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Der Umgang mit dem Tod - Hospiz

Seminararbeit 2006 28 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Geschichte der Hospizbewegung
I. Von der Herberge zum „Sterbehaus“
1. 4. – 16. Jahrhundert
2. 16.- 19. Jahrhundert
3. 20. Jahrhundert
II. Weiterentwicklung
1. International
a. USA
b. Kanada
c. Finnland
2. Deutschland
a. „Noch 16 Tage Eine Sterbeklinik in London“
b. OMEGA
c. Haus „Hörn“
d. „Hospiz zum Heiligen Franziskus“
e. Dr. Johann- Christoph Student
f. Kirche

B. Formen der Hospizarbeit
I. Hospizinitiativen
II. Ambulante Hospizarbeit
1. ambulante Hospizarbeit und Hospizgruppen
2. ambulanter Hospizdienst
3. ambulanter Hospiz- und Palliativdienst
4. ambulanter Hospiz- und Palliativberatungsdienst
a. Ambulanter Hospizdienst
b. Ambulante Palliativdienste
Exkurs :Palliative Care/ Palliativmedizin
III. Stationäre Hospizarbeit
1. stationäre Hospize
2. Palliativstationen
IV. Andere Formen
1. Kinderhospizvereine, -dienste und –hospize
2. integrative Modelle.
3. Tageshospize
4. Wohneinrichtung für AIDS-Kranke

C. Wer darf überhaupt in ein Hospiz?

D. Finanzierung von Hospizen

E. Ehrenamtlichkeit..

F. Erlebnisberichte
I. Ehrenamtlicher Helferin
II. Begegnung im stationären Hospiz- Erfahrungsbericht eines begleitenden Freundes- Peter Schlösser
III. Sterbende/r

G. Abschluss

Referat: Der Umgang mit dem Sterben – Hospiz

„Und um dem Tod zunächst seine große Überlegenheit über uns zu entreißen, lasst uns ein dem Gewöhnlichen ganz entgegengesetzten Weg einschlagen. Nehmen wir ihm seine Unheimlichkeit, machen wir ihn uns vertraut, halten wir mit ihm Umgang.“ Michel de Montaigne

Sterben ist Leben – Leben vor dem Tod. So steht es in einer Broschüre der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz zur Förderung von ambulanten, teilstationären und stationären Hospizen und Palliativmedizin e.V.[1]

Doch was genau ist damit gemeint? Was versteht man unter dem Begriff der Sterbebegleitung, und ist Sterbebegleitung auch gleichzusetzen mit Sterbehilfe?

Ich werde im Folgenden ausführen, wie die Idee von Hospizen entstanden ist und welche Zielsetzungen und Methoden sie als Grundlage haben.

Weiter werde ich auf die Formen der Hospiz- Arbeit eingehen und einige Erlebnisberichte sowohl von Sterbenden als auch von Sterbebegleitern wiedergeben.

B. Geschichte der Hospizbewegung

I. Von der Herberge zum „Sterbehaus“

Der Begriff Hospiz stammt aus dem Lateinischen hospitium und heißt übersetzt Herberge, Gastfreundschaft.

Im Folgenden werde ich auf einige Daten eingehen, die mir in der Geschichte der Hospizbewegung wichtig erscheinen.

1. 4.- 16. Jahrhundert

Die Idee, die hinter einem Hospiz steht, findet seine Ursprünge schon in den Anfängen des Christentums, da christlicher Tugend die Gastfreundschaft gegenüber Fremden und Hilfsbedürftigen eigen war.

Schon im 4. Jahrhundert nach Christi errichtete eine römische Christin, Fabiola, ein Hospiz in Rom. Sie gab Pilgern, die aus Afrika zurückkehrten Unterkunft und Nahrung, pflegte Menschen, die erschöpft und krank waren und gab Moribunden[Sterbenden] Beistand.

Die Blütezeit der Hospize wurde dann im Mittelalter erreicht, wegen des in die Zeit fallenden Interesses an Pilgerfahrten in das Heilige Land.

In Jerusalem gründete sich der Johanniterorden anlässlich einer Errichtung einer Herberge für kranke und schwache Pilger. Geleitet wurde es von Pater Gerard. Er und seine Mitbrüder gaben sich den Namen „Arme Brüder des Hospitals St. Johannes“ (Johanniter), auch genannt „Hospitaliter“. 1113 wurde der Orden dann durch eine päpstliche Bulle anerkannt.

Die Regeln dieses Ordens spiegeln die Auffassung über die Hospizarbeit wieder: „Wie unsere Herren, die Kranken, empfangen und bedient werde sollen: Wenn ein Kranker kommt möge er zu Bett getragen werden und dort... bevor die Brüder zum essen gehen, täglich aus Wohltätigkeit mit Speise und Trank entsprechend den Möglichkeiten des Hauses versorgt werden. Die Betten der Kranken sollen so lang und so breit bemessen sein, wie es eine angenehme Ruhe erfordert, und jedes Bett soll mit einer eigenen Zudecke versehen sein und jedes Bett soll eigene Bezüge besitzen Für die Säuglinge, welche von Pilgerinnen in dem Hause zur Welt gebracht werden, sollen kleine Wiegen gebaut werden Die Leiter des Hauses sollen den Kranken mit frohem Herzen dienen, und sie sollen ihre Pflicht ihnen gegenüber erfüllen und ihnen ohne Murren und Klagen zu Diensten sein Damit sie Tag und Nacht geschützt und bewacht seinen, sollen ihnen überdies neun Diener zur Verfügung gestellt werden, welche sanft ihre Füße waschen und ihr Bettzeug wechseln sollen“[2]

Im Jahre 1316 eroberten die Hospitaliter im Verlauf der Kreuzzüge Rhodos. In dieser Zeit entstand auch das heute noch erhaltenen „Krankenhaus von Rhodos“, in welchem Kranke mit unheilbarem Leiden behandelt wurden. Die Räume der Sterbenden waren auf der gleichen Ebene wie die Zimmer der Pilger und Reisenden. Dies sollte eine Teilnahme am Leben für die Sterbenden ermöglichen.

2. 16. – 19. Jahrhundert

Beginn des 16. Jahrhunderts gründete der französische Priester Vincenz von Paul ein Hospiz für entlassene Galeerensklaven, ein Waisenhaus, einige Einrichtungen für Arme und Kranke, aber auch den Orden für Krankenschwester, der sich „Filles de la Charité“ nannte.

1836 gründete Pastor Theodor Fliedner das erste evangelische Krankenhaus in Kaiserswerth, das sich zur Aufgabe die Pflege von Kranken durch Ordensschwestern, den Diakonissen gesetzt hatte. Fliedner wurde dabei von Freiherr Karl von und zum Stein angeregt und unterstützt, da dieser sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die französischen Hospize angeschaut hatte, und tief beeindruckt diese Idee auch in „Deutschland“ umsetzen wollte.

1840 arbeitete die Krankenschwester Florence Nightingale einige Zeit bei den „Filles de la Charité“ in Paris und Kaiserswerth. Nightingale ist berühmt durch ihre Reformierung des Krankenpflegedienstes, der durch sie zu einem angesehenen Beruf wurde.

Mitte des 19. Jahrhunderts eröffnete ein von Mary Aikenhead gegründeter Nonnenorden, der sich „Schwestern der Barmherzigkeit“ nannten, das erste Hospiz in Dublin. Aufgabe der Schwestern war unter anderem die Pflege und Sorge für sterbende Menschen. Das Neue allerdings war der Ansatz von Aikenhead für die sterbenden Menschen ein Haus zu fordern, „ das ruhiger und kleiner sein sollte als ein Krankenhaus für akute Kranke, das aber die gleichen Einrichtungen für eine Pflege am Krankenbett haben sollte“[3]. Mit dieser Forderung distanzierte sich diese Idee von der christlichen Grundidee, das ein Hospiz zu allererst eine Herberge für Pilger und Reisende ist. Aikenhead stellte zum ersten Mal die Pflege und Fürsorge für sterbende Menschen in den Vordergrund.

1893 eröffnete der englische Arzt Dr. Howart Barret das St. Luke´s in London, das ein „Heim für Sterbende“ sein sollte.

1894 schrieb Barret über St. Luke´s: „Viele Leute, denen ich von St. Lukas erzähle, sagen: „Welch entsetzlicher Ort! Fühlen Sie sich nicht schrecklich niedergeschlagen, wenn Sie dorthin gegen?“ „Durchaus nicht“, antworte ich vergnügt, „ ich finde es wunderbar und herzerfrischend.“ Und das stimmt. Ich weiß, dass es weitere hundert und aberhundert Arme auf den eintönigen Strassen und Höfen Londons gibt, die in derselben schlechten Lage sind wie die, die wir hier haben Aber denen, die hier sind, können wir, solange sie leben, Ruhe und Frieden geben, wir können vielen ihre Schmerzen erleichtern, sie erhalten die beste Ernährung, die beste Medizin. Sanfte Hände betreuen sie, freundliche Stimmen reden ihnen gut zu und erzählen ihnen die Frohbotschaft von der allumfassenden Liebe und dem ewigen Leben. Grund genug, um jedermann heiter zu stimmen.“[4]

3. 20. Jahrhundert

1905 gründeten die Schwestern der Barmherzigkeit ein zweites Hospiz in London, das St. Joseph´s Hospice. Dieses Hospiz war für die Hospizbewegung von großer Bedeutung, da dort wohl das Mutterhaus der modernen Hospizbewegung anzusiedeln ist.

Die Krankenschwester und medizinische Sozialarbeiterin Cicerly Saunders arbeitete Mitte des 20. Jahrhunderts im St. Joseph´s. Dort hatte sie eine beeindruckende Begegnung mit dem polnischen Juden David Tasma. Tasma, der im Warschauer Ghetto aufgewachsen und den Holocaust überlebt hatte, lag dort 40- jährig aufgrund ein Krebsbehandlung. Saunders und Tasma freundeten sich an und sponnen sich einen Ort, an dem Menschen würdig bis zuletzt leben und sterben können. Mit den Worten „Lassen Sie mich ein Fenster in ihrem Haus sein“ hinterließ Tasma Saunders seinen ganzen Besitz, 500 Pfund.

Ca. 20 Jahre später setzte Saunders diese Idee, von der sie seitdem mit Leidenschaft gepackt war, um.

Mit dem 1967 eröffneten St. Christopher´s Hospice im Süden von London, im Vorort Sydenham setzte sie ihre Idee um. Ihre Vision, den Schmerz wirksam zu bekämpfen, sollte von vier Seiten erfasst werden: pflegerisch- medizinisch, psychisch- geistig, sozial und spirituell.

pflegerisch- medizinisch

Unter pflegerisch- medizinisch versteht man den Wunsch, im Sterben nicht unter Schmerzen und anderen Beschwerden leiden zu müssen, die das Sterben zusätzlich erschweren.

psychisch- geistig

Psychisch- geistig soll den Wunsch umfassen, noch letzte Dinge, „unerledigte Geschäfte“[5], zu regeln und hierfür den nötigen Raum gewährt zu bekommen.

Sozial

In erster Linie ist allerdings der soziale Aspekt ausschlaggebend, da man im Sterben nicht allein gelassen werden will, sondern an einem vertrauten Ort, geborgen inmitten vertrauter Menschen zu sterben zu dürfen.

Spirituell

Spirituell stellt sich der Wunsch, die Sinnfrage zu stellen, aber vor allem besprechen zu dürfen und die Frage nach dem „Danach“ mit all ihrer Beängstigung ausdrücken zu dürfen.

Mit dieser Vision hat Cicerly Saunders den Grundstein für die Hospizbewegung gelegt.

II. Weiterentwicklung

1. International

a) USA

In den Vereinigten Staaten wurde 1971 in New Haven im Staat Connecticut das erste Hospiz von der Ärztin Sylvie Lack gegründet. Dies geschah hier als eine gemeinnützige Körperschaft.

1973 fing die Gruppe an, die ambulante Pflege von Patienten zu übernehmen und arbeitete daneben an den Voraussetzungen zur Eröffnung eines stationären Hospizes.

1977 war dann die Grundsteinlegung für ein eigenes Hospizgebäudes mit 44 Betten.

In den USA hat sich neben den Palliativstationen vor allem der ambulante Hospizdienst durchgesetzt.

Im Landkreis Marin, nördlich von San Francisco wurde 1975 ein ambulantes Hospiz gegründet. Dies war keine ungewöhnliche Art einer Gründung, da viele ihre Dienste schon vorher ohne Bezahlung anboten. Initialzündung waren meist persönliche Erfahrungen, was durch die Qualität des Dienstes zur raschen Anerkennung bei den medizinischen Institutionen der Region führte.

1975 wurde dann die Hospizarbeit innerhalb des Krankenhauses im St. Luke´s Hospital Center, New York etabliert. Hier schlossen sich Mitarbeiter zu dem „Hospiz- Pilot- Projekt“ zusammen und boten spezielle Begleitung für sterbende Menschen und deren Angehörigen an. Das Spezielle hierbei war, dass es keine gesonderte Unterbringung der Patienten gab, sondern sie auf allen Stationen verteilt waren. Das Ziel war die praktische Umsetzung des Hospizgedankens, die Weitergabe der Erkenntnisse der Hospizmedizin und Hospizpflege an die Mitarbeiter des Krankenhauses.

Im Jahr 1978 wurde dann die National- Hospice- Organisation (NHO) gegründet, deren Aufgabe die Förderung und Unterstützung bestehender Hospizprojekte war. Zitat Dennis Rezendes: „ Im Laufe des nächsten Jahrzehnts wird das Hospiz- Programm nicht mehr länger eine Neuerung sein, sondern direkt in das bestehende System der Gesundheitsförderung eingegliedert werden. Jeder der auf diesem Gebiet arbeitet, wird für die Pflege unheilbar kranker Patienten aufgeschlossen sein und über das nötige Wissen verfügen.“[6]

b) Kanada

In Kanada wurde 1975 in Montreal durch den Onkologe Balfour Mount am Royal Victoria Hospital die erste kanadische Hospizeinrichtung als eine andere Variante gegründet. Balfour gründete eine Palliativstation mit 15 Betten und einem dazu gehörigen Hausbetreuungsdienst und schuf damit die weltweit erste Palliativstation. Diese war kein eigenständiges Haus, sondern eine eigenständige Abteilung/ Station in einem Krankenhaus.

Die kanadische Hospizbewegung beruft sich ebenfalls (wie die der USA) auf die englische Hospiztradition, wobei hier aber die Integration der Hospize in bestehende Krankenhäuser von Bedeutung ist.

c) Finnland

In Finnland wurde 1987 das von der Krebsgesellschaft gegründete Pflegeheim „Pirkamaa“ in Tampere eingeweiht. Dessen Aufgabe war es, die Pflege von Terminalkranken zu übernehmen und als Ort für Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet zu gelten.

1988 wurde dann in Helsinki das obere Stockwerk des Era- Krankenhauses für die Nutzung als Hospiz umgebaut.

2. Deutschland

In Deutschland ging die Entwicklung der Hospizbewegung eher schleppend voran.

a) „Noch 16 Tage Eine Sterbeklinik in London“

Dies könnte zum großen Teil an einem Film liegen der Anfang der 70er Jahre für eine Kontroverse Anlass gab. Der Münchner Jesuit Reinhold Iblacker drehte einen Film über das St. Christopher´s Hospice in London mit dem Namen „Noch 16 Tage Eine Sterbeklinik in London“. Dieser Film transportierte aufgrund der unglücklichen Übersetzung vom englischen Wort „hospice“ die unsachgemäße und vor allem unsympathische Bezeichnung „Sterbeklinik“ nach Deutschland. Dieser Begriff wirkte eher abschreckend als einladend für ein Haus, das von der Idee her den Titel „Lebenshaus für die letzten Tage“ verdient hätte[7].

16 Tage waren damals die durchschnittliche Verweildauer in diesem Hospiz. Der Film zeigte zum erste Mal, wie in einem Hospiz Schwerstkranke und sterbenden Menschen und ihren Angehörigen leben und wie mit ihnen umgegangen wurde: Nicht nach hygienischen und wirtschaftlichen Maßstäben eingerichtete Krankenzimmer bestimmten das Bild, sondern Wohnlichkeit und Atmosphäre; keine blinkenden, piepsenden Apparate, keine Schläuche, sondern Menschen im Gespräch miteinander oder solche, die still am Bett eines Sterbenskranken sitzen, ehrenamtliche HelferInnen, die sich einbringen, wo sie gebraucht wurden.

[...]


[1] Im Folgenden nur noch BAG Hospiz.

[2] Weiß, Im Sterben nicht allein, S. 13/14.

[3] Weiß, Im Sterben nicht allein, S. 16.

[4] Weiß, Im Sterben nicht allein, S. 17.

[5] Elisabeth Kübler- Ross

[6] Weiß, Im Sterben nicht allein, S.19.

[7] Weiß, Im Sterben nicht allein; S.29.

Details

Seiten
28
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638895446
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83068
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Europäische Ethnologie
Note
2
Schlagworte
Umgang Hospiz Heilkultur Lehre Praxis

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