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Alltäglichkeit des Daseins und In-der-Welt-sein sowie deren zeitliche Fundierung in Martin Heideggers „Sein und Zeit“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 20 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Hermeneutik und Alltäglichkeit

2. Einzelanalysen und Auslegung: Alltäglichkeit des Daseins und In-der-Welt-sein
2.1. Das Wer und Wie des Daseins: Befindlichkeit, Verstehen, Rede, Verfallen
a) Befindlichkeit
b) Verstehen
c) Rede
d) Verfallen

3. Zeitlichkeit der Erschlossenheit
3.1. Ekstasen der Zeitlichkeit zur Fundierung der Einheit der Sorgestruktur
a) Zeitlichkeit des Verstehens
b) Zeitlichkeit der Befindlichkeit
c) Zeitlichkeit des Verfallens
d) Zeitlichkeit der Rede

4. Schluss: Einige Anmerkungen zum „zeitliche[n] Problem der Transzendenz der Welt“ und zum „zeitliche[n] Sinn der Alltäglichkeit des Daseins“

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Hermeneutik und Alltäglichkeit

Das Fragment gebliebene Buch „Sein und Zeit“ von Martin Heidegger ist 1927 erschienen und hat eine besondere Rezeptionsgeschichte innerhalb der Philosophie des 20. Jahrhunderts erfahren. Auch über den Kanon philosophischer Gegenwartsdiskussion hinaus nimmt dieses Hauptwerk Martin Heideggers eine Ausnahmestellung innerhalb internationaler wissenschaftlicher Diskurse ein. „Ein neuer Zugang zur Konstitution der Welt und ein neues Verständnis von Zeit, Geschichte und Verstehen deutete sich an – auf dem Hintergrund einer tief ansetzenden Kritik traditioneller Ontologie, Metaphysik und Erkenntnistheorie“[1]

Heidegger wendet sich in phänomenologischer Art der Frage zu, wie sich die Eigentümlichkeit menschlichen Lebens aufgrund bestimmter Einstellungen zeigen kann und kritisiert Ansätze der Vergegenständlichung in der Philosophiegeschichte. Mit seiner Descartes-Kritik zeigt Heidegger, dass uns in einem objektivierenden Denken das menschliche Leben, die Welt entgleitet, „die objektive Einstellung entlebt das Erleben und entweltet die uns begegnende Welt. (...) Die Hinwendung zum Alltäglichen hat einen polemischen Akzent, gerichtet gegen eine Philosophie, die immer noch glaubt, die Bestimmung des Menschen zu kennen.“[2] Hieran wird auch deutlich, dass Heideggers Projekt selbstbewusst im Sinne einer Korrektur der neuzeitlichen Philosophie die ontologische Seinsfrage neu fundieren möchte, wenn man seine unten genannte Zielvorstellung ins Auge nimmt. Hierbei sind die lebensweltlichen Vollzüge ins Zentrum seiner Analyse gerückt, auch die alltäglichen Stimmungen und Affekte als Vergegenwärtigung einer Lebenspraxis sollen vor die „Fundamentalanalyse des Daseins“, den „Sinn von Dasein“, schließlich den „Sinn von Sein überhaupt“ geführt werden.

Heideggers Schüler schon trugen seine Gedanken weiter und ihre Werke sind im Verhältnis zur Philosophie ihres Lehrers zu sehen. Der bekanntesten international wirksamen Rezeption seines Werkes ist aber sicherlich der Existenzialismus zuzurechnen. Die Existenzphilosophie, die Theorien Sartres, aber auch die Merleau-Pontys sind ohne Heideggers „Sein und Zeit“ nur schwer zu denken. Hannah Arendt, Hans-Georg Gadamer, Hans Jonas und Herbert Marcuse sind nur einige der Philosophen, die eng mit Heideggers Werk in Verbindung zu bringen sind.

Ebenfalls große Bedeutung in der Wirkungsgeschichte kommt der Hermeneutik zu; die wirkungsgeschichtliche, rezeptionsästhetische Methode der Literaturwissenschaft ist von Heidegger ebenfalls stark beeinflusst. Heidegger bezeichnet die Hermeneutik als „Auslegung des Seins des Daseins (38) (...). Phänomenologie des Daseins ist Hermeneutik in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes, wonach es das Geschäft der Auslegung bezeichnet“ (37).[3]

Das Dasein ist dasjenige Sein, dem es in seinem Sein um sein Sein geht.[4] Dieser paraphrasierte Satz Heideggers weist auf das existenzielle Seinsverständnis des Menschen hin: „Nur weil der Mensch als Mensch schon durch sein Sein ein Verständnis von seinem Sein hat, so daß es ihm um dieses Sein geht, dass er es verstehen und mißverstehen kann, nur deshalb ist er imstande, auch das noch eigens aufzuklären, was die Existenzialität der Existenz selbst ausmacht.“[5]

Nach der Explikation der Seinsfrage nimmt Heidegger die Zeitlichkeit in den Blick; bei der Frage nach dem transzendentalen Horizont des Daseins[6] sind wir uns der Vergänglichkeit unseres Lebens gewahr, wir erleben in jedem Augenblick das alltägliche Vorbei, welches uns vor den Tod führt. „Zeitlichkeit ist die Erfahrung des gegenwärtigen, zukünftigen und schließlich tödlichen Vorbei.“[7] Hierzu eröffnet Heidegger, „daß die Zeitlichkeit die Bedingung der Möglichkeit des sorgenden In-der-Welt-seins des Daseins ist.“[8]

Die Strukturen des menschlichen Lebens als Existenzialien in „Sein und Zeit“ werden Gegenstand dieser Untersuchung in Bezug auf ihre Zeitlichkeit hin sein. Im zweiten Teil von „Sein und Zeit“ sollen sich die Existenzialien als Modi von Zeitlichkeit reformulieren lassen. Heideggers Ziel einer Interpretation der Zeit als des möglichen Horizontes eines jeden Seinsverständnisses überhaupt[9] soll anhand des vierten Kapitels des zweiten Abschnitts von „Sein und Zeit“ dargestellt werden.

Heideggers „existenziale Analytik“ ist jedoch auch schwer kritisiert worden, zumal sein letztes Ziel der Erschließung des „Sinns von Sein überhaupt“ als gescheitert betrachtet werden kann, zumindest wenn man den veröffentlichten Teil von „Sein und Zeit“ zu Grunde legt. Auf diese vielfältig angeführten kritischen Beurteilungen des Werkes, insbesondere des Zeitbegriffs soll hier allerdings nur am Rande eingegangen werden.

Heideggers Destruktion des Seinsverständnisses, des ursprünglichen Verhältnisses des Menschen zur Welt als ein bewusstseinstheoretisches (theoria) hin zu einem handlungstheoretischen, besorgenden Umgang mit der Welt soll mit der Erfassung und Auslegung alltäglicher Lebensvollzüge beginnen; der erste Teil dieser Arbeit befasst sich nun zunächst mit einigen Einzelanalysen der §§ 25 – 38, um diese freigelegten existenziellen Strukturen dann im zweiten Teil jeweils auf die sie fundierende, ermöglichende Zeitlichkeit hin erneut zu analysieren. Die zu beantwortende Frage, die Heidegger aufwirft, um ihr nachzugehen lautet: „wer ist es, der in der Alltäglichkeit des Daseins ist?“ (114) Er bereitet der Antwort dieser programmatischen Frage den Weg, indem er alle Seinsstrukturen des Daseins, mithin auch das Phänomen, das auf diese Wer-Frage antwortet als Weisen des Seins ausmacht und ihre ontologische Charakteristik als eine existenziale bestimmt.[10]

2. Einzelanalysen und Auslegung: Alltäglichkeit des Daseins und In-der-Welt-sein

Heideggers „phänomenologische Ontologie, ausgehend von der Hermeneutik des Daseins“ (38) führt nun vor die phänomenalen Konturen des Daseins, die existenziale Konstitution des Da, das alltägliche Sein des Da und das Verfallen des Daseins:[11] mit der Befindlichkeit „diskutiert Heidegger die Unhintergehbarkeit von Stimmungen und Affekten und fragt, auf welche Weise diese das Weltverhältnis und –verständnis des Menschen bestimmen. (...) Das Verstehen wird zu einem Existenzial und die Auslegung wird zur ‚Auslegung des Daseins’ (38).“[12] Das existenzial-ontologische Fundament der Sprache die Rede und schließlich das Verfallen sollen ebenso wie Befindlichkeit und Verstehen als Strukturmomente der Erschlossenheit ihre charakteristische Wendung im Heideggerschen Sinne nehmen.

Im § 25 setzt Heidegger zunächst seine Descartes-Kritik fort und konstatiert: „Man mag Seelensubstanz ebenso wie Dinglichkeit des Bewusstseins und Gegenständlichkeit der Person ablehnen, ontologisch bleibt es bei der Ansetzung von etwas, dessen Sein ausdrücklich oder nicht den Sinn von Vorhandenheit behält. (...) Dasein ist unausgesprochen im Vorhinein als Vorhandenes begriffen“ (114). Im Zuge eines angemessenen Verständnisses des Menschen und seiner Welt schließt Heidegger: „Die Klärung des In-der-Welt-seins zeigte, dass nicht zunächst ‚ist’ und auch nie gegeben ist ein bloßes Subjekt ohne Welt. Und so ist am Ende ebenso wenig zunächst ein isoliertes Ich gegeben ohne die Anderen“ (116). Mit den Analysen zum Mit- und Selbstsein sowie dem ‚Man’ macht Heidegger deutlich, dass kaum zwischen dem Weltbezug und dem Verhältnis zu Anderen zu trennen ist: „Auch das Alleinsein des Daseins ist Mitsein in der Welt“ (120).

Die Erschlossenheit als Grundgedanke der „Fundamentalontologie“ wird nun noch einmal grundlegend beleuchtet als Gewahrsein des Daseins im Sinne eines Vorverständnisses unserer selbst und der Welt: „Erschlossenheit besagt nicht, als solches erkannt“ (134). Mit Blick auf die Phänomene erschließt sich mir nur etwas, indem ich mich dazu entschließe.

„ ‚Befindlichkeit’ und ‚Verstehen’ lauten im folgenden die Begriffe, die Heidegger gebraucht, um gleichursprüngliche Formen der Erschlossenheit zu bezeichnen. Im § 34 schließlich tritt als weiteres Moment die ‚Rede’ hinzu; durch sie artikulieren sich Befindlichkeit und Verstehen.“[13] Das vierte Phänomen der Erschlossenheit ist das Verfallen.

2.1. Das Wer und Wie des Daseins: Befindlichkeit, Verstehen, Rede, Verfallen

a) Befindlichkeit

Gestimmtsein und Stimmung als das Grundexistenzial der Befindlichkeit bedeutet für Heidegger eine offene Grundweise des Menschen zum Sein, das Sein des Da; das Dasein des Menschen ist ständig irgendwie gestimmt. Aber auch durch die nicht mit Verstimmung zu verwechselnde ‚fahle Ungestimmtheit’ erschließt sich das Dasein ihm selbst, darin geht dem Menschen sein eigenes Sein auf und zwar vor allem Wollen und Erkennen, also sich selbst ursprünglich in der Weise, dass es zu sein hat ohne ein Wissen um das Warum und Weshalb.

Diese Faktizität und Geworfenheit im Lastcharakter des Daseins ist wohl darin zu sehen, dass wir durch Stimmungen von etwas betroffen werden und uns in ihnen als passiv erfahren. Indem wir unsere Stimmungen zumeist übergehen, lassen wir uns nicht vor das Erschlossene bringen. „Aber das ist gerade ein Beleg für die Erschlossenheit unseres Daseins in seinem Gestimmtsein, denn übergehen können wir nur das, was schon erschlossen ist. Im Übergehen dessen, was die Stimmungen erschließen, ist das Da, ist allem vorweg Erschlossenheit unserer selbst“[14]: „Die Befindlichkeit erschließt das Dasein in seiner Geworfenheit und zunächst und zumeist in der Weise des ausweichenden Abkehr“ (136).

Gleichzeitig offenbaren diese Analysen zur Befindlichkeit auch den Möglichkeitscharakter des Daseins als eine Bedingung des Besorgens, einen Grund für unser praktisches Selbst- und Weltverhältnis. Die Befindlichkeit „ist eine existenziale Grundart der gleichursprünglichen Erschlossenheit von Welt, Mitdasein und Existenz, weil diese selbst wesenhaft In-der-Welt-sein ist“ (137). Dieses Existenzial des Daseins, welches der Überwindung der erkenntnistheoretischen Fragestellung dient, der mit den Überlegungen zum In-der-Welt-sein nachgegangen werden soll, kann man als wesentliches Moment für Heideggers Konstitutivum des praktischen Weltverhältnisses bestimmen: „In der Befindlichkeit liegt existenzial eine erschließende Angewiesenheit auf Welt, aus der her Angehendes begegnen kann“ (137 f.). Wenig später heißt es: „Gerade im unsteten, stimmungsmäßig flackernden sehen der ‚Welt’ zeigt sich das Zuhandene in seiner spezifischen Weltlichkeit, die an keinem Tag dieselbe ist. Theoretisches Hinsehen hat immer schon die Welt auf die Einförmigkeit des puren Vorhandenen abgeblendet (...)“ (138).

[...]


[1] Rentsch, Thomas (Hrsg.): Klassiker Auslegen, Band 25: Sein und Zeit. S. VII (im Folgenden zitiert als Rentsch)

[2] Safranski, Rüdiger: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. S. 177 (im Folgenden zitiert als Safranski)

[3] Heidegger, Martin: Sein und Zeit (im Folgenden zitiert als SuZ, Seitenzahlen in () im Text)

[4] Vgl. SuZ S. 325 (§ 65)

[5] Volkmann-Schluck, Karl-Heinz: Die Philosophie Martin Heideggers: eine Einführung in sein Denken. S. 35 (im Foldenden zitiert als Volkmann-Schluck)

[6] Vgl. die Kapitelüberschriften des 5. Kapitels des ersten Teils von Sein und Zeit

[7] Safranski. S. 182

[8] Rentsch. S. 199

[9] Vgl. die Kapitelüberschrift des 1. Teils sowie S. 235 (§ 45)

[10] Vgl. SuZ, S. 114

[11] Vgl. hierzu die Kapitelüberschriften des 5. Kapitels im 1. Teil von SuZ

[12] Demmerling, Christoph: Hermeneutik der Alltäglichkeit und In-der-Welt-sein. In: Rentsch, Thomas (Hrsg.): Klassiker Auslegen, Band 25: Sein und Zeit. S. 89 (im Folgenden als Demmerling)

[13] Demmerling. S. 98

[14] Volkmann-Schluck. S. 44

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638909594
ISBN (Buch)
9783638909662
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83530
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
Alltäglichkeit Daseins In-der-Welt-sein Fundierung Martin Heideggers Zeit“ Heidegger Sein Zeit

Autor

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Titel: Alltäglichkeit des Daseins und In-der-Welt-sein sowie deren zeitliche Fundierung in Martin Heideggers „Sein und Zeit“