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Kanonbildung in der Kinder- und Jugendliteratur

Hausarbeit 2004 33 Seiten

Literaturwissenschaft - Allgemeines

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung
1.1 Umfrage zum Thema „Kinderliteraturkanon

2. Die Entwicklung von Kinder- bzw. Jugendliteratur und die Entstehung eines Kanons

3. Wer bestimmt den Kanon heute?

4. Was macht ein Kinderbuch zu einem Klassiker?

5.Kinder- und Jugendliteratur- Die „kleine Schwester“ der allgemeinen Literaturforschung?

6.Ist die Kanonisierung von Kinder- und Jugendliteratur überhaupt notwendig?

7. Bibliographie

8. Anhang : Umfragebogen, Ergebnisse der Umfrage

1. Einführung:

Der folgenden Hausarbeit liegt eine Umfrage zu Grunde, in der 50 Studenten aus Deutschland, Spanien, Frankreich und Italien dazu befragt wurden, welche aus mehreren Jahrhunderten stammenden Kinderbücher sie in ihrer Kindheit selbst gelesen haben bzw. ihnen vorgelesen wurden. Die Befragten sollten des Weiteren angeben, welche der gelesenen Werke ihnen besonders, egal ob im positiven oder negativen Sinne, in Erinnerung geblieben und welche (Kinder)-Bücher ihnen durch andere Medien (Filme, Fernseh-Serien, Hörspielkassetten, Merchandising-Artikel etc.) bekannt sind. Die Auswahl der angegebenen Werke erfolgte spontan durch die Autorin, wobei versucht wurde, möglichst allgemein bekannte Kinderbuchtitel aus verschiedenen Ländern sowie kinderliterarische Adaptionen von Erwachsenen-literatur mit einzubeziehen. Mögliche Auslassungen von eventuell ebenfalls sehr wichtigen Kinder- und Jugendbüchern haben keinerlei Bedeutung. Dass sehr neue Werke der Kinder- und Jugendliteratur, wie beispielsweise Joanne K. Rowlings „Harry Potter“ - Bände, auf Grund des Alters von bestimmten Befragten im Kindesalter nicht gelesen werden konnten, wurde dabei außer Acht gelassen, da es für die Erforschung literarischer Vorlieben von Kindern und deren Begründung, sowie des Prozesses der kinderliterarischen Kanonbildung nicht relevant ist.

1.1 Umfrage zum Thema „Kinder- und Jugendliteraturkanon“

Anhand der Umfrage lässt sich eindeutig erkennen, dass es, trotz des sich immer weiter entwickelnden und unüberschaubaren Kinderbuchmarktes dennoch bestimmte Klassiker gibt, die sich einer über Generationen überdauernden Beliebtheit bei Kindern erfreuen. Obwohl viele dieser Werke, wie z.B. Daniel Defoes „ Robinson Crusoe“ vor mehr als 250 Jahren entstanden sind, scheinen sie dennoch niemals an Faszination zu verlieren. So gaben 48% der Befragten an, die Geschichte gelesen zu haben, und 40% der Befragten ist der tapfere Inselbewohner aus anderen Medien bekannt. Auch scheinen die Grimms Märchen niemals aus den Regalen der Kinderzimmer zu verschwinden. Mehr als die Hälfte der Befragten (56%) gab an, ein oder mehrere Märchen der Gebrüder Grimm gelesen zu haben, und 52% der Befragten, welche die Grimms Märchen entweder gelesen haben oder sie durch andere Medien kennen, behielten einen starken Eindruck selbiger. Auch modernere Kinderbücher wie Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ oder Michael Endes „Momo“, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, erfreuen sich noch immer großer Bekanntheit und vor allem Beliebtheit. 40% der Befragten war die Geschichte der kleinen „ Momo“ durch Lektüre bekannt, die Abenteuer der „Pippi Langstrumpf“ hatten 58% der Befragten gelesen. Auffällig ist hierbei, dass der Anteil derjenigen Kinder sehr hoch ist, welche die Geschichten nicht in der Originalsprache, sondern in Übersetzungsversionen gelesen haben. Beispielsweise waren mehr als die Hälfte der Leser des Kinderbuches „Momo“ Italiener, Spanier oder Franzosen. Ebenso kennt nahezu jedes Kind in Europa den kleinen Rotschopf aus der Feder der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgrens, sei es durch Lektüre oder durch das Fernsehen oder Spiele. Ob nun „Pippi Langstrumpf“, „Calcetines“ Largas oder „Fifi Brindacier“, beinahe 96% (!) der deutschen, spanischen, französischen oder italienischen Leser behielten diese in sehr positiver Erinnerung.

Es existieren also scheinbar kultur- und ländergrenzenüberschreitend bestimmte kindliche Lektürevorlieben, die ein Kinderbuch zu einem Klassiker und zu einem Teil eines Kanons machen. Gibt es im Zeitalter des Fernsehens und unzähliger Computerspiele doch einen internationalen Kanon der Kinderliteratur? Wie ist dieser entstanden und wer bestimmte in den verschiedenen Jahrhunderten den Selektionsprozess der enthaltenen Werke? Kindliche Leser oder die erwachsenen „Vorleser“, Erzieher, Autoren? Was sind mögliche Maßstäbe, die ein Werk berechtigen, in diesen Kanon aufgenommen zu werden? Mit diesen und weiteren Fragen werde ich mich in der folgenden Hausarbeit beschäftigen.

Dabei werde ich zu Anfang die Entwicklung der Kinderliteratur und den dazu parallel verlaufenden Kanonisierungsversuchen selbiger darstellen. Im Anschluss daran beziehe ich mich auf die problematische Ambivalenz zwischen Kindern und Erwachsenen im Bezug auf die Rezension und Kanonisierung von Kinder- und Jugendliteratur und werde dann erläutern, warum die Emanzipation des literarischen Teilsystems Kinderliteratur in der Literaturforschung und auch der Kanonisierung noch immer nicht abgeschlossen ist. Den Schluss meiner Arbeit bildet eine Auseinandersetzung mit der Frage, ob die Kanonisierung von Kinder- und Jugendliteratur noch relevant ist.

2. Die Entwicklung von Kinder- bzw. Jugendliteratur und die Entstehung eines Kanons

Um mögliche Ursachen der Kanonisierung bestimmter kinderliterarischer Werke nachvollziehen zu können, erscheint es sinnvoll, zuerst einmal einen kleinen Abriss über die geschichtliche Entwicklung von Kinder- und Jugendliteratur und deren Kanonisierung anzugeben.

In Form von Volkserzählungen, Kinderversen bzw. -liedern sowie wenigen Lehrbüchern für Klosterschulen existiert Kinder- bzw. Jugendliteratur bereits seit dem Mittelalter. Dabei handelte es sich jedoch ausschließlich um Adaptionen der Erwachsenenliteratur, die Kindern und Jugendlichen durch Kürzungen und Vereinfachungen der Originalwerke, die meist religiösen, antiken oder volksliterarischen Ursprungs waren, verständlicher gemacht wurden. Neben zahlreichen Bearbeitungen von antiken Mythen ist beispielsweise Miguel de Cervantes’ Don Quijote (1605) eine solche typische kinderliterarische Adaption, die noch heute als Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur gilt. Spezifische Literatur für Kinder und Jugendliche gab es jedoch noch nicht. Trotzdem entstand bereits im Jahre 1658 ein Ausnahmewerk der Kinderliteratur dieser Zeit, in welchem der kindliche Leser zum ersten Mal in der Geschichte als autonomes Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen dargestellt wurde: Das von dem tschechischen Theologen und Pädagogen Jan Amos Komenský, auch Comenius genannt, verfasste „ Orbis Sensalium Pictus“. (dt: Die sichtbare Welt in Bildern) wird als ein für die Entwicklung der Kinderliteratur bahnbrechendes Werk bezeichnet. Dieses mit Bildern illustrierte Lehrbuch der lateinischen Sprache war das erste speziell für Kinder illustrierte Unterrichtsbuch, in welchem den Schülern in Form von kleinen, lehrreichen Erzählungen aus dem Alltag humanistische Grundideen nahegebracht wurden. Das „ Orbis Sensalium Pictus“ wurde in fast alle europäischen Sprachen übersetzt und lange Zeit in vielen Schulen Europas genutzt. Überdies entstanden etwa zur gleichen Zeit viele weitere hochwertige Bilderbücher mit hauptsächlich moralisierenden Inhalten, die jedoch so rar und kostspielig waren, dass sie dem Großteil der Bevölkerung verwährt blieben. Außerdem war der Anteil derjenigen, die zu dieser Zeit in Europa bereits des Lesens mächtig waren, verschwindend klein.

Das 17. Jahrhundert war im Bezug auf die europäische Kinder- und Jugendliteratur die Zeit der literarisch minderwertigeren Kinder- und Jugendbücher, die hauptsächlich von vagabundierenden Straßenhändlern vertriebenen wurden. Obwohl die Analphabetenquote noch immer sehr hoch war, fanden breitere Teile der Bevölkerung Zugang zu diesen Werken. Diese sogenannten „Volksbücher“ (in England wurden sie „Chapbooks, in Frankreich „Librairie Blue“ genannt) waren einfache Druckschriften von volkstraditionellen Sagen, Erzählungen und Mythen, also Literatur, die nicht speziell für Kinder und Jugendliche verfasst wurde, sondern nur vereinfacht und mit erzieherischen Intentionen versehen wurden. Werke, die der heutigen Auffassung von Kinderliteratur entsprechen, also speziell für kindliche oder jugendliche Leser geschrieben sind, existieren erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Auch von einem kinder- bzw. jugendliterarischen Kanon kann zu dieser Zeit noch keine Rede sein. Entsprechend der hohen Analphabetenquote in Europa war die Anzahl von kinderliterarischen Veröffentlichungen noch zu gering, um genaue Empfehlungen auszusprechen oder, im umgekehrten Falle, bestimmte Bücher als nicht adäquat zu erachten. Diskussionen, welche Kinderbücher als angemessene Lektüre in Frage kamen, fanden generell noch nicht statt; die Kinderliteraturforschung existierte noch nicht.

Zur Zeit der Aufklärung im 18.Jahrhundert begann sich mit dem Glauben an die Erziehbarkeit des Menschen mittels der Vernunft die „intentionale“ Kinderliteratur, d.h. die speziell für Kinder verfasste Literatur in Europa zu entwickeln, die langsam zu einer eigenständigen Sparte der Literatur wurde. Jedoch erst im bürgerlichen 19. Jahrhundert fand die spezifische Kinder- und Jugendliteratur weite Verbreitung. Da das Erlernen der Lesefähigkeit im Sinne der Aufklärung eine Bedingung der individuellen gesellschaftlichen Emanzipation war, verringerte sich, wenn auch nur in geringem Maße, der Analphabeten-Anteil in der Bevölkerung. Kinder- und Jugendliteratur wurde dabei von den Aufklärern als effektives Mittel der politischen Erziehung entdeckt und genutzt. Auch begann man sich allmählich mit der Frage zu beschäftigen, welche kinderliterarischen Werke sich auf die vernunftorientierte Erziehung der kindlichen Leser als positiv erweisen konnten. Man kann hier also bereits von einer Art Kinderliteraturforschung und -kritik im kleineren Kontext sprechen, welche langsam immer umfangreicher wurde und sich so automatisch zur einer Kanonmacht entwickelte, da kinder- und jugendliterarische Werke bereits selektiert und für geeignet oder nutzlos befunden wurden. Die kindlichen Leser allerdings hatten auf diesen langsam entstehenden Kanon keinerlei Einfluss. Die Rezensenten der Werke waren nicht etwa die Kinder und Jugendlichen, sondern ihre erwachsenen Erzieher, vor allem Intellektuelle und Verfechter der Aufklärung, die ein Buch nach ihren Interessen als gut oder schlecht erachteten. Man spricht im Bezug darauf vom einem langsam entstehenden „systemischen Charakter“ der Kinder- und Jugendliteratur, was bedeutet, dass diese zu diesem Zeitpunkt als autonomes, sich weiter entwickelndes literarisches System angesehen wurde. („ Systemtheorie“) Ein weiterer Meilenstein in der kinderliterarischen Entwicklung und somit auch in ihrer Kanonbildung wurde im Jahre 1750 durch den Buchhändler John Newberry gesetzt. Dieser eröffnete in London die erste Kinderbücherei, seine „Juvenile Library“, in der er ausschließlich Kinderbücher vertrieb. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde damit die Lektüre von Kinderliteratur aktiv gefördert und auch Kindern und Jugendlichen ärmerer Familien, denen der Besitz von eigenen Büchern verwehrt blieb, das Lesen ermöglicht. Auch in anderen Ländern Europas entstanden daraufhin eigens für Kinder und Jugendliche konzipierte Büchereien bzw. zumindest auf kindliche Leser ausgerichtete Bereiche von öffentlichen Büchereien. Im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts setzte sich in Anbetracht der ausschließlich didaktische Inhalte vermittelnden kinder- und jugendliterarischen Werken eine „Anti-Lese-Bewegung“ durch. Viele Pädagogen kritisierten die Furcht einflößende „schwarze Pädagogik“ der gegenwärtigen Erziehungsbücher. Auch der französische Philosoph, Schriftsteller und Verfechter der Aufklärung Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) verfasste im Jahre 1762 ganz im Zuge dieser Bemängelung der allzu rigorosen Vermittlung moralischer Lehren seinen einflussreichen Erziehungsroman „ Émile ou de l’éducation“ („Emile oder Über die Erziehung“), mit welchem er darauf hinwies, dass Kinder nicht etwa als zukünftige Erwachsene zu betrachten seien und man sich, um ihnen etwas zu vermitteln, auf verständnisvolle Weise in die kindliche Seele hineindenken müsse. Mit dieser Kritik an den direkten, didaktischen Intentionen in den Sittenbüchern seiner Zeit, geriet Rousseau in Konflikt mit der französischen Obrigkeit und floh daraufhin nach Preußen. Dennoch hatte er mit diesem Werk großen Einfluss auf viele Schriftsteller und ihre nachfolgenden Werke.

Rousseaus Theorien folgend setzte sich vor allem in Deutschland die pädagogische Strömung des Philanthropismus’ durch, unter deren Einflüssen zum ersten Mal fiktional orientierte, also nicht nur der sittlichen Erziehung sondern auch der Unterhaltung dienende, Kinder- und Jugendliteratur entstand. Die Philanthropen strebten die Erziehung zu einem religiös aufgeklärten, sittlichen und vernünftigen Menschen an und entdeckten in diesem Zuge auch die Kinderliteratur für sich. Ganz im Sinne der Philanthropen wurde dann in den spezifisch kinderliterarischen Werken des 18. Jahrhunderts in besonderem Maße die moral-didaktische sowie die religiöse Erziehung der Leser betont, aber in einen unterhaltsamen und phantasievollen Kontext impliziert. Vor allem Fabeln mit starken moralischen Appellen waren ein beliebtes Genre um den jungen Lesern didaktische Inhalte wie Gehorsam, Mäßigung, Geduld und Fleiß nahe zu bringen. Im Rahmen dieser moraldidaktischen Literatur veröffentlichte die französische Pädagogin Madame de Genlis im Jahre 1779 ein berühmtes Kinderbuch namens „ Théatre d’educatión“, dessen Verbindung zwischen Texten und Illustrationen als für diese Zeit typisches erzieherisches Werk galt. Oberflächlich betrachtet wurde die Kinder- und Jugendliteratur mit der Implizierung von unterhaltsamen Elementen, farbenfrohen Beschreibungen und liebenswerte Figuren, zwar etwas liberaler, im Grunde genommen jedoch stellten die Figuren der Bücher ausschließlich instruktive Charaktere dar und vermittelten nichts als erzieherische Lehren. Wenn auch auf spielerische, weniger rabiate Weise als in den vorausgegangenen Jahrzehnten waren Kinder- und Jugendbücher Erziehungsinstrumente der Erwachsenen. Diese Moraldidaktik in Kinder- und Jugendbüchern bildete bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, wenn auch auf kognitivere Weise, die Basis jedes Werkes. Parallel zu dieser Entwicklung entstanden in ganz Europa erste Kinder- und Jugendzeitschriften, ebenfalls von moraldidaktischem Charakter, in denen ebenfalls wie Paul Hazard in seinem 1949 erschienenen Buch „Les Livres, Les Enfants et les Hommes“ (dt: „Kinder, Bücher, Große Leute“) betont, „die kindlichen Leser jahrelang durch sanfte Hand unterdrückt.“[1] wurden.

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts stieg, aufgrund der Entdeckung von neuen, rentableren Druckverfahren und die dadurch bedingte sprunghafte Buchproduktionssteigerung, ebenfalls die Zahl von (kinder)-literarischen Werken stark an. Auch das öffentliche Bibliothekswesen erlebte zu dieser Zeit einen Aufschwung, so dass immer mehr Kindern und Jugendlichen ein einfacherer Zugang zur Literatur ermöglicht wurde. Gleichzeitig mit dieser Flut von literarischen Produktionen wuchs jedoch auch die Skepsis gegenüber diesen Moral vermittelnden Kinder- und Jugendbüchern, und immer mehr Pädagogen begannen sich mit der Bedeutung von kinder- und jugendliterarischen Werken zu beschäftigen und den ausschließlich moraldidaktischen Charakter der Kinder- und Jugendbücher in Zweifel zu ziehen. Die Kinder- und Jugendbuchkritik entwickelte sich weiter und wurde folglich eine immer bedeutendere Kanoninstanz.

Die Kinderliteratur der Aufklärung verschwand langsam vom Buchmarkt und eine neue Reformbewegung machte sich breit. Durch das im Zuge der Romantik neu erwachte literarische Interesse an der volkseigenen Historie und Kultur, wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts Mythen, Sagen und vor allem Märchen in der Kinder- und Jugendliteratur immer beliebter: Zwar beinhalteten die romantischen Werke auch didaktische Appelle, man nahm aber im Allgemeinen mehr Abstand von den typischen moralischen Beispielsgeschichten, und betonte mehr und mehr die Ästhetik von kinder- und jugendliterarischen Werken. So publizierten die Gebrüder Jakob und Wilhelm Grimm im Jahre 1812 ihre berühmte, phantasievoll gestaltete und noch heute sehr häufig gelesene Märchen- und Sagensammlung, die „Kinder- und Hausmärchen“, die schon kurze Zeit später in viele europäische Sprachen übersetzt wurde. Auch der dänische Dichter Hans Christian Andersen feierte mit seiner von 1835-1872 erschienenen Sammlung von Märchenerzählungen, die im Vergleich zu den Grimms Märchen weniger derb waren, große Erfolge. Deutlich zu erkennen ist in vielen dieser damals entstandenen Märchen das von den romantischen Dichtern vertretene Ideal, die Schönheit der Welt mit der Naivität und Unschuld eines Kindes zu betrachten. In beinahe melancholischer Weise wurde die Kindheit als Zeit der Sorglosigkeit und des Frohsinns, in welcher der kindlichen, reinen Seele noch ein direkter Zugang zur Welt möglich war, dargestellt. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich in Europa auch die Illustration von Kinder- und Jugendbüchern, was sich positiv auf dem Buchmarkt bemerkbar machte. Man erkannte, dass man Kindern durch ansprechende Illustrationen, wie z.B. im „Struwwelpeter“ (1847) erzieherische Inhalte auf sehr einprägsame Weise nahe bringen konnte. Auch entstand langsam das Genre des Romans, welches vor allem im 20. Jahrhundert immer beliebter wurde. Im Laufe der Zeit entwickelten sich in Anbetracht der noch immer dominierenden moraldidaktischen Tendenzen in der Kinder- und Jugendliteratur zunehmend kritische Strömungen im Hinblick darauf, und das allgemeine wissenschaftliche Interesse an ihrer Erforschung nahm zu. Durch die Entstehung von Jugendschriftenkommissionen, vielen pädagogische Zeitschriften und Ähnlichem erlebte die Erforschung des Gebietes der Kinderliteratur einen allgemeinen Aufschwung in ganz Europa und auch ihr Einfluss als Kanonisierungsinstanz nahm zu. Die konventionellen Moralvorschriften, der implizierte Tugendkatalog und die verarbeiteten sozialen Klischees der Kinder- und Jugendliteratur wurden immer mehr in Frage gestellt. Ein weiteres Phänomen dieser Zeit war besonders in großen intellektuellen Zentren die rasche Zunahme der bereits bestehenden Kinder- und Jugendzeitschriften, die mehrmals im Jahr erschienen und kleine Geschichten und Erzählungen enthielten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Kinder- und Jugendliteratur endgültig Abstand von der Tradition des erzieherischen Zwecks in der Kinderliteratur und selbige begann sich durch ein neu entstandenes Formen- und Themenreichtum mehr und mehr zu einem etablierten Medium zu entwickeln. In diesem Zusammenhang sei hier Ernst Heinrich Wolgast erwähnt, der in seinem 1896 erschienenen Werk “Das Elend unserer Jugendliteratur. Ein Beitrag zur künstlerischen Erziehung der Jugend“ auf sehr scharfe Weise die mangelnde Ästhetik und die übertriebene Didaktik der damaligen Kinder- und Jugendliteratur kritisierte und eine ästhetisch orientierte Kinder- und Jugendbuchkritik forderte. Seiner Meinung nach musste das oberste Bewertungskriterium jeden Kinderbuches sein künstlerischer Wert und nicht seine implizierten moraldidaktischen Anweisungen sein, weshalb er sich absolut gegen die Existenz von intentionaler Kinder- und Jugendliteratur aussprach. Mit dieser Schrift Wolgasts wurde in der Literaturgeschichte der Beginn der tatsächlichen, seriösen theoretischen Beschäftigung mit Kinderliteratur angesetzt. Viele nachfolgende Literaturforscher bezogen sich im Hinblick auf die Kanonisierung von Kinder- und Jugendliteratur immer wieder auf sein Werk. Typisch für diese Tendenzen der allgemeinen Abkehr von der ausschließlich moraldidaktischen Kinder- und Jugendliteratur, ist das so genannte „ Cross-Over-Phänomen“: Viele Autoren, die ursprünglich nur für Erwachsene geschrieben hatten, widmeten sich nun auch der Kinder- sowie der Jugendliteratur und schrieben Bücher, in denen das Kind als solches und auch seine Wirklichkeitswahrnehmung stark autonomisiert dargestellt wurden. Doch nicht nur die moraldidaktischen inhaltlichen Schwerpunkte und der Mangel an Kunst in der Kinderliteratur wurden am Ende des 19. Jahrhunderts scharf kritisiert, sondern auch der dem einfachen, kindlichen Wortschatz angepasste Sprachgebrauch in den vorausgegangenen Kinderbüchern. Viele Erziehungs- und Literaturwissenschaftler waren sich darüber einig, dass selbiger die Sprachentwicklung der kindlichen Leser in den vorausgegangenen Jahrzehnten eher gehemmt als gefördert hatte.

Wer für achtjährige Kinder ausschließlich mit dem Wortschatz der Achtjährigen schreibt, hemmt ihre Entwicklung, statt sie zu fördern. Wortschatz und geistiger Horizont stehen in einem unmittelbaren Verhältnis zueinander.[2]

Besonders der Pädagoge Ernst Linde machte 1901 in seinem Werk „Kunst und Erziehung“ auf die Notwendigkeit aufmerksam, die der Erziehung dienenden Werke dem Verständnis und den Empfindungen des Kindes anzupassen, da die Bücher andernfalls keinerlei pädagogischen Nutzen hätten. Seiner Meinung nach musste ein Kinder –und Jugendbuchautor Kindertümlichkeit und künstlerische Qualität verbinden.

Schließlich entwickelte sich mit Werken wie Ele Urys „Nesthäckchen“ (1918) und anderen in der Kinder- und Jugendliteratur langsam auch ein gewisses Interesse für die Psyche des Kindes sowie deren Entwicklung und ein Verständnis für die kindlichen Interessen. Man versuchte in Kinder- und Jugendbüchern Pädagogik und Unterhaltung endgültig zugunsten der jungen Leser zu verknüpfen. Ein weiteres Novum war die Aufnahme einer politischen Dimension, die in dem kindlichen Verständnis angepassten Formen in den Geschichten verarbeitet wurde. Es eröffnete sich im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur ein Themengebiet, das noch wenige Jahre zuvor absolutes Tabuthema gewesen war. Auf subtile Weise wurden Kinder und Jugendlich über gesellschaftspolitische Problematiken aufgeklärt und ihnen wurde eine kritische Sicht auf das politische Geschehen in der Welt vermittelt. In diesem Zusammenhang ist jedoch zu beachten, dass der Kinder- und Jugendliteratur diese politische Aufklärungstendenz, einige Jahre später zu Zeiten der Hitler-Diktatur in Deutschland, im Sinne der Blut und Boden-Dichtung, völlig entzogen wurde. Auch in anderen diktatorischen Regimes (wie zum Beispiel die Franco-Diktatur in Spanien) wurde Kinder- und Jugendliteratur stark zensiert und in Zeiten politischer Gewaltherrschaft besonders missbraucht um den leicht beeinflussbaren, jungen Lesern ideologische Grundsätze nahe zu bringen. Unter solchen Umständen erübrigt sich natürlich die Frage nach der Erforschung der künstlerischen Dimension dieser Werke. Künstlerische Werte konnten sich zu Zeiten der Zensur kaum durchsetzen, geschweige denn erforscht werden.

Die Kinder- und Jugendliteratur nach dem Zweiten Weltkrieg war in Europa, ganz besonders jedoch in Deutschland, von einem starken Friedwillen geprägt. Zentrale Themen waren die Vermittlung von humanistischen Weltanschauungen und das Schaffen einer heilen Kinderwelt auf Literaturebene. Als typische Beispiele dieser „Heilen-Welt-Literatur“ der Nachkriegszeit sind beispielsweise Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ (1945) und Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ (1949) zu nennen. In den 50er Jahren nahm, verursacht durch die Einführung von preisgünstigen Taschenbüchern, das allgemeine Leseinteresse zu, was wiederum die Erforschung von Kinder- und Jugendbüchern positiv beeinflusste. Die Kinder- und Jugendliteraturforschung begann sich als autonome wissenschaftliche Disziplin zu etablieren, was auch die Kanondiskussionen förderte. Zwar hatten bereits in den Zwanziger Jahren erste Diskussionen über die Kanonbildung von Kinder- und Jugendliteratur stattgefunden, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit kinder- und jugendliterarischen Werken unabhängig von der Erwachsenenliteratur konnte sich jedoch erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts durchsetzen und eine wichtige Kanonisierungsinstanz werden. Im Zuge dieser verstärkten Literaturforschung etablierten sich im Lektüreunterricht an deutschen Gymnasien bestimmte feste Kanones, die hauptsächlich aus deutschen Klassikern, wie Goethe oder Schiller, bestanden.

[...]


[1] Hazard, Paul: Kinder, Bücher und Große Leute. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag 1952. S.51

[2] Krüss, James: Naivität und Kunstverstand. Gedanken zur Kinderliteratur.2. Ausgabe. Weinheim/ Basel: Beltz Verlag 1992. S.82

Details

Seiten
33
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638861250
ISBN (Buch)
9783656680970
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82165
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Schlagworte
Kanonbildung Kinder- Jugendliteratur

Autor

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Titel: Kanonbildung in der Kinder- und Jugendliteratur