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Jugendliche und mediale Gewalt

Vordiplomarbeit 2005 45 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gewalt
2.1 Formen der Gewalt
2.1.1 Personale Gewalt
2.1.2 Strukturelle Gewalt
2.1.3 Mediale Gewalt

3. Medien
3.1. Definition
3.2. Medienkonsum
3.2.1. Entwicklung des Medienkonsums
3.2.2. Alltagsfunktion der Medien für Jugendliche
3.2.3. Formen medialer Gewalt
3.2.4. Faktoren des Konsums medialer Gewalt

4. Pubertät und Adoleszenz

5. Motive für Faszination von Gewalt
5.1. Angstlust
5.2. Ohnmachtgefühl und Sexuelle Konfliktspannung
5.3. Medien als Spiegel
5.4. Abgrenzung von Erwachsenen

6. Erleben und Verarbeiten

7. Wirkung
7.1. Medienwirkung
7.1.1. Stimulus-Response-Modell
7.1.2. Erweitertes Wirkungsmodell
7.1.3. Lasswell-Formel
7.1.4. Two-Step-Flow of Communication
7.1.5. Knowledge-gap-Hypothese
7.1.6. Agenda-Setting-Hypothese
7.1.7. Uses-and-gratification-approach
7.1.8. Schweigespirale
7.2 Wirkung von medialer Gewalt
7.2.1 Katharsishypothese
7.2.2. Stimulationshypothese
7.2.3 Habitualisierung
7.2.4 Lerntheorie
7.2.5 Suggestionsthese
7.2.6 Wirkungslosigkeit

8. Bedingungen für Straffälligkeit
8.1 Ungünstige Sozial- und Milieubedingungen
8.2 Individuelle Faktoren
8.3 Gesellschaftliche Hintergründe

9. Zusammenfassung

10. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es ist Freitagabend kurz nach 22 Uhr. Kopfschüttelnd lege ich die Zeitung aus der Hand und wundere mich über diese Welt, weil mal wieder zwei 16-Jährige einen Altersgenossen überfallen und brutal zusammengeschlagen haben. Ich schalte den Fernseher an und ich blicke direkt in den Lauf einer Pump gun. Ein Knall – ich zucke zusammen und sehe im nächsten Augenblick das zerfetzte blutige Gesicht einer jungen Frau. Ich denke mir, es ist im Grunde kein Wunder, dass die Menschen durchdrehen und immer mehr Verbrechen begehen! Wenn man täglich solche Grausamkeiten sieht, wird man dann nicht geradezu ermutigt, irgendwann Amok zu laufen? Schließlich scheint es dafür auch genügend Beispiele zu geben: Erfurt, Littleton, Freising, Meißen etc.

De facto nehmen Straffälligkeit und Gewalttaten Jugendlicher zu, während die Häufigkeit und die Intensität der Gewaltdarstellung in den Medien steigt. Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Frage der Auswirkungen medialer Gewalt auf das Verhalten Jugendlicher auseinander. Um sich diesem Thema zu nähern, ist vorab eine Vertiefung des Gewaltbegriffes notwendig. Anschließend wende ich mich den Medien, deren Entwicklung und heutigem Stellenwert sowie Formen und Faktoren medialer Gewalt zu.

Um zu verstehen, ob und in welcher Art Gewaltdarstellung Einfluss auf Jugendliche hat, werde ich im vierten Kapitel die schwierige Entwicklungsphase der Adoleszenz mit ihren besonderen Problemen näher betrachten.

Außerdem halte ich es für beachtenswert, zu erläutern, was die besondere Faszination von Gewaltdarstellungen für Jugendliche ausmacht.

Im sechsten Kapitel arbeite ich heraus, wie Jugendliche mediale Ereignisse wahrnehmen, erleben und verarbeiten.

Den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet die Auseinandersetzung mit der Wirkung medialer Gewaltdarstellungen. Ich werde verschiedene Ansätze der Medienwirkungsforschung und einige gängige Thesen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen diskutieren. Danach erfolgt ein Überblick der bedingenden Faktoren für Straffälligkeit und abschließend führe ich eine kritische Schlussbetrachtung durch.

Dabei wird diese Arbeit von Literatur- und Internetrecherche gestützt. Ich habe in dieser Arbeit der Einfachheit wegen auf die Endungen „In“ und „Innen“ sowie Doppelnennungen verzichtet. Alle Formulierungen gelten demzufolge geschlechtsübergreifend, sofern kein expliziter Hinweis erfolgt.

2. Gewalt

Jeder hat für sich selbst mehr oder weniger genaue Vorstellungen von Gewalt entwickelt. Laut allgemeiner Definition gebräuchlicher Lexika versteht man darunter die Anwendung von physischem und psychischem Zwang gegenüber Menschen. Schorb bezeichnet Gewalt sogar als „die Manifestation von Macht und/oder Herrschaft, mit der Folge und/oder dem Ziel der Schädigung von einzelnen oder von Gruppen von Menschen“ (Schorb 1995, S.117). Die Begriffe Aggression und Gewalt werden oftmals als gleichwertige Begriffe angesehen.

2.1 Formen der Gewalt

Gewalt kann sich in vielen Facetten zeigen und ist nicht immer eindeutig erkennbar. Eine mittlerweile in der Medienpädagogik übliche Einordnung besteht in der Unterscheidung zwischen personaler und struktureller Gewalt.

2.1.1 Personale Gewalt

Unter dem Begriff personale Gewalt werden alle Formen physischer und psychischer Gewalthandlungen zwischen Personen oder Personen und Sachen zusammengefasst. Die Gewalt geht von einer konkreten Person aus und offenbart sich in dessen Handeln und Verhalten. (vgl. Theunert 2005, S.140)

Als physische Gewalt gelten Schläge oder andere gewaltsame Handlungen (z.B. Stöße, Schütteln, Verbrennungen etc.).

Psychische Gewalt beschreibt Verhaltensweisen, die Personen ängstigen, Gefühle des Abgelehntseins oder der eigenen Wertlosigkeit vermitteln (z.B. Beleidigung, Drohung, Diskriminierung).

Kennzeichnend für Personale Gewalt ist die situativ auftretende ungleiche Machtverteilung zwischen den Beteiligten und die sichtbaren Folgen in Form psychischer, physischer und sozial-aktiver Schädigung der Opfer. (vgl. Theunert 2005, S.140)

Eine besondere Form der personalen Gewalt stellt der sexuelle Missbrauch dar. Darunter wird die Instrumentalisierung von Personen für die Befriedigung eigener sexueller Bedürfnisse verstanden. (vgl. BMfFSFJ 1998, S.9)

2.1.2 Strukturelle Gewalt

Nach Johan Galtung ist zwischen personaler und struktureller Gewalt zu unterscheiden. Er prägte den Ausdruck der strukturellen Gewalt, um gesellschaftliche Strukturen zu benennen, welche Behinderungen produzieren, die eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen.

„Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung. [...] Das potentielle Maß der Verwirklichung ist somit das mit einem gegebenen Maß an Einsicht und Hilfsmitteln mögliche. Wenn Einsicht und/oder Hilfsmittel von einer Gruppe oder Klasse innerhalb eines Systems monopolisiert oder zweckentfremdet gebraucht werden, dann fällt das Maß des Aktuellen unter das Maß des Potentiellen, und in dem Maß ist Gewalt präsent“ (Galtung 1982, S.9f.). Konkret zeigt sich strukturelle Gewalt zum Beispiel in ungleichen Bildungschancen oder ungleichen Beteiligungschancen der Geschlechter. Wie Schorb treffend formuliert, bezeichnet strukturelle Gewalt eher schädliche gesellschaftliche Zustände als direkt beobachtbare und vor allem abgrenzbare Gewaltakte zwischen Personen. (vgl. Schorb 1995, S.117)

2.1.3 Mediale Gewalt

Nachdem ich versucht habe, den Gewaltbegriff genauer zu definieren, bleibt dennoch die Frage offen: Was ist nun Gewalt und vor allem was ist mediale Gewalt?

Es ist nicht eindeutig festlegbar, wo Gewalt anfängt und wo es aufhört. Für jeden einzelnen Menschen ist Gewalt etwas anderes, jeder entwickelt gewissermaßen seine persönliche Schmerzgrenze. Mikos weist darauf hin, dass für Gewaltdarstellung in den Medien bestimmend ist, was der Zuschauer aufgrund seines lebensweltlichen Wissens als Gewalt wahrnimmt und versteht und zwar unabhängig vom normativen Gewaltverständnis. Außerdem ist Gewalt sowie deren Darstellung immer im Kontext zu sehen, denn in gewissen Situationen stellt die vermeintliche Abbildung von Gewalt gar keine dar, nämlich dann, wenn es einen symbolischen Charakter annimmt wie zum Beispiel in Bildern über den gekreuzigten Jesus. (vgl. Mikos 2002, S.103ff.) Mikos meint, „Gewalt in Medien ist immer inszenierte Gewalt, die in fiktionalen Erzählkontexten wie Spielfilmen, Fernsehserien oder TV-Movies auftritt, oder medial bearbeitete Gewalt, die in nonfiktionalen Erzählkontexten wie Nachrichten, Reportagen und Dokumentationen auftritt“ (Mikos 2002, S.104).

Bedauerlicherweise ist der Gewaltbegriff in der Medienwirkungsforschung nur unzulänglich bis gar nicht definiert und geht dabei hauptsächlich von Bildern über (personale) Gewalttaten aus und vernachlässigt daneben die Wirkung von struktureller Gewalt. Denn mediale Gewalt ist nicht nur in fiktiven Szenarien zu finden, sondern auch in Berichterstattungen über reale Gewalt, welche bereits selektiert und interpretiert vorgeführt werden und somit strukturell gewalttätig dem Rezipienten gegenüber wirken.

Infolgedessen kritisiert Forster die Fixierung der Gewaltforschung auf Gewaltbilder: „Mediale Gewalt ist sehr viel mehr als eine Reihe gewalttätiger Bilder. Möglicherweise sind die gewalttätigen Bilder noch am harmlosesten, weil sie wenigstens als solche erkannt werden können, während wir laufend mit Botschaften konfrontiert werden, die gewalttätig sind, weil sie Stereotype und Vorurteile, negative Bilder etc. produzieren“ (Forster 1998, S.8). Ferner weist Schorb darauf hin, dass mediale Gewalt sich stets an der real existierenden Gewalt orientiert, die sie abbildet, aber auch verarbeitet und verdichtet. Somit produziert sie zwar selbst Gewalt, aber niemals unabhängig von der gesellschaftlichen Realität. (vgl. Schorb 1995, S.117) „Gewalt ist zuallererst ein gesellschaftliches Phänomen und Problem. Nicht ein Medium generiert Gewalt, sondern die Gesellschaft, deren Bestandteil dieses Medium ist“ (Schorb 1995, S.117).

3. Medien

3.1. Definition

Der Begriff Medium, lateinisch die Mitte, kann im Rahmen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen verwendet werden, in der Kommunikationswissenschaft, der Parapsychologie, Physik und Chemie sowie in den Sprachwissenschaften. Medien oder Media stehen synonym für Vermittlungssysteme für Informationen aller Art (Nachrichten, Meinungen, Unterhaltung), deren Funktion der Transport von Inhalten ist. (vgl. Brockhaus 1991, S.391) Da die heute verwendeten Medien einer großen Zahl von Menschen zugänglich sind, spricht man auch von Massenmedien. Gerhard Maletzke definiert den Begriff Massenmedien 1963 als öffentliche, indirekte (Zeit und Ort von Produktion und Rezeption sind nicht identisch), einseitige (vom Sender zum Empfänger und nicht umgekehrt), technische Verbreitung professionalisierter Kommunikationsformen. (vgl. Winterhoff-Spurk 1986, S.33) Umgangssprachlich ist der Begriff vor allem mit Printmedien wie Zeitung, Zeitschrift, Buch oder elektronischen Medien wie Hörfunk und Fernsehen verbunden. Die meisten Forschungsergebnisse hinsichtlich Medien beziehen sich auf audio-visuelle Medien, also Fernsehen, Kino, Video bzw. DVD, Computerspiele oder ähnliches.

3.2. Medienkonsum

3.2.1. Entwicklung des Medienkonsums

Seit Gutenberg 1445 den Buchdruck erfand, nahm die Entwicklung der Medien unaufhaltsam seinen Lauf. Um dieses zu verdeutlichen, folgt nun eine kleine Übersicht, bei der das seit 1900 auffällig angetriebene Wachstum unverkennbar wird.

„Bis 1800 1445 Buchdruck (Gutenberg)

1610 Wochenzeitung

1660 Tageszeitung

1794 Optischer Telegraph (Frankreich)

Bis 1900 1837 Elektrischer Telegraph (Samuel Morse)

1839 Fotographie (Daguerreotypie)

1876 Telefon (Bell)

1888 Grammophon

1888 Fotoapparat (Eastman-Kodak)

1886 Setzmaschine

1895 Stummfilm (1. Öffentliche Filmvorführung durch Lumière)

1896 Drahtlose Telegraphie (Marconi)

1900-1950 1906 Rundfunktechnik

1923 Erste Rundfunk-Sender (Lausanne, Bern, Berlin)

1924 Tonfilm

1925 Fernsehtechnik (ab 1935 Sendungen in Berlin)

1945 Computer (ENIAC)

1946 Transistorradio

Ab 1950 1952 Öffentliches Fernsehen in Deutschland (BRD; DDR: 1955)

1953 Öffentliches Fernsehen in der Schweiz

1969 Videorecorder

1969 ARPANET (Vorläufer des Internet)

1972 Video-Games

1977 PC: Apple II

1978 Walkman

1982 Compact Disc

1983 TCP/IP-Protokoll (Internet)

1984 Handy (C-Netz)

1989 World Wide Web

1996 Digital VIDEO Disc (DVD)“

(Moser 1999, S.43)

Mittlerweile sind Medien aus unserem Alltag nicht mehr weg zu denken und in nahezu jedem deutschen Haushalt zu finden. Bereits 1985 waren cirka 43% aller Haushalte mit zwei Fernsehgeräten ausgestattet, Videorecorder waren in 23,5% der Familien der Gymnasiasten und 37,5% der Familien der Berufsschüler zu finden während PCs in 18,5% der Gymnasiastenfamilien und in 9,5% der Hauptschülerfamilien verfügbar waren, und selbst Telespielgeräte gab es schon in 30% aller Haushalte. (vgl. Spanhel 1990, S.24)

Inzwischen besitzen zwei Drittel der 12- bis 19 Jährigen ein eigenes Fernsehgerät, 88% eine eigene Hifi-Anlage, 50% einen eigenen PC und 28% einen eigenen Internetzugang. (vgl. Schell 2005, S. 179)

Die heutige Geräteausstattung ist also um ein vielfaches ausgeprägter als vor 20 Jahren, zumal die Attraktivität und Vielfalt der Geräte ständig zu nimmt. Neben den verbesserten Zugangsmöglichkeiten per Kabel oder Satellit ist außerdem eine Steigerung des Medienangebots zu verzeichnen, die Vollbrecht auf 4000% schätzt. Schließlich hat nicht nur das Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender, der Tagespresse und Zeitschriften zugenommen, sondern auch das anderer Medien, wie beispielsweise privater Fernsehsender, welche Mitte der achtziger Jahre eingeführt wurden. (vgl. Vollbrecht 2001, S.176f.) Laut einer Studie von Bonfadelli und Saxer sehen 21% der Mädchen und 29% der Jungen im Alter von 15 Jahren täglich zwei Stunden und mehr fern. (vgl. Moser 1999, S.128) Neben dem Fernsehen und Videofilmen erfreuen sich Computerspiele immer größerer Beliebtheit, welche in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebten, der nicht aufzuhalten scheint. „Bill Gates’ Microsoft wird mit der X-Box 360 schon zum Weihnachtsfest angreifen. Im kommenden Jahr wird dann Marktführer Sony seine Playstation 3 unters spielende Volk bringen und Nintendo die Konsole „Revolution“ “ (Deggerich 2005, S.41).

3.2.2. Alltagsfunktion der Medien für Jugendliche

Medien werden von Jugendlichen meist als selbstverständlicher Teil ihres Alltags empfunden. So werden sie zu einem Accessoires, welches man immer mit sich trägt. Früher war es der Walk Man, heute ist es wohl eher der MP3-Player, der Gameboy oder das Handy. (vgl. Schorb 1995, S.100) „Wie andere Accessoires auch, die Brille, der Sticker, die Tasche, die Mütze, werden die ‚Begleitmedien’ gar nicht wahrgenommen, sie sind einfach dabei“ (Schorb 1995, S.100).

Häufig werden Medien als Hintergrund für den Alltag genutzt, um ihn individuell angenehmer zu gestalten. So wird bereits seit vielen Jahren das Radiogerät dazu verwendet, den Alltag durch Musik zu versüßen, die allerdings nicht immer aktiv und bewusst genutzt wird, sondern einfach nebenbei läuft. Dieses Phänomen erkannte auch der Radiosender NRJ und lockt seine jugendliche Zielgruppe mit dem Slogan ‚Lebe dein Leben - Wir liefern den Soundtrack dazu’. Heutzutage übernehmen auch Musikvideoclips bei Musiksendern wie MTV oder VIVA die selbe Funktion. (vgl. Schorb 1995, S.100f.)

Medien regulieren den Alltag des Rezipienten insofern, dass sie die Nutzungsweise und

–dauer bestimmen. Beispielshalber kann ein Kinofilm oder ein Konzert nur an einem bestimmten Ort während einer bestimmten Zeit genutzt werden. In wenigen Fällen kommt es zu einer sehr starken bis absoluten Unterordnung sonstiger Interessen, darüber hinaus ist ein übermäßiger Konsum meist nur von geringer Dauer und entwickelt sich selten zu einer medialen Abhängigkeit. (vgl. Schorb 1995, S.101) „Das häufig geäußerte Vorurteil, Jugendliche verfielen mehr und mehr der Attraktion der Medien, richteten ihr Leben an diesen aus und würden in ihrem Denken und Handeln von ihnen geprägt, entbehrt der empirischen Basis“ (Schorb 1995, S.101f.).

3.2.3. Formen medialer Gewalt

Ergebnissen eines von Bernd Schorb geleiteten Forschungsprojektes zufolge finden sich im gesamten Fernsehprogramm alle im Kapitel 2.1. beschriebenen Formen der Gewalt wieder. Personale Gewalt überwiegt deutlich und tritt dabei in Unterhaltungssendungen mit 76% in Formen der physischen Gewalt auf, während sich psychische Gewalt in Informations-sendungen mit 56%, besonders in Nachrichten mit 61% konzentriert. Selbst strukturelle Gewalt ist zu 60% meist in Informationssendungen vertreten, z.B. wenn die Moderation den eigentlichen Inhalt des Berichts verfälscht. (vgl. Schorb 1995, S.121)

Kunczik fasst die Ergebnisse verschiedener inhaltsanalytischer Studien unter folgenden sieben Punkten zusammen:

1. In Unterhaltungssendungen ist fast ausschließlich personale Gewalt zu sehen, die zum einen stark personenorientiert ist und zum anderen sozial-strukturelle Einflussfaktoren völlig außer Acht lässt.
2. Die dargestellte Gewalt wird überwiegend von Männern mittleren Alters ausgeübt, während Frauen in passiven, verführerischen Rollen meist nur dekorativer Charakter zugesprochen wird. Allerdings ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass es sich hier um Literatur aus dem Jahre 1994 handelt und heute durchaus ein Trend zu weiblichen Protagonisten bei der Gewaltdarstellung zu verzeichnen ist, so zum Beispiel in Filmen wie Kill Bill, Drei Engel für Charlie, Dark Angel oder Spielen wie Tomb Raider. Gewiss dominiert aber immer noch die männliche gewaltausübende Rolle.
3. Die zentralen Figuren in Gewaltszenen sind sich fast immer fremd, was aber der realen Gewalt keineswegs entspricht. „Gewalt tritt zumeist nicht blind und rein zufällig auf, sondern ist in den meisten Fällen das Ergebnis einer Interaktionsfolge zwischen einander bekannten Individuen wie z.B. zwischen Familienmitgliedern“ (Kunczik 1994, S.41).
4. Die gesamte Darstellung einer Gewalthandlung ist äußerst unrealistisch. Es ist anzunehmen, dass ein Großteil der Zuschauer im realen Leben, ziemlich schockiert, bewegt und besorgt um das Opfer wäre, doch deren Leiden oder blutigen Wunden zeigte man selten. Kaum einer der Hauptdarsteller stirbt eines natürlichen Todes, was ein wirklichkeitsfremdes Weltbild vermittelt. Statistisch gesehen starben im Jahr 2000 gerade mal 4,1% eines unnatürlichen Todes, wovon wahrscheinlich nur ein Bruchteil den Folgen einer Gewalthandlung zuzurechnen ist. (vgl. Statistisches Bundesamt)
5. Häufig wird dem Zuschauer suggeriert, dass Gewalt ein erfolgreiches Mittel zur Konfliktlösung oder Durchsetzung eigener Ziele ist. Die Bestrafung eines gewalttätigen Protagonisten findet allenfalls am Schluss einer Filmhandlung statt. Daneben ergeben sich kaum Konsequenzen aus der Gewalt, die, wenn überhaupt, positiv dargestellt werden. So wird laut Kunzcik Gewalt als lohnend präsentiert.
6. Die Gewalt in den Fernsehsendungen geht nicht immer nur von den ,Bösen’, den Kriminellen aus. Ebenso finden wir die ,Guten’, die Vertreter des Gesetzes, welche ‚selbstverständlich’ nur Gewalt anwenden, um für Recht und Ordnung zu sorgen und daher nicht mit unangenehmen Folgen rechnen müssen. Es wird eine äußerst unrealistische Art der ‚Verbrechensbekämpfung’ gezeigt, die nicht nach Ursachen fragt und den Anschein erweckt, die gesetzlichen Vertreter seien die einzigen, die uns zu retten vermögen. Ohne nach Zusammenhängen zu fragen, ohne die Gesellschaft mitzuverantworten wird nicht selten schlicht in gut und böse eingeteilt.
7. Gegenwärtige Zeugen einer violenten Handlung sind von Passivität geprägt und tragen zu keiner Schlichtung des Konfliktes bei. In Zeiten, in denen Zivilcourage von immer größerer Notwendigkeit ist, berechtigt dies definitiv zu Kritik. Daneben eignen sich Frauen, Arme und alte Menschen scheinbar immer gut als Opfer.

(vgl. Kunczik 1994, S.40ff.)

3.2.4. Faktoren des Konsums medialer Gewalt

Dieter Spanhel führte 1985 bis 1987 Untersuchungen mit Jugendlichen hinsichtlich der Nutzung neuer Bildschirmmedien durch, wie Videofilme, Telespiele und Computer. Die Ergebnisse besagen, dass zu den am liebsten gesehenen Filmgenres Krimis bzw. Western und Spielfilme gehören. Obwohl in diesen Filmarten schon ein beträchtlicher Anteil an Gewalt zu vermuten ist, bräuchte man sich noch nicht unbedingt beunruhigen lassen.

Doch gleich nach diesen Nennungen folgen sämtliche bedenkliche Spektren wie Action-, Horror-, Science Fiction- und Pornofilme. Was die Häufigkeit des Videofilm-Konsums angeht, fällt auf, dass Schüler der Fachoberschule oder des Gymnasiums deutlich seltener Filme sehen, und vor allem weniger problematische, als Haupt-, Sonder, Real- und Berufsschüler. (vgl. Spanhel 1990, S. 121ff.)

„Gymnasiasten und Fachoberschüler finden offensichtlich andere Möglichkeiten, ihre entwicklungsbedingten Bedürfnisse, Gefühle, Triebregungen und Wünsche zu befriedigen und ihre Probleme zu bearbeiten. Sie sind daher weniger darauf angewiesen, ihre Alltagswelt mit Hilfe problematischer Videofilme „anzureichern“ und an ihr Ich anzupassen“ (Spanhel 1990, S.125). Spanhel vermutet, dass Berufsschüler, welche die egozentrische Phase des Jugendalters bereits überschritten haben, verstärkt Videofilme sehen, um sich in Scheinwelten zu flüchten. Sie scheuen die aktive Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt, weil sie sich vermutlich nicht stark genug dafür fühlen. (vgl. Spanhel 1990, S. 125)

Nach einer Befragung ihrer Motive für das Schauen von Horror- und Gewaltfilmen nannten Jugendliche am häufigsten Spannung/Nervenkitzel, gefolgt von Action, Spaß und Neugierde, aber auch Überbrückung von Langeweile, Reiz des Verbotenen oder einfach nur, weil es die anderen schauen. Für Mädchen ist ebenfalls die Spannung und der Nervenkitzel ausschlaggebend, jedoch werden sie sonst meist aus Neugierde veranlasst, solche Filme zu sehen. (vgl. Spanhel 1990, S. 126ff.)

[...]

Details

Seiten
45
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638898522
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82880
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Jugendliche Gewalt

Autor

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Titel: Jugendliche und mediale Gewalt