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Pier Paolo Pasolini "Poesia in forma di rosa"

Die Selbstinszenierung des lyrischen Sprechers als Verwebung von Erotismus, mythischem Geschichtskonzept und Ideologiekritik

Seminararbeit 2004 17 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erotismus
2.1 Widersprüchliche Liebeskonzepte
2.1.1 ‘amore fisico’: Vitalität vs. Gefährdung
2.1.2 ‘corpo’ vs. ‘anima’
2.1.3 Homosexualität vs. Mutterliebe

3. Mythisches Geschichtskonzept
3.1 Mythen: Jugendzeit, Dritte Welt, Christus
3.2 Konzepte von ‘Preistoria’, ‘Storia’ und ‘Profezia’

4. Ideologiekritik
4.1 Kritik am ‘patto industriale’ und an der ‘borghesia’
4.2 Innerer Zwiespalt: ‘ragione’ vs. ‘passione’

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Gedichtband Poesia in forma di rosa (1961-64) ist laut Pasolini ein “tentativo stentato di identificare la condizione presente dell’uomo”.[1] Mühsam nicht zuletzt deswegen, weil Pasolini / der lyrische Sprecher[2] vielmehr bewusst seine politische und persönliche Zerrissenheit präsentiert, als einen objektiven oder gar belehrenden Blick auf Ideologie und Gesellschaft seiner Zeit, wie er dem Verständnis marxistischer Intellektueller entsprach.[3]

Diese „condizione schizoide archetipica“ und den „rapporto complessivo dell’autore con il mondo“ (Santato 1980: 238-239) möchte ich im Folgenden unter den Gesichtspunkten Erotismus, mythologisches Geschichtskonzept und Ideologiekritik näher untersuchen.

Die Darstellung des Erotismus stützt sich dabei auf die Unterscheidung zweier Liebeskonzepte - dem ‘amore fisico’ und dem ‘amore intellettuale’ - anhand derer sich die widersprüchlichen erotisch-emotionalen Empfindungen des lyrischen Sprechers zeigen lassen.

Im Rahmen der Betrachtung des mythischen Geschichtskonzepts stehen zum einen die Hauptmythen um Jugendzeit, Dritte Welt und Christus, sowie zum anderen die Konzepte von ‘Preistoria’, ‘Storia’ und ‘Profezia’ im Mittelpunkt. Hierbei wird deutlich, dass die mythisierten Ideale und Überlegungen des ‘Ichs’ weniger einem humanitären Anliegen entsprechen, sondern dem Versuch, ästhetische Präferenzen und persönliche Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

In diesem Zusammenhang wird auch die Darstellung der Ideologiekritik des lyrischen Sprechers zeigen, dass es sich hierbei eher um einen subjektiven, teilweise provokanten Ausdruck der Enttäuschung am Zeitgeschehen, als objektive Kritik daran handelt. Ein Blick auf die inneren Konflikte des Dichters zwischen der eigenen bürgerlichen Herkunft und der Sympathie für das einfache Volk rundet meine Ausführungen ab.

2. Erotismus

2.1 Widersprüchliche ‘Liebeskonzepte’

Die Vorstellungen von Liebe und Erotik des lyrischen Sprechers in Poesia in forma di rosa lassen sich nicht auf ein widerspruchsloses Konzept reduzieren. Aus der Verwebung von homoerotischen Neigungen und einer starken Mutterliebe entsteht eine übergeordnete Gegenüberstellung zwischen einem ‘amore fisico’ und einem ‘amore intellettuale’, wie sie im Folgenden näher dargestellt wird.

2.1.1 ‘amore fisico’: Vitalität vs. Gefährdung

Der Liebesakt an sich wird sowohl als Quelle von Vitalität als auch als Gefährdung dargestellt - Leben und Tod verweben sich in ihm.

E mille volte questo atto è da ripetere:

perché, non riperterlo, significa povare

la morte come un dolore frenetico,

che non ha pari nel mondo vitale… (PFR S. 40)

Und auch in der ästhetisch-mythischen Überhöhung des Liebesaktes („valli sacri della libidine“ und „gesti sacri“) klingt der gewalttätige Impuls der Erotik mit an („sadica, masochista“).

E…

i miei amori di pura sensualità,

replicati nelle valli sacre della libidine,

sadica, masochista, […]

Piano piano le migliaia di gesti sacri,

la mano sul gonfiore tiepido,

i baci, ogni volta a una bocca diversa,

[…] (PFR S. 108)

Deutlich gewaltsamer wird dieser “disturbing erotic impulse” (Gordon 1996: 172) in den Poesie Mondane dargestellt:

[…] è sesso, grandezza

della libidine, sua soavità…

Il protagonista è macellato:

una bolla d’aria gonfia la sua pelle,

potrebbe volare per il terrore.

Una spaccatura gli scende dal palato

allo sterno, e irradia dei tremiti

per tutto il corpo: […] (PFR S. 20)

2.1.2 ‘corpo’ vs. ‘anima’

Die Verbindung von Sexualität und Tod entsteht aus dem Gedanken, dass rein körperliche Liebe „per il poeta, deve essere ‘senza anima’“ (Panzieri 1988: 76). Die Anziehungskraft des ‘Fleisches’ geht für den lyrischen Sprecher nur von jungen Männern aus:

Per loro, i miei coetanei, i figli, in squadre

meravigliose sparsi per pianure

e colli, per vicoli e piazzali, arde

in me solo la carne. (PFR S. 39)

Über das Herz und die Seele hingegen wird die Liebe zur Frau[4] definiert:

Il mio amore

è solo per la donna: infante e madre.

Solo per essa, impegno tutto il cuore. (PFR S. 39)

So wie der Mann für das ‘Ich’ ein „corpo senza anima“ (Santato 1980: 238) ist, gilt für die Frau das Gegenteil: sie ist „anima senza corpo“ (Santato 1980: 238). Sie hat für den lyrischen Sprecher keinerlei körperliche Attraktivität; die Liebe zu ihr basiert nur auf intellektuellen Werten.

2.1.3 Homosexualität vs. Mutterliebe

Dass von der Frau keine Anziehungskraft im Sinne des ‘amore fisico’ ausgehen kann, ist im Zusammenhang mit der starken Liebe, die der lyrische Sprecher seiner Mutter entgegenbringt, zu erklären. In dem Gedicht Supplica a mia madre wird dieses Gefühl näher erläutert:

Tu sei la sola al mondo che sa del mio cuore,

ciò che è stato sempre, prima d’ogni altro amore.

[…]

Sei insostituibile. Per questo è dannata

alla solitudine la vita che mi hai data.

E non voglio esser solo. Ho un’infinita fame

d’amore, dell’amore di corpi senza anima.

Perché l’anima è in te, sei tu, ma tu

sei mia madre e il tuo amore è la mia schiavitù: (PFR S. 27)

Eine andere Frau oder gar einen Mann im Sinne des ‘amore intellettuale’ zu lieben, „sarebbe un sacrilego o un tradimento”, denn “la totalità dell’anima è contenuta nella figura della madre che lo tiene legato a sé con un patto sacrale, quello della nascita” (Panieri 1988: 76).

Der Mutterliebe steht das ästhetische Ideal des ‘seelenlosen Körpers’ junger Männer gegenüber. Dieses Ideal wird in seiner primitiven ‘purezza’ und ‘soavità’ immer wieder mythisch überhöht dargestellt:[5]

quei corpi, coi calzoni dell’estate

un po’ lisi nel grembo per la distratta carezza

di rozze mani impolverate… Le sudate

comitive di maschi adolescenti, […] (PFR S. 36)

Noch archaischer wirkt die Beschreibung farbiger Männer, in denen das lyrische Ich die Schönheit wiedergeboren sieht:

di un ragazzo nero dal grembo potente.

[…]

Ma la Bellezza è Bellezza, e non mente:

qui è rinata tra anime ricciute

e camuse, tra pelli dolci come seta,

e membra stupendamente cresciute. (PFR S. 10)

Doch auch die Einstellung des lyrischen Sprechers zu seinen homoerotischen Gefühlen ist nicht frei von Widersprüchen. Neben der ästhetischen Überhöhung treten auch immer wieder Schuldgefühle in den Vordergrund: Schmerzen bereiten ihm die als „sbaglio di tutta una vita“ (PFR S. 58) bezeichnete Homosexualität und die Erkenntnis „che sono senza amore“ (PFR S. 61).[6]

[...]


[1] Dieses Zitat ist Teil des Klappentextes der ersten Auflage des Gedichtbands von 1964 und befindet sich in der Ausgabe von 2001 (Pasolini, Pier Paolo (2001) Poesia in forma di rosa, Mailand: Garzanti) auf Seite 208. Im Folgenden verweist PFR auf Poesia in Forma di Rosa, Seitengaben beziehen sich auf die bereits genannte Ausgabe von 2001.

[2] Der Übergang Autor-lyrischer Sprecher ist in Poesia in forma di rosa fließend. Pasolini selbst äußert sich dazu folgendermaßen: „Il libro […] racconta punto per punto i progressi del mio pensiero e del mio umore in questi anni. […] mi sono rappresentato volta a volta completamente immerso nel pensiero o nell’umore in cui mi trovavo scrivendo” (in Panzieri 1988: 74).

[3] Laut A. Gramsci, dessen politische und literarische Positionen Pasolini stark beeinflussten, soll Literatur „im Rahmen der von ihm geforderten geistigen Bildung des Proletariats“ eine pädagogische Funktion übernehmen (Semsch 1989: 23).

[4] Genauer gesagt für das noch zu erörternde Idealbild der Mutter.

[5] Im Rahmen des mythischen Geschichtskonzepts wird auf diese mythische Überhöhung des Primitiven oder Archaischen noch näher einzugehen sein.

[6] vgl. Jewell 1992: 116

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638891677
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83047
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Italienische Philologie
Note
1.3
Schlagworte
Pier Paolo Pasolini Poesia Proseminar

Autor

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Titel: Pier Paolo Pasolini "Poesia in forma di rosa"