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Die Bedeutung des Unbewussten in Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Wiener Moderne
2.1 Jung-Wien
2.2 Die „Kaffeehaus-Literaten“

3 Das Unbewusste um 1900
3.1 Sigmund Freud und Arthur Schnitzler
3.2 Psychologisierung der Literatur und Literarisierung der Psychologie

4 Innerlichkeit als literarisches Konzept
4.1 Leutnant Gustl, formal und inhaltlich – eine Novelle?
4.2 Innerer Monolog
4.3 Persönlichkeitskonzept im Wandel
4.4. Das Ich

5 Unbewusstes beim Leutnant

6 Schlussbemerkung

„Ich bin ja überhaupt nicht mehr auf der Welt … es ist ja aus mit mir … Ehre verloren, alles verloren!“[1]

1 Einleitung

Der Erstabdruck der Novelle Leutnant Gustl von Arthur Schnitzler erfolgt am 25.12.1900. Sie wird also im gleichen Jahr wie Sigmund Freuds epochales wissenschaftliches Buch Die Traumdeutung publiziert, das - wenn auch oft ambivalent beurteilt - einen Meilenstein für Medizin, Gesellschaft und Kultur darstellt und das folgende Jahrhundert in vielen Bereichen, auch im literarischen, nachhaltig prägt.

Hinzu kommen zahlreiche persönliche Erfahrungen Schnitzlers als Nervenarzt in der medizinischen Praxis, die sicherlich ebenso wie die Stimmung im Wien des Fin de Siècle mehr oder weniger stark auf seine frühe Erzählung Einfluss genommen hat.

2 Die Wiener Moderne

Die Wiener Moderne kennzeichnet eine Gesellschaft zwischen Modernität und Dekadenz. Die Bürger sind geprägt vom politisch-ökonomischen Aufschwung, schließlich ernüchtert durch die vor allem wirtschaftlichen und politischen Krisen, die diesen Zeitraum erschüttern. Ein zum Teil stark wissenschaftsgläubiges Bildungsbürgertum erlebt die Krise des Liberalismus hautnah und sieht sich immer wieder mit den stärker werdenden Problemen der Habsburg-Monarchie, aus Österreich, Ungarn und zahlreichen verschiedenen Ethnien bestehend, gegenüber. Fortschrittsglaube und Aufbruchswillen auf der einen und Frustration auf der anderen Seite sind die ambivalenten Pole jener Gesellschaftsstruktur.

Die Abkehr von der Gründerzeit steht bei den jungen Menschen hoch im Kurs: Es bildet sich eine „passive“ Gegenbewegung zur Vätergeneration, die sich in der Gesellschaft hochgearbeitet und am Adel orientiert hatte. Die meisten jungen Männer suchen neue Orientierungspunkte in einer immer schneller werdenden und durch Industrialisierung und Modernisierung unsicher gewordenen Welt. Die Mitglieder des Jungen Wien haben ähnliche Hintergründe. Sie verfügen über ein „standesgemäßes“, aber eher bescheidenes Einkommen und haben meist eine klassische Bildung genossen, sind sowohl mit der Antike als auch oftmals mit neuen europäischen Sprachen vertraut.

Die Künstler interessieren einerseits moralisch-wissenschaftliche, andererseits ästhetische Aspekte; im Ganzen wird aber der Drang, das (eigene) Innere zu erforschen, zunehmend deutlicher: Die Wendung nach Innen, der auch der Ästhetizismus Hugo von Hofmannsthals folgt, wird programmatisch für die Literatur der Wiener Moderne. Das Selbstverständnis heißt: „Leben als Kunst“. Ornamentierte, detailbewusste und die Maskierung der Realität aufzeigende Kunstwerke werden geschaffen.

Ab 1890 gilt Schnitzler gemeinsam mit seinen Freunden Hugo von Hofmannsthal und Richard Beer-Hofmann als einer der Hauptvertreter des Jungen Wien, der literarischen Wiener Moderne.

2.1 Jung-Wien

Die „Jung-Wiener“ fokussieren ihre Arbeit vornehmlich auf das Ich; die eigene innere (Wahrnehmungs-)Welt, die Nerven werden zum häufig zitierten Thema:

„‚Nervös’ im Sinne einer als psycho-physisches Leiden empfundenen gesteigerten Sensibilität waren die Jung-Wiener allemal. […] Empfehlungen, wie man derartigen Zuständen abhelfen könne, bzw. welche Ärzte zu konsultieren waren, kursierten im Freundeskreis ebenso, wie die psychologischen Klassiker des 19. Jahrhunderts. […] Daß solche Nerven-Hypochondrie sich keineswegs im individuellen Leiden erschöpfte, sondern zugleich Ausdruck eines umfassenderen Leidens an der Moderne selbst war.“[2] Dies zeigt sich in zahlreichen literarischen Arbeiten jener Epoche, unter anderem im Leutnant Gustl.

Die jungen Menschen schwanken um die Jahrhundertwende zwischen Endzeitstimmung und Aufbruchswillen. Sie sind auf der Suche. Die bürgerliche Identität ist erschüttert, revolutionäre Ideen – unter anderem von Nietzsche, Wagner, Darwin, Marx – sollen neue Werte schaffen.

Die Zersplitterung der politisch-historischen Makrostrukturen im Allgemeinen (Zerfall der Donau-Monarchie, Krieg, Börsenkrach) finden ihr Pendant vor allem in den Künstlerkreisen im Auflösen des Ichs in verschiedene Stimmungen. Viele Autoren entscheiden sich „gegen Politik und Gesellschaft zugunsten der Seele“, was sich in vielen Werken von Schnitzler, Hofmannsthal und anderen widerspiegelt. Der Naturalismus scheint von dieser Autorengeneration überwunden: Statt Roman und Drama herrschen die Formen der Novelle, Prosastücke und Einakter vor, die der Diskontinuität und dem Episodischen des damaligen Lebensgefühles entsprechen. Trotz der Hoffnung und Faszination, die den neuen Ideen und Wissenschaftsphänomenen entgegengebracht wird, beschränken sich die Literaten hauptsächlich auf das Menschlich-Individuelle, so beschreibt Hofmannsthal in seinen Werken zum Beispiel vielfach die Flucht aus dem alltäglichen Leben und analysiert das Seelen-Leben. Hermann Bahr, der „Begründer“ des Jung-Wiener Kreises, hält seine Gedanken in seinem „Moderne“-Aufsatz (1890) fest: „Wir haben kein anderes Gesetz als die Wahrheit, wie jeder sie empfindet. […] Alles Außen [ist] ganz Innen geworden.“[3] Die Überwindung des Naturalismus, der formal-realistischen Literatur lässt keine Verbindung mehr zur Vormoderne zu.

2.2 Die „Kaffeehaus-Literaten“

Die Literatur der Wiener Moderne repräsentiert mittels ihrer Themenwahl und ihres Schreibstiles das Dekadenzbewusstsein der jungen Generation des Fin de Siècle. Die Kaffeehaus-Kultur des Wiens um 1900 spiegelt das Selbstverständnis und die Weltanschauung der jungen Autoren dieser Zeit wider. 70 % der Teilnehmer der literarischen Treffen sind jüdischer Herkunft; Antisemitismus ist ein weit verbreitetes Phänomen.

Lockere Zusammenkünfte im Kaffeehaus ohne feste Regeln bestimmen die Treffen der Künstler. Beliebter Treffpunkt ist das Café Griensteidl in Wien, das 1847 vom vormaligen Apotheker Heinrich Griensteidl eröffnet wurde. Ab Mitte der 1880er Jahre wird das Café häufig von Autoren wie Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und dem jungen Karl Kraus, später einer der schärfsten Kritiker jener Autoren, besucht.

Der Zufall, das Flüchtige des Moments, der spontanen Begegnung im Kaffeehaus entspricht der Weltanschauung der Menschen. Auch praktische Aspekte spielen eine Rolle für die jungen Dichter: Unterschiedliche, oft schwer oder teuer zu erstehende Zeitungen sind dort frei zugänglich, die Preise sind relativ moderat und es herrscht eine gewisse weltoffene, zwanglose Atmosphäre in den Cafés, in denen die unterschiedlichsten Menschen zusammentreffen: Künstler, Kaufleute, Bildungsbürger, Politiker, etc. Es werden Lesungen und Spaziergänge veranstaltet, die den „überreizten Nerven“, der Unsicherheit des Großstädters entgegenwirken sollen. Die Publizistik ist beherrscht vom Feuilleton. Diese kurze, meist subjektiv gefärbte, formal eher offene Art des Schreibens ist sehr beliebt.

Themen der künstlerischen Arbeit und vor allem des Autorenaustausches sind die Selbstbespiegelung, die Empfindungskomplexität, Bahr nennt es die „Romantik der Nerven“, die Hingabe ans Nervöse, die Kultur des Ich und die überfeinerte Wahrnehmung und Darstellung. Die Jung-Wiener Literatur unterscheidet sich vorrangig durch ihre Innenorientierung von dem außenorientierten Naturalismus Berliner oder Münchner Prägung.[4]

Auffallend ist, dass Träume, nach Freuds Traumdeutungstheorien jener Zeit zunehmend von den Jung-Wienern in ihre dichterischen Werke eingearbeitet werden. (Der Traum als Ausdruck des Halbbewussten erfüllt in Arthur Schnitzlers Traumnovelle aus dem Jahr 1926 zum Beispiel verschiedene wichtige Funktionen: Wirklichkeitsverlust, Analyse des Seelischen, Legitimation der Sexualität, etc.) Er herrscht ein öffentliches Schweigetabu, das den Bereich des Triebhaften, zu dem nach Freud auch Teile des Unbewussten gehören, umgibt. Daraus resultiert eine ausgeprägte Phantasie des Erotischen. Das „Weib“ wird als Typus erotisch bedeutsam. Es verkörpert das Natur- / Triebhafte / das Vampireske (dem Mann wird der Bereich des Artifiziellen, des Logos und der Kunst zugeschrieben: „Die Frau als Typus erscheint als klischierte Verkörperung des Naturhaften, Triebhaften und Erotischen schlechthin, während dem „männlichen Prinzip“ der Bereich des Artifiziellen von „Kunst/Logos“ zugeordnet wird. […] Früh schon wird das „Weib“ zum Sinnbild für die Moderne überhaupt erklärt. […] „Verweiblicht“ im Sinne von „verweichlicht“ erscheint Autoren wie Weininger oder Karl Hauer die moderne Kultur. In der Durchdringung einer als „männlich“ charakterisierten Ästhetik scharf umrissener Formen und Konturen mit den vermeintlich „weiblichen“ Tendenzen des unterschiedslosen Verwischens von Formen, Stilen und ornamentalen Sprachfloskeln, erblickt auch Karl Kraus die größte Gefahr der Moderne.“[5]) Die Frau als Sinnbild der Moderne, wird nichtsdestotrotz von der Öffentlichkeit ausgeschlossen, sie soll weiterhin in das bürgerliche Rollenkorsett von Ehefrau und Mutter gezwängt werden, aber auch dem Bild der Hure und Jungfrau entsprechen. Es herrschen ambivalente Wünsche: einerseits die Frau eindeutig zu typisieren und zu verrätseln, andererseits ihren realen, geringen gesellschaftlichen und politischen Einfluss nicht zu verändern.

Eine wichtige Beobachtung bei der Betrachtung des Frauenbildes scheint die Verbindung zum hysterischen Mann zu sein: Fast alle Symptome der männlichen Hysterie entstammen dem „typisch Weiblichen“, die zum Teil auch Analogien zum „Konzept“ der Wiener Moderne ausweisen: Fragilität, Empfindsamkeit, Ängstlichkeit, Eitelkeit, Unberechenbarkeit.[6]

In der Wiener Moderne spielt auch die Sprachskepsis, vor allem bei Hugo von Hofmannsthal, eine bedeutende Rolle. Die Sprachkrise, ausgelöst durch die beinahe vollständige Alphabetisierung der Bevölkerung, durch eine exponential zunehmende Literarisierung und durch den flächendeckenden Einsatz neuer Medien wie dem Telefon, etc., impliziert unter anderem die Furcht vor dem Verlust, vor der Verdrängung der oralen Sprache beziehungsweise der Unmittelbarkeit derer.

Mit dem Autor Arthur Schnitzler hält eine Neuerung in der Sprach-Erzähltechnik der Literatur Einzug: Erstmalig führte Schnitzler den inneren Monolog in solcher Konsequenz in die deutsche Literatur ein. Die Literarisierung, die Schriftsprache bietet nun mehr denn je die Voraussetzung zur Selbstreflexion, die bei Gustl stattfindet und andererseits nicht stattfindet, da er so stark in erstarrten Ehrennormen verhaftet ist. Zu überlegen wäre, ob Leutnant Gustl im Rahmen der Sprachkrise als Versuch angesehen werden kann, zur gesprochenen beziehungsweise in diesem Fall gedachten Sprache zurückzukehren. Kann die Technik des inneren Monologes als adäquate epische Technik zur Bannung der Unmittelbarkeit bewertet werden?

[...]


[1] Schnitzler, Arthur: Leutnant Gustl, S. 195

[2] Wiener Moderne, S. 89

[3] Wiener Moderne, S. 38

[4] Wiener Moderne, S. 102

[5] Wiener Moderne, S. 146

[6] Braun, Christina von: Nicht Ich, S. 333-334

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638878197
ISBN (Buch)
9783638887373
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82332
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Philosophische Fakultät II, Germanistische Institute
Note
1,3
Schlagworte
Bedeutung Unbewussten Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl Unbewusste freud wiener moderne sexualität gender sozial unbewusstes traum ehre konflikt literatur militär

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