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Martin Luther: Luther- und Reformationsfeiern im 19. Jahrhundert

Das Luthergedenkjahr 1883, unter besonderer Berücksichtigung Berlins

Seminararbeit 2001 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nationalismus und Protestantismus in Deutschland im 19. Jahrhundert
2.1 Nationalismus
2.2 Protestantismus

3. Das Luther- und Reformationsbild im 19. Jahrhundert
3.1 Lutherbild
3.2 Reformationsbild

4. Die Bedeutung der Reichsgründung und des Kulturkampfes für das Luthergedenkjahr 1883
4.1 Reichsgründung
4.2 Kulturkampf

5. Die Lutherfeier 1883 in Berlin

6. Schlußbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Luther war ein Genie sehr bedeutender Art;

er wirkt nun schon manchen guten Tag,

und die Zahl der Tage,

wo er in fernen Jahrhunderten aufhören wird,

produktiv zu sein,

ist nicht abzuschätzen”

Goethe, 1828

Kaum ein anderes Ereignis wie die Reformation, hat in der Geschichte so lange und so weit in die geistige und politische Entwicklung der Menschen gewirkt. Die Geschichte Martin Luthers und der Reformation ist daher im Grunde die Geschichte ihrer Interpre­tation. Zu jeder Zeit schafft sich die lebende Generation ihr eigenes Verständnis Luthers und der Reformation, stets ihren jeweiligen Interessen entsprechend. So wurde sein Le­ben und sein Werk im Laufe der Zeit immer wieder mit den Höhen und Tiefen der Ge­schichte in Verbindung gebracht, mal als personifizierter Neubeginn oder als Mitschul­diger an einer Niederlage. Aber wie auch immer er beurteilt wurde, deutlich ist, daß jede Darstellung Luthers und seinem reformatorischen Werk eine Auseinandersetzung mit der neueren Geschichte und den Grundlagen des religiösen, geistigen und politi­schen Lebens und ihrer Probleme ist. Besonders bei den Feiern des 19. Jahrhunderts zu Ehren der Reformation und Luthers ist diese Auseinandersetzung mit der Vergangen­heit und der Gegenwart erkennbar. Im folgenden werden die ursächlichen Faktoren und Ereignisse für die Interpretation im letzten Jahrhundert gezeigt und anhand des Beispie­les der Feier zum Luthergedenkjahr 1883 in Berlin soll erkennbar werden, inwieweit diese in den Ablauf des Festes gewirkt haben.

2. Nationalismus und Protestantismus in Deutschland im 19. Jahrhundert

Für das Verständnis der Bedeutung Luthers im 19. Jahrhundert ist es unverzichtbar, die Entstehung des Nationalismus und dessen Wirkung auf den Protestantismus zu nennen. Diese Wirkung wiederum kann nicht gesehen werden, ohne die Stellung des Protestan­tismus in der Allgemeinheit zu zeigen.

2.1 Nationalismus

Die Aufklärung war die stärkste Kraft, die bis in das Luthergedenkjahr 1883 gewirkt und die alle Lebensbereiche beeinflußt hatte. Geschichtlicher Ziel- und Leitbegriff war der Fortschritt, der sich erst im Menschenverständnis und folgend im Staatsverständnis wiederfand, aus dem sich dann der Nationalismus entwickelte. Der Gedanke vom Got­tesgnadentum der Monarchen wich dem Begriff der „Nation”. Der Nationalismus war eine gesamteuropäische Erscheinung. Der Grund lag in der Säkularisierung ganz Euro­pas, aufgrund des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803. Die geistige Säkularisie­rung setzte sich nach der Säkularisierung der geistlichen Territorien durch und wurde auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens fortgesetzt. Es entwickelte sich überall ein jeweils unterschiedlich starker Erwählungsglaube und damit ein Bewußtsein, von Gott besonders auserwählt zu sein, so fühlten sich zum Beispiel die Briten als “the chosen people of the Lord”. In Deutschland waren es vor allem J. G. Herder, Friedrich Schiller und J. G. Fichte, die dem Religiösen innerhalb der geschichtlichen Entwicklung zu einer Nation eine wichtige Rolle zuwiesen. Herder sagte schon 1769: „Ein Volk muß es als Stolz fühlen, in allem ein Volk zu sein und dazu ist wahrhaftig Religion die Hauptsa­che”. Das Erleben der Besatzung Napoleons führte zu Formulierungen, die Ausdruck des zu dieser Zeit übersteigerten Nationalgefühls sind, so heißt es bei Fichte in seinen „Reden an die deutsche Nation” 1808 in Berlin: „Charakter haben und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend”.[1]

Auch die Romantik und der deutsche Idealismus waren für die Entstehung des Nationalismus bedeutend. Die Romantiker hatten die Vorstellung von einer Wiederbe­lebung der mittelalterlichen Reichsidee und einem Aufbau eines neuen Imperiums. Der Idealismus verstand die Vernunft als schöpferische Kraft, die dem Menschen erlaubte, die Welt zu gestalten.[2]

Das Revolutionsjahr 1848 brachte dann den Höhepunkt der nationalen Begeisterung. Doch das einheitliche Nationalbewußtsein kam erst mit der Reichsgründung 1871 zur Vollendung, und zwar nicht als revolutionäre nationale Massenbewegung, sondern als dynastische Gründung.[3]

2.2 Protestantismus

In der frühen Neuzeit war die Kirche allgegenwärtig und die Untertanen waren daher stark in das kirchliche Leben eingebunden. Im 18. Jahrhundert nahm dann die Kritik an der Kirche und der Religion, die vor allem von der Aufklärungsphilosophie und -literatur gefördert wurde, in allen Bevölkerungsschichten zu. An dieser kritischen Dis­kussion beteiligte sich auch ein Großteil der Geistlichkeit.[4] Im 19. Jahrhundert setzte sich die Infragestellung der Religion allgemein und der Kirche fort, die sich insbeson­dere gegen die traditionellen christlichen Dogmen und deren Weltanschauung richtete.[5] Tatsächlich war dieses Jahrhundert die große Zeit der protestantischen Theologie. Neue Auffassungen des Verständnisses der Reformation und der Bedeutung Luthers führten zum dauerhaften Konflikt mit den konservativen Altlutheranern, die glaubten, daß die liberalen Ansichten den evangelischen Glauben und die Kirche zerstören. Diese Streitigkeiten enttäuschten die protestantischen Bürger und die Kirchengemeinde war für sie kein Ort mehr, wo sie sich geistig und sozial orientieren konnten.[6] Durch die im Laufe des Jahrhunderts vorgenommenen Kirchenreformen, die Staat und Kirche zu­nehmend voneinander trennten, wurden die Bürger noch mehr aus dem kirchlichen Le­ben entbunden, was letztendlich dazu führte, daß christliche Sitten und Riten weniger befolgt wurden. Auch das allgemeine Bewußtsein, bzw. das Dazugehörigkeitsgefühl, der Bevölkerung zum Protestantismus ist mit der Zeit mehr und mehr zu einem ledigli­chen Antikatholizismus zusammengeschrumpft.[7]

Der deutsche Protestantismus wurde von der nationalistischen Entwicklung stark be­einflußt, vor allem im Hinblick auf die politischen Ereignisse von 1813, 1848, 1866 und 1870/71, und weil der Nationalismus neben dem deutschen Idealismus zur allgemein­gültigen geistigen Macht wurde.[8] Jedoch war die Stellung der Geistlichkeit zur Nation nicht eindeutig. Der Großteil der Amtskirchen standen dem Nationalismus zunächst eher kritisch gegenüber, da sie noch besonders obrigkeitstreu waren. Diese Einstellung änderte sich jedoch zum Teil nach der Reichsgründung. Der Grund war zum einen die liberale Verbindung von „deutsch” mit „protestantisch” zur einer neuen natio­nal-protestantischen Geschichtstheologie, und zum anderen wurden auch die Konserva­tiven national, da die Nation nun zur „sittlichen Macht” geworden war.[9]

Nationalismus und Religion wurden sowohl von den Bürgern als auch von den Geistli­chen miteinander in Verbindung gebracht, was durch die politischen Ereignisse geför­dert wurde. Schon Goethe sprach sich dafür aus, das Reformationsfest auf den 18. Ok­tober, dem Jahrestag der Völkerschlacht, zu verlegen, da er, wie viele Zeitgenossen, der Ansicht war, daß es „in keinem Sinne ein höheres Fest” gäbe, als der Tag des Sieges über Napoleon. Auch von der kirchlichen Seite waren die Geschehnisse von 1870/71 dann auch als gemeinsame Erfahrung in die Kirche eingegangen. So war der Sedantag nun nicht mehr nur nationaler Feiertag, sondern wurde zum protestantischen Reichs-Gebet für den Sieg und Bestand des nationalen Staates.[10]

[...]


[1] Hans Düfel, Das Lutherjubiläum 1883, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 95 (1984), S. 2-10, 82.

[2] H. Düfel, S. 82; Martin Greschat, Christentumsgeschichte II. Von der Reformation bis zur Gegenwart (= Grundkurs Theologie, Bd.4), Stuttgart u.a. 1997, S. 141.

[3] H. Düfel, S. 9.

[4] Lucian Hölscher, Die Religion des Bürgers. Bürgerliche Frömmigkeit und protestantische Kirche im 19. Jahrhundert, in: HZ 250 (1990), S. 597, 603.

[5] L. Hölscher, S. 616.

[6] M. Greschat, S. 162, 167; L. Hölscher, S. 607.

[7] L. Hölscher, S. 626; Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918. Arbeitswelt und Bürgergeist, Bd. 1, München 1990, S. 529.

[8] H. Düfel, S. 9.

[9] Thomas Nipperdey, Religion im Umbruch. Deutschland 1870-1918, München 1988, S. 93-95.

[10] H. Düfel, S. 12; T. Nipperdey, Rel. im Umbruch, S. 95.

Details

Seiten
15
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638105330
ISBN (Buch)
9783656132288
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v834
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich Meinecke Institut (Geschichte)
Note
2,75
Schlagworte
Martin Luther Luther- Reformationsfeiern Jahrhundert

Autor

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