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Nationalismuskritik bei Adorno und Horkheimer

Kurzfassung einer Bachelor-Arbeit an der FernUniversität Hagen

Wissenschaftlicher Aufsatz 2005 27 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung: Nationalismuskritik bei ADORNO und HORKHEIMER

1 Die Untergliederung der Nationalismuskritik bei ADORNO und HORKHEIMER in Hauptargumentationslinien

2 Die Analyse der Hauptargumentationslinien der Nationalismuskritik bei ADORNO und HORKHEIMER
2.1 Nationalismus als gegenaufklärerische Strömung
2.2 Nationalismus als funktionaler Bestandteil des kapitalistischen Produktionssystems
2.3 Nationalismus als Ausdruck einer (pathologischen) psychischen Verfassung
2.4 Nationalismus als Surrogat für Religion
2.5 Synthese der Hauptargumentationslinien der Nationalismuskritik bei ADORNO und HORKHEIMER

3 Von der Möglichkeit der Aufhebung des Nationalismus

Vorbemerkung: Nationalismuskritik bei ADORNO und HORKHEIMER

Kritik am Nationalismus zieht sich wie ein roter Faden durch die Werke von ADORNO und HORKHEIMER. Problematisch erscheint dabei, dass Kritik am Nationalismus zwar fast in jedem der Werke von ADORNO und HORKHEIMER zu finden ist, jedoch eine eigenständige Untersuchung, die sich ausschließlich mit einer Kritik am Nationalismus befasst, fehlt. Die Kritik wird zwar oft nur in Nebensätzen oder kurzen Polemiken angedeutet, gleichwohl ist der Verfasser der Auffassung, dass in den Schriften von ADORNO und HORKHEIMER eine systematische Analyse des Phänomens Nationalismus zu finden ist. Die These lautet also, dass ADORNO und HORKHEIMER sehr wohl eine differenzierte Vorstellung davon gehabt haben, unter welchen Aspekten Nationalismus in seiner Komplexität zu erfassen ist, diese aber nicht in einer gesonderten Untersuchung zu Papier brachten. Diese Untersuchung ist die Kurzfassung einer B. A. – Abschlussarbeit.

1 Die Untergliederung der Nationalismuskritik bei ADORNO und HORKHEIMER in Hauptargumentationslinien

In den folgenden Abschnitten wird die in den unterschiedlichsten Werken ADORNOS und HORKHEIMERS verstreute Nationalismuskritik wesentlich auf vier Hauptargu­mentationslinien zurückgeführt. Kritik am Nationalismus ist bei ADORNO und HORKHEIMER nicht zwangsläufig (wie im alltäglichen Gebrauch von „Kritik“) als ausschließlich negative Beurteilung zu sehen, sondern im ursprünglichen Gebrauch als „unterscheiden“, „urteilen“ oder „beurteilen“, wie er beispielsweise bei KANT in der „Kritik der reinen Vernunft“ zum Tragen kommt und sich dort auf die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis bezieht. Da ADORNO und HORKHEIMER sich den Gedanken der Aufklärung verpflichtet fühlten, ist dies nicht die einzige Gemeinsamkeit mit KANT. Dies zeigt sich in einer ersten Deutungsart von Nationalismus als geschichtliche und philosophische Strömung, die gegen die Aufklärung gerichtet ist.

Nationalismus richtet sich als vereinigendes Prinzip gegen die vermeintlich zersetzende Aufklärung und ist im Wesentlichen eine antimoderne Strömung. Dass das Ganze das Wahre sei (Hegel), wird bei ADORNO umgedreht zu „das Ganze ist das Unwahre“[1]. Es geht ADORNO und HORKHEIMER nicht darum, eine möglichst harmonische (und das heißt letztendlich: konfliktfreie) Beschreibung und Erklärung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu leisten, sondern es sollen die Widersprüche und Paradoxien, die der modernen Gesellschaft innewohnen, aufgezeigt werden. Als „das Ganze“ kann hier das völkische Kollektiv und seine nationalistische Begründung gesehen werden. Dies ist die erste der wesentlichen Argumentationslinien.

Eine weitere Argumentationslinie, die durchaus mit der ersten in Verbindung gedacht werden kann, ergibt sich aus dem Entstehen des Nationalismus als Nebenprodukt der industriellen Entwicklung, also der Umstellung der gesellschaftlichen Produktionsprozesse und deren Auswirkungen. Die Wichtigkeit des Nationalismus im gesellschaftlichen Produktionsprozess ist dabei so erklärbar, dass diejenigen, die durch den Kapitalismus auf subtile Weise beherrscht werden, durch den Nationalismus von ihrer Unterdrückung abgelenkt werden sollen. Nationalismus nimmt also eine bestimmte Funktion im kapitalistischen Produktionsprozess ein.

Die dritte Sichtweise, unter der ADORNO und HORKHEIMER den Nationalismus analysieren, ist eine psychoanalytische. Rekurrierend auf FREUD wird den Verfechtern und Anhängern des Nationalismus eine bestimmte Art von Charakter unterstellt, der sie ihre eigenen Interessen vergessen lässt und sie manipulierbar und somit anfällig für den Nationalismus macht.

Die vierte Art ADORNOS und HORKHEIMERS, den Nationalismus zu analysieren, ist eine historische. ADORNO und HORKHEIMER schildern den geschichtlichen Bedeutungsverlust der Religion. Der Platz, den früher Gott einnahm, nimmt später - zumindest teilweise - der Nationalstaat ein. Er vermittelt Sinn und vermeintlich objektive Werte. Nationalismus wird in dieser Sichtweise als „Ersatzreligion“ gesehen.

2 Die Analyse der Hauptargumentationslinien der Nationalismuskritik bei ADORNO und HORKHEIMER

In den folgenden Abschnitten wird auf die vier oben genannten Hauptargumentationslinien jeweils näher eingegangen. Dabei wird es notwendigerweise zu Überschneidungen kommen, da die vier Sichtweisen nicht vollkommen voneinander getrennt sind, sondern jeweils Schnittmengen bilden. Die Ergebnisse der vier Hauptargumentationslinien sollen dann in Abschnitt 2.5 zusammengefügt werden, um im vorletzten Abschnitt damit die Frage einer möglichen Aufhebung des Nationalismus beantworten zu können.

2.1 Nationalismus als gegenaufklärerische Strömung

Wird Nationalismus als gegenaufklärerische Strömung bezeichnet, so muss zumindest angedeutet werden, was unter Aufklärung zu verstehen ist und wie die Ideen der Aufklärung von ADORNO und HORKHEIMER interpretiert werden. Als darauf folgender Schritt muss herausgefunden werden, was am Nationalismus nicht mit den Ideen der Aufklärung vereinbar ist oder welche Strömungen des Nationalismus ADORNO und HORKHEIMER als bewussten Gegenstandpunkt zur Aufklärung identifizierten.

Als wichtigste Maxime der Aufklärung kann KANTS Leitspruch „sapere aude“[2] gelten. Das Individuum wird aufgefordert, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Aufklärung wird dabei als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“[3] betrachtet.

ADORNO und HORKHEIMER fühlen sich der Aufklärung verpflichtet. Gleichwohl schätzen sie in der „Dialektik der Aufklärung“[4], das als eines der Hauptwerke der kritischen Theorie gelten darf, die Chance, dass Aufklärung ihrer selbst gerecht werden kann, pessimistisch ein. Sie beschreiben wie die geschichtliche Entwicklung vom Mythos, der als Epos selbst schon die Idee der Aufklärung in sich birgt, zur Aufklärung geht, welche dann in Positivismus, „dem Mythos dessen, was der Fall ist“[5], umschlägt. Mit dieser Aporie, dass Aufklärung selbst wieder in Mythos umschlägt, muss umgegangen werden, ein Aufgeben des Strebens der Menschen nach Vernunft würde einen Rückfall in die Barbarei bedeuten.

Das Problem des aporetischen Charakters der Vernunft wird in ähnlicher Weise in HORKHEIMERS „Kritik der instrumentellen Vernunft“[6] unter der Entwicklung der „subjektiven“ und der „objektiven Vernunft“ abgehandelt. Unter dem Begriff „objektive Vernunft“ versteht HORKHEIMER die Ansicht, dass die Vernunft nicht nur im individuellen Bewusstsein, sondern auch in der objektiven Welt vorhanden sei, z. B. in den Beziehungen zwischen den Menschen und in gesellschaftlichen Institutionen.[7] So seien alle großen philosophischen Systeme, von Platon und Aristoteles angefangen, auf einer Theorie der objektiven Vernunft gegründet. „Deren objektive Struktur, und nicht bloß der Mensch und seine Zwecke, sollte der Maßstab für individuelle Gedanken und Handlungen sein.“[8] Nach der „subjektiven Vernunft“ hingegen ist es nicht möglich, Zwecke miteinander zu vergleichen. Sie ist funktionalistisch und formalistisch und ermöglicht es, bei gegebenen Zwecken die Wahl der Mittel zu optimieren. Die geschichtliche Entwicklung zur subjektiven Vernunft hin sieht HORKHEIMER nicht nur unter negativen Aspekten. Der subjektiven Vernunft wohnt eine Ambivalenz inne. Einerseits sei subjektive Vernunft „das kritische Agens, das den Aberglauben auflöste“[9] und konnte daher „die Mythologie als falsche Objektivität“[10] denunzieren. Andererseits entwickelt die subjektive Vernunft selbst eine eigene Objektivität, die zu einer Hypostasierung des Bestehenden für die Gegenwart und des Nützlichen für die Zukunft führt. Subjektive Vernunft wird letztendlich zum reinen Instrument. „Die Reduktion der Vernunft auf ein bloßes Instrument beeinträchtigt letzten Endes sogar ihren instrumentellen Charakter“.[11] Sie verliert „alle Spontaneität, Produktivität, die Kraft, Inhalte neuer Art zu entdecken und geltend zu machen – sie verliert, was ihre Subjektivität ausmacht“.[12]

Nationalismus kann als Versuch gelten, den Mythos und damit die objektive Vernunft angesichts der Defizite der subjektiven Vernunft zu reaktivieren. Er ist eine bewusste Entscheidung für eine bestimmte Sprache, eine bestimmte Kultur, bestimmte Werte, die als objektiv geltend angesehen werden und die dazu führen kann, dass andere Menschen gezwungen werden, sie anzunehmen oder aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, verfolgt oder gar ermordet werden.

Wenn HORKHEIMER in dem Aufsatz „ Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“ von den „traditionalistischen, konservativen Kritikern der Zivilisation“[13] spricht, so sind damit auch nationalistische Strömungen gemeint. Die konservative Kulturkritik ist nach HORKHEIMER insofern angebracht, indem sie auf die Missstände der subjektiven Vernunft hinweist. Allerdings ist ein Rückfall in die Denkweise der „objektiven Vernunft“ keine Lösung des Problems, sondern als qualitativer Rückschritt zu sehen. HORKHEIMER wirft dem Kulturkonservatismus vor, „demselben monopolistischen Kollektivismus den Weg geebnet“[14] zu haben, den „er [der Kulturkonservatismus, der Verfasser] im Namen der dem Intellekt entgegengesetzten Seele kritisiert“.[15]

Nach HORKHEIMER gibt es allerdings auch keine offenkundige Lösung des Problems, da der Gegensatz von objektiver und subjektiver Vernunft in ein Dilemma führe. Die naive Ablehnung der subjektiven Vernunft führe „im Namen eines historisch veralteten und illusorischen Begriffs von Kultur und Individualität zu Massenverachtung, Zynismus, Vertrauen auf blinde Gewalt“, die subjektive Vernunft selbst weise die schon geschilderten und kritisierten negativen Tendenzen auf.

An einer anderen Textstelle skizziert HORKHEIMER die reale Entwicklung seit den Ideen KANTS und der Aufklärung:

„Die Vision der Einrichtung der Erde in Gerechtigkeit und Freiheit, die dem Kantischen Denken zugrunde lag, hat sich in die Mobilisation der Nationen, in den Aufbruch der Völker verwandelt. Mit jedem Aufstand, so will es scheinen, nahm die Substanz des humanistischen Inhalts ab und der Nationalismus zu. Das größte Schauspiel der Perversion des Bekenntnisses zur Menschheit in einen intransigenten Staatskult bot in diesem Jahrhundert der Sozialismus selbst. Die Revolutionäre der Internationale fielen den nationalistischen Führern zum Opfer. Eine bestimmte, als die richtige verehrte Verfassung der Menschheit ist ein Ziel, für das sich Menschen zu Recht opfern können, wie für andere Ziele. Wird es jedoch zum absoluten Zweck hypostasiert, dann gibt es eben keine Instanz, weder ein Göttliches Gebot noch Moralität […] durch die es einzuschränken wäre. Alles ist gut, was der künftigen Menschheit dient. Wie leicht geschieht der Übergang zum Wahn, das eigene Vaterland habe die dringlichste Mission dabei.“[16]

[...]


[1] T. ADORNO, Minima Moralia. Reflexionen aus einem beschädigten Leben, Frankfurt (Main), 1981, S. 19.

[2] I. KANT, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung, in: Berlinische Monatsschrift, IV Band 6, S. 481, zitiert nach: N. HINSKE (Hrsg.), Was ist Aufklärung? Beiträge der Berlinischen Monatsschrift Nachdruck, Darmstadt, 1977, S. 452.

[3] Ebd.

[4] T. ADORNO - M. HORKHEIMER, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt (Main), 1969.

[5] Ebd., S. X.

[6] M: HORKHEIMER, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, a. a. O.

[7] Vgl. ebd., S. 16.

[8] Ebd.

[9] Ebd., S.18.

[10] Ebd.

[11] A. a. O., S. 59.

[12] A. a. O., S. 61.

[13] A. a. O., S. 60.

[14] A. a. O., S. 62.

[15] Ebd.

[16] M. HORKHEIMER, Die Aktualität Schopenhauers, a. a. O., S. 264.

Details

Seiten
27
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638859400
ISBN (Buch)
9783638855853
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82686
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,8
Schlagworte
Nationalismuskritik Adorno Horkheimer

Autor

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Titel: Nationalismuskritik bei Adorno und Horkheimer