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Rom-Erfahrungen im Spiegel literarischer Italien-Reisen in Rolf-Dieter Brinkmanns "Rom, Blicke"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Herkunft und Biographie Brinkmanns
1.2 Grundlegende Anmerkungen zum Thema und Zielsetzung dieser Arbeit

2. Hauptteil
2.1. Brinkmanns Rom-Reise und die ideengeschichtliche Verortung seines Rom-Blickes
2.2. Bilderwelten in Rom, Blicke

3. Schluss
3.1. Exkurs: Brinkmann und Pasolini
3.2. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Herkunft und Biographie Brinkmanns

Rolf-Dieter Brinkmanns Biographie ist außerordentlich ausschlaggebend für die Einordnung und das Verständnis seines Werkes; daher soll hier schlaglichtartig auf einige Stationen seiner Vita eingegangen werden, die für den Kontext fruchtbar sind.

Rolf-Dieter Brinkmann wurde am 16.4.1940 inmitten der Wirren des Zweiten Weltkrieges in Vechta/Oldenburg geboren. Aufwachsen und Kindheit waren geprägt von Nachkriegsszenarien eines weitgehend verwüsteten Deutschlands. Er selbst charakterisiert seine Herkunft einmal lakonisch wie folgt:

„Geboren zu Anfang des Krieges in Norddeutschland, Vechta im südlichen Oldenburg, einer Kleinstadt von 15.000 Einwohner, ein Schweinelandstrich, leeres Moor, (…) viel krüppeliges Grünzeug, katholisch verseucht.“[1]

Seine Mutter stirbt früh nach langem Krebsleiden (1957), er bricht seine Schulausbildung ab und beginnt eine Berufsausbildung; auch diese bricht er ab und widmet sich seiner später abgeschlossenen Buchhändlerlehre in Essen; dort lernt er seine spätere Frau Maleen kennen. 1960 tritt Brinkmann mit ersten Lyrikpublikationen in das Licht der Öffentlichkeit. 1962 siedelt er nach Köln um, beginnt ein Studium an der Pädagogischen Hochschule und lebt seit 1966 als freier Schriftsteller. Im Jahr 1964 heiratet Brinkmann seine Freundin Maleen Kramer und ihr geistig behinderter Sohn Robert wird geboren; im selben Jahr erhält Brinkmann einen Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstler.

Seit 1965 verbringt Brinkmann verstärkt Zeit im europäischen Ausland mit produktiver Schreibarbeit; er knüpft Netzwerke, nimmt an Diskussionsveranstaltungen teil und beginnt 1968 mit verschiedenen Medien zu experimentieren (Film und Photographie). Er gestaltet interaktive Lesungen mit eigenen Texten und Filmen; er bringt ebenfalls Musik in Form von Popmusik-Platten zu Gehör und macht amerikanische „Beat“-Lyrik bekannt. Dennoch bleibt Brinkmann weitgehend Außenseiter im Literaturbetrieb, zum Teil jedoch intendiert, aber auch zu seinem eigenen Leidwesen, was sich in der Rezeptionsgeschichte seines Oeuvres zeigt.

Von Oktober 1972 bis September 1973 hält er sich als Stipendiat der Deutschen Akademie in der Villa Massimo in Rom auf, wo das Originalmanuskript von Rom, Blicke entsteht.

1974 reist Brinkmann nach Amerika, wo er als Gast des German Department der Universität Austin in Texas weilt. Viele seiner Studien verbanden Brinkmann mit den USA, dem Land das in der von ihm selbst mit Ralf-Rainer Rygulla gemeinsam herausgegebenen Gedicht-Anthologie ACID[2] (erschienen 1969) lebendig wird.

Auch kulturpolitisch bezieht Brinkmann nicht nur im Kontext seiner eigenen Literatur vehement Stellung; auf einer Diskussionsveranstaltung der Akademie der Künste in Westberlin etwa provoziert er mit den Kritikern Rudolf Hartung und Marcel Reich-Ranicki einen Eklat.

Am 23.4.1975 verstirbt Rolf-Dieter Brinkmann in London an den Folgen eines Autounfalls, ironischerweise durch das Verkehrsmittel, das ihn zeit seines Lebens skeptisch und angewidert stimmte ob dessen zerstörerischer und verpestender Kraft und dessen die ganze Welt verändernden Erscheinung.

Posthum wird Brinkmann die Ehre zu Teil, den Petrarca-Preis für seine ausgesprochen subjektive Literatur verliehen zu bekommen.

Das Leben dieses Schriftstellers ist durch viele Reisen gekennzeichnet, auch die Wahrnehmungsreisen zur eigenen Identität und zu den Wurzeln seiner schriftstellerischen Tätigkeit; die permanente Reflexion des eigenen Handelns, die Expedition ins Niemandsland der fast jugendlich-subjektiven, radikal-realistischen Perspektivierungen von Geschichtlichkeit zeigen sich am deutlichsten anhand des von ihm selbst als „Materialband“ bezeichneten Werkes Rom, Blicke.

1.2 Grundlegende Anmerkungen zum Thema und Zielsetzung dieser Arbeit

Der Brief- und Collagenband ist in der Stipendiatenvilla Massimo und deren Außenstelle in den Olevaner Bergen während der ersten drei Monate von Brinkmanns Rom-Aufenthalt entstanden (15. Oktober 1972 bis 9. Januar 1973). Das Fragment gebliebene Buch erschien erst posthum 1979, die editorische Ausgestaltung jedoch hat Brinkmann noch selber verfolgt. Das Originalmanuskript umfasst 448 nicht durchgehend paginierte in drei Heften geordnete DIN-A4-Seiten:

„Die ersten beiden Hefte wurden von Rolf Dieter Brinkmann selbst collagiert: es handelt sich um auf kariertes Heftpapier geklebte maschinenschriftliche Durchschläge der Briefe, Tagebuchnotizen, Fotokopien der handschriftlichen Postkarten, eigene Fotos, Postkarten, Originale bzw. Fotokopien der Stadtpläne, Quittungen, Fundmaterialien und Lektüreauszüge.

Heft 3 ist ein Konvolut von 86 nicht geklebten und nur teilweise bebilderten Seiten und Kartenmaterial. Die Abbildungen dieses Teils wurden in den vom Autor zusammengestellten Briefseiten nach den Originalbriefen ergänzt. (…) Geringe Kürzungen waren unvermeidlich, aus juristischen Gründen oder wegen einer durch das Prinzip des Montierens selbst gegebenen Unvollständigkeit der Originalseiten.“[3]

Diesem umfangreichen, stark autobiographischen Werk begegnet die Kritik aufgrund seines betont anti-literarischen Gestus und der Darstellung intimer Details aus Brinkmanns Privatleben, nicht zuletzt auch wegen des zum Teil expliziten Bildmaterials, größtenteils mit Ratlosigkeit und Ablehnung:

„Kapitulation auf der ganzen Linie. Man kann nicht mehr. Man mag nicht mehr. Und wird doch nicht leugnen können oder wollen, dass in diesem Großaufwand von Sprache erstaunliche Funde zum Thema ,Wie befinde ich mich in mir selbst’ oder ,ergibt sich mein Zustand aus dem, was mir die Um- und Mitwelt zumutet?’ zu machen sind. Man möchte – so scheints – die Bekanntschaft mit diesem Dokument nicht missen. Und zugleich folgert aus dieser Bekanntschaft so etwas wie das fatale Gefühl von einer dem Sein gegenüber für immer verlorenen Unschuld.“[4]

Diese neuere Italienreise steht quer zu der Tradition des literarischen Italien-Reiseberichts, wenn man diese Arbeit in diese Folge stellt. Bewusst wie unbewusst gerät Brinkmanns Werk zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit; der Autor vollzieht nicht nur eine äußere Bewegung, der starke innere Motus des Schreibaktes liegt vor allem in Rückbezug und Reise in die eigene Kindheit und früh eingeübte Bewegungsmuster. In der Forschung werden hierzu verschiedene mögliche Deutungsmuster herangezogen; so enthüllt eine psycho-analytische Lesart Wahrnehmungen, Ängste, Träume, Körpergefühl und Kindheitserinnerungen: die eigene Vergangenheit als geistiges Erlebnis wird zum Bewusstseinsmuster für die aktuelle Gegenwartsaufnahme. Die Kulturgeschichte des Abendlandes wird zur schmerzhaften, wieder erfahrbaren – bewussten wie unbewussten – Geschichte des Individuums. Die Erlebnisse der Kriegs- und Nachkriegszeit in Kindheits- und Jugendtagen Brinkmanns, Bunkernächte, der Anblick von Kriegsversehrten, die Ruinen- und Schuttkulisse nach dem Krieg kehren in Italien zurück und prägen seine Innenwelt. Aktuelle Wahrnehmungen geraten zu Vergangenheitsmomenten aus Gegenwart und Erinnerung zusammengestellt; man kann Rom, Blicke lesen als einen Versuch der Überwindung der Vergangenheit durch diese Wahrnehmungsreise, autonom zu werden mit freien Sinnen. Dies zeigt sich im Buch unter anderem am überaufmerksamen Registrieren und Aufzeichnen des Erlebten und Gesehenen, dem Erstellen medialer Zeugnisse seiner Umgebung. Das Rilkesche „Ich habe gesehen“ als Paradigma des Umbruchs zur Moderne wird hier in eigentümlicher Weise aufgenommen.

Brinkmann scheint hier ganz bewusst offen Stellung zu beziehen mit zeitgenössischem Material, der Beschreibung des Lebens, teilzuhaben am Rausch und Strom des öffentlichen Lebens im Angesicht antiker Zeugnisse, übermächtiger Geschichte, die einem zivilisatorischen Wahnsinn des Straßenverkehrs, des Lärms und der Überfüllung gegenübersteht. Eine starke Gespaltenheit tritt an die Stelle einer einheitlichen Beschreibung.

Dem Autor wurden aufgrund seiner Aufmerksamkeit heischenden Wort- und Bildsprache Vorwürfe des Populistischen gemacht, doch kaum etwas geht mehr an der Realität vorbei: Zu Zeiten etwa der Kommerzialisierung amerikanischer „beat poetry“ hat Brinkmann hier schon wieder einen ausgesprochen innovativen Weg eingeschlagen, wie im Folgenden zu sehen sein wird.

„Wenn der Nordeuropäer, der Barbar im antiken Sinne des Wortes, einen der Alpenpässe, die nach Süden führen, übersteigt, dann empfängt ihn eine neue, anders gebildete Welt (…).“[5] So schrieb es Viktor Hehn auf, der über 100 Jahre vor Brinkmann an der Schwelle einer neuen politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen wie geistigen Ära nach Italien fährt. Schon in dieser Zeit nahm das Reisen einen neuen Charakter an, es wurde zur spontanen, nicht mehr zeitaufwendigen Zerstreuung vom Alltag, vor allem die Technik in Form der Eisenbahnen machte dies möglich. „Wie leicht ist es geworden, nach Italien zu reisen“[6] schrieb Viktor Hehn ein Jahrhundert nach Goethes Italienreise, der schon seine Form des Reisens als schnell empfand.

Die Sinnsuche nach dem Einbruch der Moderne lässt sich als Motiv sowohl bei Hehn, als auch bei Brinkmann noch einmal 100 Jahre später erkennen, doch auch schon Goethe empfand knapp 200 Jahre früher als Brinkmann, dass die Historie die Wirklichkeit Roms regelrecht überrenne. Brinkmann äußert sich in seinem Text häufiger zu Goethe, zumeist mit einem äußerst polemischen Akzent, jedoch nicht ohne sich damit auch in gewisser Weise in der Tradition der literarischen Italien-Reisen zu verorten:

„Man müßte es wie Göthe machen, der Idiot: alles und jedes gut finden/ was der für eine permanente Selbststeigerung gemacht hat, ist unglaublich, sobald man das italienische Tagebuch liest: jeden kleinen Katzenschiß bewundert der und bringt sich damit ins Gerede.“[7]

Im Deutschland der Nachkriegszeit ersetzen zunächst populär-billigste Abbildungsbände, Bilderbücher und Reiseberichte in Illustrierten das finanziell noch schwer erschwingliche Reisen für die meisten Menschen. Ein Italienkult, vor allem durch Filme und Musik hervorgerufen, erreicht in Westdeutschland ein Hoch in der Mitte der 50er Jahre; italienischer Geschmack, Einrichtung, Essen und Lebensstil werden zur Sehnsucht und Manie. Italien-Darstellungen in der Werbung sind geprägt durch versonnene Bilder von familiärem Italienurlaub, eine Verflachung dieser Bilder ist jedoch schon wieder in den 60er Jahren zu beobachten, sie verkommen zu austauschbaren Idealen, denn auch andere Länder buhlen um die Tourismus-Industrie. Diese Zerrissenheit und Diversität greift Brinkmann auf und konterkariert sie seinerseits mit seiner ebenfalls bilderreichen Darstellung, denn auch er war ein eifriger Illustriertenleser, was auch in der Bilderwelt von Rom, Blicke zum Ausdruck kommt. Zudem bewegt sich Brinkmann nicht in klassischer Weise in der Tradition deutscher Künstler mit ihren Intentionen in der Villa Massimo in Rom, seine Motive sind hauptsächlich seine widrigen finanziellen Umstände; von dem Geld, was er bekommt, schickt er einen großen Teil nach Köln zu Frau und Kind und lebt selbst sehr spartanisch.

[...]


[1] Brinkmann in der Radiosendung Autorenalltag, 1974 im WDR (Zitat in: Vechta! Eine Fiktion, S. 22)

[2] ACID. Neue amerikanische Szene. Hrsg. von Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla

[3] Editorische Notiz auf Seite 451 von Rom, Blicke

[4] Helwig, Werner. Rolf Dieter Brinkmann. Rom, Blicke. In: Neue Deutsche Hefte 1. 1980. S. 167 f. Hier: S. 168

[5] Victor Hehn: Italien. Ansichten und Streiflichter. S. 11

[6] Ebd. S. 13

[7] Rom, Blicke S. 229

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638907330
ISBN (Buch)
9783638907743
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83514
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Rom-Erfahrungen Spiegel Italien-Reisen Rolf-Dieter Brinkmanns Blicke Hauptstadt Welt’ Literarische Rom-Bilder

Autor

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