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Der Fußball, er schafft uns! - Nationale Identitätsbildung auf dem mythischen Nährboden kollektiver Sportbegeisterung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 29 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Nation und Mythos
2.1 Zum Begriff der Nation
2.2 Funktionen und Wirkungen politischer Mythen
2.2.1 Mythen als Sinnstifter
2.2.2 Integration durch Mythen
2.2.3 Die Legitimationsfunktion politischer Mythen
2.2.4 Die emanzipatorische Funktion politischer Mythen
2.3 Politische Kulte und Heldenverehrung

3. Deutsche Identität und Mentalität nach 1945

4. Der Mythos um das „Wunder von Bern“
4.1 Die Ereignisse und Reaktionen
4.2 Die Topoi des „Mythos von Bern“
4.2.1 Überhöhungen der Mannschaft
4.2.2 Überhöhungen einzelner Personen
4.2.3 Überhöhungen der Gesamtdarstellung und gesellschaftlichen Bedeutung
4.3 Vom Sport zum Mythos
4.3.1 Rezeptionsgeschichte
4.4 Gesellschaftspolitische Funktionen des „Mythos von Bern“

5. Resümee und Ausblick

Literatur

1. Einleitung

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland war von Beginn an geprägt von einer Welle der Anteilnahme und Begeisterung. War zuvor noch einiger Unmut laut geworden, z.B. bezüglich der von vielen als ungerecht empfundenen Aufteilung des Ticketkontingents durch die FIFA, konnte man während der WM vielerorts beobachten, wie sich auch außerhalb der eigentlichen Handlungszentren, der Fußballstadien, große Ansammlungen von Menschen bildeten, um beim ‚public viewing’ die Spiele im gemeinschaftlichen und öffentlichen Rahmen zu verfolgen und zu zelebrieren.

Die Ausgelassenheit und Spontaneität, mit der dies geschah – man denke etwa an schwarz-rot-goldene Fahnen schwingende Fans in nicht enden wollenden, hupenden Autokorsos nach gewonnenen Spielen der deutschen Mannschaft oder die vielen mit Flaggen verzierten Wohn- und ebenso Geschäftshäuser – wurde sehr bald zum Katalysator einer schon vor Beginn der WM in den Medien geführten Debatte um die Forderung nach einem neuen, „positiven“ Patriotismus der Deutschen, welcher nunmehr in den Augen vieler Politiker und Journalisten als von der feiernden Bevölkerung tatsächlich ausgelebt angesehen wurde. So resümierte zum Beispiel Bundespräsident Horst Köhler am Tag nach dem WM-Finale:

„Man sieht auch, daß wir uns zu unserer Fahne bekennen, ohne daß wir daraus jetzt eine politische Großaktion eines neuen Nationalismus machen. Die Menschen, das Publikum haben uns gezeigt, was guter Patriotismus ist.“[1]

Die vor der WM noch oft zu vernehmenden Warnungen vor gefährlichem nationalistischem Eifer[2] und negativ besetzter Symbolik[3] waren währenddessen und danach wenn nicht verstummt, so doch zumindest in Folge einer allgemeinen ‚nationalen Euphorie’ aus dem Fokus des öffentlichen Interesses vertrieben worden.

War mit der Weltmeisterschaft 2006 tatsächlich eine neue, sogar „positive“ Form des Umgangs mit der eigenen Nation entstanden? War nun ein Gemeinschaftsgefühl vorhanden, das über die Grenzen des Sports hinaus den Alltag in Deutschland bestimmen könnte? Konnte der Fußball innerhalb eines Monats das bewerkstelligen, was zuvor weder die Kampagne „Du bist Deutschland“[4], noch die Appelle führender Politiker[5] erreichten, nämlich im Land ein Gefühl der nationalen Verbundenheit, der nationalen Identität zu wecken?

Dass Fußball den Rahmen eines bloß sportlichen Ereignisses verlassen, dass er „ein Baustein für Identität, für unser kollektives Gedächtnis, für nationale Größe oder Schmach“[6] sein kann, bewies die Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz, die mit dem finalen „Wunder von Bern“ nicht nur bleibende Erinnerungen hinterlassen hat, sondern zuweilen auch „zum wahren Gründungsdatum der Bundesrepublik, wichtiger als die Währungsreform, die Verabschiedung des Grundgesetzes oder das Einreißen der Berliner Mauer“[7] stilisiert wurde.

Zweifellos ist die Erringung des ersten deutschen Weltmeistertitels und die daraus resultierende „Wir sind wieder da!“[8] – Mentalität der Nachkriegsdeutschen eine großartige Geschichte, die seitdem immer wieder erzählt wurde und auch noch heute, nach über 50 Jahren, erzählt werden kann (wie in dem 2003 erschienenen Film „Das Wunder von Bern“ von Sönke Wortmann geschehen). Aber ist ihr Thema sowie ihre Rezeption und Tradierung, die stets von Überhöhungen begleitet wurde, wirklich mit der zurückliegenden WM vergleichbar? Hat auch die WM 2006 das Potential, den Status eines Mythos zu erlangen, welcher der Weltmeisterschaft von 1954 im Allgemeinen zugesprochen wird?[9] Welche Kriterien müssten dafür erfüllt sein und ist es überhaupt ge­rechtfertigt, von einem „Mythos von Bern“ zu sprechen? Besteht ein Zusammenhang zwischen solchen kollektiven Mythen und dem Gefühl nationaler Identität?

Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Dabei wird zunächst auf theoretischer Ebene die Beziehung zwischen mythischem Denken und nationalem Zugehörigkeitsempfinden thematisiert, um dann, nach einem Blick über die vorherrschende Mentalität – das „Überzeugungssystem“[10] – der Deutschen in den 50er Jahren, die theoretischen Erkenntnisse am konkreten Beispiel der Weltmeisterschaft 1954 sowie seiner Nachwirkungen zu illustrieren. Zum Schluss soll noch auf den Stellenwert des deutschen „Sommermärchens“[11] eingegangen werden.

2. Nation und Mythos

2.1 Zum Begriff der Nation

„Was ist eine Nation?“

Mit dieser Frage hat sich Ernest Renan schon vor knapp 125 Jahren beschäftigt.[12] Er versuchte, vor dem Hintergrund eines erstarkenden Nationalismus in Europa, Kriterien zu finden, die nötig sind, die Klassifizierung von sozialen Gebilden als Nationen zu legitimieren. Dabei konnte er fünf denkbare Merkmale als nicht hinreichende Grundlagen ausschließen: Rasse, Sprache, Religion, gemeinsame Interessen und Geographie.

Rasse sei ungeeignet, da sich die modernen Staatengebilde nicht mehr auf einheitliche ethnographische Ursprünge zurückführen ließen; Ähnliches gelte für die Sprachen, die lediglich „historische Gebilde“ seien, aus denen man keine nationale Determination der jeweiligen Sprachverwandten ableiten könne; Religion hätte schon lang nicht mehr den Stellenwert einer Bedingung nationaler Zugehörigkeit – es gebe heute keine Staatsreligion mehr im Sinne einer Identität von Staat und religiöser Gemeinschaft wie noch im antiken Griechenland; einer Interessengemeinschaft fehle die Emotionalität des Nationalen – ein ‚Zollverein’ sei kein Vaterland; und die Verbindung nationalstaatlicher Vorstellungen mit geographischen Gegebenheiten sei durchwegs willkürlich und könne keinerlei territoriale Ansprüche rechtfertigen.

Die Definition einer Nation, die Renan selbst vorschlägt, versucht von den genannten Kriterien das tatsächlich Gemeinsame einer nationalen Gemeinschaft zu abstrahieren:

„Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eines davon gehört der Vergangenheit an, das andere der Gegenwart. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat.“[13]

Eine Nation ist somit aber auch nichts Selbstverständliches, nichts Gegebenes und ewig Fortdauerndes. Sie ist zudem nichts Fertiges, sondern etwas ständig im Schaffen Begriffenes, das eine gewisse andauernde Aktivität ihrer Mitglieder verlangt:

„Eine Nation ist also eine große Solidargemeinschaft, getragen von dem Gefühl der Opfer, die man gebracht hat, und der Opfer, die man noch zu bringen gewillt ist. Sie setzt eine Vergangenheit voraus, aber trotzdem faßt sie sich in der Gegenwart in einem greifbaren Faktum zusammen: der Übereinkunft, dem deutlich ausgesprochenen Wunsch, das gemeinsame Leben fortzusetzen. Das Dasein einer Nation ist - erlauben Sie mir dieses Bild - ein täglicher Plebiszit, wie das Dasein des einzelnen einen andauernde Behauptung des Lebens ist.“[14]

Das Bild des Plebiszits betont vor allen Dingen die Wandelbarkeit der konkreten Ausformung des „geistigen Prinzips“ der Nation. Denn wenn von der Solidargemeinschaft immer wieder aufs Neue konstatiert werden muss, was eigentlich die Bedingungen sind, um sich unter dem gemeinsamen ‚Dach’ der Nation zusammengehörig zu fühlen (z.B. welche Bedeutung dem Einwirken bestimmter Ereignisse der Vergangenheit auf das heutige Dasein der Gemeinschaft beigemessen wird), kann das Ergebnis zu verschiedenen Zeiten durchaus unterschiedlich ausfallen. Diese Konstatierung ist jedoch nicht im Sinne einer direkten Kommunikation, eines Meinungsaustauschs aller Angehörigen zu verstehen, was allein schon aufgrund des unzureichenden persönlichen Beziehungsrahmens nicht möglich wäre. Die Nation ist vielmehr, wie Benedict Anderson[15] es nennt, eine erfundene, eine „vorgestellte politische Gemeinschaft“, weil ausschließlich „im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert“ und somit auch nur jeder für sich genommen sagen kann, was ‚seine’ Nation für ihn bedeutet.

Doch wie ist es zu erklären, dass Menschen sich mit einer abstrakten, nicht greifbaren, eben ‚nur’ vorgestellten Gemeinschaft verbunden fühlen und vielleicht sogar so etwas wie nationale Identität, also ein Gefühl der Wesensgleichheit der eigenen Person mit dem mentalen, nicht objektivierbaren Konstrukt einer Nation entwickeln?

Dieses Gefühl entsteht nicht als Folge der Einsicht des individuellen Vorteils einer funktionierenden Solidargemeinschaft – es wäre kein wesenhaftes Gefühl der Identifikation, kein Sich-Wiederfinden im Namen der Nation, sondern eher das Produkt einer Kosten/Nutzen-Rechnung.

Der empfundenen Verschmelzung von Nation und eigener Person liegt vielmehr eine als mythisch zu bezeichnende Denkstruktur zugrunde, die es ermöglicht, die gestaltlose Vorstellung der Nation – ihr rein geistiges Prinzip – zu personifizieren, um sich so mit ihr als einem „Individuum mit Allgemeinheitsbedeutung“[16] zu identifizieren.

Mythisch ist dieses Denken deshalb, weil es, wie Ernst Cassirer es (in einem anderen Zusammenhang) nennt, den Glauben an eine „soziale Magie“[17] beinhaltet, also nicht auf rein rationale Vorstellungen reduzierbar ist, sondern immer auch emotional-intuitive und subjektiv deutende Elemente besitzt, die eine bestimmte Bewertungspräferenz in Bezug auf die den Begriff der Nation (und somit der nationalen Identität) ausmachenden Kriterien entstehen lassen.

Die Vorstellung einer Nation ist daher entscheidend geprägt von einer sinnbesetzten Sichtweise ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diese kann, erfolgt sie in Form eines tradierten Symbolgefüges (z.B. eines als für die Entstehung der Nation bedeutsam vorgetragenen Heldenepos), in dem nicht persönliche, sondern soziale Erfahrung kondensiert ist[18], zu einem kollektiven, d.h. politischen Mythos werden, durch dessen Wirkung sich eine vereinheitlichte Sichtweise des (nunmehr als substantiell erfahrbar erscheinenden[19] ) Wesens der Nation herauskristallisiert. Diese Vereinheitlichung erhält durch an den Mythos anknüpfende Rituale, also „inszenierte soziale Ereignisse, die sich wiederholen und sich vorwiegend der Symbole bedienen“[20], noch einen verstärkenden Effekt.

Welche verschiedenen Wirkungen bzw. Funktionen politische Mythen nicht nur für den Begriff der Nation, sondern auch für andere Aspekte des sozialen Lebens haben können, soll nun aufgezeigt werden.

2.2 Funktionen und Wirkungen politischer Mythen

Es ist sinnvoll, zwischen vier Grundfunktionen politischer Mythen zu unterscheiden[21]: der sinnstiftenden Funktion, der Integrationsfunktion, der Legitimationsfunktion sowie der Emanzipationsfunktion.[22]

[...]


[1] Horst Köhler. Zitiert in: FAZ.net am 10. Juli 2006.

http://www.faz.net/s/Rub47986C2FBFBD461B8A2C1EC681AD639D/Doc~EC0360851A27F49F2B8E8DD08716511A8~ATpl~Ecommon~Scontent.html

[2] So z.B. der Hinweis des ehemaligen Regierungssprechers Heye auf die Existenz sog. no-go-areas für (farbige) Besucher der WM.

Vgl.: http://www.zeit.de/online/2006/20/Nogoareas-Heye

[3] So z.B. der Aufruf der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zur Abschaffung der derzeitigen deutschen Nationalhymne, eines nach eigenen Aussagen „furchtbaren Lobliedes auf die deutsche Nation“. Dieser wurde zwar 1989/90 schon einmal zu Gehör gebracht, erschien nun aber passend zur WM 2006 erneut in Form der Broschüre „Argumente gegen das Deutschlandlied“. Vgl.: http://www.gew.de/Binaries/Binary18640/06_07_WM-Anlage.pdf -->

http://www.sueddeutsche.de/sport/weltfussball/artikel/292/78214

[4] Vgl.: http://www.du-bist-deutschland.de

[5] 2001 forderte Wolfgang Schäuble von den Deutschen „mit sich im Reinen“ zu sein, 2004 wünschte sich Edmund Stoiber einen „aufgeklärten Patriotismus“ und 2006 drängte Matthias Platzeck deutsche Unternehmen zur Etablierung eines „Wirtschaftspatriotismus“.

Vgl.: http://www.wolfgang-schaeuble.de/reden/pdf/stolz.pdf

http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/370/43327/

http://www.handelsblatt.com/news/Default.aspx?_p=200050&_t=ft&_b=1044190

[6] Ronald Grätz, Institutsleiter des Goethe-Instituts Portugal.

http://www.goethe.de/ins/pt/lis/prj/wm6/de111418.htm

[7] Hans-Werner Kilz in der Süddeutschen Zeitung vom 3./4. Juli 2004.

http://www.sueddeutsche.de/sport/weltfussball/artikel/636/34602/

[8] Später meistens als „Wir sind wieder wer!“ wiedergegeben. Vgl.:

http://www.taz.de/pt/2004/07/03/a0135.1/text

[9] Vgl. z.B.: „Die ‚Helden von Bern’ sind unvergessene Fußball-Helden, die WM 1954 ist zum Mythos, zur Legende geworden.“

http://www.das-wunder-von-bern.de/

[10] Tepe, Entwurf einer Theorie des politischen Mythos. S. 52 f.

[11] „Deutschland. Ein Sommermärchen“ So lautet der Titel des im Oktober 2006 anlaufenden Kinofilms über die WM 2006 (Regie führte abermals Sönke Wortmann).

[12] Vgl.: Ernest Renan: Was ist eine Nation. Vortrag in der Sorbonne am 11. März 1882.

http://www.dir-info.de/dokumente/def_nation_renan.shtml

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Anderson, Die Erfindung der Nation. S. 15.

[16] Hübner, Das Mythische in der Politik heute. S. 352.

[17] Cassirer, Der Mythus des Staates. S. 366.

[18] Vgl. Cassirer, Der Mythus des Staates. S. 66: „Bei mythischem Denken und Einbildungskraft treffen wir nicht auf persönliche Konfessionen. Mythus ist eine Objektivierung der sozialen Erfahrung des Menschen, nicht seiner individuellen Erfahrung.“

[19] Vgl.: Hübner, Das Mythische in der Politik heute. Hübner unterscheidet zwischen einem mythischen und einem entmythisierten Begriff der Nation. Letzterer versteht die Nation als „nur in der ‚Vorstellung’“ existent (S. 353), ersterer demzufolge als etwas Substantielles.

[20] Yves Bizeul, Theorien der politischen Mythen und Rituale. S. 18.

[21] Da ein Mythos auch alle vier Funktionen gleichzeitig aufweisen kann, sind durch eine solche Unterscheidung präzisere Aussagen über die jeweilige Wirkweise des Mythos möglich.

[22] Vgl. hierzu: Bizeul, Theorien der politischen Mythen und Ritual. S. 21-32.

Hein, Historische Mythos- und Kultforschung. S. 33-35.

Details

Seiten
29
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638000727
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83701
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Fußball Nationale Identitätsbildung Nährboden Sportbegeisterung Politische Mythen

Autor

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