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Wissenschaft als Beruf - Der Begriff des Dilettantismus bei Max Weber

Hausarbeit 2006 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1.0 Einleitung
1.1 Allgemeines
1.2 Begrenzungen und Thema der Arbeit

2.0 Der Vortrag Wissenschaft als Beruf
2.1 Zeitgeschichtlicher Hintergrund/ Biographische Einordnung
2.2 Der Vortrag/ Entstehung und Resonanz

3.0 Der Begriff des Dilettantismus
3.1 Inhalt/ Analyse des Vortrags
3.2 Der Dilettantismus-Begriff in Webers Vortrag

Resümee

Quellen- und Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

1.1 Allgemeines

Wenige Jahre vor seinem Tod hielt Max Weber, einer der wesentlichen Begründer der Soziologie als Wissenschaft in Deutschland. einen Vortrag, der aufgrund seiner

radikalen Thesen für Aufsehen sorgte, und welcher in vielerlei Hinsicht bis heute Gültigkeit bewahrt hat.

Zeitgemäß bleiben einerseits Webers Ausführungen zu den allgemeinen Umständen einer wissenschaftlichen Laufbahn, die vielleicht heute, in Zeiten universitärer Umstrukturierungen und Angleichung an das US-amerikanische Hochschulsystem, sogar wieder an Aktualität gewinnen.

Andererseits stellt "Wissenschaft als Beruf" einen wichtigen Bezugspunkt innerhalb der Diskussion um den so genannten Werturteilsstreit dar, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.[1]

Darüber hinaus, und darauf liegt das Hauptaugenmerk dieser Arbeit, widmet sich Weber dem Begriff des Dilettantismus und dessen Bedeutung für die Wissenschaft.

Auch hier trifft Weber Aussagen, deren beständige Gültigkeit sich an aktuellen Beispielen belegen lässt.

1.2 Begrenzungen und Thema der Arbeit

Den eigentlichen Hauptgegenstand der Rede Webers bilden die umfassende Beschreibung und anschließende Bewertung der beruflichen wissenschaftlichen Tätigkeit.

In diesem Zusammenhang ist "Dilettantismus" ein Aspekt, auf den Weber im Verlauf des Vortrags immer wieder zu sprechen kommt, ohne jedoch eine explizite Definition des Begriffes und seiner Bedeutung zu liefern.

Gleichzeitig weist die Rede eine Fülle von Anspielungen und Verweisen auf, die ohne weiteres heute nicht verstanden werden, zur Erschließung des Textes jedoch von Bedeutung sind.

Um sich Webers Verständnis von "Dilettantismus" anzunähern, ist es also zunächst sinnvoll, eine sowohl zeitgeschichtliche als auch kurze biographische Einordnung vorzunehmen, damit eine präzise Analyse des Textes und schließlich die genaue Klärung des Begriffes möglich wird.

Wie viele seiner Zeitgenossen, die den Begriff des Dilettanten im Wirkungsfeld von Kunst bzw. Literatur diskutierten, so beschäftigte sich auch Max Weber mit Rolle und Stellenwert desselben für den Bereich der Wissenschaft. Während sich jedoch die literarische Décadence des Fin-de-siècle zunächst selber im Zeichen des Dilettantismus deutet und der Begriff eine positive Wertung erfährt, nimmt Weber die Position des Außenstehenden ein, der als "Experte" den Status des "Laien" kritisch beurteilt.

Ziel der Arbeit ist es also, den spezifisch wissenschaftlichen Betrachtungswinkel auf Dilettantismus auszuleuchten, und Unterschiede zu anderen Interpretationen des Begriffes kenntlich zu machen.

Um Webers Haltung noch deutlicher herauszuarbeiten, soll auch auf die Frage eingegangen werden, inwiefern sich seine von anderen Deutungsrichtungen des Begriffes abhebt.

2.0 Der Vortrag Wissenschaft als Beruf

2.1 Zeitgeschichtlicher Hintergrund/ Biographische Einordnung

1917, das Jahr in dem Weber seine berühmte Rede hält, markiert eine biographische Wende in seinem Leben: Nach fast 20 Jahren rein wissenschaftlicher Arbeit konzentriert er sich wieder auf andere Tätigkeiten. So publiziert er ab 1915 verstärkt kritische Artikel zur deutschen Kriegszielpolitik und übernimmt mit der Zusage zu einem Probekolleg für das Sommersemester 1918 wieder eine Lehrtätigkeit an der Universität Wien.

Es ist eine bewegte Zeit: In Russland macht sich die Bolschewiki daran, die provisorische Regierung zu stürzen und das Land aus dem verlustreichen Krieg gegen Deutschland herauszuführen. Die deutsche Regierung ihrerseits hat einen nicht unbeträchtlichen Anteil an diesen Vorgängen, da sie den führenden Kopf der russischen Revolutionäre, Wladimir Iljitsch Lenin, nach Petograd geschafft hat.

Für die deutsche Kriegführung im Osten macht sich die Entwicklung dann auch bald positiv bemerkbar.

Anders sieht es im Westen aus; hier hat inzwischen die USA auf Seiten der Alliierten in den Krieg gegen Deutschland eingegriffen; im Deutschen Reich selbst werden die Folgen der alliierten Blockade und der Kriegswirtschaft dramatisch fühlbar; auch die politischen Debatten, insbesondere über eine Verfassungsreform, nehmen an Schärfe zu.

Die Verabschiedung der Friedensresolution des Reichstages am 19. Juli 1917 stimmt Weber optimistisch. Er sieht die Chance auf einen baldigen Frieden und verstärkt deshalb seine pazifistischen Tätigkeiten.[2] Außerdem beginnt er vermehrt als Redner aufzutreten, und zwar nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Politiker.

In seinem Vortrag klammert Weber die Tagespolitik jedoch explizit aus, auch wenn sich im Pathos des Tonfalls die nationale Befindlichkeit gelegentlich widerspiegelt, und er beiläufig auch auf das Problem des Antisemitismus hinweist:

"Ist er ein Jude, so sagt man ihm natürlich: lasciate ogni speranza."[3]

("Lass die Hoffnung fahren")

Kennzeichnend für Webers Wissenschaftsverständnis ist eine politische Öffnung der Universitäten - er versucht, SPD-Mitgliedern den Zugang zur akademischen Welt zu erleichtern und distanziert sich vom antisemitischen und männerbündlerischen Klima an den deutschen Hochschulen. So setzt er sich 1907/08 – aufgrund des Widerstands von Hochschulleitung und Burschenschaften jedoch ohne Erfolg – für die Berufung des jüdischen Sozialwissenschaftlers Georg Simmel auf eine Philosophie-Professur in Heidelberg ein.

Auf der anderen Seite erhebt Weber in seiner Rede die Forderung, dass "praktisch-politische Stellungnahme und wissenschaftliche Analyse politischer Gebilde und Parteistellungen... zweierlei" seien. "Unverantwortlich" nennt Weber den "[...] Umstand, dass die Studenten um ihres Fortkommens willen das Kolleg eines Lehrers besuchen müssen, und dass dort niemand zugegen ist, der diesem mit Kritik entgegentritt, auszunützen, um den Hörern nicht, wie es seine Aufgabe ist, mit seinen Kenntnissen und wissenschaftlichen Erfahrungen nützlich zu sein, sondern sie zu stempeln nach seiner persönlichen politischen Anschauung".[4]

Auch wenn Weber immer wieder vehement für die Wertfreiheit des Wissenschaftlers eintritt, so "bedeutet [diese] keineswegs den völligen Verzicht auf Werturteile seitens [...] des Forschers . [...] denn niemand ist schließlich nur Wissenschaftler, und als Privatperson hat er selbstverständlich das Recht zur Wertung."[5]

Gelegen ist ihm demnach einzig an der deutlichen Trennung von Wissenschaft und Politik, Forscher und Privatperson.

2.2 Der Vortrag/ Entstehung und Resonanz

Einer Einladung des "Freistudentischen Bundes, Landesverband Bayern“ folgend,

hält Weber am 7. November 1917 in München seine Rede "Wissenschaft als Beruf" vor etwa einhundert Studenten und einigen Journalisten. Er sprach frei; die Rede wurde mitstenographiert und später separat publiziert.

Jener Bund war als liberale Studentenvereinigung bekannt, als ein Gegenpol zu den vorwiegend nationalistischen Studentenverbindungen des Wilhelminischen Deutschland.

Es war eine Organisation ehemaliger Freistudenten, die sich um die Jahrhundertwende zu einem Gesamtverband zusammengeschlossen hatten, um ihre Ziele effektiver durchsetzen zu können. Dazu zählte nicht nur der Versuch, eine Konkurrenzorganisation zu den übermächtigen traditionellen studentischen Korporationen aufzubauen, sondern auch die Verbesserung der sozialen Lage der wachsenden Zahl von Studenten. Darüber hinaus wollte man den Studierenden, über das Fachstudium hinaus, durch eben solche Vortragsreihen, einen weiteren, geistigen und kulturellen Horizont eröffnen.

[...]


[1] Vgl. : Dirk Käsler u.a. (Hg.): Hauptwerke der Soziologie. Stuttgart 2000. S. 461.

Der Werturteilsstreit hat in der Soziologie zwei Mal eine bedeutende Rolle gespielt und steht in einem Zusammenhang mit dem Positivismusstreit und dem Methodenstreit in der Soziologie. Es ging dabei um die Werturteilsfreiheit dieser Wissenschaft: Soll sie sich oder kann sie sich überhaupt solcher Urteile enthalten?

Die Frage, ob eine "Wissenschaft" nur konstatieren dürfe, was ist - also nur deskriptive Aussagen machen dürfe -, oder auch Aussagen, was sein solle - normative, wertende Aussagen einschließen dürfe -, spielt in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eine große Rolle. Im deutschen Hochschulsystem wird eine Deontologie im strengen Sinne nur der Theologie und der Ethik eingeräumt, wobei erstere auch den methodischen Zugang durch Offenbarung zulässt. Die entscheidende Frage dabei ist aber, ob sich wertende von nicht wertenden Aussagen überhaupt objektiv (nicht wertend!) trennen lassen.

Die Forderung nach Werturteilsfreiheit (Objektivität) wissenschaftlicher Forschung und Begriffsbildung war bereits 1909, bei der Gründung der "Deutschen Gesellschaft für Soziologie", heftig umstritten und verbindet sich heute (2005) am nachdrücklichsten mit dem Namen Max Webers, der zwischen "empirischer Tatsachenfeststellung" und "praktischer Wertung sozialer Tatsachen" einen klaren Trennungsstrich ziehen wollte, nicht anders als der Nestor der deutschen Soziologie Ferdinand Tönnies. Dies ist vor dem Hintergrund der Debatten mit den Kathedersozialisten in der Volkswirtschaftslehre und i. w. S. mit dem "Wissenschaftlichen Sozialismus" marxistischen Ansatzes zu verstehen.

[2] Max Weber Gesamtausgabe, Abteilung I, Band 17, Tübingen 1992, S.13. Im Folgenden MWG I, 17

[3] Max Weber: Wissenschaft als Beruf, (Hg.) Klaus H. Fischer M.A., Schutterwald Baden, 1994, S. 22 – S 23.

[4] ebd. S. 51

[5] Andrea Germer: Wissenschaft und Leben. Max Webers Antwort auf eine Frage Friedrich Nietzsches. (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 105). Göttingen 1994, S. 93

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638898942
ISBN (Buch)
9783640268061
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83211
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
Wissenschaft Beruf Begriff Dilettantismus Weber

Autor

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Titel: Wissenschaft als Beruf - Der Begriff des Dilettantismus bei Max Weber