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Kreative Prozesse als sozialpädagogische Methoden

Sinnliche Wahrnehmung stärken – Handlungsfähigkeit fördern, am Beispiel der sozialen Arbeit mit Kindern aus Alkoholikerfamilien

Diplomarbeit 2007 67 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

Vorbemerkung

Einleitung

Teil 1: Alkoholabhängigkeit
1. Begriffsklärungen
1.1 Alkohol
1.2 Alkoholismus
1.3 Alkoholabhängigkeit
1.4 Co-Abhängigkeit
2. Ursachen der Alkoholabhängigkeit
2.1 Die Substanz Alkohol und ihr Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial
2.2 Der Konsument als Träger individueller Abhängigkeitsrisiken
2.3 Die Besonderheiten des Sozialfeldes
2.3.1 Die Herkunftsfamilie als mögliche Ursache der Alkoholabhängigkeit
2.3.2 Kulturelle und gesellschaftliche Beeinflussungen
2.3.3 Schichtzugehörigkeit als Faktor einer Alkoholabhängigkeit
2.3.4 Zusammenhänge zwischen Alkoholabhängigkeit und Arbeitssituationen
2.3.5 Die Rolle des Lebenspartners bei der Entstehung einer Abhängigkeit
3. Auswirkungen der Alkoholabhängigkeit
3.1 Physische Folgekrankheiten der Alkoholabhängigkeit
3.2 Durch Abhängigkeit bestimmte psychiatrische Störungen
3.3 Soziale Auswirkungen der Alkoholabhängigkeit
3.3.1 Auswirkungen auf das Familiengefüge
3.3.2 Auswirkungen auf die Kinder
4. Zusammenfassung Teil 1

Teil 2: Zur Situation in Alkoholikerfamilien
1. Die Alkoholikerfamilie
1.1 Veränderungsprozesse in der Alkoholikerfamilie
1.2 Die Gefühle der Angehörigen
1.3 Die drei Kategorien der Abwehrmechanismen nach Johnson
2. Die unausgesprochenen Regeln in der Alkoholikerfamilie
2.1 Das Wichtigste im Familienleben ist der Alkohol
2.2 Der Alkohol ist nicht die Ursache von Problemen
2.3 Der Trinkende ist nicht für seine Abhängigkeit verantwortlich
2.4 Das Schweigen innerhalb und außerhalb der Familie
2.5 Jeder in der Familie ist ein Helfer
2.6 Gefühle haben in der Familie keinen Platz
3. Das Erleben der Kinder
4. Das Rollenverhalten der Kinder in Alkoholikerfamilien
4.1 Der Familienheld
4.2 Der Sündenbock oder Familienrebell
4.3 Das verlorene Kind
4.4 Der Clown oder das Maskottchen
5. Auffälligkeiten und Störungen der Kinder
5.1 Das Selbstwertgefühl der Kinder
5.2 Die Bindung zu den Eltern
5.3 Auswirkungen auf Emotionalität und Psyche
5.4 Soziale Kompetenzen
6. Zusammenfassung Teil 2

Teil 3: Kreative Prozesse als sozialpädagogische Methoden
1. Definitionen
1.1 Kreative Prozesse
1.2 Sinnliche Wahrnehmung
1.3 Handlungsfähigkeit
2 Psychotherapeutische Teilaspekte
2.1 Das Selbst-Bild
2.2 Ich-Strukturen
2.3 Ich-Kraft
2.4 Beziehungen
3. Kunsttherapeutische Ansätze
3.1 Kunsttherapeutische Gruppenarbeit
3.2 Märchenarbeit nach Udo Baer
3.3 Das „Begleitete Malen“ nach Bettina Egger
4. Methodisches
4.1 Arbeiten mit Ton
4.2 Gemalte Gruppenbilder
4.3 „Therapeutischer Sandkasten“ nach Udo Baer
5. Zusammenfassung Teil 3
Abschließende Gedanken / Resümee
Literaturverzeichnis

Vorbemerkung

Durch meine berufliche Tätigkeit, das studienbegleitende Praktikum sowie das Studien-Projekt “Soziale Kulturarbeit“ in einem Frauenhaus hatte ich häufigen Kontakt mit Kindern aus Alkoholikerfamilien. Manche wirkten schon sehr erwachsen, waren außerordentlich ver­antwortungs­bewusst und zeigten bemerkens­werte Konfliktlösungsstrategien. Andere zeigten sich eher introvertiert und verfügten über ein geringes Konfliktlösungspotenzial. Ich lernte Kinder kennen, die im Haus permanent für gute Laune sorgten und wieder andere fielen durch ihr Sozialverhalten auf. Die vielfältigen und sehr unterschiedlichen Auffälligkeiten der Kinder weckten meine Neugier bzgl. der Situation in Alkoholikerfamilien. Diese Neugier bestimmte die Wahl des Themas meiner Diplomarbeit, mit der ich den Einsatz kreativer Prozesse als Interventionsmöglichkeit in der sozialen Arbeit am Beispiel von Kindern aus Alkoholikerfamilien aufzeigen werde.

Einleitung

Schätzungen zufolge leben in Deutschland drei bis vier Millionen Kinder in Familien, „... in denen mindestens ein Elternteil suchtmittel-, insbesondere alkoholabhängig ist“[1]. Die Drogenbe­auf­trag­te der Bundesregierung, Sabine Bätzing, legte in Zusammenarbeit mit dem Bundesgesundheitsministerium im April 2006 den aktuellen Drogen- und Suchtbericht vor, dem zu entnehmen ist, dass Deutschland mit einem Pro-Kopf-Konsum von 10 Litern Alkohol pro Jahr im internationalen Vergleich als hoch einzustufen ist. Statistischen Erhebungen nach gelten 1,6 Mio. Menschen als alkoholabhängig. Weitere 2,7 Mio. Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitsschädigender und missbräuchlicher Art.[2] Der Konsum von Alkohol stellt somit „... ein gesamtgesellschaftlich verbreitetes Phänomen“ dar.[3]

Für Kinder, die in Alkoholikerfamilien aufwachsen, ergeben sich unzählige Belastungssituationen. Sie erleben in einer angespannten Atmosphäre des Schweigens oftmals einen Mangel an Fürsorge und ein konträres Erziehungsverhalten der Eltern. Was in einem Mo­ment noch als richtig und gut angesehen wurde, ist im nächsten Moment falsch und schlecht. Oftmals beherrschen Lügen den Alltag, Misshandlungen, ausgeführt vom Alkoholabhängigen oder auch vom anderen Elternteil, sind aufgrund des erhöhten Aggressionspotenzials in betroffenen Familien nicht selten. Kinder aus Alkoholikerfamilien sind mehr als andere Kinder häuslicher Gewalt ausgesetzt. Kleins Ausführungen zufolge werden „... sie häufiger Opfer von Misshandlungen (physisch, psychisch, sexuell) und Vernachlässigung ...“.[4] Kinder aus Alkoholikerfamilien fällt es aufgrund ihrer emotionalen und psychischen Entwicklungen schwer, Gefühle zu erkennen und auszudrücken. Sie leiden oftmals unter Angst- und Schuldgefühlen und haben Schwierigkeiten, „... sich selbst frei für etwas zu entscheiden.“[5]

In diesem Zusammenhang stellt sich mir die Frage, ob kreative Prozesse als sozialpädagogische Methoden bei der Arbeit mit Kindern aus Alkoholikerfamilien geeignet sind, die sinnliche Wahrnehmung zu stärken und die Handlungsfähigkeit zu fördern.

Zur Beantwortung dieser Frage werde ich im ersten Teil meiner Ausführungen zunächst auf den Terminus Alkoholabhängigkeit eingehen. Neben der Klärung der gebräuchlichen Begriffe Alkohol, Alkoholismus, Alkoholabhängigkeit und Co-Abhängigkeit, werde ich die möglichen Ursachen der Abhängigkeit und ihre Auswirkungen erläutern.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Situation in den von Alkoholabhängigkeit betroffenen Familien. Dazu werde ich die Atmos­phäre, die innerhalb der Familie vorherrscht, beschreiben sowie die Lösungsstrategien der Angehörigen aufzeigen und dem Leser näher bringen. Im letzten Kapitel des zweiten Teils werde ich die Auffälligkeiten und Störungen der Kinder erläutern.

Im dritten Teil dieser Ausarbeitung werde ich, bezugnehmend auf die oben genannte Fragestellung, die Bedeutung kreativer Prozesse in der sozialen Arbeit darstellen und begründen, inwieweit die sinnliche Wahrnehmung gestärkt werden kann und damit die Handlungsfähigkeit gefördert wird. Dazu werde ich nach der Definition relevanter Termini auf die psychotherapeutischen Teilaspekte eingehen und ausgewählte kunsttherapeutische Ansätze erläutern. Im vierten Kapitel werde ich mögliche Methoden der kreativen Arbeit mit Kindern aus Alkoholikerfamilien aufzeigen.

Um den Lesefluss zu wahren, werde ich im Text ausschließlich die mas­kuline Bezeichnung der themenspezifischen Termini, wie „den Alkoholabhängigen“, „den Co-Abhängigen“, „den Helden“, usw., verwenden. Gemeint sind aber immer beide Geschlechter, die gleichermaßen betroffen sein können. Durchaus bewusst bin ich mir der geschlechterspezifischen Unterschiede, auf die in diesem Rahmen nicht im Einzelnen eingegangen werden kann. Die zitierten Textteile dieser Ausarbeitung wurden unverändert und damit konform der Zitierempfehlungen übernommen, auch wenn sie in ihrer Orthographie und Interpunktion den Regeln der aktuellen deutschen Rechtschreibung nicht entsprechen.[6]

Teil 1: Alkoholabhängigkeit

„Was machst du da?“ fragte ihn der kleine Prinz. „Ich trinke“, antwortete dieser. „Warum trinkst du?“ fragte der kleine Prinz weiter. „Um zu vergessen“, erwiderte der Trinker. „Um was zu vergessen?“, erkundigte sich der kleine Prinz. „Um zu vergessen, daß ich mich schäme“, gestand der Trinker. „Weshalb schämst du dich?“, fragte der kleine Prinz weiter. „Weil ich saufe“, endete der Säufer und hüllte sich in Schweigen. Und der kleine Prinz verschwand bestürzt.

Aus: Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry

„Alkoholabhängigkeit tritt meist im mittleren Lebensalter auf, zu einer Zeit, in der Kinder aufwachsen und erzogen werden, was auf das Ausmaß des Problems für die beteiligten Kinder hindeuten soll.“[7] Zunächst ist jedoch die Bedeutung der Alkoholabhängigkeit zu klären. Dazu werde ich im folgenden ersten Teil dieser Ausarbeitung im ersten Kapitel zunächst die für das Thema relevanten Termini klären. Das zweite Kapitel umfasst einen Überblick über die möglichen Ursachen der Alkoholabhängigkeit. Im Anschluss beschreibe ich die physischen, psychischen und sozialen Auswirkungen der Abhängigkeit.

1. Begriffsklärungen

Die in der fachlichen Literatur verwendeten Begriffe zum Thema Alkohol bedürfen einer genaueren Definition, die ich im Folgenden vornehmen werde. Wichtig erscheint mir dabei, zunächst den Terminus Alkohol, seine chemische Zusammensetzung und seine Wirkung zu betrachten, um die Zusammenhänge zu verdeutlichen. Insbesondere die Begriffe Alkoholismus und Alkoholabhängigkeit zeigen in ihrer Bedeutung feine Unterschiede auf, so dass sie einer nuancierten Betrachtungsweise bedürfen. Der Terminus „Co-Abhängig­keit“ ist in Bezug auf die Familiengefüge untrennbar mit der Alkoholabhängigkeit verbunden und wird aus diesem Grunde im Anschluss genauer definiert.

1.1 Alkohol

„Alkohol war offenbar eine der ersten bewußtseinsverändernden Sub­­­stanzen, von der unsere Vorfahren großzügigen Gebrauch machten.“[8] Auch heute noch gilt der Alkohol als „... ein weit verbreitetes Genußmittel, das schon in geringen Mengen die Sinneswahrnehmung beeinträchtig.“ Und obwohl der Konsum größerer Mengen Alkohol giftig ist, gilt er als legale Alltagsdroge in unserer Gesellschaft.[9] Der regelmäßige Genuss von Bier, Wein, Likör und Schnaps schlägt sich in der Eingangs erwähnten Statistik bezüglich des Pro-Kopf-Konsums von alkoholischen Getränken in Deutschland nieder und spiegelt seine gesellschaftliche Akzeptanz wider.

Feuerlein beschreibt den Alkohol als „... eine farblose, brennend schmeckende Flüssigkeit ...“, die in „... Wasser wie in Fetten löslich ...“ ist und mit einem Kaloriengehalt von 29,6 kJ (7,07 kcal) pro Gramm als Energieträger gilt.[10] Im täglichen Gebrauch findet Alkohol seine Verwendung in Lebensmitteln, Kosmetika, pharmazeutischen Produkten usw.

1.1.1 Chemische Zusammensetzung

Der Terminus Alkohol entstammt dem Arabischen und meint eine organische Verbindung mit mindestens einem „... Wasserstoffatom eines Kohlenwasserstoffs mit einfachen Bindungen zwischen den Kohlenstoffatomen [, die] durch eine Hydroxylgruppe (-OH) ersetzt ist“. Als Ausgangsprodukte für organische Synthesen, Lösungsmittel und Lackzusätze sind Alkohole häufig farblose, leicht brennbare Flüssigkeiten. „Der einfachste Vertreter ist das giftige Methanol (CH3OH), das in der chemischen Industrie verwendet wird und sich auch als Motorentreibstoff eignet.“ Der im Rahmen dieser Ausarbeitung gemeinte Begriff des Alkohols (früher Weingeist) trägt die chemische Bezeichnung Äthanol (Ethanol, C2H5OH). Alkohol „... ist infolge seiner berauschenden Wirkung der entscheidende Bestandteil alkoholischer Getränke (Bier, Wein, Sekt, Spirituosen) und Ausgangsprodukt der Speiseessigherstellung.“ Durch Vergärung von Zucker (z.B. Wein, Äpfel) oder stärkehaltigen Pflanzenteilen (z.B. Kartoffeln, Getreide) wird Alkohol für den menschlichen Genuss gewonnen.[11]

1.1.2 Wirkung

Der tägliche Genuss von etwa 60 g Alkohol (etwa ¾ l Wein) kann bereits zu Gesundheitsschäden führen. Schon ein geringer Anteil von Alkohol im Blut beeinträchtigt die Konzentrationsfähigkeit und das Reaktionsvermögen. Alkoholgenuss kann zu Abhängigkeit führen.[12] In der Psychologie gilt Alkohol als ein Beruhigungsmittel (Sedativa), das die körperliche und geistige Aktivität des Körpers verlangsamt, indem die Übertragung von Nervensignalen im zentralen Nervensystem blockiert oder eingeschränkt wird. Die bewusstseinverändernde Substanz führt bei manchen Menschen zu Albernheit, Freundlichkeit oder Gesprächigkeit. Andere werden unter dem Einfluss von Alkohol hingegen aggressiv und gewalttätig oder deprimiert und ruhig. Den Ausführungen Zimbardos zufolge wirkt sich übermäßiger Alkoholgenuss auf „... das Denken, das Erinnerungsvermögen und die Urteilsbildung grob negativ aus. Gleichzeitig treten emotionale Labilität und Koordinationsschwierigkeiten bei den Bewegungen auf ...“.[13] Hilgard benennt als Wirkungen der Substanz Alkohol das Beschwipst-Sein, die Entspannung und Enthemmung, die Steigerung des Selbstver­trauens und eine motorische Verlangsamung. Als psychoaktive Substanz gehört der Alkohol zu den am häufigsten benutzten und missbrauchten Drogen in der Klassifikation der Sedativa.[14]

1.2 Alkoholismus

Der Begriff „chronischer Alkoholismus“ wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Magnus Huss geprägt.[15] Jellinek griff den Begriff 1960 wieder auf und definierte ihn in seinem Buch Alcoholism as a disease als „... jeglichen Gebrauch von alkoholischen Getränken, der einem Individuum oder der Gesellschaft oder beiden Schaden zufügt.“[16] Der Alkoholismus fand 1968 durch die Entscheidung des Bundessozialgerichts seine Anerkennung als Krankheit und gilt als Behandlungsbedürftig nach der Reichsversicherungsordnung (RVO).[17]

Eine differenzierte Betrachtungsweise der Begriffe Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit entwickelte sich in den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und wurde in die internationalen Klassifikationssysteme, wie das DSM (Diagnostic and Statistical Manual) der American Psychiatric Association und das ICD-10 (International Classification of Diseases) der WHO aufgenommen.[18] (vgl. Anhang 1) Nach der WHO sind „... Alkoholiker exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol einen solchen Grad erreicht hat, dass sie deutliche geistige Störungen oder Konflikte in ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit, ihren mitmenschlichen Beziehungen, ihren sozialen und wirtschaftlichen Funktionen aufweisen oder sie zeigen Prodrome [dem eigentlichen Krankheitsausbruch vorangehende Erscheinung, d. Verf.] einer solchen Entwicklung, ...“[19] Dem derzeitig aktuellen DSM-IV (vgl. Anhang 2) nach ist der Alkoholmissbrauch „ein unangepasstes Muster von Sub­­­­stanzgebrauch ...“ und führt zu „... Beeinträchtigungen oder Leiden ...“ durch ein „... Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen ...“ sowie zu „... Situationen, in denen es aufgrund des Konsums zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann (z.B. betrunken Auto fahren oder eine Maschine bedienen).“ Weiterhin deuten dem DSM-IV zufolge wiederholte „... Probleme mit dem Gesetz in Zusammenhang mit dem Substanzgebrauch ...“ und weiterer „... Substanzgebrauch trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme, die durch Auswirkungen der psychotropen Substanz verursacht oder verstärkt werden ...“ auf einen Alkoholmissbrauch hin.[20] Feuerlein betrachtet, gestützt auf die 1977 von der Expertenkommission der WHO vorgeschlagenen differenzierten Be­tracht­ungs­weisen der alkoholbezogenen Folgeschäden und Alkoholabhängigkeit, die Symptome des Alkoholmissbrauchs als „Alkoholfolgeschäden“. Er beschreibt diese als „... eine Verschlechterung in den körperlichen, psychischen und sozialen Funktionen des Menschen ...“, die „... bloße Konsequenz eines Alkoholmissbrauchs“ sein können. Feuerlein trennt hier die Symptome des Alkoholmissbrauchs von dem Begriff der Alkoholabhängigkeit. Vielmehr sieht er die Alkoholabhängigkeit als eine besondere Form des Alkoholismus.[21]

1.3 Alkoholabhängigkeit

Während es sich beim Alkoholismus um den Missbrauch von Alkohol handelt, wird die Alkoholabhängigkeit als ein „... unstillbares Verlangen, sich Mittel [Alkohol, d. Verf.] zu verschaffen ...“ definiert.[22] Umgangssprachlich wird dieses Verlangen oftmals noch als Sucht bezeichnet. Das vielfältige Vorkommen des Begriffs Sucht in der deutschen Sprache (z. B. Gelbsucht, Habsucht, Eifersucht, Sehnsucht) und dessen verschiedenen Bedeutungen veranlasste die Weltgesundheitsorganisation 1964 dazu, vorzuschlagen, „... auf ihn in Zusammenhang mit der Einnahme von chemischen Substanzen (Drogen) völlig zu verzichten und ihn durch den Begriff der Abhängigkeit zu ersetzen.“[23] Aus diesem Grunde habe ich auf die Definition des Terminus Sucht verzichtet und beschränke mich auf die Verwendung des Begriffes Alkoholabhängigkeit. In den angeführten wörtlichen Zitaten wird der Terminus Sucht jedoch unverändert vom jeweiligen Verfasser übernommen.

Hilgard benennt drei Schlüsselmerkmale einer Drogenabhängig­keit:

- Toleranz, d.h. die Erhöhung der Dosis bei gleichbleibender Wirkung
- Entzugserscheinungen, die sich durch unangenehme physische und psychische Reaktionen äußern
- Zwanghafte Beschaffung und Einnahme der Substanz[24]

Die Klassifikation der Substanzabhängigkeit nach DSM-IV enthält differenziertere Kriterien zur Diagnostik der Alkoholabhängigkeit. Neben den o. g. Merkmalen wird die Aufgabe oder Einschränkung wichtiger sozialer Aktivitäten und der Berufausübung aufgrund des Substanzgebrauchs genannt. Weiterhin sind ein verändertes Frei­zeit­verhalten und der weitere Substanzgebrauch, trotz des Wissens um die sozialen, psychischen und gesundheitlichen Folgen, zur Indikation für eine bestehende Abhängigkeit angeführt. Das Auftreten von drei der dort genannten Kriterien innerhalb von zwölf Monaten weist der Klassifizierung zufolge auf eine Substanzabhängigkeit hin.[25]

1.4 Co-Abhängigkeit

Die Übernahme von Verantwortung für andere Menschen in ihren persönlichen Lebens- und Gefühlslagen wird als Co-Abhängigkeit be­zeichnet. Gleichzeitig haben Co-Abhängige „... Probleme, ihre eigenen Bedürfnisse durchzusetzen und machen ihr Gefühl von Identität in erster Linie von anderen Menschen abhängig.“ Das niedrige „... Selbst­wertgefühl und [die] Angst vor emotionalen Beziehungen ...“ lässt diese Personen oftmals einen Partner wählen, der Hilfe benötigt und gleichzeitig kontrollierbar ist.[26]

Der Begriff „Co-Abhängigkeit“ wurde, im Vergleich zur Prägung des Terminus Alkoholismus (vgl. Punkt 1.2), erst in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts untersucht. Im Focus der Untersuchungen standen die Partner der Abhängigen, deren Verhalten zur Aufrechterhaltung der Abhängigkeit führte. Das heutige Konzept des Co-Ab­hängigen bezieht alle Familienmitglieder mit ein, da „... sich das co-abhängige Verhalten bereits in Kindheit und Jugend durch das Aufwachsen mit einem abhängigen Elternteil manifestiert.“ Zobel vergleicht in seinen Ausführungen verschiedene Studien bzgl. „... dem Aufwachsen mit einem abhängigen Elternteil und späterem co-abhängigen Verhalten.“. Seines Erachtens sind die bisherigen Forschungsergebnisse jedoch noch nicht eindeutig.[27] Rennert beschreibt in ihrer Veröffentlichung, angelehnt an Forschungsergebnisse des Johnson Institutes in Minneapolis und dessen Mitarbeiterin Sharon Wegschneider, ihre systemisch orientierte Sichtweise der Wechselbeziehungen in der Entwicklung zu Abhängig­keit und Co-Abhängigkeit in den Familien von Substanzabhängigen. Demnach führt eine “... Kette von Aktionen und Reaktionen, in deren Ablauf eine neue Balance gefunden wird ... [zu einem] an die Abhängigkeit ... angepassten Gleichgewicht.“[28] Für das suchtfördernde Verhalten der Co-Ab­hän­gigen nennt Rennert die von Wegscheider herausgefundenen sechs verschiedenen Stile, die von co-abhängigen Personen durchaus gleichzeitig praktiziert werden:

1. Vermeiden und Beschützen: Jegliches Verhalten, mit dem die co-abhängige Person den Abhängigen oder sich selbst davor bewahrt, die volle Tragweite der schädlichen Konsequenzen des Drogenkonsums zu spüren.
2. Versuche, den Drogenkonsum der abhängigen Person zu kontrollieren: Jegliches Verhalten der co-abhängigen Person, mit dem sie beabsichtigt, persönlich die Kontrolle über den Drogenkonsum des Abhängigen zu übernehmen.
3. Übernehmen von Verantwortlichkeit: Jegliches Verhalten der co-abhängigen Person, das dazu dienen soll, die persönlichen Verantwortlichkeiten des Drogenkonsumenten zu übernehmen, seien es die Tätigkeiten im Haushalt oder am Arbeitsplatz.
4. Rationalisieren und Akzeptieren: Jegliches Verhalten der co-ab­hän­gigen Person, mit dem sie eine Rationalisierung oder Akzeptanz des Drogenkonsums zum Ausdruck bringt.
5. Kooperation und Kollaboration: Jegliche Unterstützung oder Beteiligung der co-abhängigen Person bei der Beschaffung, dem Ver­kauf, der Zubereitung und dem Gebrauch von Drogen.
6. Retten und sich dem Abhängigen nützlich machen: Jegliches Verhalten der co-abhängigen Person, mit dem sie den Abhängigen übermäßig beschützt und sich ihm gegenüber unterwürfig zeigt.

Diese in der Fachliteratur vielfach beschriebenen Stile beziehen sich auf die Angehörigen von Kokainabhängigen, finden ihre Gültigkeit aber für jede beliebige Drogenabhängigkeit.[29]

Die co-abhängige Person ist sich ihrer abhängigkeitsverlängernden Verhaltensweisen nicht bewusst. Sie „... handelt oft aus dem Gefühl von Liebe und Loyalität heraus ...“ und „... später auch aus der realistischen Angst, daß sie und die anderen Familienmitglieder die unangenehmen Konsequenzen teilen müssen, die das Verhalten des Abhängigen mit sich bringt.“[30] Die co-abhängige Person versucht den immer unzuverlässiger werdenden Abhängigen vor den Folgen seines Ver­hal­tens zu schützen, indem sie ihn z. B. bei der Arbeit entschuldigt, seine Schulden ausgleicht und sich um die Dinge des täglichen Lebens kümmert, die bisher zum Aufgabenbereich des Abhängigen gehörten. Dadurch befreit sie „... ihn somit von seinen Verantwortlichkeiten“ und „... gleichzeitig erspart sie ihm die Konsequenzen ...“ seiner Unzuverlässigkeit. Durch ihre überverantwortliche Haltung stellt sie jedoch „... erst eine Situation her, in welcher es keinerlei Grund für den Abhängigen gibt, seinen Konsum einzustellen, und verhindert Krisen, die dazu führen können, den Abhängigen zu einer Änderung seines Verhaltens zu bewegen.“[31]

2. Ursachen der Alkoholabhängigkeit

Der Konsum von Alkohol ist in Deutschland weit verbreitet, aber nicht alle Menschen, die Alkohol konsumieren, werden zwangsläufig substanzabhängig. Im Folgenden werde ich einige der möglichen Faktoren, die eine Abhängigkeit begünstigen, erläutern. Aus der Vielzahl der von der Wissenschaft untersuchten Gründe für die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit habe ich die für diese Ausarbeitung wichtigen Faktoren ausgewählt. Da zwischen der Entstehung der Alkohol- und Drogen­abhängigkeit eine enge Verbindung besteht, werde ich die Begriffe Drogen und Alkohol gleichermaßen verwenden. Dabei beziehe ich mich auf Feuerleins „Modell für die Entstehung der Drogenabhängigkeit“ und werde dieses durch das Heranziehen von Ver­öffentlichungen anderer Autoren stützen. Der Autor beschreibt die im Allgemeinen geltenden drei großen Faktorengruppen. Ausschlaggebend sind für die Entstehung einer Abhängigkeit demnach die Wirkung der Drogen, insbesondere ihr Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial, die Persönlichkeit des Konsumierenden und das spezifische Sozialfeld.[32]

2.1 Die Substanz Alkohol und ihr Missbrauchs- und Abhängigkeits­potenzial

Das Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial einer Droge wird zum einen durch die psychotrope Wirkung, d. h. „... die Entwicklung von psychischer Abhängigkeit durch Beeinflussung von Stimmung, Wahrnehmung, Antrieb“ (vgl. Kapitel 1.1.2) und zum anderen durch die Toleranz- und Abhängigkeitsentwicklung (vgl. Kapitel 1.3) bestimmt. Hierbei handelt es sich um „... ein komplexes Phänomen, bei dem verschiedene neuronale und hormonelle Systeme beteiligt sind.“[33] Verschiedene Hypothesen und Theorien versuchen die Abhängigkeitsentstehung zu begründen.[34]

Angelehnt an die biologische Suchttheorie beschreibt Hilgards die drei Hauptfaktoren, die das Toleranz- und Abhängigkeitspotenzial von psychoaktiven Drogen bestimmen. Demnach führt der Kon­sum „... zu einer Überaktivierung des Belohnungssystems im Gehirn“ durch die direkte Einwirkung auf die Neurone, insbesondere auf das mesolimbische Dopaminsystem, das nach derzeitigem Forschungs­­stand für die Erzeugung von Bedürfnissen nach Anreizen zuständig zu sein scheint. Weiterhin aktivieren euphorisierende Drogen die Lustsysteme. Die Aktivierung des Belohnungssystems (das Wollen) und der Lust (das Mögen) führt zu einem intensiven Hochgefühl, das durch „... die Erinnerung daran zur potenziellen Versuchung“ wird, „es [die Droge] sich immer und immer wieder zu verschaffen.“ Als weiteren Faktor für die abhängigkeitsauslösenden Wirkungen nennt Hilgards das Auftreten von Entzugserscheinungen nach wiederholtem Drogenkonsum. Durch die wiederholte Einnahme einer Droge „... können die dadurch aktivierten Lustsysteme mit zunehmender Aktivierungsresistenz reagieren, um ihren normalen Gleichgewichtszustand wiederherzustellen.“ Durch diese Toleranz kann der Abhängige nur durch eine kontinuierliche Erhöhung des Konsums ein gleichbleibendes euphorisches Gefühl erreichen. Das Gehirn kann „... bei häufigen Drogeneinwirkungen Prozesse aktivieren, die dem Drogeneinfluss geradezu entgegenwirken.“ So kann es bei abruptem Weglassen der Droge zu biochemischen Reaktionen, den äußerst unangenehmen Entzugserscheinungen, kommen, die „... dem Süchtigen ein weiteres Motiv, den Drogenkonsum wieder aufzunehmen ...“ bieten. Als dritten Faktor für das Abhängigkeitspotenzial einer Droge benennt Hilgards die dauerhafte Veränderung des Belohnungssystems, so „... dass die Sucht nach der Droge auch nach dem Abklingen der Entzugserscheinungen bestehen bleibt.“ Dies geschieht durch die Hyperaktivierung oder Sensibilisierung des mesolimbischen Dopaminsystems und hat „... ein übersteigertes Verlangen nach der Droge“ zur Ursache.[35]

2.2 Der Konsument als Träger individueller Abhängigkeitsrisiken

Neben dem Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial der Droge Alkohol stehen die individuellen Abhängigkeitsrisiken des Konsumenten im Fokus der Wissenschaft. Signifikant ist die „... unverhältnismäßig hohe Zahl von Alkoholikern ...“ mit mindestens einem alkoholabhängigen Elternteil. Feuerlein fasst verschiedene Studien zusammen und stellt fest, dass 31 Prozent der Alkoholiker aus vorbelasteten Familien stammen.[36] Das auffällige wiederholte Auftreten der Alkoholabhängigkeit in der Verwandtschaft lässt einen genetischen Faktor vermuten. Bisher wurde jedoch weder durch Zwillings- noch durch Adoptionsstudien ein Zusammenhang hinreichend bewiesen. Zobel schließt nach einer umfangreichen Gegenüberstellung der verschiedenen Studien eine direkte Vererbung aus und vermutet „... hingegen die Vererbung einer Disposition für Alkoholabhängigkeit, die bei entsprechenden kritischen Umwelterfahrungen zum Ausbruch der Krankheit führt.“[37]

Als weiteres Risiko der Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit gilt die prämorbide Persönlichkeitsstruktur des Individuums. Feuerlein bezieht sich auf Untersuchungen der sechziger bis neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts und nennt Veränderungen der Psychopathie, Depressivität, Schizoidie und Hypochondrie als Faktoren für die Dispo­sition zur Alkoholabhängigkeit. Insbesondere bei Untersuchungen von männ­lichen Jugendlichen, die später zu Alkoholabhängigen wurden, zeigten die Probanden eine erhöhte Betonung der Männlichkeit, nicht kontrollier­te Impulsivität, eine vermehrte Extraversion sowie eine geringere Produktivität.[38]

[...]


[1] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Bonn 2002, 221.

[2] Bundesregierung / Bundesministerium für Gesundheit. Berlin 2006, 12.

[3] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Bonn 2002, 221.

[4] Klein, M. Berlin 2004, 21.

[5] Black, C. Wildberg 1988, 15.

[6] Badry, R., Knapp, R., Stockinger, H. G. Neuwied und Kriftel 2002, 165.

[7] Köppl, B. u. Reiners, W. Freiburg im Breisgau 1987, 9.

[8] Zimbardo, P. G. Heidelberg 1992, 219.

[9] Duden. Mannheim 2001., 11 f.

[10] Feuerlein, W. Stuttgart 1989, 19.

[11] Der Jugend Brockhaus. Mannheim 2004, 35.

[12] Der Jugend Brockhaus. Mannheim 2004, 35.

[13] Zimbardo, P. G. Heidelberg 1992, 219.

[14] Hilgard, E. R. Berlin 2001, 208 f.

[15] Feuerlein, W. Stuttgart 1989, 98.

[16] Kruse, G. et al. Bonn 2000, 35.

[17] Feuerlein, W. Stuttgart 1989, 11 u. 263.

[18] Feuerlein, W. Stuttgart 1989, 7.

[19] Krämer, H. Hamburg o. J., 11.

[20] American Psychiatric Association, Diagnostic and statistical manual of mental disorders, fourth edition (DSM-IV), Washington, DC 2001.

[21] Feuerlein, W. Stuttgart 1989, 7.

[22] Lucas, H. München 1999, 385.

[23] Feuerlein, W. Stuttgart 1989, 4 f.

[24] Hilgard, E. R. Berlin 2001, 209.

[25] American Psychiatric Association, Diagnostic and statistical manual of mental disorders, fourth edition (DSM-IV), Washington, DC 2001.

[26] Zobel, M. Göttingen 2000, 76.

[27] Zobel, M. Göttingen 2000, 76 f.

[28] Rennert, M. Freiburg im Breisgau 1990, 43 f.

[29] Rennert, M. Freiburg im Breisgau 1990, 53 – 56.

[30] Rennert, M. Freiburg im Breisgau 1990, 57.

[31] Rennert, M. Freiburg im Breisgau 1990, 57 f.

[32] Feuerlein, W. Stuttgart 1989, 12.

[33] Feuerlein, W. Stuttgart 1989, 13.

[34] Feuerlein, W. Stuttgart 1989, 71 – 74.

[35] Hilgard, E. R. Berlin 2001, 345 f.

[36] Feuerlein, W. Stuttgart 1989, 47.

[37] Zobel, M. Göttingen 2000, 133 – 146.

[38] Feuerlein, W. Stuttgart 1989, 54 f.

Details

Seiten
67
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638896061
ISBN (Buch)
9783638896313
Dateigröße
790 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83088
Institution / Hochschule
Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven; Standort Oldenburg
Note
1,7
Schlagworte
Kreative Prozesse Methoden

Autor

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