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"Wahrheit" bei Nietzsche

Grundlegende Einsichten für seine Moralphilosophie und Christentumskritik

Seminararbeit 2007 18 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wahrheit bei Nietzsche
2.1 Perspektivismus
2.2 Nietzsches Kritik an traditionellen Erkenntnistheorien
2.3 Nietzsches Wahrheitsbegriff

3 Moralkritik
3.1 Nietzsches antimoralische Position
3.2 Kleine Christentumskritik

4 Ausblick: Welche Werte will Nietzsche schaffen?

5 Verwendete Literatur

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit sollen in einem ersten Teil zentrale Aspekte des Nietzscheschen Wahrheitsbegriffes herausgearbeitet werden, um in einem zweiten Teil den Konsequenzen nachzugehen, die sich für seine Moralphilosophie respektive seine Christentumskritik daraus ergeben. Es ist mir dabei ein Anliegen, zu zeigen, auf welchen grundsätzlichen philosophischen, insbesondere antimetaphysischen Überzeugungen Nietzsches Christentumskritik fußt.

Zunächst sollen anhand einiger Fragmente aus der Genealogie der Moral[1] bzw. aus Jenseits von Gut und Böse[2] grundlegende Elemente des Nietzscheschen Perspektivismus[3] herausgearbeitet und unter Zuhilfenahme von sekundärliterarischen Texten A.C. Dantos und S.L. Sorgners beleuchtet werden. Im Anschluss daran folgt ein kurzer Abriss zur Nietzscheschen Kritik an traditionellen Erkenntnistheorien und eine abschließende Charakterisierung seines Wahrheitsbegriffs.

Im zweiten Teil wird – unter Bezug zu Tanner und Vattimo - diese insgesamt theoretische Einführung auf den Komplex der Moral angewandt. Dabei soll zunächst Nietzsches grundsätzlich antimoralische Position näher erläutert und schließlich seiner antichristlichen Wertorientierung nachgegangen werden. Ich kann hier freilich der Fülle und Vielfalt an christlichen Traditionen nicht hinlänglich Rechnung tragen. Es soll an meiner Untersuchung lediglich deutlich werden, welche zentralen Elemente Nietzsche am Christentum als ontologischen Irrtum kritisiert.

Abschließend wird in einem Ausblick, in dem ich Maras[4] zu Hilfe nehme, die Frage angerissen werden, welche Werte Nietzsche alternativ schaffen will – fürchtet er doch nichts mehr als den von ihm prophezeiten Nihilismus.

Methodisch orientiere ich mich an der Philologie, indem ich versuche, so nah als möglich an den Nietzscheschen Primärquellen zu bleiben.

2 Wahrheit bei Nietzsche

2.1 Perspektivismus

Eine zum Verständnis der Philosophie Nietzsches grundlegende Einsicht ist der Perspektivismus. Diese Theorie geht davon aus, dass es keine privilegierte Sichtweise auf die Welt gibt, sondern alle Perspektiven, aus denen interpretiert wird, nebeneinander koexistieren. Da jeder Mensch aus seiner Warte interpretierend zu einem bestimmten Abbild der Realität gelangt, das seinerseits nie deckungsgleich mit dem eines anderen Menschen ist, wird die spätestens seit Kant in der Philosophie immer wieder präsente Frage nach dem „Ding an sich“ – und das ist eine interessante und diskussionswürdige Nebenwirkung dieses Theorems - hinfällig: „Es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen.“[5]

Die einzelnen Perspektiven ergeben sich Nietzsche zufolge aus dem Erkenntnisinteresse, das seinerseits immer von einem Willen geleitet ist und eo ipso nur perspektivisch sein kann. Hier korrelieren, das verdeutlicht Stefan L. Sorgner, Perspektivismus und Wille zur Macht, eine der großen Nietzscheschen Problemstellungen, die auch dem berühmten Werk seinen Titel geben: von den unzähligen Machtzentren, die existieren, so lautet die These, organisieren sich bestimmte Perspektiven auf die Welt. Jedes Machtzentrum, jeder Körper also, ist dabei bestrebt, seinen Einflussbereich zu vergrößern und seinen Willen zur Macht zu expandieren.[6] Dieses sei hier jedoch nur am Rande erwähnt. Viel zentraler ist zunächst eine Charakterisierung des Perspektivismus von Nietzsche selbst: „Hüten wir uns nämlich, meine Herrn Philosophen“, so schreibt er in der Genealogie der Moral,

„[…] von nun an besser vor der gefährlichen alten Begriffs-Fabelei, welche ein […] reines, willenloses, schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntnis angesetzt hat […] hier wird immer nur ein Auge zu denken verlangt, das gar nicht gedacht werden kann, ein Auge, das durchaus keine Richtung haben soll, bei dem die aktiven und interpretirenden Kräfte unterbunden sein sollen, fehlen sollen, durch die doch sehen erst Etwas-Sehen wird […], es gibt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches ‚Erkennen‘ […] je mehr Augen, verschiedne Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, umso vollständiger wird unser ‚Begriff‘ dieser Sache, unsre ‚Objektivität‘ sein.“[7]

Mit „Augen“ – das soll dem Verständnis halber hier ergänzt werden - scheint Nietzsche nichts anderes als spezifische Perspektiven zu meinen.[8]

Es wird deutlich: Nietzsche geht es offensichtlich nicht wie Kant darum, zum Wesenskern der Dinge vorzudringen – über die Existenz eines Dings an sich, so weiß er, kann er nichts aussagen – es geht ihm um einen anderen, für seine Philosophie existentiellen Gedanken: er will den Wert von Wahrheit[9] in Frage stellen. Provokant formuliert er: „Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewissheit? Selbst Unwissenheit? […][10]

Mit dieser gleichsam epistemologischen Überlegung der von einer Perspektive abhängigen, nicht autonom existierenden Erkenntnis oder Erkenntnismöglichkeit führt er en passant einen neuen Objektivitätsbegriff ein, nach dem Objektivität nicht „interesselose Anschauung“ – das wäre eine klassische philosophische Definition -, sondern das Vermögen ist,

„[…] sein Für und Wider in der Gewalt zu haben und aus- und einzuhängen: so dass man sich gerade die Verschiedenheit der Perspektiven und Affekt-Interpretationen für die Erkenntnis nutzbar zu machen weiß.“[11]

Vor dem Hintergrund dieser radikalen erkenntnistheoretischen Skepsis und dem allgegenwärtigen Zweifel an der Möglichkeit einer objektiven Seinsform entfaltet sich Nietzsches Kritik an traditionellen Erkenntnistheorien, auf die im Folgenden kurz eingegangen werden muss.

2.2 Nietzsches Kritik an traditionellen Erkenntnistheorien

Wie zu erwarten ist, unterzieht Nietzsche die traditionellen Erkenntnistheorien einer grundlegenden Kritik. Sie, das ist der fundamentale Vorwurf, könnten nicht den Anspruch haben, mit bestimmten wissenschaftlichen Methoden Erkenntnisse erzielen zu können. Am Beispiel einer Kritik des Empirismus und des Rationalismus soll dieses verdeutlicht werden. Schließlich werde ich kurz auf einen wesentlichen Kritikpunkt gegenüber der metaphysischen Ontologie hinweisen.

Der Empirismus erliegt zunächst dem Irrtum, es gebe Fakten. Nach Nietzsche existieren nur Interpretationen. Selbst in jeder Sinneswahrnehmung, die das Fundament unserer denkerischen und erkennenden Existenz bildet, und die Nietzsche keineswegs negiert, ist bereits eine Interpretation enthalten. Alles ist subjektiv und also perspektivisch. Die „eine“, kohärente und logische Bedeutung hinter der Welt ist ein vom Menschen konstruiertes Ordnungsprinzip und damit bloße Illusion.[12] Zu behaupten, Nietzsche sei ein glühender Anti – Empiriker wäre jedoch vermessen. Wie jede andere Philosophie – das ist Nietzsche klar - ist auch seine auf Sinneswahrnehmungen angewiesen.

Was den Rationalismus betrifft, so schlägt Nietzsche diesen mit seinen eigenen Waffen. Die Unfähigkeit, so führt er aus, die Kategorien „Logik“ und „Vernunft“ zu bestreiten, drücke nur unsere Unfähigkeit aus. Diese Kategorien seien stabilisierende und lebensnotwendige Grundlage unseres Denkens und dienten zur Orientierung, d.h. sie erfüllten einen Zweck. Nur könne das – hier sieht Nietzsche den Irrtum - kein Kriterium für Wahrheit sein.[13] Noch deutlicher wird er, wenn er sich mit Kant befasst: dessen Frage, warum synthetische Urteile a priori möglich seien, müsse, so Nietzsche, durch die Frage, warum der Glaube an solche Urteile nötig ist, ersetzt werden.[14] Dennoch ist Nietzsche auch kein grundsätzlicher Anti – Rationalist: er widerspricht der Vernunft nur genau dann, wenn sie sich gegen das Leben, Nietzsches höchste Instanz, in die er unerschütterliches Vertrauen beweist, wendet.

Der Metaphysik schließlich wirft Nietzsche die grundsätzliche Fehlannahme vor, an die Gegensätze der Werte zu glauben. Er schreibt:

„Es wäre sogar noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegen gesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! – Aber wer ist willens, sich um solche gefährlichen Vielleichts zu kümmern! Man muss schon die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen abwarten […] Philosophen des gefährlichen Vielleichts in jedem Verstande.“[15]

Hier zeigt sich in einem Vorgriff, wie sich Nietzsche einer Kritik der Moral nähert und mit welcher Radikalität er den Errungenschaften der abendländischen Philosophie trotzt. Doch zunächst soll abschließend zu diesem Kapitel eine kurze Charakterisierung seines Wahrheitsbegriffs folgen.

2.3 Nietzsches Wahrheitsbegriff

„Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urtheil; darin klingt unsere neue Sprache vielleicht am fremdesten […] und wir sind grundsätzlich geneigt, zu behaupten, dass die falschesten Urtheile […] uns die unentbehrlichsten sind, […] dass Verzichtleisten auf falsche Urtheile ein Verzicht auf Leben, eine Verneinung des Lebens wäre. Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn: das heisst freilich auf eine gefährliche Art, den gewohnten Werthgefühlen Widerstand leisten.“[16]

[...]


[1] F. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, in: KSA 5, München u.a. 1980. Alle weiteren Zitate und Quellenverweise aus diesem Werk beziehen sich auf diese Ausgabe.

[2] F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, in: KSA 5, München u.a. 1980. Alle weitere Zitate und Quellenverweise aus diesem Werk beziehen sich auf diese Ausgabe.

[3] Fremdworte, die im Nietzsche – Diskurs eine besondere Rolle spielen oder geläufig sind, werden im Folgenden kursiv vom laufenden Text abgesetzt.

[4] K. Maras, Vernunft- und Metaphysikkritik bei Adorno und Nietzsche. Univ. Diss., Tübingen, 2002.

[5] A.C. Danto, Nietzsche as Philosopher [1965], New York 1980, S. 58.

[6] S.L. Sorgner, Metaphysics without Truth, München 1999, S. 72f.

[7] F. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, S. 365.

[8] S.L. Sorgner, 1999, S. 82.

[9] F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, S. 15ff.

[10] Ebd.

[11] F. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, S. 364.

[12] S.L. Sorgner, 1999, S. 74f.

[13] Ebd.: S. 76.

[14] Ebd.

[15] F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, S. 17.

[16] F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, S. 18.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638898294
ISBN (Buch)
9783638904704
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82747
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Religions- und Missionswissenschaft
Note
Schlagworte
Wahrheit Nietzsche Nietzsches Christentumskritik

Autor

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