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Die Überlieferung der äsopischen Fabeln unter besonderer Berücksichtigung der Zeit des Medienwechsels

Hausarbeit 2003 22 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Was sind „äsopische Fabeln“?
1.2 Hinführung zum Thema
1.3 Vorgehensweise

2. Die Überlieferung der äsopischen Fabeln
2.1 Handschriftliche Überlieferungen
2.1.1 Die Fabel in der Antike: Babrios und Phaedrus
2.1.2 Überlieferung in der Spätantike: Avian und Romulus
2.1.3 Äsopische Fabeln im frühen Mittelalter: Herger, Stricker, Trimberg
2.1.4 Deutsche Äsopübertragungen im 13./14. Jahrhundert: von Minden, Boner
2.2 Druck-Überlieferungen
2.2.1 Der Äsop in seinen ersten Druckausgaben: Boner, Steinhöwel, Brant
2.2.2 Fabelsammlungen zur Zeit der Reformation: Luther, Alberus, Waldis
2.2.3 Die zweite Blütezeit im 18. Jahrhundert: Breitinger, Lessing, Fischer
2.3 Gründe für den Erfolg der Fabel
2.3.1 Der inhaltliche Erfolg
2.3.2 Der buchhändlerische Erfolg

3. Schlussbetrachung
3.1 Die Überlieferung der Fabel
3.2 Die Bedeutung der Fabel im Medienwechsel

Literaturverzeichnis:

1. Einführung

1.1 Was sind „äsopische Fabeln“?

Der Begriff „äsopische Fabeln“ lässt zunächst eine Sammlung von Fabeln vermuten, die von einem Autor namens Äsop verfasst wurde. Tatsächlich wird man in der Literatur fündig, geht man von dieser Überlegung aus. So soll Äsop im 6. Jahrhundert vor Christus gelebt haben, seine Lebenszeit wird zwischen der 52. und 54. Olympiade angesiedelt. Beheimatet ist er wahrscheinlich auf der griechischen Insel Samos. Äsop ist ein Sklave „von buckeliger, unschöner Gestalt“[1], er ist ein „Stammelnder, einer, der sich nur schlecht ausdrücken kann“[2], der durch ein Geschenk der Göttin Isis zum Fabeldichter wird. Fortan übertölpelt er einerseits durch seinen Witz oftmals seine Herren, berät sie andererseits aber auch mit Hilfe seiner Fabeln in schwierigen Situationen[3]. Dabei erfreut er sich großer Beliebtheit beim Volk, welches schließlich seine Freilassung fordert und auch erreicht. Äsop unternimmt in der Folge zahlreiche Reisen, hält sich längere Zeit am Hofe des lydischen Königs Kroisos auf und wird schließlich durch die Priester von Delphi hingerichtet, die ihn wissentlich falsch des Tempelraubes beschuldigen.

Dieser „Lebenslauf“ des Äsop ist mit zahlreichen Variationen in vielen Quellen nachzulesen; zu nennen wären hier stellvertretend der Äsopusroman des Maximus Planudes oder die Abhandlungen Herodots, Aristoteles und Rinuccio D’Arezzos. Allerdings zeigt die Wissenschaft heute Zweifel an dem Wahrheitsgehalt dieser Quellen, sogar an der Existenz Äsops überhaupt; sie ist historisch nicht belegt. Vielmehr geht man davon aus, dass Äsop eine Phantasiegestalt ist, die als „Sammeltopf“ für zahlreiche griechische Fabeln fungiert. Diese Annahme lässt sich mit Hilfe des oben beschriebenen Lebenslaufes stützen:

Fabeln gelten als volkstümliche und niedere Literatur; so schloss man für Äsops Herkunft auf einen niederen Stand: Äsop musste Sklave sein. Folgt man nun dem traditionellen griechischen Denkmuster, nach dem der einfache Mann stets hässlich darzustellen ist, ergeben sich daraus die Beschreibungen des Fabeldichters. Unser weiteres Wissen über Äsop, nämlich seine weiten Reisen, ergeben sich aus der Tatsache, dass die Fabeln aus den verschiedensten Gegenden Kleinasiens bis hin nach Sizilien stammen. So folgt das nächste Mosaikstück in der Biographie Äsops: Da es einem Sklaven nicht möglich ist, zu reisen, und sein angebliches öffentliches Wirken eine Flucht ausschließt, muss er von seinem Herrn in die Freiheit entlassen worden sein. Und selbst sein mysteriöser Tod ergibt Sinn, weiß man um die Rivalität zwischen dem einflussreichen Orakel von Delphi und einer aufgeklärten Minderheit selbstdenkender Menschen: Siegt scheinbar das Orakel über Äsop, indem es ihn vernichtet, kann dieser auf der anderen Seite durch seine unschuldige Hinrichtung die „Falschheit der delphischen Konkurrenten“[4] entlarven.[5]

Ausgehend von dieser Theorie erscheint es logisch, dass die griechischen Fabeln fast alle auf Äsop zurückgehen; unter den „äsopischen Fabeln“ kann man also alle Fabeln verstehen, die aus dem alten Griechenland überliefert wurden.

1.2 Hinführung zum Thema

Äsop wird auf das 6. Jahrhundert vor Christus datiert; obwohl über zweieinhalbtausend Jahre vergangen sind, sind noch heute fast alle seine Fabeln bekannt. Dabei stellen sie kein Nischenwissen dar, sondern sind äußerst populär. Deshalb soll in dieser Hausarbeit ein Blick auf die lange Überlieferungsgeschichte der äsopischen Fabeln geworfen werden. Dabei steht die Frage im Vordergrund, inwieweit die Überlieferung kontinuierlich verläuft oder ob und wann es Brüche gibt. Eine besondere Rolle spielt dabei das Zeitalter des sog. „Medienwechsels“.

Unter dem „Medienwechsel“ verstehen wir den Übergang von der Handschrift zum Buchdruck im 14. und 15. Jahrhundert. Welche Bedeutung kommt der Fabel hierbei zu? Gibt es eine Veränderung ihrer Popularität, gewinnt oder verliert sie an Bedeutung? Wie gestalten sich Fabelsammlungen vor und nach dem Medienwechsel? Welche Leserschicht bedienen sie?

Es bleibt anzumerken, dass die Hausarbeit sich bei der Betrachtung der Überlieferung nur mit für den deutschsprachigen Raum relevanten Sammlungen befasst, der Überlieferungsstrang in andere Sprachräume bleibt außen vor.

1.3 Vorgehensweise

Die Hausarbeit besieht aus drei Teilen. In einem ersten Abschnitt wird der Blick auf die Entstehung der äsopischen Überlieferungstradition geworfen; im Anschluss daran liefert die Arbeit einen Überblick über eine Auswahl der wesentlichen handschriftlichen Überlieferungen. Über die Betrachtung von Ulrich Boners Fabelsammlung „Der Edelstein“, die zwar als Handschrift gefertigt, später aber dann als erste Fabelsammlung gedruckt wurde, gelangt die Untersuchung zu einem zweiten Abschnitt. Dieser beschäftigt sich mit gedruckten Sammlungen. Wie bereits im ersten Abschnitt wird auch hier nur eine Auswahl der wichtigsten Überlieferungen vorgestellt; eine ausführlichere Darstellung würde nicht nur den Rahmen dieser Arbeit sprengen, sondern ist für das Verständnis auch nicht notwendig.

In beiden Abschnitten sollen die jeweiligen Überlieferungen kurz dargestellt werden: Von wem stammt die Sammlung, welchem Stand gehört der Verfasser an? Wie bietet er die Fabeln dar: in Prosa oder Vers, in akademischer Sprache, volksprachig oder gar bilingual? Welcher Leserschicht bedient er? Was ist seine Intention, zu welchem Zweck benutzt er die Fabel? Wie ist die Wirkung der Sammlung?

Abschließend werden in einem dritten Abschnitt die wesentlichen Erkenntnisse der Überlieferung zusammengefasst und somit die Frage beantwortet, warum die Fabel als Gattung, ausgehend von Äsop, so erfolgreich durch die Jahrhunderte überliefert wurde. Ein besonderer Blick wird dabei nicht nur auf die inhaltliche Bedeutung geworfen, sondern auch auf die durch den Medienwechsel entstandenen buchhändlerischen Komponenten.

2. Die Überlieferung der äsopischen Fabeln

2.1 Handschriftliche Überlieferungen

2.1.1 Die Fabel in der Antike: Babrios und Phaedrus

Einig ist sich die Forschung heute, dass der Ursprung der Fabel in Westasien und Griechenland liegt. Als älteste Aufzeichnung gilt eine „Sumerische Sprichwortsammlung“ aus dem 18. Jahrhundert vor Christus.[6] Allerdings handelt es sich hierbei noch nicht um Fabeln im heutigen Sinn, sondern vielmehr um eine Art Gleichnisrede, aus der erst später die bekannte Tierfabel hervorgeht. Die ersten bekannten griechischen Fabeln stammen aus dem 8. Jahrhundert vor Christus von Hesiod[7] und aus der Zeit um 650 vor Christus von Archilochos[8]. An Bedeutung gewinnt die Fabel aber erst mit dem Beginn des „Mythos […] Äsop“[9]. Treten Fabeln zuvor immer nur einzeln und auf ein Ereignis bezogen auf, werden sie nun, verbunden mit der Lebensgeschichte des Fabelerzählers Äsop, zusammengefasst. Es entsteht eine neue literarische Gattung. Von einer bestimmten Situation losgelöst, bietet die Fabel Anwendungsmöglichkeiten für verschiedenste rhetorische Anforderungen. Schon schnell entstehen die so genannten Pro- und Epimythien, mit denen die jeweilige Aussageabsicht der Fabel zu Beginn oder am Ende des Textes sinnspruchartig erläutert wird. Erste Zeugnisse für äsopische Fabelsammlungen finden sich in Athen, so etwa bei Demetrios von Phaleron am Ende des 4. Jahrhundert vor Christus. Weitere Fabelsammlungen dürften aus dem 1. Jahrhundert vor Christus stammen; sie sind heute aber kaum noch rekonstruierbar. Eine wichtige Überlieferung stellt die „collectio augustana“ , die gegen Ende des 1. oder zu Beginn des 2. Jahrhunderts verfasst wurde, dar; sie gilt als Grundlage späterer Sammlungen wie der „collectio Vindobonensis“, der „collectio Accursiana“ oder der „planudea“ im 12 und 13. Jahrhundert.[10]

Zur gleichen Zeit wie die „collectio augustana“ dürfte das Werk des Babrios entstanden sein, auch wenn ihn einige Philologen bis zu dreihundert Jahre früher[11], andere zweihundert Jahre später[12] ansetzen. Seine Sammlung ist zum größten Teil aus äsopischen Überlieferungen entnommen, er fügt jedoch noch „zahlreiche Stücke […] aus spätgriechischen Novellen- und Anekdotensammlungen“[13] hinzu. Babrios versucht, die Prosa der äsopischen Fabeln durch Verse zu ersetzen, um so eine höhere Wirkung zu erwirken: „Ich aber erzähle die Fabeln in kristallklarer Rede“[14]. Bei Babrios kommt es zu einer ersten Verschiebung der Akzentuierung: War die Fabel zuvor durch den Kampf zweier Gegner gekennzeichnet, so steht nun ein Protagonist im Vordergrund, der eine bestimmte Aufgabe zu erledigen hat und dabei verschiedene Konflikte in sich austragen muss. Sein Gegenspieler tritt weitestgehend zurück und ist nur noch Objekt im Handeln des Protagonisten. Im Mittelpunkt steht statt der Lehre nun die Handlung, und trotzdem hat Babrios ein zentrales Anliegen, dass er seinem Leser immer wieder vermittelt: Jeder soll sich mit dem Gegebenen abfinden.[15] Obwohl die Sammlung des Babrios sehr erfolgreich gewesen ist und Zeugnisse aus dem 3. Jahrhundert zeigen, dass er sogar Aufnahme in verschiedene Schulanthologien findet, gerät sein Werk mit der Zeit in Vergessenheit und ist im Mittelalter unbekannt.

[...]


[1] Krafft, 42

[2] Müller

[3] vgl. Schütze, 16

[4] Krafft, 44

[5] vgl. Krafft, 42ff.

[6] vgl. lt. Schütze: Perry, 17ff.

[7] vgl. Krafft, 14

[8] vgl. Schütze, 16

[9] Grubmüller, 49

[10] vgl. Grubmüller, 51

[11] vgl. Leibfried, 46

[12] vgl. Schütze, 16

[13] Crusius, RE II 2, 2663

[14] lt. Grubmüller: Babrios, V. 13-15

[15] vgl. Grubmüller, 57f.

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638000482
ISBN (Buch)
9783638910507
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83622
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
Fabeln Berücksichtigung Zeit Medienwechsels Zentrale Texte

Autor

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