Lade Inhalt...

Die Engel in Uwe Timms Roman Rot

Der Siegesengel fliegt davon

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Walter Benjamin und sein Engel der Geschichte
2.1 Linde und der Engel der Geschichte
2.2 Engel auf der Siegessäule und Engel der Geschichte

3 Linde und der Siegesengel

4 Berlin, Siegesengel und Siegessäule
4.1 Die Linde
4.2 Viele Straßen – komplexe Erzählung

5 Iris, vom Regenborgen bis zur Götterbotin

6 Die Frage nach dem Sinn des Lebens
6.1 Die Frage nach dem Sinn des Lebens in Rot
6.2 Die Liebe in Wim Wenders der Himmel über Berlin und Uwe Timms Rot

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ein Engel -: ein im Himmlischen Zerstreuter,
der um dich ist seitdem du hier erschienst;
kaum jemals trauriger, kaum je erfreuter,
doch immer strahlender in deinem Dienst.

Rainer Maria Rilke Der Engel 2. Strophe

Rainer Maria Rilke kommt in vielen seiner Gedichte immer wieder auf das Überirdische, auf die Engel, zu sprechen. Selbst Wim Wenders sieht die Grundlage seines Films Der Himmel über Berlin in Rilkes Gedichten. Engel spielen in der Literatur seit Jahrhunderten eine Rolle. Nach traditionellen Vorstellungen bilden sie das unsichtbare Band zwischen Gott im Himmel und den Menschen auf Erden.

Auch Uwe Timm hat das Motiv der Engel in seinem 2001 erschienenen Roman Rot aufgegriffen. Bereits auf dem Titelbild ragt der Siegesengel über den Horizont hinaus in den hellen, weißen Himmel. An vielen Stellen des Romans begegnen dem Leser die überirdischen Wesen. Es ist jedoch nicht möglich einen Engel auszumachen, der im klassischen Sinne das Band zwischen Gott und den Menschen darstellt. Die Struktur des Romans gestaltet sich viel komplexer, so dass in Rot mehrere Engel am Romangeschehen mitwirken, die auf Anhieb nicht eindeutig zuzuordnen und zu identifizieren sind. Es loht sich daher einen genaueren Blick auf die Vielfältigkeit der Spielarten und der Bedeutungen der Engel zu werfen und diesen auf den Grund zu gehen.

Bei der Betrachtung soll im Folgenden so vorgegangen werden, dass in einem ersten Schritt ein möglicher Zusammenhang zwischen Walter Benjamins Engel der Geschichte und Linde sowie dem Siegesengel aufgezeigt werden soll. Hierbei gilt es zunächst Walter Benjamins Geschichtsauffassung und dessen Überlegungen bezüglich des Bildes Angelus Novus näher zu beleuchten um schließlich in einem weiteren Schritt Parallelen zwischen Uwe Timms Engeln und dem Benjamins aufzuzeigen.

Daran schließt die Betrachtung des Zusammenspiels zwischen Linde und dem Siegesengel an. Dieser Abschnitt soll Aufschluss über mögliche Zusammenhänge bezüglich der Identität des Protagonisten und dem Engel der Siegessäule liefern.

Die in diesem Abschnitt gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich auf die Stadtstruktur Berlins projiziert werden. Hierbei besteht das Ziel der Untersuchung in der Erkenntnis einer möglichen Parallele zwischen erzähltechnischem Kunstgriff im Roman und architektonischem Aufbau Berlins.

In einem weiteren Schritt kommt es anschließend zur Betrachtung Iris’. Innerhalb dieses Abschnittes soll geklärt werden, welche Rolle ihr im Zusammenhang mit der Engelsthematik zufällt.

Letztendlich kommt es noch zur Sinnfrage des Lebens, wobei hier in einem ersten Schritt die Frage nach dem Sinn des Lebens im Allgemeinen zu klären ist. Daran anschließend soll die Sinnfrage in Rot, anhand der Erfahrungen und Einstellungen des Protagonisten Thomas Linde, reflektiert werden. Diese Frage nach dem Sinn des Lebens soll schließlich zum Bezug des Romans Rot zu Wim Wenders Film Der Himmel über Berlin überleiten.

2 Walter Benjamin und sein Engel der Geschichte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Paul Klee: Angelus novus

Walter Benjamins Geschichtsverständnis steht in Opposition zu jedem linearen oder erfahrungsneutralen Historismus. Vor allem die Geschichte des 19. Jahrhunderts, mit ihrer Fortschrittsorientierung, trifft Benjamins feindselige Betrachtung. Für Benjamin ist die Geschichte eine Abfolge von Katastrophen. Der Fortschritt überdeckt diese Katastrophen nicht, sondern ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren[1]. In Benjamins Schrift Über den Begriff der Geschichte findet sich sein bekanntester und am häufigsten kommentierter Text. In diesem schenkt Walter Benjamin Paul Klees Bild Angelus novus große Aufmerksamkeit und Hingabe. Entgegen aller Interpretationen dieses Bildes richtete er sich mit mehreren völlig neuen Auslegungen, welche wahrscheinlich auf sein eigenes Leben abzielten. Bei seiner endgültigen Deutung des „Angelus novus“ zum Engel der Geschichte, darf man Benjamins Verzweiflung, welche der 1940 geschlossene Hitler-Stalin-Pakt in ihm auslöste, und seine eigene Bedrohung durch die Übermacht der Nationalsozialisten[2] nicht außer Acht lassen. Benjamin beschreibt den Engel der Geschichte so:

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.[3]

In diesem Bild erkennt Benjamin seine Geschichtsauffassung wieder und bringt sie mittels des von ihm beschriebenen Engel der Geschichte zum Ausdruck. Die traditionelle Engelsauffassung, welche diesen als Boten Gottes ins Licht rückt, vertritt Benjamin nicht. Er sieht den Engel als eine Art sprachlosen Flüchtling, der nicht vertikal zwischen himmlischer und irdischer Sphäre vermittelt, sondern von den paradiesischen Anfängen den Weg über all das Leid der Geschichte bis hin zu allen Katastrophen der Zukunft nimmt.[4] Benjamin beschreibt seinen Engel hier als melancholische Gestallt. Er wendet den Rücken der Zukunft zu, schaut also in die Vergangenheit, welche er als Trümmerhaufen hinter sich liegen sieht. An ihr kann er aber nichts mehr ändern, er kann die Zerstörung und das Leid der vergangenen Zeit nicht rückgängig machen. Hieran hindert ihn der große Gegenspieler, die Fortschrittsorientierung, welche als Bild erscheint. Sie gelangt durch die Metapher des Sturmes, welcher sich in den Flügeln des Engels verfängt, zum Ausdruck. Durch diesen Sturm bleibt es dem Engel verwährt zu verweilen, er drängt ihn in die Zukunft, so dass er in immer neue Katastrophen verwickelt wird.

2.1 Linde und der Engel der Geschichte

Erinnert dieser Engel nicht an den Protagonisten Linde in Uwe Timms Rot ? Gleich zu Beginn des Romans stirbt Thomas Linde, da er bei Rot über eine Verkehrsstraße lief und von einem Auto angefahren wurde. Er liegt auf der Straße und neben ihm das Päckchen Sprengstoff, welches ihm Aschenberger, sein Freund aus den 68ern, hinterlassen hat. Linde möchte die Leute warnen, dass es sich bei dem Päckchen, welches sich in seiner unmittelbaren Nähe befindet, um Sprengstoff handelt, aber es ist ihm nicht möglich das Wort Sprengstoff zu artikulieren. Er kann nicht vor den möglichen Folgen, welche das gefährliche, explosive Päckchen mit sich bringen kann, warnen. Linde muss somit schweigen und kann nicht retten.[5] Er ist machtlos, die Geschichte liegt ihn Form des Sprengstoffs, welcher unter anderem die 68er symbolisiert[6], neben ihm.

Dies ist eine erste Anlehnung an Benjamins Engel der Geschichte, denn wie im Vorangegangenen ersichtlich wurde, kann auch dieser nichts ändern, obwohl er den Trümmerhaufen im Blick hat.

Die Anlehnung an Walter Benjamins Engel der Geschichte schwingt in Rot allerdings nicht nur implizit mit, es findet sich auch ein ausdrücklicher Hinweis darauf. Der aufmerksame Leser findet den Engel im Werk Uwe Timms explizit erwähnt: Ich hatte mir ein paar Stichworte notiert. Der Engel der Geschichte.[7] Betrachten wir Linde nochmals etwas genauer in Hinblick auf den Benjaminschen Engel, so ist festzustellen, dass Linde ebenfalls, wie der Engel der Geschichte, zurück in die Vergangenheit blickt. Er erzählt von seinem Leben und den 68ern, woran er auch nichts mehr ändern, worauf er nur noch zurückblicken kann. Innerhalb seiner Erzählung und seines Rückblicks auf sein Leben könnte man an einigen Stellen annehmen, dass auch die Dramatik, welche dem Benjaminschen Engel widerfährt, bei Linde gegeben ist. Auch er blickt in die Vergangenheit und kann durch die Zukunft, in welche er gedrängt und die ihm von einem Engel zum Vorwurf gemacht wird,[8] nichts mehr an seiner Vergangenheit ändern. Durch den Tod Lindes wird diese Dramatik, welche dem Benjaminschen Engel widerfährt, jedoch aufgelöst und ist somit bei Linde nicht (mehr) gegeben. Er wird nicht unaufhaltsam in die Zukunft getrieben, sondern schwebt. Wieso es zu einem schwebenden Zustand kommt, welcher der Erde enthobenen Wesen vorbehalten ist, wird an späterer Stelle erläutert.

2.2 Engel auf der Siegessäule und Engel der Geschichte

Nachdem es zwischen Linde und Walter Benjamins Engel der Geschichte offensichtlich einen Zusammenhang gibt, soll nun ein Blick auf den Siegesengel geworfen werden. Bei der Betrachtung des selben, unter dem Gesichtspunkt des Engels der Geschichte, fällt auf, dass sich die beiden in genau demselben Dilemma befinden. Die Siegessäule steht auf dem Schnittpunkt der deutschen Geschichte[9], hat sie also immer vor Augen. Der Engel auf der Siegessäule schaut zurück auf unendlich viele Kriege, an denen er nichts ändern kann und in zweierlei Hinsicht wird er mit dem Blick der Vergangenheit zugewandt in die Zukunft getrieben. Er wird durch bauliche Maßnahmen mit dem Fortschritt konfrontiert:

Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864, von dem preußischen König Wilhelm in Auftrag gegeben, mußte die Säule zwei Jahre später, nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg, vergrößert werden, fünf Jahre danach, nach dem Sieg über Frankreich, befahl König Wilhelm, inzwischen zum Kaiser aller Deutschen ausgerufen, die Säule abermals zu vergrößern, […][10]

Gleichzeitig sind es die Menschen, welche den Siegesengel nicht in Frieden in die Vergangenheit blicken lassen. Sie nehmen ihn gar nicht mehr als Repräsentanten der Vergangenheit war und erkennen nicht seine eigentliche Gesinnung. Für viele ist er ein Wahrzeichen Berlins, welches nicht mit vergangenen Kriegen verbunden wird. So kommt es auch, dass die Berliner den Engel respektlos ‚Gold-Else’ nennen. Auch anhand der Aussage Iris: Und heute, sagte Iris, tobt hier die Loveparade.[11] ist zu erkennen, dass die eigentliche Bedeutung der Siegessäule durch Zukunftsorientierung und Fortschritt verkannt wird.

[...]


[1] Kramer, Sven: Walter Benjamin zur Einführung. Hamburg: Junius 2003. S 117.

[2] Vgl. Ebd. S. 117.

[3] Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. In: Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Hrsg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Bd. I,2. Frankfurt/Main: Surkamp 1974. S. 692.

[4] Vgl. Alter, Robert: Unentbehrliche Engel. Berlin: Jüdische Verlagsanstalt 2001. S. 133.

[5] Gerhard Friedrich: Rot wie tot. Zur Symbolik im Roman „Rot“ von Uwe Timm. In: Chiarloni: La prose della riunificazione. Il romanzo in lingua tedesca dopo il 1989. Torino: Edizionie dell’Orso 2002. S. 167.

[6] Aschenberger hat den Sprengstoff aus immer noch in ihm verweilenden 68er Motiven hinterlassen, aus diesen Motiven wollte er die Siegessäule sprengen.

[7] Timm, Uwe: Rot. 5. Auflage. München: dtv 2005. S. 8.

[8] Vgl. ebd. S. 141.

[9] Vgl. ebd. S. 98.

[10] Ebd. S. 94.

[11] Ebd. S. 99.

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638873161
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82367
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Schlagworte
Engel Timms Roman Hauptseminar

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Engel in Uwe Timms Roman Rot