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Zur Struktur und den Bestandteilen des Einsilbers in der deutschen Sprache

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 30 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Silbenbegriff und Terminologie

3. Das allgemeine Silbenbaugesetz
3.1. Das Schema einer Silbe
3.2. Die Sonoritätshierarchie

4. Zu den Bestandteilen der Silbe
4.1. Der Anfangsrand der Silbe
4.1.1. Einfacher Anfangsrand
4.1.2. Komplexer Anfangsrand
4.2. Der Silbenkern
4.3. Der Endrand der Silbe
4.3.1. Der dorsale Frikativ
4.3.2. Die Nasale
4.3.3. Die Auslautverhärtung

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Most phonologists, to the extent that they have accepted it, attempt to deal with the syllable as a phonological unit” (Hyman 1975, 188). Dabei ist die Grundannahme bezüglich der Silbe, dass es eine Beziehung zwischen der Struktur des Wortes, und der Struktur der Silbe gibt (Hyman 1975, 189). Denn grundsätzlich gilt, dass durch die Silben die Laute, die im zusammenhängenden Sprechen als kontinuierliche Folge produziert werden, zu strukturierten Gruppen zusammengefasst werden, was die Silbe somit zu einem fundamentalen Begriff der Phonetik macht (Lindner 1981, 286). Aber die Wichtigkeit dieser Konstituente lässt sich auch damit begründen, dass es viele Phänomene gibt, die sich nun einmal ausschließlich innerhalb einer Silbe finden lassen, wie beispielsweise die Auslautverhärtung, die Allophonie oder den dorsalen Frikativ, auf welche ich im Verlauf dieser Arbeit noch kommen werde (Féry 2000, 144).

Doch wie lassen sich Silben erfassen und definieren, wie kann man eine Silbe strukturell darstellen? Lässt sich mehr sagen, als dass es sich dabei um Einheiten handelt, die phonologische Abfolgen von Segmenten strukturieren (Féry 2000, 144)? Wie kann man eine phonetische Silbe in ihre lautlichen Bestandteile aufgliedern (Kohler 1977, 79)?

Anhand der Fragen, die ich in dieser Arbeit klären möchte, beziehungsweise über die ich einen Überblick verschaffen möchte, ist bereits erkennbar, dass die Silbe als Kategorie im Mittelpunkt stehen wird. Schließlich unterscheiden sich Sprachen nicht nur durch unterschiedliches Phoneminventar, sondern auch grundlegend in der Art, wie diese Phoneme zu größeren Einheiten, also unter anderem eben zu Silben, kombiniert werden können (Willi 2001, 429). Dabei werde ich im Folgenden den Silbenbegriff und mit der Silbe verbundene Begrifflichkeiten klären, weiter werde ich das allgemeine Silbenbaugesetz näher erläutern und schließlich auf die Bestandteile der Silbe näher eingehen. Diese Untersuchungen werde ich alle anhand der deutschen Sprache mit Beispielen belegen.

2. Silbenbegriff und Terminologie

Was ist eine Silbe eigentlich? Wie lässt sie sich phonologisch abgrenzen? Wo fängt die Silbe an und wo endet sie? Schließlich ist die Silbe ein schwerlich zu definierender Begriff, da es keine invarianten Korrelate zur Silbe gibt und sie ohnehin von Sprache zu Sprache verschieden ist (Féry 2000, 144).

Silben sind phonologische Konstituenten von Wortformen und stellen damit übergeordnete artikulatorisch-auditive Einheiten dar (Eisenberg 2006, 100). Sie sind die Grundeinheiten des kontinuierlichen Artikulationsablaufs, der aus Alternationen von Öffnungs- und Schließvorgängen besteht (Ramers 1995, 111). Sie sind die kleinsten sprachlichen Einheiten, über die es möglich ist, Grammatikalitätsurteile abzugeben (Eisenberg 2006, 100).

Zunächst einmal besteht die Silbe aus drei Teilen: dem Silbenkern, auch Nukleus oder peak genannt, dem Anfangsrand oder Onset und dem Endrand, der Koda (Eisenberg 2006, 100; Hyman 1975, 188). Aber, wie Larry M. Hyman (1975, 188) bemerkt „for phonological purposes only a single division is relevant, namely between (1) the onset and (2) the core, consisting of the phonetic peak and coda combined”. Bei Hyman setzt sich der Kern (“the core”) also aus dem Endrand und dem Silbenkern (“peak”) zusammen (Hyman 1975, 188). Doch wie lässt sich diese Kombination, oder Zusammenfassung rechtfertigen? Denn demgegenüber unterscheidet Karl-Heinz Ramers innerhalb der Silbe grob zwischen Silbengipfel und den Silbenrändern, er fasst also entgegen Hyman eher die Ränder, die sich um den Kern, den Silbengipfel bilden, als eine Einheit zusammen und nicht Nukleus und Koda (Ramers 1995, 111). Dieser Auffassung ist auch Elmar Ternes, der als Bestandteile der Silbe den obligatorischen Silbenkern einerseits, und den fakultativen Silbenrand (Anfangs- und Endrand) andererseits betrachtet (Ternes 1999, 185).

Bernd Pompino-Marschall (2003, 241) spezifiziert die grobe Silbenstruktur noch weiter: „um den vokalischen, die höchste Sonorität aufweisenden Silbenkern sind im Silbenkopf (Anfangsrand) und in der Silbencoda (Endrand) die Konsonanten spiegelbildlich gruppiert, das heißt mit ihrem Abstand vom Silbenkern nach abnehmender Sonorität“, doch darauf werde ich im Kapitel 3.2. zur Sonoritätshierarchie noch näher eingehen. Es sei nur an dieser Stelle der Vollständigkeit halber mit erwähnt.

Der Silbenkern des Einsilbers wird laut Peter Eisenberg (2006, 101) von einem Vokal gebildet, ob sich das wirklich so einfach sagen lässt, oder ob es auch hier andere Ansichten in der Forschung gibt, wird sich in Kapitel 4.2. zum Silbenkern noch zeigen. Bei diesem Vokal kann es sich dabei in der Funktion des Kerns um einen Kurzvokal, einen Langvokal oder um einen Diphthong handeln (Meinhold/ Stock 1980, 180). Der Teil der Silbe, der dem Kern vorausgeht, heißt, wie schon erwähnt Anfangsrand oder Onset, der ihm folgende Teil wird als Endrand oder Koda bezeichnet. Kern und Endrand stellen den Silbenreim dar, welcher dem „core“, also dem Kern bei Hyman entspricht (siehe Seite 3, Abschnitt 3) (Eisenberg 2006, 101). Das erklärt auch, warum Hyman Nukleus und Koda zusammenfasst, er tat dies unter dem sprachlichen Aspekt, und sieht den Teil der Silbe, der in beispielsweise Gedichten als Reim fungiert, als eine Einheit.

Für den Fall, dass Onset oder Koda genau einen Laut enthalten, liegt eine so genannte einfache Silbe vor, und enthalten sie mehrere Laute, haben wir es mit einer komplexen Silbe zu tun (Eisenberg 2006, 101). Silben mit einem leeren Onset nennt man nackt, solche mit gefülltem Onset heißen bedeckte Silben (Eisenberg 2006, 101). Ist der Endrand leer, liegt eine offene Silbe vor, ist er wiederum gefüllt, ist die Silbe geschlossen (Eisenberg 2006, 101; Hall 2000, 215).

Wie werden die Bestandteile der Silbe eigentlich strukturell dargestellt?

Heinz Vater (1992, 100) nennt zwei grundlegende Modelle zur Strukturansicht der einfachen Silbe. Ein hierarchisches Modell mit Konstituentenstruktur (Abbildung 1) und ein flaches Modell (Abbildung 2). Zum Verständnis der Skizzen ist es notwendig, Kenntnis darüber zu haben, dass es in der Phonologie üblich ist, die Silbe mit dem griechischen Sigma (σ) abzukürzen (Hall 2000, 207).

Laut Heinz Vater (1992, 100) impliziert nur die Annahme einer hierarchischen Struktur Konstituenten und daraus folgend impliziert nur die Annahme von Konstituenten den Silbennukleus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: hierarchische Silbenstruktur (in Abb. 2: flache Silbenstruktur (in Anlehnung an

Anlehnung an Heinz Vater (1992, 100)) Heinz Vater (1992, 100))

Ein wenig anders betrachtet Peter Eisenberg (2006, 101) diese Angelegenheit. Zwar unterscheidet auch er zwischen der Konstituentenstruktur und der flachen Struktur, im Unterschied zu Heinz Vater sieht er dessen Konstituentenstruktur in ihrer Anwendung allerdings nicht gerechtfertigt. Er sieht keine konsistente Begründung für höhere Konstituenten innerhalb der Silbe und somit auch keine hinreichende Begründung für sein so genanntes „tiefes Modell“. Vielmehr liege eine Interaktion der Teile miteinander auf unterschiedliche Weise vor. Er würde somit die flache Form als angemessener betrachten. Doch auch das flache Modell betrachtet er als nicht zufrieden stellend. So schlägt er ein drittes Modell vor, das der Konstituentenstruktur im Wesentlichen ähnelt (Abbildung 3). Er verwendet allerdings andere Begrifflichkeiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Konstituentenstruktur (in Anlehnung an Peter Eisenberg (2006, 101))

Eisenberg (2006, 101) betrachtet bei dieser Struktur Onset, Nukleus und Koda nicht als kategoriale Begriffe, sondern, in Anlehnung an die Strukturmodelle aus dem Bereich der Syntax, als relationale Begriffe und sieht somit den Unterschied zwischen Nukleus und Vokal proportional zum Unterschied zwischen beispielsweise Prädikat und Verb.

Auffällig ist auch, dass in den Tiefenstrukturen, sei es bei Heinz Vater oder Peter Eisenberg, jeweils Nukleus und Koda (oder im letzteren Fall Vokal und Konsonantgruppe) zur Kategorie Reim (in letzterem Fall zur Kategorie Vokalgruppe) zusammengefasst sind, entsprechend der Auffassung Hymans (siehe Seite 3, Abschnitt 3), dass „peak“ und „coda“ zu „core“ zusammengefasst werden können.

3. Das allgemeine Silbenbaugesetz

3.1. Das Schema der Silbe

Im Einsilber geht mindestens ein Konsonant voraus. Es gibt somit keine nackten Einsilber (dies ist wird durch den glottalen Verschlusslaut, [ʔ] verhindert). Die Koda allerdings kann leer sein. Die kompliziertesten Einsilber, die über keine morphologische Grenze verfügen, sind laut Eisenberg (2006, 102f) Formen wie Pflicht [pflιçt], Strumpf [ʃtʀʊmpf] oder ernst [ʔɛʀnst]. Es ist im deutschen Einsilber folglich möglich im Anfangsrand bis zu drei Konsonanten stehen zu haben und im Endrand drei oder vier Konsonanten zu haben.

Sieht man sich den Aufbau der Silbe einmal genauer an, kann man feststellen, dass sich die Sprachlaute innerhalb von Silben symmetrisch zum Silbenkern gruppieren (Heike 1992, 5). Dieser symmetrische Aufbau ist durch die Sonoritätsskala begründet (Vater 1992, 103), auf die ich im nächsten Punkt ausführlich zu sprechen komme.

Dabei, um zur Symmetrie im Silbenaufbau zurückzukommen, stehen ganz außen die Obstruenten, gefolgt von den Sonoranten weiter innen und dem Vokal, als dem Silbenkern, in der Mitte. Im Anfangsrand stehen nun die stimmhaften Obstruenten näher am Kern als die Stimmlosen, und die Liquide näher am Kern als die Nasale (Eisenberg 2006, 103). Dieses Schema werde ich nun mit Beispielen noch füllen (siehe Abbildungen 4 und 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Silbenschema nach Eisenberg (2006, 103)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Beispiele für das Silbenschema (nach Eisenberg (2006, 103))

Anhand der Schemata ist ersichtlich, dass zum Beispiel Nasale und Liquide im Anfangsrand im Deutschen nur eine Position besetzen (Abbildung 5), während sie im Endrand zwei Positionen besetzen können, indem die Liquide weiter in [ʀ] und [l] zerlegt werden (Eisenberg 2006, 103). So ist eine Silbe wie Kerl möglich, aber *Kelr ist keine korrekte deutsche Silbe. Der spiegelbildlichen Anordnung gemäß kann auch auf einen anlautenden Obstruenten ein Sonorant folgen (z. B. Trank), allerdings ist nach dem Silbenkern nur die umgekehrte Sequenzfolge möglich (z. B. knarrt, *knatr) (Vater 1992, 104). Natürlich gibt es auch Lexempaare, die über spiegelbildlichen Aufbau verfügen, also rückwärts gelesen möglich sind, jedoch andere Wortbedeutungen tragen, wie zum Beispiel Kram und Mark (Vater 1992, 104). Wenn man aus dem spiegelbildlichen Aufbau der Silben Schlüsse ziehen kann, so ist es, dass im Deutschen die Sequenzfolge aus Obstruent und Sonorant nur im Onset möglich ist, und die Folge aus Sonorant und Obstruent nur in Koda zu realisieren ist. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber auf diese werde ich im Verlauf der Sonoritätshierarchie zu sprechen kommen.

Nach dieser Darstellung stellt sich natürlich die Frage, ob sich diese Lautklassen noch näher spezialisieren lassen? Was lässt sich aus dieser Symmetrie schließen? Wird die Sonoritätshierarchie Aufschluss darüber geben?

3.2. Die Sonoritätshierarchie

Bevor ich zur Sonoritätshierarchie komme, erachte ich es als wesentlich, den Begriff der Sonorität zu klären. Was ist das: Sonorität? Kann man sie messen? Ist es ein subjektiv zu bestimmender Wert? Wie wissenschaftlich fundiert ist sie?

Karl-Heinz Ramers und Heinz Vater (1995, 111) erklären Sonorität folgendermaßen: Während der Artikulation, des Sprechens erfolgen natürlich Öffnungs- und Schließvorgänge, diese wiederum entsprechen auf akustischer Seite der Zu- und Abnahme der Schallintensität. Die lokalen Maxima, die dabei entstehen, also die Stellen, die am lautesten oder intensivsten wahrnehmbar sind, sind die Silbengipfel einer Silbe. Die Minima, also die leisesten Segmente, die schallschwächsten Segmente stellen die Silbenränder dar. Das heißt, die Schallintensität ist nichts weiter als die Klangintensität, oder auch Sonorität (Schematische Darstellung Abbildung 6 ($ repräsentiert die Silbe)).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Schematische Darstellung der Sonorität nach K.-H. Ramers/ Heinz Vater (1995, 111)

Die Segmente, aus denen sich Silben, wie schon bekannt, nun zusammensetzen, nehmen laut dieser Hierarchie eine bestimmte Position innerhalb der Silbe ein, das heißt, die Segmente dürfen nicht einfach willkürlich an einer beliebigen Stelle in der Silbe erscheinen, sondern die Reihenfolge des Auftretens der Segmente wird durch verschiedene Prinzipien stark beschränkt (Féry 2000, 146). Diese Prinzipien wurden in der Sonoritätshierarchie zusammengetragen, daraus folgt, dass es sich bei dieser Hierarchie lediglich um eine strukturelle Darstellung handelt, sie erklärt nichts, sondern verallgemeinert nur (Eisenberg 2006, 105).

Die Sonoritätshierarchie basiert grundlegend auf der Annahme, dass die Laute aller Sprachen der Erde in derselben Weise nach Sonoritätsklassen geordnet werden können, und somit soll diese übergreifende Ordnung die Grundlage für den Silbenbau in allen Sprachen darstellen (Eisenberg 2006, 104). Der Zusammenhang zwischen Sonoritätshierarchie und dem Silbenbau wird über das so genannte Allgemeine Silbenbaugesetz vermittelt, welches laut Peter Eisengberg (2006, 104) besagt, „dass die Sonorität der Laute in der Silbe von den Rändern zum Kern hin zunimmt und im Kern ihr Maximum erreicht“. Demnach müsste der Silbennukleus mit dem Silbengipfel (siehe Abbildung 6) zusammenfallen.

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Details

Seiten
30
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638898973
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83216
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,3
Schlagworte
Struktur Bestandteilen Einsilbers Sprache Wortgrammatik Laut Silbe

Autor

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