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Offene oder verschlossene Türen? – Präsenz von Frauen in politischen Führungspositionen im repräsentativen System der Bundesrepublik

Magisterarbeit 2007 170 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Themenstellung, Ziele der Arbeit und Fragestellungen
1.2. Forschungsstand
1.2.1. Legitimationsmuster für die politische Partizipation von Frauen
1.2.2. Erklärungsansätze zur geschlechtsspezifischen politischen Partizipation
1.3. Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

2. Quantitative Repräsentation von Frauen im politischen System der Bundesrepublik Deutschland
2.1. Repräsentation von Frauen in politischen Führungspositionen
2.1.1. Frauen in politischen Führungspositionen auf Bundesebene
2.1.1.1. Parlamentarierinnen im Deutschen Bundestag
2.1.1.2. Ministerinnen in der Bundesregierung
2.1.2. Frauen in politischen Führungspositionen auf Landesebene
2.1.2.1. Parlamentarierinnen in Landtagen und Senaten
2.1.2.2. Ministerinnen in Regierungen der Bundesländer
2.2. Weibliche Mitglieder in Parteien
2.3. Politik als Beruf: Möglichkeiten und Grenzen des Weges von Frauen in die politische Elite
2.3.1. Das klassische Modell zur Erklärung der Marginalität von Frauen in der Politik: Determinanten des geschlechtsspezifischen politischen Partizipationsverhaltens
2.3.1.1. Politische Kultur
2.3.1.1.1. Das polarisierte Geschlechterverhältnis
2.3.1.1.2. Politik als „Männerdomäne“
2.3.1.1.3. Wertewandel – Geschlechterrollenwandel?
2.3.1.2. Soziostrukturelle Faktoren
2.3.1.2.1. Bildung
2.3.1.2.2. Berufstätigkeit
2.3.1.2.3. Einkommen
2.3.1.2.4. Bedeutung sozioökonomischer Ressourcen für eine politische Karriere von Frauen
2.3.1.3. Institutionelle Ursachen
2.3.1.3.1. Wahlsystem
2.3.1.3.2. Rekrutierungsprozesse der Parteien und innerparteiliche Partizipation
2.3.1.4. Individuelle Faktoren

3. Qualitative Repräsentation von Frauen im politischen System der Bundesrepublik Deutschland

4. Abschließende Betrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„Warum sind Frauen wieder ein großes Thema?“[1] Diese Frage mag manchen bewegen, seitdem die Rolle von Frauen in der Gesellschaft nicht mehr nur im Diskurs von Feuilletonisten platziert ist, sondern auch den Weg auf die politische Agenda und, massenmedial vermittelt, Eingang in die öffentliche Diskussion gefunden hat.

Seit der Entstehung der neuen Frauenbewegung in der Bundesrepublik[2] in den 1970er Jahren stand die Veränderung der gesellschaftlichen Stellung von Frauen kaum im Mittelpunkt ernsthaften öffentlichen und politischen Interesses. Noch 1998 brachte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder sein Desinteresse an frauenspezifischen Themen zum Ausdruck, indem er bei der öffentlichen Präsentation seines Kabinetts die Ressortleiterin Christine Bergmann despektierlich als Ministerin für Familien, Frauen und das andere „Gedöns“ vorstellte.[3] In der ehemaligen DDR galt die Gleichberechtigung seit 1961 als offiziell verwirklicht,[4] Begriffe wie Feminismus und Emanzipation kamen im öffentlichen Sprachgebrauch kaum vor und wurden negativ assoziiert. Trotz der hohen Erwerbsbeteiligung von Frauen und des dichten Netzes an staatlicher Kinderbetreuungsinfrastruktur, kann auch in der DDR nicht von einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Partizipation von Frauen gesprochen werden, weil im Privatbereich traditionelle Rollenmuster fortbestanden.

Schienen Begriffe wie Emanzipation und Feminismus bis vor wenigen Jahren Relikte aus einer längst vergangenen Zeit, so werden fehlende gesellschaftliche Gleichbehandlung und Chancenungleichheit von Frauen und Männern derzeit auch von politischen Akteuren mit hoher Aufmerksamkeit und Sensibilität wahrgenommen.

Verfolgt man die gegenwärtige Diskussion um die gesellschaftliche Stellung von Frauen in Deutschland, so sind jedoch deutliche Ambivalenzen erkennbar: Auf der einen Seite wird suggeriert, Frauen stünden alle Türen zur Erreichung ihrer beruflichen und persönlichen Ziele offen, weil es de jure keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gäbe. Jede Frau wird für sich reklamieren, dass sie selbst emanzipiert und gleichberechtigt sei und dass sie sich unabhängig für einen selbstgewählten Lebensentwurf entscheiden könne.

Obwohl Mädchen und junge Frauen in Deutschland derzeit im Durchschnitt bessere schulische Abschlüsse erreichen als die gleichaltrigen Jungen und Männer,[5] sind sie in Spitzenpositionen von Wirtschaft und Politik nur in geringer Zahl vertreten. Damit Frauen die ihnen gebotenen Chancen nutzen können, setzen sich politische Akteure zunehmend für den Ausbau von Betreuungseinrichtungen für Kinder ein, weil von staatlicher Seite das Haupthindernis für eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Frauen in der diskontinuierlichen weiblichen Erwerbsbiografie aufgrund der Freistellung für familiäre Aufgaben gesehen wird. Auffallend ist, dass die Verbindung von Familie und Berufstätigkeit hauptsächlich als eine Aufgabe von Müttern gesehen wird. Zwar wird immer wieder die Veränderung der Strukturen der Arbeitswelt angemahnt, um auch Vätern die Beteiligung an der Kindererziehung zu ermöglichen, konkrete Initiativen bleiben aber halbherzig.[6]

Auf der anderen Seite wird an einem konservativen Rollenverständnis festgehalten, wonach Frauen sich auf traditionelle „weibliche“ Werte und Lebensentwürfe besinnen sollten. Berufstätige Mütter werden als selbstbezogene Rabenmütter stigmatisiert, die dem Kindeswohl schaden.[7] Vertreter[8] dieser Richtung verkennen dabei allerdings oft, dass es die eindeutige Option für Kinder oder Berufstätigkeit für viele Frauen heute nicht mehr gibt, weil das Modell des „strong male breadwinners“ angesichts hoher Arbeitslosigkeit, stagnierender Löhne und veränderter Rollenbilder[9] nicht mehr zukunftsfähig ist.

Angesichts der kontrovers und ideologisch geführten Debatte um die weibliche Rolle scheint es, als stünden Frauen im Mittelpunkt der Diskussion um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Gesellschaft allgemein. Doch warum sind Frauen nun zu diesem Zeitpunkt ein allgegenwärtiges Thema? Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass im Jahr 2005 mit Angela Merkel erstmals in der deutschen Geschichte eine Frau an der Spitze der Regierung steht. Mit diesem Ereignis schien die Gesetzmäßigkeit „Je mehr Macht, desto weniger Frauen“ keine Gültigkeit mehr zu besitzen. Es entstand der Eindruck, als könnten Frauen hierzulande alles erreichen, als seien die Barrieren, die eine gleichberechtigte gesellschaftliche und politische Teilhabe verhinderten, nun endgültig abgebaut.

Welche Motivation besteht nun - angesichts offenbar verwirklichter Chancengleichheit -, eine wissenschaftliche Untersuchung zum Thema Frauen und Politik in Deutschland zu schreiben? Obwohl das machtpolitisch wichtigste Amt in Deutschland von einer Frau bekleidet wird, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass Politik hierzulande von Männern dominiert wird. Derzeit sind etwa 67,0 Prozent der Abgeordneten des Deutschen Bundestages Männer, von 15 Bundesministern sind fünf weiblich.[10] Ungeachtet der Tatsache, dass Frauen im Kontext der tagespolitischen Diskussion um die zukünftige Familienpolitik omnipräsent sind, so sind sie selten in verantwortlicher politischer Position zu finden. Genau hier ist der Ansatzpunkt für die vorliegende Untersuchung, die sich mit der gegenwärtigen Repräsentation von Frauen im politischen System Deutschlands, genauer mit deren geringen Präsenz in politischen Führungspositionen, beschäftigt.

1.1. Themenstellung, Ziele der Arbeit und Fragestellungen

Ziel dieser Arbeit ist es, das Phänomen der Marginalität von Frauen in der Politik zu untersuchen und folgende intentionale Fragestellungen zu beantworten: Worin liegen die Ursachen der geringen Präsenz von Frauen in politischen Führungspositionen in Deutschland, welche Hemmnisse verhindern eine größere politische Teilhabe von Frauen? Warum gelingt so wenigen Frauen eine Karriere in der Politik?

Im Mittelpunkt der Analyse stehen dabei die Frauen, die den politischen Aufstieg bereits geschafft haben - Politikerinnen, die ein Parlamentsmandat auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene innehaben und/oder ein Regierungsamt bekleiden. Indem die Karrierewege dieser Frauen nachvollzogen werden, soll herausgefunden werden, ob der Weg in eine Entscheidungsposition der Politik für eine Frau wesentlich anders verläuft als für einen Mann.

Gibt es Barrieren, die nur Frauen überwinden müssen und worin liegen ihre Ursachen? Sind es Besonderheiten des politischen Systems und seiner Institutionen und der Gesellschaftsordnung, oder ist die Hauptverantwortung bei den Frauen selbst zu suchen?

In parlamentarischen Regierungssystemen wie dem der Bundesrepublik Deutschland sind politische Parteien die einflussreichsten Schleusenwärter auf dem Weg in ein politisches Amt. Insofern liegt es nahe, den Fokus dieser Arbeit auf die im institutionellen Rahmen von Parteien stattfindende politische Partizipation von Frauen zu legen. Es wird angenommen, dass innerparteiliche Mechanismen und Regelungen auf die weibliche Repräsentation Einfluss haben. Angesichts dessen, dass nicht allen Frauen per se der Weg in die Politik versperrt ist, können die Ursachen nicht allein auf struktureller Ebene angesiedelt sein. Frauen, die in der Politik reüssieren, müssen über Eigenschaften und Fähigkeiten verfügen, die die Mehrheit der Geschlechtsgenossinnen nicht aufweisen können. Es muss also Erklärungen für diese Differenzen geben, welche die Ausprägung von Charakteristika, die für eine politische Karriere hilfreich sind, befördern oder behindern. Aus der Perspektive der Akteurinnen kann beleuchtet werden, welche Voraussetzungen notwendig sind, um den Beruf Politik als Frau erfolgreich ausüben zu können. Ausgangspunkt der Untersuchung der Gründe der geringen weiblichen Präsenz in den obersten Rängen der Politik ist die Hypothese, dass eine Mischung aus Fremd- und Eigenverschulden, aus externen und internen Faktoren, eine stärkere institutionelle politische Partizipation verhindert.

An dieser Stelle muss auch die Frage beantwortet werden, weshalb ein geschlechtsspezifischer Untersuchungsansatz sinnvoll ist und hier gewählt wird. Nur durch die differenzierende Betrachtung des Gegenstandes können die Ursachen, weshalb Frauen seltener als Männer erfolgreich politisch aktiv sind, ausfindig gemacht werden. Würden keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen, müsste sich dies auch in der gleichen Repräsentanz in der Politik bemerkbar machen. Es muss also spezielle Hindernisse geben, die nur für die politische Aktivität von Frauen von Bedeutung sind.

Die Tatsache, dass es bisher nur wenige Frauen in Spitzenpositionen der Politik geschafft haben, ist zwar bedauerlich, scheint aber noch nicht den Kern des Problems zu treffen. Eine umfassende Untersuchung zur Repräsentation von Frauen im politischen System Deutschlands muss auch die Frage beantworten, weshalb die Präsenz von Frauen in politischen Ämtern überhaupt erhöht werden sollte. Somit ergibt sich die zweite Fragestellung, die im Rahmen dieser Arbeit beantwortet werden soll: Welche Legitimation besteht für die Erhöhung des Frauenanteils in politischen Führungspositionen und welche Auswirkungen sind davon zu erwarten?

Repräsentation wird in der vorliegenden Untersuchung als zweidimensionaler Untersuchungsgegenstand betrachtet: 1. als quantitative Vertretung von Frauen mit dem Schwerpunkt auf der Beantwortung der Frage nach den Ursachen der zahlenmäßigen Marginalität, und 2. als die qualitative Legitimation der Aktivität von Frauen mit dem Schwerpunkt auf der Beantwortung der Frage nach den Gründen, warum die Einbeziehung von Frauen in politische Entscheidungsfindungsprozesse wünschenswert sein kann.

1.2. Forschungsstand

Das Thema der geschlechtsspezifischen politischen Partizipation stieß lange Zeit auf nur geringes Interesse der etablierten Politikwissenschaft. Fragen der geringen Zahl der Frauen wurden meist im Kontext der Wahlforschung betrachtet.[11] Abgesehen von wenigen frühen Arbeiten, die sich explizit mit dem politischen Verhalten von Frauen beschäftigten,[12] setzte die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Gegenstand Frauen und Politik in Deutschland erst mit der Etablierung der universitären Frauen- und Geschlechterforschung[13] in den 1970er Jahren ein. Die Entstehung dieser Disziplin im Kontext der zweiten deutschen Frauenbewegung der 1970er Jahre implizierte auch eine enge programmatische Verbindung. Die Kritik an der patriarchalen Gesellschaftsordnung war ein wesentliches Strukturmerkmal von Frauen- und Geschlechterforschung. Dies implizierte auch die Distanz zur etablierten, an institutionellen Inhalten und Funktionsträgern orientierten Politikwissenschaft und deren Methoden und Interpretationen. Die Losung der neuen bundesdeutschen Frauenbewegung „Das Private ist politisch“ prägte den wissenschaftlichen Diskurs um Frauen und Politik. Inhaltlich manifestierte sich dies in der Präferenz für eine alltagsbezogene, „weibliche“ Sichtweise der Frauen- und Geschlechterforschung, deren Hauptanliegen in der Besetzung der bisher zu selten angesprochenen Dimension des nicht-institutionalisierten Bereiches bestand.[14] Während für die Geschichtswissenschaft die Darstellung historischer Ereignisse aus der Sicht von bislang kaum wahrgenommenen Gesellschaftsgruppen, wie u. a. von Frauen ein wichtiger Beitrag zur Ergänzung des Erkenntnisstandes der Gesamtdisziplin war, hatte der alltagsorientierte Ansatz für die Untersuchung der Ursachen des Präsenzdefizits von Frauen in der Politik jedoch die Folge, dass die eigentlichen Akteurinnen auf institutionellem Gebiet, die Politikerinnen, zunächst vernachlässigt wurden und erst seit den 1990er Jahren in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses rückten.[15]

Obwohl sich Wissenschaftler im angelsächsischen Sprachbereich bereits seit den 1970er Jahren mit den Gründen der Marginalität von Frauen in den Spitzenpositionen der Gesellschaft beschäftigt hatten,[16] setzte die Rezeption dieser Ergebnisse innerhalb des deutschen Diskurses nur zögerlich ein. Viele Forscherinnen gingen von der Exzeptionalität der Situation der deutschen Frauen in der Politik aus und lehnten die Auseinandersetzung mit Studien aus dem Ausland ab, da nicht-deutsche Forscher hiesige Verhältnisse nicht adäquat beurteilen könnten und Schlussfolgerungen, die aus dem Studium der Situation von Frauen in anderen Ländern entstanden seien, nicht auf Deutschland übertragen werden könnten. Penrose kritisierte deutsche Wissenschaftlerinnen aufgrund der ihrer Meinung nach oftmals unreflektierten Übernahme von Ergebnissen ausländischer Forscher.[17]

Ist die Reflexion von Themen, die bisher im Abseits des wissenschaftlichen Diskurses standen, angesichts der inhaltlichen Bereicherung der Gesamtdebatte zunächst durchaus positiv zu beurteilen, so ist die Erweiterung des männlich geprägten Politikbegriffes um dem Privatbereich zugeordnete Themen auch mit der Schaffung eines diffusen, kaum aussagefähigen „Catch-all-Begriffs“[18] verbunden.

Zu Beginn der 1990er Jahre begann sich eine feministische Politikwissenschaft zu entwickeln, die sich nun nicht mehr auf die Erweiterung des Politikbegriffes beschränkt, sondern die Reformulierung der traditionellen Inhalte der Politikwissenschaft unter dem Aspekt der geschlechterkritischen Betrachtung zum Ziel setzt.[19] Politikwissenschaftliche Geschlechterforschung erfolgt in der Terminologie der Mainstream-Forschung[20] mit etablierten Begriffen und Konzepten.[21] Besonderes Augenmerk liegt dabei u. a. auf der kritischen Auseinandersetzung mit theoretischen Konzepten und Begriffen von Macht, Staat oder Demokratie.

Entscheidend für die Einordnung und Bewertung der Literatur zum Themenkomplex Frauen und Politik ist aus heutiger Sicht die Affinität der Frauen- und Geschlechterforschung zur deutschen Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts. Diese Verbindung hatte Auswirkungen, die insgesamt kritisch beurteilt werden müssen und beim Umgang mit der in diesem Kontext entstandenen Literatur stets reflektiert werden sollten. Zum einen muss auf das Wissenschaftsverständnis der Vertreterinnen dieser Disziplin eingegangen werden. Entgegen den in den Sozialwissenschaften heute etablierten Idealen größtmöglicher Objektivität und kritischer Distanz zum Untersuchungsgegenstand,[22] war es nicht das Ziel der Frauen- und Geschlechterforschung, die Entwicklung der Frauenbewegung und die Stellung der Frau in der Gesellschaft objektiv zu analysieren. Die möglichst enge Verbindung zur Frauenbewegung wurde gewählt, um deren Ziele und Inhalte zu bestätigen und zu propagieren, was nur aus der Perspektive der persönlichen Betroffenheit möglich schien.[23] Durch die Ablehnung des Objektivitätsgebotes zugunsten des Postulates der Parteilichkeit geriet die deutsche Frauen- und Geschlechterforschung der 1980er Jahre zur bloßen Reflexionstheorie der Frauenbewegung.[24] Diese Kritik wurde am deutlichsten von Niklas Luhmann in einem Aufsatz im Jahr 1988 formuliert.[25] Luhmann bilanzierte hier mit viel Polemik den Stand der Frauen- und Geschlechterforschung in der Bundesrepublik aus seiner Sicht. In der Disziplin selbst wurde Luhmanns grundlegende Kritik kaum rezipiert, auch seine Konzepte wurden ignoriert. Erst in jüngster Zeit gibt es Ansätze, die theoretischen Prämissen Luhmanns für die Geschlechterforschung nutzbar zu machen.[26]

Die Abgrenzung der feministisch orientierten Wissenschaft zur männlich dominierten Politikwissenschaft spiegelte sich auch in der Debatte um die Wahl der Untersuchungsmethoden wider. Entgegen den in der Mainstream-Politikwissenschaft dominierenden quantitativen, an naturwissenschaftlich-mathematischen Operationen orientierten Methoden der empirischen Sozialforschung, wählten die Vertreterinnen der Frauen- und Geschlechterforschung meist einen qualitativen Ansatz. Angesichts des vorrangigen Untersuchungszieles, den Politikbegriff um eine alltagsbezogene Dimension aus der Sicht von Frauen zu ergänzen, schienen persönliche Interviews, teilnehmende Beobachtung u. a. am besten geeignet, die Vielfalt und Widersprüchlichkeit in den weiblichen Lebensläufen darzustellen.[27] Erste Untersuchungen zu den Ursachen der marginalen Präsenz von Frauen im politischen Raum waren biografische Studien, die sich auf Intensivinterviews mit wenigen prominenten politisch aktiven Frauen stützten.[28] Diese Arbeiten, wie z. B. von Kahlweit, liefern zwar durchaus interessante Einblicke in das Leben herausgehobener zeitgeschichtlicher Persönlichkeiten, bleiben allerdings in ihrem Aussagewert hinsichtlich der Frage nach den Gründen des Präsenzdefizits von Frauen in der Politik begrenzt. Den Politikerinnen wird hier viel Raum zur Selbstdarstellung eingeräumt und auf zusätzliche systematisierende Informationen und Schlussfolgerungen seitens der Verfasser wird oftmals verzichtet.[29] Das Außergewöhnliche einer politischen Karriere der interviewten Frauen steht im Zentrum dieser Arbeiten, die eher der Biografieforschung zuzuordnen sind.

Obwohl in der Frauen- und Geschlechterforschung die Verbindung quantitativer und qualitativer Erhebungsmethoden mittlerweile als notwendig und sinnvoll erachtet wird,[30] besteht das grundlegende Problem jeder Untersuchung zum geschlechtsspezifischen politischen Verhalten heute in der unzureichenden Datengrundlage. Aufgrund des Mangels an regelmäßig erhobenen, nach Geschlechtern differenzierenden Daten muss auf qualitative Ergebnisse zurückgegriffen werden. Angesichts der kleinen Fallgrößen besitzen diese Analysen allerdings keinen repräsentativen Charakter. Fast ausschließlich wurden regional oder auf Akteurinnen einer politischen Ebene begrenzte Untersuchungen über das politische Verhalten von Frauen durchgeführt. Exemplarisch sind hier die Arbeiten von Birgit Meyer über baden-württembergische Parlamentarierinnen,[31] von Schaeffer-Hegel über den Berliner Frauensenat von 1989[32] oder eine Studie über Politikerinnen aus Schleswig-Holstein[33] zu nennen.

Im Jahr 1998 erschien mit der ersten und bislang einzigen Gesamterhebung aller Parlamentarierinnen zum Untersuchungszeitpunkt 1996/97 eine für die Erforschung der Ursachen der Marginalität von Frauen in politischen Führungspositionen in Deutschland grundlegende Arbeit.[34] Diese Untersuchung beschäftigt sich mit Sozialisation und Karriereverläufen von Parlamentarierinnen und will davon ausgehend Strategien zur Förderung von Frauen in politischen Ämtern entwickeln. In den Jahren 1998 bis 2002 wurden im Rahmen der repräsentativen ALLBUS-Erhebung letztmals in Deutschland unterschiedliche Aspekte des Partizipationsverhaltens nach Frauen und Männern aufgeschlüsselt erhoben,[35] dies sind die derzeit aktuellsten verfügbaren Daten. Somit wird die Untersuchung der geschlechtsunterschiedlichen politischen Aktivität, speziell der Situation von Politikerinnen in Deutschland, durch eine ungenügende Datenbasis erschwert.

Grundproblem jeder wissenschaftlichen Analyse von Geschlechterunterschieden ist es, durch das Insistieren auf der Differenz zwischen Frauen und Männern unbewusst und ungewollt zur Bestätigung und Verfestigung von Geschlechterstereotypen beizutragen.[36] Vor allem frühe Arbeiten der Frauen- und Geschlechterforschung basieren hauptsächlich auf Vermutungen, eine empirische Prüfung der Annahmen findet meist nicht statt,[37] wodurch oftmals der Eindruck einer Idealisierung von Frauen zugeschriebenen Eigenschaften und Fähigkeiten entsteht. Damit tragen diese Arbeiten zur Konservierung der Polarität der Geschlechterrollen bei und können wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen. Dennoch ist eine nach Geschlechtern differenzierende Analyse unerlässlich, um Differenzen im politischen Verhalten und den Kenntnissen zwischen Männern und Frauen festzustellen, kritisch nach den Ursachen zu fragen und damit zu ihrem Abbau beizutragen. Für die Forscher besteht daher in jeder Phase der Untersuchung die Notwendigkeit, eigene Hypothesen und Gedanken kritisch zu hinterfragen, zu begründen und durch empirische Daten abzusichern, um die Gefahr stereotyper Verallgemeinerungen zu minimieren. Die Beschränkung auf die Untersuchung von Frauen bietet auch die Chance, Unterschiede zischen Frauen selbst aufzuzeigen und damit Verallgemeinerungen über „die Frau“ zu vermeiden.[38]

Insgesamt lässt sich die wissenschaftliche Literatur zur geschlechtsspezifischen politischen Beteiligung kaum mehr überblicken. Dennoch besteht ein deutliches interessenspezifisches Gefälle. Zwei dominante Forschungsstränge lassen sich analog zu den hier interessierenden Aspekten der quantitativen und qualitativen politischen Repräsentation von Frauen unterscheiden: Eine Strömung beschäftigt sich mit der Frage nach den Ursachen der Marginalität von Frauen in politischen Führungspositionen. Die andere Richtung untersucht die qualitativen Auswirkungen der Präsenz von Frauen in der Politik. Während der erste Zweig mit dem Schwerpunkt auf der Analyse der Barrieren von Frauen in der Politik als relativ gut erforscht gelten kann, widmen sich aktuell nur wenige Studien dem zweiten Aspekt der geschlechtsspezifischen politischen Partizipation, was sich in der deutlich geringeren Zahl an zum Teil veralteten Studien ablesen lässt.

1.2.1. Legitimationsmuster für die politische Partizipation von Frauen

Warum sollten Frauen sich nun politisch betätigen? Im wesentlichen sind fünf Begründungen verbreitet, die 1992 in einer Studie der Vereinten Nationen zusammengefasst wurden.[39] Frauen müssten entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung am politischen Leben teilhaben, weil dies dem demokratischen Prinzip immanent sei. Bei einer zu geringen direkten Beteiligung von Frauen im politischen Entscheidungsfindungsprozess könne die Legitimität des politischen Systems in Frage gestellt werden. Ausgehend von der Vorstellung einer weiblichen Andersartigkeit könnten Fraueninteressen nur von weiblichen Abgeordneten adäquat vertreten werden. Zugleich würde Politik durch die spezifische Interessenlage und Sichtweise von Frauen bereichert.[40] Zudem bedeute es eine beträchtliche Verschwendung von menschlichen Ressourcen, das Wissen von Frauen nicht zur Lösung anstehender Probleme zu nutzen.

Diese fünf Argumente für eine Erhöhung der Zahl der Frauen im politischen Entscheidungsprozess lassen sich nach Hoecker zu drei Erklärungsansätzen zusammenfassen: dem Paritätsansatz, dem Emanzipationsansatz und dem Autonomieansatz.[41] Alle Rechtfertigungsmuster stellen die Notwendigkeit institutioneller politischer Partizipation von Frauen in den Mittelpunkt ihrer Argumentation. Vor allem in Kreisen radikaler Feministinnen wird eine Position vertreten, die von der Aussichtslosigkeit der Durchsetzung eigener Interessen innerhalb der Strukturen des politischen Systems ausgeht und politische Beteiligung von Frauen in verregelten Formen ablehnt.[42] Ziel der Vertreterinnen dieses Ansatzes ist die außerparlamentarische Veränderung der patriarchalen Gesellschaftsordnung mittels nicht-institutioneller Partizipation.

Angesichts des defizitären Forschungsstandes zum Aspekt der Legitimation weiblicher politischer Betätigung ist die empirische Prüfung der Argumente bislang überwiegend ausgeblieben. Meist bleibt es bei einer kursorischen Darstellung der Legitimationsmuster.[43] In jüngster Zeit widmen sich aber vor allem US-amerikanische und britische Wissenschaftler der Untersuchung konkreter Auswirkungen der Repräsentanz von Frauen in Parlamenten.[44] Für Deutschland sind solche Studien ein Desiderat.[45] Hierzulande beschränkt sich die Mehrzahl der Analysen auf die demokratietheoretische Diskussion und plädiert fast ausschließlich für eine paritätische Einbeziehung von Frauen und Männern in den politischen Entscheidungsprozess. Diese Abhandlungen gehen meist von zwei diskussionswürdigen Prämissen aus: Zum einen werden Frauen nicht als Individuen gesehen, sondern ihnen wird eine Gruppenidentität zugeschrieben.[46] Zunehmend werden aber auch die Unterschiede zwischen politisch aktiven Frauen untersucht. So konnte Meyer nachweisen, dass erhebliche Differenzen zwischen Politikerinnen z. B. in Bezug auf politische Zielvorstellungen verschiedener Kohorten bestehen.[47] Zum anderen ist das diesen Abhandlungen zugrunde liegende Verständnis von parlamentarischer Repräsentation als eines Abbildes der Gesellschaft in einer modernen repräsentativen Demokratie nicht zu verwirklichen.[48] Einen anderen Ansatz wählt Anne Phillips, die sich von der in der feministischen Politikwissenschaft dominanten Repräsentationsvorstellung distanziert und das Veränderungspotential von Politik durch Frauen deutlich skeptischer einschätzt.[49]

In diesem Zusammenhang ist auch die von der amerikanischen Wissenschaftlerin Rosabeth Moss Kanter im Kontext der Untersuchung von Organisationen der Arbeitswelt entwickelte Theorie der Gruppenrepräsentation relevant.[50] Kanter geht davon aus, dass die Größe einer Minderheit innerhalb einer Großgruppe entscheidend für das von ihr ausgehende Veränderungspotential ist. Allerdings bleibt die Hypothese, dass ein Anteil von 30,0 Prozent an der Gesamtmitgliederzahl zu einer spürbaren Veränderung von Inhalten und Strukturen führen könne, unbewiesen. Auch hier gibt es international und national bislang kaum weiterführende Forschungsarbeiten.[51]

1.2.2. Erklärungsansätze zur geschlechtsspezifischen politischen Partizipation

Um eine systematische Aufarbeitung des bisherigen Forschungsstandes zu den Erklärungsansätzen über die Ursachen der geringen Zahl von Frauen in der Politik zu geben, werden abhängig von den jeweils genannten zentralen, partizipationsbestimmenden Faktoren drei Erklärungsansätze untergliedert: kulturelle, soziostrukturelle und institutionelle Ansätze.[52] Anzumerken ist, dass sich diese Muster in einigen Punkten überlagern.[53] Aus diesem Grund wird im Anschluss an diese Darstellung dafür plädiert, einen ganzheitlichen Ansatz zu wählen.

Tabelle 1: Erklärungsansätze zur geschlechtsspezifischen politischen Partizipation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erste Ansätze für die Erklärung des weiblichen Präsenzdefizits in der Politik wurden im Rahmen der Wahlverhaltensforschung entwickelt. Die Marginalität von Frauen im politischen Raum wurde als Resultat der im Vergleich zu Männern geringeren politischen Aktivität gesehen.[54] Die amerikanischen Wissenschaftler Verba und Nie konstatierten 1972 eine Korrelation zwischen politischer Aktivität und Geschlecht, die zu der Schlussfolgerung veranlasste: „men are more active than women.“[55] Frauen sind seltener Parteimitglieder, bekleiden seltener öffentliche Ämter und beteiligen sich in geringerem Umfang an Wahlen. Die Ursachen des „Gender Gap“ wurden vor dem Hintergrund des ressourcenabhängigen Partizipationsmodells erklärt, wonach die politische Aktivität steigt, je höher die Bildung, das Einkommen und die Position im Berufsleben ist.[56] Als Erklärung für die schlechtere Ausstattung von Frauen mit sozioökonomischen Ressourcen wie z. B. Bildung, Einkommen und beruflichem Status wurde ein kausaler Zusammenhang zur geschlechtsspezifischen Sozialisation hergestellt. Die nach Geschlechtern polarisierte moderne Gesellschaftsordnung teilt Männern die öffentliche Sphäre von Berufswelt und Politik zu und verweist Frauen auf den nicht-öffentlichen, privaten Bereich, was mit der Ausprägung von spezifischen Kompetenzen und Charakteren verbunden ist.[57] Danach würden Mädchen im Verlauf des Sozialisationsprozesses die Fähigkeiten und Eigenschaften vermittelt, die für den weiblichen Lebenszusammenhang prädestinierten. Die Entwicklung von für die institutionelle politische Betätigung begünstigenden Eigenschaften und der Erwerb von dafür notwendig erachteten sozioökonomischen Ressourcen wird bei Mädchen und Frauen behindert, bei Jungen und Männern dagegen befördert.[58]

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Ursachen des weiblichen Präsenzdefizits hat der Sozialisationsansatz häufige Rezeption erfahren. Dabei muss nach zwei Interpretationsmustern differenziert werden. Da mit der geschlechtsspezifischen Trennung von Privat- und Erwerbsbereich auch die Abwertung von Frauen zugeschriebenen Eigenschaften und Fähigkeiten verbunden ist, erschienen Vertretern der einen Richtung, Frauen, gemessen am männlichen Ideal, als Mängelwesen.[59] Frauen besäßen aufgrund der auf die Anforderungen im Privatbereich abzielenden Sozialisation generell eine unpolitische Haltung und verfügten über Eigenschaften, die für eine politische Karriere hinderlich seien. Dieser Standpunkt wird in der deutschen Rekrutierungsforschung z. B. von Herzog vertreten.[60] Heute gilt als gesichert, dass Frauen zwar ein geringeres Interesse an Politik haben als Männer, jedoch nicht grundsätzlich unpolitisch sind. Ein signifikanter geschlechtsspezifischer Unterschied besteht in der subjektiven Wahrnehmung der politischen Kompetenz, die bei Männern größer ist als bei Frauen.[61]

Kritiker des vor allem in der männlich geprägten Mainstream-Forschung dominanten Defizitansatzes gingen seit den 1980er Jahren dazu über, den Mythos der apolitischen Frau zu widerlegen. Im Kontext der Erweiterung des Politikbegriffes um die „weibliche“, nicht an Institutionen orientierte Sphäre durch die feministische Forschung, wurde von einer Andersartigkeit des politischen Denkens und Verhaltens von Frauen im Vergleich zu Männern ausgegangen.[62] Als Ergebnis der nach Geschlechtern unterschiedlichen Sozialisation verfügten Frauen über ein spezifisch weibliches Politikverständnis und Partizipationsmuster, was sich in der Präferenz von Frauen für unkonventionelle politische Aktivitäten manifestiere.[63] Hier werden, wie bereits oben angemerkt, Frauen als homogene Gruppe angesehen, die qua Geschlecht ähnliche Interessen vertreten müssten. Mittlerweile wird jedoch betont, dass nicht die Geschlechtszugehörigkeit, sondern Variablen wie Alter, Bildungsstand und die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht für die Prägung von Interessen entscheidend sind. Die Entscheidungen von Politikerinnen in Deutschland werden maßgeblich von der parteipolitischen Zugehörigkeit bestimmt, was z. B. an der mangelnden Bereitschaft zu fraktionsübergreifenden, frauenpolitischen Initiativen im Bundestag abzulesen ist.[64]

Politischer Aufstieg vollzieht sich in der Bundesrepublik fast ausschließlich über politische Parteien. Zwischen dem Parteiensystem allgemein und den innerparteilichen Strukturen im Besonderen besteht ein Zusammenhang zur politischen Repräsentanz von Frauen.

Die Resistenz traditioneller Geschlechtsrollenbilder und der stereotypisierten Wahrnehmung von Frauen und Männern und der Verankerung von Einstellungen zum Geschlechterverhältnis in der Politischen Kultur einer Gesellschaft beeinflussen die Präsenz von Frauen in der Politik entscheidend.[65] So lasse der hohe Arbeitsaufwand, der immer noch überwiegend von Frauen zu leistenden Reproduktionsarbeit innerhalb der Familie, ein politisches Engagement kaum zu.[66] Zudem gilt Politik in patriarchalen Gesellschaftsordnungen wie der deutschen als ein traditionell Männern zugeschriebener Bereich, dessen institutionelle Strukturen männlich geprägt sind. Aufgrund des Ausschlusses von Frauen wurde die Herausbildung innerparteilicher Mechanismen begünstigt, die sich für Frauen als Zugangsbarrieren zu politischen Ämtern erwiesen hätten.[67] Die auf männliche Sozialisation und Lebensläufe zugeschnittenen Rekrutierungsmuster und Anforderungen an die Ausübung eines politischen Mandates[68] erweisen sich dabei ebenso als Ursache für die Marginalität von Frauen wie die diskriminierenden männerbündischen Strukturen,[69] die eine Fremdheit von Frauen in der Politik begründen.[70]

Allgemein bieten Mehrparteiensysteme bessere Chancen für die parlamentarische Vertretung von Frauen als Zweiparteiensysteme, wie beispielsweise in Großbritannien.[71] In einer international vergleichenden Studie von insgesamt elf westeuropäischen Staaten und den USA wurde aber auch auf den Einfluss allgemeiner Kennzeichen von Parteien auf die Repräsentanz von Frauen in der Politik hingewiesen.[72] So wurde festgestellt, dass die Zahl weiblicher Mandatsträger in der Politik unter anderem entscheidend von dem Ausmaß der innerparteilichen Aktivität weiblicher Mitglieder und der Implementierung von Förderungsmechanismen durch die Parteien beeinflusst wird.[73] Zudem bieten Parteien, die auf dem Rechts-Links-Kontinuum weiter links einzuordnen sind – was mit einer „linken“ Ideologie der Partei gleichgesetzt werden kann -, bessere Perspektiven für den politischen Aufstieg von Frauen als Parteien mit konservativer Werthaltung.[74]

Auch auf die Bedeutung des Wahl- und Parteiensystems für die Möglichkeit der Besetzung politischer Führungspositionen mit Frauen wurde hingewiesen.[75] So wurde festgestellt, dass die Chancen von Frauen, ein politisches Mandat zu erhalten in Staaten mit Verhältniswahlsystem mit Listenregelungen, ähnlich wie in Deutschland, sehr viel größer sind als bei Mehrheitswahlsystemen mit Einerwahlkreisen, wie in Großbritannien. Auch ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Parteien, die zu einer Wahl antreten und der gewählten weiblichen Abgeordneten wurde vermutet.

1.3. Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

Intention der vorliegenden Untersuchung ist es, die Repräsentation von Frauen im politischen System der Bundesrepublik Deutschland unter Berücksichtigung der quantitativen und der qualitativen Dimension zu untersuchen. Dabei soll zum einen die Frage nach den Barrieren einer politischen Karriere in der Politik für Frauen beantwortet werden. Zum anderen soll geklärt werden, weshalb die Involvierung von Frauen in politische Entscheidungsprozesse in einem repräsentativen politischen System überhaupt notwendig ist.

Auffallend für den Forschungsstand zu den Ursachen der Marginalität von Frauen in Führungspositionen der Politik ist die fragmentierte Betrachtungsweise.[76] Für die Beantwortung der Frage nach den Gründen für die geringe Zahl an Frauen in der Politik, sind monokausale Erklärungsansätze jedoch nicht zielführend. Die Soziologin Beate Hoecker, deren Gesamtdarstellungen für die Beschäftigung mit der politischen Partizipation von Frauen in Deutschland unverzichtbar sind, entwickelte in Anlehnung an Norris[77] ein Erklärungsmodell der Unterrepräsentanz von Frauen in der Politik. Drei kausale, komplex zusammenwirkende Determinanten des Partizipationsverhaltens von Frauen werden differenziert: soziostrukturelle, institutionelle und kulturelle Ursachen. Jedoch weist dieses klassische Modell eine entscheidende Lücke auf, auf die die Autorin 2001 selbst hinweist.[78] Obwohl neuere Untersuchungen kaum empirische Belege für Unterschiede in der Bereitschaft zur Partizipation und des Politikverständnisses von Frauen und Männern finden konnten[79] und geschlechtsspezifische sozioökonomische Differenzen durch die Angleichung des Bildungs- und Einkommensniveaus und der zunehmenden Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt marginalisiert wurden,[80] ist immer noch die Mehrzahl politischer Führungspositionen mit Männern besetzt. Dieses Phänomen wird vor allem in Studien zu Organisationen der Arbeitswelt als „glass ceiling effect“ bezeichnet.[81] Während Inglehart und Norris[82] erwarten, dass der Abbau geschlechtsspezifischer Unterschiede im politischen Partizipationsverhalten in Folge des Übergangs zur postindustriellen Gesellschaft zu einem Verschwinden der ungleichen Verteilung der Geschlechter in den Entscheidungspositionen der Politik führen wird, beurteilt Hoecker diesen Ansatz skeptisch.[83]

Mit den in Hoeckers Modell verwendeten soziostrukturellen und institutionellen Determinanten unter der Einbeziehung der Politischen Kultur können die Ursachen des unterschiedlichen Repräsentationsstandes in Deutschland heute nicht vollständig geklärt werden.[84] Hoecker zieht daraus aber nicht den Schluss, ihr Modell zu verändern oder zu verwerfen, sondern weist lediglich darauf hin, dass es diesen missing link gibt.[85] In einer Untersuchung zur Situation von Frauen in der britischen Politik weist Ruhl auf diesen unerklärlichen Rest hin und plädiert für eine Ergänzung des klassischen Hoeckerschen Modells zur Erklärung geschlechterunterschiedlicher politischer Partizipation um die Variable Identität.[86] Zwar werden individuelle Faktoren bei Hoecker im Kontext der Politischen Kultur angesprochen, die Bedeutung wird jedoch unterschätzt.[87] Den Ansatz von Ruhl aufgreifend, ist es das Ziel dieser Analyse, das von Hoecker entwickelte Erklärungsmodell durch die Einbeziehung individueller Faktoren als zusätzlicher Determinante zu vervollständigen. Im Mittelpunkt der Argumentation stehen bei der Untersuchung aller vier Determinanten stereotype Vorstellungen zum Geschlechterverhältnis. Individuelle Eigenschaften implizieren die Persönlichkeit von Politikerinnen und ihr Zurechtkommen im Bereich der institutionellen Politik. Es wurde bereits auf die Bedeutung stereotyper Geschlechterrollenbilder für das politische Engagement von Frauen hingewiesen. Traditionelle Einstellungen zum Geschlechterverhältnis werden durch Sozialisationsprozesse vermittelt und prägen die Geschichte und Politische Kultur eines Staates und schreiben die gesellschaftliche Arbeitsteilung mit der Festlegung des Mannes auf die öffentliche Sphäre von Beruf und Politik fest. Geschlechterstereotype Wahrnehmung beeinflusst das Handeln jedes Einzelnen. Die politische Aktivität von Frauen und Männern wird danach bewertet, inwiefern sie mit dem Bild des dem Geschlecht zugeschriebenen Charakters kompatibel ist. Aber auch die Selbstwahrnehmung wird von ideologischen Positionen zum Geschlechterverhältnis bestimmt. Dieser Punkt ist entscheidend für die Analyse der Situation von Politikerinnen und den Ursachen der weiblichen Marginalität in der Politik. Ausgehend von der Hypothese, dass eine Erklärung für die weibliche Unterrepräsentanz in der Politik sowohl externe - in der Struktur des politischen Systems angelegte - und interne - selbstverschuldete - Ursachen einbeziehen muss, wird hier darauf insistiert, dass die Annahme der stereotypisierten Geschlechtsrollenidentität entscheidenden Einfluss auf den Verlauf einer politischen Karriere von Frauen hat. Es wird vermutet, dass Frauen, die sich von der zugeschriebenen Geschlechtsidentität lösen, bessere Chancen haben, erfolgreich in einer politischen Führungsposition zu arbeiten, als Frauen, die die traditionelle Frauenrolle als Lebensmuster und Bezugspunkt ihres Handelns wählen. Dies wird allein schon daran deutlich, dass sich Politikerinnen für einen Tätigkeitsbereich entschieden haben, der traditionell als Männerdomäne gilt. Während das Verhaftetsein in den Denkkategorien der traditionellen Geschlechterrolle durchaus nicht den Weg in ein politisches Amt versperrt, so ist dies für eine politische Karriere, also den Aufstieg in eine Führungsposition, hinderlich.

Für die Analyse der Ursachen der Marginalität von Frauen in Spitzenpositionen der Politik wird folgende Vorgehensweise gewählt: Ausgangspunkt der Untersuchung ist eine deskriptive Betrachtung des Gegenstandes, um eine Grundlage für das Verständnis der Problematik der weiblichen politischen Repräsentation zu schaffen. Zunächst wird die gegenwärtige Vertretung von Frauen in deutschen Parlamenten und Regierungen dargestellt. Anschließend wird der Anteil von Frauen in Parteien beschrieben, da dieses Engagement Voraussetzung zur Erlangung eines politischen Mandates ist. Ausgehend von der Kenntnis des quantitativen Anteils der Partizipation von Frauen an Politik wird das klassische Modell zur Erklärung der geringen Beteiligung von Frauen in politischen Führungspositionen in seiner erweiterten Form analysiert. Dabei wird untersucht, inwiefern kulturelle, soziostrukturelle, institutionelle und individuelle Faktoren das Partizipationsverhalten von Frauen generell beeinflussen. Auf Grundlage verfügbarer Daten zu Politikerinnen in Deutschland wird zugleich geprüft, ob und in welchem Umfang diese Determinanten auch für politisch aktive Frauen auf dem Weg in ein politisches Amt relevant waren.

Die Frage, ob die Ursachen der Unterrepräsentation primär in fremdem oder im eigenen Verschulden liegen, bildet den roten Faden durch die Arbeit. Hauptsächlich stützen sich diese Aussagen auf die derzeit aktuellsten Daten, die im Rahmen der Gesamterhebung aller deutschen Parlamentarierinnen des Bundestages, der Landtage, der kommunalen Ebene und des Europaparlaments, die 1996/97 erhoben wurden, da hier ein größtmögliches Maß an Repräsentativität erreicht wurde und auch hier interessierende Aspekte der Sozialisation und der Arbeit von Politikerinnen untersucht wurden.[88] Dennoch wird bei einigen Fragen auf Material aus früheren Studien zurückgegriffen, um ergänzende Informationen zu erhalten.

Im Anschluss an die Analyse der quantitativen Dimension politischer Repräsentation von Frauen im zweiten Kapitel folgt die Darstellung der Legitimationsmuster für eine Erhöhung der Zahl der Frauen in politischen Führungspositionen. Es wird argumentiert, dass die Mehrzahl der gängigen Rechtfertigungen für weibliches politisches Engagement aus zwei Gründen nicht schlüssig sind. Zum einen ist das diesen Begründungen zugrunde liegende Repräsentationsverständnis mit dem Wesen moderner parlamentarischer Demokratien nicht vereinbar. Zum anderen müssen die Rechtfertigungen angesichts der erwarteten Annahme, dass sich politisch erfolgreiche Frauen vom traditionellen Geschlechtsrollenbild gelöst haben, neu diskutiert und teilweise verworfen werden.

2. Quantitative Repräsentation von Frauen im politischen System der Bundesrepublik Deutschland

2.1. Repräsentation von Frauen in politischen Führungspositionen

Im Zentrum dieses Kapitels steht die Beschreibung der zahlenmäßigen Präsenz von Frauen in exekutiven Führungspositionen der Politik in der Bundesrepublik. Wie sind Frauen in den verschiedenen Ebenen des politischen Systems repräsentiert? Die Beschreibung der faktischen Größenordnung der Marginalität von Frauen in den verschiedenen Ebenen der Politik dient als Ausgangspunkt für die im Anschluss folgende Problematisierung der Ursachen der Unterrepräsentanz. Eine umfassende Interpretation der Daten kann vor dem Hintergrund der inhaltlichen Schwerpunktsetzung dieser Arbeit nicht gegeben werden.

Bereits ein oberflächlicher Blick auf die Zusammensetzung von parlamentarischen Vertretungen und Regierungen in der Bundesrepublik verdeutlicht, dass in Deutschland Männer häufiger mit politischen Mandaten ausgestattet sind als Frauen. Dass mit Angela Merkel derzeit eine Frau die Regierung führt und damit mit verfassungsmäßig größten machtpolitischen Entscheidungsbefugnissen ausgestattet ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hierzulande nur wenige Frauen in Elitepositionen der Politik gelangt sind. Charakteristisch für die Entwicklung in der Bundesrepublik ist, dass die Anzahl an Frauen mit steigender Hierarchieebene und politischem Einfluss abnimmt.[89] Diese Gesetzmäßigkeit wird auch durch die Bekleidung des Amtes der Regierungschefin und der Bundesvorsitzenden der CDU durch Angela Merkel nicht konterkariert.

Einen ersten Überblick über die Dimension der weiblichen Unterrepräsentanz bei der Besetzung politischer Ämter gibt Tabelle 2.

Tabelle 2: Frauen in politischen Führungspositionen in der Bundesrepublik Deutschland, Stand März 2007[91]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abgesehen von dieser Position sind aktuell kaum Frauen auf der politischen Bühne präsent. Mit Ausnahme von Bündnis 90/Die Grünen obliegt die Führung der Fraktionen im Bundestag aktuell ausschließlich Männern. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Regelung zur Besetzung von parteiinternen Spitzenpositionen bei Bündnis 90/Die Grünen eine Besonderheit innerhalb der deutschen Parteienlandschaft darstellt. Zur Herstellung geschlechtsspezifischer Gleichheit wird hier das Instrument der Doppelspitze angewendet, was die machtpolitische Aufteilung von Fraktions- und Parteivorsitz zwischen einem Mann und einer Frau impliziert. Mit Horst Köhler hat sich erneut ein männlicher Bewerber in der Wahl zur Besetzung des Staatsamtes mit dem höchsten Verfassungsrang durchgesetzt. Trotz einiger Kandidaturen ist bislang noch keiner Frau der Einzug ins Bundespräsidialamt gelungen. Das qua Grundgesetz zweithöchste politische Amt ist das des Parlamentspräsidenten, welches in der Vergangenheit mit Annemarie Renger (SPD) und Rita Süßmuth (CDU) bereits von zwei Frauen ausgeübt wurde. Weitaus häufiger waren Frauen als Stellvertreterinnen im Bundestagspräsidium vertreten. Dies bestätigt sich auch durch die aktuelle Situation, in der Norbert Lammert (CDU) die Funktion des Bundestagspräsidenten übernimmt und mehrere weibliche Vizepräsidentinnen existieren.

Während für die Bundesebene konstatiert werden kann, dass immer wieder eine Frau den Weg in ein politisch relevantes Amt geschafft hat, ist die Betrachtung der weiblichen Repräsentation in den Bundesländern ernüchternder. Als Organ der Integration von Länderinteressen in den gesamtpolitischen Entscheidungsprozess ist der Bundesrat organisatorischer Ausdruck der Verwirklichung des föderalen Prinzips in Deutschland. Vertreter der Regierungen der 16 Bundesländer sind über diese Institution an der Gesetzgebung des Bundes beteiligt. Es besteht also ein Zusammenhang der geschlechtsspezifischen Zusammensetzung der Länderkabinette und des Bundesrates. Das heißt, je geringer der Anteil weiblicher Länderministerinnen, desto geringer ist auch die Repräsentation von Frauen im Bundesrat. Betrachtet man die Gesamtzahl der Mitglieder des Bundesrates - inklusive der Stellvertreter - beträgt der Anteil von Frauen derzeit 23,5 Prozent. Eine Bundesratspräsidentin gab es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht. Bislang blieb Heide Simonis (SPD) als Regierungschefin in Schleswig-Holstein die erste und einzige Ministerpräsidentin Deutschlands.

Diese allgemeine Einführung hat einen ersten Eindruck von der geringen Zahl weiblicher Amts- und Mandatsträgerinnen vermittelt. Nun soll eine ausführlichere Beschreibung der Präsenz von Frauen in politischen Führungspositionen und dem Engagement in politischen Parteien Deutschlands folgen.

2.1.1. Frauen in politischen Führungspositionen auf Bundesebene

2.1.1.1. Parlamentarierinnen im Deutschen Bundestag

Im parlamentarischen Regierungssystem der Bundesrepublik nimmt der Bundestag als oberstes Exekutivorgan eine zentrale Stellung ein. Durch die Entsendung von in freien und geheimen Wahlen bestimmten Repräsentanten in parlamentarische Vertretungen findet das Prinzip der Volkssouveränität institutionellen Ausdruck. Als Inhaber exekutiver Befugnisse sind Parlamentarier in der Hierarchie politischer Positionen in Deutschland eine Elite politisch aktiver Bürger.

Der Anteil der im Bundestag vertretenen Frauen zählt mit aktuell 31,2 Prozent im internationalen Vergleich zu den höchsten. In den skandinavischen Staaten ist der parlamentarische Anteil von Frauen am größten.[91] In Schweden beträgt der Anteil der Parlamentarierinnen 48,0 Prozent, womit dort eine nahezu paritätische Vertretung von Männern und Frauen im nationalen Parlament erreicht ist.

Abbildung 1 zeigt die Entwicklung des Anteils weiblicher Abgeordneter im Deutschen Bundestag.

Abbildung 1: Anteil weiblicher Abgeordneter im Deutschen Bundestag 1949-2005 in Prozent[92]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hier wird deutlich, dass die Zahl der Parlamentarierinnen bis in die 1980er Jahre verschwindend gering war. Werden - wie in Tabelle 3 dargestellt - neben den prozentualen Werten auch die absoluten Zahlen weiblicher Parlamentarierinnen betrachtet, erscheint das Übergewicht der männlichen Abgeordneten noch signifikanter. Seit der Bundestagswahl 1976 ist der Frauenanteil im Bundestag kontinuierlich gestiegen. Während für den Zeitraum von 1949 bis zum Beginn der siebten Wahlperiode 1972 der Frauenanteil im nationalen Parlament schwankt, ist die Zahl weiblicher Abgeordneter nach dem mit 5,8 Prozent bisher niedrigsten Stand in den Jahren 1972 bis 1976 seit der Bundestagswahl 1976 zunächst langsam, aber kontinuierlich gestiegen. Seit 1987 liegt der Anteil von Parlamentarierinnen stets über der

Tabelle 3: Weibliche Abgeordnete im Deutschen Bundestag 1949-2005[93]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

10-Prozent-Marke. Lagen die Zuwächse von 1976 bis zur Bundestagswahl 1983 jeweils nur bei knapp über einem Prozentpunkt, so erhöhte sich der Anteil weiblicher Abgeordneter im Bundestag mit Beginn der Legislaturperiode 1987 bis 1998 im Bereich von 4,7 bis 5,6 Prozentpunkten deutlich. Ursache für diesen signifikanten Anstieg ist der Einzug der Partei „Die Grünen“ in den elften Deutschen Bundestag. Diese im Kontext der Neuen Sozialen Bewegung der 1970er Jahre entstandene Partei hat seit 1986 die paritätische Besetzung innerparteilicher Führungspositionen statuarisch verankert. In Zusammenhang mit dem bundesweiten Erstarken der innerhalb der deutschen Parteienlandschaft noch relativ jungen politischen Gruppierung der „Grünen“ setzte auch in den etablierten Parteien eine Diskussion um Fördermaßnahmen und Quotenregelungen zur Erhöhung der Repräsentanz von Frauen in politischen Ämtern ein. Bis heute ist vor allem die Quote als Instrument der geschlechtsspezifischen Rekrutierung politischen Personals umstritten. Obwohl alle Parteien die Notwendigkeit der Steigerung des innerparteilichen Einflusses von Frauen erkennen, sind Quotenregelungen nicht überall implementiert.[94] 1998 lag die Zahl der Frauen mit Bundestagsmandat erstmals über der 30-Prozent-Marke. Auffallend ist, dass die Anzahl der Parlamentarierinnen seither bei diesem Wert stagniert. Für 2005 muss sogar ein leichter Rückgang von 32,2 Prozentpunkten auf 31,2 Prozentpunkte zu Beginn der Legislaturperiode konstatiert werden. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit deutlich über dem Mittelwert von durchschnittlich 23,0 Prozent Frauenanteil in der parlamentarischen Vertretung des Gesamtstaates.[95]

In Tabelle 4 ist die geschlechtsspezifische Zusammensetzung des aktuellen 16. Deutschen Bundestages nach Fraktionen differenziert dargestellt.

Tabelle 4: Anteil von Parlamentarierinnen im 16. Deutschen Bundestag nach Fraktionen[96]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Von den insgesamt 614 Parlamentariern sind 194 weiblich. Erstaunlich ist, dass die Fraktion der CDU/CSU, welche die Bundeskanzlerin Angela Merkel stellt, zugleich den geringsten Frauenanteil aller parlamentarischen Gruppen stellt. Mit nur 19,9 Prozentpunkten besteht ein deutlicher Abstand zur FDP-Fraktion, in der 24,6 Prozent weibliche Mitglieder vertreten sind. Bemerkenswert ist weiterhin, dass in den Reihen von Bündnis 90/Die Grünen, die mit 56,9 Prozent den höchsten Frauenanteil aller Fraktionen stellen, die Parlamentsitze mehrheitlich von weiblichen Abgeordneten eingenommen werden und Männer hier in der Minderzahl sind. Nach absoluten Zahlen betrachtet gehört die Mehrheit der im Bundestag vertretenen Abgeordneten der SPD-Fraktion an.

Häufig erhöht sich der Frauenanteil im Bundestag im Verlauf der Wahlperiode, so dass die Zahl der Parlamentarierinnen am Ende der Parlamentsperiode in aller Regel höher ist als am Anfang.[97] Dies zeigt, dass Frauen bei der Kandidatenaufstellung und der Besetzung der Listenplätze der Parteien seltener berücksichtigt werden und erst später bei Ausscheiden eines Parlamentariers nachrücken.[98] Anhand der bisherigen Entwicklung der Repräsentation von Frauen im Deutschen Bundestag ist keine eindeutige Prognose für die zukünftige Entwicklung möglich. Vor dem Hintergrund der Einführung geschlechtsspezifischer Rekrutierungsmaßnahmen und der Sensibilität der Wahrnehmung diskriminierender Mechanismen innerhalb der Parteien scheint ein dauerhaftes Absinken des Anteils weiblicher Abgeordneter auf ein Niveau unter 15,0 Prozent ausgeschlossen.

2.1.1.2. Ministerinnen in der Bundesregierung

In der Rangfolge der politischen Elitepositionen auf Bundesebene zählen die Leiter eines Ministeriums neben dem Bundeskanzler zu den Politikern, die mit größtmöglichen Entscheidungsbefugnissen ausgestattet sind.

Die männliche Dominanz bei der Besetzung politischer Führungspositionen wird bei der in Tabelle 5 dargestellten Entwicklung des Frauenanteils in Bundesregierungen besonders deutlich. Lange Zeit waren Bundeskabinette ausschließlich mit Männern besetzt. 1961 stand erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Frau an der Spitze eines Ressorts. Die zur Bundesministerin für Gesundheit berufene Elisabeth Schwarzhaupt (CDU) war zugleich die einzige Ressortchefin im vierten Kabinett Adenauers. Die absoluten Zahlen verdeutlichen, dass Frauen an der Spitze eines Bundesministeriums in Deutschland eher eine Ausnahme waren und sind. Seit 1961 wurde neben 268 Männern nur 38 Frauen die Leitung eines Ressorts übertragen, was einem prozentualen Mittelwert von 14,2 Prozentpunkten entspricht. Ein Charakteristikum der Entwicklung der Zahl weiblicher Kabinettsmitglieder ist der diskontinuierliche Verlauf des Repräsentationsstandes. Anders als bei der quantitativen Repräsentation weiblicher Bundestagsabgeordneter, die seit 1987 kontinuierlich anstieg und

Tabelle 5: Weibliche Kabinettsmitglieder seit 1961[99]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

aktuell auf einem relativ hohen Niveau stagniert, veranschaulicht Abbildung 2, dass die Berücksichtigung von Frauen bei der Besetzung von Kabinettspositionen starken Schwankungen unterworfen ist. Bis 1990 lag der Anteil von Frauen mit Ministeramt auf Bundesebene unter der Marke von 15,0 Prozentpunkten. Die mit Abstand meisten Frauen wurden während der beiden Legislaturperioden der Regierungskoalition aus SPD und Bündnis 90/Die Grünen in den Jahren 1998 bis 2005 bei der Kabinettsbildung berücksichtigt. Bereits zu Beginn der ersten Amtszeit des Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) waren Frauen mit einem Anteil von 33,3 Prozentpunkten in der Regierung vertreten. Damit überstieg der Frauenanteil sogar den Gesamtanteil weiblicher Abgeordneter im Bundestag, der bei 30,9

Abbildung 2: Entwicklung es Anteils weiblicher Kabinettsmitglieder seit 1961 in Prozent[100]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Prozentpunkten lag. Nach der Bundestagswahl 2002 und der Bestätigung der SPD-geführten Bundesregierung wurde die Zahl weiblicher Ressortchefs erneut erhöht. Mit einem Frauenanteil von 46,2 Prozentpunkten wurde beinahe eine paritätische Besetzung des Bundeskabinetts mit Männern und Frauen erreicht und zugleich erneut auch der Anteil der Parlamentarierinnen deutlich überschritten. Unter der Bundeskanzlerin Merkel sind 2005 Frauen mit einem Anteil von 25,0 Prozentpunkten am Gesamtkabinett vertreten. Mit der Ablösung Schröders als Regierungschef im Jahr 2005 und dem Antritt der Koalitionsregierung aus CDU/CSU und SPD sank die Repräsentationsrate auf den Stand des Jahres 1998 zurück und beträgt derzeit 31,2 Prozentpunkte. Angesichts der ungleichmäßigen Entwicklung der Beteiligung von Frauen an der Besetzung von Ministerposten auf Bundesebene ist aus der bloßen Betrachtung des Repräsentationsverlaufes für die Zukunft kein eindeutiger Trend erkennbar.

Insgesamt bestätigt die Bilanz der quantitativen Präsenz von Politikerinnen in Führungspositionen auf Bundesebene die marginale politische Rolle von Frauen in der Bundesrepublik. Trotz der derzeit relativ hohen Anzahl weiblicher Bundestagsabgeordneter und Kabinettsmitglieder und einer Frau als Regierungschefin, zeigt ein Vergleich der Mittelwerte des Frauenanteils im Deutschen Bundestag seit 1949 und der Präsenz von Frauen in Bundeskabinetten seit 1961, dass die durchschnittlichen Repräsentationsraten im Bereich von nur 14,0 bis 15,0 Prozentpunkten liegen.

2.1.2. Frauen in politischen Führungspositionen auf Landesebene

2.1.2.1. Parlamentarierinnen in Landtagen und Senaten

Innerhalb der Rangordnung der Elitepositionen im politischen System Deutschlands zählen Parlamentarier in den Landtagen und Mitglieder der Landesregierungen zu der Gruppe von Politikern, die mit großen Entscheidungsbefugnissen ausgestattet sind. Die 16 Bundesländer verfügen je über eine eigene staatliche Organisationsstruktur, die trotz der unterschiedlichen flächenmäßigen Ausdehnung und der Einwohnerzahl ähnlich gestaltet ist. Die Funktionen der unterschiedlich großen Länderparlamente und der Regierungen auf Landesebene sind analog zu denen des Bundes gestaltet. Trotz der weitgehenden Übereinstimmung der institutionellen Struktur besitzt jedes Bundesland eigene kulturelle und politische Traditionen, welche - wie noch zu zeigen sein wird – die Repräsentanz von Frauen in Spitzenpositionen der Politik beeinflussen.

Vor diesem Hintergrund müssen auch die unterschiedlichen Anteile von Frauen in den Parlamenten der Bundesländer beurteilt werden, die durch die Darstellung der langfristigen Entwicklung des Repräsentationsstandes in Abbildung 3 deutlich werden.

Abbildung 3 : Durchschnittlicher Frauenanteil in Parlamenten der Bundesländer 1990-2000 in Prozent[101]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die durchschnittliche Repräsentationsrate von Landesparlamentarierinnen in Deutschland liegt für den Zeitraum von 1990 bis 2000 bei 27,7 Prozentpunkten. Mit einem Anteil von über 30 Prozentpunkten waren weibliche Abgeordnete in den Senaten der Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg und in den Landtagen von Schleswig-Holstein und Hessen in der Vergangenheit am zahlreichsten vertreten. Die wenigsten Frauen konnten hingegen in den Landtag Baden-Württembergs einziehen, ihr Anteil liegt mit 12,8 Prozentpunkten klar unter dem bundesweiten Mittelwert.

Im Vergleich zu den 1990er Jahren erhöhte sich der mittlere Wert des Frauenanteils in den Parlamenten der Bundesländer seit 2000. Gegenwärtig beträgt der Anteil weiblicher Landtagsabgeordneter im Durchschnitt 33,3 Prozentpunkte. Abbildung 4 zeigt, dass Frauen derzeit in 13 Landtagen über 30,0 Prozent der Sitze innehaben.

Abbildung 4: Gegenwärtiger Frauenanteil in Parlamenten der Bundesländer in Prozent, Stand März 2007[102]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die höchste quantitative Vertretung von Frauen wird in Bremen, Schleswig-Holstein und Brandenburg erreicht. Während die beiden erstgenannten Bundesländer bereits in den 1990er Jahren einen Spitzenplatz einnahmen, ist im Falle Brandenburgs mit dem deutschlandweit zweithöchsten Frauenanteil im Landtag von 43,0 Prozentpunkten ein signifikanter Anstieg im Vergleich zum früheren Durchschnittswert zu konstatieren. Diese Momentaufnahme ist allerdings kein Beleg dafür, dass im Landtag in Potsdam in Zukunft dauerhaft hohe Repräsentationsraten von Frauen erreicht werden. Das Beispiel Brandenburg illustriert jedoch, dass sich die Zahl von Mandatsträgerinnen auf Landesebene innerhalb eines relativ kurzen Zeitrahmens deutlich verändern kann. Bei einem Vergleich der Mittelwerte bis zum Jahr 2000 mit den aktuellen Repräsentationsraten in den Landtagen fällt insgesamt auf, dass die Verluste weniger signifikant ausfallen als die Anstiege des Frauenanteils. Für die Bewertung der langfristigen Entwicklung bedeutet dies, dass die dauerhafte Erhöhung der Zahl der Landesparlamentarierinnen wahrscheinlicher ist als deren Reduzierung. In zwölf Länderparlamenten sind Frauen aktuell zahlenmäßig stärker vertreten als im Bundestag, wo 31,6 Prozent der Abgeordneten weiblich sind. Mit 23,7 Prozent weiblichen Abgeordneten im Landtag ist Baden-Württemberg erneut das Schlusslicht bei der politischen Repräsentanz von Frauen.

2.1.2.2. Ministerinnen in Regierungen der Bundesländer

Seit Bestehen der Bundesländer wurde das Amt des Ministerpräsidenten erst einmal von einer Frau bekleidet. Von 1993 bis 2005 führte Heide Simonis (SPD) die Regierung in Schleswig-Holstein.

Aufgrund fehlenden Datenmaterials über die Entwicklung des Anteils weiblicher Ressortchefs in den Ländern muss die Darstellung hier auf den gegenwärtigen Repräsentationsstand beschränkt werden.

Derzeit sind durchschnittlich 23,6 Prozent der Ministerien auf Landesebene mit Frauen besetzt. Mit einer Quote von 33,3 Prozentpunkten sind Frauen auf Bundesebene in Regierungsämtern damit stärker vertreten. Eine Übersicht des aktuellen prozentualen Anteils von Ministerinnen in den Bundesländern ist in Abbildung 5 dargestellt. Im Berliner Senat und in der Landesregierung von Rheinland-Pfalz finden sich die höchsten Raten weiblicher Ressortchefs, während im Kabinett Thüringens mit einem Frauenanteil von 10,0 Prozentpunkten der bundesweit niedrigste Stand erreicht ist. Tabelle 6 zeigt die absoluten Zahlen der geschlechtsspezifischen Zusammensetzung der Landesregierungen. Bei einer durchschnittlichen Kabinettsgröße von etwa zehn Ministern sind gegenwärtig etwa zwei weiblich. Wie unter anderem am Beispiel Bremen deutlich wird, ist eine hohe zahlenmäßige Präsenz weiblicher Abgeordneter im Landtag nicht mit einer stärkeren Berücksichtigung von Frauen bei der Besetzung der Ministerposten verbunden.

Als Zwischenfazit lässt sich an dieser Stelle festhalten, dass die Marginalität von Frauen in politischen Führungspositionen sowohl auf Ebene des Bundes als auch in den Ländern auffallend ist. Für die Bewertung der im Vergleich zu Männern geringeren zahlenmäßigen Präsenz von Frauen in der politischen Elite ist es entscheidend, aus welcher Perspektive dies geschieht. Entgegen der den meisten Studien zugrunde liegenden Betrachtungsweise, den quantitativen Anteil von Frauen in Parlamenten, Parteiämtern und Regierungen an der weiblichen Gesamtbevölkerung zu messen, ist es sinnvoller, die Zahl von weiblichen Mitgliedern in den politischen Parteien als Ausgangspunkt zu nehmen.[103] Der Zugang zum Kreis der führenden Spitzenpolitiker erfolgt in der Bundesrepublik in der Regel über Parteien. Insofern ist es zentral, die Vertretung von Frauen in Parteien zu betrachten, um zu einer abschließenden Bewertung zu gelangen.

Abbildung 5: Gegenwärtiger Frauenanteil in Regierungen der Bundesländer in Prozent, Stand März 2007[104]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 6: Gegenwärtiger Frauenanteil in Regierungen der Bundesländer, Stand März 2007[105]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2. Weibliche Mitglieder in Parteien

Im Verfassungsgefüge der Bundesrepublik Deutschland nehmen politische Parteien eine zentrale Stellung ein. Der Aufstieg in Elitepositionen der Politik erfolgt fast ausnahmslos über das Engagement in einer Partei.

In Deutschland sind etwa 2,6 Prozent der Bundesbürger Parteimitglieder.[106] Die Auflistung der Mitgliederzahlen im Zeitraum von 1990 bis 2005 in Tabelle 7 zeigt deren Verteilung auf die Parteien, die in der Vergangenheit am häufigsten in den Bundestag einziehen konnten. Auffallend ist, dass einzig die beiden großen Volksparteien CDU und SPD kontinuierlich Mitglieder verloren haben. Den deutlichsten Mitgliederschwund musste die SPD mit einem Verlust von mehr als 330000 Anhängern verzeichnen. Hingegen konnten die nur in Bayern existierende, aber an Bundestagswahlen teilnehmende CSU und Bündnis 90/Die Grünen ihre Mitgliederbasis im Vergleich zu 1990 erweitern.

Tabelle 7: Mitgliederzahlen der im Bundestag vertretenen Parteien 1990-2005 in absoluten Zahlen[107]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie sind nun Frauen in den einzelnen Parteien vertreten? Insgesamt sind derzeit 29,8 Prozent der in Parteien organisierten Bundesbürger weiblich. Die Entwicklung der Mitgliederzahlen von Frauen in den Jahren 1990 bis 2004, wie sie in Tabelle 8 dargestellt ist, lässt kaum signifikante Veränderungen der Repräsentanz erkennen.

Tabelle 8: Frauenanteil unter den im Bundestag vertretenen Parteien 1990-2004 in Prozent[108]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In allen Parteien sind geringe Schwankungen des Anteils weiblicher Mitglieder zu verzeichnen. Prozentual sind in der PDS die meisten Frauen eingeschrieben. In der Nachfolgepartei der SED ist mit einem fast konstanten Wert von 45,0 Prozentpunkten Frauenanteil eine fast paritätische Vertretung der Geschlechter erreicht. Auch Bündnis 90/Die Grünen, welche Quotenregelungen als geschlechtsspezifisches Rekrutierungsinstrument konsequent umsetzen und postmaterialistische Werteinstellungen und Ziele verfolgen, bieten Frauen offenbar gute Chancen zur innerparteilichen Mitarbeit. Die nur in Bayern über Organisationsstrukturen verfügende CSU ist mit derzeit 17,7 Prozent weiblichen Mitgliedern die Partei, in der die Dominanz der Männer am deutlichsten ausgeprägt ist. In den Reihen der sozialdemokratischen SPD und der christlich-konservativen CDU als den mitgliederstärksten im deutschen Parteienspektrum sind Frauen mit aktuell 30,2 Prozentpunkten (SPD) und 25,2 Prozentpunkten (CDU) vertreten. Anders als bei SPD und CSU, die trotz rückläufiger Parteibasis insgesamt den Anteil weiblicher Mitglieder leicht steigern konnten, ist das parteipolitische Engagement von Frauen innerhalb der konservativ-liberalen FDP seit 1992 leicht gesunken. Derzeit sind 23,3 Prozent der FDP-Mitglieder weiblich. Interessant ist, dass diese fallende Tendenz bei weiblichen FDP-Mitgliedern nicht mit der schwankenden Entwicklung der Gesamtanhängerschaft korrespondiert. Dies heißt, dass sich Frauen kontinuierlich gegen einen Beitritt zur FDP entscheiden, während die Partei insgesamt betrachtet sowohl Zuwächse als auch Verluste bei der Rekrutierung von Mitstreitern verzeichnen musste.

Die höchsten Repräsentationsraten von Frauen werden heute in Parteien erreicht, deren Statut die Besetzung innerparteilicher Positionen durch verbindliche Quotenregelungen vorschreibt. Neben Bündnis 90/Die Grünen haben auch SPD und PDS Förderinstrumente implementiert, die weiblichen Mitgliedern ein festes Kontingent an Ämtern und Mandaten zusichert.

Es stellt sich nun die Frage, inwiefern vom prozentualen Wert der weiblichen Präsenz in Parteien auf die Attraktivität einer Partei bei Frauen allgemein geschlossen werden kann. Bei Betrachtung der absoluten Zahlen in Tabelle 9 ist festzustellen, dass Frauen sich überwiegend zum Eintritt in eine der großen Volksparteien SPD und CDU entscheiden und weniger zu einem Engagement in einer kleineren Partei tendieren.[109]

Tabelle 9: Frauenanteil unter den im Bundestag vertretenen Parteien in absoluten Zahlen 2000-2004[110]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Tatsache, dass sich für Frauen bei Bündnis 90/Die Grünen oder in der PDS relativ große Möglichkeiten der innerparteilichen Teilhabe bieten, scheint für deren Entscheidung zur politischen Mitwirkung in einer Partei nicht ausschlaggebend zu sein. Dass mehr Frauen das Parteibuch von SPD oder CDU besitzen, ist eher ein Hinweis auf die generelle Organisationsbereitschaft bestimmter Anhängergruppen als auf die von Frauen allgemein.[111]

[...]


[1] Alice Schwarzer, Interview, in: DIE ZEIT, 14.12.2006.

[2] In der Forschung wird die Entwicklung der deutschen Frauenbewegung in zwei Phasen eingeteilt. Demnach gibt es eine erste Frauenbewegung – die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand und bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 aktiv war – und eine zweite Frauenbewegung – die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand. Letztere wird hier auch als neue Frauenbewegung bezeichnet.

[3] Z. B. bei Berghahn (2005). S. 3.

[4] Vgl. Trappe (1995).

[5] Vgl. BMFSFJ (2004), S. 14.

[6] Beispielsweise ist hier die Einführung des Elterngeldes zum 01.01.2007 zu nennen, wonach die Höchstdauer staatlicher Unterstützung von 14 Monaten nur gewährt wird, wenn ein Elternteil mindestens zwei Monate der Betreuungszeit des Kleinkindes übernimmt. Abgesehen davon, dass mit dieser Initiative eine echte Gleichverteilung des Arbeitsaufwandes nicht erreicht werden kann, ist darüber hinaus unklar, wie die Beteiligung beider Elternteile nach Ablauf der Erziehungszeit angesichts der fehlenden öffentlichen Kinderbetreuungsstrukturen gewährleistet werden soll. Vgl. auch Pinl (2003), S. 7.

[7] Vgl. hierzu die Diskussion um den Bestseller von Hermann (2006).

[8] Um Doppelaufzählungen zu vermeiden, wird die maskuline Schreibweise im folgenden auch für weibliche Personen verwendet. Für alle anderen Fälle wird eine zusätzliche feminine oder maskuline Bezeichnung benutzt.

[9] Vgl. Cornelißen/Gille (2005), S. 66.

[10] Vgl. hierzu ausführlicher Kapitel 2.1.ff. Daten zum Frauenanteil im Bundestag: Women and Men in Decision-Making, Frauen in Parlamenten (2006): Database - Political Domain. Decision-Making in National Parliaments. Online abrufbar unter: http://ec.europa.eu/employment_social/women_men_stats/out/measures_out418_en.htm (Zugriff am 30.10.2006). Daten zum Frauenanteil in der Bundesregierung (ohne parlamentarische Staatssekretäre): Women and Men in Decision-Making, Frauen in Regierungen (2006): Database - Political Domain. Decision-Making in the National Government. Online Abrufbar unter: http://ec.europa.eu/employment_social/women_men_stats/out/measures_out416_en.htm (Zugriff am 30.10.2006).

[11] Almond/Verba (1963).

[12] Bremme (1956). Fülles (1969).

[13] Die Bezeichnung Frauen- und Geschlechterforschung wird in dieser Untersuchung für den Teil der Forschung verwendet, der den Gegenstand Frauen und Politik nicht mit ausschließlich politikwissenschaftlichem Interesse betrachtet.

[14] Vgl. Meyer (1994). S. 370. Exemplarisch z. B. Jansen (1987).

[15] Z. B. Hoecker (1987). Meyer (1994). Schaeffer-Hegel/Foster/Lukoschat/Mersmann/Ude/Weber (1998). Schöler-Macher (1994).

[16] Z. B. Hennig/Jardim (1978).

[17] Penrose (1993). Kritik z. B. an Hoecker (1987).

[18] Westle (2001a), S. 137.

[19] Vgl. Rosenberger/Sauer (2004). S. 14.

[20] Feministische Politikwissenschaft verwendet für den Begriff „Main-stream“ meist den Terminus „Male-Stream“, um auf die männliche Dominanz in der Disziplin Politikwissenschaft zu hinzuweisen. Vgl. Rosenberger/Sauer (2004), S. 12.

[21] Vgl. Rosenberger/Sauer (2004), S. 10.

[22] Vgl. Hellmann (2004). S. 24.

[23] Vgl. Hellmann (2004), S. 23.

[24] Vgl. Hellmann (2004), S. 23.

[25] Vgl. Luhmann (1988).

[26] Vgl. z. B. Kampmann/Karentzos/Küpper (2004). Pasero/Weinbach (2003). Teubner (2001).

[27] Vgl. Dackweiler (2004). S. 60.

[28] Vgl. Kahlweit (1994).

[29] Vgl. Holzhauer/Steinbauer (1994). Oltmanns (1990). Volk (1992).

[30] Vgl. Dackweiler (2004), S. 62. Sander (2004), S. 12.

[31] Vgl. Meyer (1997).

[32] Schaeffer-Hegel/Foster/ Lukoschat/ Mersmann/Ude/Weber (1998).

[33] Jebsen-Ibs/Zachow-Ortmann (1994).

[34] Foster/Lukoschat/Schaeffer-Hegel (2000).

[35] Vgl. Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie (2002), S. 691ff.

[36] Vgl. Meyer (1997), S. 25.

[37] Vgl. Meyer (1997), S. 33.

[38] Hardmeier (2004), S. 156.

[39] Vgl. United Nations Office at Vienna. Centre for Social Development and Humanitarian Affairs (1992), S. XII.

[40] So z. B. bei Süßmuth (2000). Martiny (1990). Böhrk (1990).

[41] Vgl. Hoecker (1995), S. 24.

[42] Vgl. Hoecker (1995), S. 23.

[43] Z. B. bei Lauterer (2002). S. 18. Hoecker (1995), S. 22ff.

[44] Für Großbritannien z. B. Lovenduski (2001). Lovenduski/Norris (2003). Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Untersuchung des Einflusses von Politikerinnen auf das die politische Sozialisation von Mädchen und jungen Frauen am Beispiel der USA: Campbell/Wolbrecht (2006).

[45] Der Autorin ist keine solche Studie bekannt.

[46] Kritik von Phillips (1995), S. 110.

[47] Vgl. Meyer (1997).

[48] Vgl. Patzelt (1999), S. 246.

[49] Vgl. Philipps (1995), S. 149.

[50] Vgl. Kanter (1977).

[51] Vgl. Dahlerup (1988).

[52] Eine differenzierte Betrachtung bieten Geißel/Penrose (2003). Die Autorinnen schlüsseln in folgende Ansätze auf: Historische, soziologische und ressourcentheoretische, psychologische/psychoanalytische, moraltheoretische, erziehungswissenschaftliche/sozialisationstheoretische, institutionentheoretische und kulturtheoretische Ansätze und den Ansatz der politischen Sozialisation. Diese sehr detaillierte Einteilung wird hier nicht verwendet, da die Untergliederungen auch unter die hier verwendeten Kategorien subsumiert werden können. Eine andere Einteilung der Forschungsliteratur bietet Norris (1991), die in traditionellen, radikalen und revisionistischen Ansatz unterscheidet. Dieser Systematisierung wird sich aber nicht angeschlossen, da sie m. E. zu wenig differenziert.

[53] Eine eindeutige Zuordnung der einzelnen Ansätze ist somit nicht möglich, wird hier aber aus Gründen der Systematisierung dennoch versucht.

[54] Z. B. Almond/Verba (1963). Rokkan (1970). Bremme (1956). Fülles (1969).

[55] Verba/Nie (1972), S. 234.

[56] Vgl. Verba/Nie (1972).

[57] Vgl. Hausen (1976).

[58] Vgl. Rempt-Halmmans de Jongh (1983).

[59] Vgl. Fülles (1969).

[60] Vgl. Herzog (1982). Herzog (1975).

[61] Vgl. Westle (2001). Westle (2001a).

[62] Vgl. Meyer (1997), S. 36. Schaeffer-Hegel/Foster/Lukoschat/ Mersmann/Ude/Weber (1998).

[63] Vgl. Hoecker (1995), S. 27. Z. B. Ballhausen/Brandes/Karrer/Schreiber (1986).

[64] Vgl. Meyer (1997), S. 310.

[65] Vgl. Meyer (1997), S. 36. Schaeffer-Hegel (2000), S. xii. Hoecker (1995). Brückner (1994). Paxton/Kunovich (2003), S. 87.

[66] Vgl. z. B. Werner (1983).

[67] Vgl. Schöler-Macher (1994).

[68] Vgl. Niedermayer (1989).

[69] Vgl. Kreisky (1992).

[70] Vgl. Schöler-Macher (1994). Schaeffer-Hegel/Foster/Lukoschat/Mersmann/Ude/Weber (1998). Schaeffer-Hegel (2000), S. xii.

[71] Vgl. Fuchs (2006), S. 243.

[72] Vgl. Caul (1999).

[73] Vgl. Caul (1999).

[74] Vgl. Caul (1999).

[75] Vgl. z. B. Hoecker (1995). Norris (1985).

[76] Vgl. Hoecker (1995), S. 16.

[77] Norris (1985).

[78] Vgl. Hoecker/Fuchs (2004).

[79] Vgl. Westle, Bettina (2001). Westle (2001a). Unterschiede bestehen demnach v. a. noch in parteibezogenem Engagement, das heißt in der Unterstützung von Kandidaten und der Parteimitgliedschaft, ebenso wie in diskursiver Beteiligung, worunter Westle die Teilnahme an öffentlichen Diskussionen und die Bereitschaft zur Äußerung der eigenen politischen Meinung subsumiert. Im Wahlverhalten keine signifikanten Abweichungen festgestellt wurden.

[80] Vgl. Norris (1991).

[81] Vgl. Ohlendieck (2003).

[82] Inglehart/Norris (2003).

[83] Vgl. Hoecker (1995), S. 27.

[84] Vgl. Ruhl (2006), S. 4

[85] Das modifizierte Modell bei: Fuchs/Hoecker (2004).

[86] Ruhl (2006).

[87] Vgl. Ruhl (2006), S. 4.

[88] Vgl. Foster/Lukoschat/Schaeffer-Hegel (2000). Die Erhebung der Daten fand im Frühsommer 1996 statt. Insgesamt wurden 1200 Fragebögen an alle weiblichen Abgeordnete des Bundestages, der Landtage, des Europaparlaments und ausgewählten Politikerinnen in städtischen/kommunalen Parlamenten. 700 der Fragebögen wurden beantwortet, was einer Rücklaufquote von ca. 58 Prozent entspricht. Die Rücklaufquote verteilt sich in etwa paritätisch auf die weiblichen Abgeordneten der städtischen/kommunalen Parlamente und die Gruppe der Parlamentarierinnen von Bund, Land und Europaparlament. Im Einzelnen beteiligten sich 53 Prozent der weiblichen Bundestagsabgeordneten, 48 % der weiblichen Landtagsabgeordneten, 38 % der Europaparlamentarierinnen. Vgl. Foster (2000), S. 257.

[89] Vgl. Schöler-Macher (1994), S. 11.

[90] Vgl. Heß-Meining (2005), S. 371. Angaben zur PDS: Eigene Ergänzungen. Ab 2005 eigene Aktualisierungen.

[91] Women and Men in Decision Making, Frauen in Parlamenten (2006).

[92] Vgl. eigene Darstellung nach: WSI-FrauenDatenReport (2005), Tabelle 7.A.4. Zahlen seit 2005: Eigene Ergänzungen durch Angaben der Homepage des Deutschen Bundestages.

[93] Stand jeweils zu Beginn der Wahlperiode. Darstellung nach Hoecker (1998), S. 141. Daten ab 2005 eigene Ergänzungen nach Informationen der Homepage des Deutschen Bundestages, männliche und weibliche Abgeordnete (2007).

[94] Vgl. zum Thema Frauenförderung und Quote auch Kapitel 2.3.1.3.2.

[95] Betrachten werden 31 Staaten: EU-27 und Türkei, Norwegen, Island, Liechtenstein. Vgl. Women and Men in Decision Making, Frauen in Parlamenten (2006).

[96] Homepage des Deutschen Bundestages: Abgeordnete gesamt, Männliche und weibliche Abgeordnete (2007).

[97] Vgl. Feist (1991), S. 16. Vgl. auch Deutscher Bundestag, Datenhandbuch (2005). S. 158. Zahlen für 13. und 14. Wahlperiode.

[98] Vgl. Feist (1991), S. 16. Ausführlicher hierzu 2.3.1.3.2. zur Rekrutierung von Politikern.

[99] Eigene Zusammenstellung nach: WSI-FrauenDatenReport (2005), Tabelle 7.A.1. Zahlen seit 2005: Eigene Ergänzungen.

[100] Eigene Darstellung auf Basis von Anmerkung 93.

[101] Vgl. Eigene Darstellung nach Angaben von Davidson-Smith (2006), S. 217.

[102] Eigene Darstellung nach Angaben der Homepages der Bundesländer.

[103] Vgl. Fülles (1969), S. 11.

[104] Eigene Darstellung nach Angaben der Homepages der Bundesländer.

[105] Gegenwärtiger Frauenanteil in Länderregierungen (nur Ministerien, ohne Staatssekretäre, Chefs der Staatskanzlei, Landesbeauftragte und Vertreter beim des Landes beim Bund). Eigene Zusammenstellung nach Angaben der Homepages der Bundesländer.

[106] Vgl. Wiesendahl (2006), S. 93.

[107] Auszug aus: Wiesendahl (2006), S. 84.

[108] Auszug aus: Wiesendahl (2006), S. 92.

[109] Vgl. auch Meyer (2000), S. 199.

[110] Eigene Berechnungen auf Grundlage von Tabelle 8.

[111] Vgl. Schnitger (1990), S. 77.

Details

Seiten
170
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638847711
ISBN (Buch)
9783656228264
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v82062
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Politikwissenschaft
Note
gut - 2,1
Schlagworte
Präsenz Frauen Führungspositionen Bundesrepublik Geschlechterforschung

Autor

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Titel: Offene oder verschlossene Türen? – Präsenz von Frauen in politischen Führungspositionen im repräsentativen System der Bundesrepublik