen, wie Zärtlichkeit, Verstummen oder Weinen, geschieht. Alle wichtigen Erlebnisse sind auch immer körperlich zu spüren in Spannung und Erleichterung, Ausgelassenheit und Sich-Zusammenziehen.[30]

Es geht nicht darum die moderne Welt mit ihren Errungenschaften zu verdammen oder abzulehnen, sondern Fähigkeiten zur Sinneserfahrung anzuregen und zu erweitern. Erfah­rungsfelder können Alternativen zu alltäglichen Gewohnheiten bieten, indem, durch eine sensibilisierte Wahrnehmung, neue Sinneserfahrungen in den Alltag integriert werden.

[...]


[1] Vgl. KVJS 2007.

[2] Vgl. BAYERISCHER RUNDFUNK 2007.

[3] Vgl. ULRICH 2007, S. 1.

[4] Vgl. PIAGET 1988.

[5] Vgl. HUGO KÜKELHAUS GESELLSCHAFT 2007a.

[6] ‚Schloss Freudenberg’ in Wiesbaden und ‚Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne’ in Nürnberg.

[7] Vgl. KÜKELHAUS 1982, S. 45.

[8] Ebd., S. 31.

[9] Vgl. ebd., S. 43f.

[10] Ebd., S. 31.

[11] Ebd., S. 14.

[12] Vgl. ebd., S. 31.

[13] ZIMMER 2007.

[14] Vgl. KÜKELHAUS 1982, S. 45.

[15] Vgl. KÜKELHAUS 1982, S. 45.

[16] Ebd., S. 11.

[17] HUGO KÜKELHAUS GESELLSCHAFT 2007b.

[18] Vgl. KÜKELHAUS 1982, S. 61.

[19] HUGO KÜKELHAUS GESELLSCHAFT 2007c.

[20] Vgl. KÜKELHAUS 1982, S. 47.

[21] Vgl. HOBMAIR 1994, S. 202.

[22] Vgl. HOBMAIR 1994, S. 238f.

[23] BMFSFJ 2007.

[24] KÜKELHAUS 1982, S. 29.

[25] Vgl. ebd., S. 28-31.

[26] KÜKELHAUS 1982, S. 48.

[27] Ebd., S. 48.

[28] Vgl. ebd., S. 59f.

[29] Vgl. ebd., S. 61.

[30] Vgl. KÜKELHAUS 1982, S. 25f.

Details

Seiten
103
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638876742
ISBN (Buch)
9783638876872
Dateigröße
892 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83729
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart – Sozialwesen
Note
1,7
Schlagworte
Differenzierte Sinneserfahrungen Integrationsmöglichkeiten Menschen Behinderung Erfahrungsfeld Sinne EINS ALLES Christopherus-Heims Arbeitsfeldseminar

Autor

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Titel: Differenzierte Sinneserfahrungen und erweiterte Integrationsmöglichkeiten für geistig Behinderte. Ein neues sozialpädagogisches Konzept?