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Demokratie, Politik, Recht und Religion - Wie aufgeklärt ist der Islam?

Hausarbeit 2007 32 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung – Der „unvernünftige“ Islam im Alltagsbewusstsein

2. Der Islam – Ursprung, Glaubensgrundlage, Interpretationsprobleme
2.1 Der Ursprung und die Ausweitung des Islam in seiner Gründungsphase
2.2 Die Glaubensgrundlage und die Interpretationsfrage
Gibt es einen aufgeklärten Islam? – Eine Analyse anhand der Betrachtung des Demokratieverständnisses mit Bezug zur Politik, zur Rechtsauffassung und zur Philosophie

3. Das Demokratieverständnis mit Bezug zur Politik
3.1 Theoretische Grundlagen des Demokratieverständnisses und der Staatlichkeit
3.2 Der „politische“ Islam
3.3 Fazit:

4. Die Rechtsauffassung
4.1 Ursprung und Entwicklung des Rechts im Islam
4.2 Die Methodik der Rechtsschöpfung
4.3 Der Iran – Das Zusammenspiel der rechtsrelevanten Komponenten in der Praxis
4.4 Fazit

5. Philosophie
5.1 Philosophie im Islam und ihre Umsetzung – Ein großes Missverständnis?
5.2 Philosophische Grundlagen des Islam und die Moderne
5.3 Philosophen des Islam
5.3.1 Mu´taziliten
5.3.2 Al-Farabi
5.3.3 Die Lauteren Brüder von Basra
5.3.4 Gegenwartsphilosophie
5.4 Fazit

6. Demokratieverständnis mit Bezug zur Politik und Recht im Kontext der Philosophie
6.1 Demokratie, Politik, Staatlichkeit
6.2 Die Rechtsauffassung im Islam im Vergleich mit Fichtes Rechtslehre

7. These: Um ein vollkommenes aufgeklärtes Verständnis von Staatlichkeit, Recht und Philosophie zu erlangen muss der „Missbrauch“ der Religion beendet werden!

Literaturverzeichnis

1. Einleitung – Der „unvernünftige“ Islam im Alltagsbewusstsein

Eine aktuelle Untersuchung von 133 Magazin- und Talksendungen sowie Dokumentationen und Reportagen mit dem Oberthema „Islam“ der deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF ergab, dass 81% der ausgestrahlten Berichte mit einem negativen Unterton versehen waren. Die Beiträge befassten sich zu beinahe einem Viertel mit den Thematiken Terrorismus und Extremismus. Andere häufig verwendete Thematiken waren „internationale Konflikte“, „Integrationsprobleme“, „Kultur und Religion“ sowie „religiöse Intoleranz“[1].

Immer wieder erregen Fälle wie die Steinigung von Ehebrechern, die Ermordung von kritischen Schriftstellern, „Ehrenmorde“, Zwangsheiraten, Blutrache und vehementer, aggressiver Widerstand von gläubigen Muslimen gegen Mohammed-Karikaturen[2] durch ihre mediale Verbreitung große Aufmerksamkeit und erstellen so ein sehr einseitiges, negatives Bild dieser Religion.

Eine misstrauische Auseinandersetzung mit der Weltreligion gilt in der westlichen Welt gemeinhin als gerechtfertigt, da es in islamisch geprägten Staaten angeblich Demokratie- und Rechtsdefizite gibt, welche größtenteils religiöse Ursachen haben. Dabei wird das westliche Verständnis von Demokratie und Recht meist als Prototyp der Rechts- und Demokratieumsetzung dargestellt, was zu Konflikten mit dem Selbstverständnis dieser Religion und ihrer Eigenheiten führt.

In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, ob es ein unterschiedliches Demokratie- und Rechtsverständnis zwischen den westlichen und den islamischen Staaten gibt, gleichzeitig wird auch verdeutlicht, dass eine vorschnelle Ver- und Beurteilung des islamischen Rechtsverständnisses unangebracht ist. Es wird im Weiteren untersucht, ob der Rechtsbegriff, der in der islamischen Welt verankert ist, und die Auslegung des islamischen Rechts durch die Anführer der Glaubensgemeinschaft den philosophischen Ansprüchen an das Recht bzw. den Rechtsbegriff gerecht wird. Anhand dieser Untersuchungen wird dann die Frage beantwortet, ob es einen aufgeklärten Islam gibt, der die Ansprüche als Basis für einen freiheitlichen Staat erfüllt.

Um die Fragestellung angemessen zu behandeln sind vielseitige Blicke auf die Grundlagen der Religion und auf die praktische Auslegung derselbigen notwendig. Zunächst sind aufgrund der Vielschichtigkeit des Islams eine kurze Betrachtung der Entstehungsgeschichte der Religion sowie eine Untersuchung der historischen Entwicklung unerlässlich. Dieser empirische Ansatz ist notwendig, um die theoretischen und philosophischen Gegebenheiten die man heute im Islam vorfindet, verstehen zu können.

2. Der Islam – Ursprung, Glaubensgrundlage, Interpretationsprobleme

2.1 Der Ursprung und die Ausweitung des Islam in seiner Gründungsphase

Der um ca. 570 n. Chr. in Mekka geborene Mohammed ist der Begründer des Islam. Der Überlieferung nach erhielt er vom himmlischen Boten Gabriel Offenbarungen, die er in Predigten an die mekkanische Gesellschaft weiterleitete. Diese Botschaften an das Volk nannte er Islam, was Hingabe an einen Gott bedeutet. Bis zu seinem Tod im Jahre 632 hatte Mohammed eine große Anzahl von Menschen um sich geschart, die seinen Lehren folgten[3]. Die Ausweitung des islamischen Glaubens wurde nach Mohammeds Ableben von seinen Nachfolgern, den Kalifen, vorangetrieben. Dies geschah vor allem durch militärische Interventionen der muslimischen Krieger, welche so ihr Herrschaftsgebiet im ganzen Vorderen Orient bis nach Indien ausweiteten und zusätzlich Ägypten, Nordafrika und Spanien eroberten und schließlich sogar bis nach Südfrankreich vorstießen[4].

2.2 Die Glaubensgrundlage und die Interpretationsfrage

Mohammed hatte die ihm überlieferten Offenbarungen stets nur mündlich an seine Gefolgschaft weitergegeben. Die schriftlichen Überlieferungen, die wir heute kennen, d.h. der Koran, der die Zusammenfassung von Mohammeds Lehren darstellt, beruhen somit auf Gedächtnisprotokollen und diversen Mitschriften[5]. Die Lehren Mohammeds sind zwar die Glaubensgrundlage, jedoch stellt sich auch heute noch die Frage, wer die Weisungen interpretieren darf[6]. Versucht man bei der Interpretation auf das Leben bzw. die Lebensumstände Mohammeds zurückzugreifen, so stellt sich einem das Problem, dass es keine zeitnahen Biographien von oder über Mohammed gibt, die eine von Mohammed gewollte Interpretation liefern würden. Die ersten Biographien stammen aus dem 9. und 10. Jahrhundert; die geschichtliche Übermittlung in diesen Werken ist aber äußerst gering, weshalb auf den Koran zurückgegriffen wird. Diese Vorgehensweise entspricht bereits einer Interpretation der Weisungen des Propheten, jedoch bleibt die Frage unbeantwortet, wer überhaupt die Grundsätze deuten darf[7]. Ein weiterer Ansatzpunkt einer Interpretation ist, dass es Gelehrte gibt, an deren Äußerungen sich die Glaubensgemeinschaft halten soll. Jedoch sind ihre Weisungen nicht zwangsläufig verbindlich. Aus dieser Tatsache heraus begründet sich die große Anzahl der unterschiedlichen, von liberalen bis radikalen Glaubensgruppierungen innerhalb des Islam. Es muss in diesem Zusammenhang auch beachtet werden, dass die unter 2.1 erwähnten militärischen Erfolge Machtverteilungsprobleme mit sich brachten, zu denen auch die Frage nach der Deutungshoheit der Gebote Mohammeds gehörte. Manche Gläubige wollten den Einfluss der Gelehrten gestärkt wissen, andere präferierten die Vernunft und die damit verbundene individuelle Erkenntnisfindung. Es ist also keineswegs so, dass die Vernunft im Islam eine völlig unbekannte und unterentwickelte Komponente ist[8]. Über die Möglichkeiten der Einsetzbarkeit dieser Vernunft und ihre Grenzen herrschte über die Jahrhunderte hinweg bis heute Uneinigkeit zwischen den islamischen Gelehrten[9]. Es bleibt also die endgültige Beantwortung der Frage, wer die Leitsprüche Mohammeds interpretieren darf, offen. Das Ergebnis dieser unbeantworteten Frage sind, wie schon erwähnt, die verschiedenen Glaubensgruppierungen, die aufgrund der unterschiedlichen Auslegungen des Koran teilweise auch miteinander in Konflikt stehen.

Gibt es einen aufgeklärten Islam? – Eine Analyse anhand der Betrachtung des Demokratieverständnisses mit Bezug zur Politik, zur Rechtsauffassung und zur Philosophie

3. Das Demokratieverständnis mit Bezug zur Politik

3.1 Theoretische Grundlagen des Demokratieverständnisses und der Staatlichkeit

Der islamische Glaube beinhaltet ein starkes Instrument zur „Steuerung“ seiner Glaubensgemeinschaft: Die Scharia, die als göttliches Gesetz verstanden wird. Für die Gläubigen stellt die Scharia eine Beschreibung einer vollkommenen Ordnung göttlicher Autorität dar, die nicht verändert werden darf. Zusätzlich regelt sie das Verhalten in der Familie und der Gesellschaft und gibt Regeln für die Verehrung Allahs vor. Die Scharia erhebt also Anspruch darauf, in allen Lebensbereichen einen elementaren Einfluss zu haben. Sie ist aber keinesfalls als Gesetzbuch zu verstehen, da sie sowohl konservativ als auch liberal interpretierbar ist[10]. Sowohl der Koran, als auch die Scharia sind damit, je nach Interpretation, bis zu einem gewissen Grad mehr ein „Wegweiser“, denn ein verbindliches Gesetz. Diese „Ratgeber“ haben einen hohen Stellenwert in der islamischen Staatstheorie, ähnlich denen der Werke Aristoteles und Platons in der westlichen, abendländischen Welt. Sie weisen auch durchaus Parallelen auf: So stellt sich Platon im Buch „Der Staat“ einen Idealstaat vor, in dem Menschen nach dem Vorbild der Götter leben. Die Götter teilen den Menschen auch ihren Platz im Leben zu. So erfüllt sich der Sinn des Daseins des Menschen.

Dass Platons Ideen oftmals widersprüchlich sind und auch oftmals an der Realität scheitern bzw. vorbeizielen, daran kann niemand zweifeln. Dennoch sind die Analysen, die aus den Lehren gezogen wurden, Vorbild für viele Staaten und Demokratien in der Welt. Doch ist daraus zu folgern, dass der Koran, die Scharia und die Gelehrten, die die islamische Philosophie verbreiten, sich irren? Anders gefragt: Kann ein Staat demokratisch sein, wenn er nicht das Fundament des abendländischen Verständnisses von Demokratie hat?

Oftmals sieht die westliche Welt keine Möglichkeit der Vereinbarkeit von Demokratie und Islam. Auch Teile der muslimischen Welt stimmen dieser Ansicht zu, weil sie die Demokratie nicht in Einklang mit der Scharia bringen können oder wollen. Dass diese Ansichten allerdings widerlegbar sind, zeigt sich daran, dass es Muslimen auch möglich ist, sich in westlichen Ländern zu entfalten[11]. Dies ist ein oberflächliches, wenn auch wichtiges, Anzeichen dafür, dass Islam und Demokratie keine grundlegenden Widersprüche sind.

Die Säkularisierung, die Trennung von Religion und Staat, gilt in der westlichen Welt als ein unbestrittener Tatbestand, der der Demokratie den Weg ebnet. Doch aus muslimischer Sicht, ist diese Sichtweise ein Selbstbetrug des Westens, da es keine getrennten politischen und religiösen Ebenen in der Realität gibt[12]. Vielmehr beeinflussen sich Religion und Politik gegenseitig. Westliche Staaten verbreiten ihre religiösen Botschaften eher unterschwellig, d.h. sie ordnen ein Thema mit nicht-religiösem Hintergrund einer religiösen Thematik über, jedoch mit Ziel, dass die religiöse Thematik nach ihren Vorstellungen beeinflusst wird. Das Gegenteil ist die Realität in der muslimischen Welt: Da hier die Rechtmäßigkeit ihren Ursprung im Islam hat, benutzen Politiker religiöse Themen, um weltliche Ziele zu verfolgen[13].

Dass es eine gewisse Symmetrie zwischen diversen politischen Handlungsweisen in der westlichen und muslimischen Welt gibt, heißt aber nicht zwangsläufig, dass demokratische Zustände in der muslimischen Welt herrschen. Während die westlichen Staaten ihr Demokratieverständnis meist tadellos begründen können, indem sie sich auf Staatstheoretiker und ihre Lehren berufen, wird der muslimischen Welt häufig unterstellt, dass sie undemokratisch ist, weil sie dies nicht in demselben Maße tut.

Islamische Staaten berufen sich auf andere Quellen: so zum Beispiel auf den Vertrag von Medina, den Mohammed, die muslimischen Einwanderer, die Mohammed bei dessen Flucht aus Mekka begleiteten, die in Medina einheimischen Muslime und die ortsansässigen Juden unterzeichneten. Dieser bildete das Fundament für den ersten islamischen Staat. Mohammed herrschte damit über alle Bürger der Stadt (egal ob muslimisch oder nicht). Dieser Vertrag wird in der islamischen Welt als Gesellschaftsvertrag angesehen, der für die heutigen Staaten Vorbildcharakter hat. Gleichzeitig wird der Vertrag auch als Verfassung angesehen, da durch ihn, wie bereits erwähnt, der erste islamische Staat geschaffen wurde.

Aus diesen Erkenntnissen lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass, wenn ein islamischer Staat im Sinne Mohammeds gegründet wird, dieser pluralistisch ist und keine Diskriminierung von Andersgläubigen und Andersstämmigen stattfindet[14].

Ein weiteres freiheitliches Element im ersten islamischen Staat war das „Zustimmungsprinzip“. Mohammed konnte nur durch die Zustimmung der Bürger regieren. Nachdem ein Treuegelöbnis, das als Zustimmung des einzelnen Bürgers zum Herrscher galt, aus praktischen Gründen unmöglich wurde (die Anzahl der Menschen im Staat war einfach zu groß um dies in einem angemessenen Zeitrahmen durchzuführen) wurden Wahlen als Ersatz eingeführt. Sprach sich bei diesen Wahlen die Mehrheit der Bevölkerung für den Herrscher aus, so konnte sich dieser seiner Legitimation sicher sein[15].

Desweiteren ist die Konsultation (Schura) ein Bestandteil des islamischen Staates. Der Koran verweist darauf, dass durch Beratung des Herrschers mit den Bürgern ein guter islamischer Staat zustande kommt; jedoch wird die Konsultation nur als universeller Leitsatz interpretiert, weshalb sie von den Regierungen der Gegenwart auch außer Acht gelassen wird bzw. werden kann[16].

An diesem entscheidenden Punkt ergibt sich ein großes Missverständnis zwischen den Ansichten des Westens und der muslimischen Welt: Während es für westliche Staaten üblich ist, dass sich die Regierungen den Wünschen und dem Willen der Bevölkerung rückversichert, fehlt dieser Schritt oftmals in muslimischen Staaten. Dies heißt aber nicht, dass allein aufgrund des Fehlens dieses Schrittes Ungerechtigkeit oder undemokratische Verhältnisse herrschen. Wird die Schura im Sinne Mohammeds ausgelegt, so ist kein undemokratisches Verhalten zu erwarten, da die Schura in sich ja bereits, die demokratischen Elemente trägt, die auch nach westlichen Vorstellungen vorhanden sein müssen[17].

3.2 Der „politische“ Islam

Wie man unter 3.1 erkennen kann, gibt es viele punktuelle und auch bereichsmäßige Überschneidungen zwischen dem Demokratieverständnis des Westens und dem der islamischen Welt. Am Beispiel der Schura zeigt sich aber auch, dass es gravierende Unterschiede in den Vorstellungen von demokratischen Elementen gibt. Man kann erahnen, dass die Schura ein Gegenkonzept zur Demokratie darstellt, das einen demokratischen Charakter nach westlichem Verständnis in sich trägt, allerdings ist es aufgrund seines Interpretationsspielraums äußerst unsicher, wie demokratisch die Umsetzung der Schura wirklich sein kann, da den Regierungen im Prinzip ein totalitäres Handeln ermöglicht wird, solange dies im Sinne der Schura, des Korans und anderen elementaren Texten geschieht. Diese Annahmen und Schlussfolgerungen implizieren eine wesentliche Tatsache, die im Folgenden genauer betrachtet werden muss, um das gefundene Ergebnis zu manifestieren: Meine Annahme ist, dass die religiösen Lehren des Islam eine politisch relevante Einflussgröße im Rahmen des islamischen Staates sind. Doch ist der Islam aus sich heraus bereits eine politische Religion? Es wurde bisher festgestellt, dass islamische Staaten häufig nur deshalb so religiös auf die Außenwelt wirken, weil sie auch vom Charakter her nicht-religiöse Themen religiös „verpacken“. Um die politische Motiviertheit der Religion zu zeigen oder zu widerlegen, bedarf es einer weiteren Analyse.

Die erste geschichtliche Verknüpfung von Staat und Religion ist in der Frühzeit der islamischen Staaten zu finden: Finanzierte sich der Staat zunächst aus den Einnahmen der Steuern, die nur von Nicht-Muslimen bezahlt wurden, so war dies nach geraumer Zeit nicht mehr möglich, da sich die Staaten vergrößerten, aber der Anteil derer mit einer anderen Konfession sich verkleinerte. Es mussten Besteuerungen der Muslime, die bis dahin steuerfrei gestellt waren, eingeführt werden. Es stellte sich die Frage, wie diese Besteuerung legitimiert werden kann. Die Lösung war äußerst simpel und manipulativ: Rechtsgelehrte verfassten Schriften, die den politischen Führern eine religiöse Weisungsbefugnis zusprachen, die vom Volk anerkannt wurde, hatte sie doch einen legitimen Anschein. Der Staat bediente sich also der Religion um eine Notlage abzuwenden[18].

In einem anderen Punkt ist eine solche Verschränkung von Politik und Religion nicht möglich: Der Koran legt sich nicht auf eine Staats- oder Regierungsform fest. Daher interpretierte man bei Staatsgründungen die Scharia, man folgte Stammesbräuchen und orientierte sich an Vorgehensweisen der eroberten Länder[19]. Im Laufe der Zeit entwickelte es sich, dass die religiösen Autoritäten mehr und mehr zu einer politischen Autorität umgewandelt wurden. Der Grund hierfür lag in dem Glauben an die Machtstellung und den Wissensschatz der Gelehrten, die sich, so die Auffassung der Gläubigen, nicht nur auf das religiöse beschränken, sondern sich auf alle Lebensbereiche beziehen. Die gottähnliche Verehrung des staatlichen Führers war deshalb die logische Konsequenz[20]. Die Verbindung zwischen Politik und Religion wurde somit immer wieder hergestellt.

Die dabei in der Historie entstandene Staatstheorie beging allerdings einen großen Fehler: Ein islamischer Staat sollte bei seiner Gründung in die religiösen Vorstellungen, genauer: in die Scharia, eingepasst werden. Da sich aber der Koran, wie erwähnt, nur in sehr geringem Maße zum Staat und der Politik äußert, beruht das Ideal des islamischen Staates auf dem „Fiqh“, den Stellungsnahmen der Rechtsgelehrten, die dort Gültigkeit erlangen, wo der Koran und andere elementare Quellen nichts aussagen. Dieses künstlich erschaffene Ideal wurde von den Nachfolgegenerationen und auch von großen Teilen der heutigen Generation als eine vergangene Realität eingeschätzt, die es jedoch nie gab. Das Resultat aus dieser Konstruktion ist eine neue gesellschaftspolitische Strömung, die sich auf diese geschaffene Verbindung von Scharia und „Fiqh“ beruft[21].

[...]


[1] Vgl. K. Hafez / C. Richter: Das Islambild von ARD und ZDF, Bonn 2007, S. 40.

[2] Vgl. W. G. Lerch: Der Islam in der Moderne, Bonn 2006, S. 11.

[3] Vgl. M. Tworuschka: Grundwissen Islam, Münster 2002, S. 24-29.

[4] Vgl. K.-H. Ohlig: Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam, Bonn 2007, S. 3.

[5] Eben da.

[6] Vgl. A. Akasoy: Glaube und Vernunft im Islam, Bonn 2007, S. 11.

[7] Vgl. K.-H. Ohlig: a. a. O., S. 3.

[8] Vgl. A. Akasoy: a. a. O., S. 11.

[9] Vgl. A. Akasoy: a. a. O., S. 16.

[10] Vgl. C. Schirrmacher, Frauen unter der Scharia, Bonn 2004, S. 11.

[11] Vgl. M. Khan: Demokratie und islamische Staatlichkeit, Bonn 2007, S. 18.

[12] Eben da.

[13] Eben da, S. 19.

[14] Vgl. M. Khan: Demokratie und islamische Staatlichkeit, Bonn 2007, S. 21-22.

[15] Eben da, S. 22.

[16] Eben da, S. 23.

[17] Eben da, S. 24.

[18] Vgl. N. Ayubi: Politischer Islam, Freiburg im Breisgau 2002, S. 17.

[19] Eben da, S. 18/19.

[20] Eben da, S. 31/32.

[21] Vgl. N. Ayubi: a. a. O., S. 34.

Details

Seiten
32
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638889865
ISBN (Buch)
9783638889902
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v83006
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Schlagworte
Demokratie Politik Recht Religion Islam Kampf Kulturen Politikwissenschaft Spannungsverhältnis Moral

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