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Erlesenes Wissen - eine theoretische Modellierung der Fachzeitschriftennutzung in Organisationen

Bachelorarbeit 2004 68 Seiten

Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einführung
1.1) Problemstellung und Relevanz
1.2) Forschungsfrage und weiterer Aufbau der Arbeit
1.2.1) Definition von Fachzeitschriften
1.2.2) Definition von Wissen und Information

2) Der kommunikationswissenschaftliche Forschungsstand
2.1) Fachzeitschriften in Deutschland – ein Marktüberblick
2.2) Die Rolle von Fachzeitschriften in der Informationsumwelt von Organisationen
2.3) Die Rezeption von Fachzeitschriften
2.3.1) Formen der Fachzeitschriftennutzung in Organisationen
2.3.2) Die Intensität der Fachzeitschriftennutzung
2.4) Die Motive der Fachzeitschriftennutzung
2.4.1) Fachzeitschriften und Information Seeking
2.4.2) Beobachtungsinformation (Surveillance Information)
2.4.3) Durchführungsinformation (Performance Information)
2.4.4) Entscheidungsinformationen (Guidance Information)
2.4.5) Bestätigungsinformation (Reinforcement Information)
2.5) Resümee des Forschungsstandes und Ausweitung der Perspektive

3) Fachzeitschriftennutzung im Organisationskontext
3.1) Organisationstheoretische Grundlagen
3.1.1) Entwicklung der organisationstheoretischen Perspektive der Arbeit
3.1.2) Schlussfolgerungen in Bezug auf den Charakter von Organisationen

4) Der Prozess des Organisierens
4.1) Die Gestaltung organisationaler Informationsumwelten
4.1.1) Gestaltungsprozesse bei der Fachzeitschriftenauswahl
4.1.2) Gestaltungsprozesse bei der Fachzeitschriftenlektüre
4.2) Selektion
4.2.1) Individuelle Sinngebungsprozesse und Probleme der Unsicherheit und Mehrdeutigkeit
4.2.2) Kooperative Sinngebungsprozesse zur Ergänzung
4.2.3) Der Zusammenhang zwischen individueller und kooperativer Sinngebung
4.3) Retention
4.3.1) Die Retention als Anknüpfungspunkt organisationaler Prozesse
4.3.2) Einflüsse der Retention auf die Gestaltungsprozesse
4.3.3) Einflüsse der Retention auf die Selektionsprozesse

5) Fazit zur Modellierung der Fachzeitschriftennutzung
5.1) Visualisierung des Modells und Implikationen für die Forschung
5.2) Implikationen für die Praxis der Fachzeitschriftennutzung in Organisationen

6) Literatur

Abbildungsverzeichnis

Entwicklung des Fachzeitschriftenmarktes seit 1999

Relaunchte Fachzeitschriftentitel seit 1999

Bedeutung unterschiedlicher Informationsquellen für externes technologisches Wissen

Nutzung unterschiedlicher Informationsquellen durch Entscheider (Deutschland)

Nutzung unterschiedlicher Informationsquellen durch Entscheider (Großbritannien)

Die Bedeutung unternehmerischer Informationsquellen im Vergleich

Visualisierung: Die Umlaufnutzung von Fachzeitschriften

Visualisierung: Die Archivnutzung von Fachzeitschriften

Anzahl der im letzten Monat gelesenen Fachzeitschriften

Für die Fachzeitschriftennutzung aufgewandte Zeit im Monat

Veränderung der Fachzeitschriftennutzung zwischen 1999 und 2001

Aktueller und angestrebter Informationsstand beim Information Seeking

System der Lektüremotivation von Entscheidern

Fachzeitschriften als Quelle für Beobachtungsinformationen

Soziale Nützlichkeit von Fachzeitschriften am Beispiel

Der Prozess des Organisierens nach Weick

Das Sinngebungsrezept nach Weick

Gestaltung im Prozess des Organisierens

Die zwei Komponenten der Gestaltung bei der Fachzeitschriftennutzung

Selektion im Prozess des Organisierens

Visualisierung: Mehrdeutigkeit als Vorder-/Hintergrund-Problem

Der Internet-Boom als Problem der Mehrdeutigkeit

Die zwei Komponenten der Selektion bei der Fachzeitschriftennutzung

Retention im Prozess des Organisierens

Die zwei Komponenten der Retention bei der Fachzeitschriftennutzung

Modell der Fachzeitschriftennutzung in organisationalen Kontexten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Auflage und Titelzahl der Fachzeitschriften in Deutschland (Fachpresse Statistik, 2003)

Tabelle 2: Aufgabenarten und entstehende Unsicherheiten (Atkin, 1973)

Abstract

Diese Bachelorarbeit behandelt Fachzeitschriften und ihre Möglichkeiten, als Werkzeug zur Wissensentwicklung eingesetzt zu werden. Vor dem Hintergrund kommunikations- und organisationswissenschaftlicher Erkenntnisse wird ein integrierendes Modell zur Wissensentwicklung durch systematische Fachzeitschriftennutzung in Organisationen entwickelt.

Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive stehen dabei der Uses & Gratifications –, sowie der Information Seeking Ansatz im Vordergrund. Anhand von Karl Weicks „Prozess des Organisierens“ (1995a) wird diese an individuellen Rezipienten orientierte Perspektive auf organisationale Kontexte ausgeweitet. Dabei interessieren vor allem drei Aspekte:

1. Die Gestaltung organisationaler Informationsumwelten
unter Zuhilfenahme von Fachzeitschriften.
2. Die individuellen und kooperativen Sinngebungsprozesse,
die in Verbindung mit der Fachzeitschriftennutzung auftreten.
3. Die Retentionen von Fachzeitschrifteninhalten,
die als Anknüpfungspunkt für weitere organi­sationale Prozesse bereit stehen.

Die Arbeit strukturiert unter diesen Aspekten Anforderungen und Problem­felder der Fachzeitschriftennnutzung in Organisationen, um so erstmals eine zusammenhängende theoretische Perspektive bereitzustellen, die als Grundlage für empirische Studien dienen kann – etwa zur Evaluation der Fachzeitschriftennutzung in einem bestimmten Unternehmen. Das entwickelte Modell dient abschließend zur Ableitung erster allgemeiner Implikationen für die Praxis der Fachzeitschriftennutzung in Organisationen..

1 Einführung

Wer nach einem ausdifferenzierten Medienangebot sucht, kann hierzulande schon am Bahnhofskiosk aufhören: Weltweit bietet Deutschland eine der größten Auswahlen an Publikumszeitschriften und Fachmagazinen (vgl. International Federation of the Periodical Press, 2000).

Diese Flut an Gedrucktem dürfte einer der Gründe sein, warum uns kaum eine Organisation ein­fällt, die nicht regelmäßig Fachzeitschriften bezieht. Ob Unternehmen, Behörden, Stiftungen, Hochschulen, Pfarreien – über die meisten Schreibtische dürfte regelmäßig die eine oder andere Fachzeitschrift wandern. Fachzeitschriften sind schließlich Sensor für die Umwelt, Botschafter neuer Ideen, kurz ein Werkzeug zur Wissensentwicklung. Aber nutzen Organisationen diese Potenziale auch? Haben sie eine Vorstellung davon, welche Fachzeitschriften wirklich etwas bringen? Welche Publikationen handlungsrelevante Informationen enthalten und welche den Mitarbeitern mit viel Schlamm und wenig Gold die Zeit stehlen?

Diese Arbeit basiert in Teilen auf der Vermutung, dass die meisten Organisationen sich mit über Jahren gewachsenen Informationsumwelten zufrieden geben; dass sie diese selten, wenn über­haupt, evaluieren und dass das Potenzial von Fachzeitschriften für die Wissensentwicklung nur dann erschlossen werden kann, wenn ihre Nutzung mit bestimmten anderen organisationalen Prozessen verknüpft wird – das bedeutet, dass handlungsrelevante Informationen herausdestilliert werden und auf sie zurückgegriffen werden kann.

Um aufzuzeigen, welche Rolle Fachzeitschriften für die Wissensentwicklung in Organisationen spielen können, verknüpft diese Arbeit organisationstheore­tische und kommunikationswissenschaftliche Ansätze. Sie entwickelt ein integrierendes Modell der Fachzeitschriftennutzung in organisationalen Kontexten. Und sie versucht den Blick beider Wissenschaftsdisziplinen über den Tellerrand zu öffnen: Den der Organisationswissenschaft für die Ein­bindung von Fachzeitschriften in organisationale Prozesse. Und den der Kom­munikationswissenschaft für die Einbettung von Rezipienten in dynamische soziale Umfelder.

1.1 Problemstellung und Relevanz

Die Berufswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert: „Im Zentrum der heutigen Arbeitsgesellschaft steht nicht mehr die arbeitsteilige, hierarchisch organisierte, technisch unterstützte Fertigung größerer Stückzahlen von Sachgütern durch lohnabhängig Beschäftigte. Immer bedeutsamer wird die Organisation so­zialer Beziehungen - vor allem durch wissens- und kommunikationsintensive Dienstleistungen. Deshalb begreifen zahlreiche Autoren die Gegenwartsgesellschaft als Informations-, Kommunika­tions- oder Wissensgesellschaft (vgl. Drucker 1994, Toffler, 1993, Stehr 1994, Krohn 1997, Willke 1998).“ (Heidenreich, 2000, S. 107).

Vor diesem Hintergrund müssen sich Unternehmen neuen Herausforderungen stellen: Die Inno­vationszyklen werden kürzer, das Wissen der Mitarbeiter veraltet schneller, Märkte entstehen und vergehen in kürzeren Zeiträumen. Unternehmensberater und Autoren von Management-Büchern haben für diese Zwänge und die geeignete Reaktion auf sie einen bunten Reigen Schlagwörter geprägt: Sie bezeichnen erfolgreiche Organisationen etwa als „Ad­aptive Enterprise“ (Cap Gemini, 2002), „Das revolutionäre Unternehmen“ (Hamel, 2001) oder konstatieren gleich: „Wenn's funktioniert – ändern Sie's“ (Kriegel & Patler, 1992).

Die dahinterliegende Grundannahme ist immer, dass Organisationen anpassungsfähig sein müssen, um zu überleben[1]. Ein wichtiger Aspekt anpassungsfähiger Organisationen besteht darin, Informationsquellen im Sinne des Organisationszwecks optimal auszuschöpfen und daraus geeignete Handlungen abzuleiten. Fachzeitschriften erscheinen als gutes Beispiel für solche externen Informationsquellen: Sie werden von den meisten Organisationen genutzt und es gibt sie in kaum zählbarer Vielfalt (vgl. Abschnitt 2.1). In Befragungen geben Entscheider regel­mäßig an, dass Fachzeitschriften für sie zu den wichtigsten Informationsquellen zählen, die Ent­scheidungsprozesse ständig begleiten (z. B. Deutsche Fachpresse, 2001a).

Deshalb berührt die Fachzeitschriftennutzung in Organisationen eine Reihe relevanter Fragen für die Organisationspraxis, die Kommunikations- und Organisationswissenschaft sowie die Medienökonomie. Diese Relevanzaspekte sollen im Folgenden kurz diskutiert werden.

Organisationspraktische Relevanz

Organisationen fehlt es an Handlungsempfehlungen für die Einbindung externer Wissensquellen in ihre internen Prozesse (vgl. Edler, 2003b, S. 10). Ziel einer Organisation muss es sein, die Investitionen für Fach­zeitschriften richtig zu tätigen. Aber auch die Arbeitszeit von Mitarbeitern, die für Fachzeitschriftenlektüre auf­gewandt wird, sollte so zielgerichtet wie möglich eingesetzt werden.

Organisationen brauchen daher Instrumente, die es ihnen erlauben, ihre Informationsumwelten zu evaluieren. Es ist relevant zu erfahren, welche Fachzeitschriften zur Wissensentwicklung beitragen und welche nicht. Diese Arbeit strukturiert deshalb die Fachzeitschriftennutzung in organisationalen Kontexten und ermöglicht so, Problemfelder und Anforderungen einfacher zu identifizieren.

Kommunikations- und Organisationswissenschaftliche Relevanz

Die aktuelle Forschungslage bildet die zweite Relevanzebene. Die Kommunikationswissenschaft hat sich in ihrer Tradition nur sehr wenig mit dem Medium Zeit­schrift beschäftigt (vgl. Bohrmann, 2002, S. 28). So wurde etwa nur ein einziges Mal durch Hagemann (1957) eine umfassende Stichtagserhebung des Zeitschriftenmarktes durchgeführt.

Die Forschungslücke vertieft sich in Bezug auf Fachzeitschriften. Bis heute finden sich hier kaum kommunikationswissenschaftliche Studien. Daten werden im Wesentlichen von der Praxis für die Praxis bereitgestellt. Markt-Media Studien dominieren die Literatur, meist Auftragsforschungen der großen Fachzeitschrif­tenverlegerverbände Deutsche Fachpresse (eine Tochter des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger) oder B2BMedia (ein Zusammenschluss von Fachverlegern innerhalb der britischen Periodical Publishers Association). Diese Publikationen richten sich vor allem an Mediaplaner. Eine aktuelle Emnid-Studie versucht im Gegenzug die Entscheidungskriterien von Mediaplanern für Fachzeitschriftenverleger offen zu legen (Zanetti Altstoetter Trurnit [sic], 2004). Und Redaktionen werden durch eine Reihe von Studien unterstützt, die sich ausführlich mit einer bestimmten Fachzeitschrift auseinander setzen und deren Leserstruktur, Informationsbedürfnisse und Wünsche ausleuchten (z. B. „Leseranalyse Praxis Aktuell“, 2002; Eckhardt, 1978 zit n. Böhme, 1995).

Zur Einbindung von Fachzeitschriften in organisationale Kontexte gibt es hingegen wenig zu lesen. In Deutschland findet sich allein eine aktuelle Studie: Böhme hat 1995 versucht, den „Wert von Fachzeitschriften für den Unternehmenserfolg“ zu erforschen. Neben der eigenen kompakten Erhebung in 73 Maschinenbauunternehmen stützt er sich hauptsächlich auf Studien aus den 60er und 70er Jahren.

In der organisationswissenschaftlichen Literatur sieht es kaum besser aus. So hat man sich im Rahmen der Wissensmanagement-Forschung bisher kaum mit konkreten externen Wissensquellen auseinander gesetzt, zu denen Fachzeitschrif­ten in dieser Arbeit gezählt werden. Autoren wie Probst, Raub, & Romhardt (1999), Krogh, Ichijo & Nonaka (2000) oder Willke (1998) setzen mit ihrem Kerninteresse erst später an: Wenn das Wissen schon in den Köpfen der Mitarbeiter steckt und der Organisation wieder zu Gute kommen soll.

Schon anhand dieser groben Aufzählung wird deutlich, dass es einen größeren blinden Fleck gibt, der weder in der Kommunikationswissenschaft, noch in der Organisationswissenschaft thematisiert wird: Generell nutzbare Modellierungen zur Einbindung bestimmter Informationsquellen, wie Fachzeitschriften, in organisationale Kontexte.

Medienökonomische Relevanz

Zuletzt ist das Thema auch für Fachzeitschriftenverlage relevant. In einer Welt, in der mehr Informationen als jemals zuvor zur Verfügung stehen, müssen sie ihre Medien ständigen Optimierungen unterziehen. Auch die Fachzeitschriftenverlage leiden unter einer verschärften Konkurrenzsituation durch beruflich genutzte Komplementärmedien wie branchennahe Internetangebote oder schlagwortspezifische Suchmaschinenwerbung (vgl. Fine, 2004). Deshalb soll­ten sie sich die Fragen stellen: „Wie nutzen unsere Leser die Zeitschriften?“ „Sind die Informationen für unsere Leser handlungsrelevant?“ Und am Wichtigsten: „Können wir Verleger unsere Produkte auf die Nutzung in Organisationen hin optimieren?“

Diese Arbeit hält durch ihre Modellierung organisationaler Informationsprozesse einige Ansätze für Verlage bereit, wie sie solche Prozesse durch ihre Medien anstoßen, begleiten und optimieren können. Allerdings sind diese Ergebnisse eher ein Nebenprodukt der Ausführungen zur Organisationspraxis. Sie stehen nicht im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses der Arbeit.

1.2 Forschungsfrage und weiterer Aufbau der Arbeit

Die unterschiedlichen Relevanzebenen strukturieren das Erkenntnisinteresse der Arbeit. Eine Modellierung organisationaler Fachzeitschriftennutzung kann Organisationen dabei helfen, ihre Nutzung externer Informationsquellen systematisch zu evaluieren. Sie kann für die Wissenschaft Aspekte des Themas verknüpfen, denen bisher nur isoliert aus entweder kommunikations- oder organisationswissenschaftlicher Perspektive nachgegangen wurde. Und sie kann bei Verlegern ein vertieftes Verständnis dafür wecken, warum und mit welchem Ziel ihre Produkte genutzt werden. Aus diesem Anspruch ergibt sich die Forschungsfrage, der in dieser Arbeit nachgegangen werden soll:

Wie kann die auf Wissensentwicklung ausgerichtete Fachzeitschriftennutzung in Organisationen vor dem Hintergrund kommunikations- und organisationswissenschaftlicher Konzepte strukturiert dargestellt werden?

In den folgenden Abschnitten werden dafür zunächst die Grundlagen gelegt. Die zentralen Begriffe „Fachzeitschriften“, „Wissen“ und „Information“ werden kurz definiert und miteinander in Verbindung gebracht. Anschließend wird der aktuelle Forschungsstand in Bezug auf die Fachzeitschriftennutzung in Organisationen rekapituliert. Dazu wird zunächst der Markt der Fachzeitschriften kurz untersucht, dann Studien vorgestellt, die Rückschlüsse darauf erlauben, welche Rolle Fachzeitschriften in den Informationsumwelten von Organisationen spielen. Der Abschnitt 2.3 untersucht die Rezeption von Fachzeitschriften, indem zwei Formen der Fachzeitschriftennutzung in Organisationen und ihre Intensität betrachtet werden. In diesen Abschnitten dienen ökonomische Arbeiten und Markt-Media Studien als Grundlage. Die kommunikationswissenschaftliche Perspektive wird anschließend im Unterkapitel 2.4 entwickelt, wo die Motive der Fachzeitschriftennutzung untersucht werden. Ein Resümee des Forschungsstandes (Abschnitt 2.5) führt Ergebnisse aus den Studien zusammen und problematisiert die in Bezug auf die Nutzung in Organisationen vorhandenen Erkenntnislücken.

1.2.1 Definition von Fachzeitschriften

Zeitschriften, die „spezielle Informationen für den Rezipienten in seiner Berufsrolle bieten“ (Hein­rich, 2002, S. 62f.) werden in Deutschland üblicherweise als Fachzeitschriften bezeichnet. In den USA wird dieser Typ von Zeitschrift „Trade Magazine“ (vgl. Daly, Henry & Ryder, 1997, S. 8) oder „B2B Magazine“ (z. B. PPA, 2002) genannt.

Eine Definition von Fachzeitschriften muss allgemein bleiben, weil ihr Markt extrem ausdiffe­renziert ist. Das ist notwendigerweise so, wie der Arbeitskreis Media-Informationen Fachzeit­schriften (1985) unterstreicht: „Die deutsche Fachpresse muss so weit verzweigt sein, wie es un­sere arbeitsteilige Gesellschaft ist. Nur so vermag sie ihren medienpolitischen Auftrag zu erfül­len.“ (S. 14).

Der Arbeitskreis definiert Fachzeitschriften deshalb so: „Fachzeitschriften sind peri­odisch erscheinende Publikationen über bestimmte Fachgebiete, die der beruflichen Information und Fortbildung eindeutig definierbarer, nach fachlichen Kriterien abgrenzbarer Zielgruppen dienen und überwiegend postalisch vertrieben werden.“.

Die Definition des Verbandes deutscher Zeitschriftenverleger ergänzt diese Definition noch um die Erscheinungsweise und legt fest:

Als Fachzeitschriften (hierzu zählen auch alle wissenschaftlichen Zeitschriften) gelten alle peri­odischen Druckwerke, die mit der Absicht eines zeitlich unbegrenzten Erscheinens mindestens viermal jährlich herausgegeben werden und sich in erster Linie mit beruflich relevanten Inhalten befassen. Dabei ist es unerheblich, ob diese Zeitschriften unentgeltlich abgegeben werden oder nicht. („Definition Fachzeitschriften“, o. D.)

Gleichzeitig grenzt er davon eine ganze Reihe von Titeln ab, nämlich „konfessionelle Zeitschriften, Kundenzeitschriften, Titel der Wirtschaftspresse sowie typische Special Interest-Zeitschriften (Hobby und Freizeit), Partworks[2], Loseblattsammlungen von Gesetzen, aus Remittenden aufge­bundene Einzelbände und dergleichen.“ Diese Publikationen werden nicht als Fachzeitschriften verstanden.

Eine solche Definition beschreibt den Gegenstand leider etwas unzureichend. Vor dem Hin­tergrund organisationaler Kontexte erscheint es nicht sinnvoll, bestimmte Zeitschriftentypen, wie etwa kon­fessionelle Blätter, auszunehmen: Mitarbeiter einer Pfarrei oder einer Diakonie lesen diese aus be­ruflichem Interesse. Ähnliches gilt für die wöchentliche oder monatliche Wirtschafts­presse und etwa in der Anlageberatung tätige Bankangestellte. Die letztendliche Bestimmung einer Zeitschrift als Fachzeitschrift erfolgt damit nicht ausschließlich durch den Verlag, sondern ebenso durch den Rezipienten.

Teilweise wird eine solche rezipientenorientierte Sichtweise in den empirischen Studien aufgegriffen. Die Leistungsanalyse Fachmedien erhebt die Nutzung von Fachzeitschriften, indem sie nach „Fachzeitschriften, d. h. Zeitschriften oder Zeitungen, die sich mit beruflich relevanten Inhalten an Sie wenden.“ fragt (Deutsche Fachpresse, 2001a, S. 25).

Weil dies aber nur für einen kleinen Teil der vorhandenen Studien gilt und die meisten auf einer angebotsorientierten Sichtweise aufbauen, orientiert sich diese Arbeit dennoch an der angebotsorientierten Perspektive. Das schließt natürlich nicht aus, dass Organisationen auch andere Mediengattungen, wie etwa Tageszeitungen, Wirtschaftsmagazine oder elektronische Newsletter zur systematischen Wissensentwicklung einsetzen können.

1.2.2 Definition von Wissen und Information

Wenn durch Fachzeitschriften Wissen entwickelt werden soll, dann muss man sich die Frage stellen, was „Wissen“ eigentlich ist. In der Forschung werden die Begriffe „Wissen“ und „Information“ häufig nicht trennscharf verwendet. Informations- und Kommunikationswissenschaften, Organisationsforschung und Ökonomie – sie alle versammeln unter den Dächern ihrer Bibliotheken zahllose Definitionen für ein schwammiges Konzept. Probst, Raub & Romhardt haben 1999 eine Trennung zwischen Daten, Information und Wissen vorgeschlagen, die sich für diese Arbeit anbietet, weil sie eng mit dem noch zu erläuternden „Prozess des Organisierens“ (vgl. Kapitel 4) zusammenhängt: Daten, so ihr Ansatz, werden durch Interpretation zu Informationen. Durch Kenntnisse und Fähigkei­ten vernetzte Informationen werden wiederum als Wissen definiert. Dieses Wissen entfaltet seinen Wert allerdings erst in der Nützlichkeit zur Lösung von bestimmten Aufgabenstellungen und Problemen. Es ist, insbesondere in einem organisationalen, zweckorientierten Kontext immer ein „Knowledge to some end“ (Nonaka & Takeuchi, 1995, S. 85), ein Wissen, um zu handeln. Probst et al. schreiben dazu:

„Managern geht es nicht um die zweckfreie Produktion von Erkenntnissen, sondern vielmehr um die zielorientierte Nutzung und Entwicklung von Wissen und Fähigkeiten, welche für den Organi­sationszweck als notwendig angesehen werden. Wissen ist also nicht Erkenntnis, sondern muss seinen Nutzen in der praktischen Anwendung erweisen.“ (1999).

Bei der Fachzeitschriftennutzung kann man plausibel von einem ähnlichen Interesse ausgehen: Die Rezipienten sind an neuen Informationen interessiert, die sie mit ihren vorhandenen Kenntnissen und Fähigkeiten vernetzen können; Informationen, die sie in ihrem organisationalen Kontext verwenden können. Es geht dabei also immer um Dinge, die der Akteur vor der Rezeption noch nicht wusste (vgl. Atkin, 1973, S. 207). Handlungsrelevant wird eine Information immer dann, wenn sie mit vorhandenen Fähigkeiten und Fertigkeiten verknüpft werden kann und erwartet wird, dass sie im organisationalen Kontext von Nutzen sein könnte.

In dieser Arbeit soll unter Wissen deshalb folgendes verstanden werden:

Wissen ist jede im Sinne des Organisationszwecks
als handlungsrelevant interpretierte Information.

Informationsqualität kann deshalb keine informationsinhärente Eigenschaft sein – vielmehr weist der Rezipient einem Inhalt aktiv Bedeutung zu.

Im weiteren Verlauf der Arbeit wird deutlich werden, dass Organisationen über ihre Prozesse fortlaufend Wissen entwickeln. Wir alle gestalten Informationsumwelten, wählen bestimmte Daten zur weiteren Bearbeitung aus, interpretieren diese Informationen in individuellen und kooperativen Sinngebungsprozessen und legen das so generierte Wissen auf verschiedene Weise ab, um später wieder darauf zugreifen zu können.

2 Der kommunikationswissenschaftliche Forschungsstand

Im Abschnitt „Kommunikations- und Organisationswissenschaftliche Relevanz“ (vgl. 1.1) ist bereits angeklungen, wie wenig sich die vorhandene Forschung mit der Fachzeitschriftennutzung in organisationalen Kontexten beschäftigt hat. „Steht bei den allgemeinen Studien die Informationsversorgung der Unternehmung im Mittelpunkt“, kritisiert Böhme, „so liegt der Schwerpunkt bei den Feinstudien auf Werbung von Anzeigenkunden für die jeweils betrachtete Fachzeitschrift.“ (1995, S. 83).

Da erscheint es notwendig, auch in angrenzenden Wissenschaftsbereichen nach aktuellen Erkenntnissen zu suchen, die ein Verständnis für die Anforderungen und Problemfelder systematischer Fachzeitschriftennutzung fördern könnten. Zunächst wird deshalb der Fachzeitschriftenmarkt untersucht, um einen ersten Einblick in das publizistische Feld zu geben, mit dem sich Organisationen auseinanderzusetzen haben. Im Abschnitt 2.2 werden einige Studien vorgestellt, die sich mit den Informationsumwelten von Organisationen auseinander gesetzt haben. So können Fachzeitschriften in ihrer Wertigkeit besser verortet werden. Die Abschnitte zu den „Formen“ und der „Intensität der Fachzeitschriftennutzung“ (2.3.1 und 2.3.2) beschäftigen sich mit der Frage, auf welche Weise und wie ausführlich Fachzeitschriften zur beruflichen Information herangezogen werden. Mit dem Uses & Gratifications - und dem Information Seeking Ansatz werden anschließend im Abschnitt 2.4 die theoretischen kommunikationswissenschaftlichen Grundlagen gelegt, um die typischen Motive der Fachzeitschriftennutzung zu beleuchten. Das Kapitel schließt mit einem Resümee des Forschungsstandes, in dem die bisherigen Erkenntnisse zusammengeführt werden.

2.1 Fachzeitschriften in Deutschland – ein Marktüberblick

Was ist über den deutschen Fachzeitschriftenmarkt bekannt? Wie stellt er sich heute dar und wie dynamisch verändert er sich? Dieser Abschnitt soll einen kurzen Einblick in die Informationsumwelt geben, der Organisationen gegenüber stehen, wenn sie Fachzeitschriften einsetzen möchten.

Das hier präsentierte Zahlenmaterial bezieht sich dabei auf Fachzeitschriften, wie sie der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger definiert (vgl. Abschnitt 1.2.1), dessen Verbandstochter Deutsche Fachpresse eine jährliche Statistik der Fachpresse herausgibt. Weitaus mehr Titel listete früher die amtliche Pressestatistik auf. Allerdings wurde diese Übersicht mit dem Erscheinungsjahr 1994 eingestellt. Die heute vorliegende VDZ Statistik decke rund ein Drittel des von der amtlichen Statistik erfassten Zeitschriftensektors ab, schreibt Heinrich (2002, S. 64) und schätzt, dass „von dieser Schnittmenge [...] vermutlich heute noch ausgegangen werden [kann].“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Auflage und Titelzahl der Fachzeitschriften in Deutschland (Fachpresse Statistik, 2003)

Der Gesamtumsatz der Fachverlage ist in 2003, ähnlich wie im Vorjahr, um knapp 5% auf 1,80 Mrd. Euro gesunken. Dafür verantwortlich sind vor allem die um 9,2% gefallenen Anzeigenerlöse (Deutsche Fachpresse, 2003a). Diese Last verteilt sich auf viele Schultern, denn die Branche der Fachverlage ist stark mittelständisch geprägt: Der Verband Deutsche Fachpresse repräsentiert 550 Mitgliedsverlage, wobei der Umsatz des mittleren Verlages (Median) 2003 circa 5,1 Millionen Euro beträgt. Ein Anbieter verlegt dabei im Schnitt acht Titel (Deutsche Fachpresse, 2001b)[3].

Organisationen stehen damit einer Vielzahl von Medienanbietern gegenüber, die eine kaum überschaubare Landschaft an Medienangeboten formen. 3623 Fachzeitschriftentitel zählt die Statistik für 2003 (vgl. Tabelle 1), die im vierten Quartal 2003 15,54 Millionen Exemplare verkaufen konnten (VDZ, 2004). Gleichzeitig ist der Titelmarkt der Fachpresse recht dynamisch: Inzwischen wächst die Zahl der Fachzeitschriftentitel wieder (vgl. Tabelle 1). Nachdem 2002 im Rahmen der allgemeinen Medienkrise 167 Zeitschriften eingestellt und nur 84 neu eingeführt wurden, ist inzwischen die Bilanz wieder ins Positive verkehrt: 2003 wurden 210 Titel neu eingeführt bei nur 150 Einstellungen. (Deutsche Fachpresse, 2003a, vgl. Abbildung 1). Das entspricht einer Zeitschriftenfluktuation von rund 10% jährlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein anderer Gradmesser für die Dynamik des Marktes ist die Zahl der relaunchten Titel (vgl. Abbildung 2). Nach den Krisenjahren 2001 und 2002 werden mehr Titel denn je überdacht: fast 294 Zeitschriften wurden im letzten Jahr neu ausgerichtet.

Damit umgibt Organisationen eine nicht nur in Bezug auf die Kommunikatoren vielfältige, sondern auch sehr dynamische Fachzeitschriftenumwelt, die sich ihnen in der Regel ins Büro drängt: Fachzeitschriften werden fast ausschließlich im Abonnement vertrieben. Nur rund 10% werden im Einzelhandel verkauft (VDZ, 2004). Die Kos­ten für Fachzeit­schriften schwanken stark zwischen kostenfrei (so genannte „Qualified Circulati­on“- oder „Con­trolled Circulation“ Angebote) und mehreren tausend Euro pro Bezugsjahr (bei­spielsweise für kleinauf­lagig gedruckte Newsletter).

Organisationen sehen sich also einer ausdifferenzierten Fachzeitschriftenlandschaft gegenüber: Außeror­dentlich vielfältig in Bezug auf Anbieter und Inhalte, schwer einzuschätzen in Bezug auf das Preis-Leistungsverhältnis, dynamisch in der Etablierung, Veränderung und Einstellung von Titeln.

Welche Rolle spielen diese Medien in den Informationsumwelten von Organisationen?

2.2 Die Rolle von Fachzeitschriften in der Informationsumwelt von Organisationen

Organisationen und ihre Akteure haben zahlreiche Möglichkeiten, Informationen aus externen Quellen zu akquirieren. Direktwerbung, Wirtschaftspresse, Außendienst, Messen und Internet­angebote werden beispielsweise von der Leistungsanalyse Fachmedien neben Fachzeitschriften abgefragt (Deutsche Fachpresse, 2001a, S.17). Im Folgenden soll kurz die Rolle von Fachzeitschriften im Kanon externer Informationsquellen er­örtert werden.

Eine Befragung des Fraunhofer Institutes unter 497 Unternehmen in Deutschland zeigte eine hohe Wertschätzung von externen Wissensanageboten durch deutsche Unternehmen in Bezug auf technische Informationen (vgl. Abbildung 3[4] ; Edler, 2003a). Dabei waren die als wichtig bewerteten Quellen sehr vielfäl­tig, am häufigsten wurden gedruckte und elektronische Quellen verwendet (S. 49). Die Befragung förderte zudem einige Probleme bei der Nutzung externer Quellen zutage:

Die größten Hindernisse zur Aneignung externen Wissens lagen nach Auskunft der befragten Unternehmen innerhalb der Organisation. Sie beruhen hauptsächlich auf der Furcht vor dem Verlust eigenen Wissens und auf unzureichenden internen Prozessen, insbesondere hinsichtlich der Informationsgewinnung über das externe Angebot an relevantem Wissen (Edler, 2003b, S.10f.). Die Datenlage aus anderen Studien deutet zudem daraufhin, dass größere Unternehmen tendenziell mehr unterschiedliche Informationsquellen nutzen als kleinere Unternehmen (vgl. Bayerisches Staatsministerium, 1976, zit n. Böhme, 1995): „In mittelständischen Unternehmen wurden bis zu 60 Fachzeitschriften gezählt, in den untersuchten Großunternehmen werden mehrere hundert Fachzeitschriften gehalten, einige davon mehrfach.“ (S. 49). Unternehmen in innovationsgetriebenen Branchen, wie Chemie, Maschinenbau, Elektrotechnik und Feinmechanik, nutzen ebenfalls mehr Quellen, so die Studie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vor dem Hintergrund des ausdifferenzierten Angebotes an Fachzeitschriften (vgl. Abschnitt 2.1) ist es denkbar, dass eines der Probleme einer systematischen Fachzeitschriftennutzung schon bei der Auswahl beginnt. Dabei stellen für viele Unternehmen Fachzeitschriften die wichtigste Informationsquelle dar (vgl. Böhme, 1995, S. 66): „Ihnen wird neben einer Bedeutung für den allgemeinen Überblick auch eine Bedeutung für detaillierte, Unternehmen interessierende Themen beigemessen.“ (Bayerisches Staatsministerium, 1976, zit. n. Böhme 1995, S. 49).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Einschätzung wird durch aktuelle Befragungen von Entscheidern in Unternehmen gestützt. Die Leistungsanalyse Fachmedien konstatiert, dass 85% aller „professionellen Entscheider und Entscheidungsbeteiligten“ in den letzten zwölf Monaten Fachzeitschriften genutzt haben (vgl. Deutsche Fachpresse, 2001a, S. 12). Dabei nutzen die als „Top-Entscheider[5] “ eingestuften Befragten durchweg die meisten Informationsquellen: Mit 95% zogen nahezu alle von ihnen im der Befragung vorangehenden Jahr auch Fachzeitschriften heran (vgl. Abbildung 4).

Erwartungsgemäß werden solch hervorragende Ergebnisse auch von Auftragsforschungen in anderen Ländern erreicht. Eine Studie der britischen Periodical Publishers Association (2002) kommt zu dem Schluss, dass sogenannte „Business Publications[6] “ die am häufigsten regelmäßig genutzte Informationsquelle in Unternehmen sei (vgl. Abbildung 5). Allgemeine Wirtschaftsmagazine erreichen hier sogar weniger als die Hälfte der Befragten.

Auch Böhme hat in seiner Untersuchung die Bedeutung von Informationsquellen einschätzen lassen (vgl. Abbildung 6). Hier ähneln Fachzeitschriften in ihrer Bedeutung den Gesprächen mit Fachkollegen, als drittwichtigste Quelle geben die befragten Maschinenbauunternehmen Messen und Ausstellungen an. Diese Daten stammen zwar nicht aus einer Auftragsforschung, sind aber aufgrund der sehr geringen Fallzahl (n=73) trotzdem nur mit großer Vorsicht zu interpretieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus den vorgestellten Studien ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild: Fachzeitschriften spielen offenbar eine wichtige Rolle in den Informationsumwelten von Organisationen, zumindest von Unternehmen. Die große Mehrheit der Entscheider, unabhängig von Land und Befragung, liest Fachpublikationen. Wie inten­siv und in welcher Form das üblicherweise geschieht erläutert der folgende Abschnitt.

2.3 Die Rezeption von Fachzeitschriften

Fachzeitschriften stellen einen wichtigen Teil der Informationsumwelten von Organisationen dar. Umso wichtiger ist es deshalb, ihre Nutzung zu untersuchen. Das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und Verkehr hat in seiner Studie zum Informationsbedarf des Mittelstandes zunächst Probleme ausgemacht: Fachzeitschriftenartikel, so gaben die Befragten an, seien häufig zu theoretisch und an ihren Bedürfnissen vorbei geschrieben. Zudem käme es vor, dass sich „verschiedene Artikel in mehreren Fachzeitschriften wiederhol[t]en“ (1976, zit. n. Böhme, 1995, S. 50). Positiv empfanden die Befragten die Aktualität der Artikel sowie die informativen Anzeigen, „aus denen vor allem der Bereich Einkauf Informationen über Lieferanten bezieht.“

Neben solchen allgemeinen Aussagen zur Qualität der redaktionellen und werblichen Inhalte hält der aktuelle Forschungsstand im Wesentlichen auf drei Fragen erste Antworten bereit:

1. Welche Form nimmt die Fachzeitschriftennutzung in Organisationen gewöhnlich an?
2. Wie intensiv wird die Fachzeitschriftenlektüre von Entscheidern betrieben?
3. Was sind die Motive der Fachzeitschriftennutzung von Entscheidern?

2.3.1 Formen der Fachzeitschriftennutzung in Organisationen

Eine noch offene Frage ist, wie Fachzeitschriften in Organisationen überhaupt ihre Leser erreichen. Es gibt bisher keine Erkenntnisse dazu, in welchen Organisationen welche Akteure explizit zur Nutzung von Fachzeitschriften aufgefordert werden. Darauf aufbauend gibt es auch keine Erkenntnisse darüber, wie formalisiert die Aufforderung zur Fachzeitschriftenlektüre in Organisationen üblicherweise ist. Erreicht die Fachzeitschrift die Rezipienten mit einer konkreten Lektürevorgabe, einem Rezeptionsziel? Oder mäandern die Hefte durch die Unternehmen und Behörden, zur freien Verfügung?

Die bisherige Literatur unterscheidet auch kaum zwischen unterschiedlichen Nutzungsformen, lediglich manche Studien, wie die von Böhme (1995) differenzieren zwischen Umlaufnutzung und Archivnutzung. Dieser Unterscheidung schließt sich die vorliegende Arbeit an, weil die Nutzungsform mit der Erfüllung unterschiedlicher Informationsbedürfnisse zusammenhäng dürfte (vgl. Abschnitt 2.4). Aktuelle Ausgaben von Fachzeitschriften, die in der Organisation kursieren, werden wahrscheinlich mit anderen Motiven gelesen, als einzelne Hefte, die aus dem Archiv hervor gezogen werden, um eine bestimmte Fragestellung zu beantworten. Die folgenden Abschnitte dienen deshalb zur Illustration unterschiedlicher Nutzungsformen in der Organisation und zur Ableitung von möglichen Nutzungsmotiven.

Umlaufnutzung

Die Umlaufnutzung ist die weitaus häufigste Form der Fachzeitschriftennutzung in Unternehmen und ein „wichtiger Prozess der Informationsdistribution im Unternehmen, da durch ihn bestimmt wird, welchen Personen bestimmte Informationen zur Verfügung gestellt werden.“ (Böhme, 1995, S. 82f.) Dabei wandert die Zeitschrift, meist die aktuellste Ausgabe, nach einem üblicherweise fest gelegten System von Schreibtisch zu Schreibtisch und von Mitarbeiter zu Mitarbeiter (vgl. Abbildung 7). Meist geschieht dies ohne konkrete Problemstellung. Die Fachzeitschrift wird zur allgemeinen Information genutzt und dabei durch das Unternehmen „geschleust“ (S. 34).

Vorhandene Forschung, die speziell die Umlaufnutzung in Organisationen untersucht, ist rar. „Erkenntnisse“, resigniert Böhme, „sind ansatzweise in der Literatur zu finden, wurden aber nicht weiter vertieft.“ (1995, S. 35). Eine wichtige Forschungslücke, denn die Umlaufnutzung findet in einem noch unbekannten Kontext statt, der unter anderem durch Zugänglichkeit des Mediums und den Zeitpunkt der Verfügbarkeit determiniert wird.

Ineffizient droht eine solche Nutzung etwa immer dann zu werden, wenn ihre Reihenfolge der Hierarchie im Unternehmen folgt und nicht dem tatsächlichen Nutzungsinteresse an der Fachzeitschrift. Während der Recherchephase für diese Arbeit wiesen mich mehrmals Gesprächspartner aus unterschiedlichsten Organisationen darauf hin, dass die Fachzeitschriften zunächst auf den Schreibtischen ihrer Vorgesetzten landen würden, auch wenn diese keine Zeit hätten, diese auch zu lesen. Sollte sich dieses Phänomen auch in empirischen Untersuchungen abbilden lassen, wäre das ein durchaus ernst zu nehmendes Problem: Die Umlaufnutzung dürfte für viele Organisationen einen wichtigen Teil ihrer laufenden Umweltinformation abdecken. Schließlich kann sie sowohl zum breiten Scannen der Umwelt als auch zur gezielten Suche nach neuen Informationen zu bestimmten Interessensgebieten dienen (vgl. Choo, 2001).

Organisationen haben eine Reihe von Werkzeugen entwickelt, die eine effiziente Umlaufnutzung ermöglichen sollen: Umlaufzettel, auf denen jeder Rezipient nach der Lektüre abzeichnet und das Heft an den nächsten in der aufgelisteten Reihenfolge weitergibt. Datenbanken, in denen vermerkt ist, wer welche Titel liest, Umlaufmappen, die nur Ausschnitte von Fachzeitschriften enthalten oder einfach implizite Vereinbarungen, wer welche Zeitschrift zuerst lesen darf.

Es ist möglich, dass Fachzeitschriften in der Umlaufnutzung eher das Interesse und die Neugier organisationaler Rezipienten befriedigen, ohne dass daran konkrete Handlungen angeknüpft werden. (vgl. Johnson, 1996, S. 9) Böhme glaubt deshalb, dass „die laufende Information des Unternehmensmitarbeiters [...] zu einem 'subjektiven' Nutzen für die Unternehmung [führt], welcher in einem schwachen Zusammenhang mit dem Unternehmenserfolg steht, da kein konkretes Informationsproblem zugrunde liegt.“ (Böhme, 1995, S. 37).

Dem ist allerdings zu widersprechen: Wird während der Umlaufphase einer Fachzeitschrift ein kritisches Schlüsselereignis aufgedeckt, wie etwa die Pleite einer Konkurrenzfirma, so betrifft dieses Wissen den Unternehmenserfolg unter Umständen sehr stark. Einen organisationalen Nutzwert erbrächte die Fachzeitschrift allerdings erst, wenn die Akteure eine Vorstellung davon haben, was für die Organisation eine interessante Information ist. Deshalb ist die wichtigste Frage im Bereich der Umlaufnutzung, wie die individuellen Relevanzkriterien der Mitarbeiter im Vergleich zu den organisationalen Relevanzkriterien aussehen. Folgen die Leser bei der Nutzung ausschließlich persönlichen Interessen oder haben sie auch die Informationsbedürfnisse anderer Kollegen und der Gesamtorganisation im Blick?

Archivnutzung

Im Gegensatz zur Umlaufnutzung geht es bei der Archivnutzung nicht um aktuelle Ausgaben von Fachzeitschriften, sondern um ältere, die gezielt zur Informationssuche herangezogen werden. Ein wesentlicher Unterschied besteht deshalb in möglichen Nutzungsbarrieren. Während bei der Um­laufnutzung die Fachzeitschriften häufig im Postfach oder direkt auf dem Schreibtisch landen, müssen für die Archivnutzung oft ganze Jahrgänge von möglicherweise unsortierten Zeitschriften durchsucht werden, die im schlechtesten Falle auch noch in einem entfernten Zentralarchiv untergebracht sind. Dafür stehen in der Archivnutzung Fachzeitschriften auch Mitarbeitern zur Verfügung, die nicht an der Umlaufnutzung beteiligt waren (vgl. Abbildung 8).

Organisationen behandeln Fachzeitschriften nach ihrem Umlauf auf unterschiedlichste Art und Weise. Selbst Böhmes Untersuchung im Umfeld von deutschen Maschinenbau-Unternehmen förderte in diesem recht homogenen Umfeld große Unterschiede zutage: Zwar werden in der überwiegenden Mehrheit der Betriebe technische Fachzeitschriften archiviert, doch „in etwa 40% der Firmen werden einzelne Fachzeitschriften nach dem Umlauf unterschiedlich behandelt: Einige Fachzeitschriften werden aufgehoben, andere weggeworfen, einige werden zentral archiviert, andere bleiben in einzelnen Abteilungen. [...] In mehr als 60% der Unternehmen ist für die Aufbewahrung eine zentrale Stelle zuständig, in etwa der Hälfte der untersuchten Firmen bleiben Fachzeitschriften außerdem oder ausschließlich in einzelnen Abteilungen.“ (Böhme, 1995, S. 76).

Auch die Archivierungsdauer unterscheidet sich zwischen den Betrieben stark (S. 77). In den meisten mittelständischen Unternehmen existiert keine zentrale Dokumentation. Nur vereinzelt werden Kopien von Artikeln angefertigt und abgeheftet, was oft auf die Initiative einzelner Mitarbeiter zurückzuführen ist (Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft und Verkehr, 1976, zit. n. Böhme, S1995, S.50f.). Von den befragten kleinen mittelständischen Unternehmen (20 bis 99 Beschäftigte) legen laut Böhme weniger als die Hälfte externe Informationen in einer geordneten Ablage ab, bei großen mittelständischen Unternehmen (200 bis 500 Beschäftigte) dagegen fast drei Viertel der befragten Unternehmen (vgl. S. 54). In Großunternehmen stellt sich die Situation anders dar. Hier sorgen häufig eigene Dokumentationsabteilungen für die Auswertung und eine systematische Archivierung der Zeitschriften (vgl. S. 50). Die von Böhme (1995) untersuchten Maschinenbauunternehmen kommen hier zu schwächeren Ergebnissen: zwei Drittel der befragten Unternehmen archivierten die Fachzeitschriften durch einfaches Stapeln. Wichtige Artikel erschlossen nur 23% der befragten Unternehmen thematisch sachlich, 26% gaben an, sie würden wichtige Artikel ungeordnet ablegen (S. 108).

Ob und in welcher Regelmäßigkeit archivierte Fachzeitschriften zu Recherchen herangezogen werden ist schlichtweg unbekannt: In Böhmes Untersuchung konnten fast zwei Drittel der befragten Unternehmen darauf keine Antwort geben[7]. Er zieht deshalb ein pessimistisches Fazit: „In mittelständischen Unternehmen erfolgt aufgrund der beschriebenen Probleme, wie fehlende systematische Ablage und Zeitmangel, nur selten ein Rückgriff auf ältere Ausgaben von Fachzeitschriften.“ (S. 50f.).

Es erscheint wahrscheinlich, dass sich mit dem Aufkommen digitaler Archive auch die Archivnutzung in den Organisationen stark verändern wird. Wenn Mitarbeiter Zugriff auf webbasierte Archive von Fachzeitschrifteninhalten haben, so stehen einer Nutzung deutlich weniger Hemmschwellen entgegen, als wenn eine gezielte Informationssuche in älteren Ausgaben stundenlanges Wühlen in verstaubten Zentralarchiven bedeutet. Ob und wie sehr digitale Fachzeitschriftenarchive heute schon von Unternehmen genutzt werden, und welche Mitarbeiter üblicherweise auf diese Informationen zugreifen können, ist aber noch eine unbeantwortete Fragestellung.

2.3.2 Die Intensität der Fachzeitschriftennutzung

Werden Fachzeitschriften nur kurz zur Hand genommen oder intensiv und konzentriert gelesen? Das ist eine im hohen Maße von den betrachteten Fachzeitschriftentiteln, Organisationen und Rezipienten abhängige Frage. Weil die hier vorgestellten Zahlen aber nicht in Bezug auf konkrete Titel erhoben wurden, sind sie mit Vorsicht zu interpretieren. Sie basieren auf Selbsteinschätzungen von Befragten, wie lange sie sich im Monat durchschnittlich mit der Fachzeitschriftenlektüre allgemein beschäftigen.

[...]


[1] Das Überleben an sich stellt ohnehin das üblicherweise unterstellte Ziel von Organisationen dar (vgl. z. B. Franz, 2003, S. 54)

[2] Partworks sind preisgebundene Special Interest Publikationen, die als Sammelexemplare, häufig mit Beilagen, veröffentlicht werden.

[3] Dieser Wert wird in neueren Ausgaben der Fachpresse Statistik nicht mehr ausgewiesen. Deshalb wird hier der Wert aus 2001 zitiert.

[4] Die Legende zur Abbildung gibt eine sechsstufige Skala an, visualisiert werden aber nur fünf Stufen. Diese Darstellung ist genau so aus der Quelle übernommen worden. Für eine Klärung war der Autor der Fraunhofer Studie nicht zu erreichen.

[5] Als „Top Entscheider“ wurden Befragte eingestuft, die über ein jährliches Einkaufsvolumen von mind. 50.000 Euro verfügten und an Entscheidungen über Anschaffungen oder Lieferanten mit Budget Verantwortung beteiligt sind.

[6] „Business Publications“ werden von der PPA wie Fachzeitschriften definiert: als Publikationen, die sich explizit an bestimmte Branchen oder Berufsgruppen richten. Wirtschaftsmagazine werden als „Gene­ral Business Magazines“ davon abgegrenzt. (vgl. PPA, 2002)

[7] Die Archivnutzung wird teilweise in titelspezfischen Studien erhoben. Die mir vorliegenden Ergebnisse sind aber wegen aufgrund ihrer Skalierung wertlos: In Studien zu den Fachzeitschriften „Kreditwesen“ und „Bergbau“ gaben die Befragten auf einer Skala von Häufig, Manchmal, Nie/Keine Angabe zu 74% bzw. 81% an, sie würden „Manchmal“ archivierte Hefte lesen. (vgl. Böhme, 1995, S. 72)

Details

Seiten
68
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638881111
ISBN (Buch)
9783640113255
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81721
Institution / Hochschule
Hochschule für Musik und Theater Hannover – Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK)
Note
1,5
Schlagworte
Erlesenes Wissen Modellierung Fachzeitschriftennutzung Organisationen

Autor

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Titel: Erlesenes Wissen - eine theoretische Modellierung der Fachzeitschriftennutzung in Organisationen