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Virtuelle vs. reale soziale Netzwerke. Ein Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 24 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Netzwerke
2.1 Definition
2.2 Charakteristik
2.2.1 Relationale Merkmale
2.2.2 Strukturelle Merkmale
2.2.3 Funktionale Merkmale
2.3 Soziale Beziehungen
2.3.1 Definition
2.3.2 Strong and weak ties
2.3.3 Handlungsmotive

3. Virtuelle Netzwerke
3.1 Begriffe
3.2 Soziale Netzwerke im Netz
3.2.1 Charakteristik
3.2.1.1 Differenzen zwischen virtuellen und realen sozialen Netzwerken
3.2.1.2 Charakteristik des Fallbeispiels
3.2.2 Soziale Beziehungen
3.2.2.1 Computervermittelte Kommunikation
3.2.2.2 Handlungsmotivation
3.2.2.3 Gemeinschaftsgefühl
3.2.2.4 Beziehungen im Fallbeispiel
3.3 Virtuelles vs. reales Leben

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Medium Internet hat sich im letzten Jahrzehnt rasant entwickelt. Die Zahl der User in Deutschland steigt nach wie vor kontinuierlich an, so dass im Jahr 2005 bereits 65% aller Erwachsenen über einen Internetzugang verfügten (vgl. Forschungsgruppe Wahlen Online GmbH 2006). Dies liegt nicht zuletzt an der Vielzahl von Nutzungsmöglichkeiten, die das Internet bietet. Um einige wenige zu nennen wird dort Raum geboten für gezielte Informationssuche, dem Verkauf von Produkten oder der direkten und indirekten Kontaktaufnahme zu anderen Usern. Dass dabei Netzwerke verschiedenster Formen entstehen, mag nicht erstaunen, es stellt sich jedoch die Frage, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede diese virtuellen Netzwerke im Vergleich zu realen sozialen Netzwerken, wie sie in der Soziologie beschrieben werden, aufweisen. Aufgrund der generellen Heterogenität von Netzwerken kann eine derartige Untersuchung in gar keinem Fall allgemeingültig geschehen, doch soll in dieser Arbeit der Versuch geleistet werden, gemeinsame Nenner der virtuellen Netzwerke herauszuarbeiten, um diese Schritt für Schritt mit Netzwerken, die nicht über den Computer kommuniziert werden, zu vergleichen. Darüber hinaus wird ein spezielles Fallbeispiel herangezogen und anhand der bis dato gewonnenen Erkenntnisse analysiert. Abschließend soll der Frage auf den Grund gegangen werden, inwieweit reales und virtuelles Leben in dieser Hinsicht noch klar getrennt werden kann.

Wenngleich ich diese Arbeit in erster Linie als Soziologin schreibe und damit natürlich dem Anspruch einer objektiven, unvoreingenommenen Analyse gerecht werden möchte, werde ich Teile dieser mit einigen persönlichen Erfahrungen ergänzen. Dies soll zum Teil bestätigend aus Sicht eines Users virtueller Netzwerke geschehen, u.U. jedoch auch den Blick auf weitergehende Gedanken lenken, die in dieser Form in der Literatur eventuelle noch nicht zu finden sind. Hauptmerk bleibt nichtsdestotrotz die unabhängige Analyse.

Vor dem eigentlichen Vergleich virtueller mit traditionellen sozialen Netzwerken sollen letztere im Folgenden hinsichtlich ihrer Merkmale und ihren wesentlichen Bestandteilen, den sozialen Beziehungen, vorgestellt werden.

2. Soziale Netzwerke

2.1 Definition

Generell versteht man in der Soziologie unter dem Netzwerkbegriff ein Set von Knoten und deren Verbindung untereinander (vgl. Castells 2005: 9). Das Wort „sozial“ suggeriert einen Bezug auf die Umwelt, so dass soziale Netzwerke demnach

„das Beziehungsgeflecht zwischen einer Vielzahl von Akteuren“ (Nollert)

bezeichnen. Akteure (Knoten) können in dieser Hinsicht Menschen, aber auch Institutionen sein, während ihre Verbindung untereinander einen sehr differenzierten Stärkegrad aufweisen[1] (vgl. Pfennig 1995: 2). Allgemein unterscheidet man also zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Netzwerken. Diese Arbeit bezieht sich jedoch ausschließlich auf Netzwerke zwischen Personen, die über spezifische Merkmale wie Freundschaft, Beruf oder Interessen miteinander verbunden sind. Nachfolgend werden charakteristische Merkmale der sozialen Netzwerke dargestellt.

2.2 Charakteristik

Soziale persönliche Netzwerke bestehen also aus einer Vielzahl von sozialen Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern. Die Art der Zusammensetzung all dieser Verbindungen wird als soziale Struktur bezeichnet, die von Netzwerk zu Netzwerk stark differiert (vgl. Ulrich 2005: 14). Die Analyse der einzelnen Strukturmerkmale als Gesamtstruktur ist ein Schwerpunkt der Netzwerkforschung und unterscheidet sich von der klassischen Sozialforschung u.a. dadurch, dass nicht einzelne Eigenschaften der Individuen interessieren, sondern in welchen Beziehungen die Akteure zueinander stehen, daraus resultierend welches soziale Muster in dem Netzwerk vorzufinden ist und welche Funktionen es für seine Mitglieder, aber auch die Gesellschaft erfüllt (vgl. Schweizer 1996: 158). Anhand welcher relationalen, strukturellen und funktionalen Merkmale dies geschieht, soll im Folgenden kurz vorgestellt werden[2].

2.2.1 Relationale Merkmale

Relationale Merkmale kennzeichnen die einzelnen sozialen Beziehungen zwischen den Mitgliedern eines Netzwerks. Von Bedeutung sind hier neben der Intensität der Verbindungen, auf die in Kapitel 2.3 gesondert eingegangen wird, bspw. die Häufigkeit der Kontakte zwischen den Akteuren oder die Dauer der Beziehungen. Letzteres gibt Auskunft darüber, wie konstant ein Netzwerk im Zeitablauf ist (vgl. Ulrich 2005: 8).

Eine ebenfalls große Rolle spielt das Kriterium der Multi- bzw. Uniplexität. Werden Beziehungen als multiplex bezeichnet,

„sind (sie) vielschichtig, d.h. sie können mehrere Ressourcen zur Verfügung stellen“ (Jütte 2004: 5).

Einerseits bedeutet dies, dass sich die Interaktion zwischen den Akteuren nicht nur eine bestimmte Thematik bezieht (diese Art der Beziehung wäre uniplex), andererseits bezieht sich dieses Merkmal auf die Rollen-Verteilung. So kann eine Person gleichzeitig Nachbar, Freund und Arbeitgeber einer anderen sein. Je multiplexer eine Beziehung ist, desto persönlicher und stabiler ist sie in der Regel auch (vgl. Ulrich 2005: 8f.).

Schließlich fällt unter die relationale Merkmalsdimension sozialer Netzwerke das Prinzip der Reziprozität, also der Wechselseitigkeit, welches Informationen darüber liefert, ob eine Beziehung symmetrisch oder asymmetrisch verläuft. Der Austausch von Leistungen in Form von u.a. Wissen, Gefühlen oder auch Geschenken hat entscheidende Wirkungen sowohl auf die Schaffung als auch die Stärkung einer Beziehung (vgl. Stegbauer 2002: 29).

2.2.2 Strukturelle Merkmale

Anhand struktureller Merkmale lassen sich Aussagen über die Struktur des gesamten Netzwerks machen. Die Basis hierzu bilden die einzelnen Verbindungen, die

„entweder zu den potentiell möglichen oder zu extremen Ausprägungsgraden oder zu bestimmten Mittelwerten in Relation gesetzt“ (Ulrich 2005: 14)

werden.

Neben der Größe N, also der Anzahl der Personen, aus denen sich das Netzwerk zusammensetzt, stellt die Dichte ein wichtiges Strukturmerkmal dar. Diese misst das Verhältnis der Anzahl der tatsächlichen Beziehungen zur Anzahl aller möglichen Beziehungen (vgl. Jooss 2004). Bei einer maximal hohen Dichte sind alle Mitglieder eines Netzwerkes miteinander verbunden, haben also eine direkte Beziehung zueinander, was in großen Netzwerken nur selten der Fall sein wird. Bei einem geringeren Dichtwert werden nicht alle potentiellen Beziehungen realisiert, wobei die Beziehungsmuster verschiedener Netzwerke sehr unterschiedlich aussehen können (vgl. Schweizer 1996: 177f.). So ist es möglich, dass sich alle Teilnehmer um ein bestimmtes Mitglied zentralisieren und ausschließlich mit diesem verbunden sind. Der gleiche Dichtwert kann jedoch aus entstehen, wenn viele einzelne Cliquen im Netzwerk vorhanden sind (vgl. Jooss 2004).

Ein weiteres strukturelles Kennzeichen bezeichnet die Zentralität der einzelnen Mitglieder eines Netzwerks. Mit der Maßzahl des Grades wird die Anzahl aller direkten Beziehungen, die ein Akteur im Netzwerk unterhält, und somit seine Aktivität erfasst. Je höher der Grad eines Teilnehmers ist, desto aktiver ist er bzw. desto zentraler ist er im Netzwerk positioniert. Passive Akteure mit wenigen direkten Beziehungen erreichen geringe Gradwerte (vgl. Schweizer 1996: 183). Kenntnisse über die Zentralisiertheit des gesamten Netzwerkes erhält man, indem der größte Gradwert eines Akteurs im Verhältnis zu allen anderen Gradwerten betrachtet wird. Bei einer minimalen Gradzentralisiertheit sind alle Mitglieder gleich aktiv, bei einem maximalen Ergebnis dagegen nimmt ein einzelner Akteur eine sehr zentrale Position ein, während seine Kontakte keine weiteren Beziehungen unterhalten (vgl. ebd. 185 f.).

Mit dem Grad der Verbindungen wird die unmittelbare Erreichbarkeit von bestimmten Personen im Netzwerk ermittelt. Hier werden im Gegensatz zum Dichte- und Zentralitätsparadigma auch indirekte Beziehungen berücksichtigt, d.h. über mehrere Zwischenstationen erreichbare Akteure (vgl. Ulrich 2005: 15).

Verdichtete Regionen im Netzwerk in Form von Cliquen und Clustern kennzeichnen ebenfalls seine Struktur. Darunter werden Subgruppen verstanden, die eine maximale bzw. hohe Dichte aufweisen. Eine Clique bezeichnet eine kleine Gruppe, die unmittelbar durch häufige, direkte und enge Kontakte miteinander verbunden ist und sich klar von seiner Umwelt abgrenzen lässt (vgl. Jansen 1999: 185). Cluster weisen ähnliche Kennzeichen auf, die Dichte ist jedoch nicht maximal, d.h. nicht alle Teilnehmer sind direkt miteinander verknüpft.

2.2.3 Funktionale Merkmale

Prinzipiell erfüllen soziale Netzwerke gewisse Funktionen einerseits für die Mitglieder selbst, andererseits auch für die Gesellschaft (vgl. Nollert)[3]. Als wichtige Funktionen für Letztere gelten bspw. soziale Integration, soziale Kontrolle oder die Ausbildung von Identität im Sinne des Gemeinwohls (vgl. Hohmeier/Ritter 1999). Bzgl. der Funktionsmerkmale für die Akteure muss wiederum zwischen starken und schwachen Beziehungen („strong ties“ und „weak ties“) unterschieden werden[4] (vgl. Nollert). Von intensiven Beziehungen werden soziale und emotionale Unterstützung, Rückhalt, Vertrauen, Erreichbarkeit, Problemlösungen oder auch Anregungen erwartet, schwache Verbindungen dagegen dienen in erster Linie dem Informationsaustausch und der Vermittlung neuer Kontakte, was bspw. bei der Arbeitsplatzsuche von Vorteil sein kann (vgl.Hohmeier/Ritter 1999; Nollert).

Mit den bisherigen Ausführungen sollte ein Überblick über das Konzept der sozialen Netzwerke hergestellt worden sein. Da soziale Beziehungen die elementaren Bestandteile dieser sind, werden sie in den folgenden Kapiteln ausführlicher dargestellt.

2.3 Soziale Beziehungen

2.3.1 Definition

„Soziale Beziehung soll ein in seinem Sinngehalt nach aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer heißen“ (Weber 1922).

Von einer sozialen Beziehung spricht Max Weber also dann, wenn die Akteure ihr Handeln sinnhaft aufeinander beziehen. Die Inhalte sozialer Beziehungen können sehr verschiedenartig sein: Freundschaft, Romantik, ökonomisches Kalkül usw. Ihre Intensität ist immer abhängig davon, welcher Sinngehalt der Beziehung bzw. dem Handeln des anderen zugeschrieben wird und auch wenn sich diese Einstellung nur in den seltensten Fällen vollkommen gegenseitig entspricht, der Sinn also immer ein ganz subjektiver ist, so haben die Partner gewisse Erwartungen an den anderen, die sich jeweils an seinen Handlungen orientieren (vgl. ebd.). Zwischen den Akteuren stellt sich also eine sinnorientierte Wechselwirkung ein, so dass man immer auch von Austauschbeziehungen sprechen kann. Dies kann auch materielle Gegenstände beinhalten, bezieht sich jedoch in erster Linie auf immaterielle Leistungen (vgl. Pfenning 1995: 8). An dieser Stelle ist es meines Erachtens nötig zwischen den bereits angesprochenen weak und strong ties zu unterscheiden.

2.3.2 Strong and weak ties

Diese von Mark Granovetter geprägten Begriffe beziehen sich auf die Intensität von sozialen Beziehungen. Starke Beziehungen zeichnen sich durch häufigen Kontakt, Stabilität, eine emotionale intensive Verbindung und einem hohen Grad von Reziprozität aus. Letztere zeigt sich vor allem in einer gegenseitigen Unterstützung auf emotionaler und sozialer Ebene, wie sie bspw. in Freundschaften und Liebesbeziehungen vorzufinden ist. In der Netzwerksforschung wird allerdings den weak ties eine stärkere Bedeutung zugeschrieben, da sie in der Lage sind, eine Brückenfunktion zwischen verschiedenen Teilgruppen eines Netzwerks bzw. mehreren Netzwerken und damit auch verschiedenen sozialen Milieus einzunehmen. Schwache Beziehungen sind gekennzeichnet durch gelegentliche Kontakte, Flexibilität und der überwiegenden Nutzung der Partner als Informationsquelle. Während sich aus strong ties als redundante Beziehungen zwischen Menschen, die sich hinsichtlich ihrer Interessen oder Einstellungen ähnlich sind, kaum neue Informationen erschließen lassen, liegt in Punkt der Heterogenität die Stärke schwacher Beziehungen. Durch sie können neue Kontakte und Informationen erschlossen werden, die im eigenen persönlichen Netzwerk nicht vorzufinden sind, was z.B. in beruflicher Hinsicht von Vorteil sein kann. Die Austauschleistung bezieht sich hier also in erster Linie auf Informationen und Kontaktvermittlung (vgl. Jütte 2004: 4f.).

Wie bereits dargestellt wurde, definieren sich soziale Beziehungen über den aufeinander bezogenen Sinngehalt der Interaktionspartner, was eng mit der Motivation, im Netzwerk aktiv zu sein, zusammenhängt.

[...]


[1] Vgl. Kap. 2.1.2

[2] Eine vollständige ausführliche Vorstellung aller Merkmale würde den Rahmen dieser Hausarbeit bei weitem sprengen, weshalb an dieser Stelle lediglich eine Auswahl dargestellt wird.

[3] Auf die Funktionsmerkmale von Netzwerken für die Gesellschaft soll in dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden.

[4] Da diese Merkmale eng mit dem Kapitel 2.1.2 zusammenhängen, soll hierauf vorerst nicht näher eingegangen werden.

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638898935
ISBN (Buch)
9783638903899
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83207
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Virtuelle Netzwerke Vergleich Soziale Thema Soziale Netzwerke

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