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Gesprächswörter im gesprochenen Spanisch

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 25 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Überblick über die bisherigen Forschungsansätze

III. Die Kategorien der Gesprächswörter und äquivalenten
Verfahren nach Koch/Oesterreicher
1. Definition und Einordnung in den textuell-pragmatischen Bereich
2. Gliederungssignale
3. turn-taking -Signale
4. Kontaktsignale (Sprecher- und Hörersignale)
5. Überbrückungsphänomene (hesitation phenomena)
6. Korrektursignale
7. Interjektionen
8. Abtönungsphänomene
9. Zur Gesamtproblematik der Gesprächswörter im Sinne von Koch/Oesterreicher

IV. Der Ansatz von Söll/Hausmann und Gülich

V. Untersuchung der Theorie an einem spanischen Beispiel-Corpus

VI. Fazit

VII. Anhang

VIII.Bibliographie

I. Einleitung

„Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen.“ stellt Heinrich von Kleist in seinem Aufsatz Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (1805) fest.

Diesen sprachlichen Phänomenen des gesprochenen Wortes, auf die Kleist in seinem Lobpreis auf die gesprochene Sprache als „Denkhilfe“ aufmerksam wird, ist vorliegende Arbeit gewidmet, genauer den „Gesprächswörtern und äquivalenten Verfahren“[1], wie sie Koch/Oesterreicher klassifizieren.

Wie schon die Bezeichnung zeigt, finden Gesprächswörter nur in der gesprochenen Sprache Verwendung, wobei nach der Söll’schen Terminologie die „gesprochene Konzeption“ gemeint ist, also die ‚Intuition der Äußerung‘.[2] Wie sich allerdings zeigen wird, kommen die äquivalenten Verfahren oft aus dem parasprachlichen oder nichtsprachlichen Bereich, so dass sie im graphischen Code nicht immer adäquat wiedergegeben werden können und sich tatsächlich auf den phonischen Code beschränken.[3]

Darüber hinaus führen Koch/Oesterreicher (K/Oe) die Begriffe „kommunikative Nähe und kommunikative Distanz“ ein, um die Kombination und Gewichtung der Kommunikationsbedingungen – des Grads der Öffentlichkeit, der Vertrautheit der Partner, der emotionalen Beteiligung, der Situations- und Handlungseinbindung, des Referenzbezugs, der face-to-face-Kommunikation, des Kooperations-, Dialogizitäts- und Spontaneitätsgrads sowie des Grads der Themenfixierung – fassen zu können.[4] Damit tragen sie besonders dem Einfluss physischer Nähe/Distanz auf die Entstehung bzw. Frequenz der sprechsprachlichen (also entsprechend K/Oes Definition auch nähesprachlichen) Besonderheiten Rechnung, zu denen die Gesprächswörter zweifellos gehören.

Nach einem Überblick über die bisherigen Forschungen zum Thema wird – ausgehend von der K/Oe’schen Definition und Einteilung - zu zeigen sein, inwiefern die Gesprächswörter den spezifisch sprechsprachlichen Bedingungen entspringen. Daraufhin wird kurz der Umgang anderer Autoren mit dieser Erscheinung der gesprochenen Sprache vergleichend betrachtet und abschließend die theoretischen Ergebnisse am konkreten sprachlichen Material eines spanischen Beispiel-Corpus untersucht werden. Zu dem Zweck habe ich aus dem unserem Seminar zugrundeliegenden Corpus[5] die ersten Seiten (S. 365-367, Z. 45) herangezogen, da in ihnen sowohl dialogische als auch erzählende Passagen enthalten sind.

II. Überblick über die bisherigen Forschungsansätze

Obwohl schon in der Antike die gesprochene Sprache als Ursprung der Sprache und die graphische Umsetzung nur als deren Spiegelung betrachtet worden ist, fließt in ihrer Betrachtung meist nicht oder nur am Rande die Unterscheidung in Konzeption und Medium ein. Nach der Entstehung der eigentlichen Sprachwissenschaft bekommt das gesprochene Wort insbesondere durch die methodologisch neuartige Betrachtung des Vulgärlateins einen neuen Stellenwert, doch beschränkt sich ihre Erforschung zunächst auf Dialektologie und Sprachgeographie. Im Strukturalismus wird die gesprochene Sprache zwar weiterhin als Primat betrachtet, die Varietätenproblematik jedoch weitgehend zurückgedrängt, bis man sich schließlich auf den rein medialen Aspekt der Sprache beschränkt.

Seit den 1970er Jahren erfährt die Untersuchung der gesprochenen Sprache gerade im konzeptionellen Bereich einen ungeheuren Aufschwung durch „psycholinguistische, soziolinguistische, textlinguistische, pragmalinguistische und gesprächsanalytische Ansätze.“[6]

Die romanistische Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts hat von Anfang an die nähesprachlichen Varietäten behandelt. Das umfassendste Werk zu dieser Thematik ist wohl Ludwig Sölls Gesprochenes und geschriebenes Französisch (11974), das durch seine richtungsweisende theoretische Darstellung auch für vorliegende Arbeit große Bedeutung hat. Die Romanistik kann einige Arbeiten vorweisen, die die textlinguistische, pragmalinguistische oder gesprächsanalytische Sichtweise der gesprochenen Sprache vorwegnehmen, doch gehen die entscheidenden Impulse nicht von ihr aus und werden auch erst zeitlich versetzt angenommen, so in den Überarbeitungen von Sölls Werk durch Hausmann (²1980, ³1985).

Was die Erforschung der Einzelsprachen anbelangt, so nimmt Französisch – insbesondere aufgrund seiner Diskrepanz zwischen gesprochener und geschriebener Sprache – die Vorreiterrolle ein. Elisabeth Gülichs Betrachtung der Makrosyntax der Gliederungssignale im gesprochenen Französisch[7] liegt hinsichtlich der Gesprächswörter weiterführenden Forschungen meist zugrunde. Die Forschungen zum Spanischen sind dagegen sehr lückenhaft, wenngleich besonders reich an Corpora.[8] Häufig zitiert werden Helmut Berschin, der eine Abhandlung über „Gesprochenes und geschriebenes Spanisch“ verfasst hat,[9] und K/Oe, die in ihrem Werk Spanisch allerdings nur im Vergleich mit Französisch und Italienisch betrachten. Nicola Inhoffen hat im Lexikon der romanistischen Linguistik einen Aufsatz über die „Lengua hablada y lengua escrita“ verfasst, doch behandelt sie die Problematik der Gesprächswörter nur am Rande.

III. Die Kategorien der Gesprächswörter und äquivalenten Verfahren nach Koch/Oesterreicher

1. Definition und Einordnung in den textuell-pragmatischen Bereich

Koch/Oesterreicher führen die Gesprächswörter und äquivalenten Verfahren unter dem textuell-pragmatischen Bereich an. Darunter verstehen sie den Bereich derjenigen sprachlichen Elemente, die ausschließlich auf Instanzen und Faktoren der Kommunikation, also den Kontakt zwischen Produzent und Rezipient, die beiden Gesprächsrollen selbst, den Diskurs/Text, dessen Formulierung, die Vieldimensionalität der außersprachlichen Wirklichkeit (deiktische Konstellationen) sowie die sozialen Bezüge (Kontexte und Emotionen)[10] verweisen, oder aber selbst eine Instanz der Kommunikation sind (Diskurs/Text). Koch/Oesterreicher zufolge verweisen Gesprächswörter direkt auf Instanzen und Faktoren der Kommunikation, entsprechen also dem ersteren Elementarbereich des textuell-pragmatischen Bereichs. Inwiefern dies der Fall ist, werde ich im Rahmen der folgenden Darstellung der Kategorisierung der Gesprächswörter, wie sie von den beiden Autoren vorgenommen worden ist, untersuchen.

2. Gliederungssignale

Die sogenannten Gliederungssignale haben in der romanistischen Forschung zuerst Beachtung gefunden.[11] Sie markieren den Aufbau mündlicher Diskurse, entstehen also bei der Formulierung einer Nachricht, was darauf hinweist, dass sie die Kommunikationsinstanz Diskurs/Text betreffen. Nachdem in der gesprochenen Sprache aufgrund der hohen Spontaneität und Dialogizität nicht durch Absätze, hierarchisch-gestaffelten Aufbau eines Textes und „inhaltlich präzise Elemente“ auf Gedankenabschnitte aufmerksam gemacht werden kann, wird die lineare, aggregative Gestaltung des mündlichen Diskurses durch entsprechende Signale untergliedert, wodurch nicht zuletzt die Rezeption erleichtert wird. Allerdings wird durch diese Gliederungssignale nur signalisiert, dass ein neuer Diskursabschnitt beginnt oder endet, nicht aber präzisiert, welcher (z.B. entonces, y, luego, ahora, pues). Eine Verknüpfung mehrerer Gliederungssignale ist möglich.[12] Dabei verliert das entsprechende Material seine ursprüngliche Funktion, beispielsweise ahora die eines echten Temporaladverbs (erscheint ahora in dieser Funktion, kann es sich nicht um ein Gliederungssignal handeln!).[13]

Wie Koch/Oesterreicher feststellen, hat man das Feld der Gliederungssignale „in der Forschung zunächst sehr weit gefasst, so dass auch turn-taking -Signale, Kontaktsignale, Überbrückungsphänomene, Korrektursignale, ja sogar Abtönungselemente einbezogen wurden.“[14] Bei strenger Beachtung der gliedernden Funktion kann man in folgende Bereiche unterteilen, wobei eine Überschneidung mit turn-taking -Signalen (III/3) jedoch bestehen bleibt und alle Elemente auch innerhalb eines turns, teilweise sogar wiederholt verwendet werden können:

- Anfangssignale in dialogischen Diskursen, wie y, pero, pues, bueno, oye, mira etc.
- Schlusssignale in dialogischen Diskursen, wie no, verdad, eh, sabes etc.
- Anfangssignale in erzählenden Diskursen, wie y, entonces, luego etc.[15]

3. Turn-taking-Signale

Unter dem turn-taking versteht man den Wechsel der Sprecherrollen, also die Abgabe bzw. Übernahme des Rederechts. Vor allem ein unvermittelt vollzogener Sprecherwechsel, wie er für die Nähesprache typisch ist, ist oft durch Turn-taking -Signale markiert, die somit direkt am Kommunikationsfaktor „Gesprächsrolle“ angreifen. Sprecher wie auch Rezipient sind in einem spontanen Gespräch mit erhöhter Emotionalität beteiligt, wozu nicht zuletzt die Vertrautheit und physische Nähe der Partner beitragen. Diese Kommunikationsbedingungen führen zur verstärkten Verwendung der turn-taking -Signale, wobei eine geringe Themenfixierung erforderlich ist, um den Sprecherwechsel zu erleichtern.

Die turn-taking -Signale lassen sich in parasprachliche und nichtsprachliche (Lautstärke, Melodieverlauf, Mimik, Gestik etc.) und in sprachliche untergliedern. Letztere unterteilen Koch/Oesterreicher in eine erste Klasse, worunter alle Signale fallen, die die turn -Übernahme oder die turn -Beibehaltung bewirken, und in eine zweite, die das turn -Ende, also die Abgabe des Rederechts markiert.

Die turn-taking -Signale beider Klassen dienen auch zur dialogischen Gliederung, übernehmen in gewisser Weise also auch die Funktion von Gliederungssignalen. Daneben finden sich Überschneidungen mit Sprechersignalen, Überbrückungsphänomenen und Abtönungselementen, welche in den entsprechenden Kapiteln näher dargestellt werden. Koch/Oesterreicher rechtfertigen die Einführung der eigenständigen Kategorie durch den klar umrissenen Funktionsbereich des turn-taking.[16]

4. Kontaktsignale (Sprecher- und Hörersignale)

Unter den Begriff der Kontaktsignale fallen alle Elemente, die zur Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen Produzent und Rezipient dienen. Sie beziehen sich auf den Gesprächsfaktor „Kontakt“, nicht aber „Gesprächsrolle“, da die Verwendung der entsprechenden Signale keinen eigenen turn ausmacht. Ermöglicht wird ihr Einsatz durch die kommunikative und physische Nähe der am Gespräch Beteiligten, optimal ist eine face-to-face -Situation mit möglicher Rückkoppelung. Darüber steigern emotionale Beteiligung, Vertrautheit und Spontaneität die Bereitschaft zur Verwendung von Kontaktsignalen.

Besonders stark vertreten sind in dieser Kategorie die Signale para- und nichtsprachlicher Natur wie Intonation, Lachen, Pfeifen, Blickkontakt u.a. Im folgenden werden aber die sprachlichen Mittel zur Kontaktaufrechterhaltung dargestellt, die sich wiederum in Sprecher- und Hörersignale unterteilen lassen. Sprechersignale werden vom Produzenten an den Rezipienten gerichtet (eh, no, verdad, venga, sabes, mira, oye...) und sind, wenn sie stark verwendet werden, sogar mit einer Aufforderung an ihn verbunden, eine Reaktion zu zeigen, wie beispielsweise bei me explico oder entiende, evtl. in Verbindung mit einem parasprachlichen Signal. Hier wird bisweilen auch das turn-taking berührt.

Unauffälliger sind dagegen die Hörersignale, die dem Sprecher Aufmerksamkeit, Zustimmung, Erstaunen usw. des Zuhörers signalisieren, wobei er seine Gesprächsrolle aber nicht abgibt. Die Hörersignale lassen sich wiederum aufgrund ihrer Verwendung unterscheiden: werden sie stark eingesetzt, so nimmt der Rezipient klar inhaltlich Stellung zum Gesagten, beispielsweise mit ah sí, claro... Bei schwachem Einsatz dagegen liegt lediglich eine ständige begleitende kommunikative Rückkoppelung vor; so signalisiert vale beispielsweise Zustimmung, verdad Überraschung etc.[17]

[...]


[1] Im folgenden wird der Einfachheit halber nur die Rede von „Gesprächswörtern“ sein, gemeint sind jedoch immer auch die äquivalenten Verfahren

[2] Vgl. Ludwig Söll / Franz Josef Hausmann, Gesprochenes und geschriebenes Französisch, Berlin ²1980, S. 17-25.

[3] Die Codes beschreiben nach Söll jeweils das Medium, den Kommunikationsweg.

[4] Vgl. Peter Koch / Wulf Oesterreicher, Gesprochene Sprache in der Romania: Französisch, Italienisch, Spanisch, Tübingen 1990, S. 8-10.

[5] Juan M. Lope Blanch (ed.), El habla culta de la ciudad de México: materiales para su estudio, México 1971

[6] Koch/Oesterreicher, S. 21

[7] Elisabeth Gülich, Makrosyntax der Gliederungssignale im gesprochenen Französisch, Struktura, Bd. 2, München 1970

[8] vgl. Koch/Oesterreicher, S. 25

[9] Helmut Berschin, „Gesprochenes und geschriebenes Spanisch“, in: Hispanorama 24 (1980a), 173-178

[10] vgl. Koch/Oesterreicher, S. 8

[11] vgl. Elisabeth Gülich, Zur Makrosyntax der Gliederungssignale im gesprochenen Französisch, München 1970.

[12] vgl. Koch/Oesterreicher, S. 51ff

[13] vgl. Koch/Oesterreicher, S. 54

[14] vgl. Koch/Oesterreicher, S. 54 und Kap. IV. meiner Arbeit.

[15] vgl. Koch/Oesterreicher S. 54

[16] vgl. Koch/Oesterreicher, S. 55f

[17] vgl. Koch/Oesterreicher, S. 57-60

Details

Seiten
25
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638152617
ISBN (Buch)
9783640857272
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8237
Institution / Hochschule
Universität Passau – Philosophische Fakultät
Note
sehr gut
Schlagworte
Gesprächswörter Spanisch Gesprochenes Spanisch

Autor

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Titel: Gesprächswörter im gesprochenen Spanisch