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Die Bedeutung des Todes in Thomas Bernhards „Verstörung“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Autobiografie Thomas Bernhardts
2.1 Kurzer Abriss der Biographischen Daten
2.2 Zusammenfassung der Krankengeschichte Thomas Bernhards
2.3 Bedeutung der Autobiografie für den Inhalt von Bernhards Werken

3. Tod in „Verstörung“
3.1 Untersuchung der Form
3.1.1 Struktur des Werkes und Erzählperspektive
3.1.2 Sprache des Werkes
3.1.2.1 Sprache im ersten Teil des Buches
3.1.2.2 Die Besonderheiten im Monolog des Fürsten Saurau
3.2 Untersuchung des Inhalts
3.2.1 Interpretation des Inhalts hinsichtlich der Todesthematik
3.2.2 Die daraus resultierende Todesauffassung in „Verstörung“
3.2.3 Die besondere Bedeutung des Monologes des Fürsten Saurau

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thomas Bernhard ist ein Autor, der nicht nur durch seine außergewöhnlichen Schriften, sondern auch durch sein Verhalten in der Öffentlichkeit, wo er das Publikum stets mit seinen provokanten Äußerungen schockierte[1], immer wieder Aufsehen erregt hat: „Für eine derart nachhaltige und auch außerliterarische Breitenwirkung, die wiederum die Rezeption der Werke determiniert, ist der außergewöhnlich massive Eindruck der Schriftstellerpersönlichkeit […] partiell mit zu verantworten[…]“.[2]

Die Thematik seiner Stücke entspricht nicht dem Wunsch vieler Leser, durch die Lektüre eines Buches eine angenehme Abwechslung vom Alltag zu erleben; vielmehr will der Autor hier eine Art von Aufklärung der Rezipienten betreiben: „Die Wirkung Bernhards geht, und das trifft ja nach dem Tod des Autors noch mehr zu, weit über den Bereich des Literarischen hinaus und erreicht auch eine andere Öffentlichkeit.“[3]

Ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch alle Werke Bernhards zieht, und daher in jedem Fall eine genaue Analyse wert ist, ist das des Todes:

Daß der Topos Tod für Bernhard einen Supersignifikanten repräsentiert, der seinem literarischen Begriffssystem überhaupt erst eine semantische Valenz zukommen läßt und allen übrigen Signifikanten die Plätze ihrer Aussagekraft zuweist, wird schon bei Berücksichtigung der Tatsache manifest, daß in keinem nennenswerten Interview der Rückgriff auf ihn fehlen darf. Meistens wird er vom Dichter selbst lanciert, ansonsten laufen die Fragen der Journalisten den Horizont des Todes entlang oder stehen vor dem Tod, weil er von der Poetik der Texte vorgegeben wird.[4]

Dieses Thema wird in dieser Arbeit aufgegriffen und anhand des Romans „Verstörung“ näher untersucht. Dabei werden die Hintergründe Bernhards ständiger Anwendung dieses Motivs beleuchtet; ferner erfolgt eine genaue Ausarbeitung seiner Todesauffassung.

Bei einer so exzessiven Verarbeitung des Todesmotivs in allen Schriften kann sicherlich von einer Beteiligung biographischer Gründe für die Wahl dieses Themas ausgegangen werden, die im zweiten Kapitel näher untersucht werden. Der erste Teil des dritten Kapitels analysiert Bernhards Gebrauch der Todessymbolik zunächst formal, woraufhin im zweiten Teil dieses Kapitels die inhaltlichen Aspekte herausgearbeitet werden. Die besondere Relevanz des Monologes des Fürsten Saurau in „Verstörung“ wird in Kapitel 3.2.3 analysiert. Im vierten Teil der Arbeit werden die erarbeiteten Ergebnisse zusammengefasst und zu einem daraus resultierenden Fazit geführt.

2. Autobiografie Thomas Bernhards

2.1 Kurzer Abriss der biographischen Daten

Thomas Bernhard wurde am 9. Februar 1931 in Heerlen (Niederlande) geboren. Den Großteil seiner Kindheit verbrachte er jedoch bei seinen Großeltern. Als seine Mutter Herta Bernhard Anfang 1936 heiratete, nahm sie ihren Sohn zunächst wieder zu sich, doch wegen schulischer Schwierigkeiten und Erziehungsproblemen wurde er schließlich in einem Heim für schwer erziehbare Kinder untergebracht. 1942 besuchte er zunächst ein Internat in Salzburg, als jedoch 1943 sein Vater starb, den er nie kennen gelernt hatte, ging er zurück nach Wien, wo er wieder bei seinen Großeltern lebte. Von 1945 bis 1947 besuchte Bernhard das Johanneum in Salzburg, woraufhin er eine kaufmännische Lehre absolvierte. 1949 starben sowohl Bernhards Großvater als auch seine Mutter. Trotz der Veröffentlichung von Thomas Bernhards erster Prosa im Jahr 1950 begann er 1952 ein Schauspielstudium im Mozarteum. Er reiste von 1953 bis 1964 durch Europa, woraufhin er sich einen Bauernhof in Österreich kaufte, den er bis zu seinem Tod bewohnte. Als er 1989 starb wurden nur Fragmente seines Testaments bekannt, diese verfügten jedoch dass die nächsten 70 Jahre nach seinem Tod nichts aus seinem Nachlass veröffentlicht werden darf, geschweige denn verlegt, vorgetragen oder aufgeführt. Obwohl dieses Verbot 1988 aufgehoben wurde besteht nach wie vor Bernhards letzter Wille, „dass nach seinem Tod nichts publiziert werden dürfe, was er nicht bereits zu Lebzeiten veröffentlicht hatte.“[5]

2.2 Zusammenfassung der Krankengeschichte Thomas Bernhards

Thomas Bernhards Krankengeschichte begann 1949[6]: Durch eine verschleppte Grippe, die er sich 1948 zugezogen hatte, wurde er mit einer Rippenfellentzündung, die sich schnell zu einer Lungenentzündung entwickelte, ins Landeskrankenhaus Salzburg eingewiesen. Dort wurde sein Zustand als so kritisch eingeschätzt, dass er in das „Sterbezimmer“ verlegt wurde, wo man praktisch nur noch auf sein Ableben wartete. Trotz seiner damaligen Genesung verfolgten seine Lungenkrankheit, die bald als Lungentuberkulose diagnostiziert wurde, und die daraus entstandenen Folgekrankheiten (sowie weitere hiervon isoliert zu betrachtende Erkrankungen), den Schriftsteller den Rest seines Lebens. Immer wieder musste er stationär behandelt werden und ab 1978 war ihm ein Überleben nur noch durch den „Höchsteinsatz von Medikamenten“[7] möglich. Im Februar 1989 schließlich versagte sein Herz aufgrund der unheilbaren Lungenkrankheit endgültig.

2.3 Bedeutung der Autobiografie für den Inhalt von Bernhards Werken

Schon sehr früh in seinem Leben wurde Thomas Bernhard durch den Tod seines Vaters mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Bereits im Jahre 1949 waren fast alle ihm nah stehenden Familienmitglieder verstorben. Zudem gibt Bernhard selbst an, von seiner Großmutter oft mit auf den Friedhof genommen worden zu sein und begründet damit seine Vorliebe für Friedhöfe:

Und wahrscheinlich hatte ich die zugegeben immer große eigene Faszination für die Friedhöfe und auf den Friedhöfen von meiner Großmutter, die mich in nichts mehr geschult hat als in Friedhofsbesuchen und in der Betrachtung und Anschauung der Gräber und in der intensiven Betrachtung und Beobachtung der Aufgebahrten.[8]

Durch seinen eigenen Krankheitsverlauf hatte diese Konfrontation nun schließlich nie die Chance verarbeitet zu werden, so dass er die Möglichkeit des eigenen frühen Todes nie aus den Augen verlor:

Wie sehr Bernhards Befinden durch die Krankheit in Mitleidenschaft gezogen wurde, erhellt aus einem Kommentar seines Halbbruders und Arztes Peter Fabjan: „In den letzten zehn, zwölf Jahren war es ein Herzproblem, was von vornherein vollkommen unheilbar war und aussichtslos, das hat er auch absolut gewußt. Er war also seit gut zehn Jahren ein Mensch, der seinen Tod eigentlich immer absehen hat können.[9]

Diese zwangsläufig so intensive lebenslange Fixierung auf den Tod spiegelt sich nicht nur deutlich in seinen Werken wider, das Schreiben diente Bernhard geradezu als Flucht vor dem Tod bzw. als „Existenzbewältigung“[10]: „Ich war nicht gesund. […] Es ist mir nichts anderes übriggeblieben, als mich in meinen Verstand zu flüchten und mit dem irgendetwas anzufangen, weil das Körperliche nichts hergegeben hat.“[11]

Die immer schon aus der Todesdimension bezogenen Lebensqualitäten der Resistenz und Unbeugsamkeit können als wesentliche Kraftstoffe, ja analytische Zugkräfte der Textbotschaft kenntlich gemacht werden. Bernhards Kunstmethode ist seine „Todesmethode“, die schreibend dem Tod entrissen werden will, da dieser sie oktroyiert. Sie muß dem Rhythmus des Lebens abgehorcht sein, der sich in Bernhards Situation mit einen vom ersten bis zum letzten Text präsenten, lauernden und immer wieder einbrechenden Tod verschmolzen zeigt.[12]

Als Konsequenz aus dieser Selbsttherapie entsteht zwangsläufig eine Art wechselseitige Abhängigkeit: Bernhard wünschte sich nicht sehnlicher als gesund zu werden, doch ohne seine lebenslange Krankheit war ihm literarische Produktivität kaum möglich. So gibt es Belege dafür, dass er in Zeiten recht stabiler Gesundheit kaum erwähnenswerte Werke verfasst, während seine besten Werke gerade dann entstanden, wenn er gesundheitlich extrem angegriffen war (sofern ihm das dann noch möglich war).[13]

Manche Kritiker, wie Elfriede Jelinek in ihrem Nachruf auf Thomas Bernhard namens „Atemlos“, gehen sogar so weit, stilistische Elemente in seinen Werken mit dessen Krankheit zu begründen:

Seine lebenslange Krankheit hat ihn herausgehoben, seinen stets fehlenden Atem hat er festschreiben müssen. … Solange ich spreche, bin ich. Auch wenn man längst kannte, was da gesagt wurde - in ihrer Musikalität, in ihrer rhythmischen Gliederung, einer Endlos-Sinuskurve, waren die Texte unerreicht, mußte man, selbst atemlos geworden, immer weiterlesen. So hat die Erfahrung des zuwenig Luft Kriegens den wüsten Atem des Sprechers erzeugt.[14]

So spielt Bernhards Autobiografie also auf allen Ebenen eine wichtige Rolle für seine Werke. Sein durch Krankheiten und Leben geprägtes Weltbild und seine Todesfixierung spiegeln sich inhaltlich und stilistisch in seinen Schriften wider, die von kranken bzw. todkranken Menschen ohne Aussicht auf Heilung handeln.

3. Tod in „Verstörung“

3.1 Untersuchung der Form

3.1.1 Struktur des Werkes

Der gesamte Roman „Verstörung“ wird aus der Perspektive des Sohns erzählt. Dieser fungiert als peripherer Ich-Erzähler (homodiegetisch): Der Vater steht im Mittelpunkt der Geschichte und sein Sohn, der das Erzählte selbst erlebt, berichtet über ihn. Den Rahmen der Erzählung bildet die „Landarzt-Sohn-Geschichte“[15]. Im Vordergrund steht dabei der Berufsalltag des Vaters, im Hintergrund - als Binnenerzählung eingeschoben - werden Einsichten über das Vater-Sohn-Verhältnis deutlich.

[...]


[1] Zu diesen Aussagen siehe Kapitel 3.2.2.

[2] Janner, Markus: Der Tod im Text. Thomas Bernhards Grabschriften. Frankfurt a.M., Bern u.a. 2003 (= Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft Reihe B: Untersuchungen. Hrsg. von Bernhard Gajek, Band 85), S. 13.

[3] Janner: Der Tod im Text. Thomas Bernhards Grabschriften, S. 13.

[4] Janner: Der Tod im Text. Thomas Bernhards Grabschriften, S. 106.

[5] http://www.dieterwunderlich.de/Thomas_Bernhard.htm

[6] Vgl. Hoell, Joachim: Thomas Bernhard. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag 2000.

[7] Hoell: Thomas Bernhard, S. 39.

[8] Leonardy, Ernst: Totenrituale. In: Thomas Bernhard. Die Zurichtung des Menschen. Hrsg. von Alexander Honold. Würzburg. 1999, S. 187-197, S. 187.

[9] Thomas Bernhard. Traditionen und Trabanten. Hrsg. von Joachim Hoell, Kai Luehrs-Kaiser. Würzburg: Königshausen und Neumann 1999, S. 129.

[10] Steinert, Hajo: Das Schreiben über den Tod. Von Thomas Bernhards „Verstörung“ zur Erzählprosa der siebziger Jahre. Frankfurt a. M., Bern u.a.: Lang 1984, S. 26.

[11] Anz, Thomas: Gesund oder krank? Medizin, Moral und Ästhetik in der deutschen Gegenwartsliteratur. Stuttgart: Metzler 1989, S. 169.

[12] Janner: Der Tod im Text. Thomas Bernhards Grabschriften, S. 11.

[13] Vgl. Janner: Der Tod im Text. Thomas Bernhards Grabschriften, S. 84.

[14] Hoell: Thomas Bernhard, S. 40.

[15] Donnenberg, Josef: Thomas Bernhard (und Österreich). Studien zu Werk und Wirkung 1970-1989. Stuttgart: Heinz 1997, S. 30.

Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638899451
ISBN (Buch)
9783638905299
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83384
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Bedeutung Todes Thomas Bernhards Kranke Irre Gestörte Literatur Jahrhunderts

Autor

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