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Veränderung der literarischen Kommunikation in den Umbruchssituationen von 1800 und 1900 unter Betrachtung von Kittlers Aufschreibesystemen

von Ausra Dvarionaite (Autor) Serghei Ghetiu (Autor)

Seminararbeit 2007 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung in Friedrich Kittlers Medientheorien

Aufschreibesysteme

1. Aufschreibesystem 1800
1.1. Alphabetisierung
1.2. Institutionen um 1800: die Universität und der Staat
1.3. Dichtung als wichtigste Kulturträger und Funktion des Autors
1.4. Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“

2. Aufschreibesysteme 1900
2.1. Die neue Wissenschaft Psychophysik
2.2. Technische Datenspeicherung
2.3. Psychoanalyse und Literatur
2.4. Gottfried Benns Gedicht „Ein Wort“

Schlussfolgerungen

Bibliographie

Einleitung in Friedrich Kittlers Medientheorien

Friedrich Kittler ist 1943 in Rochlitz, Sachsen geboren, studierte in Freiburg/Breisgau Germanistik, Romanistik und Philosophie, promovierte 1976 und habilitierte sich dort 1984. Seit 1993 ist er Professor für Ästhetik und Geschichte der Medien an der Humbold – Universität in Berlin. Seiner wissenschaftlicher Herkunft nach ist er Literaturwissenschaftler. Aber seine Herangehensweise an den Gegenstand Literatur ist, wie Kloock und Spahr schreiben, einigermaßen unorthodox, nämlich medientheoretisch. Seine Arbeiten in medientheoretischer Betrachtung von Literatur haben inzwischen die Literaturwissenschaft beeinflusst und verändert.[1] In seinem Buch „Drakulas Vermächtnis“ formuliert Kittler:

Nennen wir es die Sache von Literatur und damit auch von Literaturwissenschaft, den Zusammenhang des Netzes, in dem Alltagssprachen ihre Untertanen einfangen, überlieferbar zu machen. Und wem diese Bestimmung fremd klingt, sei […] daran erinnert, dass ohne nachrichtentechnische Bestimmungen von Literatur und Literaturwissenschaft in Bälde kaum mehr die Rede sein könnte.[2]

Das heißt, dass Literatur und Literaturwissenschaft ohne den technischen Einsatz von Medien kaum überlieferbar sind, und dass die letzten auf die Literatur einen erheblichen Einfluß ausüben können. Unter dem Begriff des Mediums versteht Kittler nicht jede Technik, sondern nur jene, die Funktion des Speicherns, Übertragens und Verarbeitens von Informationen hat.

Wie Kloock und Spahr schreiben, wendet sich Friedrich Kittler vor allem gegen die heute vorherrschende Methode der Hermeneutik und auch gegen Literatursoziologie mit der Begründung, dass beide die eigentlichen Bedingungen der Produktion von Literatur nicht berücksichtigen. Hermeneutik betrachtet Texte bezogen auf einen „Sinn“, der sich gegenüber seinen Voraussetzugen verselbständigt hat. Im Gegensatz dazu fasst Literatursoziologie literarische Werke als „Widerspiegelungen von Produktionsverhältnissen“ und thematisiert zwar Webstühle, Dampfmaschinen und Fließbänder, aber keine Schreibmaschinen. Für Kittler gehen beide Methoden am Kern ihres Gegenstandes vorbei, denn ihre Grundbegriffe „Sinn“ und „Arbeit“ schließen den Begriff der Information gleichermaßen aus.[3]

Kittler nimmt in seinen Untersuchungen eine Außenperspektive ein. Hier werden literarische Texte als bloße Datenansammlungen genommen und analysiert. Kittlers Ansatz stützt sich methodisch an Foucault, bekommt aber durch seinen Medienbegriff eine andere Ausrichtung. In der „Archäologie des Wissens“[4] analysiert Foucault Mechanismen, die Aussagen einer Epoche formulieren, mit der Hilfe der alles bestimmenden Ordnung „Diskurs“, die auch nicht diskursive Praktiken (zum Beispiel soziale oder technische) bedingt. Das heißt, dass Texte werden als bedeutungslose Einheiten betrachtet, nur die verborgenen Mechanismen, die sie konstituieren, und Diskursregel sind von Interesse. Für Kittler gilt aber seit der Auflösung des Schriftmonopols durch technische Speicher – und Übertragungsmedien die Beschränkung der Analyse auf Diskurse als nicht mehr ausreichend. Dazu sollte man technische Medien einbeziehen. So kommt Kittler zu Aufschreibesystemen. In seinem Buch „Aufschreibesysteme 1800-1900“ definiert er Aufschreibesystem folgendermaßen:

Das Wort Aufschreibesystem […] kann auch das Netzwerk von Techniken und Institutionen bezeichnet, die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben.[5]

Mediale Techniken sind also für Kittler, wie Kloock und Spahr schreiben, Institutionen wie Familie, Universität oder Wissenschaft, die zu einem System verknüpft sind, durch welches alle in einer Epoche relevanten Daten laufen. Das Netzwerk regelt die Verteilung, Rezeption und Überlieferung von Informationen aus und bestimmt, welche Daten in welche Form überhaupt verbreitet werden. Ein Aufschreibesystem stellt kein Instrument dar, das „Der Mensch“ zu sinnvollen Zwecken benutzt, sondern ist eine Art Technologie und Gebilde, das den Begriff „Des Menschen“ erst ermöglicht oder nicht.[6]

In dieser Arbeit wird untersucht, wie sich die literarische Kommunikation unter dem Einfluss von Medien verändert hat. Die besonderen Schwerpunkte sind vor allem Kittlers Aufschreibesysteme und deren Wirkung auf die Literatur 1800-1900. Als Beispiel für Aufschreibesystem 1800 wird das Werk „Die Leiden des jungen Werthers“ von Johann Wolfgang Goethe angeführt, was vor allem die Bedeutung der schriftlichen Kommunikation und die des Individuums in Literatur 1800 zeigen soll. Für Aufschreibesystem 1900, wo der Literatur unter dem Einfluss von neuen Medien Grammophon und Film bloß ein enger Bereich des Symbolischen bleibt, wird das Gedicht „Ein Wort“ von Gottfried Benn interpretiert, was die Unterschiede zwischen zwei Aufschreibesystemen demonstrieren soll.

Aufschreibesysteme

Kittler entwickelt in seinem Buch „Aufschreibesysteme 1800-1900“ seine Theorie der Informationsnetzwerke. Die Hauptrichtung seiner Untersuchung sind die kulturellen Umbruchsituationen in den Anfangsstadien der Epochen „1800“ und „1900“. Für beide Perioden werden die Schaltstellen des Systems rekonstruiert und seine Funktionswesen demonstriert. Anhand der Literatur von Johann Wolfgang von Goethe bis Gottfried Benn kann man diese zwei Perioden zeigen. Es werden auch verschiedenste Zeitdokumente herangezogen, zum Beispiel Fibeln, Schriften zur Pädagogik und Ästhetik oder psychoanalytische Studien. So wird die jeweilige Zeit an Hand eines Textmosaiks erfasst.[7]

1. Aufschreibesystem 1800

Der Beginn des früheren Aufschreibesystems fällt ungefähr auf 1800 +/– 15 Jahre. Der Ausgangspunkt Kittlers Aufschreibesystems 1800 geht von der allgemeinen Alphabetisierung aus.[8] Zuvor stellten Lesen und Schreiben unterschiedliche Kulturtechniken dar, die durchaus auch von verschiedenen Personen ausgeübt werden konnten: Kopisten waren zum Teil nicht in der Lage, die Texte, die sie abschrieben, zu lesen. Um 1800 begann ein Prozess, der beide Fähigkeiten verkoppelte und zur allgemeinen Bildung erhob.[9]

1.1. Alphabetisierung

Kittler versucht die Form der verbreitenden Alphabetisierung und Bildung zu verstehen, und den Diskursursprung zu finden, was das Bedeutungselement des Aufschreibesystems 1800 ausmacht. Wichtige Verschiebungen im Bildungssystem führten Ende des 18. Jahrhunderts zur „Einsetzung von Müttern an den Diskursursprung“. So entdeckte die Pädagogik Mütter als primäre Instanz der Erziehung, und es entstand eine vorher nicht vorhandene „von Natur her legitimierte Zentralstelle für Kulturisation“.[10] Eine neue Methode des Lesenlernens macht die Mutter zur Lehrerin und Mütter erscheinen als die erste und wichtigste Stufe zur Alphabetisierung. Die neue Methode heißt Heinrich Stephanis „Lautiermethode“. Diese Methode ersetzte das Lehrmedium Buch durch die Stimme der Mutter. Der „Muttermund erlöste die Kinder vom Buch“, denn zuvor war das Leselernen für Kinder eine schwierige Aufgabe. Vor allem, weil mit Hilfe biblischer Texte gelehrt wurde, die sowohl dem Stil als auch den Inhalten nach für Kinder unverständlich waren. Außerdem liefen die gebräuchlichen Formen der Lehre auf das bloße Auswendiglernen von Wörtern als Buchstabenkombinationen hinaus.[11] Der Fortschritt der Lautiermethode bestand darin, die Buchstaben über ihre Laute statt wie beim Buchstabieren über ihre Namen zu lehren. Der Klang der Laute schuf eine eingängige Brücke zwischen optisch und akustisch wahrgenommenen Wörtern. Diese Verbindung war vordem schwer herstellbar, wie Stephanis Spott über das Buchstabieren des Wortes „schon“ verdeutlicht: „Eß Zeh Ha o Enn“.[12] Die schriftliche Form des Wortes entsprach nicht der gesprochenen und war daher schwer im Gedächtnis zu behalten. Die neue Methode erleichterte das Lesen durch die Verbindung mit dem Sprechen. Gleichzeitig verwandelte sich auch das Verhältnis zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Die optische Dimension der Buchstaben spielte ab nun keine große Rolle, „denn mit ihrem Namen verlieren die Buchstaben auch ihren Status“ und werden den Noten ähnlich.[13]

[...]


[1] Vgl. Kloock, Daniela / Spahr, Angela: Medientheorien. Eine Einführung. München: Wilhelm Fink Verlag 1997, S. 172.

[2] Kittler, Friedrich A.: Drakulas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig 1993, S.149.

[3] Vgl. Kloock, Daniela / Spahr, Angela 1997: S. 165-166.

[4] Michel Foucault: Archeologie des Wissens, Frankfurt am Main 1973.

[5] Kittler, in: http://egora.uni-muenster.de/ifk/personen/bindata/komm_u._med_kittler_211106.pdf

[6] Vgl. Kloock, Daniela / Spahr, Angela 1997: S. 169.

[7] Vgl. Kloock, Daniela / Spahr, Angela 1997: S. 172.

[8] Vgl. Kloock, Daniela / Spahr, Angela 1997: S. 172.

[9] Kittler 1985: S.108.

[10] Kittler 1985: S.33.

[11] Kittler 1985: S.40.

[12] Kittler 1985: S.37.

[13] Kittler 1985: S.39.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638885737
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82681
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für sprachliche Kommunikation
Note
1,7
Schlagworte
Veränderung Kommunikation Umbruchssituationen Betrachtung Kittlers Aufschreibesystemen Kulturgeschichte Kommunikation

Autoren

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