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Die Verdrängung der ursprünglichen Führungskräfte der Kommunistischen Partei Deutschlands (1919-1929)

Hausarbeit 2005 24 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung:

I. Politik und Funktionsträger 1919 –1923
1. Paul Levi als Nachlassverwalter Rosa Luxemburgs
2. Die Ära Brandler/Meyer
- a) Die „März-Aktion“ und ihre Folgen
- b) Krisenjahr 1923

II. Die Stalinisierung der Partei 1924 – 1929
1. Fluktuation in Führungskader und Mitgliedschaft
2. Weimarer Schaltjahre 1928/29
- a) Rechtsruck in der bürgerlichen Parteienlandschaft
- b) Der linke Kurs der KPD

III. Zwei kommunistische Organisationsversuche (1929-1935)
1. Die Kommunistische Partei Opposition (KPO)
2. Die Org (Leninistische Organisation) -Neu Beginnen

Schluss

Quellen und Literatur

Einleitung:

Anlass für die Themenwahl boten einzelne Biographien von Gründungs-Mitgliedern der kommunistischen Parteien Deutschlands und Österreichs und ihre Konflikte mit dem „real existierenden Kommunismus“ (Stalinisierung), die sie spätestens 1928/29 vor die Alternative stellten: Austritt bzw. Ausschluss aus der Partei oder eine sozusagen still geduldete Mitgliedschaft, bei der sich die Betroffenen nicht öffentlich exponierten.

Durch die oftmals ideologischen, den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen enthobenen Ansätze der kommunistischen Organisationskonzepte konnte die KPD als radikale Oppositionspartei kaum direkten Einfluss auf die deutsche Politik nehmen. Stattdessen wurde sie nach 1925 in zunehmendem Maße durch die Vorgaben des russischen Zentralkomitees gelenkt, das die deutschen Verhältnisse primär aus dem Blickwinkel der eigenen Interessen beurteilte.

Mit dem ultralinken Kurs der KPD nach 1928 ging die Ausschaltung jenes Personenkreises einher, der für Partei- oder Organisationsgründungen (KPO; Org) außerhalb der Mutterpartei bedeutsam werden sollte. Zeitgleich lässt sich ein Rechtsruck im Weimarer Parteiensystem beobachten, der sowohl im Austausch einzelner Parteiführer (DNVP,DVP), als auch im fulminanten Aufstieg der NSDAP seinen Ausdruck fand.

Trotz umfangreicher und zum Teil vorzüglicher Untersuchungen (Flechtheim, Weber, Tjaden, Kliem, Foitzik, Bahne u.a.) kann die Thematik keinesfalls als ´ausgeschrieben angesehen werden, da die sich langsam öffnenden russischen Archive ob ihres Umfanges nur Schritt für Schritt eine Auswertung erfahren (s. die im Jahre 2003 erstveröffentlichten Dokumente zum „Thälmann-Skandal“).

Allerdings sind die groben Linien der Zwischenkriegszeit in Bezug auf die parteimäßige Formierung des deutschen Kommunismus nach meiner Ansicht bereits soweit ausgearbeitet, daß der Quellenforschung in allgemeiner Fragestellung keine übergeordnete Bedeutung zukommt. Dieser These hoffe ich durch meinen Ansatz, einer politisch-soziologischen Struktur durch ca. ein Dutzend mehr (Thälmann) oder weniger bekannter (Karl B. Frank) Biographien ihren geschichtlichen Raum zu eröffnen, einige Plausibilität zu verleihen.

I. Politik und Funktionsträger 1919 –1923

1. Paul Levi als Nachlassverwalter Rosa Luxemburgs

Mit dem eindeutigen Beschluss (ca 400 zu 50 Stimmen[1] ) der Reichskonferenz der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands (16.-21.Dezember 1918), im Januar 1919 die Wahlen zur Nationalversammlung durchzuführen, waren die Weichen unweigerlich in Richtung einer parlamentarischen Demokratie gestellt.

In der Nacht zum 29. Dezember 1918 gaben die drei USPD -Volksbeauftragten ihre folgenschwere Entscheidung bekannt, aus dem sechsköpfigen Rat - und damit aus der Regierung – zurückzutreten, für die die SPD nunmehr allein verantwortlich zeichnete. Nach diesem Verzicht auf den direkten Zugriff zur politischen Macht wurde ns der radikalen Linken die aussichtslose Hoffnung genährt, die Machtfrage – entgegen dem Beschluss der Rätekonferenz - doch noch auf außerparlamentarischem Weg zur Entscheidung zu bringen.

Der Gründungsparteitag der KPD (30.12-1.1.1919) war von den Mitgliedern des von Rosa Luxemburg (1871-1919) angeführten Spartakusbundes und den Bremer Linksradikalen dominiert. Eine folgenreiche Schwächung lag in der kurzfristigen Absage der Revolutionären Obleute, sich an der Gründung zu beteiligen. Sie hatten eine Parität in den Parteigremien gefordert und sich gegen die Straßentaktik von Karl Liebknecht (1871-1919) verwehrt.[2]

Einheit bestand bei den Delegierten im gemeinsamen Ziel: die Machtübernahme der Arbeiterklasse durch die Revolution. Dafür schien die Russische Revolution von 1917 ein nachahmenswertes Erfolgsmodell darzustellen, obwohl die dortige Bevölkerung wegen der unterentwickelten Industrialisierung in ihrer überwiegenden Mehrheit aus Bauern bestand.

Der Weg zur Revolution war auf dem Gründungsparteitag der KPD in folgenden Punkten umstritten:

- Namensgebung
- Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung
- Mitarbeit in den bestehenden Gewerkschaften

Der Parteitag war geprägt von einer revolutionären Stimmung, die sich schon in der Namensgebung der Partei auf die russischen Verhältnisse fixierte. Entsprechend wurde Rosa Luxemburgs Vorschlag („Sozialistische Partei Deutschlands“), die der Gründung ohnehin sehr skeptisch gegenüberstand, mehrheitlich abgelehnt. Auch die weiteren Vorschläge der Spartakus-Zentrale, an den Wahlen zur Nationalversammlung teilzunehmen und sich in den bestehenden Gewerkschaften zu engagieren, wurde von den 62 Gründungsmitgliedern verworfen.

Genau zwei Wochen nach dem Gründungsparteitag hatte die revolutionäre Linke nach einem einwöchigem Aufstandsversuch (5.-12. Januar) eine verheerende Niederlage erlitten und war mit der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht am 15. Januar 1919 ihrer wortgewaltigsten Führer beraubt. Zwei Monate später wurde mit Leo Jogiches (1867-1915) auch noch jene Person „auf der Flucht erschossen“, die im zurückliegenden Jahr die konspirativen Aktivitäten zur Vorbereitung der Revolution koordiniert und angeleitet hatte.

Auf Grund des Verfolgungsdruckes auf die KPD, die mit kurzen Unterbrechungen bis April 1920 illegal blieb,[3] hatten sich in jenen Monaten viele führende Mitglieder nach München zurückgezogen, wo noch bis zum 1. Mai 1919 die Räterepublik Bestand hatte.

Die bürgerkriegsähnlichen Zuständen nach vier langen Kriegsjahren – allein die Märzkämpfe in Berlin forderten über eintausend Menschenleben – und die parteiinternen Streitereien (nationalbolschewistische, anarchistische und putschistische Strömungen) bewogen viele Mitglieder zum Parteiaustritt, so daß von den Leitungsfunktionen bis in die Jugendgruppen viele Neubesetzungen nötig wurden.[4]

Auf dem zweiten Parteitag im Oktober 1919 verlangte Paul Levi (1883-1930), der die Partei nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht leitete, daß auf kein politisches Mittel verzichtet werden dürfe. In seiner Forderung, die besonders die Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung und die Mitarbeit in den bestehenden Gewerkschaften betraf, wurde er von den Zentrale-Mitgliedern August Thalheimer (1884-1948) und Heinrich Brandler (1881-1967) unterstützt.[5] Im Anschluss des Parteitages trat etwa die Hälfte der rund 107.000 Mitglieder aus der KPD aus.[6] Der Großteil hing dem abstrakt-utopischen Ideal der Arbeiterräte an und schloss sich der im April 1920 gegründeten Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) an.

Bei den Reichstagswahlen im Juni 1920 war die erstmals angetretene KPD mit ihren 2,1% der Stimmen nicht mehr als eine Splitterpartei. Insgesamt verlor der Block der linken Parteien gegenüber der Wahl zur Nationalversammlung vom Januar 1919 weniger als 4% (von 45,5 auf 41,7%), während sich bei den Stimmanteilen der einzelnen Parteien zum Teil frappierende Schwankungen feststellen ließen. Diese für die Weimarer Republik typische Stabilität des Wahlverhaltens auf der Ebene der sozialstrukturell und konfessionell bestimmten Parteiblöcke gegenüber drastischen Veränderungen bei den Einzelparteien bedeutete für die SPD einen Verlust von mehr als 16% (von 37,9 auf 21,7%), während die USPD (von 7,6 auf 17,9%) mehr als 10% dazugewann.[7]

Auf dem II. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) im Sommer 1920 nahmen die 218 Delegierten (aus 37 Ländern) einschließlich der Vertreter der USPD die von Lenin ausgearbeiteten 21 Bedingungen an, nach denen in jedem Land nur eine kommunistische Partei existieren dürfe.[8] Die anschließende Spaltung der italienischen sozialistischen Partei durch die Komintern, die den Parteiführer Serrati ausschloss und eine Minderheit als KP aufnahm, wurde von Levi offen kritisiert.[9] Auch die Einladung einer Delegation der KAPD zum Weltkongress musste von Levi als Provokation empfunden werden und offenbarte einen weiteren prinzipiellen Konflikt zwischen ihm und der Komintern.

Kurz nach Ende des Kongresses rief Lenin drei deutsche Delegierte zu sich; nämlich Paul Levi, dessen Zentrale-Kollegen Ernst Meyer (1887-1930) und Walter Löwenheim (1896-1977), der als Vertreter des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands (KJVD) in Moskau weilte.[10] Lenin erhoffte sich von seinen Besuchern eine Einschätzung über die von ihm erhoffte Erhebung der Bevölkerung in Ostpreußen, das die Rote Armee als alternatives Ziel ihres zum Stillstand gekommenen Vormarsches auf Warschau auserkoren hatte. Sowohl der aus Ostpreußen stammende Meyer als auch Levi machten dem aufgebrachten Lenin keinerlei Hoffnung.[11] Nicht nur in diesem Punkt sollten sich die Einschätzungen der deutschen Parteiführer bestätigen.[12]

Durch die Vereinigung mit der linken USPD im Dezember 1920 stieg die Mitgliederzahl der KPD von bisher siebzig- auf dreihundertsiebzigtausend.[13] Nunmehr zur Massenpartei angewachsen, erreichte die KPD ihren höchsten Mitgliederstand während der Weimarer Republik.

Während Levi die Vereinigung nur als ersten Schritt auf dem Weg zu einer künftigen Arbeitermacht sah, wurde in der Komintern bereits der Anbruch einer revolutionären Situation in Deutschland konstatiert. Durch die Aufnahme der KAPD in die Kommunistische Internationale wurde der schwelende Konflikt mit Levi zum Bruch getrieben.

Karl Radek (1885-1939), der Sekretär der im März 1919 neu gegründeten III. Internationale,[14] hatte seinen Vertrauten schon beizeiten empfohlen, „ bei allen Bezirkskonferenzen Umschau zu halten nach tüchtigen Proleten..., die auf dem nächsten Parteitag an Stelle dieses oder jenes rechtsgerichteten Genossen in die Leitung der Partei, Bezirke, Redaktionen hinein kommen können.“[15]

Im Februar 1921 verließen die beiden Parteiführer Paul Levi und Ernst Däumig die Zentrale, wobei sie von Clara Zetkin (1857-1933), Adolph Hoffmann(1858-1930) und Otto Braß (1875-1950), allesamt Identifikationsfiguren der linken Arbeiterbewegung, begleitet wurden. Gerade Däumig und Hoffmann, letzterer einer der Mitbegründer der USPD, hatten wenige Monate zuvor entscheidenden Einfluss auf die Spaltung der Partei und ihren Anschluss an die Komintern gehabt.[16]

2. Die Ära Brandler/Meyer

a) Die „März-Aktion“ und ihre Folgen

Im mitteldeutschen Bezirk Halle-Merseburg, in dem die KPD von 1920-1932 die stärkste Partei war, sank deren Mitgliedschaft nach einem von der Zentrale veranlassten Aufstandsversuch im März 1921 von 66.000 (1921) auf gut 23.000 (1922).[17]

Nach Levis offener Kritik an der „Märzaktion“ wurde er auch aus der Partei ausgeschlossen und seine Anhänger bis hinunter zur lokalen Ebene aus ihren Funktionen und an den Rand gedrängt.[18]

Levis Versuch, die Partei auf eine antiputschistische Linie zu verpflichten, war besonders von Karl Radek und Paul Frölich (1884-1953) angegriffen worden. Beide, ursprünglich profilierte Redakteure der Sozialdemokratie (u.a. 1914 gemeinsam bei der „Bremer Bürgerzeitung“,[19] traten seit der Gründung als einflussreiche Wortführer der Partei hervor, deren Maß an Selbstkritik sich zumeist an den Moskauer Vorgaben orientierte. Insofern schlug ihr gegen Levi erhobener Vorwurf des Opportunismus auf seine Urheber zurück.

Radek, ehemaliger Gefolgsmann Rosa Luxemburgs, die ihn bereits vor dem Weltkrieg zu ihrem Intimfeind erkoren hatte,[20] war Lenins Mann in Deutschland. Mit den neuen Vorsitzenden Heinrich Brandler und Walter Stoecker, sowie den Sekretären der Zentrale, Ernst Meyer, Paul Böttcher und Paul Frölich wusste Radek nun fast die ganze engere Parteiführung hinter sich, und damit auf (Lenins) Kurs.[21] Bis auf Stöcker hatten alle den von Radek zitierten Brief empfangen.[22] Der ebenfalls in das Sekretariat berufene Jakob Walcher(1887-1970)[23] hatte vor seiner Wahl zusammen mit Heinrich Brandler der Gewerkschaftszentrale der Partei angehört.

Die menschlich fragwürdige und politisch kurzsichtige Interpretation der März-Aktion durch die Zentrale kam in einem Brief Thalheimers vom 14. April 1921 an Karl Radek deutlich zum Ausdruck. Nach Thalheimers Meinung hätte der von der KPD-Zentrale provozierte Aufstand „auf die Partei wie ein Stahlbad gewirkt. Alles Versumpfte ist entweder aufgescheucht oder weggescheucht worden.“[24] Auf- und weggescheucht wurden:

Bis zur Mitte des Jahres 1921 ca. die Hälfte der Parteimitglieder, deren Anzahl sich innerhalb von sechs Monaten auf 180 443 Mitglieder reduziert hatte.[25]

Ein Großteil ging den Weg über die von Levi und Däumig gegründete Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft (KAG) zur USPD und im Herbst 1922 zurück in die SPD. Durch die Vereinigung der (Rest)USPD mit der SPD im September 1921 erlangte die Weimarer Koalition (SPD, Zentrum, DDP) der Regierung Wirth im Reichstag wieder eine Mehrheit.

Brandler war wegen seiner Beteiligung an der „Märzaktion“ im Juni 1921 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt worden. Kurz darauf gelang es ihm, aus der Haft nach Russland zu fliehen. Obwohl er seine Funktionen erst nach seiner Rückkehr im August 1922, die durch die Amnestie nach der Ermordung Walther Rathenaus ermöglicht wurde, wieder voll ausfüllen konnte, war der Einfluss der Brandler/Thalheimer Gruppe in der Partei maßgeblich.[26]

Neben der Brandler-Gruppe konnte sich nach dem Ausschluss der sogenannten Rechten um Levi innerhalb der KPD, wie sie sich seit dem 2. Parteitag im August 1921 wieder nannte (vorher VKPD – Vereinigte Kommunistische Partei), eine Gruppierung etablieren, die mit ihrer Offensivtheorie der Märzaktion weiterhin kritiklos gegenüberstand.

Dieser linke Flügel stand unter dem Einfluss von Arkady Maslow (1891-1941), Ruth Fischer (1895-1961) und Ernst Thälmann (1886-1944), der die Hamburger Parteiorganisation repräsentierte.

Maslow, Ende 1920 als „Vertreter der russischen Sektion“ (Kriegsgefangene) in den Zentralausschuss der KPD gewählt, leitete ab 1921 mit Ruth Fischer die radikale Berliner Parteiorganisation, die mitgliederstärkste und einflussreichste im ganzen Reich. Ruth Fischer, Schwester des Komponisten Hanns Eisler und Mitbegründerin der KP Österreichs (3. Nov. 1918), siedelte Anfang 1919 nach Berlin über.[27] Zusammen mit Paul Levi gelang es ihr, Arkady Maslow, mit dem sie zeitlebens eng liiert sein sollte, für den Kommunismus zu gewinnen. Ab 1920 war sie Mitarbeiterin des von Thalheimer geleiteten theoretischen Organs der KPD „Die Internationale“.[28] Im Jahr 1921 wurde sie auf dem Vereinigungsparteitag der bisher selbständigen Parteibezirke Groß-Berlin und Brandenburg in das neue Sekretariat gewählt. Auf Antrag des ebenfalls berufenen Ernst Reuter (Deckname „Friesland) (1889-1953) und Maslows wurde der bisherige Brandenburger Sekretär Karl Gröhl (Deckname „Retzlaw“) (1896-?) als „Levit abgewählt“.[29]

Verstärkt wurde diese Gruppe durch einen Mitstreiter Ruth Fischers aus Wiener Zeiten, der Ende 1920 nach Berlin übergesiedelt war: Karl Borromäus Frank (1893-1969). Noch 1920 trat er der KPD bei und wurde beim Vereinigungsparteitag der VKPD zum hauptberuflichen Mitarbeiter der „Internationale“ bestimmt. In seiner Schrift „ Der Fall Levi in der Dritten Internationale“ (Wien, Verlag der Arbeiter-Buchhandlung 1921) rechtfertigte er die sogenannte März-Aktion.[30]

Das traf anfänglich auch auf den KPD-Generalsekretär Ernst Reuter zu, der auf einer Funktionärskonferenz am 7. April 1921 von einer Pflicht zur Aktion sprach und gleichzeitig jegliche Provokation des Aufstandes allein den KAPD – Mitgliedern anlastete.[31] Nach der Veröffentlichung von Materialien aus dem Besitz des preußischen Staatskommisariats für öffentliche Ordnung durch den sozialdemokratischen „Vorwärts“ am 25. November 1921, die die putschistische Haltung von Mitgliedern der KPD-Zentrale während des Aufstandes belegten, ließ sich diese Position nicht mehr glaubhaft verfechten.

Daraufhin forderte Reuter die Absetzung des besonders schwer belasteten Zentrale Mitglieds Hugo Eberlein (1887-1944), der zur Eskalation des Aufstandes die abenteuerlichsten Sprengstoffanschläge erwogen haben soll.[32] In einem Aufruf und einer Broschüre vom Dezember 1921 forderte Reuter weiterhin die Unabhängigkeit – auch finanziell - der KPD von der Moskauer Führung. Neben Braß, Däumig und Hoffmann[33] stellten sich viele einflussreiche linke Gewerkschaftler, darunter die ehemaligen Führer der Revolutionären Obleute, Richard Müller (1880-?) und Paul Scholze, hinter Ernst Reuter, der eine Wiedervereinigung mit Levis Kommunistischer Arbeitsgemeinschaft (KAG) verlangte.

Statt auf die berechtigten Forderungen der Oppositionellen einzugehen, wurden diese im Februar 1922 vom Zentral-Ausschuss aus der Partei ausgeschlossen.[34] Müller, der in den folgenden zwei Jahren eine beachtliche dreibändige Chronik zur „Geschichte der deutschen Revolution“ verfasste, Reuter und mit ihnen viele enttäuschte Parteimitglieder schlossen sich daraufhin der KAG an, die 1922 mit der USPD verschmolz. Die mit Reuters Ausscheiden aus der KPD verschwundene Position des Generalsekretärs, die extra für ihn geschaffen worden war, wurde in Russland erst 1922 eingeführt. Dort sollte der Amtsinhaber Stalin (1879-1953) sie allerdings innerhalb weniger Jahre für einen Aufstieg nutzen, dessen Machtfülle und –dauer in den kommenden drei Jahrzehnten unerreicht blieb.

[...]


[1] Revolution und Fotografie. Berlin 1918/19. Eine Ausstellung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK).Verlag Dirk Nishen. Berlin 1989, S.100

[2] ebd., S.103/4

[3] Beradt, Charlotte: Paul Levi. Ein demokratischer Sozialist in der Weimarer Republik.

Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1969, S.30

[4] Retzlaw, Karl: Spartacus - Aufstieg und Niedergang. Verlag Neue Kritik, Frankfurt 1971, S.166

[5] Brandler war nach der Ermordung Jogiches in die Zentrale kooptiert worden; vgl. Tjaden II, S.78

[6] Tjaden, K.H.: Struktur und Funktion der „KPD-Opposition“ (KPO)“ (2 Bände). Anton Hain KG, Meisenheim/ Glan 1964, S.85/86

[7] Falter, Jürgen W.: Wahlen und Wählerverhalten unter besonderer Berücksichtigung des Aufstiegs der NSDAP nach 1928, in Die Weimarer Republik 1918-1933. Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1987, S.486

[8] Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (2 Bände). Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a.M. 1969, I, S. 31

[9] Beradt, S.46 ff

[10] Kliem, Kurt: „Der sozialistische Widerstand gegen das Dritte Reich“ dargestellt an der Gruppe „Neu Beginnen“, Inaugural-Dissertation, Marburg 1957, S.5

[11] Buber-Neumann, Margarete: Plädoyer für Freiheit und Menschlichkeit. Edition Hentrich, Berlin 1999, S.67

[12] Retzlaw, S.192/93. Während in der Komintern von einem zukünftigen Konflikt England -USA ausgegangen wurde, sah Levi Japan und die USA in Konfrontationsstellung. Auf einer der periodischen Sekretär – Schulungskonferenzen durch Mitglieder der Zentrale stellte er „die These auf, daß Japan sehr wahrscheinlich zu einem günstigen Zeitpunkt Pearl Harbor angreifen und versuchen werde, die USA aus dem mittleren pazifischen Ozean zu verdrängen.“

[13] Weber I, S.40

[14] die II. Internationale war im Ersten Weltkrieg auseinandergebrochen

[15] Scharrer, Manfred: Die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung. edition cordeliers, Stuttgart 1985, S. 276

[16] ebd., S.297

[17] Weber I, S. 370

[18] Retzlaw, S.190 ff

[19] Weber II, S.127

[20] Ettinger, Elzbieta: Rosa Luxemburg. Ein Leben. Dietz Verlag (Nachf.), Bonn 1990, S.215 ff

[21] Scharrer, S.279

[22] ebd., S.343

[23] Tjaden I, S.14

[24] Scharrer, S.295

[25] ebd., S.298

[26] Tjaden I, S.16

[27] Biographisches Lexikon. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Dietz Verlag, Berlin 1970, S.131

[28] Weber II, S.118; die „Internationale“ war 1915 von Rosa Luxemburg und Franz Mehring gegründet worden

[29] Retzlaw, S.190

[30] Müller, Reinhard: Karl B. Frank alias Paul Hagen (1893-1969), in: Newsletter, Nr. 12. Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich, Graz Nov. 1995, S.12

[31] Scharrer, S.290

[32] ebd. S.287

[33] Flechtheim, Ossip: Die KPD in der Weimarer Republik, Bollwerk-Verlag, Offenbach 1948, S.76

[34] Weber I, S.42

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638906388
ISBN (Buch)
9783638906470
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82734
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Schlagworte
Verdrängung Führungskräfte Kommunistischen Partei Deutschlands

Autor

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Titel: Die Verdrängung der ursprünglichen Führungskräfte der Kommunistischen Partei Deutschlands (1919-1929)