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Die Heidenmission am Beispiel der Apg 10,1-48 und das Verhältnis der christlichen Gemeinde und der Synagoge am Beispiel von Apg 13,42-52

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 40 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungslage
2.1 Frage nach dem Heil Israels
2.2 Der Vorwurf eines Lukanischen Antijudaismus

3. Judenchristen, Heiden, Gottesfürchtige und Proselyten
3.1 Begriffsklärungen

4. Die Apostelgeschichte
4.1 Der Verfasser der Apostelgeschichte
4.2 Die Adressaten der Apostelgeschichte

5. Die Apostelgeschichte 10,1-48
5.1 Der Hauptmann Kornelius
5.2 Die Bedeutung von Apg 10,1-48 im Hinblick auf die Heidenmission
5.3 Die Rolle des Petrus in der Apg 10,1-48
5.4 Anfänge der Heidenmission
5.5 Ergebnis der Untersuchung von Apg 10,1-48

6. Die Apostelgeschichte 13,42-52
6.1 Gliederung.
6.2 Lukanische Komposition?
6.3 Die Paulusrede

7. Analyse von Apg 13,42-52
7.1 Bildung einer christlichen Gemeinde? (V42-43)
7.2 Eifer-Widerspruch-Lästerung (V44-45)
7.3 Verwerfung der Juden? (V46)
7.3.1 Die notwendige Zuwendung zur Synagoge
7.3.2 Der Weg des „ewigen Lebens“
7.3.3 Die Wende zum Heidentum
7.4 Die gesetzesfreie Heidenmission (V47)
7.4.1 Jes 49,6
7.4.2 Wer wird zum „Licht der Völker“?
7.5 Heidnische Reaktionen und Informationen zum weiteren Missionsverlauf (V48-49)
7.6 Reaktionen im Volk und seitens der Missionare (V50-51)

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Apostelgeschichte des Lukas[1] im Neuen Testaments der christlichen Bibel, lässt sich in 28 Kapitel unterteilen. Im Griechischen lautet der Titel Práxeis Apostolôn, was man als Taten der Apostel übersetzen kann, wobei im eigentlichen Sinne vielmehr die Taten des heiligen Geistes durch die Apostel gemeint sind. In vielen anderen Sprachen hat das Buch einen Titel, der sich eher als Buch der Taten wiedergeben lässt, im Englischen heißt es Book of Acts.

Die Apostelgeschichte sollte man dennoch nicht als Geschichtsschreibung im heutigen Sinne verstehen, sie übernimmt keineswegs die Funktion eines historischen Tatsachenberichtes. Vielmehr schreibt der Verfasser der Apostelgeschichte für eine bestimmte Leserschaft und es steht die Vermittlung eines theologischen Sinnes im Vordergrund. Die Frage, an welche Leserschaft der Autor der Apostelgeschichte sich richtet, soll als Hintergrundwissen noch geklärt werden und auch über die Person des Verfassers und auf die diesbezüglichen Implikationen möchte ich im weiteren Verlauf detaillierter eingehen.. Die Apostelgeschichte selbst, beschäftigt sich nicht, wie bereits angesprochen und wie der Terminus vermuten lässt, mit den Taten der Apostel. Sie beschreibt vielmehr die Ausbreitung des Evangeliums von Jerusalem bis nach Rom oder, wie es in der Apg 1,8 heißt: „ und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“

Im Verlauf dieser Hausarbeit möchte ich zentral über die in der Apostelgeschichte erkennbare Gemeindebildung informieren. Zunächst gebe ich Auskunft über die beginnende Heidenmission am Beispiel der Apg 10,1-48. Anschließend möchte ich wesentlich die Frage nach dem historischen Verhältnis zwischen Israel, Judentum und Kirche in den Vordergrund stellen. In diesem Zusammenhang scheinen vor allem der lukanische Bericht der Pauluspredigt und die sich anschließenden Ereignisse im pisidischen Antiochien (Apg 13,42-52) geeignet zu sein.

Es bleibt natürlich fraglich, ob alleinig auf dem Hintergrund dieser kurzen Textstelle objektiv Aufschluss über dieses zentrale Thema der lukanischen Theologie gegeben werden kann. Genauso wenig lässt es sich sicher sagen, ob sich die anhand dieser Stelle gewonnenen Erkenntnisse auf das gesamte lukanische Werk übertragen lassen.

Um diesen Bedenken entgegenzuwirken und auch um mich auf wesentliche Aspekte zu beschränken soll anhand der genannten Stelle abschließend versucht werden ein „Missionsschema“ aufzuzeigen. Dabei stütze ich mich wesentlich auf die Untersuchung Anton Deutschmanns.[2]

Der zu untersuchende Abschnitt gilt innerhalb der Forschung als eine der ausführlichsten Darstellungen der paulinischen Wirksamkeit in der Diasporasynagoge und der heidnischen Polis und kann durchaus als Grundlage zur Erarbeitung eines Schemas der paulinischen Mission herangezogen werden.

In einem ersten Schritt sollen nach der kurzen Zusammenfassung der aktuellen Forschungslage, wie etwa der Vorwürfe des Antijudaismus gegen Lukas und einiger anderer exegetischer Meinungen, theologische Implikationen in den unterschiedlichen Begrifflichkeiten untersucht werden. In einem nächsten Schritt wird der Abschnitt 10,1-48 und daran anschließend 13,42-52 einer Untersuchung unterzogen werden, anhand derer ich versuchen möchte, bestimmte Intentionen des Autors aufzuzeigen.

2. Überblick zur Forschungslage

Ich möchte im Folgenden kurz auf die Erkenntnisse der Forschung eingehen und beziehe mich hierbei auf die allgemeinen Überblicke der Exegeten Bovon, der einen Abriss über die Entwicklung bis 1975 gibt[3], und Plümacher[4], welcher den Zeitraum 1974-1982 vorstellt. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass ich mich nur auf solche Ergebnisse beziehen werde, die bezüglich unserer Fragestellung und Thematik relevant sind.

Seitens der überwiegend einstimmigen lukanischen Position wird die Israelthematik im Sinne einer „Substitutionstheorie“[5] beschrieben. Lukas stehe somit für den Übergang des Heils vom Heilsvolk des alten Bundes in die neue Gemeinschaft von Juden und Heiden.

Diese vom Geist geleitete Gemeinde werde zum „ wahren Israel “ der Kirche, während die Juden die Verkündigung ablehnen und das im Evangelium angebotene Heil zurückweisen. Sie werden von diesem Punkt an außerhalb der Heilsgemeinschaft und von Israel gesehen.

Folglich wird die Apostelgeschichte so ausgelegt, als habe Lukas die Ablösung des Heils vom Judentum zugunsten des entstehenden Christentums darstellen wollen.[6] Das Heil wäre dann dem „wahren Israel“, also der heiden-christlichen Kirche zugekommen.

So wurden innerhalb der Forschung Heil für die Kirche und die Verwerfung des ungläubigen Israel zu den tragenden Motiven der lukanischen Darstellung. Letzteres löste allerdings bei einigen Exegeten Unbehagen aus, da man aufgrund der Härte der „Verwerfungssprüche“ über das „verstockte Judentum“ vorschnell zur Auffassung gelangen könne, Lukas habe sich als Anti-Judaist gesehen. Diese These soll in einem weiteren Unterpunkt durch einige Argumente und auch abweichende Kritik näher dargestellt werden.

2.1. Die Frage nach dem Heil Israels

Die grundlegendsten Untersuchungen hinsichtlich dieser Problematik wurden von E.Haenchen, H. Conzelmann, G.Lohfink und W. Eltester unternommen.[7] Haenchen ging bezüglich einer Beschreibung der Gegenwartssituation der lukanischen Gemeinde von einer „abgrundtiefen Feindschaft“[8] der jüdischen und christlichen Glaubensformen aus. Er macht somit seinerseits deutlich, dass die “endgültige Verwerfung Israels und seine Ersetzung durch die Heiden“[9] klar aus der Sicht des Verfassers geschildert wurde und dieser folglich nicht aus Sicht eines Verfassers der jüdischen Mutterreligion, sondern vielmehr aus der Perspektive eines gebildeten (heiden-) christlichen Autors geschrieben hat.

Die hellenistisch-heidenchristliche Antike stand bereits nicht mehr in einer positiv- emotionalen Verbundenheit zur Synagoge. Lukas schrieb nach Haenchen demnach aus einer “sicheren Distanz“ zum Judentum. Es soll bereits eine klare Trennung von Judentum und Synagoge stattgefunden haben und sowohl Judentum als auch Christentum hätten sich folglich als unterschiedliche religiöse Größen formiert.

Lukas wolle somit den Nachweis erbringen, dass das Christentum das “wahre Israel“ sei.[10]

Der Versuch die Akzeptanz seitens der Synagoge zu erlangen sei bereits in den Hintergrund gerückt, im Vordergrund der lukanischen Absichten habe nun die auf die heidnische Umwelt gerichtete Apologie und Mission gestanden.

Conzelmann verbindet seine Untersuchungen eng mit der These der Periodisierung der Heilsgeschichte in drei Epochen[11]. Er unterteilt in:

a. Zeit Israels ( Lc 16,16)
b. Zeit des Wirkens Jesu ( nicht seines Lebens), ( Lc 14,16ff; act 10,38. c)
c. Zeit der Erhöhung des Herrn, auf Erden Zeit der Kirche

Aus dieser „epochalen“ Unterteilung der Heilsgeschichte resultieren nach Deutschmann auch Konsequenzen für die Beurteilung der Israelthematik der Apostelgeschichte. Geht man nämlich davon aus, dass die „ Zeit Israels “ von der „ Zeit der Kirche“ getrennt ist, hat folglich das Volk des „alten Bundes“ in der neuen Epoche der Heilsgeschichte das Heil verloren, da ja die Kirche zum „wahren Israel “ erhoben wird. Um Conzelmann zu zitieren: „Die Juden zerstören ihre Erwählung, indem sie Jesus töten – gewiß: nach göttlichem Ratschluß; aber sie sind schuldig und verloren.“[12]

Nach Conzelmann kann das jüdische Volk von diesem Zeitpunkt an keinen “heilsgeschichtlichen Faktor “ mehr für sich reklamieren, weshalb die Juden nicht mehr beanspruchen können, Israel zu sein.

Conzelmanns Schema wurde, besonders aufgrund der Dreiteilung der Zeit, seitens der Forschung vielfach kritisiert.[13] Hingegen wurde die Trennung der „Zeit Israels“ von der „Zeit der Kirche“ größtenteils anerkannt.

Die Arbeiten G. Lohfinks folgen im Wesentlichen den Erkenntnissen Conzelmanns und Haenchens, liefern jedoch weitere Argumente bezüglich einer These des „Heilsübergangs“ von Israel auf die Kirche. Lohfink differenziert in seiner Erkenntnis. „Die Juden sind nach wie vor als Israel angesprochen. Glauben sie an Jesus, so bleiben sie in dem Segen, der auf Israel liegt. Glauben sie nicht, so werden sie aus dem Volke ausgerottet, das heißt, sie hören auf, Mitglieder des Gottesvolkes zu sein.“[14] Als Mitglieder des Gottesvolkes gelten demnach nur jene Juden und Heiden, die an den Messias Jesus glauben.

Drei seiner Aspekte nehmen besondere Stellung innerhalb der Forschung ein: Zum einen nimmt Lohfink besonders auf die ersten beiden Kapitel des lukanischen Werkes, in denen er verstärkt Relevanz der Israelthematik postuliert, Bezug. Zweitens geht er der Frage nach einer „Kontinuität“ von Israel und Kirche nach und in einem dritten Schritt weist Lohfink auf die Substanz und die theologische Implikation der Gruppenbezeichnungen in der Apostelgeschichte hin, auf die ich im nächsten Kapitel eingehen möchte. Die Kindheitsgeschichte in Lk 1,2 gibt nicht nur biographische Eckdaten, sondern liefert auch in Bezug auf Israel wichtige theologische Aspekte.[15] Vor allem in den ersten beiden Kapiteln zeichnet das Lukasevangelium ein Bild des Heilsvolkes Israel und thematisiert die Verheißung für das jüdische Volk des Bundes.

Sieht man also, wie Lohfink, im lukanischen Werk die Verwerfung des ungläubigen Israels zugunsten der neuen Kirche aus Juden und Heiden beschrieben, muss man zwangsläufig auch die positiven Aussagen in Bezug auf Israel in Lk 1;2 rechtfertigen.

Lohfink bezieht die Israel charakterisierenden Begriffe nicht auf das alttestamentliche Gottesvolk, sondern zeigt, dass sie die neutestamentliche Gemeinde mitumfassen und schon die Kirche ansprechen. Der Israelbegriff λαὁς bezeichne zum Beispiel die Kirche und nicht das jüdische Heilsvolk: „Wir haben damit Ernst zu machen, daß hier ein christlicher Autor trotz der Verwendung jüdischer Phraseologie eindeutig neutestamentlich-christologische Aussagen macht.“[16]

Gemeint ist, dass, auch wenn Lukas hier in der Sprache der Septuaginta schreibt, der Begriff „Israel“ sich aber dennoch auf die christlichen Gemeinden bezieht, womit er Lohfink zufolge die Kontinuität zum alttestamentlichen Gottesvolk aufzeigen will.[17]

Desweiteren untersucht Lohfink die Begrifflichkeiten der unterschiedlichen Bezeichnungen des jüdischen Volkes und der christlichen Gemeinden. In der Apostelgeschichte erkennt Lohfink etwa eine Veränderung in der Verwendung des Begriffes λαὁς, mit Beginn des sechsten Kapitels stellt er einen Rückgang zugunsten des Wortes Ὶoʋδαῐoι fest. Diesen Begriff soll Lukas im negativen Sinne verwendet haben, während er λαὁς – dem eine theologisch positive Charakterisierung von „Heilsvolk“ innewohnt- von nun an auf die Kirche überträgt Durch die Wahl dieses Ausdrucks erscheint implizit t die Verwerfung der Juden endgültig besiegelt.

Eltester hatte herausgefunden, dass gerade im zweiten Teil der Apostelgeschichte die Verkündigung der Botschaft besonders seitens der Juden abgelehnt und von den Heiden angenommen wurde. Das Vorhaben des Lukas kommentiert Eltester wie folgt: „Er will die heilsgeschichtlich bedingte, also übernatürlich durch Gott zustande gekommene Entwicklung, die Verwandlung des Gottesvolkes aus Juden in ehemalige Heiden, historisch einsichtig machen.“[18]

Die Verwerfung der Juden und die Abwendung des Heils auf die Kirche werden somit zu Bestandteilen einer von Gott gelenkten Geschichte.

Triftige Einwände gegen die genannten Theorien gab es seitens des englischen Exegeten J. Jervell. In seinem Aufsatz „Das gespaltene Israel und die Heidenvölker“[19] macht dieser deutlich, dass die Apostelgeschichte nicht eine Ablehnung des Evangeliums durch die Juden beschreibt, sondern Lukas angesichts der Mission der Apostel ein Bild des gespaltenen Israels zeichnet. Wer zum Heilsvolk gehört, beschreibt Jervell neuartig : „Mit der Missionsarbeit beginnt ein heilsgeschichtlich notwendiger Prozess: Die Ausscheidung der nicht gläubigen, unbußfertigen Juden aus Israel. (...) ‚’Israel’ bezeichnet nicht die Kirche aus Juden und Heiden, sondern vielmehr den bußfertigen Teil des ‚empirischen’ Israel...“[20]

Auch wenn in dieser Theorie die ungläubigen Juden ausgeschlossen bleiben, bleibt aber das Heilsvolk dennoch im Judentum verankert. Jervell hält fest, dass auch unter Juden die Mission Erfolge erzielte. Somit kann wohl nicht von einer generellen Verwerfung der Juden im lukanischen Werk ausgegangen werden, was auch bezüglich der Auslegung von Apg 13,42-52 sicherlich von Bedeutung sein wird. Israel kennzeichnet seiner Auffassung nach nur das jüdische Volk und nicht die Kirche. Und da sich Israel aus dem „wahren Judentum“ konstituiert, zeige Lukas mittels der Beschreibung der paulinischen Wirksamkeit in der zweiten Hälfte der Apg auch, dass dieser nicht vom Judentum abfällt, sondern in der Tradition der Väter agiert.

Einig mit den anderen Exegeten ist er sich aber, wenn es darum geht, dass die ungläubigen Juden mit dem Ausschluss aus Israel die Chance auf Rettung für immer verlieren.

2.2 Der Vorwurf eines lukanischen Antijudaismus

Jervell wendet sich gegen die Meinung, Lukas schreibe aus heidenchristlicher Perspektive, vielmehr stehe er in der jüdischen Überlieferung. Lukas habe zum einen nie eine pauschale Ablehnung des Evangeliums durch das Judentum geschildert und zweitens sei es für Lukas von Bedeutung gewesen, die jüdische Frömmigkeit der messiasgläubigen Juden aufzuzeigen.

Tatsächlich gab es aber zahlreiche Diskussionen über einen möglichen Antijudaismus des Lukas.

Da Theologie und Kirche zunehmend nach ihrer eigenen Verantwortung für den Antisemitismus und die katastrophalen Folgen zu fragen hatten, mussten die Texte des NT vor diesem Hintergrund nun noch kritischer gelesen werden. Sollte tatsächlich eine antijudaistische Haltung des Lukas belegt werden können, so müsste sich jeder christliche Leser von dieser distanzieren.

J.T. Sanders hat seinen Vorwurf gegen Lukas besonders deutlich und hart geäußert: „ In Luke’s opinion, the world will be much better off when ,the Jews’ get what the deserve and the world is rid of them“[21]

Mögliche antijudaistische Haltungen des Lukas müssen jedoch auch nach ihren Beweggründen hinterfragt werden, D.Slingerland vertritt hier die Meinung, Lukas greife auf die antijudaistische Polemik der hellenistisch-römischen Welt zurück um so die Ansichten seines heidnischen Leserkreises aufzugreifen.[22]

Genauso häufig wurde der These des lukanischen Antijudaismus auch widersprochen: J.R. Wilch meint etwa, dass „ der christliche Antijudaismus (...) eher bei modernen Auslegern zu finden“ sei als im lukanischen Werk selbst, wenn auch „manchmal nur in unterschwelliger, fast unbewusster Weise.“[23]

Vor allem die zahlreichen Ambivalenzen im lukanischen Werk in Bezug auf die jüdische Mutterreligion zeigen, dass Lukas durchaus auch positiv über das jüdische Volk berichtet. Fragt man nach dem Grund dieser Spannungen und Ambivalenzen, so ist es notwendig die Lukanische Perspektive zu klären: Sollte der Autor vor dem Hintergrund einer jüdischen Denkwelt schreiben, so erscheint die negative Schilderung der jüdischen Gegnerschaft weniger als Tendenz zum Antijudaismus, da ähnliche Ablehnungen von Propheten und ihrer Botschaften schon im AT berichtet wurden, ohne unter selbigen Verdacht gestellt zu werden.

Sieht man den Autor hingegen im hellenistischen und heidenchristlichen Kontext, so können andererseits positive Schilderungen des Judentums als „Reminiszenz an eine vergangene Epoche erscheinen“, welche in der Lukanischen Gegenwart eine unwesentliche Rolle spielte.[24]

E. Lohse konkludiert hier schlüssig und pointiert: „ in der Geschlossenheit seiner Konzeption ist Lukas (mit) den großen Geschichtsschreibern des Alten Testaments vergleichbar, die den Ablauf der Geschichte Israels unter dem Zeichen von Verheißung und Erfüllung und unter dem Motiv des Gehorsams bzw. Ungehorsams des Volkes gegen seinen Gott darzustellen suchten.“[25]

Im Verlauf der näheren Untersuchung von Apg 13,42-52 soll dieses Motiv nochmals aufgegriffen werden und auch der Vorwurf des Antijudaismus gegen Lukas soll an geeigneten Stellen weiter thematisiert werden.

3. Judenchristen, Heiden, Gottesfürchtige und Proselyten

Innerhalb der Apostelgeschichte finden sich für die relevanten Personenkreise unterschiedliche Begrifflichkeiten, etwa für das jüdische Heilsvolk, für Personen, die in enger emotionaler Bindung zur Synagoge standen, für die heidnische Bevölkerung und für Juden.

Die Synagoge galt als Bezeichnung des Versammlungsraumes und der Synagogengemeinde selbst.[26]

Gerade wegen der zahlreichen Begrifflichkeiten erscheint es sinnvoll, die Gruppen kurz darzustellen um die Beziehungen untereinander verständlicher werden zu lassen. Auch die theologische Wertung der Bezeichnungen durch Lukas erscheint hier relevant, sprengt aber leider den Rahmen der Hausarbeit.

3.1 Begriffsklärungen

In der Apostelgeschichte finden sich diverse Bezeichnungen für Juden und Nicht-Juden, die an dieser Stelle kurz erläutert werden sollen. Der Begriff der Judenchristen bezeichnet Juden, die sich zum Christentum bekannt haben. Jude ist man lediglich durch die Geburt und nur dann, wenn die Mutter eine Jüdin ist. Die Konversion vom Juden zum Judenchristen war der Weg, den die ersten Urchristen, wie z.B. die Apostel und deren Jünger, gewählt haben. Ein Übertritt vom Judentum zum Judenchristentum war somit vermutlich relativ unproblematisch.

Auf Grund der strengen jüdischen Glaubensregeln war den Juden die Tischgemeinschaft mit Nicht- Juden verboten. Besonders im Hinblick auf das Diasporajudentum ist davon auszugehen, dass jüdische Vorschriften der Situation in der Diaspora entsprechend pragmatischer und liberaler ausgelegt und praktiziert wurden.

Als Heiden bezeichnet man im Verständnis des Neuen Testaments Menschen, die keine Juden sind, später auch solche, die weder Jude noch Christ waren. Heiden galten als Anhänger polytheistischer oder indigener Religionen. Der Begriff ‚Heide’ kommt jedoch weder im AT noch im NT in dieser Form vor. Die christlichen und jüdischen Schriften sprechen in diesem Zusammenhang von den ‚Völkern’ im Gegensatz zum ‚Volk Gottes’.

Unter dem Begriff der Gottesfürchtigen sind Menschen zu verstehen, die dem Judentum und dem jüdischen Monotheismus zugetan waren, sich aber nicht den strengen Gesetzen des Judentums unterwarfen. Beispielsweise befolgten sie weder die Speiseregeln, wie es gesetzestreue Juden tun, noch sind sie beschnitten gewesen. Ein Gottesfürchtiger begegnet uns beispielsweise in der Person des Hauptmannes Kornelius ( Apg 10,1-48).

Als Proselyten werden hingegen zum Judentum konvertierte Ungläubige aus dem Heidentum bezeichnet. Sie haben sich den jüdischen Gesetzen voll und ganz unterworfen. Das Proselytentum stellt die größtmögliche Annäherung eines Nicht-Juden an das Judentum dar.

[...]


[1] lat. Actus Apostolorum, die Taten der Apostel

[2] A. Deutschmann, Synagoge und Gemeindebildung, in: Biblische Untersuchungen, Verlag Friedrich Pustet Regensburg, 2001.

[3] Bovon, F.; Aktuelle Linien lukanischer Forschung, in: ders., Lukas in neuer Sicht, Neukirchen-Vluyn, 1985,

9- 43

[4] Plümacher, E.; Acta-Forschung 1974-1982, in: ThR 48 (1983) und ThR 49 (1984), 105-169

[5] vgl: A.Deutschmann, S.15

[6] vgl. A. Deutschmann, S.15

[7] vgl, A. Deutschmann, Synagoge und Gemeindebildung, S. 16.

[8] E.Haenchen, Judentum und Christentum in der Apostelgeschichte, in: ZNW 54 (1963) 155-187, S. 156.

[9] E.Haenchen, S.185.

[10] E. Haenchen, Die Apostelgeschichte, KEK, Göttingen 121959, S.208.

[11] H. Conzelmann, Die Mitte der Zeit: Studien zur Theologie des Lukas, Tübingen 61977 (BHTh 17), S.9 .

[12] Conzelmann, a.a.O.; S. 125.

[13] Zur Diskussion der Thesen Conzelmanns: O.Cullmann; Heil als Geschichte. Heilsgeschichtliche Existenz im Neuen Testament, Tübingen 1967.

[14] G. Lohfink, Die Sammlung Israels. Eine Untersuchung zur lukanischen Ekklesiologie, München 1975

(StANT 39) S.61.

[15] vgl. A. Deutschmann, S. 18.

[16] Lohfink, Sammlung, S. 24

[17] Lohfink, Sammlung, S. 25

[18] W.Eltester,Israel im lukanische Werk und die Nazaret-Perikope, in: Elterster,W., u.a. (Hrsg), Jesus in Nazaret, Berlin 1972 (BZNW 40) 76-147, S.114

[19] J.Jervell, Das gespaltene Israel und seine Heidenvölker: Zur Motivierung der Heidenmission in der

Apostelgeschichte, in StTh 19 (1965)

[20] a.a.O.; S. 70.

[21] Sanders, J.T., The jews in Luke-Acts, Philadelphia 1987, S.317.

[22] Slingerland, D., The Jews in the Pauline Portion of Acts, in: JAAR 54 (1986), S.316.

[23] Wilch, J.R., Jüdische Schuld am Tode Jesu- Antijudaismus in der Apostelgeschichte?, in: Haubeck, W., Bachmann, M. (Hrsg.), Wort in der Zeit. Neutestamentliche Studien (FS K.H. Rengstorf ) Leiden, 1980, S.247

[24] vgl. Deutschmann, S.25

[25] Lohse, E., Lukas als Theologe der Heilsgeschichte, in: Braumann, G. (Hrsg.), Das Lukas Evangelium, Darmstadt 1974, S.81.

[26] vgl.: Anton Deutschmann, Synagoge und Gemeindebildung, Christliche Gemeinde und Israel am Beispiel von

Apg 13,42-52, in: Biblische Untersuchungen, Verlag Friedrich Pustet Regensburg, 2001

Details

Seiten
40
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638871914
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82288
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für katholische Theologie und Religionspädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Heidenmission Beispiel Verhältnis Gemeinde Synagoge Beispiel Apostelgeschichte

Autor

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Titel: Die Heidenmission am Beispiel der Apg 10,1-48 und das Verhältnis der christlichen Gemeinde und der Synagoge am Beispiel von Apg 13,42-52