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Buchrezension zu Cornelia Funkes "Tintenherz"

von M.A. Melitta Töller (Autor) Nina Roloff (Autor)

Rezension / Literaturbericht 2004 3 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

„Kam, kam. Kam ein Wort, kam, kam durch die Nacht, wollte leuchten, wollte leuchten. Asche. Asche, Asche. Nacht.“

Jedem Kapitel in Cornelia Funkes neuestem Roman Tintenherz ist ein Zitat, wie dieses von Paul Celan, vorangestellt. Man findet Zitate aus unterschiedlichsten Büchern, wie Ray Bradburys Fahrenheit 451, Kenneth Grahames Der Wind in den Weiden, C. S. Lewis’ Der König von Narnia oder auch aus Die Erzählungen aus den tausendundein Nächten. Zitate, die wie Erinnerungsfunken aufblitzen und einen an die Zeit zurückdenken lassen, in der man selbst diese Bücher gelesen hat. Gleichsam Zitate, die wie Aperitife wirken, die neben der Lust auf das Weiterlesen von Tintenherz auch Appetit darauf machen, die Bücher, aus denen sie entnommen sind, sofort zu lesen. Diese sorgsam ausgesuchten Zeilen aus bekannten und weniger populären Kinderbüchern, die jeweils den Kern des folgenden Kapitels umspielen, fügen sich als Idee hervorragend in den Inhalt des Buches ein – denn das ist Tintenherz vor allem: ein Buch über das Lesen. Über das Lesen für sich alleine, für die Seele, das Herz, aber auch über das Vorlesen. Über die Phantasie, die die Romanfiguren beim Lesen von guten Büchern zum Leben erweckt, so sehr, dass sie zu guten Freunden werden können. Über die Weltflucht, die lesen bedeuten kann, aber auch die Notwendigkeit, sich in das Leben einzumischen, und verrückte, abenteuerliche Geschichten nicht nur in Büchern zu suchen. An der Tür zu Mos Werkstatt kann man lesen: „Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz.“ Die Liebe zu Büchern beschreibt sowohl Mo, den „Bücherarzt“, seine Schwägerin Elinor, die tausende Bücher in ihrer Villa sammelt, als auch seine zwölfjährige Tochter Meggie, die ihre Lieblingsbücher in einer Kiste aufbewahrt. „Meggie fand, dass dieses erste Flüstern bei jedem Buch etwas anders klang, je nachdem, ob sie schon wusste, was es ihr erzählen würde, oder nicht.“ Und so wie Cornelia Funke aus Michael Endes Die unendliche Geschichte zitiert, erinnert Tintenherz auch ein wenig daran: Dort wie hier werden die Geschichten in den Büchern lebendig, Romanfiguren zu wirklichen Personen. So wie Bastian in die Welt der Kindlichen Kaiserin eintaucht, wechseln Romanfiguren in Tintenherz aus ihrer jeweiligen Welt in die unsrige, die Welt von Meggie und ihrer Familie. Und das allein durch die Magie von Mos Stimme. Wenn Mo aus einem Buch laut vorliest, verschwindet die Realität, aus Buchstaben und Wörtern formen sich Bilder, aus den n der Bücher liest er die Romanfiguren in unsere Wirklichkeit hinein. „‚Sie kamen heraus’, sagte er. ‚Plötzlich standen sie da, in der Tür zum Flur, als wären sie von draußen hereingekommen. Es knisterte, als sie sich zu uns umdrehten – so als entfaltete jemand ein Stück Papier.’“ Für jede Figur, die aus einem Buch auftaucht, verschwinden ein Lebewesen oder ein Gegenstand aus dieser Welt. So ist auch Meggies Mutter vor neun Jahren in dem Buch „Tintenherz“ verschwunden, als Mo daraus vorlas. An ihrer statt ist der böse Capricorn erschienen. „Capricorns Männer tragen die Angst aus wie schwarze Post, sie schieben sie unter die Türen und in die Briefkästen, pinseln sie an Mauern und Stalltüren, bis sie sich ganz von selbst verbreitet, lautlos und stinkend wie die Pest.“ Die Geschichte, die Cornelia Funke erzählt, ist eine Geschichte voller Magie, immer wieder unterbrochen, verbunden und untermalt von den Zitaten am Anfang der Kapitel: „Die Straße gleitet fort und fort, weg von der Tür, wo sie begann, weit überland, von Ort zu Ort, ich folge ihr, so gut ich kann. Ihr lauf ich raschen Fußes nach, bis sie sich groß und weit verflicht mit Weg und Wagnis tausendfach. Und wohin dann? Ich weiß es nicht.“ Meggie begegnet auf der Suche nach ihrem entführten Vater, nach einem letzten Exemplar von Tintenherz und damit ihrer Mutter, nicht nur dem Autor von Tintenherz. Sie trifft auf Staubfinger, den Feuer spuckenden Gaukler, den das Heimweh nach der Geschichte plagt, aus der Mo ihn gelesen hat (ist unsere Welt denn mehr als nur eine Geschichte?), und der sich nichts sehnlicher wünscht, als diese ihm fremde Welt wieder zu verlassen. Sie lernt Tinker Bell, die Fee aus Peter Pan, Kobolde, Glasmänner und den Zinnsoldaten kennen. Es ist eine Reise in die Bücherwelten hinein und aus ihnen heraus, eine Reise, die Mut erfordert und auf der Meggie sich selber besser kennen lernt, denn auch sie kann Figuren aus Büchern in die Wirklichkeit lesen. Cornelia Funke schreibt, wie in ihren anderen Büchern auch, in einer derart bildlichen Sprache, dass man das Gefühl hat, man sähe zu, wenn Meggie Tinker Bell aus den n hervor liest, wenn Staubfinger seine Feuerkunst zeigt oder Elinor in ihrer Bibliothek umherwandert. Nachdem Meggie und ihren Freunden das erste Mal die Flucht aus Capricorns Dorf gelungen ist, mischen sich zwar streckenweise etwas langatmige Passagen in das Buch hinein, jedoch fallen diese nicht weiter ins Gewicht, weil sie von den zauberhaften Ideen und Wortbildern überspielt werden und man sich ohnehin wünscht Tintenherz würde nie aufhören den Büchern ihren Zauber zu entlocken. „Welches Kind hätte nicht gemeint, wenn es in einer lauen Sommernacht nicht einschlafen konnte, Peter Pans Segelschiff am Himmel zu sehen? Ich will dir beibringen, dieses Schiff zu sehen.“

[...]

Details

Seiten
3
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638885959
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82815
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Fachbereich Kulturwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Buchrezension Cornelia Funke Tintenherz Gegenwartsroman Buchmarkt

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