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Chiffren in "Tom Jones" - Zugang zu einer tieferen Ebene

Seminararbeit 2007 22 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Die Metapher als Darstellung einer Ähnlichkeitsbeziehung
2.1 Ansätze zu Metaphertheorien
2.2 Abgrenzung zu verwandten Termini

3 Aspekte des elisabethanischen Weltbilds
3.1 Ordnung der Welt durch das Chain of Being
3.2 Bedeutung der Metapher im elisabethanischen Zeitalter

4 Metaphorik in den Essays in Tom Jones
4.1 Gaststättenmetaphorik
4.2 Die Geschichte als Ganzes
4.3 Das Theater als Abbild der Welt
4.4 Verwendung des Kontrasts in Tom Jones

5 Metaphorik der universal order in Tom Jones

6 Der Kampf zwischen Verstand und Leidenschaft
6.1 Das Prudence-Thema als Kern in Tom Jones
6.2 Der Verstand überwindet die Leidenschaft

7 Zusammenfassung

Bibliographie

1 Einleitung

„ [Haben] wir einen Kunstbau spekulativer Aussagen vor uns, so wird die Interpretation uns erst dann „aufgehen“, wenn es uns gelungen ist, nachvollziehend in den Vorstellungshorizont des Autors einzutreten, seine „Übertragung“ ausfindig zu machen.“[1]

Henry Fielding, geboren in Somerset im Jahre 1707, veröffentlichte eines seiner bekanntesten Werke The History of Tom Jones. A Foundling im Februar 1749. Doch schon im Dezember 1748, als Clarissa von Samuel Richardson auf den Markt kam, kursierten unter Liebhabern frühere Ausgaben von Tom Jones. Doch obwohl diese zwei Schriftsteller zur gleichen Zeit tätig waren, so könnten sie nicht unterschiedlicher in ihren Auffassungen und Schreibstilen sein.[2] Richardson fokussiert auf das Innenleben seiner Figur, nutzte deshalb die Technik des `writing to the moment´ an und gibt in Pamela eine Anleitung zum moralischen Verhalten. Im Gegensatz zu Richardson sah Fielding Tugend nicht als Anpassung an einen bestimmten Code, sondern definierte sie als Natürlichkeit und Mitgefühl. Seine Toleranz gegenüber menschlichen Schwächen und seine Überzeugung von der Fähigkeit des Menschens, sich zu einem besseren Wesen zu entwickeln, zeigt er in seinem Werk Tom Jones. Der Roman weist sowohl Merkmale des Nominalismus als auch des Realismus auf und macht somit den hybriden Charakter seines Verfassers deutlich. Eindeutig sind Elemente des alten Realismus erkennbar. Nicht nur die Einbeziehung von Palladianismus, der sich durch Symmetrie, Ordnung und Harmonie auszeichnet, die Verwendung von Typennamen, sondern vor allem Fieldings sprachliche Mittel zur Darstellung seiner Weltsicht, machen sein Werk bedeutsam. Die bildreiche Sprache, die Metaphern und die Allegorien erläutern Fieldings Weltverständnis und geben dem Werk eine weitere Dimension.

2 Die Metapher als Darstellung einer Ähnlichkeitsbeziehung

Der Terminus Metapher leitet sich von dem griechischem Wort metà phérein ab und bedeutet „Übertragung“. Dabei wird die wörtliche Bedeutung eines Wortes mittels dieser rhetorischen Figur in ihrem übertragenen Sinne wiedergegeben, wobei zwischen dem buchstäblichen Begriff und dem sinnübertragendem Ausdruck eine „Abbild- und Ähnlichkeitsrelation“[3] besteht.

Metaphern werden aus verschiedensten Gründen verwendet. So besteht die Notwendigkeit einer Metapher, wenn es für einen Gegenstand keinen Begriff gibt. Das gilt beispielsweise für die vier Stützen der Sitzfläche eines Stuhls, die „Stuhlbeine“ – ein Begriff, der so in den täglichen Sprachgebrauch integriert ist, dass er gar nicht mehr als Metapher erkannt wird. Weiterhin werden Metaphern gebraucht, um einen abstrakten Begriff zu veranschaulichen und darüber hinaus um die Eigenschaft eines Begriffs hervorzuheben, der mit dem übertragenen Ausdruck auf einer Beziehung der Ähnlichkeit beruht. Eben diese Tatsache, dass zwischen dem wörtlich Gesagten und dem übertragen Gemeinten speziell eine Beziehung der Ähnlichkeit besteht, unterscheidet die Metapher von den anderen Tropen, den Formen uneigentlicher Ausdrücke, zu denen sie gezählt wird.

2.1 Ansätze zu Metaphertheorien

Metzler Lexikon stellt verschiedene Metaphertheorien vor, wobei erwähnt werden muss, dass sich Ansätze zu einer Theorie dieses Themenkomplexes schon bei Aristoteles finden lassen. Die Metapher gehört als immanenter Bestandteil zur antiken Rhetorik und ihr wurde in öffentlichen Reden große Wichtigkeit zugesprochen. Hans Blumenberg weist in seinem Werk „Paradigmen zu einer Metaphorologie“ darauf hin, dass Metaphern zu der Zeit, als die Rhetorik außerordentliche Bedeutsamkeit hatte, ein Mittel war, um das Gesagte zu schmücken. „Der Redner, der Dichter können im Grunde nichts sagen, was nicht auch in theoretisch-begrifflicher Weise dargestellt werden könnte; bei ihnen ist gar nicht das Was, sondern nur das Wie spezifisch.“[4] So wurde im Bezug auf die Metapher die Gewichtung nicht auf den Inhalt, sondern speziell auf die Form gelegt. Die Metapher konnte die Aussagekraft nicht inhaltlich stärken, da Kosmos und Logos in der Antike als kongruent angesehen wurden und so die übertragene Rede nichts ausdrücken konnte, was die wörtliche nicht auch besagen konnte.

Blumenberg bietet in seinem Werk „Paradigmen zu einer Metaphorologie“ keine Metapherntheorie, sondern eine Art geschichtlichen Überblicks der theologischen und philosophischen Auffassungen von Metaphern. Anhand ausgewählter Beispiele beschreibt er den von ihm eingeführten Begriff der „absoluten Metapher“. Diese absoluten Metaphern können nicht durch einen wortwörtlichen Ausdruck ausgetauscht werden, infolgedessen sich nicht „ins Eigentliche, in die Logizität zurückholen lassen“[5]. Dies steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass Metaphern keine eigene Aussage hätten und immer in einen begrifflichen Ausdruck „rückübertragen“ werden können. Anhand von Erläuterungen der Wahrheitsmetaphorik im Zusammenhang mit der Erkenntnispragmatik, der Metapher der „nackten“ Wahrheit oder der metaphorisierten Kosmologie legt Blumenberg den Übergang von Begriff zu Metapher und umgekehrt von Metapher zu Begriff dar. Auf dieser Grundlage verfasste Blumenberg weitere Schriften, die auf Einzelbeispiele eingehen, wie zum Beispiel „Die Lesbarkeit der Welt“, die wohl wichtigste Metapher des Abendlandes.

Die antike Vorstellung von einer Kongruenz von Logos und Kosmos steht im Gegensatz zu den neuzeitlichen Metapherntheorien, die die Metapher zwar von völlig unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, aber grundlegend davon ausgehen, dass eine Differenz zwischen Bildspender und Bildempfänger besteht, diese folglich getrennt voneinander gesehen werden müssen.

Versionen von Interaktionstheorien bieten Stählin und Bühler. Stählin geht davon aus, dass das metaphorische Sprechen den Hörer veranlasst – auf Grund des Spannungsverhältnisses von Metapher, der Äußerung und der Zusammenlegung von Bild und Sprache – dieses sprachliche Mittel der Übertragung als Teil des Zusammenhanges zu sehen. Bühlers Metapherntheorie beinhaltet eine Sphärendeckung des Bildspenders und des Bildempfängers, wodurch unvereinbar Eigenschaften der beiden Komponenten wegfallen. Richards erweiterte den Metaphernbegriff der antiken Rhetorik insofern, dass er nicht nur von einzelnen Begriffen, sondern von ganzen Vorstellungen sprach, die miteinander im Zusammenhang stehen. Die Theorie von Lakoff/Johnson führt die Begriffe „Quellenbereich“ und „Zielbereich“ ein, die sich in einer „konzeptuellen“ Metapher verbinden.

Obwohl bekannt ist, dass die Metapher verschiedene Funktionen hat, ist dieses Themengebiet noch nicht umfassend erforscht worden. Metzler Lexikon unterscheidet drei verschiedene Funktionen der Metapher: die Belehrung (docere), das Erfreuen (delectare) und die Emotionalisierung (movere). Die wohl bedeutsamste Funktion, ist die der Erkenntnis und des Lernens. Dementsprechend kann das bildliche Formulieren fundamentale Zusammenhänge und grundlegende Fragen verständlich machen, da sie dort eingesetzt werden können, wo die nicht-bildliche Sprache aufhört. Diese sprachlichen Lücken werden so mit breiterem Inhalt gefüllt, wobei Blumenberg anmerkt, dass die Weltsicht des Menschen dennoch „kanalisiert“ ist, da dessen Vorrat an Bildern begrenzt ist und dadurch nur eine bestimmt Bildwahl getroffen wird.

Aber auch Momente der Verwirrung und der Überraschung kann die Metapher hervorrufen, da sie von der Erwartung des Adressaten abweichen kann. Auch als Mittel des Witzes kann die Metapher verwendet werden.

2.2 Abgrenzung zu verwandten Termini

Bei der Abgrenzung des Begriffs der Metapher zu anderen Termini wie Allegorie, Vergleich, Symbol oder Emblem können zweifellos Probleme entstehen, da sich diese nur durch einzelne Eigenschaften unterscheiden, obwohl alle durch deren Verwendung einer bildliche Sprache weitere Sinnebenen des Textes liefern. Die Metapher ersetzt „als uneigentlicher Ausdruck einen eigentlichen Ausdruck, zu dem sie in einer Ähnlichkeitsrelation steht, so dass sie zu einem Vergleich expandiert werden bzw. als verkürzter Vergleich aufgefasst werden könnte“[6] Eine Unterscheidung von Metapher und Allegorie wird in der Rhetorik insoweit getroffen, dass die Allegorie eine „über das Einzelwort hinaus fortgesetzte [Metapher]“[7] darstellt und auf Grund einer Ähnlichkeitsbeziehung als Zeichen für eine andere Sache verwendet wird. Texte allegorisch zu interpretieren findet seinen Ursprung in den philosophischen Schulen der Antike, die versuchten, hinter der wörtlichen Aussage eine tiefere Ebene des Textes zu finden. Die Ansicht, dass die heilige Schrift mehrere Sinnebenen hat, hat sich in der christlichen Tradition ausgebildet. Diese mittelalterliche Lehre vom vierfachen Wortsinn unterscheidet vier Ebenen: den historischen, den allegorischen, den moralischen und den anagogischen Sinn eines Wortes. Das bekannteste Beispiel hier ist „Jerusalem“. Die historische Ebene ist der buchstäbliche Sinn, also Jerusalem als Stadt in Israel. Die zweite Ebene zeigt Jerusalem als Bild der Kirche, als Zeichen des Glaubens. Der moralische Sinn weist auf das Bild der menschlichen Seele, wobei im anagogisch-eschatologischen Sinn Jerusalem als Bild der Herrlichkeit zu verstehen ist.[8]

Die Problematik der Begriffsabgrenzung hat in der Literaturwissenschaft eine untergeordnete Relevanz. Hier spricht man von einem umfassenderen Metaphernbegriff, der Vergleiche, Allegorien, Gleichnisse und Parabeln mit einbezieht. Hier wird dem Begriff Metapher das gesamte bildliche Sprechen zugeordnet.

„Jedermann war auch davon überzeugt, dass die Schicht des Sichtbaren, des Messbaren und der Tatsachen nicht schon die ganze und eigentliche Realität sei, sondern dass es tiefere Schichten der Wirklichkeit gebe, auf die man durch Bilder und Zeichen, durch metaphorisches Sprechen und symbolisches Handeln, verweisen müsse.“[9]

Die Verbildlichung der Sprache, die mehrfache Auslegung eines Textes sowie die Vorstellung, Bilder und Symbole weisen auf eine tiefere Ebene der Wirklichkeit hin, sind Merkmale der Weltanschauung im elisabethanischen Zeitalters. Das Bestreben, die Realität durch metaphorisches Schreiben zu erklären, prägt beispielhaft Henry Fieldings The History of Tom Jones. A Foundling. Dieses Werk zeichnet sich nicht nur durch einen brillanten Handlungsstrang aus, sondern vor allem durch die Chiffrierung, die Fielding wählt, um sein Weltanschauung zu vermitteln.

3 Aspekte des elisabethanischen Weltbilds

Das wohl markanteste Merkmal des elisabethanischen Zeitalters ist die Vorstellung von cosmic order, welches auch gleichzeitig das Bild war, das das Denken der Zeitgenossen am meisten beeinflusste:[10]

„Jedermann ging zum Beispiel davon aus, dass es für alle Lebewesen, Dinge und Vorgänge in der Welt feste Ordnungen, und zwar Hierarchien mit klarer Über- und Unterordnung, gebe und dass es bei allen Störungen oder Missständen nur darauf ankomme, die verlorene Norm zu finden und wiederherzustellen.“[11]

Störungen oder Missstände mussten schnellstmöglich beseitigt werden, da ein solcher Zustand für einen Elisabethaner Chaos bedeutet. In dem Sinne, in dem man den Begriff Chaos heute versteht und verwendet, spiegelt sich nicht ansatzweise die Bedeutung dieses Zustandes wieder, die er zu dieser Zeit hatte. Nicht nur Störungen auf dieser Welt, sondern auch Abweichungen von der Ordnung im ganzen Kosmos beinhaltet dieser Zustand. Regellosigkeit in dieser Weltordnung wurde mit einer immensen Furcht gesehen, da“[the] universe, it was assumed, is the best of systems.[…] Clearly, then, human society is well constituted only if, within its own limits, it tends to the realization of the same desiderata.”[12] Hier lässt sich die Idee von Mikro- und Makrokosmos ganz klar erkennen. Die Welt spiegelt das System, die Symmetrie, die Ordnung wieder, die sich auch im Universum finden lässt. “It is a universe not only full and various, but regular, created by a just and benevolent Deity whose genial Providence governs all contingencies, comprehends every catastrophe, from the bursting of a world to the fall of a sparrow.”[13] Dieser gütige Gott lenkt die ganze Fülle seiner Schöpfung und zwar vom Hintergrund aus. Der Gedanke von cosmic order, “[this] metaphor served to express the unimaginable plenitude of God´s creation, its unfaltering order, and its ultimate unity.”[14]

[...]


[1] Hans Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie, S. 69.

[2] Henry Fielding, The History of Tom Jones. A Foundling. New York, 1996, S. ix.

[3] Ansgar Nünning [Hrsg.], Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Stuttgart, 2004, S. 450.

[4] Hans Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie, S.8.

[5] Blumenberg, S.9.

[6] Nünning [Hrsg.], S. 451.

[7] Nünning [Hrsg.], S. 450.

[8] Vgl. Blumenberg, Lesbarkeit der Welt.

[9] Ulrich Suerbaum, Das elisabethanische Zeitalter. Stuttgart, 1989. S. 475.

[10] E. M. Tillyard, The Elizabethan World Picture. London, 1956. S. v. Tillyard weist außerdem darauf hin, dass Vorstellung von der Welt so stark in den Vorstellungen der Menschen dieser Zeit verhaftet ist, dass es kaum schriftliche Erwähnung findet. Diese Tatsache macht die Erforschung dieses mehrschichtigen Themenkomplexes zwar mühsamer; dennoch lassen sich durch zahlreiche Werke bekannter Autoren aus dieser Zeit, wie William Shakespeare – um nur einen, aber den wohl bekanntesten zu nennen – dieses Weltbild herauslesen.

[11] Suerbaum, S. 475.

[12] Arthur Lovejoy, The Great Chain of Being. A Study of the History of an Idea. Harvard, 1953, S. 205f.

[13] Martin C Battestin, The Providence of Wit. Aspects of Form in Augustan Literature and the Arts. University Press of Virginia, 1989, S. 141.

[14] Tillyard, S. 23.

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638876728
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81717
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,0
Schlagworte
Chiffren Jones Zugang Ebene

Autor

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