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Welche Werte bekämpft Friedrich Nietzsche in ´Also sprach Zarathustra´ ? - Was sind die Grundaussagen und welche politischen Implikationen entwirft er?

Seminararbeit 1998 19 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort_

2. Die Analyse Zarathustras_
2. a.) Die Zarathustra - Theoreme

3. Der Nihilismus als Vorspiel einer Philosophie der Zukunft_
3. a) Wie ist die Sinnkrise des Nihilismus überwindbar ?

4. Nietzsche und der Zugang zur Politik
4. a) Die politischen Implikationen

5. Schlußbetrachtung

6. Bibliographie

Alle Angaben zu Zitaten aus Nietzsches Werken in römischen Ziffern beziehen sich auf: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. Von G. Colli/M. Montinari; dtv/de Gruyter, 1988

1. Vorwort_

„ Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an

etwas Ungeheures anknüpfen – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an

die tiefste Gewissens-Kollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen

gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war.“

Friedrich Nietzsche, Ecce homo, 1888

Friedrich Nietzsche gilt als einer der dunklen, aber neuzeitlich-fortschrittlichen Philosophen. Er stich durch seine poetische Sprachkraft hervor und beeindruckt durch die Macht seiner Paradoxien. Seine Arbeit ist aufklärerisch, positivistisch und vor allem psychologisch.

Trotzdem stellt sich auch heute noch vielen Nietzsche-Interpreten und Kritikern die Frage, „ ist Nietzsche ein großer Denker oder nur ein verhinderter Dichter ? Und wenn er ein großer Denker ist, worin besteht die Eigentümlichkeit dieser Größe ? Ist er überhaupt in ein bestimmbares Verhältnis zu traditionellen Formen des philosophischen Denkens zu setzen, und wenn nicht, worin besteht dann die < neue > Art seines Denkens gegenüber der überlieferten Philosophie ?“[1]

Als sprachschöpferischer Künstler ist er in eine Reihe mit Luther, Dostojewskij und Goethe gestellt worden. Seine anti-metaphysische Deutung des Seins als Werden, eine perspektivistische Erkenntnistheorie und eine vielen Menschen zu aristokratische und individualistische Ethik machen ihn suspekt: „ das ergibt keine systematische Philosophie – eher ein oszillierendes Fraktal und ein Gewitter an Einblicken.“[2] Dem kann ich nur zustimmen.

Nichts desto trotz, wie Martin Heidegger es einst formulierte, denkt jeder heutzutage in Nietzsches Licht und Schatten, unabhängig davon ob man seine Einsichten und Entwürfe teilt oder nicht.

Für Heidegger galt Friedrich Nietzsche als Metaphysiker. Nach dem explosionsartigen Interesse an seinen Werken nach 1890 beeinflußte er den französischen Existentialismus unter Sartre und Camus, als auch die postmoderne pluralistische Strömung mit Foucault und Deleuze. Für Jaspers war Nietzsche ein Existenzphilosoph, andere, wie Habermas kritisieren sein mystisch anmutendes Vorgehen mittels Intuition als Irrationalismus.

Am treffendsten wäre er wohl mit der Bezeichnung Experimental-Philosoph zu charakterisieren.

Dieses sein < Experiment >, nämlich die bissige und radikale Absage an die teleologische Geschichtsschreibung, Religion und Moral, die Opposition zu den vorherrschenden geistigen Strömungen seiner Zeit, die er in den höchsten Zustand, die Überwindung des Nihilismus führen will, ist Nietzsches desillusionierte Weltanschauung: „dionysisch zum Dasein stehen - : meine Formel dafür ist amor fati.“[3]

In der vorliegenden Seminararbeit versuche ich nun die Werte, die von Nietzsches Denken durch sein Sprachrohr Zarathustra angegriffen werden, herauszustellen. Als direkte Konsequenz daraus möchte ich daran gehen im „Akt höchster Selbstbesinnung“ das Bild von Nietzsches eigenem Wahrheitsbegriff zu durchleuchten und seine politischen Implikationen zu lesen, die, nach Nietzsche nur im Lichte einer Verinnerlichung der Menschheit zu „großer Politik“ werden können.

An keiner Stelle in seinen Texten nimmt er - so weit ich weiß – direkt und systematisch Stellung zum Thema Politik. Trotzdem wird sein Denken vorwiegend von zwei miteinander in Beziehung stehenden Gegenständen bestimmt: der Geschichte und der Kultur. Wie kommt darüber die Politik ins Spiel ? Welche Art von Politik ist am besten geeignet um Kultur zu fördern ? sind möglicherweise resultierende Fragen, oder gar Probleme, die es ebenfalls zu untersuchen gilt.

Dazu Keith-Ansell Pearson: „ Writing on Nietzsche, and interpreting the meaning and significance of his work, is a problematic, if not perilous, exercise. The important thing, I think, is to ensure that the question of Nietzsche – of who he is and who we are to become in reading him – is kept open.“ [4]

2. Die Analyse Zarathustras_

Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Das Werk des freien Philosophen Nietzsche fällt bereits durch seine poetische Sprache, seine Symbolik, die den Bildern und Gefühlen, die er entwirft Ausdruck verleihen will, aus dem Rahmen herkömmlicher Philosophie. „ Dieses Buch scheint daher dem Bereich der archaischen Ausdrucksformen zu entstammen, und es läßt sich nur schwer als philosophisches Werk bezeichnen. [...] Es ist müßig , in diesem Buch nach der Grundlage einer „Theorie“ des Übermenschen, der ewigen Wiederkunft oder des Willens zur Macht zu suchen, erstens schon deshalb, weil es keine Theorie gibt, die völlig auf eine deduktive Rechtfertigung – die hier völlig fehlt – verzichten könnte, und zweitens, weil in diesem Werk im Grunde nur das Detail zählt [...], die einzelne Vision oder sogar das, was nicht geschrieben ist – das Tempo, die musikalische Färbung, dieses oder jenes Cantabile, Smorzando, Crescendo oder Teneramente – gelten mehr als der dahinterstehende Gedanke.“[5]

Dieser <Mangel> einer systematischen Konstruktion einer Theorie im Zarathustra bestätigt für mich jedoch nur Nietzsches Verständnis von Wahrheit: der Charakter der Welt ist und bleibt das Chaos. Es ist die Mitteilung des dionysischen Prinzips, die auf die apollinische Vision, einen gesetzten, illusorischen Wert des Menschen trifft.

Nietzsche entwirft mit Absicht keine Ordnungsstruktur, da es keine geben kann, sondern impliziert seine Idee der Perspektive auf eine Welt jenseits von Rationalität und Teleologie. Für ihn kann das Leben letztendlich allein als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt werden.

Diese Einsicht spiegelt sich im Zarathustra wider. „Man darf“, schreibt Nietzsche im Ecce homo, „ vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik rechnen.“[6] Die Musik fungiert als das, was über sich selbst hinausgeht. Ich möchte sein Werk hier als <erotischen Zauber> bezeichnen, der dionysisch als magische Wirkung für sich selbst steht.

Um Nietzsches Gedankenfolge, die inhaltlich bereits in <Jenseits von Gut und Böse> vorhanden war zu analysieren, und seine konsequenten Konklusionen heraus zu arbeiten, werde ich vorerst nah am Text von <Also sprach Zarathustra> bleiben.

Bereits die Verwendung der Figur des Zarathustra symbolisiert für Nietzsche das, was er Selbstüberwindung der Moral nennt. Die historische Gestalt des persischen Propheten Zarathustra, der als erster den Dualismus zweier Wirkmächte in die Welt gebracht hat, soll nun auch der erste sein, der diesen zweitausend Jahre alten Irrtum erkennt. Er der die Moral durch den Glaube an das Jenseits in die Metaphysik geführt hatte, er der Immanenz von Transzendenz unterschied und so den Beginn eines Wertesystems von gut und böse, Wahrheit und Lüge heraufbeschwor, wird jetzt erneut gefragt: „Und was, oh Zarathustra, ist die Moral deiner Geschichte ? [...] Den Vernichter der Moral heissen mich die Guten und Gerechten: meine Geschichte ist unmoralisch.“[7]

Nietzsches Zarathustra tritt als Umwerter der Werte und Erlöser auf. Als Leitgedanken des ersten Teils setzt Nietzsche den Übermenschen. Nach zehnjähriger Selbstbesinnung in der Einsamkeit des Gebirges steigt Zarathustra wieder zu den Menschen hinunter, propagiert den Tod Gottes und lehrt den Übermenschen. „ Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. [...] Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde! Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!“[8]

Die Lehre vom Übermenschen, Nietzsches großes Anliegen hat schon auf den ersten Seiten des ersten Teils ihren Anfang. Der Tod Gottes erfordert eine Überwindung des herkömmlichen Menschen mit all seinen Moralvorstellungen und Werten. Dafür steht der Übermensch, der das Dasein jenseits von Sinn und Unsinn rechtfertigen kann.

„Den seines Selbst mächtigen, aus der Entfremdung in seine eigenste Möglichkeit heimgefundenen Menschen nennt Zarathustra den Übermenschen.“[9] Zwei Möglichkeiten sind dem Menschen gegeben: der letzte Mensch oder der Übermensch. Entweder vollzieht der Mensch die Selbstaufhebung der bestehenden Werte, stellt sich dem Vakuum, überwindet es, oder bleibt auf der „Strecke“.

„Der Übermensch sei der Sinn der Erde“ oktroyiert einen <selbst-gewollten> Imperativ. Letztinstanz ist die Natur. Die Transzendenz ist aufgehoben, der Mensch ist alles.

Diese Eigenkonstitution Übermensch ist im Zarathustra die Voraussetzung für den Willen zur Macht und die Lehre von der ewigen Wiederkehr, die die drei Haupt-Theoreme in Friedrich Nietzsches Werk darstellen. Wie aber müssen nun die Theoreme, im folgenden gedacht werden ?

2. a.) Die Zarathustra - Theoreme

„ Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.“[10]

Der Mensch ist das, was überwunden werden soll. Diesen Schritt, der an die geistige Kapazität des Menschen gebunden ist, vollzieht Nietzsche in den drei Verwandlungen.

„Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele wird, und zum Löwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.“[11]

Die drei Stadien des Geistes entsprechen in ihrer geschichtsphilosophischen Konzeption Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die bildliche Kraft mit der Nietzsche daran geht, das psychologische Verhaftet-sein des Menschen in verschiedenen Entwicklungszuständen zu charakterisieren, ist bedeutungsvoll und ausdrucksstark zugleich.

- „ Was ist schwer ? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kameele gleich und will gut beladen sein.“

In der Vergangenheit war das Stadium des Geistes, für welches das Bild des Kamels steht das Ideal der Sachlichkeit. Ein belastbares Tier, das entsagt und ehrfürchtig ist. Dieser psychologische Zustand des Menschen unterwirft sein Leben dem göttlichen Absolutismus des moralischen Gebotes <Du sollst>. Ein von den geltenden gesellschaftlichen Bedingungen gefordertes, ein von außen definiertes tragen, oder ertragen des Geistes offenbart sich, ohne an eine subjektive Willensdetermination zu denken: „ Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun ? Seine Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?“

[...]


[1] Wiebrecht Ries, Nietzsche,

[2] Prof. Dr. Alfons Reckermann

[3] Nietzsche, nachgelassene Fragmente 1887-1889,

[4] K. A. Pearson; N. as political thinker, P.3

[5] Giorgio Colli, KSA IV,

[6] KSA, VI, S.335

[7] KSA, IV,

[8] KSA, IV, S. 14 f

[9] Bennholdt-Thomson, N. als literarisches Phänomen,

[10] KSA, IV,

[11] KSA, IV, S. 29 f

Details

Seiten
19
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638105279
ISBN (Buch)
9783638745482
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v822
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Fachbereich Philosophie
Note
Schlagworte
Werte Friedrich Nietzsche Zarathustra´ Grundaussagen Implikationen Proseminar Grundfragen Metaphysik Gut Böse Jenseits Philosophie

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