Lade Inhalt...

Die "demokratische Methode" konkurrierender Eliten nach Joseph A. Schumpeter - Darstellung, Kritik und pragmatische Relevanz für das 21. Jahrhundert

Hausarbeit 2007 26 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Differenzierte Kontexte
2.1 Interner Kontext
2.2 Externer Zusammenhang

3. Grundlegende Definitionen nach Schumpeter

4. Schumpeters Demokratietheorie
4.1 Die klassische Demokratietheorie
4.2 Die „demokratische Methode“
4.3 Die Demokratietheorie in der Praxis

5. Bewertung
5.1 Kritik an Schumpeter
5.2 Aktuelle Relevanz

6. Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

Anlage 1: Zusammenfassung der Demokratietheorie

1. Einleitung

Der Begriff der Demokratie erfährt momentan weltweiten Aufschwung. In ehemaligen Kriegs- und Krisengebieten[1] werden Demokratisierungspolitik und demokratische Prinzipien durch externe Nationen implementiert oder aufoktroyiert. Bisweilen geschieht dies vor dem Hintergrund nationaler Sicherheits- und Wirt­schaftsinteres­sen, zumindest in der Theorie und jüngst mit der wahren Intention zur Schaffung struktureller und ökonomischer Stabilität sowie Integrität.

Von Aristoteles bis Young haben sich zahlreiche Philosophen, Wissenschaftler und Ökonomen der Erforschung einer geeigneten Demokratietheorie gewidmet. Vor dem Hintergrund geschilderter Kontexte ist es plausibel, weshalb differenzierte Demokratietheorien aus unterschiedlichen Epochen hoch aktuell sind und auf ihren Pragmatismus hin minuziös analysiert werden.

Damit einhergehend wird in dieser Arbeit das Demokratieverständnis des Ökonomen Joseph A. Schumpeter, welches dieser in einem seiner Hauptwerke „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ zum Ausdruck brachte, geklärt werden. Die Ergebnisse werden in Beziehung zu ihrer aktuellen pragmatischen Relevanz gesetzt.

2. Differenzierte Kontexte

Um das Demokratieverständnis von Schumpeter vollends herauszukristallisie­ren, ist es notwendig, seine Ansätze genuin unter verschiedenen Kontexten zu berücksichtigt.

Der „interne“ Kontext impliziert die Biographie Schumpeters, exemplarisch sein Leben, seine Familie und seine Werke. Der „externe“ Kontext beschreibt konträr die historischen und personellen Influenzen, welche Schumpeter in seinem Denken beeinflusst haben.

2.1 Interner Kontext

Joseph Aloisius Julius Schumpeter wurde am 08.02.1883 in Triesch[2][3] in Mähren, als Kind von Josef Schumpeter und dessen Ehefrau Johanna geboren. Sein Vater arbeitete als Tuchfabrikant, seine Mutter entstammte einer angesehenen Arztfamilie.

1887 verstarb Schumpeters Vater. Seine Mutter heiratete 1893 den deutsch-ungarischen Feldmarschalleutnant Sigmund von Kéler. 1906 zerbrach diese Ehe, wobei von Kéler angeblich großen Einfluss auf die Erziehung des Stiefsohns gehabt haben soll.[4]

Von 1893-1901 besuchte der Jugendliche die hoch angesehene Eliteschule Theresianum in Wien, die allgemein als Sprungbrett für eine Karriere im Staatsdienst angesehen wird. Der Abiturient absolvierte im Anschluss das Studium der Rechte und der ökonomischen Staatswissenschaften im Zeitraum 1901-1905 an der Univer­sität Wien.[5] Nach Schumpeters Promotion zum Doktor der Rechte 1906 führten ihn Forschungsreisen und berufliches Interesse nach Cambridge, Oxford und Ägypten.

1909 habilitierte sich Schumpeter an der Universität Wien und war anschließend als Privatdozent hier tätig. Als außerordentlicher Professor für politische Ökonomie wirkte Schumpeter erstmalig im Zeitraum 1909-1911 in Czernowitz, einer Gebietshauptstadt der Ukraine. Von 1911-1921 folgten abwechselnd die Professuren für politische Ökonomie an der Universität Graz und seine Tätigkeit als Austauschprofessor an der Colombia University, New York. Als ordentlicher Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaft war Schumpeter von 1925-1932 an der Universität Bonn tätig.[6] Dem Ruf der Harvard University folgend, emigrierte Schumpeter 1932 in die Vereinigten Staaten, wo er in Cambridge, Massachusetts die Professur des Department of Economics übernahm. Am 08.01.1950 verstarb Schumpeter in Taconic, Connecticut an einer Gehirnblutung.

Zusammenfassend führte Schumpeter ein Leben mit zahlreichen Beziehungen und Affären. 1907 heiratet er Gladys Ricarde Seavers, von der er sich 1920 trennte. 1925 vermählte sich Schumpeter mit Anna Josefine Reisinger, die 1926 im Kindbett verstarb. Sie brachte einen Sohn mit dem Namen Joseph zur Welt, der kurz nach der Geburt ebenfalls entschlief. Während seiner mehrmonatigen Europaaufent­halte 1933, 1934 und 1935 begleitete ihn seine deutsche Lebenspartnerin Mia Stöckel. Mitte 1937 heiratete Schumpeter in den Vereinigten Staaten die Nationalökonomin Elizabeth Boody Firuski.

Politisch engagierte sich Schumpeter 1919 in seiner siebenmonatigen Amtszeit als deutsch-österreichischer Finanzminister.[7] Im Managementbereich war er als Leiter der Biedermann-Bank von 1921-1925, die er zu Zeiten der Wiener Bankenkrise und der Großen Inflation nicht vor dem Konkurs retten konnte

(vgl. Hedke 2007, pass.; vgl. Kurz 2005, S. 13ff.; Swedberg 1994, S. 15ff.).

2.2 Externer Kontext

Personell soll Schumpeter bereits in jungen Jahren während seines Studiums durch seinen Lehrer, den späteren deutsch-österreichischen Finanzminister Eugen Böhm von Bawerk[8], beeinflusst worden sein (vgl. Swedberg 1994, S. 27). Daran angelehnt verinnerlichte Schumpeter die Inhalte der marxistischen Theorie und Literaturen sowie Beiträge des Philosophen Max Weber, so dass diese geistigen Strömungen maßgeblichen Einfluss auf seine Denkrichtung ausübten.[9] „In der Geschichte des ökonomischen Denkens ist man von Pareto […] bis zu Schumpeter […] dem Marxschen Verdikt meist gefolgt“ (von Beyme 2002, S. 669). Die deutschen Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor Adorno, Gründer der Frankfurter Schule[10], die mit ihrer Theorie kritisch das kapitalistische Wirtschaftssystem und die vorherrschende Ideologie durchleuchteten, beeinflussten ebenfalls Schumpeters Gedankengut.

Weiterhin pflegte dieser Kontakte zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), vor allem zu Otto Bauer[11], der 1919 Schumpeters Berufung zum Finanzminister unterstütze (vgl. Swedberg 1994, S. 27). Auch wenn es sich in diesem Fall nur um eine indirekte Beeinflussungsmöglichkeit bei Schumpeter handelte, sollte sie dennoch Erwähnung finden.

In Bezug auf die historische Influenz ist Schumpeter einerseits durch die Präsens und das Leid zweier Weltkriege innerlich wie gesundheitlich betroffen gewesen (vgl. Schumpeter 1950, S. 481; vgl. Kurz 2005, S. 30). Andererseits beeinflusste die russische Oktoberrevolution Schumpeter, verstärkt durch dessen Auseinandersetzung mit der marxistischen Ideologie.

3. Grundlegende Definitionen nach Schumpeter

Schumpeters Werk umfasst vier differenzierte Teile, wobei letzterer den für diese Arbeit relevanten Bereich der Demokratie impliziert.[12][13] Daran angelehnt erläutere ich im Vorfeld generelle Begriffe nach Schumpeters Ansicht, um seine demokratietheoretischen Ausführungen vollends verstehen zu können.

Volk: Demokratie impliziert für Schumpeter eine „Herrschaft des Volkes“. „Denn um überhaupt sinnvoll zu sein, dürften sich die Ausdrücke Delegation und Repräsentation nicht auf einzelne Bürger beziehen – das wäre die Lehre der mittelalterlichen Stände –, sondern auf das Volk als ganzes [Herv. d. Verf.]“ (Schumpeter 1950, S. 393). Phänomenal erscheint ihm das rationale Bewusstsein der Bevölkerung, welches wirtschaftliche, religiöse oder geschlechtsspezifische Disqualifi­katio­nen innerhalb der eigenen Reihen als mit der Demokratie vereinbar betrachtet.[14] Schumpeter sieht eine destillierte „Herrschaft des Volkes“ nur in „[…] small and primitive communities with a simple social structure“ (Schumpeter 1976, S. 245). Im Fall einer „unmittelbaren Demokratie“ wird die Regierung durch das Volk gebildet.[15]

Parlament: Das Volk delegiert seine Macht an ein Parlament, wobei letzterem eine repräsentative Aufgabe zukommt. Die Bedeutung des Parlaments ist für Schumpeter relevant, da seiner Meinung nach „[…] die Rolle des Volkes darin besteht, […] eine Regierung hervorzubringen oder sonst eine dazwischengeschobene Körperschaft [exemplarisch eines Parlaments; Anm. d. Verf.], die ihrerseits eine […] Regierung hervorbringt“ (Schumpeter 1950, S. 427). Die Hauptfunktion des Parlamentes besteht darin, Regierungen ein- oder abzusetzen. „Fundamentally, then, the current production of parliamentary decisions […] is the very method by which Parliament keeps or refuses to accept the Prime Minister’s leadership“ (Schumpeter 1976, S. 279). Die parlamentarisch angeleitete Regierungsführung entspricht so der demokratischen Methode nach Schumpeter.

Regierung: Das Kabinett besteht aus Mitgliedern der Liste des Premiers, die vom Parlament akzeptiert, aber in gewisser Weise beeinflusst wird. Die Regierung besteht aus einer Versammlung von „Unterführern“, die ihre eigenen Interessen vertreten. Damit eine Symbiose zu Stande kommt, entscheiden sich die Minister einerseits, unter einem Premier zu dienen, andererseits werden die politischen Programme an die Vorstellungen der Minister in etwa angepasst (vgl. Schumpeter 1950, S. 434ff.). Somit ist die Regierung keine vergleichbare Instanz mit der Partei, dem Parlament oder der Wählerschaft. Sie ist, nach Schumpeter, eine Art mittelbare Führung.

Partei: Schumpeter bezieht sich bei seinem Parteienverständnis auf zahlreiche sozialistische Fraktionen, exemplarisch in England, Belgien, den Niederlanden, den skandinavischen Ländern, den Vereinigten Staaten und im Falle Deutschlands auf Parteibildungen im Untergrund oder Exil. Die sozialistisch kommunistische Einheitspartei Russlands (KPdSU) offenbart „[…] [eine] Möglichkeit der Machtergreifung mit der Unmöglichkeit, es mit demokratischen Mitteln zu tun […]“ (Schumpeter 1950, S. 380).[16] Die klassische Lehre assoziiert mit Partei eine Gruppe von Menschen, die das allgemeine Wohl des Volkes, aufgrund eines einheitlichen Prinzips, zu versuchen erreichen. In Wirklichkeit hinterlegt jede Partei derartige ideologische Prinzipien als Rettungsanker im eigenen Parteiprogramm, so dass Schumpeter folgende Parteidefinition äußert: „Eine Partei ist eine Gruppe, deren Mitglieder willens sind, im Konkurrenzkampf um die politische Macht in Übereinstimmung miteinander zu handeln“ (Schumpeter 1950, S. 450).

[...]


[1] Exemplarisch sind hier die Balkan-Länder und die dortigen Jugoslawienkriege im Zeitraum 1991 bis 1999 sowie der Nahe Osten mit den Golfkriegen von 1990/91 und 2003 zu nennen.

[2] Ich habe den internen Kontext als ein Konglomerat der Aussagen differenzierter Autoren am Ende zusammengefasst und nicht einzeln im Text belegt.

[3] Triesch war damals Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und entspricht dem heutigen Trest in Tschechien.

[4] Dies resultiert aus der Tatsache heraus, dass von Kéler aufgrund seines Berufes dem jungen Schumpeter entsprechend hohe Schul- und Weiterbildungsmaßnahmen finanzieren konnte.

[5] Die fachlichen Curricula implizierten umfassende nationalökonomische Vorlesungen.

[6] Während dieser Phase, im Jahr1926, verstarb seine Mutter Johanna Schumpeter.

[7] Die kurze Amtsperiode resultiert aus der Tatsache, dass Schumpeter den Verkauf des damals größten österreichischen Unternehmens, Alpine Montan, an ein italienisches Konsortium geduldet hat, was in der Konsequenz mit der angestrebten Regierungspolitik einer Sozialisierung nicht in Einklang gebracht werden konnte.

[8] Böhm-Bawerk war ein berühmter Ökonom, Vertreter der Wiener Schule und Begründer der österreichischen Kapitaltheorie.

[9] „Von Weber übernimmt Schumpeter die Lehre von der Bedeutung der Organisation, der Bürokratie und der politischen Führung“ (Schmidt 2000, S. 207). Ähnlich verhält es sich mit dem Vergleich von Demokratie mit einer Methode und nicht mit einer normativen Zielgröße. „Auf Marx lässt sich die Vorstellung von der zerstörerischen Dynamik der bürgerlichen Gesellschaft zurückführen“ (Schmidt 2000, S. 207).

[10] Die Frankfurter Schule gilt als eine der bedeutsamsten philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Sie implizierte die neomarxistische, dialektische „Kritische Theorie“ (vgl. Microsoft 2005, pass).

[11] Otto Bauer war von 1918 bis 1934 stellvertretender Parteivorsitzender der SDAP und prägte die organisationelle Ideologie des „Austromarxismus“, eine Abart des klassischen Marxismus (vgl. Microsoft 2005, pass).

[12] Die Demokratie-Definition nach Schumpeter wird aufgrund ihrer Wichtigkeit in Punkt 4.2 ausführlich erörtert werden.

[13] Alle Buchartikel müssen vom Leser individuell korrekt interpretiert und zusammengefügt werden, damit das Werk als Ganzes nachvollziehbar wird.

[14] Exemplarisch wurden im Mittelalter keine minderwertigen Bevölkerungsgruppen wie Arme oder Bettler berücksichtigte. Heutzutage sind diese öffentlichen Diskriminierungen verschleiert in der Art, dass das Wahlrecht an ein bestimmtes Alter des Individuums und somit die Adoleszenz gebunden ist.

[15] Außerhalb der unmittelbaren Demokratie ist das Volk niemals befähigt, wirklich zu herrschen. Bei westlichen Demokratien könnte man eher von einer „gebilligten Regierung“ durch das Volk, als von einer „Regierung durch das Volk“ sprechen.[15] „[Das] Volk herrscht in der Tat und Wahrheit nie, aber durch Definition kann es immer dazu gebracht werden“ (Schumpeter 1950, S. 391).

[16] Daran angelehnt äußert Schumpeter eine Tatsache, die sozialistischen wie auch allen anderen Parteien anderen gemein ist. „[They] simply espouse democracy if, as, and when it serves their ideals and interests and not otherwise” (Schumpeter 1976, S. 240).

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638887960
ISBN (Buch)
9783638888448
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82530
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
Schlagworte
Methode Eliten Joseph Schumpeter Darstellung Kritik Relevanz Jahrhundert Besondere Einführung Theorie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die "demokratische Methode" konkurrierender Eliten nach Joseph A. Schumpeter - Darstellung, Kritik und pragmatische Relevanz für das 21. Jahrhundert