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Lebensweltorientierte Kunsttherapie in der Sozialen Arbeit

Diplomarbeit 2006 98 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

I Lebensweltorientierung und Ästhetik auf wissenschaftstheoretischer Ebene
1 Lebensweltorientierte Theorien der Sozialen Arbeit7
1.1 Zum Begriff der Lebenswelt
1.2 Wendt: Ökosozial-managende Theorie
1.2.1 Gegenstandsbeschreibung
1.2.2 Leitbegriff Lebenswelt
1.3 Staub-Bernasconi: Systemisch-ethische Theorie
1.3.1 Soziale Probleme
1.3.2 Menschenrechtsprofession
1.4 Thiersch: Alltags- und Lebensweltorientierung
1.4.1 Dimension Alltags- und Lebenswelt
1.4.2 Gesellschaftlicher Kontext
1.5 Zusammenfassung und Ausblick
2 Ästhetik.27
2.1 Zum Begriff der Ästhetik und seiner historischen Herleitung
2.1.1 Baumgarten: Theorie der sinnlichen Erkenntnis
2.1.2 Kant: Transzendentale Ästhetik und Kritik der Urteilskraft
2.1.3 Schiller: Briefe über die ästhetische Erziehung
2.2 Dewey: Kunst als Erfahrung
2.2.1 Eine Erfahrung machen
2.2.2 Begrifflichkeiten: ‚ästhetisch’ und ‚künstlerisch’
2.3 Schmid: Lebenskunst
2.3.1 Zum Grundverständnis.
2.3.2 Ein Transfer zur Kulturpädagogik
2.4 Zusammenfassung und Ausblick

II Handlungstheoretische / konzeptionelle Ebene
3 Strukturen ästhetischer lebensweltorientierter Sozialer Arbeit
3.1 Staub-Bernasconi: Handlungskonzept
3.1.1 Handlungskompetenzen
3.1.2 Handlungsmodell
3.2 Thiersch: Handlungstheoretisches Konzept
3.2.1 Ziele und Handlungsmuster
3.2.2 Strukturmaximen
3.3 Aspekte für kunsttherapeutische Überlegungen
3.4 Kunsttherapeutische Ansätze und Strukturmodelle
3.4.1 Menzen: Heilpädagogische Kunsttherapie
3.4.2 Richter: Pädagogische Kunsttherapie
3.4.3 Theunissen: Langzeitmodell
3.4.4 Domma: Zirkuläre Planungsstrukturen
3.5 Aspekte einer ‚lebensweltorientierten Kunsttherapie’
3.5.1 Handlungstheoretische Annäherung
3.5.2 Wissenschaftstheoretische Annäherung

III Realisationsebene
4 Die Praxis einer ‚lebensweltorientierten Kunsttherapie’ in ausgewählten Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit82
4.1 Möglichkeiten in der Sozialpädagogischen Familienhilfe
4.2 Werkstattarbeit in der Offenen Jugendarbeit
4.3 Anregungen für das Ambulante Betreute Wohnen
5 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Die Kunst ist im wahrsten Sinne des Wortes [...] revolutionär; denn sie führt den Menschen aus den Vorstellungen und Vorurteilen über die Wirklichkeit in die Wirklichkeit und ihre Wahrheit selbst“ (Kosik 1967, 125).

Mit diesem Zitat zeigt Karel Kosik, auf dessen Ausführungen zum Alltag sich u.a. das Alltags- und Lebensweltverständnis von Hans Thiersch begründet, eine enorme Relevanz der Kunst für die Lebenswelt des Menschen auf. Er bezeichnet sie als ‚revolutionär’, weil er ihr zuerkennt, die Individuen aus ihrer subjektiven Weltsicht mit all ihren Vorstellungen, Handlungs- und Deutungsmustern ‚in die Wirklichkeit und ihre Wahrheit’ selbst zu führen. Damit zielt der Philosoph auf ein Anliegen dieser Arbeit ab, nämlich die Kunst mittels der (bildnerischen) Kunsttherapie als Methode der Sozialen Arbeit in die Lebenswelt der Klienten zu integrieren, um einen Beitrag zu einem ‚gelingenderen Leben’ zu leisten. Es soll herausgestellt werden, dass ästhetische Erfahrungen eine besondere Qualität des Erlebens beinhalten: Somit kann Kunsttherapie Differenzerfahrungen zum Alltagserleben vermitteln und ganzheitliche Erlebnisweisen schaffen und insofern Menschen dazu verhelfen, ihre Lebenswelt anders zu betrachten. Dazu werden im Nachfolgenden die Motivation und der mögliche Weg einer solchen Denkrichtung beschrieben.

Der Studiengang der Sozialen Arbeit an der Katholischen Fachhochschule NW beinhaltet nach der Studienordnung von 2001 ein Praxisprojekt im Hauptstudium, welches durch ein interdisziplinäres Projektseminar begleitet wird.

Im Rahmen dieses Feldprojektes habe ich im Werkraum der Katholischen Fachhochschule für Soziale Arbeit an zwei Tagen in der Woche eine pädagogische Kunstwerkstatt für Klienten des Alexianer Krankenhauses angeboten. Dieses Projekt hat sich etabliert und ich begleite es weiterhin. Seit dieser Zeit setze ich mich intensiver mit den Möglichkeiten kunsttherapeutischer Interventionen in der Sozialen Arbeit auseinander. Als einen möglichen Theoriebezug meines Projektes habe ich damals die Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch beschrieben. Ich möchte nun in dieser Arbeit eine mögliche Verknüpfung im Sinne einer lebensweltorientierten Kunsttherapie näher untersuchen und herausfinden, ob und wenn ja, welche erkenntnistheoretischen Verbindungen sich in der wissenschaftlichen Literatur finden lassen und wie auf handlungstheoretischer Ebene strukturelle Verknüpfungen möglich sind.

Unsere heutige Gesellschaft ist von einer verstärkten Individualisierung der Lebensverläufe und einer Pluralisierung der Lebensformen geprägt. Es haben rasante wirtschaftliche, ökologische und soziale Veränderungen stattgefunden. Die instabile gesellschaftliche Situation führt zu einer individuellen Verunsicherung, die sich auf den Bereich der Normen und Werte auswirkt.

Soziale Arbeit hat demnach auch verstärkt die Aufgabe, die Menschen in ihrer individuellen Lebenswelt und in ihrem Alltag zu unterstützen, indem sie mit den Klienten - bedürfnis- und ressourcenorientiert - ganzheitliche Erfahrungen forciert und hilft, neue eigene Sichtweisen zu einem ‚gelingenderen Leben’ zu finden und zu entwickeln. Ein Mittel dazu findet man meines Erachtens in einer lebensweltorientierten Kunsttherapie, die neue Bezugspunkte für solche ganzheitlichen Erfahrungs- und Alltagswelten liefern kann.

Im ersten Kapitel werden drei lebensweltorientierte Theorien der Sozialen Arbeit vorgestellt. Hier soll ein verstärktes Augenmerk auf die Alltags- und Lebensweltorientierung nach Thiersch gelegt werden, weil sich seine Definition der Lebenswelt sowohl auf die subjektiv erlebte Welt des Klienten als auch auf gesellschaftliche Aspekte bezieht und er den Gegenstand Sozialer Arbeit mit ‚gelingenderem Leben’ als Zielsetzung beschreibt. Ein weiterer theoretischer Schwerpunkt findet sich bei der Theorie von Staub-Bernasconi, die soziale Probleme, die Menschen in ihren Grundbedürfnissen und Wünschen negativ tangieren, als Gegenstand Sozialer Arbeit benennt. Solche ‚Ausstattungsprobleme’, bezogen auf fehlende Erkenntniskompetenzen und mangelnde symbolische Ausstattung, äußern sich in fehlenden Ausdrucksmöglichkeiten. Diese führen wiederum zu ‚Austauschproblemen’. Staub-Bernasconi zeigt damit als einzige hier vorgestellte Theoretikerin explizit die Notwendigkeit identitätsstiftender und erkenntniskompetenzfördernder Verfahren, wie die der Kunsttherapie auf. Zudem begründet sie deren Notwendigkeit auch auf globaler Ebene und verknüpft das Bedürfnis nach ‚schönen Formen’ mit dem in Artikel 27 der Menschenrechte verankerten Recht, „[...] sich der Künste zu erfreuen [...]“ (Staub-Bernasconi 1998).

Diese wissenschaftstheoretischen Sichtweisen Sozialer Arbeit werden im zweiten Kapitel den Grundzügen einer modernen Ästhetik gegenübergestellt, welche die ‚Kunst als Erfahrung’ in den Alltag des Menschen integriert (Dewey) und die ‚Lebenskunst’ nach Schmid beinhaltet. Dazu ist es zunächst notwendig, den Begriff der Ästhetik und seine historische Herleitung zu erläutern. Es werden exemplarisch Grundgedanken zur Thematik beschrieben, um so eine definitorische Eingrenzung der Ästhetik zu skizzieren. Zudem weisen die Theorien von Baumgarten, Kant und Schiller Grundzüge auf, die für das heutige Verständnis von Ästhetik elementar sind. Ästhetik gehört zu den Bezugswissenschaften einer Sozialarbeitswissenschaft (vgl. Klüsche 1999, 89) und kann hier ihren Anteil zu einer Profilbildung der Sozialen Arbeit leisten, wenn es in dieser Arbeit gelingt, eine erkenntnistheoretisch fundierte lebensweltorientierte Kunsttherapie in die Konzepte Sozialer Arbeit zu integrieren.

Im dritten Kapitel wird eine handlungs- und wissenschaftstheoretische Basis für eine ‚lebensweltorientierte Kunsttherapie’ erarbeitet. Es werden zunächst konzeptionelle Bedingungen anhand der Strukturmaximen von Thiersch sowie am Handlungskonzept von Staub-Bernasconi für die Soziale Arbeit aufgezeigt. Diese sollen mit kunsttherapeutischen Strukturen zu einem neuen Konzept zusammengeführt werden. Dazu ist es notwendig in die Thematik der Kunsttherapie einzuführen. Weil sich die Kunsttherapie aus verschiedenen Wissenschaften speist und sich nicht auf eine erkenntnistheoretische Begründung stützen kann, wurde vorhergehend die Ästhetik als Bezugspunkt der Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit wissenschaftstheoretisch dargestellt. Daher werden sowohl wissenschaftstheoretische Begründungen als auch strukturelle Bedingtheiten in Bezug auf die kunsttherapeutischen Ansätze nach Menzen und Richter in Kapitel drei vorgestellt.

Im vierten Kapitel werden praxisbezogene Möglichkeiten und Visionen einer ‚lebensweltorientierten Kunsttherapie’ anhand von ausgewählten Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit (Sozialpädagogische Familienhilfe, Offene Jugendarbeit und Ambulantes Betreutes Wohnen) beschrieben.

I Lebensweltorientierung und Ästhetik auf wissenschaftstheoretischer Ebene

1 Lebensweltorientierte Theorien der Sozialen Arbeit

„Sozialarbeit/Sozialpädagogik hat im Schnittfeld von sozialen Problemen, Bildung, [Erziehung; d. Verf.] und Sozialisation, sowie sozialen und Menschenrechten das Ziel, die Handlungsfähigkeit der Menschen in ihrem sozialen Kontext zu entwickeln, zu stärken, zu erhalten oder wiederherzustellen“ (Rothschuh, in: Wöhrle 2003, 79).

Diese „Kernaufgaben“ (ebd., 78) der Sozialen Arbeit lassen sich in der Theoriebildung einer Sozialarbeitswissenschaft in unterschiedlicher Gewichtung wiederfinden. Wieso ist das so? Thiersch (1986, 204) bringt es auf den Punkt: So wie unsere Lebenswelten diffizil, unübersichtlich, komplex und widersprüchlich sind, so sind auch die Antworten der Sozialen Arbeit diffizil, unübersichtlich, komplex und widersprüchlich. Staub-Bernasconi (1983, 182f.; zit. nach Engelke 2002, 380) betont die Ausrichtung der Praxis Sozialer Arbeit auf das Handeln. Weil Handlungen komplex sind, gelte es, in den Theorien Komplexität zu verarbeiten, statt Simplizität zu produzieren.

So hat jede Theorie unterschiedliche Schwerpunkte und ihre Berechtigung neben der anderen. Eine Falsch-Richtig-Beurteilung ist daher nach Meinung der Verfasserin nicht zulässig oder angebracht.

Lebensweltorientierung ist einer der Leitbegriffe in der Theoriebildung[1] der Sozialen Arbeit und spiegelt sich schon in den traditionellen Leitsätzen ‚Anfangen, wo der Klient steht’, ‚Unterstützung in den gegebenen Verhältnissen geben’ und ‚Hilfe zur Selbsthilfe’ wieder. Schon Alice Salomon hat von der ‚Kunst des Lebens’ gesprochen. Die erneute Hinwendung zur Lebenswelt seit den 70er Jahren, in der Literatur als sog. ‚Alltagswende’ bezeichnet, beabsichtigt auch „eine kritische Korrektur der Professionalisierungs-, Verwissenschaftlichungs- und Spezialisierungsentwicklung der Sozialen Arbeit“ (Stimmer 2000, 20), die sich damit in den 50er und 60er Jahren immer mehr von den realen Lebenssituationen und Bedürfnissen der Klienten entfernte.

Die Forderung der Alltags- und Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit, die den Anspruch auf eine wissenschaftstheoretische Fundierung beinhaltet, steht für das Bestreben, eine größere Nähe zur Lebenswirklichkeit des Klienten[2] einzunehmen, mit dem Ziel, „Hilfen zur Selbsthilfe [...] [für; d. Verf.] einen gelingenderen Alltag zu ermöglichen“ (Thiersch 1986, 42). Auch beinhalten systemtheoretische Ausführungen oder systemisch-ökologisch orientierte Ansätze lebensweltliche Orientierungen.

Im Nachfolgenden werden stellvertretend drei aktuelle Theorien[3] der Sozialen Arbeit aufgezeigt: die systemisch-ethische Theorie von Silvia Staub-Bernasconi, der ökosozial-managende Ansatz von Rainer Wendt und die Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch. Diese wurden ausgewählt, weil sie repräsentativ für die Theoriebildung in der Sozialen Arbeit sind (vgl. Klüsche 1999, Wöhrle 2003, Engelke 2002) und an der Katholischen Fachhochschule für Soziale Arbeit NW explizit als dominierende Theorien der Sozialen Arbeit gelehrt und vermittelt werden.

Die wissenschaftstheoretischen Aussagen werden hier stark verkürzt wiedergegeben und beschränken sich auf die Kernaussagen, die für ein Verständnis der Theorien elementar sind. Die Theorien der Sozialen Arbeit sind Handlungstheorien. Daraus ergibt sich an einigen Stellen eine enge Verzahnung der wissenschaftstheoretischen Ebene (Kapitel eins) und der handlungstheoretischen Ausführungen (Kapitel zwei).

1.1 Zum Begriff der Lebenswelt

Der Begriff der Alltags- und Lebensweltorientierung ist vielschichtig und wird in der Sozialen Arbeit in den aktuell dominierenden systemischen und alltags- und lebensweltorientierten Theorien unterschiedlich gebraucht.

Daher ist es zum Verständnis der nachfolgenden Theorien wichtig, die unterschiedlichen Bezugsdefinitionen zu erläutern.

In der Kunsttherapie, die in Kapitel drei vorgestellt wird, ist die Beziehungsebene medium- und personenorientiert, so dass ein Lebensweltbegriff, der Verbindungen herstellen kann, sich auf individuelle Denkweisen, Erfahrungsmuster und Bedürfnisse beziehen sollte.

In Anlehnung an Barbara Friebertshäuser (in: Otto/Rauschenbach/Vogel 2001, 141-161), Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität zu Frankfurt am Main, umfasst der Begriff ‚Lebenswelt’ eine „vergegenständlichte Welt“, in die ein Mensch hineingeboren wird und in der er lebt, und in einer zweiten Definition die „subjektive Welt“, in der ein Mensch lebt. Diese entspricht dem erweiterten Verständnis Thierschs, wenn er den Begriff ‚Alltag’ verwendet. Die Theorien von Wendt und Staub-Bernasconi heben dagegen eine systemische Sichtweise der ‚vergegenständlichten’ Lebenswelt(en) hervor, wobei die Beschreibung der ‚Ausstattungsprobleme’ bei Staub-Bernasconi individuumszentriert angelegt ist. Alle Theorien weisen diesbezüglich Vermischungen auf und beinhalten systemische und individuumszentrierte Aspekte.

Die ‚vergegenständlichte’ Welt lässt sich objektiv erfassen und beschreiben. Sie umfasst die historische, räumliche, kulturelle und soziale Umwelt mit ihren verfügbaren Ressourcen (finanzielle Lage, Bildung, soziale Netze etc.) und die eigenen (biografischen) Ressourcen (vgl. ebd., 146).

Edmund Husserl (1859-1938) hat das Konzept einer Lebenswelt geprägt. Er sieht diese als eine von jedem Menschen selbst geschaffene und geprägte ‚subjektive Welt’, die von jedem Menschen als Teil seines Alltags[4] erlebt und als fraglos gegeben verstanden wird. Diese Sichtweise impliziert individuelle Bewältigungsstrategien, unhinterfragte Selbstverständlichkeiten des Alltags und biografisch bedingte Orientierungen, Haltungen und Verständnismuster. Eine subjektiv erfahrene und erlebte Welt ist für den Außenstehenden nicht sichtbar, wird aber von dem jeweiligen Menschen als selbstverständlich und natürlich erachtet. Um die ‚subjektive Welt’ verstehen zu können, bedarf es Verfahren, die danach fragen, „wie die Akteure ihre Welt sehen, was sie dort erleben, erfahren, erleiden und was sie daraus lernen“ (ebd., 148). Daher verlangt Husserl (1992, 123f.; zit. nach Gil 1999, 62) von jeder Disziplin und somit auch von einer Theorie der Sozialen Arbeit: „Wenn Wissenschaft Fragen stellt und beantwortet, so sind es von Anfang an [...] Fragen auf dem Boden dieser, an den Bestand dieser vorgegebenen Welt, in der eben ihre wie alle sonstige Lebenspraxis sich hält. In dieser spielt schon Erkenntnis als vorwissenschaftliche Erkenntnis eine Rolle [...].“

1.2 Wendt: Ökosozial-managende Theorie

Rainer Wendt (1939*) war Professor und Leiter des Ausbildungsbereichs Sozialwesen an der Berufsakademie Stuttgart mit den Arbeitsschwerpunkten: Sozialarbeitswissenschaft, Geschichte der Sozialen Arbeit, Care Management und Sozialwirtschaft.

„Die Soziale Arbeit erledigt innen, wofür außen der Umweltschutz da sein soll. [...] Die Unwirtlichkeit, welche die Ausbeutung der Natur nach sich zieht, entspricht der Unwirtlichkeit der modernisierten Lebensumstände vieler Menschen“ (Wendt 1990, 22). Wie kommt der Vergleich von Wendt zustande? Als er zum Ende der 70er Jahre eine Theorie der Sozialen Arbeit entwirft, ist die Umweltdebatte in Deutschland gerade auf ihrem Höhepunkt. Die ökologischen Zusammenhänge werden mit den zu derselben Zeit ins Zentrum sozialwissenschaftlicher Theorieentwicklung getretenen Systemtheorien reflektiert (vgl. Engelke 2002, 350). Der zentrale Erklärungsansatz dieser Theorie ist sozialökologisch. Allgemein wird heute unter Ökologie das Verhältnis von Mensch und Umwelt verstanden, also das ganze System[5], in dem der Mensch lebt. Wechselwirkungen bestimmen demnach das Leben. Wendt (1990) benutzt die Bezeichnung „ökosozial“ und grenzt seine Bedeutung ausschließlich auf „das Feld und den Raum menschlicher Lebensgestaltung“ (ebd., 10f.) ein, wobei Lebensgestaltung immer im Lebenszusammenhang wahrzunehmen ist (vgl. ebd., 186).

Seine Betrachtungsweise von Lebenswelt zeigt das Verständnis einer ‚vergegenständlichten Welt’ und eine systemische Sichtweise auf (vgl. Punkt 1.1), die allerdings nur die menschlichen Systeme als Umwelt einbezieht. Daher definiert Wendt (in: Wöhrle 2003, 334) als ökosoziales Paradigma, „daß der tatsächliche Lebenszusammenhang einzelner Menschen, Familien und Gruppen zu betrachten ist, wenn es um ihre Problembewältigung geht.“

1.2.1 Gegenstandsbeschreibung

Engelke (2002) hat in seinem Buch über die ‚Theorien der Sozialen Arbeit’ Gegenstandsbeschreibungen der Sozialen Arbeit von Wendt zusammengetragen, die dieser in verschiedenen Veröffentlichungen publiziert hat. So definiert Wendt (1990) Soziale Arbeit als das Insgesamt der in der Gesellschaft vorkommenden Aktivitäten mit dem Ziel, die Lebensverhältnisse innerhalb des Gemeinwesens für die ihm angehörigen Menschen zu verbessern (vgl. ebd., 7; zit. nach Engelke 2002). An anderer Stelle benennt Wendt (in: Wöhrle: 2003, 333) den „Schutz gefährdeten oder bereits geschädigten menschlichen Lebens“ als Gegenstand Sozialer Arbeit.

Diese Definitionen, sowie das in Punkt 1.2 benannte ökosoziale Paradigma zeigen eine Bezugnahme und Fokussierung Wendts auf Lebensverhältnisse und Lebenswelten ‚innerhalb des Gemeinwesens’ auf. Das heißt, dass die Mikroebene (das Mikrosystem) Individuum immer im Zusammenhang mit der Mesoebene Institution und Makroebene Politik und Ökonomie gesehen wird bzw. in den Wechselwirkungen dieser Bereiche.

1.2.2 Leitbegriff Lebenswelt

Wendt (in: Wöhrle 2003, 33f.; Wendt 1999, 21ff.) hat für seine ökosoziale Handlungstheorie ein spezielles Vokabular entworfen, das sich an systemtheoretischen und ökologischen Gedanken orientiert. Diese Begrifflichkeiten sind in der heutigen Sozialen Arbeit nur noch wenig gebräuchlich, was auch daran zu erkennen ist, dass beide Theoriebücher zur Ökologie der Sozialen Arbeit von Wendt bislang nur einmal aufgelegt worden sind. Wendt muss sich zudem die Frage gefallen lassen, was „hier eigentlich jenseits neuerer Begrifflichkeiten innovativ sein soll“ (Galuske 2003, 149), denn den Bezug von Individuum und Umwelt hat schon Alice Salomoon hergestellt. Galuske (ebd.) stimmt daher auch mit Staub-Bernasconi (1995, 74) überein, dass es sich hier um ein „theoretisches und praktisches Konzept Sozialer Arbeit im Gewande neuer Sprachpflege“ handelt. Die anfangs beschriebene Aktualität der Theorie Wendts zeigt sich nicht auf wissenschaftstheoretischer, sondern auf handlungstheoretischer Ebene. Sein „praxisnahes Buch“ (Engelke 2002, 361) über das ‚Case Management in der Sozialen Arbeit’ liegt bereits in zweiter Auflage vor.

Es soll daher im Kontext dieser Arbeit ausreichen, die Leitbegriffe ohne nähere Ausführung zu benennen und die Definition der Lebenswelt näher zu betrachten. Die Leitbegriffe heißen: Haushalt bzw. Haushalten (Management), Selbstorganisation (Autopoiesis) und Zirkularität, Bewältigung (und Unterstützung), Ressourcen und ihre Verwendung, ökosoziale Bilanzierung, Nischen (Kompetenzen), Vernetzung und soziale Systeme, Lebenslage und Lebenswelt.

„Lebenswelt meint den Erfahrungshorizont handelnder Subjekte“ (Wendt, in: Wöhrle 2003, 340f.). Wendt (ebd.) verweist begrifflich zunächst auf die Phänomenologie Edmund Husserls, um sich dann am Lebensweltbegriff von Jürgen Habermas zu orientieren, der diese als System begreift. Laut Wendt durchdringen sich lebensweltliche Orientierungen und Systemanforderungen. Der Mensch kommt den komplexen Anforderungen an seine Lebensführung nur durch Management-Techniken nach, die ihn in die Lage versetzen, organisatorisch, strategisch und operational in Systemen zu handeln. Wendt grenzt damit die Relevanz der ‚subjektiven Welt’ für sein Theorieverständnis ein und stellt sie in systemische Zusammenhänge.

In Bezug auf das Verständnis von Lebenswelt wurde herausgestellt, dass der ökosoziale Ansatz sein Hauptaugenmerk auf die Wechselwirkungen zwischen (menschlichen) Systemen legt und damit eine ‚subjektive Lebenswelt’ im Kontext einer ‚gegenständlichen Lebenswelt’ betrachtet.

1.3 Staub-Bernasconi: Systemisch-ethische Theorie

Der zentrale Erklärungsansatz dieser Theorie ist systemisch und bedürfnistheoretisch[6]. Er stellt eine menschen- und sozialgerechte Gesellschaft in den Mittelpunkt. Wichtig sind im Kontext dieser Arbeit zwei Sichtweisen von Lebenswelt: Einerseits bezieht sich die Autorin auf eine ‚vergegenständlichte Lebenswelt’, wo Ressourcen und Bedürfnisse bestimmt werden können und letztlich in einen globalen Zusammenhang gestellt werden. Andererseits integriert sie in ihre wissenschaftliche Sichtweise auch gezielt individuelle sog. ‚Ausstattungsprobleme’, die die Menschen in ihren subjektiven Bedürfnissen und Wünschen und damit in ihrer ‚subjektiven Lebenswelt’ negativ tangieren und somit Gegenstand Sozialer Arbeit sind.

Staub-Bernasconi (1936*) war bis 2003 Professorin am Institut für Sozialpädagogik der Technischen Universität Berlin (Arbeitsschwerpunkte Theorien Sozialer Probleme und Sozialer Arbeit, Soziale Arbeit und Menschenrechte, Soziale Arbeit und Ökonomie). Sie hat durch ihre frühere Tätigkeit als Sozialarbeiterin sowie durch aktuelle Projekte und internationale Aufgaben einen engen Bezug zur Praxis der Sozialen Arbeit. Soziale Arbeit ist für sie eine „sozial gebündelte, reflexive wie tätige Antwort auf bestimmte Realitäten, die als sozial und kulturell problematisch bewertet werden“ (Staub-Bernasconi 1991, 3; zit. nach Engelke 2002, 366). Sie strukturiert ihre komplexe Handlungstheorie der Sozialen Arbeit durch verschiedene Wissensformen (s.u.) und eine differenzierte Gegenstandsbeschreibung (siehe Punkt 1.3.1). Soziale Arbeit sieht Staub-Bernasconi zudem als eine „Menschenrechtsprofession“ (in: Wöhrle 2003, 305). Damit zeigt sie einen globalen lebensweltlichen Kontext auf (siehe Punkt 1.3.2).

Ihre Handlungstheorie verknüpft folgende Wissensformen miteinander (vgl. Staub-Bernasconi; in: Heiner 1998, 11):

- Beschreibungswissen über Probleme, die Menschen haben können (Frage: Was ist los?);
- Erklärungswissen im Hinblick auf diese Probleme sowie die Bedingungen des Fortbestandes oder Wandels (Frage: Warum ist das so?);
- Wertewissen als Basis für eine Zielformulierung (Frage: Woraufhin soll verändert werden?);
- Akteur-, Regel- und Verfahrenswissen als Interventionswissen zur Erreichung von Veränderungen (Frage: Wie kann etwas verändert werden?).

Der Aufbau ihres Handlungsmodells (handlungstheoretische Ebene) gleicht dem Aufbau der Theorie (vgl. Engelke 2002, 374f.), weil Theorie und Praxis Sozialer Arbeit hier den gleichen Gegenstand verfolgen. Das Handlungsmodell soll im Kontext dieser Arbeit in Kapitel drei weiter verfolgt werden.

Die oben genannten Wissensformen sind notwendig, um den komplexen Gegenstand der Sozialen Arbeit, die sozialen Probleme zu erfassen.

1.3.1 Soziale Probleme

Basierend auf system- und bedürfnistheoretischen Überlegungen beschreibt Staub-Bernasconi (in: Heiner1998, 14) die „Tatsache, daß Menschen für ihr Überleben, ihre Existenzsicherung und ihr Wohlbefinden nicht nur auf eine natur- und menschengerechte ökologische Umwelt, sondern auch auf eine menschengerechte Gesellschaft angewiesen sind.“ Daraus entstehen für sie vier Problemkategorien:

- Ausstattungsprobleme,
- Austauschprobleme,
- Machtprobleme und
- Kriterienprobleme,

die im Nachfolgenden erläutert werden (Staub-Bernasconi, in: Heiner 1998, 14ff.).

Für die Soziale Arbeit relevante Ausstattungsprobleme sind zunächst Probleme beeinträchtigter Bedürfnis- und Wunscherfüllung, die mit der unterschiedlichen Teilhabe von Menschen an den gesundheitsbezogenen, medizinischen, psychischen, sozialen und kulturellen Ressourcen oder Errungenschaften einer Gesellschaft zusammenhängen (vgl. ebd., 15). Das heißt, dass ein individuelles Problem beeinträchtigter Bedürfniserfüllung immer mit dem zusammenhängenden Problem ungleich verteilter Ressourcen einhergeht. Staub-Bernasconi (ebd.) nennt verschiedene Bereiche, wo Grundbedürfnisse und Wünsche von Menschen negativ tangiert werden und zu Ausstattungsproblemen führen, z.B. in der körperlichen Ausstattung (Gesundheit, Unversehrtheit etc.), in der sozioökonomischen (Bildung, Einkommen, Arbeit, Vermögen) und sozialökologischen Ausstattung, in der Ausstattung mit Erkenntniskompetenzen und in der symbolischen Ausstattung.

Die zwei letztgenannten Bereiche sollen im Folgenden näher betrachtet werden, weil Staub-Bernasconi damit die Relevanz der Ästhetik (vgl. dazu Kapitel zwei) für die Soziale Arbeit aus bedürfnistheoretischer Sicht untermauert und damit als einzige hier vorgestellte Theoretikerin der Sozialen Arbeit explizit Stellung zu der Notwendigkeit ästhetischer Erlebnisweisen bezieht.

Sie unterscheidet in Anlehnung an Werner Obrecht (1994) zwischen einem „ ästhetisch[7] -emotionalen, einem normativen und einem kognitiven Umgang mit Gegenständen und Vorgängen (Sachverhalten)“ (ebd., 17):

Die erste Grundorientierung oder Erlebnisweise eines Menschen bezieht sich demnach auf sinnlich Wahrnehmbares und die ästhetisch sowie emotional-affektiven, lustvoll-angenehmen oder unlusterzeugend-unangenehmen Empfindungen, die damit verknüpft sind. Eine zweite Orientierung bezieht sich auf die Frage nach der normativen Angelegenheit (moralisch-ethisch richtig oder falsch) von Sachverhalten und die dritte kognitive Grundorientierung fragt nach der sachbezogenen Angemessenheit (wahr oder falsch). Diese Grundorientierungen oder Erlebnisweisen werden erst dann zu Erkenntniskompetenzen, wenn sie über Sozialisationsprozesse (oder über Interventionen der Kunsttherapie; d. Verf.) weiterentwickelt oder gefördert werden. Sie zeigen sich in Produkten wie Bildern, Aussagesystemen, Theorien, Werten und Normen.

Staub-Bernasconi beschreibt folglich fehlende Ausdrucksmöglichkeiten auf individueller lebensweltlicher Ebene als ein soziales Ausstattungsproblem, welches die Soziale Arbeit tangiert und zum Handeln auffordert. Sie zeigt damit die Notwendigkeit identitätsstiftender bzw. erkenntniskompetenzfördernder Verfahren wie die der Kunsttherapie (vgl. Kapitel drei) oder/und auf basaler Ebene die Bedeutung der Sinnesförderung (vgl. Punkt 3.4.1) und der Psychomotorik auf[8].

Auch die symbolische Ausstattung eines Menschen kann Defizite aufweisen und sich z.B. durch einen Mangel an Bildern als Beschreibungswissen zeigen. Damit verweist die Autorin auf die Bedeutung symbolbildender Prozesse, wie diese in der Kunsttherapie gefördert werden können (vgl. Kapitel drei).

Zurück zur Beschreibung der Problemkategorien (ebd.): Sogenannte Austauschprobleme entstehen, weil Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse und Wünsche auf andere Menschen und Systeme, und damit auf andere Austauschbeziehungen angewiesen sind und es zu asymmetrischen Austauschprozessen kommen kann, wenn kein gleichgewichteter Austausch erfolgt.

Auch diese Kategorie verweist auf die Relevanz der Kunsttherapie. Sie kann im Zuge solcher (ästhetischer) Austauschprobleme Menschen die Teilhabe an kulturellen, gestalterischen und künstlerischen Prozessen bereitstellen und ermöglichen. Damit kann sie Individuen in die Lage versetzen als Austauschpartner „attraktiv“ für andere Menschen oder Systeme zu werden, insbesondere weil (pädagogische) Kunsttherapie am Leitziel ästhetischer Erziehung und Bildung orientiert ist.

Machtprobleme stellen die dritte Kategorie sozialer Probleme dar und zeigen sich z.B. in abgesicherter Besitznahme, unfairer Arbeitsteilung und Herrschaft. Der Zugang zu verschiedenen Ressourcen und Teilsystemen der Gesellschaft ist von Machtquellen abhängig, die unterschiedlich verteilt sind. Machtquellen sind begehrte Ressourcen, wie z.B. Bodenbesitz und ökonomisches Kapital.

Kriterienprobleme ergeben sich aus vergesellschafteten Werten mit einem sozialen Kontrollapparat (Definition für Kriterien), um ihre Umsetzung zu überwachen. Ein Beispiel für ‚Kriterien’ sind die Menschenrechte, deren Einhaltung mit einem minimal ausgebauten Kontrollapparat überprüft wird. Soziale Probleme entstehen, wenn Kriterien für Problembereiche fehlen oder nicht angewendet werden. Daraus ergibt sich für Staub-Bernasconi u.a. die Konsequenz, Soziale Arbeit als ‚Menschenrechtsprofession’ zu bestimmen. Diese globale Dimension soll im nächsten Punkt abschließend vorgestellt werden, weil hier wiederum die Notwendigkeit kunsttherapeutischer Interventionen in der Sozialen Arbeit theoretisch begründet wird (s. u. Punkt 1.3.2, These zwei).

1.3.2 Menschenrechtsprofession

Staub-Bernasconi (in: Wöhrle 2003, 305ff.) setzt sich für eine Theorie der Sozialen Arbeit als ‚Menschenrechtsprofession’ ein. Ausgehend von Erklärungen der International Federation of Social Work und der International Association of Schools of Social Works, die 1992 - in Anlehnung an die seit 1992 als zentraler Bestandteil des internationalen Rechts verankerten Menschenrechte - Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession deklarierten, behandelt die Autorin diese Thematik. Sie zeigt mit Blick auf „eine im Entstehen begriffene Weltgesellschaft, die Internationalisierung der sozialen Probleme und die Suche nach Normen und Werten, die dementsprechend eine universelle Kultur der Weltgesellschaft begründen“ (Wöhrle 2003, 35), die Notwendigkeit einer solchen Denkweise auf. Staub-Bernasconi untermauert ihre Überlegungen mit sieben Thesen[9] (vgl. Staub-Bernasconi, in: ebd., 306ff.), wobei besonders die zweite These eine Relevanz für diese Arbeit beinhaltet und daher ausführlicher dargestellt wird[10]. Die beiden letzten Thesen werden nicht näher erläutert, weil sie keine Aussage zum theoretischen Ansatz liefern.

1. Menschen- und Sozialrechtsfragen als Thema der Theorietradition Sozialer Arbeit

Damit weist die Autorin auf eine historisch-theoretische und praktische Tradition Sozialer Arbeit hin, die deren Präsenz schon vor mehr als hundert Jahren auch auf der Ebene der Weltgesellschaft als notwendig erachtete. Vertreterinnen waren z.B. Alice Salomon in Deutschland und Jane Addams in den USA.

2. Priorität der Bedürfnis- über die Funktionsorientierung Sozialer Arbeit

Menschenrechte verlangen den vorrangigen Blickwinkel Sozialer Arbeit auf die Bedürfnisse der Menschen. Wiederum (vgl. Punkt 1.3.1) in Anlehnung an die transdisziplinäre, systemische Theorie menschlicher Bedürfnisse und menschlichen Lernens von Werner Obrecht (1995) stellt Staub-Bernasconi heraus, dass bestimmte biologische, psychische und soziale Bedürfnisse allen Menschen gemeinsam sind und somit deren Befriedigung nicht beliebig sein darf, sondern im Gegenteil eine moralische Basis für Ansprüche und Rechte ist. Daher muss Bedürfnisbefriedigung bzw. deren Schutz eine Handlungsmaxime Sozialer Arbeit sein. Sie verknüpft diese bio-psychisch-sozialen Bedürfnisse mit den Menschen-rechten (vgl. Staub-Bernasconi 1998).

Im Kontext dieser Arbeit interessiert die Verbindung psychischer Bedürfnisse mit diesen Freiheits- und Sozialrechten. So sieht Staub-Bernasconi (ebd.) das Bedürfnis nach wahrnehmungsgerechter, sensorischer Stimulation durch das Recht auf Bildung (Artikel 26) geschützt. Damit zeigt sie die Relevanz sinnesfördernder und die Notwendigkeit kunsttherapeutischer Verfahren auf symbolischer Ebene auf, worin sich auch ein Recht auf ästhetische Erziehung und Bildung (vgl. Kapitel drei) begründet. Weiterhin verknüpft sie die Erkenntnis von Obrecht, dass Menschen das Bedürfnis nach schönen Formen in spezifischen Bereichen des Erlebens haben, mit dem „Recht,[...] sich der Künste zu erfreuen [...]“(Art. 27[11] ). Somit liefert sie explizit eine globale Begründung für Kunst und Kunsttherapie und unterstreicht deren Bedeutung für die Soziale Arbeit.

3. Menschen- und Sozialrechte als Chance für eigenbestimmte, wissensbasierte Aufträge der Sozialen Arbeit

Soziale Arbeit ist von gesellschaftlichen Auftraggebern abhängig und somit teilweise fremdbestimmt. Wenn Menschen- und Sozialrechte als Rechte einer internationalen sozialen Ordnung festgeschrieben würden, könnte die Soziale Arbeit eigenbestimmte, selbstdefinierte Aufträge formulieren.

4. Universalität versus Partikularität der Menschen- und Sozialrechte

Diese These beinhaltet die Frage, ob die Menschenrechte universell oder nur partiell, also in Teilbereichen, gültig sind. Es werden dahingehend verschiedene Debatten[12] geführt, an denen sich Soziale Arbeit beteiligen muss und deren Niederschlag sich auch in der Verabschiedung einer Zusatzformel der UNO- Menschenrechtskonferenz 1993 in Wien zeigt. Diese verlangt Rücksicht auf nationale und regionale Besonderheiten und die unterschiedlichen historischen, kulturellen und religiösen Belange.

5. Menschen- und Sozialrechte als Realutopien

Als Realutopien bezeichnet Staub-Bernasconi „individuelle und kollektiv geteilte Bilder des Wünschbaren, für die vage bis sehr konkrete Vorstellungen bestehen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Ressourcen und Mitteln sie verwirklicht werden könn(t)en.“ Beispielhaft sei die seit 1992 verbindliche Verankerung der Menschenrechte im Internationalen Recht genannt.

Die zwei letzten Thesen beziehen sich auf Menschen- und Sozialrechte als Ausbildungsthema der Sozialen Arbeit und auf Menschen- und Sozialrechte als soziale Praxis.

Diese Beschreibung einer Theorie Sozialer Arbeit als ‚Menschenrechtsprofession’ hat deutlich gemacht, dass der Begriff Lebenswelt in der Sozialen Arbeit auch sehr schlüssig in einem globalen Kontext verstanden werden kann und mit Blick auf die Globalisierung auch verstanden werden muss.

1.4 Thiersch: Alltags- und Lebensweltorientierung

Der alltags- und lebensweltorientierte Theorieansatz nach Hans Thiersch stellt den Menschen in seinem individuellen Lebenskontext als Experte seines Handelns in den Mittelpunkt.

Professor Hans Thiersch (1935*), Emeritus für Sozialpädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen mit den Arbeitsschwerpunkten Theorien und Theorieentwicklung der Sozialpädagogik, Ethik der Sozialen Arbeit, Lebensweltorientierte Soziale Arbeit und Hilfen zur Erziehung ist der bedeutendste Vertreter der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit. Er stellt fest, dass es sich hierbei um einen „Titel für Konturen der Sozialen Arbeit [handelt; d. Verf.] wie sie sich in den vielfältigen Entwicklungen, - in Fachdiskussionen, Konzepten, Modellen und in neuen und neu strukturierten Profilen in Arbeitsfeldern - im Laufe der letzten 30 Jahre entwickelt haben, - Lebensweltorientierung also als Rahmen für Intentionen der Sozialen Arbeit, die unterschiedliche, aber auch zustimmende theoretische und praktische Entwicklungen zusammenzusetzen erlaubt“ (Thiersch, in: Wöhrle 2003, 287).

Damit zeigt Thiersch die Schwierigkeit auf, die im Kontext dieses Kapitels stets präsent war. Die vorgestellten Theorien sind in verschiedenen Publikationen der Autoren erweitert, verändert und entwickelt worden[13], so dass die Zusammenfassungen hier keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit leisten können und wollen.

Anknüpfend an die wissenschaftstheoretische Betrachtung, verwendet Thiersch (2005, 6) die Begriffe Lebensweltorientierung und Alltagsorientierung weitgehend synonym. Er strukturiert seine praxisbezogene, kritische Theorie der Sozialen Arbeit mit fünf Sachdimensionen:

- die Lebenswelt der Adressaten,
- die gesellschaftliche Funktion,
- die Institution,
- das professionelle Handeln und
- der Wissenschaftscharakter der Sozialen Arbeit (vgl. Thiersch 1996, 618; zit. nach Engelke 2002, 330). Klüsche (1999, 28) verweist mit Recht darauf, dass der Wissenschaftscharakter einer Theorie nicht zugleich Objekt derselben sein kann. Thiersch (1996,12f.; zit. nach ebd.) thematisiert in einer neueren Arbeit nur noch die vier ersten Dimensionen, wobei für dieses Kapitel das Verständnis von Lebenswelt und gesellschaftlichem Kontext elementar sind.

Die dritte und vierte Dimension (Institutionalisierung und Handlungskompetenz) werden in Kapitel drei erläutert.

1.4.1 Dimension Alltags- und Lebenswelt

Thiersch (in: Wöhrle 2003, 289) beschreibt seine lebensweltliche Betrachtungsweise, indem er hervorhebt: „Menschen werden nicht abstrakt, z.B. in Eigenschaften oder als Repräsentanten gegebener strukturteller [sic!] Verhältnisse oder als Funktionsträger innerhalb eines Systems, sondern in ihren konkreten, alltäglichen Verhältnissen gesehen“, die zugleich eine zeitliche, räumliche und soziale Komponente sowie einen Handlungs- und Bedeutungsraum beinhalten. Damit zeigt er eine andere systemische Sichtweise als die von Staub-Bernasconi auf. Diese betrachtet „soziale Probleme als Systemprobleme“ (Bango 1994, 83). Thiersch hingegen vertritt nach Ansicht der Verfasserin die Luhmannsche Systemtheorie, die „den Menschen als selbstreferentielles, psychisches System [sieht; d. Verf.], das sinnverwertend durch die Fähigkeit der Kommunikation sich in sozialen Problemen organisiert“ (ebd., 81). Dies zeigt sich in der Hervorhebung einer subjektiven Alltags- und Lebenswelt (Punkt 1.4.1) und in der Relevanz des gesellschaftlichen Kontextes (Punkt 1.4.2), auf den er verzichten würde, wenn er eine systemische Sichtweise ablehnen würde.

Anmerkend lässt sich hier sagen, dass es die Theoretiker der Sozialen Arbeit vermeiden einander zu zitieren, zu benennen oder gar wissenschaftstheoretisch Stellung zu beziehen. Eine solche Diskussion wäre aber im Kontext einer wissenschaftlich geführten Debatte zu einem einheitlichen Gegenstand Sozialer Arbeit angebracht. Eine Ausnahme stellt die Theoretikerin Staub-Bernasconi dar, die in verschiedenen Publikationen andere Ansätze kritisch diskutiert hat. Bezugnehmend auf diese Arbeit wurde so ein Vergleich der Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit erschwert.

Zurück zur wissenschaftstheoretischen Sichtweise Thierschs: Lebenswelt stellt keine geschlossene Einheit dar, sondern setzt sich aus verschiedenen Lebensbereichen zusammen, wie aus Familie, Beruf, Schule, Freundschaften oder aus Orten, wie Wohnstraßen oder anderen Alltagswelten. Lebenswelt ist ein Zusammenspiel ganzheitlicher, räumlicher, zeitlicher und sozialer Komponenten.

Thiersch (2002, 207) wendet sich auch gegen ein Verständnis von Lebensweltorientierung, das als ‚globaler Anspruch’ verstanden werden kann: “Als gäbe es keine Bereiche, in die Soziale Arbeit sich nicht als Anwalt eines ganzheitlichen, gleichsam unverkürzt gesehenen Lebens einzumischen habe. Eine solche Interpretation ist ein Missverständnis.“ Vielmehr soll Soziale Arbeit ihr ganzheitliches Mandat von ihrem spezifischen Ort aus wahrnehmen (vgl. ebd., 208), also auf historisch gewachsene Aufgaben zurückgreifen und sich abgrenzen vom allgemeinen Gestaltungsprinzip einer Lebensraumorientierung, das für viele Bereiche wie z.B. die Umweltpolitik, für die Wohnungsbaupolitik, aber auch für Medizin und Justiz gilt oder gelten soll (vgl. ebd., 207). Hierzu ist kritisch anzumerken, dass gerade die professionelle Spezifität Sozialer Arbeit ihre Vielfalt und ‚Allzuständigkeit’ ist (vgl. Klüsche 1999, 126) und eine Abgrenzung eher spezifisch durch die Art der Problemlagen[14] erfolgen sollte.

Thiersch konkretisiert mehrfach sein Konzept von Lebenswelt und Alltag. Bezugnehmend auf das Verständnis der ‚subjektiven Welt’ von Husserl (vgl. Punkt 1.1) und die Ausführungen von Karel Kosik (1967) zum Alltag sieht Thiersch Menschen in ihren subjektiven Deutungs- und Handlungsmustern, wie sie die Wirklichkeit erfahren (vgl. Thiersch 2003, 5). Zunächst differenziert der Lebenswelttheoretiker (1986, 11f.) die Begrifflichkeiten ‚Alltag’ und ‚Alltagsorientierung’:

Einen Alltag haben alle Menschen und die Rede vom Alltag zielt nicht auf einen ‚bedeutenden’ Menschen, sondern meint alle, gerade auch den ‚kleinen Mann’. Alltag ist zunächst charakterisiert durch die Vielfältigkeit von Problemen und Aufgaben, die bewältigt werden müssen. Die Rede vom Alltag ‚entmachtet’ die Herausgehobenheit spezieller und spezialisiert anzugehender Aufgaben und zielt auf die allgemeinen Alltagsschwierigkeiten, vor allem auch auf die gering scheinenden, unauffälligen.

[...]


[1] Vgl. beispielhaft Genenger-Stricker 2005; Klüsche 1999; Wöhrle 2003, 34.

[2] Zugunsten einer besseren Lesbarkeit wurde fast durchgehend die männliche Sprachform gewählt. Dies beinhaltet keine geschlechtsspezifische Wertung. Sofern nicht besonders betont, sind immer beide Geschlechter angesprochen.

[3] Eine weitere aktuelle Theorie der Sozialen Arbeit basiert auf der Denkweise des Konstruktivismus: Die Realität ist ein Konstrukt und es gibt so viele Welten wie es Menschen gibt, weil sich jeder Mensch seine Wirklichkeit selbst konstruiert. Da es mir im Kontext der vorliegenden Arbeit wichtig erscheint, einen Lebensweltbezug herzustellen, der an den individuellen Denkmustern der Menschen anknüpft und ich in meinen Überlegungen davon ausgehe, dass ein Sozialarbeiter/Sozialpädagoge mit einer emphatischen, authentischen und kongruenten Grundhaltung in der Lage ist, eine Beziehung zum Klienten aufzubauen, mittels derer er sich in diese individuelle Welt des Klienten hineinversetzen kann, ist der Konstruktivismus hier unbrauchbar, weil er dies nicht für möglich hält. Es wäre allenfalls ein Konstrukt.

[4] Vgl. dazu die Ausführungen von Hans Thiersch in Punkt 1.4.

[5] Ein System ist ein ganzheitlicher Zusammenhang von Teilen, deren Beziehungen untereinander quantitativ intensiver und qualitativ produktiver sind als ihre Beziehungen zu anderen Elementen. Diese Unterschiedlichkeit konstituiert eine Systemgrenze, die System und Umwelt des Systems trennt.

[6] Staub-Bernasconi orientiert sich in ihrer Theorie an den bedürfnistheoretischen Ausführungen von Werner Obrecht (1994, 1995). Menschen haben biologische, psychische, soziale und kulturelle Bedürfnisse. Die Befriedigung eines Bedürfnisses ist abhängig von ökonomischen (Menge und Verfügbarkeit) und individuellen Bedingungen. Daraus ergeben sich Probleme der Bedürfnisbefriedigung (vgl. Engelke 2002, 369).

[7] Der Begriff des Ästhetischen bezieht sich auf die in Kapitel zwei dargelegte ursprüngliche ‚aisthetische’ Bedeutung der sinnlichen Wahrnehmung.

[8] Vgl. weiterführend zu der Bedeutung von Psychomotorik und künstlerischen Erlebnisweisen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen Domma/Nievelstein, in: Dräbing 2006.

[9] Vgl. zu den Thesen ausführlich Staub-Bernasconi, in: Heiner 1998, 305-332.

[10] Alle Erklärungen zu den Thesen von Staub-Bernasconi beziehen sich im Nachfolgenden auf die Ausführungen von Genenger-Stricker zu den Seminarunterlagen SS 2005.

[11] Der Vollständigkeit halber wird hier der genaue Wortlaut von Artikel 27 genannt, der in der „Allgemeine(n) Erklärung der Menschenrechte verkündet von der Generalversammlung der Vereinten Nationalen am 10. Dezember 1948“, formuliert wurde (in: Staub-Bernasconi 1998):

„1. Jeder Mensch hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich der Künste zu erfreuen [Herv.; der Verf.] und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Wohltaten teilzuhaben. 2. Jeder Mensch hat das Recht auf Schutz der moralischen und materiellen Interessen, die sich aus jeder wissenschaftlichen, literarischen oder künstlerischen Produktion ergeben, deren Urheber er ist.“

[12] Es werden drei aktuelle Debatten geführt. Es geht z.B. um die Streitfrage, inwieweit bei der Umsetzung der Menschenrechte die Rechte der Frau berücksichtigt werden und inwieweit die westliche Welt sich als Maßstab für die Umsetzung von Freiheitswerten verstehen darf, bzw. diese Sichtweise nicht eher dazu missbraucht, eine aggressive, wirtschaftliche Expansionspolitik voranzutreiben. Eine dritte Diskussion betrifft das Verhältnis des Islams zu den Menschenrechten.

[13] Der Gegenstand der Handlungswissenschaft Sozialer Arbeit wird durch drei Unterkategorien (Gegenstandserklärung, Gegenstandsbereich, Gegenstandsbearbeitung) ausdifferenziert. Theoriemodelle zur Gegenstandserklärung haben Auswirkungen auf die Sichtweise von Akteuren und Adressaten. Sich verändernde gesellschaftliche Rahmenbedingungen, eine Erweiterung des Adressatenkreises oder neue Handlungskonzepte wirken sich wiederum auf die Theoriemodelle aus, so dass die Theorien der Sozialen Arbeit sich verändernd dynamischen Wechselwirkungen unterliegen (vgl. hierzu ausführlich Klüsche 1999).

[14] Die Problemlagen der Klientel Sozialer Arbeit sind durch drei Merkmale gekennzeichnet. Sie können von den Klienten nicht mit eigenen Mitteln ökonomischer, kultureller oder psychophysischer Art behoben werden; sie verhindern ‚gelingendes Leben’ und beinhalten individuelle und gesellschaftliche Folgen (vgl. Klüsche 1999, 46f.).

Details

Seiten
98
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638859264
ISBN (Buch)
9783640196166
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82576
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule NRW; ehem. Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Aachen
Note
1,0
Schlagworte
Lebensweltorientierte Kunsttherapie Sozialen Arbeit

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Titel: Lebensweltorientierte Kunsttherapie in der Sozialen Arbeit