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Walsers Deutschland

Vergangenheitsbewältigung in Reden und Aufsätzen Martin Walsers

Hausarbeit 2007 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Begriff der Vergangenheitsbewältigung: Eine Einführung

2. Aufsätze und Reden im Werk Martin Walsers
2.1. Unser Auschwitz (1965)
2.2. Ausschwitz und kein Ende (1979)
2.3. Über Deutschland reden (1988)
2.4. Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede (1998)

3. Fazit

4. Literatur

1. Der Begriff der Vergangenheitsbewältigung: Eine Einführung

Der Begriff „Vergangenheitsbew

ältigung“ ist seit 1955 durch Theodor W. Adorno, durch die „Frankfurter Schule“[1], eng in der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus verhaftet. Die Nachkriegsliteratur dokumentiert bis heute die Schrecken der damaligen Jahre; die todbringende Diktatur der NSDAP unter der Führung Adolf Hitlers, den 2. Weltkrieg und seine zerstörende Kraft für die Bevölkerung sowie die Verfolgung und Vernichtung der Juden und der Staatsfeinde in Konzentrationslagern, um nur einige wenige Inhalte zu nennen. Erlebnisse und Erinnerungen von Augenzeugen dieser Schreckensherrschaft sind dabei häufig in der Literatur anzutreffen, seien es Kindheitserlebnisse wie z.B. dargestellt durch die Figur des Oscars in G. Grass: „Die Blechtrommel“[2] oder gar Episoden der vom Krieg direkt Betroffenen, z.B. in „Das Tagebuch der Anne Frank“[3] oder „ Ich war Hitlerjunge Salomon“[4] von S. Perel. Diese Romane, Geschichten und Berichte des Krieges sind dabei nur ein populärer Teil der Bewältigung mit den Schrecken der NS-Zeit in der Nachkriegsliteratur.

Neben den Konsequenzen, die sich in der Nachkriegszeit ergeben haben, wie z.B. die Teilung Deutschlands in BRD und DDR, ist die Nachkriegsliteratur immer wieder auch damit beschäftigt, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie ein „Übergang von Gestern ins Heute zustande gekommen ist“[5], mit der Frage nach der sozial-psychologischen Bewältigung dieser Zeit. Motive der Nachkriegsautoren drehen sich immer wieder um Fragen des persönlichen Gewissens, um Fragen nach der Kollektivschuld und Mitverantwortung der Deutschen[6] bis zu Reorganisation einer deutschen Identität. Neben z.B. Karl Jaspers[7] oder der Gruppe 47[8] beschäftigt sich Martin Walser mit dieser Thematik.

Diese Hausarbeit versucht Martin Walsers Vorstellungen der Vergangenheitsbewältigung durch die Inhaltsanalyse einer Auswahl seiner Reden und Aufsätze nachzuvollziehen. Welche Verantwortung trägt Deutschland für die Verbrechen an der Menschlichkeit während der NS-Zeit? Gibt es eine Kollektivschuld? Welche Vorstellung von Deutschland hat Martin Walser in diesem Zusammenhang? Dabei sollen Martin Walsers Vorstellungen vom geteilten Deutschland nicht unbedeutend bleiben….

2. Aufsätze und Reden im Werk Martin Walsers

Walser veröffentlichte neben Romanen, wie z.B. „Ein springender Brunnen“ (1998) oder „Tod eines Kritikers“ (2002) eine Reihe von Aufsätze und Reden, die gesellschaftspolitische Fragen um Deutschland als Nation sowie Fragen zur Vergangenheitsbewältigung genauso thematisieren, wie z.B. den Einfluss der Medien auf die Meinungsbildung[9], z.B. in Unser Ausschwitz (1965) oder sein Verhältnis zu DDR, z.B. in „Händedruck mit Gespenstern“ (1979) oder seine Einstellung zur Teilung Deutschlands in „Über Deutschland reden“ (1988).

Walser reflektiert in seinen Reden und Aufsätzen neben gesellschaftspolitischen Ansichten auch die Literatur als Schriftsteller, z.B. in seiner „Paulskirchenrede“ (1998), in der er seine Haltung zu Aufsätzen und Reden gegenüber Romanen, Gedichte und Erzählungen verdeutlicht. Während Literatur, d.h. Romane, Gedichte, Erzählungen, „nichts verkaufen will“[10], den Leser also nicht eine Meinung aufzuzwingen versucht, besitzen Reden, Aufsätze und Interviews eine Überzeugungskraft beim Leser bzw. Zuhörer[11]. Für Walser werden Schriftsteller durch das Halten von Reden bzw. durch Interviews in den „Meinungsdienst“[12] genötigt. Für ihn stehen Romane, Gedichte und Erzählungen gegenüber Aufsätze und Reden in einem Hierarchieverhältnis; Romane haben durch ihre literarische Freiheit für Walser einen wesentlich höheren Stellenwert, als Aufsätze und Reden[13].

Unabhängig von dieser Einstellung beeinflussten seine Werke, sowohl seine Romane, als auch seine Aufsätze und Reden die politische Öffentlichkeit und die Diskussion um die Vergangenheitsbewältigung in der Literatur. Einerseits wird er als „Literat auf dem rechten Wege“[14] bezeichnet, gar Antisemitismus wird ihm vorgeworfen[15], was verwundert, immerhin wurde er der DKP und den linken Intellektuellen zugeordnet[16]. Andererseits erhielt Walser Preise, so z.B. den Friedenspreis des deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche. Durch seine dazugehörige „Paulskirchenrede“ (1998) entfachte die berühmte Walser-Bubis-Kontroverse, auf die diese Hausarbeit zurückkommen wird, doch zunächst möchte ich mich mit dem Aufsatz „Unser Ausschwitz“ (1965), mit den Reden „Ausschwitz und kein Ende“ (1979) und „Über Deutschland reden“ (1988) inhaltlich beschäftigen, um Walsers Vorstellungen bzgl. einer deutschen Vergangenheitsbewältigung innerhalb der letzten Jahrzehnte nachzuvollziehen, auch um Entwicklungen Walsers dabei zu kennzeichnen, ggf. auch um Widersprüche dabei zu entdecken.

2.1. Unser Auschwitz (1965)

Das Personalpronomen „unser“ verdeutlicht, worum es in „Unser Ausschwitz“ (1965) geht, um die Frage nach einer Kollektivschuld der Deutschen an den Verbrechen an der Menschlichkeit in den Konzentrationslagern während der NS-Zeit, hier konkret an den Verbrechen in Ausschwitz. Mit diesem Aufsatz für die „Frankfurter Abendpost“ befindet sich Walser in der Nachfolge von Karl Jaspers „Schuldfrage“[17]. Sowohl für Jaspers, als auch für Walser existiert eine Mitverantwortung der Deutschen am Holocaust durch die Wahl einer Regierung und durch die Duldung der Verbrechen der Diktatur[18]. Walsers Aufsatz erscheint während der Frankfurter Ausschwitz-Prozesse, die Walser in diesem Zusammenhang als „Schlupfloch“[19] bezeichnet. Walser analysiert die öffentliche Vergangenheitsbewältigung Mitte der 60er Jahre und stellt fest, dass es an einer Debatte über die Gründe, die den NS-Staat zuließen, dass es an einer Diskussion über die gesellschaftlichen Bedingungen, die die Entstehung der Konzentrationslager ermöglichten, mangelt. Er kritisiert in diesem Zusammenhang die Sprache in den Berichterstattungen der Medien über die Prozesse. Dort ist von „Bestien“, „Teufeln“ und „Henkern“ die Rede.[20] Walser geht davon aus, dass diese Begriffe nicht nur falsch verwendet wurde, sondern, dass diese Lexik vor allem von der Realität ablenke, dass die Verbrecher der NS-Zeit, die in Frankfurt vor Gericht standen, normale Menschen wie du und ich waren.[21]. Hadek (2006) betont dabei folgendes Zitat Walsers, eine Novum in der Vergangenheitsbewältigung:

„Die Bedingungen, die diese Brutalität ermöglichten, sind viel zu farblos, viel zu sehr im Historischen, im Politischen, im Sozialen zuhause, also entschwinden sie uns vor dem saftigen Inbegriff eines SS-Mannes, den wir zur Bestie stilisieren.“[22]

[...]


[1] Vgl. Hadek, Natja, 2006:

[2] Günter Grass: „Die Blechtrommel“, Luchterhand Literaturverlag, Darmstadt 1959.

[3] Marion Siems: „Anne Frank, Tagebuch“, Stuttgart, Reclam 2003.

[4] Sally Perel, Brigitta Restorff (Hrsg.): „Ich war Hitlerjunge Salomon : er überlebte in der Uniform seiner Feinde ; ein erschütterndes Schicksal“ 5. Auflage, Heyne Verlag, München 1997.

[5] Vgl. Hadek, Natja, 2006:

[6] ebd.

[7] Karl Jaspers: „Die Schuldfrage“

[8] Die Gruppe 47 entstand durch ein Treffen von Schriftstellern, durch Einladung des Patron Hans-Werner

Richter. Ihre Ziele lagen in der Reorganisation der deutschen Literatur durch die Überwindung der

faschistischen Sprache. Dieser Kreis beschäftigte sich mit den Begriffen Verantwortung, Schuld,

Kollektivschuld, Umerziehung und Entnazifizierung, sowie mit dem Regime der DDR.

[9] vgl. Hadek, Nadja, 2006:

[10] ebd:

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] ebd:

[14] vgl. Krzywdzinsiki, 1999

[15] vgl. Hadek, Nadja, 2006:

[16] ebd.:

[17] vgl. Hadek, Nadja, 2006:

[18] ebd.

[19] vgl. Walser, 1968: S. 19, auch: Hadek, Nadja, 2006:

[20] vgl. Hadek, Nadja, 2006:

[21] ebd.:

[22] Walser, 1965: S. 22, vgl. auch: Nadek, 2006:

Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638893923
ISBN (Buch)
9783638894708
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83274
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Deutschland Einführung Literaturgeschichte Walser Nachkriegsliteratur

Autor

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Titel: Walsers Deutschland