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Pakistanische Indienpolitik - Keine Option zum Balancing?

Magisterarbeit 2007 85 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

I. Das Thema und seine Bearbeitung
1. Problematik, Forschungsfrage und Relevanz
2. Forschungsstand und Quellenlage
3. Methodik und Forschungsdesign der Arbeit

II. Theoretischer Ansatz der Arbeit – Balancing und Bandwagoning von Staaten im internationalen System
1. Begründung der Auswahl des Neorealismus
2. Die Grundlagen des Neorealismus
3. Bandwagoning und Balancing im Neorealismus
4. Die Hypothesenentwicklung aus der neorealistischen Theorie

III. Hypothesenüberprüfung
1. Das Beziehungsdreieck USA, Pakistan und Indien
1.1. Die Nuklearfrage
1.2. Der Terrorismus
1.3. Die Kooperation in der Militär- und Sicherheitspolitik
1.4. Die Position der USA zur Kaschmir-Frage
1.5. Wirtschaft und Handel
1.6. Fazit
2. Das Beziehungsdreieck China, Pakistan und Indien
2.1. Die Annäherung zwischen China und Indien in der Grenzfrage
2.2. Wirtschaft und Handel
2.3. Die Energiepolitik
2.4. Fazit
3. Das Beziehungsdreieck Afghanistan, Pakistan und Indien
3.1. Die Entwicklung des Beziehungsdreiecks nach dem 11. September 2001
3.2. Fazit

IV. Zusammenfassung der Ergebnisse
1. Verallgemeinerbare Ergebnisse

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Optionen für das Verhalten von Staaten im internationalen System, die ihre Sicherheit maximieren wollen.

Abbildung 2: Darstellung der Machtposition.

Abbildung 3: Der Handel zwischen den USA und Indien.

Abbildung 4: Der Handel zwischen den USA und Pakistan.

Abbildung 5: Der Handel zwischen China und Indien.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Das Thema und seine Bearbeitung

1. Problematik, Forschungsfrage und Relevanz

Nach mehr als fünf Jahrzehnten der Konfrontation und insgesamt vier bewaffneten Konflikten haben sich die bilateralen Beziehungen zwischen Pakistan und Indien seit April 2003 deutlich entspannt. Die Wurzeln der pakistanisch-indischen Feindschaft liegen in der Teilung der Kolonie Britisch-Indien im Jahr 1947. Nach dem Rückzug der Briten wurde die Kolonie in einen mehrheitlich von Moslems bewohnten Teil (Pakistan) und einen mehrheitlich von Hindus bewohnten Teil (Indien) getrennt. Besonders die Kaschmir-Frage belastet seitdem die bilateralen Beziehungen zwischen Islamabad und Delhi.[1] Alleine drei der insgesamt vier bewaffneten Konflikte zwischen beiden Ländern sind aufgrund des Konfliktes um Jammu und Kaschmir[2] entstanden, zuletzt der Kargil-Krieg[3] im Jahr 1999.

Im Frühjahr 2002 standen Pakistan und Indien nach den Terroranschlägen islamistischer Fundamentalisten auf das indische Parlament vom Dezember 2001 erneut am Rande einer kriegerischen Auseinandersetzung, die aufgrund der nuklearen Bewaffnung beider Länder an besonderer Brisanz gewann. Nach der friedlichen Beilegung der Krise bot der damalige indische Premierminister Vajpayee Pakistan im April 2003 eine Wiederaufnahme des Friedensdialoges an, der bis heute anhält.[4]

Mit der Eröffnung einer Buslinie zwischen dem indischen und pakistanischen Teil Kaschmirs am 7. April 2005 und dem Gipfeltreffen des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf mit dem indischen Premierminister Manmohan Singh am 17. April 2005 hat die Entspannungsphase zwischen Islamabad und Delhi einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. In der gemeinsamen Abschlusserklärung des Gipfels betonten beide Seiten, dass sie den eingeleiteten Friedensprozess als „irreversibel“ betrachten.[5] Die konkreten Ergebnisse des Gipfels waren allerdings gering. Die beiden Länder rückten nicht von festgefahrenen Positionen ab und einigten sich lediglich auf weitere vertrauensbildende Maßnahmen.[6]

Zwar weisen beide Seiten immer wieder auf die Notwendigkeit einer Lösung der Kaschmir-Frage hin und drücken ihre Bereitschaft zum Frieden aus, doch die konkreten Friedensverhandlungen gestalten sich bis heute kompliziert. Pakistan lehnt indische Vorschläge zur Umwandlung der Line of Control (LoC)[7] in eine internationale Grenze ab. Die indische Regierung hingegen weist pakistanische Vorschläge für eine Neuaufteilung Kaschmirs mit dem Hinweis auf die Unveränderbarkeit der bestehenden Grenzen zurück.[8] Darüber hinaus bleibt der Gebietskonflikt beider Länder um den Siachen-Gletscher weiterhin ungelöst.[9]

Trotz dieser Uneinigkeiten kann die Eröffnung der Buslinie am 7. April als Ausdruck der neuen Qualität der bilateralen Beziehungen zwischen Islamabad und Delhi und als Zäsur im Verhältnis beider Länder verstanden werden. Die im Vertrag von Simla 1972 festgelegte LoC ist erstmals sowohl für die Einwohner Kaschmirs als auch für alle anderen pakistanischen und indischen Bürger durchlässig.

Die Friedensverhandlungen zeigen, dass die pakistanische Regierung nach Jahren der Konfrontation eine Entspannungspolitik gegenüber Delhi betreibt. Es lassen sich darüber hinaus in der pakistanischen Außenpolitik – ungeachtet der Schwierigkeiten in den bisherigen Friedensverhandlungen – bedeutende Veränderungen hinsichtlich der Kaschmir-Frage erkennen. Spätestens seit Ende 2003 vollzog Islamabad mit dem Abrücken von jahrzehntelang vertretenen Positionen schrittweise aber konsequent einen Kurswechsel in der Indien- und Kaschmirpolitik. Zunächst verkündete Pakistan im November 2003 einen einseitigen Waffenstillstand an der LoC, dem sich die Inder sofort anschlossen. Weiterhin erklärte Präsident Musharraf im Dezember 2003, die über 50 Jahre alte pakistanische Forderung nach einem Plebiszit in Kaschmir auf der Grundlage entsprechender UN-Resolutionen könne vorerst hintangestellt werden.[10] Zudem ist Pakistan von den Bestrebungen abgerückt, die Kaschmir-Frage zu internationalisieren. Islamabad hat sich der Position der indischen Regierung angenähert, die Kaschmir als bilaterales Problem bezeichnet.[11]

Umstritten ist momentan, inwieweit Pakistan von der Unterstützung islamischer Terrorgruppen abgerückt ist. Der pakistanische Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) unterstützt seit 1989 durch die Einschleusung von Geld, Waffen und freiwilligen Kämpfern einen bewaffneten Aufstand im indischen Teil Kaschmirs.[12] Die als ‚Dschihad-Politik’ bezeichnete Strategie führt immer wieder zu Vorwürfen und Drohungen von indischer Seite an Islamabad. Allerdings verbot die pakistanische Regierung im Januar 2002 – wohl auch aufgrund amerikanischen Drucks – die radikalen islamischen Terrorgruppen Lashkar-i-Taiba und Jaish-i Muhammad. Beide Gruppen operierten von Pakistan aus im indischen Teil Kaschmirs und verübten dort immer wieder Anschläge. Die pakistanische Regierung erklärte im Folgenden, die Infiltration von Dschihadis über die LoC in den indischen Teil Kaschmirs sei völlig unterbunden.[13] Es gibt in diesem Zusammenhang jedoch immer wieder Vorwürfe Indiens gegen Islamabad, dass der ISI weiterhin Terroranschläge extremer Muslimgruppen in Kaschmir unterstütze. Zudem können laut Delhi muslimische Terrorgruppen immer noch ungehindert die Grenze zwischen Pakistan und Indien überschreiten, was von indischer Seite als „grenzüberschreitender Terrorismus“ bezeichnet wird.[14] Der Rückgang der Infiltration durch muslimische Terroristen wird von indischer Seite seit Ende 2003 allerdings weitgehend bestätigt.[15]

Die Bedeutung der Konzessionen von pakistanischer Seite an Delhi ist trotz alledem nicht zu unterschätzen. Der Kaschmir-Frage kommt in der pakistanischen Politik ein hoher Stellenwert zu. Dem Problem der Zugehörigkeit der Provinz wurden andere Politikfelder bisher völlig untergeordnet.[16] Mit dem Verkünden eines Waffenstillstandes, dem Abrücken von einem Referendum, dem Verzicht auf eine Internationalisierung der Kaschmir-Frage und dem Verbot zweier islamistischer Gruppen, die in Kaschmir agierten, gibt die pakistanische Regierung darüber hinaus einen wichtigen „Stützpfeiler ihrer Außenpolitik preis“[17].

In diesem Zusammenhang überrascht auch das Engagement des pakistanischen Militärs für den Friedensprozess, welches bis vor wenigen Jahren als Haupthindernis für eine Normalisierung der Beziehungen zu Indien gegolten hat.[18] Das pakistanische Militär gilt bisher als ein finanzieller Profiteur des schlechten Verhältnisses zu Delhi.[19] Darüber hinaus wird durch den Kaschmir-Konflikt und die damit einhergehende Bindung von Truppen an der Grenze zu Pakistan das konventionelle Übergewicht der indischen Armee gegenüber der pakistanischen zumindest teilweise abgeschwächt.[20]

Die Entspannungspolitik Islamabads gegenüber Delhi stellt die Forschungsproblematik dar, welche in der Arbeit behandelt werden soll. Wie kann dieser Politikwechsel der pakistanischen Regierung gegenüber dem Erzrivalen Indien nach Jahrzehnten der Konfrontation erklärt werden? Welche Motive liegen der neuen pakistanischen Indienpolitik zugrunde? Zur Klärung der Problematik wird folgende Forschungsfrage gestellt:

Warum betreibt Pakistan eine Entspannungspolitik gegenüber Indien?

Relevant erscheint die Analyse der pakistanischen Entspannungspolitik gegenüber Delhi besonders vor dem Hintergrund der atomaren Bewaffnung beider Länder. Es gibt mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes zwar ein historisches Beispiel für eine Annäherung und Entspannung zwischen verfeindeten Staaten mit nuklearen Waffen, die Analogien des pakistanisch-indischen Konfliktes zum Ost-West-Konflikt sind aber gering. Der indisch-pakistanischen Feindschaft liegen andere Motive zugrunde. Beide Staaten haben bereits mehrere Kriege gegeneinander geführt. Sie befinden sich in unmittelbarer geographischer Nähe und stehen zudem im direkten Streit um ein Territorium.[21] Darüber hinaus verfügen momentan weder Delhi noch Islamabad über eine Zweitschlagskapazität.[22] Ihre Atomwaffenprogramme sind bisher weniger ausgereift als die der USA und der Sowjetunion während des Kalten Krieges.[23] Eine theoriegeleitete Analyse der pakistanischen Entspannungspolitik könnte daher Erkenntnisse liefern, unter welchen Bedingungen – jenseits der Konstellation des Ost-West-Konfliktes – ein Staat mit atomarer Bewaffnung geneigt sein könnte, den Weg von der Konfrontation zur Entspannung mit einem ebenfalls über nukleare Waffen verfügenden Rivalen zu beschreiten.

Darüber hinaus könnte eine Klärung der Motive der pakistanischen Regierung für den Kurswechsel in ihrer Kaschmir- und Indienpolitik Rückschlüsse auf die Nachhaltigkeit der Entspannungspolitik Islamabads gegenüber Delhi liefern. Es wären fundierte Prognosen über den weiteren Verlauf der pakistanisch-indischen Beziehungen und somit über die Stabilität der sicherheitspolitischen Lage in Südasien möglich.

Die Festlegung eines exakten Untersuchungszeitraumes erweist sich aufgrund der Anlage der Arbeit als kompliziert. In der Studie werden die bilateralen Beziehungen Pakistans und Indiens zu einer ausgewählten Anzahl von Ländern in einzelnen Fallstudien untersucht. Dabei erscheint es schwierig, einen einheitlichen Zeitabschnitt für alle Fallstudien festzulegen. Setzt man zum Beispiel für die Analyse der Beziehungen zwischen Pakistan und den USA den Zeitraum von 1998-2005 fest, so mag die Zeitspanne für die bilateralen Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern sinnvoll erscheinen. Der Zeitraum kann aber beispielsweise für die Untersuchung des Verhältnisses zwischen Indien und China unbrauchbar sein. Die bilateralen Beziehungen zwischen Staaten besitzen immer einen spezifischen Charakter, wodurch die Festsetzung eines einheitlichen Untersuchungszeitraumes erschwert wird.

Doch nicht nur die Festlegung eines einheitlichen Analysezeitraumes, sondern die Eingrenzung eines Zeitabschnittes an sich erscheint bei der Thematik und dem Aufbau der Studie schwierig. Die Friedensverhandlungen zwischen Pakistan und Indien sind bis heute nicht abgeschlossen. Somit ist ein Ende des Analysezeitraumes nur schwer wählbar. Auch die Wahl des Beginns der Untersuchungsphase erweist sich als kompliziert. Es gibt in den bilateralen Beziehungen zwischen Staaten selten so einschneidende Zäsuren, als dass es gerechtfertigt wäre, die Jahre vor der Zäsur aus einer Analyse des Verhältnisses komplett auszuklammern.

Trotz dieser Probleme muss ein abgegrenzter Analyseabschnitt festgelegt werden. Zur Bestimmung des Untersuchungszeitraumes wird auf einschneidende Ereignisse im Verhältnis Delhis und Islamabads zur ‚Supermacht’ USA zurückgegriffen. Aufgrund Washingtons Rolle als globaler Hegemon kommt den Beziehungen beider Länder zu den USA eine besondere Bedeutung zu. Als Beginn der Analyse wird der Mai 1998 – also der Zeitpunkt der Nukleartests Indiens und Pakistans – gewählt. Die Tests lösten heftige Kritik in Washington aus. Darüber hinaus führten sie zu einer vorübergehenden Verschlechterung der Beziehungen der USA zu Delhi und Islamabad. Beide Länder wurden von Washington mit militärischen und finanziellen Sanktionen belegt. Zudem haben die Nukleartests das Interesse der USA an der Kaschmir-Frage im Besonderen und der Region Südasien im Allgemeinen geweckt.[24] Somit erscheinen die Atomtests als ein sinnvoller Ausgangspunkt der Analyse. Abgeschlossen wird der Analyseabschnitt mit dem Besuch des amerikanischen Präsidenten George W. Bush in Pakistan und Indien im März 2006. Während des Besuches wurden neue Präferenzen in der amerikanischen Südasienpolitik deutlich offenbar. Der Besuch Bushs in Südasien markiert damit einen geeigneten Endpunkt des Untersuchungszeitraumes. In einzelnen Fällen kommt es allerdings zu einer Überschreitung des Analyseabschnittes.

2. Forschungsstand und Quellenlage

Der Forschungsstand zum Thema ist bisher wenig ausgereift, was auch der relativen Aktualität der Ereignisse geschuldet ist. Die Motive für die pakistanische Entspannungspolitik gegenüber Indien werden hauptsächlich in Zeitungsartikeln und Aufsätzen in Fachzeitschriften kurz thematisiert. In der neueren Forschungsliteratur zum pakistanisch-indischen Verhältnis beziehungsweise zur Kaschmir-Frage wird die momentane Entspannungspolitik Islamabads so gut wie gar nicht aufgegriffen.

Die Forschungsliteratur beschränkt sich zumeist lediglich darauf, Prognosen zum weiteren Verlauf des pakistanisch-indischen Verhältnisses abzugeben. Stephen Philip Cohen glaubt an einen „continuing stalemate“, denn dieser sei für beide Seiten „more attractive […] than some solutions that have been put forward”[25]. Cohen sieht allerdings eine Möglichkeit zur Entspannung, wenn „the Pakistani generals may conclude that persistent hostility towards India and an obsession with Kashmir has done great damage to Pakistan”[26]. Robert G. Wirsing hingegen prognostiziert aufgrund des Anti-Terror Krieges nach dem 11. September „some potential for moderating the India-Pakistan rivalry in Kashmir“[27]. Auf die aktuelle Entwicklung gehen die meisten Autoren allerdings kaum ein. Lediglich Kanishkan Sathasivam stellt kurz die Entspannungsphase im pakistanisch-indischen Verhältnis dar. Sie betreibt jedoch keine Analyse, sondern verbleibt auf der Ebene der Deskription.[28]

Während die Forschungsliteratur die Entspannungspolitik der pakistanischen Regierung unbefriedigend thematisiert, werden in Zeitungen und Fachzeitschriften durchaus nach Motiven gesucht. Als Ursachen für den Kurswechsel in der Indienpolitik Islamabads werden dabei sehr unterschiedliche Faktoren genannt. So wird beispielsweise in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) „Musharrafs konziliante Stellungnahme in der Kaschmir-Frage“ als ein „stillschweigender Hinweis auf das gewachsene Gewicht Indiens“[29] gesehen. Zudem haben laut NZZ „Delhi - und in einem beschränkterem Maße auch Islamabad“ heute die Gelegenheit, „sich in einem geopolitisch verändertem Umfeld neu zu positionieren“[30]. Weiterhin werden in der NZZ wirtschaftliche Motive für die pakistanische Entspannungspolitik angedeutet. Es wird auf die wirtschaftlichen Folgen des Konfliktes zwischen beiden Staaten verwiesen, der auf dem „Subkontinent enorme finanzielle Mittel verschlingt, die Indien und Pakistan für ihre Entwicklung dringend benötigen“[31]. Im Spiegel wird im Kontext der Entspannungsphase ebenfalls das Argument der Wirtschaft bemüht. Der „wirtschaftliche Aufschwung der Region“ wird laut Spiegel beeinträchtigt durch „die ungelöste Kaschmir-Frage und die seit 1998 mit Atomwaffen vorgetragenen Drohgebärden beider Staaten“[32].

V.R. Raghavan gibt in der Washington Quarterly ebenfalls mehrere Faktoren als Motive der pakistanischen Entspannungspolitik an. Raghavan glaubt, Ereignisse wie der 11. September 2001, aber auch die Attentate auf Pervez Musharraf und andere hohe pakistanische Offiziere von Seiten islamistischer Extremisten „have in turn led to a new understanding of the need to stabilize Indo-Pakistan relations“[33]. Darüber hinaus führte die Gefahr, von den USA als ‚Schurkenstaat’ klassifiziert zu werden, laut Raghavan dazu, dass die Regierung in Islamabad ihre Handlungsmöglichkeiten hinsichtlich Kaschmir überdachte.[34]

Anatol Lieven argumentiert mit einer Veränderung in der Einstellung der militärischen und zivilen Eliten Pakistans nach dem Kargil-Krieg und dem folgenden diplomatischen Desaster für Islamabad. Diese Misserfolge führten dazu, dass die pakistanischen Eliten „moderate their attitudes on Kashmir“[35]. Die neue Haltung wurde, so Lieven, „soon displayed in a new openness to bilateral talks with India“[36].

Die Argumentationen der einzelnen Beiträge sind somit äußerst umfangreich. Sie reichen von geo-, macht- und sicherheitspolitischen Erklärungsansätzen über wirtschaftliche Motive bis hin zu einzelnen Ereignissen wie dem 11. September 2001. Aber auch neue Präferenzen in der Einstellung der politischen Eliten Pakistans werden als Motive angeführt. Den Darstellungen ist aber gemein, dass ihre Erklärungsansätze lediglich den Charakter von wissenschaftlich nicht überprüften Vermutungen besitzen. Eine theoriegeleitete Untersuchung der pakistanischen Entspannungspolitik wurde bisher noch nicht unternommen. Es ist somit eine Forschungslücke erkennbar, welche die Behandlung der Thematik sinnvoll erscheinen lässt.

Besondere Aufmerksamkeit muss bei der Darstellung des Forschungsstandes dem Einfluss der atomaren Bewaffnung auf das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan zukommen. Nuklearwaffen wird häufig eine stabilisierende Wirkung auf zwischenstaatliche Beziehungen zugeschrieben.[37] Es stellt sich daher die Frage, ob die pakistanische Entspannungspolitik auf die Nuklearisierung beider Länder zurückzuführen ist.

Nach den Atomtests im Mai 1998 wurde zunächst von politischer Seite die Hoffnung geäußert, Islamabad und Delhi würden nun zu einer Annäherung finden. So schrieb beispielsweise der damalige pakistanische Außenminister Shamshad Ahmad in der Foreign Affairs: „In South Asia, nuclear deterrence may, however, usher in an era of durable peace between Pakistan and India, providing the requisite incentives for resolving all outstanding issues, especially Jammu and Kashmir.“[38] Eine stabilisierende oder gar entspannende Wirkung der Nuklearwaffen auf die Beziehungen zwischen Islambad und Delhi wird in der Forschungsliteratur bisher allerdings überwiegend verneint.[39] Zumeist wird das genaue Gegenteil konstatiert. So hat laut Wirsing die Nuklearisierung den Konflikt nicht näher an eine Lösung herangebracht und die Wahrscheinlichkeit von nuklearen und konventionellen Kriegen keinesfalls reduziert.[40] Die Risiken eines Nuklearkrieges erscheinen zudem höher als während des Ost-West-Konfliktes.[41] Die „underpinnings of war-preventing stability“, analysiert Quinlan, „seem less solid than they had become in at least the later years of the East-West confrontation”[42].

Statt einer Stabilisierung des bilateralen Verhältnisses aufgrund der nuklearen Bewaffnung trat eher eine Destabilisierung ein. So profitierte Pakistan gemäß einiger Experten vom so genannten stability-instability paradox.[43] Laut stability-instability paradox führen Nuklearwaffen eventuell zu einer Instabilität, da sie Staaten unter dem ‚Schutzschild’ ihrer Atomwaffen zu ‚begrenzten’ Kriegen auf einem niedrigen Eskalationsniveau ermutigen können.[44] Wie in der Einleitung bereits dargestellt, hatten die Pakistanis mit der Unterstützung Aufständischer in Kaschmir sowie dem Kargil-Krieg die Auseinandersetzung um die Provinz verschärft. Der Besitz von Atomwaffen hat die pakistanische Regierung demnach ermutigt, im Konflikt um Kaschmir unter dem ‚Schutzschild’ ihrer Nuklearwaffen höhere Risiken einzugehen.[45] Das „stability-instability paradox“, folgert Raghavan, „generated by nuclear weapons has come into play“[46].

In der Literatur werden zahlreiche Bedingungen für den Eintritt einer nuklearen Stabilität zwischen Staaten – angelehnt an den Ost-West-Konflikt – angeführt.[47] Es wird vor allem auf die Notwendigkeit einer beidseitigen Zweitschlagskapazität hingewiesen.[48] Momentan sind allerdings weder Islamabad noch Delhi im Besitz einer Zweitschlagskapazität.[49] Die pakistanische Entspannungspolitik kann folglich nicht mit der atomaren Bewaffnung beider Seiten erklärt werden. Es ist daher notwendig, andere Erklärungsansätze zu finden.

Die Quellenlage kann mit einer Einschränkung (siehe Punkt III.3.) sowohl in ihrem Umfang als auch in ihrer Qualität als gut bezeichnet werden. Als Quellen werden Interviews, Veröffentlichungen von Reden und Pressekonferenzen von Staats- und Regierungschef herangezogen.

Als weitere Literatur werden Beiträge aus Wochenzeitschriften und Zeitungen verwendet (Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, The Hindu, The Economist, The New York Times, International Herald Tribune, Der Spiegel usw.) Zudem werden für die Analyse Beiträge amerikanischer Think Tanks (Council on Foreign Relations, American Enterprise Institute, Carnegie Endowment) und der Stiftung Wissenschaft und Politik herangezogen. Darüber hinaus werden Aufsätze aus Sammelbänden und wissenschaftlichen Fachzeitschriften (Foreign Affairs, The Washington Quarterly, Survival, Current History) sowie relevante Monographien verwendet.

Die in der Arbeit verwendete theoretische Primärliteratur setzt sich hauptsächlich aus dem neorealistischen Klassiker Theory of International Politics von Kenneth N. Waltz sowie The Origins of Alliances von Stephen Walt zusammen. Zudem wird auf Aussagen weiterer Neorealisten wie John Mearsheimer, Glenn Snyder und Werner Link zurückgegriffen.

3. Methodik und Forschungsdesign der Arbeit

Ziel der Magisterarbeit ist es, die momentane Entspannungspolitik Pakistans gegenüber Indien auf der Grundlage der neorealistischen Theorie zu erklären. Hierzu wird die Arbeit in vier Kapitel unterteilt. Zunächst wird in Kapitel 1 die Problemstellung, die Forschungsfrage und die Relevanz der Thematik vorgestellt.

Kapitel 2 befasst sich mit dem theoretischen Rahmen der Arbeit sowie der Hypothesenentwicklung aus der Theorie. Zunächst werden in Kapitel 2 die theoretischen Grundlagen und das Balancing-Bandwagoning-Konzept des Neorealismus erläutert. Die Festlegung eines theoretischen Rahmens ist notwendig, da es im Verlauf des Forschungsprozesses nicht möglich ist, alle Faktoren, die eventuellen Einfluss auf die abhängige Variable ausüben, in die Untersuchung mit einzubeziehen.[50] Zum Zwecke der Vereinfachung des Forschungsvorgangs muss daher die komplexe Realität auf wesentliche Aspekte reduziert werden. Nach der Erläuterung des Balancing-Bandwagoning-Konzeptes werden aus der neorealistischen Theorie Hypothesen mit Bezug auf den Untersuchungsgegenstand abgeleitet. Zur Klärung der Forschungsfrage wird auf den empirisch-analytischen Ansatz zurückgegriffen. Die empirisch-analytische Wissenschaft fragt nach systematischen Beziehungen zwischen erklärender (unabhängiger) Variable und zu erklärender (abhängiger) Variable. Die erklärende Variable ist in dieser Arbeit der Neorealismus. Die zu erklärende Variable ist die Entspannungspolitik Pakistans gegenüber Indien. Um die systematischen Beziehungen zwischen den Variablen aufzudecken, müssen Behauptungen über Ursache-Wirkungszusammenhänge (Hypothesen) formuliert werden, welche anhand der Realität auf ihre Erklärungskraft hin untersucht werden.[51]

In Kapitel 3 werden die entwickelten Hypothesen mittels Fallstudien überprüft. Ziel der einzelnen Fallstudien ist es, die Optionen Pakistans zu einer Allianzbildung gegen den Rivalen Indien zu untersuchen. Hierzu wird eine begründete Auswahl an möglichen Allianzpartnern Pakistans getroffen. Die Untersuchungen zu den Möglichkeiten einer Bündnisbildung[52] Islamabads werden in einen überregionalen und einen regionalen Teil getrennt. Auf der überregionalen Ebene werden die Chancen einer Allianz zwischen (1) Pakistan und den USA und (2) Pakistan und China gegen Indien untersucht. Auf der regionalen Ebene (Südasien) wird die Option einer Allianz zwischen Pakistan und Afghanistan gegen Indien untersucht.[53]

Kapitel 4 dient der Zusammenfassung der Ergebnisse der einzelnen Fallstudien, ihrer Interpretation und ihrer Diskussion. So muss erörtert werden, ob die Ergebnisse erstens allgemeine Aussagen über die weitere sicherheitspolitische Entwicklung in Südasien zulassen und ob zweitens eine ausreichende Erklärung für die Annäherung zweier Staaten mit nuklearen Waffen – jenseits der Konstellation des Ost-West-Konfliktes – gefunden wurde.

II. Theoretischer Ansatz der Arbeit – Balancing und Bandwagoning von Staaten im internationalen System

Die Motive für das außenpolitische Handeln von Staaten lassen sich auf unterschiedlichen Analyseebenen verorten (beispielsweise auf der Ebene des Individuums, des internationalen Systems oder der inneren Verfasstheit von Staaten).[54] Es ist daher nötig, vorweg den analytischen Rahmen der Arbeit festzulegen, um so eine Einschränkung der unabhängigen Variablen (erklärenden Variablen) vorzunehmen.

Zur Begrenzung der erklärenden Variablen wird der strukturelle Realismus oder auch Neorealismus nach Kenneth N. Waltz herangezogen. Im Folgenden werden vorab die Grundlagen der neorealistischen Theorie dargestellt. Darauf folgt eine Erläuterung des Balancing-Bandwagoning-Konzeptes des strukturellen Realismus, welches die Möglichkeiten von Staaten zur Allianzbildung in einem anarchischen internationalen System erklärt. Vorweg wird begründet, warum es sinnvoll erscheint, mit der Anwendung des strukturellen Realismus auf einen systemischen Theorieansatz zurückzugreifen und nicht auf eine subsystemische Theorie der Internationalen Beziehungen.

1. Begründung der Auswahl des Neorealismus

Der Neorealismus erscheint als systemische Theorie zur Erklärung der pakistanischen Entspannungspolitik gegenüber Indien im Vergleich zu subsystemischen Theorien, unter die auch liberale Theorieansätze fallen, besser geeignet. Für liberale Ansätze sind es nicht Staaten, sondern Gruppen innerhalb der Gesellschaft oder Individuen, die in den internationalen Beziehungen als entscheidende Akteure agieren.[55] Das außenpolitische Handeln von Staaten leitet sich demnach aus gesellschaftlichen Strukturen und Interessen ab.[56]

Als Beispiel einer liberalen Theorie kann der Republikanische Liberalismus herangezogen werden. Laut dieser Theorie ist „eher eine konfrontative als eine kooperative Außenpolitik“ zu erwarten, wenn „in einer Gesellschaft der politische Einfluss auf wenige Gruppen mit spezifischen Interessen konzentriert ist“[57]. Denn diesen wenigen Gruppen kommen die materiellen Vorteile einer konfrontativen Außenpolitik besonders zugute. Die Risiken und Kosten dieser Politik müssen hauptsächlich vom Rest der Gesellschaft getragen werden.[58] Ist in der Gesellschaft der politische Einfluss gleichmäßig verteilt, tendieren Staaten laut Republikanischem Liberalismus mehr zur Kooperation, um Konflikte zu vermeiden. Eine aggressive Außenpolitik ist in autoritären Regimen, in denen der politische Einfluss auf wenige Gruppen beschränkt ist, also weitaus wahrscheinlicher als in Demokratien. Die Folgekosten von internationalen Konflikten und von Kriegen können in autoritären Regimen relativ einfach auf den Rest der Gesellschaft abgewälzt werden.[59]

Der Republikanische Liberalismus ist zur Klärung der Forschungsproblematik allerdings wenig geeignet. In Pakistan besitzt das Militär seit jeher großen Einfluss auf die Politik.[60] Nach dem Putsch des Armeegenerals Pervez Musharraf gegen den Premierminister Nawaz Sharif im Jahr 1999 ist das politische Gewicht des Militärs in Islamabad weiter gestiegen.[61] Es liegt demnach die Schlussfolgerung nahe, dass sich der Einfluss auf die pakistanische Außenpolitik zumindest teilweise bei einer speziellen Gruppe (dem Militär) konzentriert. Nach der liberalen Theorie wäre demzufolge eine konfrontative Außenpolitik gegenüber Delhi zu erwarten, vor allem vor dem bereits erwähnten Hintergrund, dass das pakistanische Militär bisher zu einem der finanziellen Hauptprofiteure des Konfliktes mit Indien zählt. Da aber eindeutig eine Entspannungspolitik Pakistans gegenüber Indien festgestellt werden kann, griffe die Anwendung einer liberalen Theorie der Internationalen Beziehungen hier zu kurz. Es erscheint somit sinnvoll, für die Analyse der pakistanischen Entspannungspolitik auf einen Theorie zurückzugreifen, die einen Einfluss der innenpolitischen Verfasstheit von Staaten auf ihre Außenpolitik verneint.

2. Die Grundlagen des Neorealismus

In seiner 1959 erschienen Doktorarbeit Man, the State and War kam Kenneth Waltz zu dem Ergebnis, dass die Mehrzahl der Erklärungsansätze für die Ursachen von Kriegen zwischen Staaten in drei Kategorien eingeteilt werden können: first-image- (die Ebene des Individuums), second-image- (das politische System eines Staates) und third-image- (das internationale System) Ansätze. Während Waltz den second-image- und first-image- Ansätzen nur geringe Erklärungskraft für die Ursachen von Kriegen zwischen Staaten beimisst, besitzt für ihn die dritte Ebene, also die des internationalen Systems, die größte Erklärungskraft.[62]

Die zentrale Analyseebene des Neorealismus ist demnach das internationale System, anhand dessen Struktur (daher auch struktureller Realismus) das Verhalten von Staaten erklärt werden kann.[63] Die Struktur des internationalen Systems besitzt unter neorealistischen Aspekten also einen eigenständigen kausalen Einfluss auf die Staaten.[64] Waltz nennt drei Elemente, welche zur Bestimmung der Struktur des internationalen Systems herangezogen werden können: (1) das Ordnungsprinzip, (2) die Funktionsspezifizierung oder die Eigenschaften der Akteure[65] und (3) die Machtverteilung unter den Akteuren.[66]

Zunächst geht Waltz davon aus, dass das internationale System anarchisch und dezentral geordnet ist.[67] In den internationalen Beziehungen fehlt eine den Staaten übergeordnete Instanz, die Konflikte regelt und sanktioniert.[68] Da es keine zentrale und systemweite Autorität gibt, leben die Akteure in ständiger Unsicherheit über die Absichten ihrer Nachbarn:

„Among states, the state of nature is a state of war. This is meant not in the sense that war constantly occurs but in the sense that, with each state deciding for itself whether or not to use force, war may at any time break out.”[69]

[...]


[1] Bereits wenige Wochen nach der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans im Jahr 1947 kam es um das mehrheitlich von Muslimen bewohnte und formal unter der Regierungsgewalt eines Hindukönigs stehende unabhängige Fürstentum Jammu und Kaschmir zum ersten pakistanisch-indischen Krieg. Dank der Vermittlung der Vereinten Nationen wurde der Krieg 1949 beendet. Das Fürstentum wurde in einen indischen und einen pakistanischen Teil (Azad Kaschmir) geteilt. Seitdem ist die Frage der Zugehörigkeit des indischen Teils von Kaschmir immer wieder Auslöser politischer und militärischer Auseinandersetzungen zwischen Islamabad und Delhi. Zum Verlauf des Konfliktes sowie zu weiteren Motiven der Feindschaft zwischen Indien und Pakistan vgl. Ganguly, Sumit: Conflict Unending, India-Pakistan Tensions since 1947, New York 2001.

[2] Im Folgenden wird die Provinz lediglich als Kaschmir bezeichnet.

[3] Beim so genannten Kargil-Krieg handelt es sich um eine begrenzte militärische Auseinandersetzung zwischen Pakistan und Indien von Mai bis Juli 1999. Pakistanische Truppen und kaschmirische Freischärler besetzten die Gebirgszüge des Kargil-Gebietes im indischen Teil Kaschmirs. Die Eindringlinge wurden aber nach mehrmonatigen Kämpfen von der indischen Armee zurückgedrängt.

[4] Bereits 1999 und 2001 hatte es Ansätze eines Friedensprozesses zwischen Islamabad und Delhi gegeben, welche jedoch scheiterten.

[5] Vgl. Baruah, Amit: India-Pakistan peace process ‘irreversible’, in: The Hindu, 19.04.2005, unter http://www.hindu.com/2005/04/19/stories/2005041906030100.htm, Zugriff am 20.05.2006.

[6] Vgl. Friedenshoffnung im Cricket-Stadion, Neue Zürcher Zeitung (im Folgenden NZZ), 18.04.2005, S. 3.

[7] Die LoC wurde nach dem Ende des ersten pakistanisch-indischen Krieges 1949 von der UNO als Waffenstillstandslinie eingerichtet. Im Vertag von Simla 1972 wurde die LoC von Islamabad und Delhi als inoffizielle Grenze zwischen dem pakistanischen und dem indischen Teil Kaschmirs festgelegt. Vgl. Ganguly, 2001, S. 69-71.

[8] Vgl. Wagner, Christian: Indien, in: Hubel, Helmut (Hg.), Jahrbuch für Internationale Politik 2003/2004, München 2006a, S. 355.

[9] Seit 1984 besteht der so genannte ‚Siachen-Konflikt’. Sowohl Indien als auch Pakistan erheben territoriale Ansprüche auf den Siachen-Gletscher. Auf durchschnittlich 5500 Metern stehen sich hier ca. 7000 indische und 4000 pakistanische Soldaten gegenüber. Die pakistanische Regierung fordert den Rückzug beider Streitkräfte auf die Stellungen von vor 23 Jahren. Die indische Regierung ist prinzipiell einverstanden, aber nur unter der Bedingung, dass die jetzige Frontlinie zuvor als Grenze festgeschrieben wird, was von der Regierung in Islamabad abgelehnt wird. Vgl. Kessler, Manuela: Eiskalter Krieg, in: Süddeutsche Zeitung (im Folgenden SZ), 02.06. 2006, S. 7.

[10] Vgl. Rieck, Andreas: Pakistan – Konsolidierung einer neuen Außenpolitik, in: Hubel, Helmut (Hg.), Jahrbuch für Internationale Politik 2003/2004, München 2006, S. 360f. Das von Pakistan immer wieder geforderte Referendum über die Zugehörigkeit Kaschmirs wird von Indien abgelehnt. Bereits in den fünfziger Jahren hat Indien Kaschmir zu einem Bundesstaat der Indischen Union erklärt und ist daher nicht bereit, durch eine Volksabstimmung die Zugehörigkeit Kaschmirs zu Indien infrage stellen zu lassen. Hiermit sind auch Befürchtungen der indischen Regierung verbunden, dass durch ein Referendum über Kaschmir Seperatismusbewegungen in anderen Teilen der Indischen Union verstärkt werden könnten.

[11] Vgl. Wagner, Christian: Jenseits von Kaschmir, SWP-Aktuell 2004/A 46, Oktober 2004, S. 2, unter http://www.swp-berlin.org/de/common/get_document.php?id=1044, Zugriff am 20.10.2005. Mit der Internationalisierung ist die Lösung des Konfliktes durch einen Vermittler von außen gemeint. Pakistan versprach sich dadurch eine bessere Verhandlungsposition gegenüber Delhi. Indien besteht auf bilateralen Verhandlungen und hat die Einmischung Dritter in den Kaschmir-Konflikt mit dem Hinweis auf den Vertrag von Simla und dem darin festgeschriebenen bilateralen Verhandlungsprinzip immer wieder zurückgewiesen.

[12] Vgl. Rieck, 2006, S. 360.

[13] Vgl. ebenda.

[14] Vgl. PM’s address to AICC, 21.08.2004, unter http://pmindia.nic.in/speech/content.asp?id=13, Zugriff am 04.12.2006.

[15] Vgl. Interview of Prime Minister Dr. Manmohan Singh on Charlie Rose Show, 21.11.2004, unter http://www.indianembassy.org/pm/pm_charlie_rose_sep21_04.htm, Zugriff am 13.12.2006.

[16] Vgl. Mohan, C. Raja: Putting Pakistan First, in: The Hindu, 08.05.2003, unter http://www.hinduonnet.com/2003/05/08/stories/2003050800121000.htm, Zugriff am 24.11.2005.

[17] Wagner, 2004, S. 4.

[18] Vgl. Rieck, 2006, S. 361.

[19] Durch die Feindschaft mit Delhi kann das pakistanische Militär bisher ein relativ hohes Verteidigungsbudget rechtfertigen. Die Militärausgaben veranschlagen zum Teil mehr als 30% des pakistanischen Haushaltsbudgets. Vgl. Lieven, Anatol: The Pressures on Pakistan, in: Foreign Affairs (im Fogenden FA), January/February 2002, Volume 81, No. 1, S. 112.

[20] Im indischen Teil Kaschmirs sind ca. 600000 Sicherheitskräfte stationiert. Vgl. Rieck, 2006, S. 360.

[21] Vgl. Dittmer, Lowell: South Asia’s Security Dilemma, in: Asian Survey, November/December 2001, Volume 41, No. 6, S. 904; und vgl. Quinlan, Michael: How Robust is India-Pakistan Deterrence, in: Survival, Winter 2000-01, Volume 42, No. 4, S. 145.

[22] Vgl. Kampani, Gaurav: Seven Years after the Nuclear Tests, Appraising South Asia’s Nuclear Realities, June 2005, unter http://www. nti.org/e3_64a.html, Zugriff am 21.11.2006.

[23] Vgl. Dittmer, 2001, S. 904.

[24] Vgl. Sathasivam, Kanishkan: Uneasy Neighbors, India, Pakistan and US Foreign Policy, Burlington 2005, S. 175.

[25] Cohen, Stephen Philip: India, Pakistan and Kashmir, in: Ganguly, Sumit (ed.), India as an Emerging Power, London 2003, S. 56.

[26] Ebenda, S. 58.

[27] Wirsing, Robert G.: Kashmir in the Shadow of War, New York 2003, S. 8.

[28] Vgl. Sathasivam, 2005, S. 176.

[29] Pakistans Präsident zu Besuch in Delhi, NZZ, 18.04.2005, S. 8.

[30] Friedenshoffnung im Cricket-Stadion, NZZ, 18.04.2005, S. 3.

[31] Friedenshoffnung im Cricket-Stadion, NZZ, 18.04.2005, S. 3.

[32] Abschied als Friedensfürst, Der Spiegel, Nr. 1, 29.12.2003, S. 89.

[33] Vgl. Raghavan, V.R.: The Double Edge Effect in South Asia, in: The Washington Quarterly, Autumn 2004, Volume 27, No. 4, S. 154.

[34] Vgl. ebenda.

[35] Vgl. Lieven, 2002, S. 115.

[36] Vgl. ebenda, S. 115f.

[37] Vgl. Mearsheimer, John J.: Back to the Future: Instability in Europe after the Cold War, in: International Security, Summer 1990, Volume 15, No. 1. S. 5-56.

[38] Ahmad, Shamshad: The Nuclear Subcontinent, in: FA, July/August 1999, Volume 78, No. 4, S. 125.

[39] Vgl. Cohen, Stephen P.: Nuclear Weapons and Nuclear War in South Asia, Unknowable Futures, in: Thakur, Ramesh, Wiggen, Oddny (ed.), South Asia in the World, Tokyo 2004, S. 40.

[40] Vgl. Wirsing, 2003, S. 9.

[41] Vgl. Quinlan, 2000, S. 150.

[42] Vgl. ebenda, S. 153.

[43] Vgl. Raghavan, V. R.: Limited War and Nuclear Escalation in South Asia, in: The Nonproliferation Review, Fall/Winter 2001, S. 2, unter http://cns.miis.edu/pubs/npr/vol08/83/83ragh.pdf, Zugriff am 10.10.2006; und vgl. Cohen, 2004, S. 52.

[44] Vgl. Khan, Feroz Hassan: Challenges to Nuclear Stability in South Asia, in: The Nonproliferation Review, Spring 2003, S. 64, unter http://cns.miis.edu, Zugriff am 10.10.2006.

[45] Vgl. Raghavan, 2001, S. 13.

[46] Vgl. ebenda, S. 2.

[47] Vgl. Ganguly, Sumit / Biringer, Kent L.: Nuclear Crisis Stability in South Asia, in: Dittmer, Lowell (ed.), South Asia’s Nuclear Security Dilemma, New York 2005, S. 29-48.

[48] Vgl. Krepon, Michael: The Stability-Instability-Paradox, Misperception and Escalation-Control in South Asia, in: Dossani, Rafiq / Rowen, Henry S. (ed.), Prospects for Peace in South Asian, Stanford 2005, S. 265. Eine Zweitschlagskapazität ist zur Erzeugung einer nuklearen Stabilität vorteilhaft, da sie mögliche Fehlkalkulationen über das militärische Potential von Staaten verringert. Dadurch kann die Stabilität und der Frieden im Staatensystem gefördert werden. Vgl. Mearsheimer, 1990, S. 20.

[49] Vgl. Kampani, Gaurav: Seven Years after the Nuclear Tests, Appraising South Asia’s Nuclear Realities, June 2005, unter http://www. nti.org/e3_64a.html, Zugriff am 21.11.2006

[50] Vgl. Druwe, Ulrich / Hahlbohm, Dörte / Singer, Alex: Internationale Politik, Neuried 1995, S. 63.

[51] Vgl. Druwe, Ulrich: Politische Theorie, Neuried 1995, S. 28-30.

[52] Die Begriffe Allianz und Bündnis werden im Folgenden Synonym verwendet.

[53] Zur Begründung der Auswahl der überregionalen und regionalen Allianzpartner siehe II.4.

[54] Vgl. Dougherty, James. E. / Pfaltzgraff, Robert L.: Contending theories of international relations, New York 2001, S. 28f.

[55] Vgl. Spindler, Manuela / Schieder, Siegfried: Theorie(n) in der Lehre von den internationalen Beziehungen, in: Schieder, Siegfried / Spindler, Manuela (Hg.), Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen 2003, S. 18.

[56] Vgl. Schieder, Siegfried: Neuer Liberalismus, in: Schieder, Siegfried / Spindler, Manuela (Hg.), Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen 2003, S. 170.

[57] Vgl. Schieder, 2003, S. 180.

[58] Vgl. ebenda.

[59] Vgl. ebenda, S. 180f.

[60] Vgl. Sathasivam, 2005, S. 39.

[61] In der pakistanischen Politik fungiert die ‚Konferenz der Korpskommandeure des Heeres’, welche offiziell lediglich Empfehlungen abgibt, in allen wichtigen außen- und innenpolitischen Fragen als höchstes Entscheidungsgremium. Vgl. Ganguly, Sumit: Pakistan’s Slide Into Misery, Exploring a Half Century of Misrule, in: FA, November/December 2002, Volume 81, No. 6, S. 153.

[62] Vgl. Masala, Carlo: Kenneth N. Waltz, Baden-Baden 2005, S. 31f; und vgl. Schörnig, Niklas: Neorealismus, in: Schieder, Siegfried und Spindler, Manuela (Hg.), Theorie der Internationalen Beziehungen, Opladen 2003, S. 64f. Waltz bezeichnet die first-image- und second-image -Ansätze auch als ‚reduktionistisch’. Hierzu zählen für Waltz neben dem traditionellen Realismus auch liberale Theorieansätze. Vgl. Waltz, Kenneth N.: Theory of International Politics, New York 1979, S. 18.

[63] Vgl. Masala, 2005, S. 44; und vgl. Schörnig, 2003, S. 62.

[64] Vgl. Schörnig, 2003, S. 68.

[65] Die Begriffe Akteur und Staat werden im Folgenden Synonym verwendet.

[66] Vgl. Schörnig, 2003, S. 69.

[67] Vgl. Waltz, 1979, S. 88.

[68] Vgl. Krell, Gert: Weltbilder und Weltordnungen, Einführung in die Theorie der Internationalen Politik, Baden-Baden 2004, S. 162.

[69] Waltz, 1979, S. 102.

Details

Seiten
85
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638859622
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83152
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,7
Schlagworte
Pakistanische Indienpolitik Keine Option Balancing

Autor

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Titel: Pakistanische Indienpolitik - Keine Option zum Balancing?