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Einsatzmöglichkeiten von Entspannungsverfahren bei Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen

Examensarbeit 1996 76 Seiten

Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Verhaltensstorungen bei Kindern und Jugendlichen
2.1 Kurzer AbriB der kindlichen Entwicklung
2.2 Sozio-kulturelle Faktoren als mogliche Ursachen fur Verhaltensstorungen
2.3 Darstellung von Verhaltensstorungen
2.3.1 Hyperkinetisches Syndrom
2.3.2 Aggressives Verhalten
2.3.3 Angststorungen
2.4 Bedeutung von Entspannung bei Verhaltensstorungen

3 Charakterisierung der gangigsten Entspannungsverfahren
3.1 Das Autogene Training
3.2 Die Progressive Muskelentspannung
3.3 Sonstige Entspannungsverfahren

4 Zum Begriff der Entspannung
4.1 Physiologische Aspekte der Entspannung
4.1.1 Neuromuskulare Veranderungen
4.1.2 Kardiovaskulare Veranderungen
4.1.3 Respiratorische Veranderungen
4.1.4 Elektrodermale Veranderungen
4.1.5 Zentralnervose Veranderungen
4.2 Psychologische Aspekte der Entspannung
4.3 Der heutige Wissensstand zum Entspannungszustand

5 Anwendung und Durchftihrung von Entspannungsverfahren bei Kindern und Jugendlichen
5.1 Indikation und Kontraindikation von Entspannungsverfahren
5.1.1 Indikation
5.1.2 Kontraindikation
5.1.3 Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen
5.2 Entspannungsarten
5.3 Durchfuhrungsmodalitaten
5.3.1 Hinfuhrungsphase
5.3.2 Ausfuhrungsphase
5.3.3 Probleme bei der Durchfuhrung

6 Geeignete Entspannungsverfahren ftir Kinder und Jugendliche
6.1 Sensorische Entspannungsverfahren
6.1.1 Schildkroten-Phantasie-Verfahren
6.1.1.1 Durchfuhrung
6.1.2 Progressive Muskelentspannung
6.1.2.1 Durchfuhrung
6.2 Imaginative Entspannungsverfahren
6.2.1 Kapitan-Nemo-Geschichten
6.2.1.1 Durchfuhrung

7 Einftihrung von Entspannungsverfahren im Unterricht mit verhaltensgestorten Kindern
7.1 Lehrer und Schuler im EntspannungsprozeB
7.2 Die unterrichtlichen Zielsetzungen
7.3 Der vorbereitende Rahmen fur Entspannungsubungen im Unterricht
7.4. Praktische Ubungen zur Einleitung einesEntspannungsverfahrens
7.4.1 Anregungen fur die Hinfuhrungsphase
7.4.2 Anregungen fur die Korpererfahrungsphase
7.4.3 Anregungen fur die Entspannungsphase
7.5 Forderung der Ubungsbereitschaft

8 SchluBbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstorungen bestimmen immer mehr den Alltag in Familie, Kindergarten, Schule und Heim. Verhaltensstorungen - mit den einhergehenden Erziehungsproblemen - gehoren inzwischen fast zur „Tagesordnung“. Eltern und Padagogen werden damit tagtaglich konfrontiert. Die Kinder wachsen in einer Umwelt auf, die durch zunehmende soziale und psychische Spannungen gekennzeichnet ist. Die Verhaltensstorungen hemmen nicht nur ihre Lernprozesse, sondern auch ihre zwischenmenschlichen Beziehungen und storen zunehmend die Personlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen. Oft wird die padagogische Arbeit mit diesen Kindern durch aggressives und zappeliges Verhalten oder durch notorische Unruhe und ubermaBige Angstlichkeit empfindlich gestort. Es muB daher nach Wegen gesucht werden, um Gegengewichte zu schaffen, die es den Kindern und Jugendlichen ermoglichen, zu einer ausgeglicheneren Lebensform zuruckzufinden, dazu gehort vor allem die Reduzierung des auf ihnen lastenden Spannungsdrucks. Ausreichende Moglichkeiten des Spannungsabbaus durch Bewegung oder das Einbauen von Ruhephasen - Entspannung durch Reizarmut - erleichtern den taglichen Umgang mit verhaltensgestorten Kindern. Entspannungsverfahren losen nachweislich positive Wirkungen auf physiologischer wie psychischer Ebene aus. Ihr Einsatz fuhrt zwar nicht zur Reduzierung von Verhaltensstorungen, vielmehr zeigen Entspannungsverfahren ihre Bedeutsamkeit und Hilfeleistung im Abbau der durch Hyperaktivitat, Angst und Aggressionen entstandene korperliche Erregungszustande, Angespanntheit und motorischer Bewegungsunruhe. Durch gezielte und aufbauende Entspannungsubungen wird Kindern und Jugendlichen physisch-psychische Entlastung angeboten. Der positive Effekt von Entspannungsverfahren ermoglicht es ihnen, sich mit anschlieBenden Aktivitaten angemessen und erfolgversprechend auseinanderzusetzen.

Neben einem Uberblick uber die gangigsten Entspannungsverfahren werden die verschiedenen Wirkungsbereiche von Entspannung ausfuhrlich dargestellt. Hieraus konnen Konsequenzen fur notwendige und unterstutzende Durchfuhrungsbedingungen abgeleitet werden. Indikationen geben Auskunft daruber, bei welchen Kindern Entspannungsverfahren indiziert sind und bei welchen korperlichen Erkrankungen eine Entspannung kontraindiziert ist.

Welche Entspannungsverfahren bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden konnen, wird anhand theoretischer Grundlagen und konkreter Beispiele erklart. Ich konzentriere mich dabei auf den Einsatz von Entspannungsverfahren bei Kindern, da die fruhzeitige Planung padagogischer FordermaBnahmen den groBten Erfolg verspricht. Es ist daher sinnvoll, schon im Kindesalter Entspannungsubungen durchzufuhren. Kindern kommen besonders Imaginationsverfahren wie die Kapitan- Nemo-Geschichten sehr entgegen, da sie ihrem Hang zu Tagtraumen und zum Phantasieren entsprechen. Auch das bewegungsorientierte Schildkroten-Phantasie-

Verfahren laBt sich motivierend einsetzen. Beide Verfahren konnen angstliche oder hyperaktive Kinder in die Lage versetzen, angemessener zu reagieren und helfen somit, ihr Verhaltensrepertoire zu erweitern. Andere Entspannungsgeschichten weisen haufig unstrukturierte Erzahlungen auf und folgen nicht dem systematischen Aufbau einer Entspannungsreaktion. Sie sind nicht Bestandteil dieser Arbeit.

Meine eigenen Erfahrungen mit Entspannungsubungen im Unterricht an einer Heimschule haben mich darin bestarkt, daB Entspannungsubungen nicht nur am Rand des Unterrichts untergebracht werden sollten, sondern daB sie zu einem markanten Bestandteil des Schultages werden sollten. Nach einer Zeit der Eingewohnung haben sich die Kinder teilweise sogar mit Begeisterung darauf eingelassen. Ihre Ruckmeldungen - „ich fuhle mich viel ausgeruhter als vorher“; „meine Arme und Beine waren richtig schwer“; „ich bin fast eingeschlafen“ - zeigten, daB sie die Entspannungsreaktionen als angenehm und erholsam empfunden hatten. Oft auBerten sie den Wunsch nach weiteren Ubungen, dem ich gerne entsprach, da die Kinder dem anschlieBenden Unterricht viel ruhiger, aufmerksamer und weniger larmend folgen konnten. Das Unterrichtsziel „entspannt sein“ paBt jedoch nicht in jede Unterrichtsatmosphare. Wichtige Voraussetzungen fur die Schaffung eines idealen „Entspannungsklimas“ werden in meiner Arbeit ausfuhrlich dargestellt.

Fur den Einsatz bei Jugendlichen eignen sich die genannten Entspannungsverfahren nicht. Die Entspannung mit Jugendlichen ist nicht so selbstverstandlich und problemlos wie mit Kindern durchzufuhren. Haufig sehen Jugendliche Entspannung als einen unvertraglichen Gegensatz zu ihren Vorstellungen, Wunschen und Zielen. Die Bereitschaft zu einer Entspannung entwickelt sich bei den Jugendlichen oft erst nach Phasen intensiver korperlicher Belastung, die zur Ermudung fuhren und das Bedurfnis nach Entspannung wecken. Dem Erlebnisbedurfnis der Jugendlichen entspricht besonders die Progressive Muskelentspannung. Ihre Vorteile liegen in der guten Erlernbarkeit und dem korpernahen, aktiven und bewuBten Mitmachen. Gunstige Auswirkungen auf Hyperaktivitat, Nervositat und Angst lassen keinen Zweifel an der Notwendigkeit des Einsatzes von Entspannungsverfahren auch bei Jugendlichen.

Entspannungsverfahren im Unterricht mit verhaltensgestorten Kindern werden als Beispiel fur eine praktische Anwendung beschrieben, wobei der Schwerpunkt auf der Einfuhrung von Entspannungsverfahren liegt. Wichtige Voraussetzungen und Bedingungen fur eine erfolgreiche Entspannung beziehen sich hier auf unterrichtliche Gegebenheiten, und praktische Ubungen zeigen Moglichkeiten fur die Realisierung auf und runden das Thema ab.

Ich verwende fur Kinder und Jugendliche und ihre Verhaltenstorungen unterschiedliche Ausdrucksweisen: Kinder und Jugendliche „mit Verhaltensstorungen“ oder „verhaltensgestorte“ Kinder und Jugendliche. Ich war bemuht, haufiger die erste Variante einzusetzen, da die zweite moglicherweise stigmatisierend erscheint. Leider lieB sich mein Vorsatz nicht immer realisieren, da ein flussiger Satzbau oft nur die kurzere Ausdrucksweise - verhaltensgestorte Kinder - zulieB, beide Versionen werden synonym benutzt.

Der besseren Lesbarkeit halber wurde auf die Verwendung der weiblichen Form in der Arbeit verzichtet.

2 Verhaltensstorungen bei Kindern und Jugendlichen

2.1 Kurzer AbriB der kindlichen Entwicklung

Im Hinblick auf die psychische Entwicklung sind die ersten Lebensjahre entscheidend. Es beginnt der Weg von der Symbiose mit der Mutter uber die Trennung von ihr bis zur Individuation des Kindes. Im Verlauf des dritten Lebensjahres beginnt die Stabilisierung der Individualist, die Reifung der Personlichkeit, die durch die Trotzphase ihre ersten Krisen aber auch Bewahrungen erfahrt, eine Ambivalenz zwischen Abhangigkeit und Autonomie. Eine ganz wichtige Entwicklung in dieser Zeit ist auch der Beginn der Empathie, das Sich- Hineinversetzen in eine andere Person.

In dieser Zeit wird in vielen Familien das zweite Kind geboren. Die damit verbundenen, aber unvermeidbaren Trennungserfahrungen des alteren Kindes konnen zu Entwicklungsstorungen fuhren, die sich jedoch durch ein emotional positives Familienklima auffangen lassen. Eine dauerhafte Trennung von der Mutter kann dagegen schwerwiegende Verlassenheitssyndrome auslosen, besonders wenn die Mutter nicht auf Dauer durch eine andere Bezugsperson ersetzt wird. Eine unvollstandige Familie, langere bzw. haufig kurzere Trennungen und fehlende Bezugspersonen haben Auswirkungen auf das Bindungsverhalten des Kindes. Ein Mangel an emotionaler Zuwendung in diesen fruhen Jahren kann dazu fuhren, daB Kinder mit gestortem Bindungsverhalten reagieren, bis hin zur sozialen Verwahrlosung.

In der weiteren Entwicklung werden zyklisch die Annaherungs- und Trennung sphasen in anderen Kontexten wiederholt. Die Entwicklung bewegt sich dabei in immer groBeren Kreisen um die Mutter (oder einer anderen standigen Bezugsperson) herum. Im Kindergarten mussen die Kinder noch einmal von neuem Abgrenzung lernen, diesmal von anderen Kindern. Haufig auftretende Besitzstreitigkeiten werden solange ausgefochten, bis die Kinder in der Lage sind, „sozial“ miteinander umzugehen.

Die vorschulische Zeit gibt den Kindern die Moglichkeit, ihre Phantasie schopferisch auszudrucken, spielerisch Dinge verstehen zu lernen und in einer Gruppe von Gleichaltrigen ihre sozialen Fahigkeiten zu entfalten und zu erproben. Sind diese Moglichkeiten nicht gegeben, kann dieses Defizit spater nur unzulanglich ausgeglichen werden. Sind einmal Probleme entstanden, ist die Wahrscheinlichkeit der Auspragung von Verhaltensstorungen um so groBer, je mehr Problematiken auftreten und je intensiver diese wirken.

Die Schulzeit beinhaltet den Erwerb und das Uben neuer Fertigkeiten und Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen), aber auch motorisches Ausprobieren (z. B. Inline-Skater fahren) und vor allem das Entdecken der weiteren Umgebung.

Symbiotische Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, haufig bei Einzelkindem anzutreffen, verhindern bzw. erschweren den notwendigen AbloseprozeB und tragen dazu bei, daB das Kind mit Kontaktangsten auf andere Personen reagiert. Ein elterlicher Erziehungsstil, der eine zu geringe Lenkung beinhaltet, kann dazu fuhren, daB aggressives Verhalten ausgepragt wird. Die Schulzeit geht einher mit einer Entwicklungsphase, in der Kinder in besonderem MaB Orientierung und damit verbunden Sicherheit und soziale Ordnung brauchen, so daB Storungen in dieser Phase Defizite im Sozialverhalten mit sich bringen (vgl. F. Petermann, 1994).

Eine neue Phase der Wiederannaherungskrise beginnt mit der Pubertat. Ahnlich wie im Trotzalter ist hier eine Ambivalenz von Abhangigkeit und Autonomie zu finden. Von ihrer kognitiven Fahigkeit her sind Kinder nun in der Lage, sich auBerhalb ihrer selbst zu stellen und uber sich selbst nachzudenken, eine Fahigkeit, die oft verwirrend und belastend ist. In dieser wichtigen Phase der Selbstfindung kann eine Trennung der Eltern Fuhrungslosigkeit bedeuten und verbunden mit Orientierungsverlusten wiederum zur Bindungslosigkeit fuhren (vgl. Biermann, 1978).

Die Kreise, in denen das Kind sein Selbst erproben kann, werden mit zunehmendem Alter immer groBer. Jedem Lebensalter kommen bestimmte und besonders zentrale Aufgaben in der Entwicklung zu, mit denen das Kind sich auseinandersetzen muB. Die Auseinandersetzung ist Voraussetzung dafur, daB das Kind in immer weiteren Kreisen von der Person der Mutter, der Einheit der Eltern, der Gemeinschaft der Familie, der sozialen Gruppe der Gleichaltrigen in die groBere soziale Gesellschaft hereingefuhrt wird.

Jeder Entwicklung sschritt im psychosozialen Bereich setzt bestimmte Fertigkeiten auf kognitiver und physischer Ebene voraus, damit emotionale und soziale Erfahrungen gemacht und verarbeitet werden konnen. Durch eine aktive Auseinandersetzung mit einer Umgebung, die fordert, ermutigt, Raum laBt oder auch bremst, entmutigt und einengt, werden schon fruhzeitig die Weichen fur das zukunftige Verhalten gestellt. Jedes Individuum lernt durch Erfahrungen seines bisherigen Lebens, sowohl erwunschtes als auch unerwunschtes Verhalten.

2.2 Sozio-kulturelle Faktoren als mogliche Ursachen ftir Verhaltensstorungen

In unserer Gesellschaft zahlen nur die lauten, aktiven Erlebnisse und durch den hohen technischen Standard sorgt die Wirtschaft mit ihrem UberfluB an Gutern fur nie versagende auBere Reizstrome. Von allem gibt es nicht nur reichlich, sondern auch immer mehr: Essen, Trinken, Unterhaltung, Kleidung, Termine, Medien, Informationen, Computer und Reisen. Die Freizeit wird verplant und gemanagt, Freizeitparks schieBen wie Pilze aus dem Boden. Erlebnisreisen, wo es den richtigen

Erlebnis-Thrill inklusive gibt, bestimmen immer haufiger die „freie Zeit“, die eigentlich zur Erholung vom DauerstreB, von der Hast und der Hektik des Alltags gedacht war.

Der Trend hin zu organisiertem Vergnugen, vollen Terminplanen, Zeitmangel und Leistungsdruck ist auch im Leben der Kinder und Jugendlichen unverkennbar. Sie versuchen, in diesem System zu funktionieren, das Leistung und Konkurrenz uberbewertet. Zugleich ist es ihnen aber auch wichtig, nicht aus der „Erwachsenenwelt“ ausgegrenzt zu sein. Kinder lernen heute sehr viel fruher, ihren Handlungen, ihren Kontakten und dem Spielen, einen zeitlichen Rahmen zu geben. Beeilen, warten, unterbrechen, abbrechen entstehen haufig nicht mehr aus dem Spiel selbst, sondern werden vorher von auBen festgesetzt. Eine Anhaufung von Aktivitaten (Ballett- und Schwimmunterricht, Musikstunden und FuBballtraining etc.) lassen nachmittags kaum Zeit zum Luft holen. Wo bleibt da noch Zeit zum Ausruhen und Entspannen? Ein Tag hat nun mal nur 24 Stunden, und es gibt davon auch nur sieben in der Woche!

Neben dem umfangreichen Freizeitprogramm sitzen viele Kinder und Jugendliche erschreckend lange Zeit an den Hausaufgaben. Wie leicht werden Hausaufgaben zum standigen Streitapfel innerhalb der Familie, zumal unter den heutigen Wohnbedingungen eine permanente Storung durch die Bedurfnisse anderer Familienmitglieder programmiert ist. So ist es keine Seltenheit, daB wahrend des Fernsehens die Hausaufgaben gemacht werden (gewollt oder ungewollt), und im AnschluB wartet bereits der Game-Boy oder der Computer. Kinder sind standigen Reizuberflutungen ausgesetzt, sprichwortlich rund um die Uhr. Wen wundert es da, daB immer mehr Eltern und Lehrer uber Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstorungen bis hin zur Hyperaktivitat und aggressivem Verhalten ihrer Kinder klagen?

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter Verhaltensstorungen, die sich in belasteten Familien, durch Arbeitslosigkeit, Trennung der Eltern etc. und durch immer groBere Leistungsanforderungen in den Schulen fixiert haben. Das Selektionsprinzip in den Schulen erhoht den Leistungsdruck, wobei die erbrachte Leistung als MaBstab fur den zukunftigen sozialen Rang oder die Position des Einzelnen in der Gesellschaft gilt. Besonders bei Schwierigkeiten mit Leistungsanforderungen, den eigenen Anspruchen und denen der Eltern kommt es dazu, daB das Selbstbild des Kindes und sein SelbstbewuBtsein erschuttert wird. Dieses wiederum hat Auswirkungen auf die Kontakte mit den Klassenkameraden, sei es, daB Kinder „auf die Pauke“ hauen, oder daB sie sich depressiv zuruckziehen. Auch ungunstige raumliche Bedingungen in der Schule, Klassenstarke und Zusammensetzung, sowie die Anonymitat von Schulzentren konnen dazu beitragen, daB Kinder mit Verhaltensstorungen reagieren.

Aufgrund sozio-okonomischer und daraus folgenden psychischen Problemen bieten viele Elternhauser den Kindern einengende Entwicklungsbedingungen, so daB es kaum moglich ist, vorhandene Talente und Begabungen zu entdecken und zu fordern. Unbestreitbar ist, daB Probleme des Kindes in irgendeiner Form etwas mit seinem Lebensumfeld zu tun haben. Ein Kind, das in einem gereizten Familienmilieu groB wird, wo tagliche Auseinandersetzungen das Zusammenleben kennzeichnen, wird nicht fahig sein, Anforderungen der Schule auf Dauer gerecht zu werden.

2.3 Darstellung von Verhaltensstorungen

Verhaltensstorungen bringen zum Ausdruck, daB es sich um ein Verhalten handelt, das von der erwarteten Norm abweicht und zugleich, daB es sich um Wechselwirkungen zwischen dem psychischen Befinden des Kindes und der sozialen Umwelt handelt. Alle Risikofaktoren stehen dabei in interdependenter Beziehung zueinander. Ein Kind wird nicht aus sich selbst heraus „schwierig“, es gibt dafur immer Ursachen, wobei langfristige Beeintrachtigungen haufig Ursache von generalisiertem Fehlverhalten sind. Die “Definition“ von Verhaltensstorungen hangt immer mit der Wahrnehmung des sozialen Umfeldes zusammen. Die Toleranzgrenze eines Beobachters entscheidet daruber, ob z. B. eine aggressive Handlung auch als solche definiert wird, in Relation zu den geltenden Normen und nicht unabhangig vom gesellschaftlichen Kontext. So kann ein Beobachter aggressives Verhalten durchaus als positiv ansehen im Zusammenhang mit der Fahigkeit des Kindes, sich gegenuber Gleichaltrigen mit eigenen Interessen und Bedurfnissen durchzusetzen, wahrend ein anderer das aggressive Verhalten als gestortes Verhalten bezeichnet. In der Gesellschaft gibt es Normenanderungen, die bewirken, daB eine gewisse Aggressivitat stillschweigend in Kauf genommen wird, da sie gleichgesetzt wird mit „Offensivitat“ und “Durchsetzungsvermogen“.

Verhaltensstorungen zeigen sich haufig sehr stabil und unterscheiden sich besonders durch ihre Auffalligkeit. Die externalisierenden richten sich dabei nach auBen, so daB aggressives, delinquentes und hyperaktives Verhalten leicht beobachtbar ist. Die Schwierigkeit liegt eher im Erkennen der internalisierenden Verhaltensstorungen, da diese weniger auffallig sind und oft keinen Handlungsbedarf des Beobachters erfordern. Die Kinder gehen mit ihren sozialen Angsten, ihrer Angst zu versagen, ihren Bindungs- und Kontaktangsten nur zu leicht in der Gruppe unter. Beide Formen von Verhaltensstorungen beeinflussen die Beziehung des Kindes zu seiner sozialen Umwelt betrachtlich, losen Hilflosigkeit aus und fuhren nicht selten auch zur Resignation auf beiden Seiten.

Die erhohte Aufmerksamkeit, die die Verhaltensproblematik beansprucht, hindert die Kinder daran, ihr Lernen unter gunstigen Bedingungen auszufuhren. Hieraus resultieren Lernschwierigkeiten, die wiederum verstarkt Verhaltensstorungen bedingen. Durch einen zusatzlichen Mangel an Entspannungsvermogen befinden sich diese Kinder in einem standigen Erregungs- und Spannungszustand, der konzentriertes und effektives Lernen verhindert und ihre Entwicklung hemmt.

Die folgenden Erlauterungen sollen als Verstandigungsgrundlage fur die haufigsten Verhaltens storungen wie hyperkinetisches Syndrom, aggressives Verhalten und Angststorungen gelten.

2.3.1 Hyperkinetisches Syndrom

Der Begriff hyperkinetisches Syndrom beschreibt ein Verhalten, das sich aus motorischer Unruhe, zielloser Aktivitat, Impulsivitat, ungesteuerter Motorik, Konzentrationsschwache, Aufmerksamkeitsstorungen, erhohter Reizempfindlichkeit, sehr schneller Erregbarkeit und schneller Enttauschbarkeit zusammensetzt, wobei die Intensitat der Storungen je nach Situation und Lebensabschnitt variieren kann. Die Kinder zeigen uberhastete und unkonzentrierte Arbeitsweisen, die vor allem in der Schule auffallen. Sie konnen nicht ruhig und konzentriert handeln, stattdessen sind sie ubertrieben reizbar und erregbar. Die zur Schau gestellte Lebhaftigkeit darf nicht daruber hinwegtauschen, daB sie oft mude und uberreizt sind, da sie nachts schlecht schlafen, was wiederum die Steigerung der motorischen Unruhe bedingt und somit ein nicht endender Kreislauf entsteht. Kontakt- und Beziehungsstorungen, Lernstorungen im schulischen Bereich und Selbstwertprobleme treten haufig als Folgeprobleme auf.

Aufmerksamkeitsstorungen sind ein haufig auftretendes Symptom. Die Kinder wechseln oft ihre Tatigkeiten, brechen diese ab, ohne sie zu beenden. AuBere Reize lenken sie leicht ab, nehmen ihre ganze Konzentration in Anspruch, so daB die notwendigen Reize fur die Bewaltigung von Aufgaben nicht wahrgenommen werden. In diesem Fall liegt eine Storung der selektiven Wahrnehmung vor, wahrend bei zu kurzen Aufmerksamkeitsspannen, die Daueraufmerksamkeit gestort ist (vgl. Petermann, 1995).

Kinder, die durch Impulsivitat oder mangelhafter Impulskontrolle auffallen, haben Schwierigkeiten, ihre Bedurfnisbefriedigung im Kontext ihrer sozialen Umwelt zu sehen. Die niedrige Frustrationstoleranz erlaubt ihnen nicht abzuwarten, sie wollen alles sofort haben. Ihre Aktionen zeichnen sich aus durch unuberlegtes Handeln, ohne Rucksicht auf die Folgen. Eine mangelhafte Beurteilung von Situationen laBt sie unuberlegt und unsystematisch handeln.

Motorische Unruhe oder Hyperaktivitat zeigen einen ubertriebenen Tatigkeitsdrang an. Die Kinder zappeln bestandig, trommeln mit den Fingern, oder klopfen mit den FuBen, mussen alles anfassen und in Bewegung versetzen. Auch in Phasen der Ruhe ist ihre gesteigerte Aktivitat vorhanden, laBt sich nicht auf die Situation einstellen. Sie haben Probleme auf ihrem Platz zu bleiben, reden ubermaBig viel und drangen sich anderen Personen auf.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daB die hyperkinetischen Storungen besonders dann aufallen, wenn zur Bewaltigung von Aufgaben ein gewisses MaB an Bewegungsruhe vorhanden sein muB, so in der Schule oder bei den Hausaufgaben etc. Aufgrund der negativen Erfahrungen und Ruckmeldungen, die das Kind durch sein Verhalten erfahrt, konnen noch weitere Probleme wie aggressives Verhalten hinzu kommen. Auf der anderen Seite ist es aber auch moglich, daB das Kind verhaltnismaBig ruhig sein kann, wenn eine Person ihm individuelle Aufmerksamkeit zukommen laBt.

2.3.2 Agressives Verhalten

Die groBere Gruppe von Definitionen geht davon aus, daB Aggression mit Schadigung und Schmerzzufugung zu tun hat. Um unbeabsichtigte Situationen auszuklammern (MiBgeschick oder Unfall), kommt mehr oder minder deutlich die Intention mit hinein, oder deutlicher, die zielgerichtete Schadigung. Hierdurch sollen eigene Wunsche durchgesetzt, durch Verangstigung anderer Personen oder Machtausspielung die eigenen Ziele ohne Rucksicht auf Verluste erreicht werden.

Aggressives Verhalten ist aber auch dann zu beobachten, wenn aufgrund von Unsicherheit und Angstgefuhlen geglaubt wird, aggressiv handeln zu mussen. Die veranderte Bedrohungsschwelle tragt dazu bei, daB jede zufallige Beruhrung oder ein zu langer Blickkontakt mit einer Person das generalisierte „Verteidigungsverhalten“ auslost und es zu einem aggressiven Angriff kommt (vgl. F. Petermann, 1995). In Alltagssituationen erfahrt das aggressive Kind eine Bestatigung fur sein Handeln, da Gefuhle der Unsicherheit und Angst verschwinden. So zeigt sich aggressives Verhalten als ziemlich stabil, zumal Storungen im Sozialverhalten dem Kind nicht erlauben, auf ein angemessenes Verhaltensrepertoire zuruckzugreifen.

Die konstruktive Seite der Aggression, z. B. produktiv und kreativ sein, sich abgrenzen, um eine eigene Identitat zu entwickeln, muB von der zerstorerischen klar abgegrenzt werden. Das setzt voraus, daB erst dann von aggressivem Verhalten gesprochen werden kann, wenn mehrere Kriterien zutreffen. Ausschlaggebend dabei ist die Dauer des Verhaltens, wie haufig und ausgepragt es sich zeigt und welche Verhaltensweisen konkret auftreten.

2.3.3 Angststorungen

Kinder unterscheiden sich in der Art und Weise, wie sie auf die Welt zugehen: Erobernd und alle Gefahren ignorierend, oder zogerlich und tastend, zwei extreme Variationen sich die Welt zu eigen zu machen. Dabei ist Angstlichkeit an sich naturlich noch nichts Auffalliges, denn sie kann auch schutzend und vernunftig sein. Und auch eroberndes Verhalten wird erst dort auffallig, wo es selbst- und fremdschadigend auftritt.

Wird die Angstlichkeit jedoch Hauptbestandteil des Verhaltens, ist sie fast die ganze Zeit uber sichtbar und auBert sie sich auch in motorischen Spannungen oder sogenannter vegetativer Ubererregbarkeit (Schwitzen, Schwindelgefuhl, Bauchweh, Durchfall), muB von Angststorungen gesprochen werden, da das Kind anfangt, unter den eigenen Handlungen oder Gedanken zu leiden und vergeblich versucht, sich dagegen zu wehren.

Ein Kind kann aber auch massive Angst vor dem Alleinsein haben, schlaft z. B. nur bei Anwesenheit der Eltern ein, gerat in Panik und kann sich nicht mehr selbst beruhigen, wenn die Eltern den Raum verlassen. Trennungsangste sind bei Schulkindern haufig auch ein Grund fur Schulverweigerung. Typisch fur diese Storung ist, daB sie in einem Alter auftritt, in dem Sauglinge und Kleinkinder immer ein (gesundes) MaB an Angst vor tatsachlicher Trennung von den Eltern zeigen. Erst wenn diese Angst mit zunehmendem Alter (ab zweieinhalb Jahre) abgelost wird von der Fahigkeit, sich einige Zeit von den Eltern trennen zu konnen und eine Beeintrachtigung sozialer Funktionen mit sich bringt, wird von einer Angststorung gesprochen.

Liegen Angststorungen mit Kontaktvermeidung vor, fuhlt sich das Kind nicht in der Lage, unvertrauten Personen ohne Scheu entgegen zu treten. Es spricht meist sehr leise und vermeidet dabei den Blickkontakt, bei direkter Ansprache bringt es kaum ein Wort heraus. Um eine Begegnung mit ihnen zu vermeiden, setzt es sogar sehr massive Abwehrmechanismen (schlagen, schreien etc.) ein. Mit anderen Kindern hat es Schwierigkeiten ungezwungen zu spielen, besonders wenn es wenig bekannte Gleichaltrige sind.

2.4 Bedeutung von Entspannung bei Verhaltensstorungen

Kinder und Jugendliche befinden sich in einem standigen Erregungs- und Spannungszustand, zumal die heutigen Lebensbedingungen viele neue Formen zusatzlicher Belastung mit sich bringen (vgl. Kap. 1.2). Sie halten es nicht aus, still zu sitzen, nicht zu reden, nichts zu tun. Ihr impulsives und hyperaktives Verhalten, einhergehend mit motorischer Unruhe und einem hohen Erregungszustand, hemmt ihre Entwicklungsfahigkeit, schrankt ihre Aufnahmefahigkeit ein und setzt gleichzeitig Grenzen fur die padagogische Arbeit. Es ist daher padagogisch unverzichtbar, daB diese Kinder immer wieder Phasen der Ruhe und Entspannung finden, sie kennen und schatzen lernen. Ein MindestmaB an Ruhe ist unabdingbare Voraussetzung, um uberhaupt erfolgreich mit verhaltensgestorten Kindern und Jugendlichen arbeiten zu konnen.

Die Ziele von Entspannung sind dabei nicht „ruhig gestellte“ Kinder, sondem Kinder, die zu sich selbst finden, eine wunschenswerte Beziehung zwischen inneren und auBeren Reizen herstellen konnen, die eine Mitte spuren. Ein Zustand, der ihnen dabei helfen kann, ihre Handlungen und ihr Leben effektiver und befriedigender zu gestalten. Wege zur Ruhe und Entspanntheit vermitteln positive Gefuhle, angeregt durch die physiologischen Entspannungsreaktionen. Gefuhle wie Angst, Wut oder Arger verlieren ihre Dominanz, und stattdessen erfahren die Kinder ein Gefuhl von Ausgeglichenheit und groBerer Gelassenheit. Ein durch aggressives, angstliches oder hyperaktives Verhalten gesteigertes Erregungsniveau laBt sich mit Hilfe von Entspannungsverfahren reduzieren, so daB ihr “Stellenwert darin [liegt], durch die psychophysiologischen Wirkungen die gunstigen Bedingungen auszulosen, die fur nachfolgende Lern- und Entwicklungsprozesse von groBer Bedeutung sind und Interventionen oder Lehr- bzw. Lernprozesse effektivieren“ (Petermann, 1996b, 13).

3 Charakterisierung der gangigsten Entspannungsverfahren

Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens verschiedene Strategien, sich von den Anforderungen des Alltags zu erholen und sich zu entspannen, wobei dies dem einen besser und dem anderen schlechter gelingt. Die Wege zur Entspannung und Erholung sind vielfaltig, wobei alle entspannenden und ausgleichenden Situationen ein Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung im Alltag herstellen sollen. Fur den einen ist es ein Entspannungsbad, fur den anderen das Zuhoren der Lieblingsmusik, so daB intuitiv Wege zur Entspannung gefunden werden. Hingegen fuhren so manch andere Entspannungsstrategien wie Medikamente, Nikotin, Alkohol und Drogen langfristig zu einer Gesundheitsgefahrdung, auch wenn diese Mittel zunachst einmal zu einem subjektiv empfundenen Entspannungsgefuhl fuhren.

Inzwischen gibt es ein sehr groBes Marktangebot an verschiedenen Entspannungsmoglichkeiten, und tuchtige Geschaftemacher schaffen es immer wieder, ihr “Allheilmittel“, unterschiedlich eingepackt, gewinnbringend zu verkaufen. Es besteht durchaus Veranlassung vor einer Uberschatzung zu warnen, zumal sie oft ohne notiges Fachwissen vermittelt werden. Leicht gemacht wird es den Anbietern durch eine regelrechte „Entspannungssucht“ des Konsumenten, da dieser sich unter Umstanden nur zu gerne in eine Entspannung fluchtet und sich mit Scheinproblemlosungen zufrieden gibt. Die Branche “Entspannung“ boomt und die angebotenen Moglichkeiten zur Entspannung sind inzwischen derartig breit gefachert, daB es fur den Laien schwierig ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. Die Praxisbewahrung der Standardverfahren kann dabei als Richtschnur dienen, zumal sich die Forschung inzwischen intensiv mit ihrer Wirksamkeit beschaftigt und diese uberpruft hat. In den folgenden Kapiteln werden diese Verfahren genauer beschrieben.

3.1 Das Autogene Training

Das wohl bekannteste Verfahren wurde in den zwanziger Jahren von J.H. Schultz aus Beobachtungen an hypnotisierten Patienten entwickelt. Es handelt sich hierbei um eine Selbstentspannung, bei der durch systematisches Uben eine Selbstversenkung durch Eigensuggestion erreicht wird. Das Autogene Taining besteht im systematischen Aufbau aus sechs Unterstufenubungen, die aufeinander aufbauen und Schritt fur Schritt angewendet werden. Die Ubungen werden einzeln gelernt und schlieBlich alle hintereinander wahrend einer Entspannungsubung durchgefuhrt.

Den Einstieg beim Erlernen und Durchfuhren des Autogenen Trainings bildet eine Phase zur allgemeinen Beruhigung von Korper und Psyche, anschlieBend werden Ubungen zum Erleben von Schwere und Warme, zur Beruhigung von Herzschlag und Atem, zur Mehrdurchblutung der Bauchorgane sowie zur Entspannung des Kopfes durchlaufen. Je haufiger und kontinuierlicher geubt wird, desto schneller und intensiver stellen sich die Entspannungsreaktionen ein. Zwischen den Grundformeln (Instruktionen) wird zur Unterstutzung der notwendigen inneren, passiv- empfangenden Haltung die Ruhetonung „Ich bin ganz ruhig“ eingefugt, die auch zu Beginn und am Ende der Ubungsphase im Geiste formuliert werden kann. Die Vorgehensweise der geistigen Formulierung wird entsprechend auch bei den Grundformeln angewandt, wobei der Ubende ca. sechsmal die einzelnen Formeln wiederholt. Die Ubungszeit ist dabei abhangig von dem vorhandenen Zeitrahmen und dem individuellen Ubungsrhythmus, so daB eine Ubungseinheit zwischen zehn und 30 Minuten betragen kann. Der Wortlaut der ursprunglichen Grundformeln (nach Schultz) kann dahingehend verandert werden, daB eine Variante gewahlt wird, die die Ausfuhrung am leichtesten macht (fur eine Formel entscheiden). Je besser die Ubungen mit der Zeit beherrscht werden, um so mehr konnen sie verkurzt werden. Nach der Ruhetonung wird mit der Schwereubung fortgefahren, wobei zu beachten ist, daB Rechtshander mit dem rechten und Linkshander mit dem linken Arm bzw. Bein beginnen. Das Ziel ist jedoch nicht das Schwere- oder Warmegefuhl im vorgestellten Korperteil, sondern die Ubertragung der Entspannungsreaktion auf den ganzen Organismus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei Kindem empfiehlt sich eine Beschrankung auf die Grundubungen der Ruhe, Schwere und Warme, da diese im Vergleich leichter zu erlernen sind. Atem- und Herzubungen konnen besonders den Anfanger aus dem Rhythmus bringen, so daB statt einer Beruhigung der Atemtatigkeit und einer Verringerung der Herzschlagfrequenz genau das Gegenteil auftritt (rasender Pulsschlag, gesteigerte Atmung), dieses wiederum zu beklemmenden Gefuhlen fuhren kann und einen eventuellen Abbruch des gesamten Autogenen Trainings nach sich zieht.

Die Entspannungsubung wird durch eine dreistufige Zurucknahme beendet, die eine exakte immer gleichbleibende Ausfuhrung erfordert. Aus der Entspannung heraus muB der Kreislauf aktiviert und die normale Verfugbarkeit der Muskulatur wieder hergestellt werden, indem

1. beide Hande zur Faust geballt, Arme und Beine kraftig gedehnt, gereckt und ausgestreckt werden
2. zwei- bis dreimal tief ein- und ausgeatmet wird, um der Lunge mehr Sauerstoff zuzufuhren und
3. zuallerletzt die Augen wieder geoffnet werden.

3.2 Die Progressive Muskelentspannung

Die Entspannung wie beim Autogenen Training durch Suggestionen zu erzeugen fallt einigen Menschen schwer. So bietet sich fur diesen Personenkreis eher die Progressive Muskelentspannung an, da sie ein aktives Verfahren darstellt. Somit kommt dieses Verfahren besonders mannlichen Jugendlichen entgegen, da durch eine aktive Teilnahme an den Ubungen starker ihrem Korperselbstbild entsprochen wird (vgl. Kap. 6.1.2) als beim Autogenen Training oder ahnlichen Verfahren.

Die Progressive Muskelentspannung, auch bekannt unter Progressiver Relaxation, geht zuruck auf E. Jacobson, der dieses Verfahren 1929 als Methode zur Bewaltigung von Spannungszustanden entwickelte. Dabei beruht die Wirkung darauf, daB der Korper nicht zugleich gespannt und entspannt sein kann. Systematisches Anspannen und Entspannen bilden daher das Kernstuck der Progressiven Muskelentspannung mit dem Ziel, durch ubermaBiges Anspannen und anschlieBendem Loslassen der Anspannung, den Unterschied zwischen Spannungs- und Entspannungszustand der Muskeln zu erfahren. Durch dieses Training kann nach und nach eine bewuBte Kontrolle uber die vorhandene Muskelspannung erlangt werden, so daB durch eine bewuBtere Korperwahrnehmung Spannungszustande fruhzeitig erkannt und gelost werden konnen.

Die Progressive Muskelentspannung wird nach Instruktionen eines Experten eingeubt, soll jedoch schlieBlich dazu fuhren, auch durch Selbstinstruktionen einen Entspannungszustand zu erreichen. Dabei werden einzelne Muskelgruppen, vom Kopf bis zu den Beinen, uber einen Zeitraum von ca. funf Sekunden fest angespannt (nicht verkrampfen). Nach Halten der Muskelspannung wird diese rasch gelockert und entspannt, wobei das schnelle Entspannen den Unterschied zwischen Anspannung und Entspannung bewuBter wahrnehmen laBt.

Die groBe Anzahl der zu trainierenden Muskelgruppen nach Jacobson dauerte recht lange und stellte sich als aufwendig heraus, so daB sein Verfahren inzwischen verschiedene Veranderungen erfahren hat. Eine Kurzform der Progressiven Muskelentspannung mit sieben Schritten nach Petermann & Petermann (1993b) soll in Kapitel 6.1.2 als Grundlage fur den Einsatz bei Jugendlichen dienen.

3.3 Sonstige Entspannungsverfahren

Fur Erwachsene eignen sich ebenfalls Verfahren wie Hypnose, Biofeedback oder Meditation. Diese Entspannungsverfahren sollen jedoch nicht naher beschrieben werden, da sie fur den Einsatz bei Kindern und Jugendlichen weniger relevant sind. Ausfuhrliche Grundlagen und Anwendungsmoglichkeiten sind im Handbuch der Entspannungsverfahren, Band 1 + 2 (Vaitl & Petermann, 1993 + 1994) zu finden.

Geeignete Entspannungsverfahren fur Kinder stellen die Kapitan-Nemo-Geschichten oder das Schildkroten-Phantasie-Verfahren dar. Ihr differenzierter Einsatz richtet sich nach dem Alter der Kinder. Entspannungsverfahren fur Kinder (und auch Jugendliche) mussen generell speziellen Anforderungen entsprechen, sich also vom Vorgehen fur Erwachsene unterscheiden. Die beiden Verfahren werden in den spateren Kapiteln 6.1.1 (Schildkroten-Phantasie-Verfahren) und 6.2.1 (Kapitan- Nemo-Geschichten) ausfuhrlich vorgestellt.

4 Zum Begriff der Entspannung

Eine Entspannung auBert sich subjektiv durch ein Gefuhl korperlichen Wohlbefindens, der Ruhe und Gelassenheit, wobei Reaktionen in Gang gesetzt werden. Die Anwendung eines Entspannungsverfahrens fuhrt zu korperlichen Reaktionen, die jedoch fur sich allein genommen noch nicht die gesamte Entspannungsreaktion ausmachen, da diese sich auf verschiedenen Ebenen abspielt. Uber ein regelmaBiges und systematisches Uben konnen neben den korperlichen Reaktionen auch Wirkungen im emotionalen, kognitiven und behavioralen Bereich erlangt und stabilisiert werden. Auftretende Entspannungsreaktionen, sowohl auf der physiologischen als auch auf der psychischen Ebene, stellen einen meBbaren, daher objektivierbaren Aspekt von Entspannung dar. Die folgenden Ausfuhrungen der physiologischen und psychischen Aspekte der Entspannung beziehen sich im wesentlichen auf die Darstellungen von Vaitl (1993a), hieraus ableitend erfolgen praktische Konsequenzen fur die Durchfuhrung von Entspannungsverfahren, falls diese Moglichkeiten gegeben sind.

Durch die Anwendung eines Entspannungsverfahrens erfahren die verschiedenen Korpertatigkeiten eine Veranderung, wobei die physischen Entspannungsreaktionen gekennzeichnet sind durch:

- Neuromuskulare Veranderungen
- Kardiovaskulare Veranderungen
- Respiratorische Veranderungen
- Elektrodermale Veranderungen
- Zentralnervose Veranderungen

4.1 Physiologische Aspekte der Entspannung

4.1.1 Neuromuskulare Veranderungen

Durch Entspannungsverfahren wird zunachst die Skelettmuskulatur beeinfluBt, d.h. neuromuskulare Veranderungen zeigen den Spannungszustand der Skelettmuskulatur an. Die Skelettmuskulatur erfullt mehrere Funktionen, wobei die wichtigste das Entwickeln von Kraft durch Anspannen (Kontraktion) ist, so daB eine aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt moglich wird. Neben dieser Funktion kommt der Skelettmuskulatur die Aufgabe zu, den Korper zu stutzen und aufrecht zu halten. Die Muskeln sind daher im Normalzustand nicht vollig entspannt, sondern sie haben einen sogenannten Tonus (Spannungszustand), wobei der Muskeltonus abhangig ist von der momentanen Korperhaltung (sitzend, liegend, stehend). Hieraus lassen sich Konsequenzen fur die Entspannung dahingehend ableiten, daB schon die Einnahme einer spannungsreduzierenden Korperposition die gesamte Stutzmotorik entlastet.

Bei der Anwendung eines Entspannungsverfahrens sinkt der Muskeltonus durch eine Einschrankung der aktiven Reize auf die Motorik, wodurch eine Reduzierung der afferenten (aufsteigenden) Signale aus der Stutzmotorik zum Zentralnervensystem ausgelost wird. Dieses wiederum fuhrt zu geringeren Impulsen aus dem Gehirn an die einzelnen Korperteile. Die efferenten (absteigenden) Signale erfolgen also nur vermindert, so daB dies ein Erschlaffen der Arm-, Bein- und Rumpfmuskulatur zur Folge hat. Der Ubende selbst erlebt die Tonusreduzierung als Schwereempfindung. Plotzlich auftretende Gerausche oder andere Storfaktoren wahrend einer Entspannungsubung konnen jedoch dazu fuhren, daB der Muskeltonus wieder ansteigt. Diese Tonuserhohung wird hervorgerufen durch ein retikulares Aktivierungssystem (Schaltzentrale im Gehirn), da der Muskeltonus unmittelbar an das allgemeine Erregungsniveau des Organismus gekoppelt ist. Das hat zur Folge, daB parallel zur allgemeinen Erregung auch der Muskeltonus ansteigt und umgekehrt sinkt, wenn die Erregung zuruckgeht. Fur die Durchfuhrung von Entspannungsubungen sollte daher darauf geachtet werden, daB die Reize in der Umgebung so gut wie moglich ausgeschaltet werden (vgl. hierzu Kap. 5.3.2).

Die Auslosung neuromuskularer Veranderungen kann unterstutzt werden, indem die beste Korperhaltung bei der Praktizierung von Entspannungsverfahren angewendet wird. Hier bietet sich die Liegeposition an, da schon im Vorfeld die Stutzmotorik positiv beeinfluBt wird. Der hohere Muskeltonus bei der Sitzposition sollte jedoch nicht dazu fuhren, diese Position auBer Acht zu lassen, zumal sie sich durch eine gute Integrierbarkeit in den Alltag auszeichnet und in akuten Angst- oder StreBsituationen problemlos in der Bahn, auf der Toilette, vor Klassenarbeiten etc. im Zuge einer Entspannungsubung eingesetzt werden kann. Das Augenmerk sollte dabei vor allem auf eine korrekte Korperhaltung gerichtet sein, so daB z. B. durch den sogenannten Droschkenkutscher-Sitz (beim Autogenen Training) der Muskeltonus so gering wie moglich gehalten wird.

4.1.2 Kardiovaskulare Veranderungen

Wahrend der Entspannung treten kardiovaskulare Veranderungen auf und zwar eine periphere GefaBerweiterung (Vasodilatation), eine Verringerung der Herzschlage pro Minute und eine Blutdrucksenkung.

Als Folge der Muskelentspannung oder in Verbindung mit ihr erfahren die GefaBe eine Vasodilatation. Durch die Erweiterung der BlutgefaBe, kommt ein vermehrter BlutfluB zustande, der beim Ubenden Warmeempfindungen auslost. Die hierdurch erzeugten Warmesensationen unterscheiden sich in ihrer Intensitat, besonders zu Ubungsbeginn, ihrem Auftreten in den verschiedenen Extremitaten, treten spontan auf oder werden durch Entspannungsinstruktionen („rechter Arm warm“ beim Autogenen Training) ausgelost. Auch unterstutzende Vorstellungen, z. B. der Arm liegt im warmen Wasser, konnen das Empfinden von Warmesensationen begunstigen, ebenso wie eine angenehme Umgebungstemperatur im Ubungsraum. Ein Kribbeln und Kitzeln in den Handen, Armen, FuBen oder Beinen zeigt an, daB der vermehrte BlutfluB zu Warmesensationen gefuhrt hat und sind eindeutiges Merkmal fur eine korperliche Entspannung. Es kann passieren, daB dieses Phanomen als ein Einschlafen der Korperteile miBverstanden wird, oder daB ein Gefuhl von Angeschwollenheit oder uberdimensionaler GroBe der Extremitaten den sich Entspannenden angstlich oder verunsichert reagiert laBt. Um eine Uberbewertung solcher Vorgange auszuschlieBen, ist es wichtig, uber die verschiedenen Korperreaktionen (vgl. Kap. 5.1.3) zu sprechen. Gleichzeitig sollte in diesen Gesprachen immer wieder darauf hingewiesen werden, daB richtiges Entspannen eine Fertigkeit, d.h. der Erfolg eine Frage der Zeit und Ubung ist. So lassen sich mit zunehmender Ubung die Vasodilatation und damit einhergehend der erhohte BlutfluB immer leichter und schneller durch bestimmte Korperhaltungen, Selbstinstruktionen oder Bildvorstellungen hervorrufen. Durch die Koppelung einer dieser Reize mit bestimmten korperlichen Reaktionen - es liegt ein konditionierter Reiz nach Pawlow vor - wird ein Entspannungszustand allein durch das Vorhandensein des Reizes hervorgerufen und ist durch einen erfolgreichen LernprozeB in Alltag ssituationen auslosbar.

Anhand einer Kurve konnen die wahrend einer Entspannungsubung auftretenden charakteristischen vasomotorischen Reaktionen verdeutlicht werden, wobei die Ergebnisse wahrend der Schwere- und Warmeubung des Autogenen Trainings festgehalten wurden. Die nachfolgende Abbildung 1 der Kurve (modifiziert nach Vaitl, 1993a, 40 und Petermann, 1995, 44) zeigt eine Vierteilung in: Initialphase, Hauptreaktion, SchluBzacke und Nachreaktion.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Periphere Durchblutungsanderungen wahrend der Schwere- und Warmeubung des Autogenen Trainings

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Details

Seiten
76
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783638153362
ISBN (Buch)
9783638697439
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8347
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – FB 13
Note
2,3
Schlagworte
Einsatzmöglichkeiten Entspannungsverfahren Kindern Jugendlichen Verhaltensstörungen

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Titel: Einsatzmöglichkeiten von Entspannungsverfahren bei Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen