Lade Inhalt...

Das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren und das Medium Pferd in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern

Eine kritische Analyse des heilpädagogischen Voltigierens als Fördermaßnahme der Heilpädagogik

Diplomarbeit 2007 84 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Therapeutisches Reiten in Medizin, Psychologie und Pädagogik
2.1 Hippotherapie als krankengymnastische Förderung
2.2. Der Behindertenreitsport als integrative Freizeitgestaltung
2.3. Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren als ganzheitliche Förderung
2.4. Weiterbildung zur Reit- Voltigierpädagogin

3. Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren
3.1. Abgrenzung zwischen Voltigieren und Heilpädagogischen Voltigieren
3.2. Entwicklung des HPR/V in der Schweiz und Deutschland
3.3. Zielgruppen des HPR/V
3.4. Förderdimensionen im HPR/V
3.4.1. Motorische Förderaspekte
3.4.2. Kognitive Förderaspekte
3.4.3. Emotionale Förderaspekte
3.4.4. Soziale Förderaspekte
3.5. Die Rolle der Voltigierpädagogin
3.6. Das Beziehungsdreieck im HPR/V
3.6.1. Kontakt zwischen Kind und Pferd
3.6.2. Kontakt zwischen Voltigierpädagogin und Pferd
3.6.3. Kontakt zwischen Kind und Voltigierpädagogin
3.6.4. Beziehungsdreieck in der Gruppe

4. Die Wirkung der Mensch- Pferd- Beziehung
4.1. Der Kontakt zum Pferd- ein menschliches Bedürfnis
4.2. Der Bewegungsdialog zwischen Mensch und Pferd
4.3. Die Bedeutung des “Getragenwerdens“
4.4. Die vom Pferd ausgehende Beziehungsinhalte
4.5. Die emotionale Kontaktaufnahme zum Pferd

5. Zum Begriff „Verhaltensauffälligkeit“
5.1. Definition
5.2. Ätiologie
5.2.1. Psychosoziale Faktoren
5.2.2. Biologische Faktoren
5.2.3. Gesellschaftliche Faktoren
5.3. Theoretisch- wissenschaftliche Ansätze der Intervention
5.3.1. Der lerntheoretische Ansatz
5.3.2. Der biophysische Ansatz
5.3.3. Der humanistisch-psychologische Ansatz
5.4. Pädagogisch- therapeutische Verfahren
5.4.1. Verhaltensmodifikation
5.4.2. Das Spiel
5.4.3. Hilfreiche Gesprächsführung

6. HPR/V als Fördermaßnahme für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten
6.1. Bedeutung der Motivation im Lernprozess
6.2. Die Wichtigkeit der Selbsterfahrung
6.3. Spezielle Förderaspekte für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten
6.3.1. Förderung auf emotionaler Ebene
6.3.2. Förderung auf sozialer Ebene
6.3.3. Förderung auf individueller Ebene

7. Notwendigkeit und Effektivität des HPR/V
7.1. Beobachtungsverfahren auf der Verhaltensebene
7.2. Einschätzung zur Notwendigkeit des HPR/V
7.3. Wissenschaftliche Untersuchungen der Maßnahme

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Einsatz von Tieren in der Pädagogik beruht auf der Erkenntnis, dass Tiere dem Menschen nicht nur Gesellschaft bieten, sondern eine wohltuende und heilende Wirkung auf Körper und Seele des Menschen haben. Die verschiedenen Lebewesen wie Kaninchen, Hund, Delphin und Pferd haben dabei ihre ganz individuelle Anziehungskraft und Wirkung. Dies lässt sich auf die verschiedenen Charaktereigenschaften der Tiere zurückführen. Meine Aufmerksamkeit gilt in hohem Maße dem Pferd, da ich bereits seit meinem 6. Lebensjahr durch den Reitsport, die Nähe des Tieres genießen konnte. Das Pferd bot mir dabei oftmals eine Rückzugsmöglichkeit und erwies sich als verlässlicher Partner, in für mich als schwierig erlebten Situationen. Die besondere Anziehungskraft des Pferdes setzte sich über die Jahre fort und besteht bis heute. In den vergangenen Jahren erteilte ich vielen Kindern Reitunterricht und bemerkte oft die wohltuende und erholsame Wirkung des Pferdes auf die Kinder.

Im Rahmen eines Blockpraktikums, erlebte ich zum ersten Mal, wie das Pferd auch in der pädagogischen Praxis eingesetzt werden kann. Das Praktikum absolvierte ich in einem Heilpädagogischen Zentrum, welches über einen eigenen kleinen Pferdestall verfügte und die Maßnahme des Heilpädagogischen Reiten/Voltigieren anbot. Dort konnte ich erleben, wie sich Kinder im Umgang mit Pferden verändern. Kinder mit aggressiven Verhaltensweisen wurden plötzlich ruhig, hilfsbereit und umsichtig. Zurückhaltende oder stark verunsicherte Kinder schienen auf dem Rücken des Pferdes eine Möglichkeit zu finden, aus sich heraus zu kommen und sich ihren Ängsten zu stellen. Diese Erfahrungen weckten bei mir das Interesse, das Pferd nicht nur innerhalb des Reitsports zu betrachten, sondern die zusätzliche pädagogische Bedeutung zu ergründen.

Leider findet der Einsatz des Pferdes als pädagogisches Medium bis heute wenig Akzeptanz, im Gegensatz zu anderen pädagogischen und heilpädagogischen Maßnahmen. Besonders die wissenschaftliche Belegführung der Maßnahme des Heilpädagogischen Voltigieren, ist nicht zufriedenstellend. Die bisherigen Untersuchungen beziehen sich hauptsächlich auf die psychomotorische Ebene. Dies führt dazu, dass die Maßnahme, seitens der Kostenträger auf wenig Aufmerksamkeit stößt. Durch meine persönlichen Erfahrungen mit dem Pferd und die Erkenntnisse in meinem Praktikum, bin ich jedoch davon überzeugt, dass die Förderung mit dem Pferd eine höhere Anerkennung verdient. Besonders die Verhaltens- und Wesenszüge des Pferdes, können dazu beitragen, das Befinden und das Verhalten von Kindern positiv zu beeinflussen.

Diese Diplomarbeit beschäftigt sich primär mit den heilpädagogischen Fördermöglichkeiten durch das heilpädagogische Reiten/Voltigieren mit verhaltensauffälligen Kindern. Dabei kommt dem besonderen Medium “Pferd“ eine Aufmerksamkeit zu, um darzustellen, welches spezielle Wirkung es innerhalb dieser Maßnahme hat. In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, was die Maßnahme des Heilpädagogischen Reiten/Voltigieren in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern bewirken kann. Dabei soll festgestellt werden, warum das Pferd und das Voltigieren einen positiven Einfluss auf das Verhalten des Kindes hat.

Um einen ganzheitlichen Blick auf den pädagogisch- therapeutischen Einsatz des Pferdes zu ermöglichen, wird zunächst das Gesamtgebiet des Therapeutischen Reitens dargestellt. Danach folgen die theoretischen Grundlagen des Heilpädagogischen Reiten/Voltigieren (HPR/V) die im Kapitel 3 erläutert werden. Dabei beziehe ich mich zunächst auf die geschichtliche Entwicklung, bevor die Zielgruppen und die allgemeinen Förderbereiche der Maßnahme aufgezeigt werden. Weiterer Inhalt des 3. Kapitels, ist die besondere Rolle der Voltigierpädagogin und die Beziehungskonstellationen innerhalb der Maßnahme mit dem Pferd.

Da im HPR/V das Pferd als zusätzliches, pädagogisches Medium genutzt wird, kommt der besonderen Wirkung des Pferdes auf das Kind eine hohe Aufmerksamkeit zu. Die Ursachen für den besonderen Einfluss des Tieres, insbesondere des Pferdes, soll im 4. Kapitel ergründet werden. Diesbezüglich wird die emotionale Kontaktaufnahme zum Pferd erläutert, um eine konkrete Umsetzung in der Praxis darzustellen.

Diese Diplomarbeit geht der Frage nach, was das HPR/V bei verhaltensauffälligen Kindern bewirken kann. Demnach ist es zunächst notwendig, den Begriff “Verhaltensauffällig“ zu definieren. Die Kenntnis über die Schwierigkeiten von verhaltensauffälligen Kindern ist wesentliche Vorraussetzung für das heilpädagogische Vorgehen in der Maßnahme. Aus diesem Grund befasst sich das Kapitel 5 mit den Ursachen, sowie den wissenschaftlich- theoretischen Ansätzen bezüglich der Entwicklung des auffälligen Verhaltens. Danach wird ein Überblick über die pädagogisch- therapeutischen Verfahren gegeben, die in der Praxis angewandt werden.

Das Vorgehen im HPR/V ist maßgeblich von den individuellen Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe abhängig. Daraus ergeben sich unterschiedliche Förderschwerpunkte und Ziele in der Förderung mit dem Pferd. Die besonderen Inhalte und Förderziele des Heilpädagogischen Reiten/Voltigieren für verhaltensauffällige Kinder, werden im 6. Kapitel erläutert. Darüber hinaus befasst sich dieses Kapitel mit der Frage, welchen Einfluss die Faktoren, Motivation und Selbsterfahrung im Lernprozess des Kindes haben.

Das 7. Kapitel dieser Diplomarbeit befasst sich abschließend mit der Darstellung der bisherigen Forschung zum HPR/V und soll einen Überblick über die Notwendigkeit und Effektivität der Maßnahme ermöglichen.

Diese Diplomarbeit bezieht sich hauptsächlich auf literarische Quellen und wird an einigen Stellen durch eigene Erfahrungen ergänzt. Bei den Ausführungen wird besonderer Wert darauf gelegt, einen Bezug zur konkreten Praxis des HPR/V herzustellen, um die Umsetzung der Förderziele zu verdeutlichen.

Die folgend dargestellte Maßnahme wird in der Literatur als Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren benannt. Der Unterschied zwischen Reiten und Voltigieren besteht darin, dass beim Voltigieren ein spezieller Gurt genutzt wird und beim Reiten ein Sattel auf das Pferd aufgelegt wird. Zusätzlich besteht beim Reiten die Möglichkeit, dem Kind die Zügel in die Hand zu geben, sodass das Pferd von der Longe gelöst werden kann und das Kind selbstständig das Pferd in der Bahn lenken kann. Da in der mir vorliegenden Literatur, keine differenzierten Ausführungen diesbezüglich vorgenommen werden, nutze auch ich in dieser Diplomarbeit die Bezeichnung “Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren“. Ebenfalls wird die Pädagogin, welche die Maßnahme durchführt, als Reit- oder Voltigierpädagogin benannt. Aufgrund der besseren Lesbarkeit, beschränke ich mich in den Formulierungen auf die weibliche Form der angesprochenen Fachkräfte. Dennoch sollen sich alle Leserinnen und Leser dieser Arbeit angesprochen fühlen.

2. Therapeutisches Reiten in Medizin, Psychologie und Pädagogik

Der Einsatz des Pferdes unter heilenden und fördernden Gesichtspunkten hat schon seit einigen Jahren Tradition. Dennoch ist das Therapeutische Reiten ein junges Element unter den professionellen Angeboten im Gesundheits- und Sozialwesen. Die professionelle Arbeit mit dem Pferd in den Bereichen Medizin, Psychologie und Pädagogik steckt angesichts der wissenschaftlichen Betrachtung und Belegführung in den Anfängen. Das 1970 gegründete „Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V.“ (DKTHR) bildete den Grundstein für die kontinuierliche Weiterentwicklung dieser Methode (vgl. Institut für Therapeutisches Reiten e.V., 1999, S. 1).

Im Therapeutischen Reiten werden die emotionalen, kommunikativen, körperlichen und bewegungsspezifischen Ressourcen des Pferdes genutzt. Die Idee des Therapeutischen Reitens ist es, diese heilende Wirkung des Pferdes zu nutzen, um kranke oder behinderte Menschen aller Altersgruppen zu fördern und zu unterstützen. In den letzten Jahrzehnten haben sich drei Bereiche des Therapeutischen Reitens entwickelt, die vor allem im Rahmen der Behindertenhilfe genutzt werden. Der Oberbegriff “Therapeutisches Reiten“ bezieht sich dabei auf die Hippotherapie, den Behindertenreitsport und das Heilpädagogische Reiten/Voltigieren (vgl. Klüwer, 1994, S. 18).

Da sich die verschiedenen Konzepte hinsichtlich der Zielgruppe, Methodik und Zielsetzung unterscheiden, werden im Folgendem die differenzierten Bereiche des Therapeutischen Reitens dargestellt. Da das Konzept des Heilpädagogischen Reitens/Voltigierens im Kapitel 3 ausführlich erläutern wird, wird hier lediglich ein kurzer Überblick über die Maßnahme gegeben. Anschließend werden die Möglichkeiten der Weiterbildung dargestellt, die das Therapeutische Reiten betreffen.

2.1 Hippotherapie als krankengymnastische Förderung

Die Bezeichnung Hippotherapie lässt sich aus den griechischen Wörtern „Hippo“ für Pferd und „therapeia“ für Behandlung ableiten. Die Hippotherapie ist die erste Therapieform mit Hilfe des Pferdes, die in der “Behandlung“ kranker oder behinderter Menschen eingesetzt wurde. Die ausgleichende und heilende Wirkung des rhythmischen “Bewegtwerdens“ bei verschiedenen orthopädischen Störungen wurde zunächst von Ärzten und Physiotherapeuten entdeckt. Die weitere Entwicklung führte dazu, dass diese Therapieform als physiotherapeutische Behandlungsmaßnahme anerkannt wird und speziell dort eingesetzt wird, wo herkömmliche Methoden keinen erkennbaren Fortschritt mehr bieten. Die Hippotherapie ist eine zusätzliche, physiotherapeutische Maßnahme, die auf neurophysiologischen Grundlagen basiert. Das Pferd wird in dieser Therapie zu medizinischen Zwecken eingesetzt. Das Reiten ist eine krankengymnastische Einzelbehandlungsmaßnahme, die als zusätzliche Förderung genutzt werden kann und in das Gesamtbehandlungskonzept des Klienten eingebettet sein muss (vgl. DKThR a).

Besonderen Einsatz findet die Hippotherapie bei Erkrankungen und Schädigungen des Zentralnervensystems, sowie des Stütz- und Bewegungsapparates des Menschen. Hauptindikation sind neurologische Bewegungsstörungen als Folge von z. B. Multipler Sklerose, frühkindlicher Hirnschädigung nach Schädel-Hirn-Verletzungen oder Schlaganfällen. Auf den Patienten/Reiter werden dreidimensionale Schwingungen vom Pferderücken übertragen. Diese Impulse lassen ein gezieltes Training zu, welches Haltungs-, Gleichgewichts- und Stützreaktion, sowie die Regulierung des Muskeltonus beeinflussen kann. Im Rahmen seiner motorischen Fähigkeiten muss der Klient auf die ihm angebotenen Bewegungsimpulse reagieren. Der Patient reitet nicht im aktiven Sinne, sondern antwortet mit seinem Körper auf die, vom Pferd ausgehenden, Bewegungsreize. Durch diesen “Bewegungsdialog“ werden Muskelfunktionen und Bewegungsabläufe erhalten, ausgebaut und neu erlernt. Durch die Bewegung des Pferdes werden Gleichgewicht, Koordination, Kopfkontrolle und Rumpfaufrichtung der Patienten beeinflusst und angeregt. Der Umgang mit dem Pferd als “medizinische Hilfsmittel“ wirkt auf die Patienten als zusätzliche Motivation (vgl. DKThR a).

2.2. Der Behindertenreitsport als integrative Freizeitgestaltung

Im Behindertenreitsport liegt der Schwerpunkt auf der sportlichen Ebene. Klüwer betont den hohen integrativen Wert dieser Maßnahme für den behinderten Menschen. Mit dem Pferd besteht eine Chance der Integration in den Reitsport mit nichtbehinderten Menschen. Besonders in England wird die reitsportliche Freizeitmöglichkeit für behinderte Menschen umgesetzt und als „Riding for Disabled Association“ bezeichnet (vgl. Klüwer, 1994, S. 21).

Der Reitsport für behinderte Menschen ist vergleichbar mit dem “normalen“ Reitsport. Die Möglichkeiten beziehen sich auf alle Formen des Reitens wie z. B. Dressur oder Geländeritte. Der Reitunterricht wird von geeigneten Fachkräften durchgeführt. Hierzu gehören Berufs- oder Amateurreitausbilder mit entsprechender Zusatzqualifikation. Eine regelmäßige ärztliche Begleitung sollte zusätzlich gewährleistet sein. Der Behindertenreitsport eignet sich für Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, sowie für Menschen mit Sinnesschädigungen. Das Reiten hat eine positive Auswirkung auf den Körper und den gesamten Bewegungsapparat. Dennoch stehen die integrativen Aspekte des Behindertenreitsports im Vordergrund (vgl. Kaune 1993, S. 12).

2.3. Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren als ganzheitliche Förderung

Das heilpädagogische Reiten und Voltigieren (HPR/V) umfasst die pädagogische, psychologische, psychotherapeutische, rehabilitative und soziointegrative Förderung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit verschiedenen Behinderungen oder Störungen. Bei diesem Angebot steht nicht die reitsportliche Aktivität oder Ausbildung im Vordergrund, sondern die individuelle Förderung des Menschen mit Hilfe des Pferdes. Ziel ist es, die Entwicklung, das Befinden und das Verhalten des Reiters mit Hilfe des Mediums Pferd positiv zu stimulieren. Der Umgang mit dem Pferd soll einen ganzheitlichen Kontakt ermöglichen, der die körperliche, emotionale, geistige und soziale Entwicklung des Menschen unterstützt (vgl. Gäng, 1994, S. 17).

2.4. Weiterbildung zur Reit- Voltigierpädagogin

Im deutschsprachigen Raum gibt es bereits einige Anbieter von Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich des Therapeutischen Reiten. Dabei ist jedoch anzumerken, dass für keine der angebotenen Ausbildungen eine staatliche Anerkennung besteht. Im Folgenden werden die bedeutendsten Ausbildungsstätten für den Bereich “Therapeutisches Reiten“ genannt.

1. Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR)
2. Schweizerische Vereinigung für Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren (SV-HPR)
3. Schweizer Gruppe für Therapeutisches Reiten (SG-TR)
4. Österreichisches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (ÖKThR)
5. Arbeitsgemeinschaft Reiten und Therapie e.V. (ART)

In den verschiedenen Ausbildungsstätten werden differenzierte Angebote gemacht, die sich auf die Hippotherapie, das HPR/V und den Behindertenreitsport beziehen.

Im Folgenden Kapitel wird das Konzept des HPR/V ausführlich dargestellt. Die Erläuterungen beziehen sich dabei auf alle Zielgruppen des Heilpädagogischen Reiten und Voltigieren und umfassen keine speziellen bzw. gesonderten Förderaspekte und Vorgehensweisen. Die Ausführungen sollen die Grundlagen der Maßnahme vermitteln und einen Überblick über die allgemeinen Inhalte ermöglichen.

3. Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren

Das Heilpädagogische Reiten/Voltigieren (HPR/V) findet vermehrt seinen Einsatz in pädagogischen, psychotherapeutischen und psychiatrischen Bereichen. Hierbei werden Grundkenntnisse des Reitens und Voltigierens vermittelt, die die Entwicklung und die Befindlichkeit des Menschen mit Hilfe der Selbsterfahrung positiv beeinflussen sollen. Im HPR/V werden nur speziell ausgebildete Pferde eingesetzt, um den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die positive und angstfreie Erfahrung des „Getragenwerdens“ auf dem Pferderücken zu ermöglichen. Ziel der Maßnahme ist es, dass Selbstwertgefühl zu stärken, Ängste abzubauen, den Umgang mit Frustration zu erlernen und zu einer angemessenen Selbsteinschätzung zu gelangen. Im Umgang mit dem Pferd und im Gruppenerleben werden die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen zusätzlich in ihrem sozialen Verhalten gestärkt. Diese Förderziele legt das Deutsche Kuratorium für therapeutisches Reiten e.V. fest (vgl. DKThR b).

Zusammengefasst definiert das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten den Bereich des HPR/V wie folgt: „Unter dem Begriff Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten werden pädagogische, psychologische, rehabilitative und soziointegrative Angebote mit Hilfe des Pferdes bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit verschiedenen Behinderungen und Störungen zusammengefasst. Dabei steht nicht die Reitsportliche Ausbildung, sondern die individuelle Förderung über das Medium Pferd im Vordergrund, d.h. vor allem eine günstige Beeinflussung von Motorik, Wahrnehmung, Lernen, Befinden und Verhalten“ (Reittherapie Zentrum Berlin GbR).

3.1. Abgrenzung zwischen Voltigieren und Heilpädagogischen Voltigieren

Das Voltigieren kommt ursprünglich aus dem militärischen Bereich. Damals wurden die Reiter mit turnerischer Gymnastik auf dem Pferd “geschmeidig“ gehalten. In der heutigen Zeit ist das Voltigieren ein beliebter Freizeitsport für Kinder und Jugendliche (vgl. Kaune 1993, S.19).

„Voltigieren ist abgeleitet von dem Lateinischen Wort `Volte` (lat., vulgärlat., ital., frz.: eine Reitfigur. `Voltieren`/voltigieren: einen Sprung, eine Kunstfigur auf dem Pferd ausführen). Dabei wird das Pferd an eine ,lange Leine`, der Longe, von einem/r Voltigierlehrer/in im Kreis geführt“ (Smolinski, 1992, S. 208).

Dieser Kreis, den das Pferd läuft, wird in der Fachsprache Zirkel genannt und hat einen Durchmesser von 13 bis 18 Metern. Das klassische Voltigieren findet in den Gangarten Schritt und Galopp statt. Dabei läuft das Pferd links herum an der Longe, während die Voltigierer allein, zu zweit oder zu dritt auf dem Pferderücken Turnübungen ausführen (vgl. Kaune, ebd.).

Im Gegensatz zum Reitsport, wird beim Voltigieren kein Sattel, sondern ein Voltigiergurt verwendet. Dieser Gurt wird dem Pferd umgebunden und hat zwei stabile Griffe an der Oberseite. Der Voltigierer sitzt direkt auf dem Rückenfell und kann unmittelbar die Bewegungen des Pferdes spüren, während er sich an den Griffen festhält (vgl. Smolinski, 1992, S. 208).

Im klassischen Voltigiersport steht das sportliche Können und das trainieren von vorgegebenen Übungen im Vordergrund. Beim heilpädagogischen Voltigieren hingegen, ist das Wachsen im kognitiven, sozialen und emotionalen Bereich das primäre Ziel (vgl. Kröger , 1997, S. 12). Ein weiterer Unterschied besteht in der Gruppengröße. Eine heilpädagogische Voltigiergruppe besteht in der Regel aus vier bis sechs Kindern. Da der Gruppenprozess integraler Bestandteil des pädagogisch-therapeutischen Geschehens ist, sollte die Gruppengröße von sechs Teilnehmern nicht überschritten werden (vgl. Pietrzak, 2001, S. 20).

Ein unabhängiger Beobachter würde wahrscheinlich kaum einen Unterschied zwischen dem Voltigieren als Freizeitsport und dem Voltigieren als heilpädagogische Maßnahme erkennen. Da beim Voltigieren als Freizeitsport ebenfalls das Pferd im Mittelpunkt steht und die gleichen turnerischen Übungen durchgeführt werden, wie beim heilpädagogischen Voltigieren, ist von außen kaum ein Unterschied festzustellen (vgl. Kaune, 1993, S. 19-20).

Der besondere Unterschied liegt in der Zielsetzung. „Während beim Freizeit- und Wettkampfsport die sinnvolle Freizeitgestaltung und der sportliche Aspekt im Vordergrund stehen, geht es beim Heilpädagogischem Voltigieren um den Abbau unerwünschten Verhaltens und um die Entwicklung und Förderung senso-motorischer, emotionaler-sozialer und kognitiver Fähigkeiten“ (Kaune, 1993, S.19).

W. Kaune begründet den einzigen Unterschied in der jeweiligen Zielsetzung. Da die

Zielsetzung jedoch auch die Durchführung einer Voltigierenseinheit beeinflusst, können weitere Differenzierungen festgestellt werden.

Im Heilpädagogischen Voltigieren findet der Kontakt zum Pferd wesentlich mehr Raum. Die Voltigierer im Freizeitsport finden das Pferd meist bereits geputzt und vorbereitet vor. Da die emotionale Begegnung mit dem Pferd großer Bestandteil im Heilpädagogischen Voltigieren ist, bezieht sich der Kontakt nicht ausschließlich auf das Voltigieren, sondern auf alle Tätigkeiten die mit dem Pferd zusammenhängen (Putzen, Füttern usw.). Darüber hinaus werden die Turnübungen auf dem Pferd den individuellen Fähigkeiten des Kindes angepasst und unterscheiden sich demnach auch in ihrem Schwierigkeitsgrad.

3.2. Entwicklung des HPR/V in der Schweiz und Deutschland

Bereits in den 60er Jahren erkannten Psychologen und Pädagogen, dass das Reiten bzw. Voltigieren sich auf unterschiedliche Schwierigkeiten und Problemverhalten bei Kindern positiv auswirken kann. Der Ursprung dieser Maßnahme findet sich in der Schweiz. Marianne Gäng leistete 1983 einen Beitrag zur Verbreitung dieser Methode, indem sie ihr erstes Buch „Heilpädagogisches Reiten“ veröffentlichte. Bereits in den 60er Jahren hatte sie Erfahrungen mit Islandpferden und ihren eigenen Kindern bezüglich der heilenden Wirkung beim Reiten gemacht. Diese Erfahrungen bezog sie jedoch erst Anfang der 80er Jahre auch auf lern- und geistig- behinderte Schüler. Der Umgang mit dem Pferd und das Reiten/Voltigieren mit beeinträchtigten Kindern wurde zunächst in Sonderklassen und Heimen erprobt. Nachdem sich immer mehr Interessenten fanden, veranstaltete sie Informationstage zum Thema Heilpädagogisches Reiten. Die systematische Weiterentwicklung und Weiterverbreitung dieser Maßnahme führte dazu, dass aus den sogenannten Informationsveranstaltungen Ausbildungskurse wurden (vgl. Gäng, 1994, S. 15).

Die Entwicklung des Heilpädagogischen Reiten in der Schweiz, bezog sich primär auf den Umgang und die Begegnung mit dem Pferd, wobei das Reiten als ein sekundärer Bestandteil der Maßnahme verstanden wurde. Die heutige „Schweizerische Vereinigung für Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren“ wurde 1985 gegründet. M. Gäng leistete in Zusammenarbeit mit dieser Vereinigung ihre Ausbildungsarbeit, bis sie 1995 die „Schweizer-Gruppe für therapeutisches Reiten“ gründete (vgl. Gäng, 1994, S. 15).

Antonius Kröger war in der Bundesrepublik Deutschland der Erste, der 1969 seine Erkenntnisse im HPR/V mit verhaltensauffälligen Kindern publizierte. Der Heimlehrer einer Sonderschule für lernbehinderte und verhaltensauffällige Jungen erkannte das große Interesse der Schüler an dem Lebewesen „Pferd“. Kröger bildete selbstständig ein Pferd zum Voltigieren aus, um es im Schulunterricht einzusetzen. Er nutzte die Faszination der Jungen, um die Erziehungsziele und Verhaltensmuster positiv zu beeinflussen (vgl. Gäng, ebd.).

Carl Klüwer begann 1970 die Hippotherapie und das HPR/V durchzuführen. Er leistete einen weiteren Beitrag zur Verbreitung und Anerkennung dieser Methode. 1973 hielt er zahlreichen Vorträgen über seine Erfahrungen und verfasste einige Veröffentlichungen. Das HPR/V wurde zunächst in Heimen, Sonderschulen und Kliniken eingesetzt. Die Erzieher, Lehrer und Ärzte nutzten damals das Medium „Pferd“ aus ihrem intuitiven Verständnis heraus, um die Entwicklung der Kinder zu fördern. Dies führte dazu, dass jeder, der diese Methoden praktizierte, seiner Arbeit einen anderen Namen gab. Daraus entstanden Bezeichnungen wie z. B. Therapeutische Reitschule, Pädagogisches Voltigieren oder Reiten in der Psychiatrie.

Um das Therapeutische Reiten zu systematisieren, zu koordinieren und zu intensivieren trafen sich 1977 praktizierende Reittherapeuten und Wissenschaftler aus Medizin, Pädagogik und Psychologie, um sich über die weitere Handhabung und Entwicklung des Therapeutischen Reitens zu beraten. Sie beschlossen, alle praktizierten Einsatzmöglichkeiten des Pferdes bei Kindern und Jugendlichen aus dem Bereich Sonder-/Heilpädagogik unter der Bezeichnung „Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren“ zusammenzufassen. Ein weiteres Anliegen war es, die verschiedenen Anwendungsformen auf Effektivität und Vermittelbarkeit zu überprüfen und aus diesen Erkenntnissen heraus eine Weiterbildungsmaßnahme für interessierte Berufsgruppen zu ermöglichen.

Bis heute wird das Angebot auch auf andere Institutionen ausgeweitet, sodass das HPR/V auch in Tagesbildungsstätten, Jugendfarmen, Beratungsstellen und Regelschulen stattfindet (vgl. Gäng, 1994, S. 16f).

3.3. Zielgruppen des HPR/V

Kröger teilt die Zielgruppen in verschiedene Bereiche auf. Zum Einen nennt er die Gruppe der lernbehinderten Schüler, die an öffentlichen und privaten Förderschulen unterrichtet werden. Weiterhin ist das Heilpädagogische Reiten/Voltigieren für geistig beeinträchtigte Kinder, Jugendliche und Erwachsene geeignet.. Kröger weist darauf hin, dass diese beiden Zielgruppen auch verhaltensauffällige und sogenannte mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche mit einschließen. Als dritte Gruppe nennt er die primär verhaltensauffälligen aber durchschnittlich begabten Kinder, die durch das HPR/V gefördert werden. Weiterhin eignet sich das HPR/V als effektive Maßnahme bei psychisch erkrankten Menschen sowie bei Menschen mit Hör- oder Sehschädigungen. Vor Beginn einer Maßnahme sollte geklärt sein, ob aus ärztlicher Sicht keinerlei Bedenken bestehen (vgl. Kröger, 1994, S. 105).

Einen konkreten Überblick bezüglich der Zielgruppe des HPR/V erläutert das DKThR. Die Maßnahme richtet sich an Menschen mit verschiedenen Behinderungen, Wahrnehmungsbeeinträchtigungen, Entwicklungsrückständen oder Verhaltensauffälligkeiten wie z. B.:

- Lern- und geistige Behinderung
- Verhaltensstörungen
- Autismus und autistische Verhaltensweisen
- Störungen in der Bewegung, Haltungsschwächen
- Psychosomatische Erkrankungen
- Angeborene oder erworbene Sinnes- und Wahrnehmungsbeeinträchtigungen
- neurotische und psychotische Erkrankungen (vgl. Reittherapie Zentrum Berlin GbR).

3.4. Förderdimensionen im HPR/V

Das HPR/V umfasst ein breit gefächertes Feld an Fördermöglichkeiten. Der Prozess der Förderung bezieht sich auf eine ganzheitliche Arbeit mit dem Pferd. Welche Möglichkeiten sich daraus ergeben und auf welche Förderbereiche sich diese Methode bezieht, wird im Folgenden dargestellt.

Das HPR/V beschränkt sich nicht ausschließlich auf das Reiten/Voltigieren, sondern bezieht sich ebenfalls auf dass Umfeld des Pferdes und seine Körperpflege. Um dem Kind eine behutsame Kontaktanbahnung zu ermöglichen, wird das Reitpferd in seiner “natürlichen“ Umgebung (Wiese, Stall) gemeinsam mit dem Kind beobachtet. Die sogenannte Körperarbeit mit dem Pferd (Fell- und Hufpflege, Fütterung) gehört ebenso in das Konzept des Heilpädagogischen Reitens wie die Bodenarbeit am Pferd. Bei der Bodenarbeit wird das Pferd vom Kind geführt oder das Kind läuft im Gleichschritt nebenher. Die Bewegungserfahrung auf dem Tier in allen Gangarten ist somit nur ein Aspekt im Konzept des Heilpädagogischen Reiten/Voltigieren (vgl. Gäng, 1994, S.23).

3.4.1. Motorische Förderaspekte

Ein Förderaspekt bezieht sich auf die motorische Selbsterfahrung auf dem Pferd. Ziel ist es hierbei, die Körperwahrnehmung des Kindes durch z. B. Körperreisen zu fördern. Durch gezielte Voltigierübungen erfährt das Kind Möglichkeiten, Grenzen und Fähigkeiten des eigenen Körpers. Ein weiterer Aspekt der motorischen Förderung, ist die positive Erfahrung durch Entspannung und Lockerung des Körpers bzw. einzelner Körperteile. Durch das Reiten auf dem Pferd wird eine Verbesserung der vestibulären Wahrnehmung, der Koordination sowie der körperlichen Zentrierung ermöglicht (vgl. Gathmann, 2004, S.45).

3.4.2. Kognitive Förderaspekte

Die Möglichkeiten der Förderung im kognitiven Bereich beziehen sich auf die Verbesserung von Konzentrations- und Gedächtnisleistungen. Durch das Voltigieren können die Aufmerksamkeit des Kindes, sowie das Reaktionsvermögen geschult werden. Des weiteren ergibt sich durch das HPR/V die Möglichkeit, die ganzheitliche Wahrnehmung zu schulen, die Lern- und Leistungsbereitschaft zu erhöhen und die Sprachfähigkeit/das Sprachverständnis zu fördern (vgl. Kaune, 1993, S.35).

3.4.3. Emotionale Förderaspekte

Das HPR/V bietet die Möglichkeit, mit Hilfe des Pferdes, die emotionale Erlebniswelt des Kindes anzuregen. Hierbei geht es primär darum, Kontakt und Vertrauen zu einem Lebewesen aufzubauen. Im Umgang mit dem Pferd kann eine Erhöhung der Frustrationstoleranz erreicht werden, indem emphatische Handlungsweisen gegenüber dem Pferd angeregt werden. Weiterhin bietet das HPR/V die Möglichkeit der Regression und des Nacherlebens, sowie die Auseinandersetzung/Bewältigung von Ängsten (vgl. Gathmann, 2004, S.45).

3.4.4. Soziale Förderaspekte

Das Heilpädagogische Reiten wird in Einzelsitzungen oder als Gruppenförderungen eingesetzt. Die auf den sozialen Bereich bezogenen Fördermöglichkeiten umfassen die Förderung der Kooperationsfähigkeit und Eingliederung der Ich- Ansprüche in das Gruppengeschehen. Die Kinder lernen in der Gruppe, Hilfen zu geben und Hilfen anzunehmen. Ein weiterer Aspekt ist der Abbau von aggressiven Verhaltensweisen, Rückzugstendenzen und Isolation. Daraus ergibt sich die Chance, Kontaktschwierigkeiten zu reduzieren und die Gruppenfähigkeit zu fördern. Das Anerkennen und Einhalten von gemeinsam erstellten Regeln ist als letzter wichtiger Förderschwerpunkt zu nennen (vgl. Gathmann, ebd.).

3.5. Die Rolle der Voltigierpädagogin

Die Voltigierpädagogin/Reitpädagogin nimmt in der Arbeit mit Pferd und Kind eine vermittelnde Rolle ein. Dazu gehören Erklärungen zum Verhalten des Pferdes sowie Erläuterungen zum richtigen Umgang mit dem Tier (vgl. Kaune, 1993, S. 48).

Im HPR/V steht die Reitpädagogin lediglich für Korrekturen zur Verfügung. In erster Linie reagiert aber das Pferd mit Reaktionen wie Ausweichen, Erschrecken oder Tempoveränderungen auf das unangemessene Verhalten des Kindes. Da dem Kind auf diese Weise eine direkte Einsicht vermittelt wird, agiert die Reitpädagogin primär als „Vermittler“. Da die unmittelbare Selbsterfahrung im Umgang mit dem Pferd von zentraler Bedeutung für das Kind ist, erweist sich die Zurückhaltung der Reitpädagogin als unumgänglich (vgl. Kaune, ebd.).

Im HPR/V erhält die Voltigierpädagogin die Chance, eine partnerschaftliche Bindung zu realisieren, wie sie auch C. R. Rogers vermittelt. Die Pädagogin agiert stets non- direktiv und ermöglicht dem Kind, die Selbsterfahrungen zu machen, die es braucht. Rogers verdeutlicht, dass der Außenstehende ein Kind nicht zu verändern vermag, ihm aber dennoch bei der Verhaltensänderung behilflich sein kann. Direkte Konsequenzen oder gar Bestrafungen bei einem Regelverstoß, die vom Erwachsenen ausgehen, würden bei dem Kind keine von innen heraus geleistete positive Selbststeuerung erreichen. Demnach ist es wichtig, dass die Reitpädagogin die Einsicht des Kindes fördert, indem sie zwischen Pferd und Kind vermittelt (vgl. Kröger, 1994, S. 106).

Des Weiteren ist es wichtig, eine genaue Kenntnis über die psychosoziale Befindlichkeit des Reiters und dessen Verursachung zu haben. So kann die Reitpädagogin eine mögliche Konfliktsituation gegebenenfalls vorkonstruieren und die “Lage“ besser einschätzen. Wenn die Voltigierpädagogin weiß, unter welcher Spannung das Kind momentan steht, kann sie emphatisch darauf reagieren und sich adäquat auf bevorstehende Situationen vorbereiten. Dabei sollte die entsprechende partnerschaftliche Haltung immer präsent sein (vgl. Kröger, 1994, S. 106f).

Ist ein Kind z. B. sehr angespannt, wenn es in die Voltigierstunde kommt, sollte zunächst der Grund hierfür in Erfahrung gebracht werden. Vielleicht hat das Kind, bereits einige Frustrationssituationen in der Schule erfahren und kommt aus diesem Grund angespannt und wütend in die Voltigierstunde. In diesem Fall sollte die Reitpädagogin dem Kind zunächst Übungen stellen, die es bereits beherrscht, um ihm Erfolgerlebnisse zu ermöglichen, die die Anspannung lösen.

Generell besteht die Aufgabe der Reitpädagogin darin, die Anforderungen und Übungen dem Leistungsvermögen des Kindes anzupassen und ihm so ein individuelles Lernen nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen zu ermöglichen. Die Pädagogin soll dem Kind Wege aufzeigen, um ihm die Überwindung von möglichen Schwierigkeiten zu erleichtern. Bei der Bewältigung von Angststörungen ist das Verhalten der Voltigierpädagogin von besonderer Bedeutung. Die Pädagogin muss dem Kind die Sicherheit vermitteln, dass sie das Pferd unter Kontrolle hat. Nur so wird dem Kind die Chance geboten, seine Ängste zu überwinden. Grundsätzliche Vorraussetzung ist dabei ein tragfähiges Vertrauensverhältnis zwischen Kind und Reitpädagogin, welches permanent erhalten und ausgebaut werden muss (vgl. Kaune, 1993, S. 50).

Die Ausbildung eines Voltigierpädagogen erfolgt nach den Kriterien des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten. Demnach dürfen sich nur Personen ausgebildete Voltigierpädagogin nennen, die über eine abgeschlossene Ausbildung im pädagogischen, psychologischen oder psychotherapeutischen Bereich verfügen. Des Weiteren muss die Person eine Ausbildung als Voltigierlehrerin habe und über Kenntnisse entsprechender heilpädagogischer Methoden verfügen. Nach der zusätzlichen Absolvierung des Grund- und Abschlusskurses beim Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten ist die Person berechtigt, die Bezeichnung Reit- oder Voltigierpädagogin zu nutzen (vgl. DKThR c).

Die vermittelnde Rolle der Voltigierpädagogin im HPR/V entspricht einigen Aspekten der pädagogischen Zurückhaltung, wie sie P. Moor beschrieben hat. Diese Zurückhaltung ermöglicht es dem Kind, eigene Erfahrungen zu machen, die den Lernprozess unterstützen. Die Vermittlerrolle und die entsprechende Zurückhaltung der Voltigierpädagogin, wirkt sich ebenfalls auf die Beziehungssituation aus. Darüber hinaus besteht in der Förderung mit dem Pferd eine Dreiersituation (Kind, Pferd, Pädagogin). Somit steht für das Kind ein weiterer Beziehungspartner zur Verfügung. Folgenden Ausführungen sollen Aufschluss darüber geben, wie sich der zusätzliche Beziehungspartner und die Rolle der Voltigierpädagogin auf das gesamte Beziehungsgeschehen im HPR/V auswirken.

3.6. Das Beziehungsdreieck im HPR/V

Zentrales Thema der Kommunikation zwischen Mensch und Tier, ist die Beziehung zueinander. Die ähnlich ausgeprägte Individualität auf der Beziehungsebene ist verantwortlich für das enge Zusammenwirken zwischen Mensch und Pferd (vgl. Vossberg, 1994, S.159, zit. n. Blendinger 1980)

Wenn der Mensch sich auf die Beziehung zu einem Pferd einlässt, bedeutet dies zwangsläufig emotionale Erlebnisse, die dazu führen können, dass das Kind das Pferd als seinen Freund, Partner oder Kameraden anerkennt. Aus dieser Verbindung resultiert das Bedürfnis, das Pferd reiten zu wollen und mit ihm die Natur erleben zu wollen. Weiterhin bildet diese Bindung zwischen Kind und Pferd den Grundstein sich auf fördernde Übungen einzulassen (vgl. Vossberg, 1994, S. 160).

Wie bereits angedeutet, besteht aufgrund der zusätzlichen Beziehung zwischen Kind und Pferd eine Dreiersituation die als sogenanntes „Beziehungsdreieck“ benannt wird. Das Beziehungsdreieck bezieht sich auf den Kontakt zwischen Kind und Pferd, Kind und Voltigierpädagogin und Voltigierpädagogin und Pferd. Prägnanter Inhalt dieser Dreiecksbeziehung ist die Geschlossenheit, die durch Nähe und gegenseitige Zuwendung geprägt ist. Diese Geschlossenheit muss von der Voltigierpädagogin konstant und verantwortungsvoll gestaltet und unterstützt werden. Nachdem sich eine tragfähige Beziehung zwischen Kind und Pferd aufgebaut hat, und eine direkte Nähe (Körperkontakt) nicht mehr erforderlich ist, können Beziehungsinhalte z.B. auch über die Longe vermittelt werden. Die Reitpädagogin dirigiert und kontrolliert dabei über die Longe das Verhalten des Pferdes und vermittelt somit dem Kind, dass es ihr vertrauen kann (vgl. Vossberg, 1994, S. 169f).

In dieser Dreierkommunikation erlebt das Kind die Reitpädagogin als persönlichen Helfer in der Interaktion zum Pferd. Somit rückt der direkte Einfluss der Reitpädagogin auf das Kind in den Hintergrund, sobald das Pferd anwesend ist. Die Pädagogin agiert indirekt und ist somit nicht die anordnende Instanz, sondern vermittelt zwischen Kind und Pferd, sodass die Selbsterfahrung mit dem Pferd unterstützt wird (vgl. Neveling, Roelfs-Heilmann, 1994, S. 8).

Nach Kröger (1977) ist beim HPV eine Verhaltensänderung auf nicht- direktiven Weg möglich, da das Pferd die Aufgabe der Verhaltenskorrektur übernimmt” (Neveling, Roelfs-Helmin,1994, S. 8, zit. n. Kröger, 1977).

Die Voltigierpädagogin kann demnach auf Maßnahmen bezüglich eines “Fehlverhaltens“ des Kindes verzichten, da die Kinder auf unangemessene Verhaltensweisen sofort eine Konsequenz seitens des Pferdes erfahren. Im umgekehrten Fall reagiert das Pferd auf angemessenes Verhalten positiv, indem es den Wunsch des Kindes erfüllt und z. B. angallopiert oder den Huf hebt. Aufbauend auf den non- verbalen Dialog zwischen Kind und Pferd, sollte die Reitpädagogin weitere Hilfen geben, die eine vertrauensvolle Beziehung beider Individuen ausbaut. Dies kann z. B. dadurch geschehen, dass die Reitpädagogin dem Kind den richtigen Umgang mit dem Tier aufzeigt. In der Regel eifern die Kinder der Reitpädagogin nach, da sie (zumindest zu Beginn einer Maßnahme) die Einzige ist, die um den richtigen Umgang mit diesem großen und faszinierenden Tier weiß und mit ihm vertraut ist. Die Beziehungen innerhalb dieses Beziehungsdreiecks sind in gruppensoziologischer Hinsicht nicht vergleichbar. (vgl. Neveling, Roelfs- Heilmann, ebd.).

Die Beziehung zwischen Kind und Pferd, Reitpädagogin und Kind sowie Pferd und Reitpädagogin weisen demnach eine unterschiedliche Qualität und Intensität auf, die im folgenden Teil erläutert wird.

3.6.1. Kontakt zwischen Kind und Pferd

Die positive Übertragungsbereitschaft, resultierend aus der hohen Motivation, ist primär auf das Reiten und das Pferd gerichtet (vgl. Kupper-Heilmann, 1999, S.39). Die Beziehungsinhalte die für das Kind wichtig sind, um sein Gefühlserleben zu entfalten und eine Beziehungsfähigkeit zu entwickeln, werden gleichbleibend vom Pferd vermittelt. Diese Verbindung zwischen Kind und Pferd ermöglicht dem Kind positive emotionale Erlebnisse zu erfahren. Weiterhin bringt das Pferd individuelle Eigenheiten in die Beziehung ein, mit denen sich das Kind auseinandersetzten muss. Das Pferd wird für das Kind zu einem charakterstarken Individuum, das es sich als Freund oder Partner wünscht (vgl. Vossberg, 1994, S. 170).

Auf weitere Besonderheiten in der Beziehung zwischen Kind und Pferd, sowie den auffordernden Charakter des Tieres wird in Kapitel 4 ausführlich erläutert.

3.6.2. Kontakt zwischen Voltigierpädagogin und Pferd

Das Pferd bringt seine Beziehungsfähigkeit auch gegenüber der Reitpädagogin in die Situation ein. Die Reitpädagogin muss dieses Verhältnis zum Pferd annehmen und erwidern, um dem Tier in seinem vorgegebenen Lebensraum ein Wohlbefinden zu gewährleisten. Die Beziehung zwischen Reitpädagogin und Pferd ist dennoch von der Dominanz des Menschen geprägt. Das Pferd ist auf die Führung durch den Menschen angewiesen, da es sich, aufgrund seiner Hilfsbedürftigkeit und Abhängigkeit von einem Leitwesen, nicht zurecht finden kann. Die akustischen, taktilen und visuellen Signale durch die Reitpädagogin, werden von dem Pferd aufgenommen und vermitteln auf non- verbaler Ebene Empfindungen der Anerkennung, Wertschätzung und Zugehörigkeit. Dies ist wichtig, um das Beziehungsdreieck zu erhalten und auszubauen (vgl. Vossberg, 1994, S. 170f).

„Die trianguläre Situation beim heilpädagogischen Reiten wird so nicht nur zur Vorbildfunktion, sondern auch zum Abbild des Respektes und des Schutzes, den jeder der Beteiligten genießt“ (Kupper-Heilmann, 1999, S. 40).

Zusätzlich kann die Reitpädagogin aus dem Verhalten des Pferdes Rückschlüsse ziehen, die das Befinden des Kindes betreffen. Das Pferd reagiert sehr sensibel auf Stimmungslagen und ist z. B. bei einem Kind müde und träge, wobei es auf ein anderes Kind mit Hektik oder Nervosität reagiert. Dies kann für die Voltigierpädagogin Erkenntnisse bezüglich der aktuellen Befindlichkeit des Kindes bringen, da sich die jeweilige Stimmung des Kindes auf das Pferd überträgt (vgl. Kupper-Heilmann, 1994, S. 40f).

[...]

Details

Seiten
84
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638881197
ISBN (Buch)
9783656206774
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82891
Institution / Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,6
Schlagworte
Heilpädagogische Reiten Voltigieren Medium Pferd Arbeit Kindern

Autor

Zurück

Titel: Das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren und das Medium  Pferd in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern